»… da komm ich her!«

28. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Der 1990 gestohlene und 2012 auf einem Berliner Trödelmarkt wiederentdeckte Taufengel der Schlosskirche von Ilsenburg schmückt frisch restauriert die dortige Marienkirche.

Als die drei als Engel gekleideten Mädchen die Schleife lösten und das Tuch abnahmen, ging ein Raunen durch die versammelte Gemeinde. Zum Vorschein kam ein frisch restaurierter, leuchtender Tauf­engel, der am 1. Advent in der Marienkirche von Ilsenburg im Kirchenkreis Halberstadt nach der Enthüllung zur Decke emporschwebte. »Für die alten Ilsenburger war das besonders bewegend«, sagt Peter Müller. Nicht nur der Pfarrer aus der Harzstadt ist froh, dass mit einem festlichen Nachmittag eine jahrzehntelange Geschichte ein schönes Ende fand.

Der um das Jahr 1695, wahrscheinlich von Bastian Heidekamp, angefertigte Engel gehörte zusammen mit einigen anderen in die Ilsenburger Schlosskirche, die einstige romanische Klosterkirche St. Peter und Paul. In den 1950er-Jahren stand er zeitweilig auf dem Dachboden, wo ihn Walter Bolze, Leiter der Halberstädter Außenstelle des Kirchlichen Bauamtes, fotografierte. Da fehlten dem Engel schon die Flügel. Auch die Taufschale, die er einst in seiner rechten, vorgestreckten Hand hielt, war weg. Unzweifelhaft gibt das Schwarz-Weiß-Foto wieder: das freundliche, von Locken umrahmte Gesicht, das faltige Obergewand, die antikisierenden Schuhe und das mit Blumen bemalte Untergewand.

Der Taufengel erstrahlt in neuem Glanz.

Der Taufengel erstrahlt in neuem Glanz.

»Das ist schon etwas Besonderes«, sagt Kirchenkonservatorin Dr. Bettina Seyderhelm (Magdeburg). Insgesamt gebe es in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland nur noch drei Engel mit einem ähnlich bemalten Gewand. Einer davon ist der aus Schwanebeck bei Halberstadt, der sich heute in Neustadt im Kirchenkreis Südharz befindet.

Die Geschicke des Engels sind eng mit der Schlosskirche verknüpft. Die Kirchengemeinde, der sie gehörte, durfte sie 1967 zum letzten Mal benutzen und musste sie danach an den Staat verkaufen. Das Inventar blieb aber zu allen Zeiten ihr Eigentum. Nur einmal im Jahr durfte die Gemeinde von da an das Gebäude betreten und nach dem Rechten sehen. Der Engel wurde in den 1980er-Jahren noch einmal in einem Vertrag genannt und um die Wendezeit gestohlen.

Im März 2012 entdeckte der Restaurator Dirk Jacob die etwa 1,50 Meter hohe Figur in Berlin auf einem Antik- und Trödelmarkt und verständigte die Magdeburger Kunstreferentin. In Zusammenarbeit der Polizei in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen wurde dann der Engel bei einem Kunsthändler in Hannover sichergestellt und später, nachdem er eindeutig als Eigentum der Ilsenburger Kirchengemeinde identifiziert worden war, der Landeskirche übergeben. Dabei war das Buch »Taufengel in Mitteldeutschland. Geflügelte Taufgeräte zwischen Salzwedel und Suhl« sehr hilfreich, in dem auch alle »verlorenen Engel« verzeichnet sind.

Nach Jahrzehnten auf dem Dachboden und anschließend in vermutlich sehr trockener Umgebung war der Engel in einem traurigen Zustand. Die originale barocke Farbfassung war an vielen Stellen ausgebrochen und Risse zogen sich durch das darunter sichtbar gewordene Holz. 6 000 Euro waren für die Restaurierung notwendig. 5 000 übernahm die Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut, der Rest stammt aus Spendenmitteln. Restaurator Dirk Jacob gab dem Engel im Zuge seiner Arbeiten zusammen mit einem Bildhauer auch Flügel und Taufschale zurück.

