Frauen unter sich

31. Oktober 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Frauenmahl: Landesbischöfin Ilse Junkermann kritisierte in Eisenach steigende Rüstungsausgaben und nannte Gerechtigkeit als zwingende Grundlage für Friedensarbeit.

In der Nikolaikirche waren etwa 100 Frauen aus Mitteldeutschland um festlich gedeckte Tische versammelt, das vegetarische Menü bestand aus größtenteils regionalen und saisonalen Zutaten. Wobei es um mehr als Wohlfühl-Atmosphäre und Sinnes-Genüsse ging, denn unter dem Motto »Frauen reFormulieren Frieden« standen Vorträge und Diskussionen auf dem Programm.

Das Elisabeth-Brot der Eisenacher Bäckerei Rabe präsentiert (v. li.) Christine Rabe zusammen mit Oberbürgermeisterin Katja Wolf und Landesbischöfin Ilse Junkermann beim Frauenmahl in der Nikolaikirche. Foto: Sabine Thurau

Das Elisabeth-Brot der Eisenacher Bäckerei Rabe präsentiert (v. li.) Christine Rabe zusammen mit Oberbürgermeisterin Katja Wolf und Landesbischöfin Ilse Junkermann beim Frauenmahl in der Nikolaikirche. Foto: Sabine Thurau

Das Frauenmahl wurde erstmals 2011 in Marburg veranstaltet, inzwischen ist es deutschlandweit zur Reformationsdekade im Angebot. Ziel ist es, dass Frauen aus Medien, Kirche, Kultur, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft Reden zu Themen aus Religion und Gesellschaft austauschen. Zum zweiten Treffen der EKM hatten Landesbischöfin Ilse Junkermann und Oberbürgermeisterin Katja Wolf eingeladen.

Impulse gab es bereits zur Begrüßung der Oberbürgermeisterin. Die meisten Männer würden das Treffen wohl als »Frauenplausch« belächeln, doch sie sehe »magische Frauenpower« und der Austausch im geschützten Raum sei wichtig. »In vielen Männerrunden bin ich die einzige Frau«, betonte Katja Wolf – es gelte weiterhin als normal, dass Männer in wichtigen Gremien »unter sich sind«. Welch wichtige Rollen Frauen einnehmen können, belegte sie mit der heiligen Elisabeth. Zudem sei es der Stadt wichtig, zur Reformationsdekade auch Katharina von Bora im Blick zu haben.

»Das Friedensthema brennt mir unter den Nägeln«, betonte die Landesbischöfin, so seien im Bundeshaushalt mit 36,6 Milliarden Euro 2,3 Prozent mehr Ausgaben für Rüstung vorgesehen, die Mittel für zivile Konfliktarbeit sollten hingegen um 200 Millionen Euro sinken. »Frieden ist nur durch ein gerechtes Miteinander möglich«, stellte die Landesbischöfin klar.

In Am Sayad Mahmood vom Ökumenischen Informationszentrum Dresden hat im Umgang mit Männern festgestellt, dass Vertrauen nötig ist, um gegenseitiges Verstehen und damit gesellschaftlichen Frieden zu ermöglichen. Zudem müsse jeder Frieden für sich gefunden haben, ehe Frieden im Außen folgen könne. Dies gelte ebenso für den interkulturellen Austausch. Ihr Appell: »Wenn Schwieriges auf dich zukommt, sei wie ein Komma statt wie ein Punkt.«

Die Journalistin Antje Schrupp stellte klar, dass Gleichheit eine Illusion sei und die unterschiedlichen Bedürfnisse von Frauen und Männern sowie Menschen verschiedener Kulturen anerkannt werden müssten. Vielfalt sollte als bereichernd wahrgenommen werden, doch man müsse ihr auch gerecht werden. Wichtig dabei sei, dass es immer mehrere Lösungen gebe.

Frieden ist erst möglich, wenn der Besiegte die Niederlage klar formuliert, erklärte Susanne Luithlen vom Forum Zivile Friedensdienste in Köln. Da der Terrorismus sich kaum für besiegt erklären werde, sei die Gewalt nicht mit Gewalt überwindbar. Stattdessen müsse präventiv gearbeitet werden, zum Beispiel mit Blick darauf, dass Demütigung das stärkste Motiv für Gewalt sei. Zum Syrien-Konflikt erklärte die Expertin, dass mit präventiver Arbeit die Eskalation vermieden worden wäre.

»Mut zur dünnen Haut, mehr hinhören und hinsehen«, appellierte Viola Kennert an Leitungspersönlichkeiten – empathisch müsse man Bedürfnisse wahrnehmen und Prozesse beobachten, so die Superintendentin von Berlin-Neukölln.

An den Tischen wurde im Anschluss diskutiert. Auf der Speisekarte standen zum Beispiel Elisabeth-Brot, Klöße mit Pilzsoße und Pflaumendessert. Für die musikalische Umrahmung hat sich extra für den Abend die Band »Women in concert« gebildet.

Carola Ritter von der EKM-Frauenarbeit sieht das Frauenmahl als ein »Kommunikationsmittel in die Gesellschaft hinein« an. Neben Pfarrerinnen aus der Partnerkirche in Tansania folgten auch die Landespolitikerinnen Birgit Dietzel und Heike Taubert der Einladung.

Der Termin für das nächste FrauenFestmahl in der EKM ist am 12. August 2017 auf dem Marktplatz in Wittenberg.

Susanne Sobko

Türen auf von Nord bis Süd

31. Oktober 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Mit gutem Beispiel voran: Pressefahrt der EKM zu offenen Kirchen

Nord: 2017 will die EKM eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehört auch das Herzensprojekt der Landesbischöfin: »Offene Kirchen«.

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen  in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle  Gemeinden,  die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen  der EKM-Initiative »Offene Kirchen«  so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle Gemeinden, die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen der EKM-Initiative »Offene Kirchen« so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Nein, hier ist noch nie etwas passiert. Kein Diebstahl, kein Vandalismus«, sagt Irene Heinecke. Nur einmal, erinnert sich die Pfarrerin, haben zwei Jungen Scheiben der Kirche von Flechtingen im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt eingeworfen. Von außen. Damit, dass die Türen des Gotteshauses seit mehreren Jahren tagsüber unverschlossen sind, hatte dieser Ausdruck von Frust und Liebeskummer wahrlich nichts zu tun. Das Altarbild vom Jüngsten Gericht, die seltene Moses-Kanzel aus Stuck oder der Tetzel-Kasten – all dies sind Schätze, Hunderte Jahre alt, mit Geld nicht zu bezahlen, aber der größte Schatz der Kirche ist wohl ihre offene Tür. »Die Möglichkeit, außerhalb der Gottesdienst- und Andachtzeiten hierherzu­kommen, einen Raum zu finden für das Gebet, die Stille, auch zum Weinen, ohne Aufsicht, das ist so wichtig und wertvoll«, sagt Pfarrerin Heinecke, sie lacht, ihre Augen strahlen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann steht neben ihr und nickt. Die Bischöfin spazierte im vergangenen Jahr während eines Reha-Aufenthalts regelmäßig zur Kirche. »Das war eine besondere geistliche Erfahrung«, erinnert sie sich.

