Daumen hoch in Greiz

30. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

»Vielfalt Leben«: Ein kunterbunt gestreiftes Daumen-Hoch-Piktogramm ist das Logo der »Initiative für die Stärkung der Demokratie und die Förderung von Toleranz und Weltoffenheit im Landkreis Greiz«.

Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich ein Projekt, das am ostthüringischen Kirchenkreis Greiz angedockt ist – und das seit nunmehr zweieinhalb Jahren gemeinsam mit lokalen Partnern genau das tut, was im zweiten Namensteil beschrieben wird. »Wir haben viel erreicht, aber viel ist auch noch machbar«, schaut Jugendwart Christian Mende, einer der Initiatoren, auf die Zeit seit der Gründung im Juli 2014 zurück.

Insgesamt 16 gesellschaftliche wie kirchliche Projekte, unter anderem von Vereinen, Schulen, Initiativen, aber auch eigene, hat »Vielfalt Leben« allein in diesem Jahr finanziell wie ideell unterstützt. Im vergangenen Jahr waren es 22, im Gründungsjahr 10. 43 000 Euro stellte das Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport über das Landesprogramm »Denk Bunt« 2016 der Initiative zur Verfügung. Gelder, die nach Antragstellung der Projektträger und anschließender Prüfung im Begleitausschuss ausgeschüttet werden konnten.

Engagieren sich für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit: Projektkoordinatorin Steffi Weber und Jugendwart Christian Mende von der Greizer Initiative »Vielfalt Leben«. – Foto: Karsten Schaarschmidt

Engagieren sich für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit: Projektkoordinatorin Steffi Weber und Jugendwart Christian Mende von der Greizer Initiative »Vielfalt Leben«. – Foto: Karsten Schaarschmidt

Gefördert wurden so unterschiedliche Aktionen wie ein Jugendfeuerwehr-Tag, das »Festival für ein buntes Vogtland«, ein Fotoprojekt des Greizer Theaterherbstes, die Greizer Bildungs- und Begegnungsstätte »Aufandhalt«, eine Berlin-Reise von Ronneburger Jugendlichen vor dem Hintergrund von Nationalsozialismus und Holocaust oder ein Songprojekt von Jugendlichen aus Zeulenroda-Triebes.

Und mitunter ist die Förderung Ini­tialzündung für mehr. »Bei den am Songprojekt beteiligten Jugendlichen formt sich aktuell der Wille zum Aufbau eines Kinder- und Jugendparlaments, getreu dem Motto ›Gemeckert ist schnell, aber wie können wir uns einbringen, etwas verändern‹«, sagt Steffi Weber, Projektkoordinatorin von »Vielfalt Leben«.

Noch mehr gemeinsame Projekte mit Schulen im Landkreis Greiz entwickeln, verstärkt auf Sportvereine zugehen, darin sieht Mende das Potenzial für die nahe Zukunft. Gearbeitet wird bei den Projekten oft »unterschwellig«. Was bedeutet, altersgerecht und situationsbezogen demokratische Werte, Toleranz und eigenes Denken zu vermitteln.

Seinen Ursprung hat »Vielfalt Leben« übrigens im schwierigen Verhältnis der Greizer Landrätin Martina Schweinsburg (CDU) gegenüber der Errichtung eines sogenannten »lokalen Aktionsplanes«. Der Landkreis Greiz ist der einzige thüringenweit, der einen solchen Plan nicht hat. Die vorhandenen Strukturen würden ausreichen, um gegen Fremdenfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Intoleranz vorzugehen, so die Politikerin, während andernorts Verwaltungen längst gezielter aktiv waren.

Und trotz der Erfolge von »Vielfalt Leben« sei bis dato das Verhältnis zum Greizer Landratsamt kein einfaches, so Mende. Entmutigen lässt er sich davon nicht. Dass die Initiative unter dem Dach der Kirche wirkt und somit weder Parteien noch einer Administration verpflichtet ist, sieht er durchaus als Vorteil.

»Kirche hat eine andere Stimme, ist nicht parteipolitisch, kann also auch nicht an den linken politischen Rand gedrängt werden, sondern steht für die Mitte der Gesellschaft«, sagt Mende und ist dankbar für die Unterstützung vom Kirchenkreis Greiz.

Und nebenbei: Schirmherr von »Vielfalt Leben« ist Propst Diethard Kamm, Regionalbischof von Gera-Weimar, der ebenso wie Oberkirchenrat Christhard Wagner vor wenigen Tagen Gast der »Vielfalt Leben«-Gala in der »Neu Schenke« bei Greiz war. Bei der Gala wurden unter anderem die diesjährigen Projekte nochmals vorgestellt und teils prämiert.

Und die Vorhaben fürs nächste Jahr? »Wir haben unser Handlungskonzept überarbeitet, konkretisiert und geliftet, um ›Vielfalt Leben‹ weiter zu etablieren, aber auch, um den Projektträgern die Zusammenarbeit zu erleichtern«, blickt Mende nach vorn.

Auf Projektkoordinatorin Steffi Weber hingegen wartet ein neuer Lebensabschnitt. Sie verlässt aus privaten und beruflichen Gründen das Vogtland. Ihre Stelle, für die eine Bachelor-Graduierung erforderlich ist, ist noch bis 15. Dezember ausgeschrieben.

Karsten Schaarschmidt

www.vielfalt-leben.eu

Verantwortliche Finanzplanung

29. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Finanzbericht: Kirchensteuer, Finanzausgleich, Staatsleistungen. Die Einnahmenseite in der EKM entwickelt sich gut. Trotzdem bremst der Finanzdezernent die Euphorie.