Mit Beginn des neuen Kirchenjahres ist der Taufengel in Ilsenburg zurück – aber nicht in der Schloss-, sondern in der Marienkirche. Hier schwebt er, in sicherem Abstand vor der Wärmestrahlung der neuen Deckenheizung, und lächelt den Besuchern zu. Auch künftig wird die Kirchengemeinde für Taufen das Taufbecken benutzen. »Aber der Engel hängt in der Nähe und wird jede Taufe von seinem Platz aus ›beobachten‹«, schmunzelt Pfarrer Müller.

Angela Stoye

Advent heißt Ankunft

27. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Kirche am Gleis: Die Bahnofsmission in Halle wird 25 Jahre

Die Bahnhofsmission in Halle feierte in diesen Tagen ihren 25. Gründungstag. Seit 1991 haben die Haupt- und Ehrenamtlichen über 900 000 Mal Menschen geholfen.
Der Wind pfeift eisig durch die Bahnsteighalle. Bellal zieht die schwarze Mütze weiter über die Ohren, strafft die Handschuhe. Es ist ein kalter Dienst an jenem trüben, diesigen Sonntagvormittag im Dezember auf dem Hauptbahnhof von Halle.

»Wir schauen, wer Hilfe braucht«

Bellal ist seit drei Monaten immer wieder hier – er ist ehrenamtlicher Helfer bei der Bahnhofsmission. Der junge Afghane ist an diesem Tag mit Steffen Hoehl, dem stellvertretenden Leiter der Mission, auf den Bahnsteigen, der Kuppelhalle und der Unterführung unterwegs. »Wir schauen, wer Hilfe braucht«, sagt Steffen Hoehl. Als die S-Bahn aus Leipzig mit Verspätung einfährt, ist es zum Beispiel eine Mutter mit zwei kleinen Kindern. Schweres Gepäck aus dem Zug wuchten, bei den Fernzügen älterer Modelle den Reisenden helfen, die Stufen unfallfrei herunterzukommen, alleinreisende Kinder und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen begleiten, Wege weisen, Orientierung geben, ein Lächeln schenken, aufmerksam sein. Das ist ein Aufgabenfeld der Bahnhofsmission, die vor 25 Jahren gegründet worden ist.

Mehr als 900 000 Mal im Einsatz für Menschen

Die Einrichtung zählt damit zu den ältesten ihrer Art in Sachsen-Anhalt. Sie wurde am 20. Dezember 1991 von der katholischen und evangelischen Kirche ins Leben gerufen. Seitdem wurden mehr als 900 000 Kontakte gezählt. Inzwischen ist der evangelische Kirchenkreis Halle-Saalkreis der alleinige Träger. Er finanziert zwei Stellen: Heike Müller als Leiterin und Steffen Hoehl als ihr Stellvertreter sind zwei Hauptamtliche unter rund 20 Ehrenamtlichen. Unterstützung kommt auch von der Stadt Halle, sie finanziert die Frühstücksversorgung – das zweite Aufgabenfeld der Bahnhofsmission.

Einen Schritt schneller sein – das ist das Leitbild der Haupt- und Ehrenamtlichen der Hallenser Bahnhofsmission. Sie haben einen wachen Blick dafür, wo die Menschen beim Ein-, Aus- und Umsteigen Hilfe benötigen. Hier sind Steffen Hoehl und der junge Afghane Bellal beim Außendienst an Gleis 2. Foto: Katja Schmidtke

Einen Schritt schneller sein – das ist das Leitbild der Haupt- und Ehrenamtlichen der Hallenser Bahnhofsmission. Sie haben einen wachen Blick dafür, wo die Menschen beim Ein-, Aus- und Umsteigen Hilfe benötigen. Hier sind Steffen Hoehl und der junge Afghane Bellal beim Außendienst an Gleis 2. Foto: Katja Schmidtke