Flechtingen, Wegenstedt, Etingen

Es sind aber nicht persönliche Empfindungen, die die Initiative der »Offenen Kirchen« für die Landesbischöfin zur Herzensangelegenheit machen. Das wohl ehrgeizigste Projekt der EKM zum Reformationsjubiläum stellt für die Theologin auch eine Umkehr dar, es ist ein Bußruf: »Verschlossene Türen bedeuten, wir sind uns selbst genug. Aber wir wollen doch für alle da sein, für alle offen sein.«

Eine Order von oben kann die Initiative nicht sein. Das wird besonders im Pfarrbereich von Irene Heinecke deutlich. Während die Flechtinger Kirche bereits seit mehr als 25 Jahren täglich von mittags bis abends geöffnet ist, hat sich der Gemeindekirchenrat des benachbarten Wegenstedts erst in diesem Frühjahr dazu entschlossen. »Wir fanden den Vorschlag der Landeskirche gut. Jeder hat das Bedürfnis nach Stille, und das nicht nur sonntags«, sagt Kirchenälteste Rosemarie Pötsch. Angst vor Vandalismus hat sie nicht. »Falls etwas passiert, steht die EKM hinter uns.«

Die Versicherung gegen Diebstahl und Vandalismus speziell für »Offene Kirchen« wird ab Januar 2017 angeboten, sie kostet 65 Euro pro Jahr und Kirchengebäude. Der Beitrag wird von der Landeskirche subventioniert, dafür sind laut Haushaltsplanung 300 000 Euro eingestellt.

In Etingen, das auch zu Irene Heineckes Pfarrbereich gehört, konnte dieses Angebot von EKM und Ecclesia-Versicherung nicht überzeugen. »Es gingen im Fall der Fälle auch ideelle Werte verloren«, meint Friedrich Widdicke vom Gemeindekirchenrat. Die Kirche zu Etingen wurde 1893 nach achtzehn Monaten Bauzeit errichtet, sie ist innen wie außen aus einem Guss, funkelnde Kron- und Altarleuchter, detailreiche Wandbemalungen –das alles habe man geerbt von den Vorfahren und wolle es in gutem Zustand weitergeben. Die Kirche für jedermann zugänglich zu machen, könne der Gemeindekirchenrat nicht verantworten. Pfarrerin Heinecke kann das nicht nachvollziehen: »Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.«

Katja Schmidtke

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.


Süd: Porta patet, cor magis – das Tor steht offen, das Herz noch mehr. Diese alte Zisterzienser-Regel könnte Wahlspruch der Initiative »Offene Kirchen« sein und ist es vielmehr seit 30 Jahren für Pfarrer i. R. Rainer Schmidt aus Mühlberg im Kirchenkreis Gotha. 1986 öffnete er mit Beschluss des Gemeindekirchenrates die St. Lukaskirche. Und das mit Erfolg. Viele Reisende, Familien, Ausflügler und Radler machten seither in der Barockkirche Station. »Kirchen sollten so geöffnet sein«, erklärt Pfarrer Schmidt, »dass die Leute hineingehen und aus dem Getriebe der Welt herauskommen können.« Er wolle diesen heiligen Ort, der auch ein künstlerisches Gesamtwerk sei, niemandem vorenthalten.

Natürlich gäbe es in der Gemeinde bis heute unterschiedliche Meinungen über die Öffnung von 8 bis 18 Uhr. Einige tragen sich immer noch mit Sicherheitsbedenken. Dafür hat Schmidt Verständnis, die bisherige Praxis habe jedoch gezeigt, dass die Menschen durch eine Öffnung des Gotteshauses mehr gewinnen als verlieren. Nur einmal sei in den vergangenen 30 Jahren etwas gestohlen worden.

Mühlberg, Kapellendorf, Weimar

Angesichts dieser Erfolgsgeschichte hofft Bischöfin Ilse Junkermann, dass noch viele weitere Gemeinden die von ihr bei der Herbstsynode im vergangenen Jahr angestoßene Frage der offenen Kirchen intensiv durchdenken und besprechen. Denn wenn die Kirche geöffnet wird, soll, wie in Mühlberg, die Gemeinde dahinterstehen. Von oben will und kann die Kirchenleitung dies nicht verordnen. »Die Initiative ist aber die Chance«, so Bischöfin Junkermann, »das Kirchengebäude als Ort der Predigt neu zu entdecken.«

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

Eine Entdeckung der besonderen Art ist ebenso die Dorfkirche von Kapellendorf im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Als ältestes Gebäude des Ortes – erstmals urkundlich erwähnt im Jahre 800 – spielt die Kirche auch bei den Führungen in der Wasserburg Kapellendorf immer eine bedeutende Rolle. »Ich freue mich sehr, dass ich bei jeder Führung darauf hinweisen kann, dass die Kirche für jeden offen steht – unabhängig von den Öffnungszeiten der Burg«, sagt Marie Petermann, Kuratorin der Wasserburg.

Bereits seit den 1980er-Jahren schließen Vertreter der kleinen Gemeinde jeden Tag ihre Kirche für Besucher auf. Und von den 19 000 Besuchern der Wasserburg im Jahr kommen die meisten auch in der Kirche vorbei. Wie dieses Angebot geschätzt wird, davon zeugen die Eintragungen im Gästebuch. Aber es gibt auch stille Zeichen davon, wie sehr die Kirche Anlauf- und Ankerpunkt der Menschen geworden ist. »Immer wenn ich die Kirche betrete, brennen am Kerzenständer Lichter. Das zeigt mir, die offene Kirche wird angenommen und regelmäßig genutzt«, so Vikar Conrad Neubert.

Während unverschlossene Häuser und Höfe schon der Vergangenheit angehören, setzt die EKM mit der Initiative »Offene Kirchen« ein Zeichen gegen diesen Trend. Denn eine unverschlossene Kirche nehmen die Menschen als sehr positiv wahr, berichtet Hardy Rylke, Pfarrer der Jakobskirche in Weimar. Auch deren Pforten sind bereits seit vielen Jahren geöffnet. »Ich möchte den Menschen die Gelegenheit geben, das kennenzulernen, was mir zum Leben hilft und was vielleicht auch etwas für sie sein könnte«, so Rylke. Eine geöffnete Kirche zeige den Menschen, ja, ich habe wirklich Interesse an dir. Eine abgeschlossene Kirche dagegen bezeichnet Rylke als Katastrophe, denn jeder Mensch, der die Klinke herunterdrücke, verbinde mit seinem Besuch ein besonderes Bedürfnis. »Wenn wir als Kirche für alle offen sein wollen, dann muss das doch auch für die Gebäude gelten«, so Rylke.