Auch wenn der EKM im kommenden Jahr allein über die Netto-Kirchensteuereinnahmen eine Million Euro mehr als vorgesehen zufließen, sei das rettende Ufer noch längst nicht erreicht, so Stefan Große. »Die Struktur unserer Einnahmen ist noch immer fragil«, warnt der Oberkirchenrat. Die Landeskirche finanziere sich nur zu 55 Prozent aus eigenen Kirchensteuereinnahmen. Die andere Hälfte stamme aus dem Finanzausgleich der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und den Staatsleistungen. Um den Finanzausgleich nicht zu gefährden, gelte es, den EKD-Solidarpakt auch in Zukunft einzuhalten. Die Mindeststandards einer verantwortlichen Finanzplanung müssten weiter erfüllt werden. Auch sei die Versorgungslücke der Vergangenheit noch nicht geschlossen, erläuterte der Finanzdezernent. Bis 2019 seien die neuen Stellenbemessungskriterien im Verkündigungsdienst umzusetzen. Die EKM stehe dadurch vor »zwingenden Kürzungen, auch im landeskirchlichen Bereich«.

Fotos: epd-bild; Claudia Hautumm/pixelio.de; Tim Reckmann/pixelio.de; EKD – Grafik: G+H/Adrienne Uebbing

Fotos: epd-bild; Claudia Hautumm/pixelio.de; Tim Reckmann/pixelio.de; EKD – Grafik: G+H/Adrienne Uebbing

Und so Große weiter: »Mit dem Haushalt 2017 wollen wir die Finanzierung der Aufgaben von Heute mit der Schaffung von finanziellen Spielräumen für Morgen zusammenbringen.« Die Kirchensteuereinnahmen sollen für Investitionen beispielsweise in den Schulinvestitionsfonds und die Gemeinde-Erprobungsräume genutzt werden. Der kirchlichen Basis kommen direkt 121,7 Millionen Euro zugute.

Insgesamt sieht der Haushalt rund 76,5 Prozent der Plansumme für die Kirchenkreise und Kirchengemeinden vor. Der Landeskirche mit ihren Werken und Einrichtungen verbleiben damit für ihre Aufgaben rund 20 Prozent der Plansumme.

Foto: Timo Klostermeier/pixelio.de – Grafik: G+H/Adrienne Uebbing

Foto: Timo Klostermeier/pixelio.de – Grafik: G+H/Adrienne Uebbing

In Zukunft sei allerdings nicht mehr mit einem Zuwachs an Kirchensteuereinnahmen zu rechnen, prognostiziert der Finanzdezernent. Die mittelfristige Finanzplanung zeige, dass momentan der Zenit überschritten sei, und die Kirchensteuer in den nächsten Jahren moderat sinken werde. Im Sommer sagte Große in einem Gespräch mit »Glaube + Heimat«, dass im Jahr 2025 mit etwa 35 Prozent weniger Kirchensteuerzahlern zu rechnen sei. »Damit werden die Einnahmen sinken, und wir müssen die Ausgaben anpassen«, so seine Einschätzung.

Willi Wild

www.ekmd.de/kirche/landessynode/tagungen

Vom Glauben der Leute

28. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Advent, Achtsamkeit, Aberglaube – diese drei Themen vereint in einer G+H-Ausgabe? Das schien der Autorin zunächst recht abwegig. Beim Nachdenken über den sogenannten Aberglauben aber zeigte sich, dass sie durchaus in Verbindung zueinander stehen.

Es geht um Warten und Hören, den Umgang mit Ungewissheit und Ungeduld im Advent als einer Zwischenzeit, die unter besonderen Traditionen und Ansprüchen steht und so vielfältige Bedeutungen erfährt.

Advent und Weihnachtszeit, Buß- und Fastenzeit in der alten Kirche, im Jahr 836 in Aachen, 932 in Erfurt auf der Synode in Erfurt bestätigt, hatten auch im Lebensalltag klare Regeln. Schwarze Kirchenkleidung war geboten, Hochzeiten, Musik, Lustbarkeiten waren verboten; nur Kindern und Jugendlichen waren – an den Adventsdonnerstagen oder den Tagen der Heiligen Andreas, Barbara, Nikolaus, Luzia oder Thomas – Umzüge erlaubt mit Sprüchen, Liedern, Kerzen, kleinen Gaben. Mit diesen Tagen verbunden waren Bräuche, die als Liebes- und Wetterorakel dienten.

Sie gestalteten die Advents- und Weihnachtszeit, verkürzten das Warten bis zum Fest und lenkten den Blick auf das Kommende. So in Bräuchen der »Zwölf Nächte« zwischen dem Christtag und Epiphanias: das Wetter dieser Nächte galt als Orakel für die Monate des neuen Jahres. In den »Zwölften« sollte die Arbeit ruhen. Auch nicht gewaschen werden: diese Regel meiner Mutter begleitet mich bis heute. War das alter »Aberglaube«, in christliche Feste eingebunden?

»Gibt es in der Gemeinde Aberglauben?« Diese Frage an die Ortspfarrer war seit der Aufklärung im 18. und 19. Jahrhundert üblich in Formularen, die im Vorfeld der Visitation an die Kirchenleitung gingen; sie war ebenso üblich wie eine andere, heute merkwürdig anmutende: »Hat der Pfarrer Menschenscheu?« Höheren Orts wollte man über die Verhältnisse vor Ort Genaues erfahren. Die Pfarrer verneinten, um die eigene Aufklärung unter Beweis zu stellen. Wenig redeten sie über »den Glauben der Leute«.