Denn die Räumlichkeiten im hinteren Seitenflügel des Bahnhofs sind auch Anlaufpunkt für sozial benachteiligte und einsame Menschen. Draußen auf der Fensterbank stehen Blumenkästen mit Heidekraut, im Fenster hängt weihnachtlicher Schmuck, drinnen sind die Tische sauber und liebevoll eingedeckt, mit Blumen und Deckchen, die Kaffeemaschine blubbert, es ist gemütlich warm. »Wir sind bemüht, hier mit jedem verantwortungsbewusst und respektvoll umzugehen. Das fängt bei einem ordentlich gedeckten Tisch an«, sagt Heike Müller. Sie leitet die Bahnhofsmission seit 17 Jahren.

Was hat sich in dieser Zeit verändert? Es kommen viel mehr psychisch kranke Menschen, bilanziert die ausgebildete Sozialarbeiterin. Lange Arbeitslosigkeit, aber auch der Missbrauch von Alkohol und anderen Drogen mache die Menschen krank. Es sind hauptsächlich Männer. Die meisten müssen mit einer schmalen Rente auskommen, aber es gibt auch andere Fälle. Bedürftigkeit ist heute ein vielschichtiges Problem, es betrifft längst nicht nur alte oder obdachlose Menschen. »Im Moment kommen auch viele junge Erwachsene, die haben oft schon abgeschlossen, können nicht, wollen nicht. Das macht nachdenklich«, sagt Heike Müller. Ihr Team will den Besuchern mehr als eine Stulle und einen heißen Kaffee mitgeben. Es soll hier auch um Mitmenschlichkeit gehen, um Höflichkeit, Respekt, um Regeln und Rituale. Hilfe zur Selbsthilfe. »Aber ohne Zeigefinger.«

Jeder Tag beginnt mit einer Geschichte aus dem immerwährenden Kalender »Blätter, die uns durch den Tag begleiten«. Das kann ein Gleichnis sein, ein Vers oder eine Geschichte aus der Bibel. Einmal im Monat bietet Pfarrer Karsten Müller aus der nahen Johannesgemeinde ein Bibelgespräch für die Ehrenamtlichen an. Nicht alle Helfer indes sind konfessionell gebunden oder gläubig. Dass auch zwei, die dem Glauben fernstehen, dennoch regelmäßig zum Bibelkreis kommen, empfindet Heike Müller als wohltuend und anregend. Einmal im Jahr wird, wie am 20. Dezember zur Jubiläumsfeier, in der Bahnhofshalle ein Gottesdienst gefeiert, meist im Frühling. Zudem hält Pfarrer Müller am Heiligen Abend, 13.30 Uhr, eine Andacht.

Zwei Flüchtlinge unter den ehrenamtlichen Helfern

Die Bahnhofsmission lebt von und mit ihren Ehrenamtlichen. Unter ihnen sind viele Rentner, neuestens auch zwei Flüchtlinge: neben dem jungen Mann aus Afghanistan eine aus dem Irak geflohene Christin. Beiden wolle man ein Stück Heimat geben. Heike Müller und ihr Kollege Steffen Hoehl sind zudem immer auf der Suche nach Menschen, die sich engagieren wollen, die ein bisschen Zeit schenken und die Arbeit unterstützen möchten und können. Interessenten durchlaufen fünf Probedienste, sie sollten körperlich und seelisch fit sein, eine gute Kondition bei Hitze und Kälte, treppauf, treppab mitbringen und eine schnelle Auffassungsgabe haben.

Die Bahnhofsmission Halle, die schon einmal von 1946 bis 1956 existierte, ist eine von 103 Einrichtungen deutschlandweit. In Sachsen-Anhalt existiert die »Kirche am Gleis« neben Halle auch in Magdeburg, Halberstadt, Stendal, Bitterfeld und Dessau. In Thüringen gibt es keine Bahnhofsmission. Erst vor wenigen Wochen ist ein Verein zur Förderung der Bahnhofsmissionen in Deutschland gegründet worden.