Die Beispiele zeigen, dass das Projekt »Offene Kirchen« ehrgeizig, aber realisierbar ist. Laut Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der EKM, strebt die Evangelische Kirche hier einen Paradigmenwechsel an. »Heute sind die meisten Kirchen auf dem Gebiet der Landeskirche noch verschlossen. 2018 soll dies umgekehrt sein.« Und zwar auch noch lange über das Reformationsjubiläum hinaus. Propst Diethard Kamm betont: »Die Initiative ›Offene Kirchen‹ ist keine Schaufensteraktion. Wir öffnen unsere Gotteshäuser, und offen sollen sie bleiben.«

Diana Steinbauer

Sehnsucht wecken

31. Oktober 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Das reforma­torische Festjahr beginnt! Es ist ein bisschen wie Vorweihnachtszeit, die Vorfreude auf das Fest ist zu spüren. Am wichtigsten ist mir: Wir werden 2017 nicht deutsch-national und konfessionalistisch feiern wie vor hundert Jahren, sondern weltoffen, im ökumenischen Horizont und im Dialog mit Menschen anderen Glaubens und ohne Glauben. Daran werden spätere Generationen ablesen können, wie immens die Lerngeschichte unserer Kirche sich entwickelt hat.

Wo brauchen wir heute Reform und Reformation? Zu einem Aspekt habe ich kürzlich eine spannende Debatte bei den lutherischen Kirchen in Tansania erlebt. Kenneth Mtata, der Generalsekretär der lutherischen Kirchen in Simbabwe, sagte: Der lutherische Gottesdienst ist viel zu vorhersehbar. Für die Gefühle der Menschen, ja, für den Heiligen Geist ist da gar kein Raum! Das müssen wir ändern!

Stellen wir uns 2017 doch gemeinsam dieser Frage. Der Gottesdienst ist auch bei uns eine Problem­anzeige. Die Menschen zieht es nicht mehr hin. Gewiss, das liegt auch an den vielen Ablenkungsangeboten, die es zu Luthers Zeiten gar nicht gab. Aber warum lässt der Gottesdienstbesuch derart nach? Antoine de Saint Exupéry hat gesagt, wenn du ein Schiff bauen willst, solltest du nicht Baupläne erstellen, sondern in den Menschen die Sehnsucht nach dem Meer wecken. Wie wecken wir Sehnsucht nach Gottesdienst? Dieses Gefühl: Das brauche ich, und zwar bald wieder, nicht erst nächste Weihnachten?

Wir brauchen fröhliche, nachdenkliche, die Menschen bewegende Gottesdienste. 2017 wäre eine gute Gelegenheit, darüber miteinander kreativ nachzudenken.

Margot Käßmann

Die Autorin ist EKD-Botschafterin für das Reformationsjubiläum.

Ein starkes Bild: Wer sitzt auf dem höchsten Thron?

29. Oktober 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht.

1. Timotheus 6, Verse 15.16

Wir glauben Gott im höchsten Thron« – dieser Text von Rudolf Alexander Schröder (Evang. Gesangbuch Nr. 184) kommt mir sofort in den Sinn, wenn ich diese beiden Verse lese. Was für eine ungeheure Wucht! Gott im höchsten Thron, als König aller Könige und Herr aller Herren – ein antiquiertes Bild, mag man meinen, ein problematisches, weil herrisches Gottesbild.

Schröder schrieb seinen Text im Jahr 1937. In diesem Kontext ist es eine klare Stellungnahme gegen den absoluten Herrschaftsanspruch der Nationalsozialisten und eine heilsgeschichtliche Deutung des sogenannten »Dritten Reiches«, wie sie die »Deutschen Christen« unternahmen. Ich denke, es ist wichtig, dieses Symbol von Gottes Herrschaft und ewiger Macht wachzuhalten. Denn der hohe Thron bleibt nicht einfach unbesetzt. Und sitzt nicht Gott darauf, nehmen andere Mächte und Gewalten diese Stelle ein. Kandidaten gibt es haufenweise.

Georg Bucher, Vikar, Paulusgemeinde Halle

Georg Bucher, Vikar, Paulusgemeinde Halle

Sie kommen nicht immer in Schreckensgewändern, sondern menschenfreundlich gewandet daher. Ein Beispiel: Mark Zuckerberg, Gründer der Internetplattform »facebook« und seines Zeichens Milliardär, teilte jüngst mit, bis zum Ende dieses Jahrhunderts alle Krankheiten besiegen zu wollen.
Geld und Wissenschaft besteigen den Thron und präsentieren ihre Erlösungsfantasien, und eine ganz profane Hoffnung auf Unsterblichkeit blitzt auf am Horizont. In freier Anlehnung an Martin Luther, der in dieser Woche wieder im Zentrum des kirchlichen Redens stehen wird, ließe sich da formulieren:

Wen du auf den höchsten Thron setzt und wovon du deine Hoffnungen abhängig machst, das ist eigentlich dein Gott. In die rechte Balance freilich kommt das Bild vom König aller Könige erst, wenn seine Geschichte ganz erzählt ist. Mit den Worten Schröders: »Den Sohn, der annimmt unsre Not, litt unser Kreuz, starb unsern Tod. Der niederfuhr und auferstand, erhöht zu Gottes rechter Hand, und kommt am Tag, vorherbestimmt, da alle Welt ihr Urteil nimmt.«

Georg Bucher, Vikar, Paulusgemeinde Halle

Kirchen: Gemauerte Predigt

28. Oktober 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Unsere Kirchengebäude sind ein Schatz, anvertraute Güter und: Eigentum verpflichtet. Es gibt also gute Gründe, nachzudenken, wie wir mit unseren Gebäuden umgehen.

Hinzu kommt eine typisch ostdeutsche Erfahrung: Für so viele Menschen, die oft seit zwei Generationen keinerlei Beziehung zur Kirche als Institution mehr hatten, reduziert sich ihr »Kirchenbild« erheblich. Sie wissen nichts von Kirchenkreis und Landeskirche, und dass sie »evangelisch« und »katholisch« unterscheiden können, ist auch nicht selbstverständlich. Zumindest interessiert sie es nicht. Ihr Kirchenbild reduziert sich ganz schlicht auf das Kirchengebäude. Das Erstaunliche ist, dass viel mehr Menschen, als zu unseren Gemeinden gehören, ein Interesse an den Kirchengebäuden haben. Die zahlreichen Kirchbauvereine haben das immer wieder gezeigt. Es gibt viele, die wollen, dass Gottesdienst stattfindet, ohne dass sie selbst dahin gehen. Etliche spenden für Kirche und Glocken, ohne unsere Veranstaltungen zu besuchen.

Aus diesem Umstand müssen wir in unseren Kirchengemeinden folgern: Das Kirchengebäude ist heute für viele oft der einzige Zugang zu den Inhalten unseres Glaubens. Und: Dazu müssen wir sie erschließen und manchmal nur schlicht aufschließen. Auch das muss am Ende mit Behutsamkeit geschehen: Einerseits soll die Kirche für die Menschen offen, verständlich und leicht zugänglich sein, andererseits ist sie der Ort, an dem die »Ehre Gottes wohnt«, den es als solchen zu erhalten gilt. Beide Anliegen stehen oft genug in Spannung miteinander. Es geht um die Spannung, in der unser Verkündigungsdienst immer wieder steht.