Doch auch diese redeten kaum. Das Volk, so ein Pfarrer um 1900, sei »mit der Preisgabe seiner Geheimnisse äußerst vorsichtig und zurückhaltend. Der Glaube und auch der sogenannte Aberglaube wird nicht an die große Glocke gehängt«. Es herrsche »Misstrauen gegenüber modernen Weltanschauungen (und) den Gebildeten, den Arzt, Pfarrer und Lehrer«; man »wittere beim Pfarrer die Unduldsamkeit, dass sich ›Aberglaube‹ mit der christlichen Religion nicht verträgt«; der Bauer könne »den Kampf der Pfarrer gegen seinen sogenannten Aberglauben nicht recht begreifen, weil er den scharfen Unterschied zwischen Aberglauben und Glauben, wie ihn die Kirche zieht, nicht kennt«. Das gelte für Magie und Brauch, Segenssprüche, Amulette, die Heilkunde für Mensch und Tier und den Geisterglauben.

Beispiele aus den letzten drei Jahrhunderten belegen: es gab auch unter jenen »Gebildeten« solche, die vom »Volksglauben« im Alltag und Denken der Menschen wussten. So der Arzt Christoph Wilhelm Hufeland – 1762 in Langensalza geboren, in Jena und Göttingen studiert, dann Hofmedicus in Weimar – der als Begründer der »Makrobiotik« gilt. Sein Buch »Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern« verbindet altes magisches, volksmedizinisches und modernes Wissen.

Rudolph Zacharias Becker, 1752 in Erfurt geboren, Pädagoge und Publizist, hatte in Jena Theologie und Philosophie studiert; sein 1788 in Gotha und Leipzig erschienenes »Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute«, in zahllosen Auflagen edierter Bestseller, zeigt das »Programm« der Volksaufklärung: Rat für Scheintod, Erfrieren, Ersticken, Ertrinken, Gewitter, Gesundheit, Krankheit, Tod bei Mensch und Tier, gesundes Essen und Trinken. Im Kapitel »50. Vom Behexen, Zaubern und Vergiften« redet er Klartext: Von Kindern, die »viel essen und doch nicht zunehmen; woran meistentheils die Würmer schuld« seien, nicht aber Hexen; er spricht von »Lug und Betrug«, »albernem Glaube an Hexen, Druden und wie die Dinger heißen«.

Aberglaube, so Becker, sei der »falsche Glaube«; als solchen war er der Aufklärung »Widerglaube«: was wahrem Glauben und Vernunft entgegenstehe und zu bekämpfen sei. Als wissenschaftlicher Begriff ist »Aberglaube« heute nicht brauchbar, denn es ist ein zeitgenössisches Kampfwort.

»Von einem thüringischen Landpfarrer« stammt ein anonym in Gotha 1895 schon in dritter Auflage erschienenes Buch »Zur bäuerlichen Glaubens- und Sittenlehre«. Sein Autor Hermann Gebhardt, im Pfarrhaus in Molschleben aufgewachsen und dort als Pfarrer bis zu seinem Tode wirkend, gibt eine »Darstellung der Licht- und Schattenseiten in unserem gegenwärtigen Volksleben«, wie sie zu dieser Zeit weder in der Volkskunde noch in Theologie und Kirche existiert. Auffällig: »Aberglaube« findet sich im Kapitel »Zum ersten (gemeint: Glaubens-)Artikel«, wo es um das Gottesbild der Leute, Taufe, Hochzeit und Tod geht; auch um Todesanzeichen und Vorahnungen. Das heißt, Glaube und Aberglaube sind begriffen als magisches Denken und Deuten der Leute; nicht als ein Gegensatz, sondern auf einer Ebene fließend vermengt.

Die Aufklärung, so Gebhardt, »hat gewaltig aufgeräumt, in keinem Dorf besteht der Aberglaube der Urgroßeltern unversehrt … Anderseits dürfte auch kein Dorf ohne Aberglaube zu finden sein«; auch der Hexenglaube lebe, wie Beispiele belegen. Sein Fazit: dass »ziemlich alle Bauern öffentlich allen Aberglauben verleugnen, unter vier Augen dagegen ganz anders reden; ferner, dass die Pfarrer von früher als die amtlichen Verfolger des Aberglaubens und Verkündiger der Aufklärung die letzten sind, denen er seine Herzensmeinung über diese Dinge offenbart; und dass er, wo er nicht reden will, schweigsamer ist als das Grab«.

Ein Fund unserer Zeit sind die 1968 erschienenen Erinnerungen von Gertrud Elle, »eine rechte Pfarrfrau und Gehilfin ihres Mannes«, so Bischof Mitzenheim im Vorwort über »die Tochter des Jenaer Historikers Dobenecker«. Ihre Erfahrungen im Pfarramt, der erste Pfarrort 1909 im Vogtland, der nächste im Thüringer Wald, sind ein Kulturschock, aus Sicht der Zivilisation wie der Mentalität »eine ganz neue Welt … hinter dem vordergründigen Leben ein anderes, hintergründiges, geheimnisvolles, unheimliches: die Zauberei, der Aberglaube« junger Mütter, Frauen, Gebärender.

Das Kapitel »Schwarze Kunst« öffnet den Blick auf diese Lebenswelten, auf ein Gespinst aus Angst, Geistern, Dämonen, Tod, Vorzeichen, Gebet und Magie. Die Pfarrfrau Gertrud Elle sieht, beobachtet und beschreibt, besser als Theologen, Volks- und Völkerkundler ihrer Zeit, den »Aberglauben« als das, was er war und ist: ein Gemenge aus Archaik und Moderne, aus Ängsten und vermeintlichen Sicherheiten.

Christel Köhle-Hezinger

Die Autorin lehrt Volkskunde an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und war EKM-Synodale.