Katja Schmidtke

www.bahnhofsmission.de

Wenn die Kirche aus allen Nähten platzt

26. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Bergweihnacht mit den »Rühler Lütern«: Die dritte Auflage der Idee von Ziegen-Alm-Öhi ist in Ruhla ein echter Renner geworden.

Ruhlas St.-Concordia-Kirche ist eine der wenigen noch original erhaltenen Winkelkirchen in Deutschland. Der dort tätige evangelische Pfarrer Gerhard Reuther sorgt mit kulturellen Angeboten dafür, dass sie nicht nur an besonderen Festtagen gut besucht ist. Zur Bergweihnacht aber standen und saßen Menschen, dicht an dicht gedrängt, sogar in Gängen.

Die »Rühler Lüter« sind einer der Hauptakteure dieses Events im Zwei-Jahres-Rhythmus, das nun zum dritten Mal aufgeführt wurde. Die Veranstaltung war zugleich das 16. geöffnete Türchen des »Lebendigen Adventskalenders« der Kirchengemeinde in der Bergstadt im nordwestlichen Thüringer Wald.

Die Idee für diesen besonderen Abend, der so viel Bodenständigkeit beinhaltet, stammt von dem singenden Wirt der Ruhlaer »Geißen Alm«, Dieter Koch. Er veranstaltete viele Jahre lang in seinem Gasthaus, genauso wie seine Kollegen von der »Ruhlaer Skihütte«, Adventssingen mit Zitherbegleitung. Aufgrund der großen Nachfrage reichten die örtlichen Platzverhältnisse aber dort nicht mehr aus. Und so entstand vor sechs Jahren die Idee, das Ganze in die Concordia-Kirche zu bringen.

In diesem Jahr jedoch schien auch diese vor Menschen zu bersten, obwohl beide Flügel geöffnet waren. Nicht nur ein großer, geschmückter Lichterbaum, der Adventskranz auf dem Taufstein und die vom Kerzenschein in warme Farben getauchte Kanzel sorgten für ein besonders festliches Ambiente. Die Bläser der Erbstromtal Musikanten, die davor platzierten Zitherspieler Horst und Andreas Seyfried mit dem singenden Wirt und seiner Tochter Katrin, zwei Gitarren- und eine Akkordeonspielerin rundeten das Bild ab. An der Orgel saß begabter Nachwuchs, der 13-jährige Silvo Slotosch.

Das Arnstädter Bierfass fehlte nicht: Die »Rühler Lüter« halten die Erinnerung an die besonders läutebegabten Ruhlaer Burschen des 18. Jahrhunderts wach. Fotos: Susanne Reinhardt

Das Arnstädter Bierfass fehlte nicht: Die »Rühler Lüter« halten die Erinnerung an die besonders läutebegabten Ruhlaer Burschen des 18. Jahrhunderts wach. Fotos: Susanne Reinhardt

Die »Rühler Lüter« in ihrer farbenfrohen Tracht stimmten die Kirchenbesucher gesanglich ein. Auch moderne Interpretation von Weihnacht fehlte neben den heimatverbundenen Darbietungen nicht. Dafür sorgte ein Vater mit seinen drei Buben. Früher, so meinte der Geißen-Alm-Wirt, der mit seiner sonoren Stimme seine Tochter als Sopranistin bei weihnachtlichen Liedern aus ganz Europa begleitete und gleichzeitig durchs Programm führte, habe man manchmal überlegen müssen, ob man die Kirche überhaupt noch brauche. Heute aber könnte man durchaus überlegen, ob man nicht sogar anbauen sollte.

Dabei zeigen die Bergstädter ihre ganz eigene Art, um Traditionen aufrechtzuerhalten. Allein die »Rühler Lüter« als eine der Hauptakteure der Bergweihnacht haben bereits überorts für Aufsehen gesorgt. Es sind die Nachkommen dieser sieben jungen Burschen, denen einst nachgesagt wurde, im Glockenläuten sehr kunstfertig zu sein. Die beiden Hälften der infolge einer Erbteilung zu Herzogszeiten mit zwei Kirchen ausgestatteten Bergstadt konkurrierten darin.