Möglichst große Nähe zu den Menschen, aber Klarheit in der Sache des Evangeliums. Leicht kann es da passieren – und die Geschichte unserer Kirche hat dafür ungezählte Beispiele –,
dass man auf die eine oder andere Seite rutscht: Dann bin ich ganz nah bei den Menschen, schaue ihnen aufs Maul und rede ihnen möglicherweise nach dem Mund, und habe ihnen aber nichts mehr zu sagen. Oder aber ich bin dogmatisch super eindeutig, lasse nicht den geringsten Zweifel aufkommen und – erreiche die Menschen um uns her nicht.

Auf oder zu? Im Reformationsjahr sollen möglichst viele Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet werden, so wie die Autobahnkirche in Hohenwarsleben an der A 2 im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt. Foto: Katja Schmnidtke

Auf oder zu? Im Reformationsjahr sollen möglichst viele Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet werden, so wie die Autobahnkirche in Hohenwarsleben an der A 2 im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt. Foto: Katja Schmnidtke

Wer heute Kirchen besucht, findet oft Kinderspielecken, Büchertische und die Fotos aller Konfirmanden und Täuflinge der letzten Jahre. Das ist in Ordnung, wenn es den Charakter des Hauses als Ort, an dem »Gottes Ehre wohnt«, nicht beschädigt. Es ist also gut, wenn Gemeindekirchenräte genaue Rechenschaft darüber geben, wie sie einladend ihre Kirche gestalten und dennoch nicht überdecken, dass nicht sie es sind, die in diesem Haus den Mittelpunkt bilden.

Unsere Kirchengebäude sind gemauerte Predigt. Der Glaube der Väter und Mütter hat sich in diesen Gebäuden manifestiert. Das ist gute protestantische Tradition: der Glaube sucht sich Formen, um sich auszudrücken. Aber heute geht es oft umgekehrt: Wir müssen mit einem Wachsen von außen nach innen rechnen: der Glaube wächst – so dürfen wir hoffen – aus dem Einüben in äußere Formen und Bräuche. Dazu müssen heute unsere Kirchengebäude helfen: Sie sind der Ort, an dem Menschen in die Grundformen des Glaubens eingeführt werden. Da kommt das Hören vor dem Reden und dazu braucht es Stille.

Da muss ich unbeobachtet und ungestört sitzen, ruhen und beten können. Da sollte durch alles, was »drumherum« passiert, deutlich werden: hier ist heiliger Ort, an dem möglichst vieles, was zu sehen und zu hören ist, von Ehrfurcht vor Gott getragen ist. Zu solchem Ort passte es besser, die Menschen eher zu segnen als zu belehren. Das klingt alles nicht recht protestantisch, aber entspricht in vieler Hinsicht den heutigen Menschen, die weniger über den Kopf zu erreichen sind als wir verkopften Protestanten oft denken.

Bevor wir Kirche aus »lebendigen Steinen« »zum geistlichen Haus« erbauen können (1. Petrus 2, Vers 5) wird heute oft der Bau aus den Feld- oder Backsteinen stehen. Gott sei Dank haben wir so viele und so tolle Kirchengebäude. Sie sind heute unser besonderer mitteldeutscher Zugang zu den Menschen.

Axel Noack

Der Autor ist Professor für Kirchengeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und war bis 2008 Bischof der Kirchenprovinz Sachsen.

Schreiben aus Liebe zum Schönen

24. Oktober 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

»Leila« hat der Römhilder Pfarrer Thomas Perlick sein neues Buch mit Erzählungen genannt. Nach einer Tänzerin, die das Leben so lustvoll liebte, dass sie es auch dankbar wieder loslassen konnte.

Wer das Buch eines Pfarrers erwartet, weil Thomas Perlick nun einmal ein Pfarrer ist, der irrt. »Leila« ist kein Buch über die Religion, keines über Theologie und schon gar keines über den Alltag eines Landpfarrers. Leila, so heißt die Zirkus­tänzerin in einer der zwölf Erzählungen. Leila, das ist die schöne Frau mit den roten halterlosen Strümpfen und dem kurzen schwarzen Kleid auf dem Einband. Leila, das ist die Frau, die dem Sterben nicht bös war, weil sie sich 49 Jahre so »rund gefressen« hat am Leben.

Thomas Perlick mit seinem frisch veröffentlichten Band im Arbeitszimmer. Foto: Susann Winkel

Thomas Perlick mit seinem frisch veröffentlichten Band im Arbeitszimmer. Foto: Susann Winkel

Eine echte Leila gibt es nicht. Sie hat so wenig ein Vorbild aus Fleisch und Blut wie Line oder Fridolin oder das Schmuddelkind. »Es gibt Erfahrungen und Begegnungen, aber alles bleibt fiktiv«, sagt Thomas Perlick. Fiktiv und manchmal auch fantastisch, denn in den Geschichten passiert zuweilen ganz ohne Aufregung ganz Unerhörtes. Da hat ein Mann Arme von jeweils drei Meter und zweiundsiebzig Zentimetern, was sich als vorteilig herausstellt. Da zieht ein Wolf in den Wahlkampf. Da kann ein Kellner sein Gesicht wachsen und wieder schrumpfen lassen. Einfach so.

Und dazwischen stehen ein paar Seiten, bei denen sich Thomas Perlick in ein wörtlich genommenes Wort vernarrt hat. Eines wie Altweibersommer. Das ihn liebevoll an die alten Weiber denken lässt, die sich in ihrem Sommer noch einmal schön machen. Eines, bei dem der 59-Jährige die jungen Männer ermahnt, denen solche alten Weiber in ihrem späten Sommer auch einmal hinterhersehen: »Tu ihnen nicht weh, damit sie dem Winter gewachsen sind, dem Altmännerwinter draußen auf dem Friedhof.«

»Leila« – das ist kein kompaktes Konzeptwerk, das ist eine Auswahl an Erzählungen, die in den letzten zehn Jahren jeweils für sich entstanden sind. Auf jede ausgewählte kommen zwei fortgelassene Texte, die nicht fertigzubringen waren, Texte, zu denen Thomas Perlick seine Liebe verloren hat, Texte, die nicht so recht für dieses Buch passen wollten.

Eigentlich hatte es gar nicht unbedingt noch ein weiteres Buch geben sollen. Wenn nicht die Freunde, die Familie oder mancher aus dem Ort und der Gemeinde immer wieder nachgefragt hätten, was er denn wieder Neues geschrieben hat. Einige Texte waren schon vorgelesen und verschickt, nun hat er sie noch einmal zusammengefasst. Zu seinem Geburtstag Anfang des Monats lag »Leila« dann gedruckt vor.

Es ist das fünfte Buch von Thomas Perlick. Sein erstes, »Glashaus«, war tatsächlich das Buch eines Pfarrers. Genauer gesagt das eines Vikars, der nicht sicher war, ob dieser Beruf der richtige für ihn ist. Dem voran ging ein Literaturwettbewerb der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig, von dem sich der junge Theologe, der schon immer geschrieben hatte, ermutigt fühlte. Er reichte eine Kurzgeschichte ein, erhielt den zweiten Preis, »ein Sprungbrett«, erinnert er sich. 1988 war »Glashaus« fertig, erschienen ist es nach der Wende.