2017 im Blick und im Plan

28. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Die Landessynode Anhalts beschloss den Etat und schaute auch unter anderen Aspekten auf das Jahr 2017.

Das bevorstehende 500. Reformationsjubiläum zog sich wie ein roter Faden durch die Herbsttagung der Landessynode am 18. und 19. November in Dessau-Roßlau, auch wenn das Wort selber nur in einem Tagesordnungspunkt vorkam.

So gab Annett Helmecke-Possehl, Mitarbeiterin der landeskirchlichen Arbeitsstelle für 2017, am Sonnabend einen Überblick über den Stand der Vorbereitungen. Der Reformationssommer in, um und mit Anhalt ist geprägt von den Schwerpunkten Europäischer Stationenweg »Salz der Erde – Leben mit Geschmack« am 18. Mai 2017 in Bernburg, dem Kirchentag auf dem Weg unter dem Thema »Forschen. Lieben. Wollen. Tun« vom 25. bis 28. Mai 2017 in Dessau-Roßlau und in Wittenberg mit »Anhalt Kompakt – Das Containerprojekt« vom 20. Mai bis 10. September. Während für Bernburg, der 68. und zugleich letzten Station des Europäischen Stationenweges, das Programm schon feststeht, steht der Redaktionsschluss für das Programmheft des Kirchentages auf dem Weg mit dem 1. Dezember 2016 unmittelbar bevor. Partner des Contai­ner-Projektes bei der Weltausstellung der Reformation in der Lutherstadt Wittenberg, die den oberen der drei Container nutzen werden, sind vom 20. Mai bis 12. Juni die Landeskirche in Baden und vom 14. Juni bis 10. Juli die Kirche der Pfalz. Vom 19. Juli bis 10. September präsentieren sich hier anhaltische Städte und Partner. Kirchengemeinden und Werke können sich individuell auf einer Freifläche mit Pavillon präsentieren, der beantragt ist.

Das Synodenpräsidium: Präses Andreas Schindler sowie die Beisitzer, Pfarrer Wolfram Hädicke (li.) und der Elektroingenieur Paul Lindau (re.), leiteten die Tagung in der Anhaltischen Diakonissenanstalt. – Foto: Johannes Killyen

Das Synodenpräsidium: Präses Andreas Schindler sowie die Beisitzer, Pfarrer Wolfram Hädicke (li.) und der Elektroingenieur Paul Lindau (re.), leiteten die Tagung in der Anhaltischen Diakonissenanstalt. – Foto: Johannes Killyen

Präses Andreas Schindler näherte sich der Geschichte von einer anderen Seite. Der Direktor der Bernburger Kanzlerstiftung nahm in seiner Eröffnungsrede das Verhältnis von Christen und Juden in den Blick. »Unsere gemeinsamen Glaubenswurzeln sind Grundlage für ein lebendiges Miteinander«, so Schindler. »Mit den jüdischen Gemeinden verbindet uns viel mehr als uns trennt.« Historische Darstellungen an Kirchen, die Menschen jüdischen Glaubens verunglimpften, seien heute zu Orten der »Anklage tiefster menschlicher Verirrungen und schuldhafter Belastungen auch unserer protestantischen Kirche geworden«.

In seinem Grußwort vor der Synode sagte Max Privorozki, Vorsitzender des Landesverbandes jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt: »Wir schätzen die freundschaftlichen Beziehungen zur anhaltischen Landeskirche und möchten uns gerne zusammen für Frieden und gegenseitige Toleranz einsetzen.« Er wies auf die Bedeutung des Reformationsjubiläums auch für die jüdischen Gemeinden hin. Bei einer Tagung 2017 Jahr sollten Luthers Beziehungen zu den Juden noch einmal genau untersucht werden.

Das 500. Reformationsjubiläum spiegelt sich auch im Haushalt für das nächste Jahr wider. So stellt die Landeskirche Anhalts 90 000 Euro dafür ein – als hohe, aber notwendige Ausgaben. Aber auch aufgrund steigender Personal- und Verwaltungskosten in den vier evangelischen Schulen in Anhalt sind 92 000 Euro zusätzlich eingeplant. Insgesamt liegt das Volumen des landeskirchlichen Haushaltes bei 17,03 Millionen Euro. Er liegt damit nur knapp unter dem Ergebnis von 2015 (17,10 Millionen Euro) und mit 600 000 Euro (rund 3,5 Prozent) über dem Ansatz von 2016. Finanzdezernent Rainer Rausch geht von stabilen, jedoch nicht deutlich steigenden Einnahmen aus. »Wir haben vorsichtig geplant«, sagte er. Die Kirchensteuern würden 2017 nicht mehr steigen. Aus dem EKD-Finanzausgleich bekommt die Landeskirche Anhalts mit ihren derzeit 34 500 Mitgliedern 4,27 Millionen Euro. Bei den Einnahmen aus Ländereien und den Staatsleistungen gebe es »berechenbare Einnahmesteigerungen«.

Weil auch im Jubiläumsjahr der Reformation an den Kirchen in Anhalt gebaut wird und gebaut werden muss, beschloss die Landessynode Beihilfen in Höhe von 300 000 Euro. Zusätzlich stehen 100 000 Euro für Nothilfen zur Verfügung. Das Engagement der Kirchengemeinden wird auch 2017 mit dem Programm »Aus 1 mach 2« unterstützt: Alle Privatspenden für angemeldete und kirchenaufsichtlich genehmigte Projekte können damit verdoppelt werden. Dafür steht jetzt ein erweiterter Fonds in Höhe von 70 000 Euro zur Verfügung.