In seinem zweiten Buch »Die Tage der kleinen Göttin« beschäftigte er sich mit dem Tod seiner Mutter. Mit »Morgenroths Haus« bedankte er sich bei der Landstadt Themar, die ihn, den Halbwaisen, gerettet hat, wie er sagt. Dazwischen ein Kinderbuch: »Herr Pauli redet lieber mit Tieren«. Und dann die Abwendung auch von der eigenen Biografie. Er schreibt einfach drauflos, und so entsteht 2008 »Herr von Weidenfels auf Reisen« – die Reise eines Wasserleichnams auf einem Fluss. Das mag nicht jeder, weiß der Autor, das muss auch nicht jeder mögen.

Der Roman ist möglich und doch hielt es Thomas Perlick danach lieber mit der kurzen Form. Weil er bei kurzen Stücken nicht so lang dran bleiben muss. Weil jede neue Wortverliebtheit, jede Begegnung, jede Erfahrung einen neuen Text erlaubt. Aufgeschrieben meistens im Winter und immer zeitig am Morgen, weil er so ein furchtbarer Frühaufsteher ist, wie er erzählt. Seit einer Weile schon will es nicht mehr gehen mit dem Schreiben. Was sich trifft, weil er ja eigentlich gar kein Buch mehr schreiben möchte. Aber vielleicht noch eines veröffentlichen, nur mit Kindergeschichten, wenn einmal Enkelkinder da sind. Die Geschichten sind alle schon geschrieben, damals, vor vielen Jahren für seine fünf Kinder, die heute längst erwachsen sind.

Susann Winkel

Der Autor gibt gerne – ohne Honorar – Lesungen. Interessenten können sich an ihn wenden: Oberpfarrer Thomas Perlick, 98630 Römhild, Am Stift 2, Telefon (03 69 48) 8 02 64
Perlick, Thomas: Leila. Erzählungen, Salier Verlag, 132 S., Hardcover, ISBN 978-3-943539-69-1; 14,90 Euro

Von Baustellen und anderen Plänen

24. Oktober 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Seit fast einem Jahr ist Matthias Kopischke Landespfarrer für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Landeskirche Anhalts. Angela Stoye sprach mit ihm.

Herr Kopischke, wie haben Sie sich eingelebt?
Kopischke:
Sehr gut. Nach zehn Jahren in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, zuletzt als Pfarrer im Kirchenkreis Torgau-Delitzsch, sind meine Frau, meine Tochter und ich nach Zerbst gezogen. Wir sind mit offenen Armen empfangen worden, haben neue soziale Kontakte geknüpft. Und etliche gab es ja schon. Kurz gesagt: Wir sind angekommen und angenommen.

Und beruflich?
Kopischke:
Da habe ich mir zuerst einen Überblick verschafft und kann sagen: Es sind Dinge ins Laufen gekommen. Das Team im Kinder- und Jugendpfarramt in Dessau-Roßlau kann in Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern in den Kirchenkreisen auch Dinge neu gestalten, die in guter Weise auch auf der Arbeit meines Vorgängers Martin Bahlmann aufbauen können.

Welche Baustellen gibt es wo?
Kopischke:
Da ist die lange Vakanz der Jugendmitarbeiter-Stelle im Kirchenkreis Dessau, von der ich hoffe, dass sie in absehbarer Zeit endet.

Fröhlich und ausgelassen erleben diese Jungen und Mädchen das Kindercamp in Piesteritz. Foto: Landeskirche

Fröhlich und ausgelassen erleben diese Jungen und Mädchen das Kindercamp in Piesteritz. Foto: Landeskirche

Eine weitere Baustelle ist das Gebiet der Beteiligung der Jugendlichen. Wir können uns am Schreibtisch viel überlegen. Aber es ist besser, die jungen Leute zu fragen. Dabei ist es nicht so, dass es das bislang nicht gab. Zum Beispiel wirken Jugendliche, die eine Kinderleiter-Card und die Jugendleiter-Card erworben haben, am Gemeindeleben mit. Auch in der Landessynode sind Jugendliche als Synodale vertreten. Um nur diese Beispiele zu nennen. Aber um die Beteiligung zu stärken, müssen wir Jugendliche immer wieder fragen: Was ist euch wichtig?

Dazu gab es einen Workshop mit Jugendlichen aus der Landeskirche, aus dem schon eine kleine Gruppe entstanden ist, die gemeinsam weiterarbeitet. Ein zweiter Workshop ist im November geplant. Wir hoffen, auf diese Weise interessierte Jugendliche zu gewinnen, die dann perspektivisch vielleicht den Landesjugendkonvent bilden – die Stimme aller ehrenamtlich arbeitenden Jugendlichen in der Landeskirche.

Bisher war viel von Jugendlichen die Rede …
Kopischke:
In der gemeindlichen Arbeit mit Kindern überlegen wir beispielsweise in der Landeskirche, wie wir besser auf die Mädchen und Jungen in den fünften und sechsten Klassen zugehen, die nicht mehr zur Christenlehre und noch nicht in den Konfirmandenunterricht kommen.

Ich habe gehört, dass es im Kirchenkreis Köthen eine Jugendkirche geben wird?
Kopischke:
Ja, in Großpaschleben. Die Dorfkirche liegt zwar im Kirchenkreis Köthen, aber ist für alle Jugendlichen der Landeskirche gedacht. Und mit Pfarrer i. E. Martin Olejnicki haben wir einen Mitarbeiter (50 Prozent), der das Projekt voranbringt. Anfangs war die Jugendkirche nicht als Gebäude, sondern als Angebot gedacht – in Form thematischer Module, mit denen Jugendmitarbeiter der Landeskirche zum Beispiel in Schulen gehen. Aber jetzt kommt ein Raum, eine Beheimatung für Jugendgruppen dazu. Das ist sehr schön. Wir arbeiten für die baulichen Veränderungen mit einem Architekturbüro zusammen. Im Advent, voraussichtlich am 10. Dezember, soll dort ein erster Gottesdienst gefeiert werden. Zudem haben wir derzeit einen Namenswettbewerb für die Jugendkirche ausgerufen.

Was bringt das Jahr 2017?
Kopischke:
Die Weltausstellung der Reformation in Wittenberg mit dem »youngPOINTreformation« der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (aej) in Deutschland in der Nähe des Melanchthon-Gymnasiums.
In den 16 Wochen von Ende Mai bis Mitte September können Jugendliche aus den Landeskirchen ehrenamtlich mitwirken und mitgestalten. Eine Jugendgruppe aus Anhalt übernimmt eine Woche. Das wird eine spannende Zeit. Außerdem werden wir beim Europäischen Stationenweg in Bernburg und beim Kirchentag auf dem Weg in Dessau-Roßlau jeweils mit einem Kinder-, Jugend- und Familienzentrum vertreten sein.

Und sonst?
Kopischke:
Stichwort Ehrenamt. Ohne die, die sich ehrenamtlich in der Kinder- und Jugendarbeit in den Gemeinden und den Camps der Landeskirche engagieren, geht es nicht. Umso wichtiger ist es, sie wertzuschätzen. Wir arbeiten daran, für sie Angebote zu entwickeln, wie es sie für Kirchenälteste schon gibt – mit gutem Beisammensein, Erfahrungsaustausch, Bildung und geistlichen Themen. Wichtige Impulse dazu hat es im September beim Kindergottesdiensttag in Halle gegeben.

Am 1. November 2015 trat Matthias Kopischke seinen Dienst an. Für ihn ist es ein wenig wie Nach-Hause-Kommen, denn er hat seine Kindheit und Jugend in Dessau verbracht und kennt die anhaltische Landeskirche aus seiner Zeit als Vikar in Dessau, als Inhaber einer Projektstelle und Religionslehrer im Harz.

www.landeskirche-anhalts.de

200 Angebote im Jahr

In der Landeskirche Anhalts gibt es zurzeit über 60 Christenlehre-Gruppen.  Hinzu kommen knapp 200 Angebote pro Jahr in größeren Abständen wie etwa Kindernachmittage, 13 Kinderchöre und 13 Instrumentalkreise sowie fünf Krabbelgruppen und rund 100 Kindertage oder Kinderbibeltage. Mit diesen Angeboten werden knapp 2000 Kinder erreicht.
In den Gemeinden der Landeskirche werden in jedem Jahr etwa 200 Familien- und 164 Kindergottesdienste gefeiert.

In diesem Jahr (Stand September) gibt es in Anhalt 25 Gruppen von Konfirmanden (Gesamtteilnehmerzahl: 229). Hinzu kommen 20 Jugendgruppen, in denen sich etwa 160 Jugendliche zusammenfinden. Davon sind 13 die klassische Junge Gemeinde, weitere sind Bands oder andere Musikgruppen. Rüstzeiten für Kinder (19), Konfirmanden (23) und Jugendliche (11) werden ebenso angeboten wie das jährliche Kindercamp der Landeskirche mit rund 120 Teilnehmern. Konfirmanden- und Jugendcamps auf landeskirchlicher Ebene sind in Planung. Unlängst nahmen Jugendliche am Jugendfestival der EKM teil.

In die Kirchengemeinden hineinwirken

24. Oktober 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Diakonie Naumburg-Zeitz begeht 25-jähriges Bestehen – Integration bleibt großes Thema


Die Mitarbeiter begegnen Patienten und Klienten auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes. Es geht davon aus, dass alle Menschen Gottes Ebenbild sind. Jeder Mensch erfährt Würde und Respekt«, sagt Ingrid Sobottka-Wermke, Superintendentin des Kirchenkreises Naumburg-Zeitz und Vorsitzende des Aufsichtsrates der Diakonie Naumburg-Zeitz, die nun auf ein 25-jähriges Bestehen zurückblicken kann. Gefeiert wurde der Jahrestag mit einem Festgottesdienst in der Naumburger Stadtkirche St. Wenzel.

Superintendentin Ingrid Sobottka-Wermke ist Aufsichtsratsvorsitzende der Diakonie. Foto: Torsten Biel

Superintendentin Ingrid Sobottka-Wermke ist Aufsichtsratsvorsitzende der Diakonie. Foto: Torsten Biel

Der Gottesdienst und das Jubiläum boten zudem Anlass, mehrere Mitarbeiter für ihr langjähriges Engagement zu würdigen. Derzeit gehören der Diakonie Naumburg-Zeitz rund 170 Beschäftigte in den verschiedensten Bereichen an, so in der Verwaltung, der ambulanten und stationären Pflege, in der Beratung sowie in der Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge. »Das Thema Migration und Integration wird uns auch in den kommenden Jahren weiter beschäftigen«, nannte Geschäftsführer Siegfried Kosdon eine Herausforderung, vor der die Diakonie auch künftig stehen wird.

Geplant sind zwei Einrichtungen, die als stationäre Jugendeinrichtungen sowohl einheimische als auch junge Menschen mit Migrationshintergrund aufnehmen sollen. So wird die derzeit noch in Thalwinkel bestehende Wohngruppe nach Bad Bibra verlegt, nachdem eine einstige Kindertagesstätte umgebaut werden soll. Auch die Jugendhilfeeinrichtung »Herz« in Zeitz soll so verändert werden. Der Unterstützung von Flüchtlingen und Asylbewerbern hat sich auch das Forum Ehrenamt verschrieben – als eine gemeinsame Initiative des Kirchenkreises und der Diakonie, die auch die Ausbildung von Seniorenhelfern verfolgt. »Wir haben überlegt, wie es uns gelingen kann, die diakonische Arbeit mehr in die Kirchengemeinden und Pfarrbereiche hineinzubringen und vor Ort wirksam werden zu lassen«, erklärt die Superintendentin.

Neben dem Bereich Pflege in den Sozialstationen und in den Einrichtungen Sankt Georg-Stift und Barbara-Haus in Teuchern bleibe die Beratung ein wichtiges Arbeitsfeld, wie Kosdon betonte: »Diese Angebote sind ein bedeutender Bestandteil unserer sozialdiakonischen Arbeit im Landkreis und im Kirchenkreis.« So hält die Diakonie am Standort in Naumburg die Schuldner- und Insolvenzberatung sowie die Sucht- und Drogenberatung vor, wurde im vergangenen Jahr auch eine Sucht- und Drogenberatungsstelle in Zeitz eingerichtet. Zu den großen künftigen Projekten zählen zwei selbst organisierte Wohngemeinschaften für Senioren und an Demenz erkrankter Menschen. Die Einrichtung soll 2019 in Naumburg eröffnet werden.

Constanze Matthes

Kirchenland ist teuer, aber die Kirche ist kein Preistreiber

24. Oktober 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Der Thüringer Bauernverband warf der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) vor, die Pachtpreise für landwirtschaftliche Flächen in die Höhe zu treiben. Willi Wild sprach darüber mit dem Landwirt Mortimer von Rümker.

Foto: privat

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Treibt die Kirche die Preise in die Höhe?
von Rümker:
Ich habe etwa 100 Hektar von der Kirche gepachtet. Das sind ungefähr 15 Prozent meiner Betriebsfläche. Die Kirche als Spekulant zu bezeichnen, wie das in der Tageszeitung geschah, halte ich für falsch. Die Kirche kauft keinen einzigen Hektar, sondern sie besitzt relativ viel und versucht, diesen Besitz zu wahren. Sie tritt aber nicht als Käufer und demzufolge nicht als Spekulant auf.

Es stimmt aber, dass die Kirchenpachten zu den teuersten zählen, die ich im Betrieb bezahle. Die Bezeichnung »Preistreiber« ist in diesem Zusammenhang nicht passend, aber die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) steht bei den Pachtpreisen im Moment ziemlich an der Spitze.