Angela Stoye

Advent: Wenn aus Liebe Leben wird

27. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.

Sacharja 9, Vers 9

Und dann ist es da! Endlich ist es geschafft! Unheimlich anstrengend und kräftezehrend, die halbe Nacht hat es gedauert, aber dann ist es da. Einfach so. Der Schmerz ist vorbei. Ein neuer Mensch wurde geboren. Das Leben auf der Erde beginnt. Während der Momente einer Geburt ist wahres Glück zu spüren. Wenn Mutter und Kind wohlauf sind, gibt es nichts Schöneres im Leben. Unbeschreiblich, dies alles hautnah mitzuerleben.

Die Veränderungen, die die Geburt eines neuen Erdenbürgers mit sich bringen, sind für die engsten Beteiligten umfassend und dauerhaft. Aus Liebe wird Leben; aus Mann wird Vater; aus einem Paar wird eine Familie. Die Geburt eines Kindes ereignet sich sekündlich in unserer Welt. Die Schwangerschaft, die vor jeder Geburt steht, ist ebenfalls sehr aufregend; es ist eine Zeit des Wartens.

Der Beginn des neuen Kirchenjahres ist ebenfalls vom Warten auf eine Geburt geprägt. Im Advent, der mit dieser Woche beginnt, denken wir an das Warten der Welt auf die Geburt unseres »Königs«, so wie es uns im Buch des Propheten Sacharja angekündigt wird. Was erwarten wir dieses Jahr von dieser Geburt? Was soll dieser »König« in diesem Jahr zu uns Menschen bringen? Immer wieder denken wir an diese Geburt, die für uns Menschen so viel gebracht hat. Ja, was eigentlich? Was hat dieser sogenannte König schon alles mitgebracht? »Ein Gerechter und ein Helfer« soll er sein.

Wo ist unsere Welt ungerecht, wo ist Hilfe nötig? Ein Tagestreff der Caritas in meiner Nachbarschaft führt es mir täglich vor Augen. Bedürftige Menschen aus Erfurt bekommen Tee, Suppe, Kleider sowie Beratung in Schwellen- und Konfliktsituationen. Aber nicht nur das. Dieser Ort ermöglicht auch Gemeinschaft mit anderen Menschen unabhängig von Alter, Hautfarbe, Geschlecht, Religion und sozialer Herkunft. Für diese Angebote bin ich dankbar, dass es sie gibt, dass der »König« sie mitgebracht hat. Wo wird er noch mit seiner Hilfe und Gerechtigkeit wirken? Welche Orte werden wir finden?

Philipp Gloge

Tiervater und Vogelpastor

26. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Auf einem Hügel im ostthüringischen Renthendorf liegen das Pfarrhaus, die Wirkungsstätte von Christian Ludwig Brehm (1787–1864), das Wohnhaus seines Sohnes Alfred Edmund Brehm (1829–1884), die Kirche und der Friedhof mit den Grabstätten der Familie eng beieinander. Seit Jahren wird das historische Ensemble Stück für Stück restauriert.

Als der Biologe Jochen Süss die Leitung der Brehm-Gedenkstätte 2012 übernahm, waren Gebäude und Sammlung in einem äußerst desolaten Zustand. Er suchte und fand Verbündete für die anspruchsvolle Aufgabe, alles wieder so herzurichten, wie es Alfred Brehm verlassen hat. »Ich schwimme heute auf einer Woge des Glücks«, sagt Süss und strahlt. Gerade hat die Reemtsma Stiftung aus Hamburg geschrieben und ihren Beschluss mitgeteilt, das Projekt in den kommenden beiden Jahren weiter zu unterstützen – ein Signal auch für andere Geldgeber, darunter Land und Bund. Damit ist gesichert, dass das Wohnhaus des großen Tierforschers 2018 eröffnet werden kann.

Der Leiter der Brehm-Gedenkstätte, Professor Jochen Süss, ist kurz vor dem Ziel: der Wiedereröffnung des Wohnhauses des großen Zoologen. – Foto: Doris Weilandt

Der Leiter der Brehm-Gedenkstätte, Professor Jochen Süss, ist kurz vor dem Ziel: der Wiedereröffnung des Wohn- hauses des großen Zoologen. – Foto: Doris Weilandt

Die Bauarbeiten in dem schlichten Ziegelhaus laufen auf Hochtouren. Um einen möglichst originalen Eindruck herzustellen, darf es weder sichtbare Lichtschalter noch Heizkörper geben. »Wir wollen keine Kompromisse«, erklärt Süss das Konzept. Alfred Brehm hat im ehemaligen Haus seiner Mutter Bertha viel Zeit verbracht. Für ihn war Renthendorf Rückzugsort von seinen Reisen und der Arbeit als Zoodirektor in den Großstädten Hamburg und Berlin. In der beschaulichen Stille des elterlichen Gründstücks konnte er seinen Forschungen nachgehen. Sein Schreibtisch und andere Möbel sind bereits vom Restaurator zurück und warten auf ihren ursprünglichen Platz.

Mit viel Liebe hat Brehm einen Garten angelegt, dessen Herzstück Rosensträucher bildeten. Aus Unterlagen weiß das Museum, welche Sorten in Bad Köstritz angekauft wurden. Aus einer dort ansässigen Gärtnerei, die solche alten Rosen züchtet, sollen die Neupflanzungen kommen, mit denen die historische Anlage nachempfunden wird. Auf dem Plan, der in der Gedenkstätte gezeigt wird, ist auch ein nach mittelalterlichem Vorbild angelegter Kräutergarten zu erkennen.