Warum ist das Kirchenland so teuer?
von Rümker:
Bis vor ein paar Jahren waren die Pachtpreise bei der Kirche noch relativ niedrig. Das war für die EKM nicht rentabel. Mittlerweile sind die Pachterlöse eine sehr wichtige Einnahmequelle der EKM. Sie ist eine der größten Landbesitzer in Deutschland. Die EKM ist aber gut beraten, den Bogen bei den Pachtpreisen nicht zu überspannen.

Die Preise werden von den Bietern, also von Ihnen, den Landwirten, gemacht, argumentiert die EKM. Haben Sie da genügend Spielraum nach oben?
von Rümker:
Es gibt einen Mindestpreis, der ist mit 4,60 Euro pro Bodenpunkt für die Qualität des Pachtlandes festgeschrieben. Theoretisch sind bis zu 100 Bodenpunkte pro Hektar möglich. Im Raum Gotha ist der Hektar Land mit 60 Bodenpunkten bewertet. Das wären 276 Euro pro Hektar und, wie ich finde, eine verträgliche Pacht. Unser zuständiges Kreiskirchenamt hat aber bei den letzten Ausschreibungen über sieben Euro pro Bodenpunkt als Mindestpacht angesetzt. Nach den bisherigen Pachtvergabekriterien muss man noch mal 30 Prozent mehr bieten, um bei dem Kriterium Pachtpreis die Höchstpunktzahl zu bekommen. 550 Euro pro Hektar, das ist eine sehr hohe Pacht.

Ackerland ist begehrt und knapp. Da ist es normal, dass Käufer oder Pächter, in dem Fall die Landwirte als Bieter, den Preis in die Höhe treiben. Die Frage ist aber, von welchem Niveau man ausgeht. Der Mindestpreis im Kirchenkreis Gotha ist da schon sehr hoch.

Bei der Pachtvergabe spielen doch auch andere Kriterien eine Rolle. Aber scheinbar geht es nur noch um den Preis?
von Rümker:
Zunächst bemüht man sich als Bieter, in allen Bereichen eine hohe Punktzahl zu bekommen: Kirchenzugehörigkeit, Ortsansässigkeit oder bei der Bewirtschaftungsweise. Aber das Zünglein an der Waage ist eben häufig der Pachtpreis. Da sind mitunter wenige Vergabepunkte entscheidend.

Der Bauernverband kämpft natürlich für seinen Berufsstand und versucht, den Preis zu drücken. Welchen Ruf hat denn die Kirche als Verpächter unter den Landwirten?
von Rümker:
Einige Kollegen waren schon ziemlich sauer, weil die Pachtpreise in vielen Fällen um 100 Prozent und mehr gestiegen sind. Die andere Seite ist, dass die Bauern das Land günstig pachten wollen. In der Vergangenheit war das auch so. Andererseits ist die EKM sogar dafür ausgezeichnet worden, dass sie nicht nur nach dem Höchstgebot ihr Land verpachtet, sondern auch andere Kriterien anlegt.

Es steht im Übrigen jedem frei, sich auf Kirchenland zu bewerben. Wer bisher Kirchenland gepachtet hatte, wird versuchen, dieses Land wieder zu bekommen. Aber ich kenne keinen Fall, wo das existenzgefährdend gewesen wäre, wenn ein Betrieb das Kirchenland nicht wieder pachten konnte.

Der Bauernverband warf der EKM vor, mit der Vergabepraxis vor allem Großbetrieben und Investoren in die Hände zu spielen?
von Rümker:
Das halte ich für ziemlichen Unsinn. Zum einen spielt die Betriebsgröße bei der Pachtvergabe gar keine Rolle. Der 30-Hektar-Betrieb hat genau die gleichen Chancen wie das 3 000-Hektar-Agrarunternehmen. Investoren haben schon allein wegen der vorgegebenen Ortsansässigkeit in der Regel schlechtere Chancen.

Gibt es vergleichbare Verpächter und warum sind die scheinbar günstiger?
von Rümker:
Bisher gab es die Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG), die lag bei den Preisen noch höher als die EKM. Die BVVG wickelt sich aber allmählich ab, indem sie das Pachtland verkauft. Weitere große Landbesitzer gibt es in Thüringen und Sachsen-Anhalt meines Wissens nicht. Ich möchte aber nochmal betonen, dass es die unternehmerische Entscheidung eines jeden Landwirts ist, sich um Pachtland zu bewerben. Keiner wird gezwungen, Land zu einem Preis zu pachten, den er nicht erwirtschaften kann. Es ist bitter, wenn man Land verliert. Mir ist es vor zehn Jahren auch so gegangen. Da habe ich ein Viertel der Betriebsfläche verloren. Als Unternehmer bin ich gefordert umzustrukturieren, beispielsweise Maschinen zu verkaufen.

Sie sind Vorsitzender des Gemeindekirchenrates der Stadtkirchengemeinde in Gotha. Sind Sie als Pächter von Kirchenland da nicht befangen?
von Rümker:
Die Stadtkirchengemeinde Gotha besitzt nur relativ wenig Ackerland. Wenn es ausnahmsweise mal darum geht, halte ich mich natürlich raus. Das Kirchenland, das ich bewirtschafte, gehört den Kirchengemeinden rund um Friedrichswerth, wo mein Betrieb liegt. Die Vergabe von Pachtland entscheidet das Kreiskirchenamt, zum Teil im Einvernehmen mit den Kirchengemeinden, nach den Richtlinien der EKM. Damit habe ich nichts zu tun.

Es bringt Ihnen keinen Wettbewerbsvorteil, dass Sie sich ehrenamtlich in der Kirche engagieren?
von Rümker:
Überhaupt nicht. Gerüchte gibt es immer wieder, dass ich als Mitglied der Landessynode und Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses Vorteile hätte. Glücklicherweise haben wir ein absolut transparentes Pachtvergabeverfahren. Und wir versuchen gerade durch die Evaluierung, dieses Verfahren zu verbessern. Die Ergebnisse dieses Prozesses werden in der Herbstsynode der EKM vorgestellt und diskutiert.

Stellungnahme

Landwirtschaftsämter müssen Pachtverträge genehmigen

Für ihr Pachtvertragswesen hat die EKM 2015 den 1. Preis beim Wettbewerb »BodenWertSchätzen« der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und des Rates für Nachhaltigkeit bekommen. Auch andere Landeskirchen und Kommunen interessieren sich für das Pachtvergabeverfahren der EKM, weil es eben mehr berücksichtigt als nur das Geld. Die EKM sieht sich damit auf dem richtigen Weg und will ihn auch weiter gehen: Dieses Verfahren wird zurzeit überarbeitet, um es noch besser und transparenter zu machen. Die Pachtpreise für landwirtschaftliche Flächen der Kirchengemeinden und Pfarreien in der EKM werden nicht einseitig festgesetzt; vielmehr wird der Pachtpreis von den Pächtern im Rahmen des kirchlichen Pachtvergabeverfahrens selbst angeboten. Wir gehen davon aus, dass angesichts der vielfältigen Betriebs- und Bewirtschaftungsformen der jeweilige Landwirt am besten weiß, welche Pacht er mit seinem Betrieb auf der konkreten Fläche zu erwirtschaften in der Lage ist.