Zu den besonders wertvollen Beständen des Museums gehört eine Büchersammlung, die 18000 Bände umfasst, eine Sammlung historischer Fotografien, 2 300 Autografen und Tierpräparate. Von den ehemals tausenden Vogelbälgen, die Pfarrer Christian Ludwig Brehm als leidenschaftlicher Ornithologe in 50 Jahren präparierte, sind wenige in Renthendorf verblieben. Die Sammlung wurde bereits im 19. Jahrhundert nach London, später von dort nach New York und ein Teil schließlich an das Forschungsmuseum Koenig in Bonn verkauft. »Er hat Serien gesammelt: Sperlinge, Wanderfalken, Kuckucke, die heute noch in Bezug auf Biodiversität und Ökologie für die Wissenschaft interessant sind«, erzählt Süss. Brehm belegt damit den Variantenreichtum der einheimischen Vogelwelt. Bei jedem Tier »sieht unser hellgewordener Blick auch in dem Unbedeutenden und scheinbar Verworrenen die unendliche Weisheit des Höchsten«. Das Konzept für die neue Brehm-Gedenkstätte, die Vater und Sohn gerecht werden soll, geht vor allem der Frage nach, welche großen Gedanken von Renthendorf in die Welt gegangen sind: das Verhältnis Tier – Mensch und Naturschutz. Es wird aber auch kulturgeschichtliche Abteilungen geben wie die »Bedeutung der Pfarrhäuser im 19. Jahrhundert«. Christian Ludwig Brehm war nicht der einzige Seelsorger, der sich mit profunder Kenntnis natur- oder geisteswissenschaftlichen Forschungen widmete.

In den nächsten Wochen wird die »Alfred Edmund und Christian Ludwig Brehm Stiftung« gegründet, um die Gedenkstätte auf eigene Füße zu stellen. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland bringt das Pfarrhaus und die dazu gehörende Scheune ein, die Gemeinde das Wohnhaus und über 50 Stifter das Kapital. Mit der Nutzung des Gesamtensembles erweitert sich Renthendorf vom »Mekka der Ornithologie« zu einem Pilgerort für alle Naturinteressierten.

Doris Weilandt

Kleiner Adventsmarkt »Abend im Advent bei Familie Brehm«: 10. 12., ab 16 Uhr, Brehm-Gedenkstätte in Renthendorf

8 geben

26. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Das sieht auf den ersten Blick komisch aus: »Wir geben 8 aufs Wort«, so lautet der Slogan der Verwertungsgesellschaft Wort, die die Urheberrechte von Au­toren schützt. Achtgeben auf das geschriebene oder gesprochene Wort ist das eine, miteinander achtsam umgehen, vom anderen her denken, das andere.

Um scheinbar falsch verstandene Rücksichtnahme geht es auf unserer letzten Seite. Selten bekamen wir so viele Reaktionen auf ein Thema. Der Besuch deutscher Bischöfe auf dem Tempelberg in Jerusalem ohne ihr Bischofskreuz erhitzt die Gemüter. Fehlender Mut oder Achtsamkeit? Trotz der vielfach geäußerten Enttäuschung von der Kirchenleitung stelle ich bei den Leserbriefen einen achtsamen Umgang mit den Worten fest – im Gegensatz zu Kommentaren, die in sozialen Medien im Internet verbreitet werden.

Als Christen können und sollen wir lebhaft und kontrovers miteinander diskutieren. Jüngst erlebt, bei den Synodentagungen in Erfurt und Dessau-Roßlau. Nirgends lese ich in der Bibel, dass Christen einer Meinung sein müssen. Schon eher eines Sinnes. »Habt Salz in euch und haltet Frieden untereinander«, heißt es im Markus-Evangelium. Das ist die Spannung, in der wir leben. Kon­troversen respektvoll austragen, im Geist des Glaubens.

Menschen, die miteinander beten und Lieder singen, können in der Sache streiten, aber gehen meistens achtsam miteinander um. Unser Leserforum und die Herbsttagungen der Kirchenparlamente sind für mich beredte Beispiele zu unserem Adventsthema »Achtsamkeit«.

Und noch etwas gehört dazu: Landesbischöfin Ilse Junkermann begrüßt bei öffentlichen Anlässen die Anwesenden »unterschiedlicher Ehre, aber gleicher Würde«.

Bleiben Sie achtsam! Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Adventszeit.

Willi Wild

Die (h)eilige Adventszeit

25. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Achtsamkeit ist das Thema unserer Adventsserie.
Zum Auftakt geht es um Ungeduld und erfülltes Warten.

Vielleicht kennen Sie das: Im Kalender steht eine Verabredung mit einer alten Freundin, einem alten Freund. Eine lange Zeit ist seit dem letzten Treffen vergangen. Sie versuchen, pünktlich zu sein und fahren schnell, schaffen es gerade noch so. Und dann – passiert endlose Minuten lang nichts. Warten, warten, warten. Warten ist in solch einer Situation für mich alles andere als angenehm. Wenn ich in mich hineinspüre, dann merke ich hinter dem vordergründigen Unmut eine große Angst, im Warten vergessen zu werden – nicht zu zählen und für andere nicht wichtig zu sein.