Einzige preisliche Vorgabe im Verfahren ist – als Voraussetzung zur Teilnahme am Pachtvergabeverfahren – der Mindestpachtzins. Dieser wird von den Kreiskirchenämtern vor Beginn der Ausschreibung festgesetzt. Die Höhe soll sich am Durchschnitt der Pachtpreisangebote aus dem vorangegangenen Pachtvergabeverfahren in dem Gebiet orientieren. In der überwiegenden Mehrzahl der Pachtvergabeverfahren werden von den Pachtinteressenten höhere Pachten angeboten. Des Weiteren ist zu beachten, dass Pachtverträge von den staatlichen Landwirtschaftsämtern genehmigt werden und auch insofern eine Kontrolle besteht, die bei tatsächlich bestehender Unangemessenheit der Pachtpreise einen Vertragsabschluss verhindern würde.

Schlussendlich ist der Pachtzins nicht nur eines von mehreren Differenzierungskriterien, sondern auch ein sehr wichtiges Mittel zur Erfüllung kirchlicher Arbeit und bleibt dabei sogar noch im Kirchenkreis bzw. direkt vor Ort in der Kirchengemeinde: Die Einnahmen dienen der Finanzierung des Verkündigungsdienstes und kommen der Bauunterhaltung und der Kirchengemeinde selbst zugute.

Frank Henschel, Referat Grundstücke der EKM

Streit im Namen des Königs

24. Oktober 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Bizarrer Konflikt: Im Bereich der EKM gibt es mittlerweile zwei Hilfsvereine, die sich auf den Namen des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf (1594–1632) berufen.

Die Geschichte: Es begann im 19. Jahrhundert in Sachsen und Hessen. Protestantische Christen wollten Glaubensgeschwistern helfen, die als Minderheiten in katholischen oder orthodoxen Ländern lebten. Bald entstanden hin und her Hilfsvereine, die sich auf den Namen des Schwedenkönigs Gustav Adolf bezogen. Man schuf eine gemeinsame Plattform in Leipzig, die seit 1948 als Gustav-Adolf-Werk (GAW) firmiert. Ost und West gingen in DDR-Zeiten notgedrungen getrennte Wege, hielten aber an der Gemeinschaft fest. 1992 gründete sich das gemeinsame GAW als Diasporawerk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) neu und nahm seinen alten Sitz in Leipzig ein.

In der Thüringer Kirche wie in der der Kirchenprovinz Sachsen gab es ebenfalls selbstständige Gustav-Adolf-Werke, die in den jeweiligen Landeskirchen die Hilfswerksidee vertraten, Spenden sammelten. Alles ging gut, bis sich 2009 die beiden Landeskirchen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zusammenschlossen.

Die Spitzen beider GAW-Vereine aus Thüringen und Sachen-Anhalt verhandelten miteinander, stellten die Weichen ebenfalls auf Zusammenschluss. Ein Verein mit zwei Untergruppen sollte entstehen. Doch im Thüringer Vorstand kam es zur Revolte. Man wollte die seit 150 Jahren bestehende Selbstständigkeit nicht aufgeben. Der Vorsitzende trat daraufhin zurück, ein neuer Vorstand formierte sich.

Der Konflikt: Vonseiten der Landeskirche entschied man administrativ. Ein neues GAW der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland wurde 2012 gegründet, das provinzsächsische Werk löste sich selbst auf. Den widerständigen Thüringern teilte man kurzerhand den kirchenamtlichen Beschluss zur Aufhebung des GAW der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen (GAW LKTh) mit. Doch die Verantwortlichen legten Widerspruch ein und beriefen sich darauf, dass sie auch als Werk der Kirche in DDR-Zeit ein selbstständiger Verein geblieben seien, der nur von der ordentlichen Mitgliederversammlung aufgelöst werden könne.

Die Eskalation: Die Kirchenleitung reagierte unter anderem mit Disziplinarverfahren gegen den Vorsitzenden, Pfarrer Johannes-Christian Burmeister, den Stellvertreter, Pfarrer Martin Michaelis, und zwei weitere Vorstandsmitglieder. Harte Vorwürfe standen im Raum: Schädigung des Ansehens der EKM, Amtsmissbrauch, Dienstsiegelmissbrauch. Michaelis musste wegen des Verfahrens unter anderem sein Amt als gewählter Vorsitzender der Pfarrervertretung der EKM ruhen lassen.

Die Rehabilitation: 2015 traf man sich vor dem Verwaltungsgericht der EKD in Hannover wieder. Dort holte sich die Landeskirche allerdings eine juristische Abfuhr. Am Ende schloss man einen Vergleich, dessen Kernsatz die aufmüpfigen Pfarrer bestätigte: »Die Beklagte (die EKM – d. Red.) erkennt an, dass das GAW LKTh als nichtrechtsfähiger Verein (…) außerhalb der Kirche fortbesteht. Dessen Name wird in ›Lutherischer Gustav-Adolf-Verein Thüringen‹ geändert.« Außerdem seien alle Disziplinarverfahren einzustellen, eingezogene Gegenstände und Unterlagen an den Verein zurückzugeben.

Die unterschiedlichen Sichten: Für das Gustav-Adolf-Werk der EKM ist ebenso wie für die Leipziger Zentrale klar, dass der neue alte Verein nichts mehr mit dem Gustav-Adolf-Werk zu tun hat. Er sei ein freier Hilfsverein außerhalb der Kirche, wie ihn jede Person gründen könne. »Schon der Name ist für uns ein Widerspruch in sich«, erklären der Hallenser Propst Johann Schneider als Vorsitzender des GAW der EKM sowie der Leipziger GAW-Generalsekretär Enno Haaks unisono. Unterstütze das Hilfswerk doch weltweit evangelische Gemeinden ohne Fokussierung auf die lutherische Fraktion. Der Lutherische Gustav-Adolf-Verein Thüringen freilich wird nicht müde, sich im Mitteilungsblatt des Thüringer Pfarrvereins als »das Original« in Sachen GAW darzustellen. Und: Als besonders bitter empfindet man die Tatsache, dass es vonseiten der Kirchenleitung bisher keine Entschuldigung gegenüber den betroffenen Pfarrern gegeben habe.

Die Folgen: Was unter dem Streit bis heute allerdings am meisten leidet, ist die Hilfe für die Minderheitengemeinden im Ausland. GAW-Vorsitzender Schneider hat es selbst schon erlebt, dass kirchliche Mitarbeiter vor dem Hintergrund der Konkurrenzsituation sagen: Lasst uns in Ruhe mit dem ganzen GAW.

Der Wunsch: Als Geistlicher hat Schneider allerdings noch ein anderes Anliegen: »Als Kirche, die das Wort von der Versöhnung predigt, müssen wir auch selbst Versöhnung leben.« Deshalb sei es Zeit für ein gemeinsames Gespräch jenseits aller rechtlichen Wertungen. Voraussetzung sei aber, »dass beide Seiten bereit sind, ihre eigene Wahrnehmung im Lichte des Evangeliums zu sehen«.

Harald Krille

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