Eigentlich steht Advent für Ruhe und erfülltes Warten, doch viele beklagen den Vor-Festtagsstress: Eilende Passanten an der Marktkirche Hannover. – Foto: epd-bild/Harald Koch

Eigentlich steht Advent für Ruhe und erfülltes Warten, doch viele beklagen den Vor-Festtagsstress: Eilende Passanten an der Marktkirche Hannover. – Foto: epd-bild/Harald Koch

Warten kann sich aber auch ganz anders anfühlen. Ich erinnere mich an eine Situation des letzten Winters. Ich stehe am Bahnhof und warte auf den Zug zu einer Dienstreise. Nach der ersten, zweiten, dritten, vierten Durchsage auf dem zugigen Bahnsteig ist klar: Heute komme ich nicht mehr weg, die Züge fahren einfach nicht. Und plötzlich liegt der Rest des Tages wie ein leeres Blatt vor mir. Ein Geschenk, so fühlt es sich an, völlig unerwartete Zeit, die ich füllen kann. Was möchte ich machen? Was ist mir wirklich wichtig? Meine Mutter besuchen? Die Kinder ganz früh aus der Kita und dem Hort abholen und den Nachmittag mit den Dingen verbringen, für die wir sonst oft keine Zeit finden? Oder vielleicht doch endlich einmal alleine sein? Ins Schwimmbad gehen, Bahn für Bahn schwimmen und für eine Stunde nur bei mir selbst sein? Gerade wenn die Adventszeit naht, denke ich oft darüber nach, was Warten mit mir macht. Warum manchmal so viel Ungeduld, Wut und Trauer im Herzen entstehen, wenn ich warte. Und manchmal eben auch pure Lebensfreude aus diesen Momenten erwächst. Das Warten im Advent ist für mich ein ganz besonderes Warten. Ich möchte aufmerksam in mich hineinspüren und mich fragen, was mir selbst in diesen Tagen wichtig ist. Achtsam schauen, was Advent mir selbst bedeutet, was mich in dieser Zeit im Herzen berührt.

Vor Kurzem hatte ich ein erhellendes Erlebnis. In einer Fortbildung mit Erzieherinnen und Erziehern frage ich die Einzelnen, was für sie selbst in der Adventszeit wichtig ist. Sie sagen so etwas wie: »dass ich mit der Familie zusammen bin«, »dass es gemütlich ist … und besinnlich … und ruhig«, »dass es um etwas anderes geht als Kommerz und Geschenke«.

Und dann frage ich, wie sie es tatsächlich in ihrem eigenen Alltag erleben. Die Antwort: Ein amüsiertes und bedrängtes Lächeln – ganz anders. Bei der Arbeit in Kitas und Gemeinden ist die Adventszeit fast die schlimmste »Schneller-höher-weiter-Zeit« des Jahres. Jeder soll bebastelt, besungen, beweihnachtsfeiert werden. Da ist für vieles Zeit – nur nicht für Ruhe, Zeit, Nähe oder erfülltes Warten. Auch mir geht es so, und Ihnen vielleicht ja auch.

Angestoßen von dieser Erfahrung, nehme ich mir für die kommende Adventszeit eine Übung, ich könnte auch sagen einen Trick, vor: Ich stelle mir vor meinem inneren Auge ein Bild vor, das ich selbst tatsächlich gesehen und erlebt habe. Eine Situation, die in ihrem Kern alles birgt, was Advent für mich ist.

Für mich ist das der Moment, in dem ich zusammen mit den Kindern den Kirchturm einer Kirche besteige. Einmal in der Adventszeit machen wir das: Hoch auf den Turm, so viele Stufen, um dann endlich oben anzukommen. Den Wind fühlen, die Dunkelheit, und wie der Turm sich scheinbar in sich bewegt. Und dann: hinunterschauen, auf den »Weihnachts«-Markt, die Lichter und Karussells. Die Geräusche kommen nicht bis nach oben. Gucken und staunen, herausgelöst sein, zusammensein. Ein paar Sekunden rufe ich das Bild in mir wach und spüre es in mir. Und weiß: Genau darum geht es. Das ist Advent.

Simone Wustrack

Die Autorin ist Dozentin am Pädagogisch-Theologischen Institut der EKM in Drübeck.

»Wir sind mittendrin in dieser Geschichte«

21. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Wanderausstellung »Kinder im Exil« einst und heute ist bis Januar im Zerbster Rathaus zu sehen

Ist ein Flüchtling jemand, der von zu Hause hat weggehen müssen?«, fragte Anna. »Jemand, der in einem anderen Land Zuflucht sucht«, sagte Papa. So schreibt es Judith Kerr in ihrem 1973 erschienenen Roman »Als Hitler das rosa Kaninchen stahl«. Die Anna ist sie selbst, Max im Buch ihr Bruder Michael. Beide, die Kinder des Theaterkritikers Alfred Kerr und der Komponistin Julia Kerr, waren Kinder im Exil.

Blick in die Ausstellung, die aus Berlin nach Zerbst »gewandert« ist. Foto: Helmut Rohm

Blick in die Ausstellung, die aus Berlin nach Zerbst »gewandert« ist. Foto: Helmut Rohm

Davon erzählt die autobiografische Geschichte. Und das Schicksal der Familie ist eines, das sich in der Ausstellung »Kinder im Exil« der Akademie der Künste Berlin findet. Sie ist jetzt im Zerbster Rathaus zu sehen. Die Präsentation ist Teil des Vermittlungsprogramms »Kunstwelten« der Akademie in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld, das in diesem Jahr erstmals auch mit mehreren Projekten in Zerbst stattfindet. Eröffnet wurde die Ausstellung am 10. November, jenem Tag, an dem Zerbst jedes Jahr der vertriebenen und ermordeten Opfer der jüdischen Gemeinde, der Auslöschung des jüdischen Lebens in der Stadt gedenkt.

»Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, waren viele antifaschistische Künstler schon so gefährdet, dass sie sofort auf die Flucht gehen mussten«, so Kuratorin Gesine Bey bei der Eröffnung. »Viele waren jüdischer Herkunft. Diese Familien waren mehrfach der Verfolgung ausgesetzt. Ihre Kinder nahmen sie mit. Sie wurden von Freunden nachgebracht oder vorausgeschickt.« Die Kinder seien nach oft zwölf Jahren im Exil in den Ländern geblieben, in denen sie ihre Jugend verbrachten, deren Sprache sie sprachen. Nur wenige seien nach dem Krieg mit ihren Eltern nach Deutschland zurückgekehrt.

Das Material zur Ausstellung kommt aus dem Akademie-Archiv, aus Nachlässen von Malern, Schauspielern, Schriftstellern und Musikern. Bilder, Texte und Dokumente berichten aus dem Leben von 26 »Kindern im Exil« zwischen 1933 und 1945. Authentische Zeugnisse ergänzten autobiografische Bücher, so Gesine Bey, oder geben Auskunft, wie sich das Exil für die Kinder anfühlte, in den Fällen, wo es diese Autobiografien nicht gibt. Dargestellt sind zum Beispiel die Schicksale von Eva und Peter Dessau, George Herzfelde, Barbara und Stefan Brecht oder Ruth und Pierre Radvanyi.

In einem zweiten Teil beschäftigt sich die Ausstellung mit Kunstwelten-Projekten von Künstlern und Kindern zum Thema Exil, die seit Herbst 2015 stattgefunden haben. »Hier geht es um ein Thema, das nicht Jahrzehnte hinter uns liegt«, betont der Zerbster Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD) bei der Eröffnung. »Wir sind mittendrin in dieser Geschichte, es ist nur ein anderer Krieg, der dahintersteckt.«

Helmut Rohm

Die Ausstellung ist bis zum 19. Januar zu den Sprechzeiten der Verwaltung im Saal des Zerbster Rathauses, Schloßfreiheit 12, zu sehen.

www.stadt-zerbst.de

Dauerbrenner ist die Bibel

21. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Altenburg: Christliche Buchhandlung mit Deutschem Buchhandlungspreis geehrt

Unter den 118 Preisträgern, die in Heidelberg mit dem Deutschen Buchhandlungspreis 2016 des Bundesministeriums für Kultur und Medien ausgezeichnet worden sind, befindet sich die Christliche Buchhandlung »Buch und Kunst« in Altenburg. Ihr Inhaber Andreas Hessler konnte die Jury mit seiner individuellen Geschäftsphilosophie überzeugen und darf sich fortan mit dem Titel »Hervorragende Buchhandlung« schmücken, verbunden mit einem dotierten Gütesiegel und einem Preisgeld.

Wer das gegenüber der Brüderkirche gelegene Geschäft betritt, findet neben christlicher und theologischer Literatur Fach- und Sachbücher, Biografien, Belletristik und Lyrik in den Regalen. Lehrreiche Kinderbücher, regionale Publikationen und Devotio­nalien runden das Angebot ab. Die sogenannten aktuellen Bestseller sucht man allerdings vergebens, wobei die Nachfrage auch nicht vorhanden sei, so der Inhaber, der seine eigene Bestsellerliste hat. Dauerbrenner seien unter anderem die neuen Bibelausgaben für beide Konfessionen, das evangelische und katholische Gesangbuch und im Hinblick auf das Reformationsjubiläum viele Neuerscheinungen. Zur Stammkundschaft gehören Pfarrer, die schon in der DDR hier ihre theologische Literatur erwarben. »Als Christ und Buchhändler bin ich dankbar, das Evangelium so verbreiten zu können«, betont der 69-Jährige.

Zur Stammkundschaft von Andreas Hessler gehört auch Claudia Kupsch, die auf der Suche nach einem Geschenk ist. Foto: Ilka Jost

Zur Stammkundschaft von Andreas Hessler gehört auch Claudia Kupsch, die auf der Suche nach einem Geschenk ist. Foto: Ilka Jost

1982 übernahmen Christine und Andreas Hessler das Geschäft von Siegfried Reischel, der dieses 1948 als christliche Versandbuchhandlung eröffnet hatte. »Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie schwierig es damals war, einen Gewerbeschein zu bekommen. Die örtlichen Organe und der Kreistag waren fest entschlossen, die Christliche Buchhandlung zu schließen. Letztendlich konnte dies durch die Fürsprache unseres damaligen Landesbischofs verhindert werden«, blickt er auf die schwierige Anfangszeit zurück. In den 1990er-Jahren bildete das Buchhändlerehepaar zwei Lehrlinge aus, darunter die eigene Tochter. Da der Vorgängerbau am Standort sehr klein und bereits einsturzgefährdet war, entschloss sich die Familie zum Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses, das 1994 eröffnet wurde.

Heute bietet die Christliche Buchhandlung »Buch und Kunst« 160 Quadratmeter Verkaufsfläche auf zwei Etagen. Oben befindet sich eine gemütliche Kinderbuchabteilung mit Leseecke, wo gern mal über Gott und die Welt sinniert und diskutiert wird. Seine Buchhandlung sei schließlich auch ein Ort der Kommunikation und kultureller Treffpunkt in schwierigen Zeiten, so Hessler, für den nicht ausschließlich der ökonomische Erfolg, sondern vor allem Herzlichkeit und familiäre Atmosphäre im Mittelpunkt stehen.

Dass eines der beiden Kinder das Geschäft übernehmen wird, ist unwahrscheinlich, denn diese haben ihren Lebensmittelpunkt fernab Altenburgs gefunden. Vielleicht kann sich aber einer der fünf Enkel dafür begeistern. Schon jetzt sind diese bei Besuchen in Altenburg am liebsten zwischen den Regalen anzutreffen, um beim Auspacken der Bücher zu helfen oder darin zu stöbern.

Ilka Jost

www.andreas-hessler.com

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