Als Ruhlaer Messerschmiede 1730 ins brandenburgische Eberswalde auswanderten, sollen ein paar dieser fähigen Glockenläuter mitgelaufen und bis Arnstadt gekommen sein, wo sie Quartier nahmen. Um Kost und Logis bezahlen zu können, boten sie an, kunstfertig die Glocken zu läuten. Mit Erfolg: Auf dem Heimweg, der immerhin noch gleichviel 57 Kilometer zählte, schoben sie ein Fass Bier mit nach Hause, das sie von den Arnstädtern zum Dank erhalten hatten.

Im Jahre 1969 ließen sieben Urgesteine diese Geschichte wieder aufleben. Heute pflegen deren Söhne weiter diese Tradition. Zur Rühler Bergweihnacht sorgten die sieben für den lyrischen Teil des Abends und trugen Ruhlaer Schnorren und Lieder vor.

Als ein besonderer Höhepunkt sollte aber auch das von Katrin Koch gesungene »Ave Maria« in Begleitung des jungen Organisten und das Lied »Ich steh an deiner Krippen hier«, das Pfarrer Reuther als Solist darbrachte, nicht unerwähnt bleiben. Die Kollekte, die zur Bergweihnacht eingesammelt wurde, dient unter anderem der Anschaffung neuer Glocken, denn die heute in einem Glockenhaus neben der Winkelkirche auf dem angrenzenden Friedhof untergebrachten erzeugen nicht mehr den Wohlklang, für den sie einst berühmt waren.

Das ursprüngliche Bronzegeläut war dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen und später durch Stahlgussglocken ersetzt worden. Und an denen nagt inzwischen auch schon kräftig der Zahn der Zeit.

Susanne Reinhardt

Licht der Gemeinschaft

25. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Adventsfenster erleuchten das Flämingdorf Serno

Es ist dunkel. Es ist kalt. Es sind kaum Menschen auf der Straße. Fast keine. Denn einige machen sich an diesem eher unbehaglichen Abend auf, um eine kleine Andacht zu feiern und danach mit ihren Nachbarn zusammen zu sein. Leuchtende Teelichte, Laternen, Kerzen und eine aus Glühlämpchen gestaltete 15 zeigen den Treffpunkt an. »Wir haben uns schon bei Regen und Schnee getroffen«, sagt eine Teilnehmerin. Ein bisschen Kälte schrecke da nicht ab, zum jeweiligen Adventsfester in Serno zu gehen. Zum vierten Mal gibt es diese Aktion in dem 280 Einwohner zählenden Flämingdorf im Kirchenkreis Zerbst, das nahe an der Grenze zu Brandenburg liegt. Reihum machen verschiedene Familien mit, die ein Fenster schmücken, erleuchten, Lieder und Texte auswählen und für eine halbe bis dreiviertel Stunde Gastgeber sind. Das Adventsfenster am Heiligen Abend ist die Kirche.

Hell leuchtet das Adventsfenster für den Nikolaustag, das Familie Tozek gestaltete. Foto: Angela Stoye

Hell leuchtet das Adventsfenster für den Nikolaustag, das Familie Tozek gestaltete. Foto: Angela Stoye

Am 15. Dezember ist das Haus der Familie Antal der Treffpunkt. Unter dem Vordach sind Tisch und Bänke aufgestellt, dampfen Glühwein- und Würstchentopf. Etwa 20 Sernoer finden sich ein, grüßen, kramen ihre – teils vom vielen Benutzen schon zerfledderten – Heftchen »Lieder im Advent« hervor und richten die Lichtkegel ihrer Taschenlampen auf das erste Lied. »Maria durch ein Dornwald ging« und »Es kommt ein Schiff geladen«, haben die Gastgeber, Christine und Michael Antal, ausgewählt, dazu die Weihnachtsgeschichte nach Lukas in Form eines modernen Zeitungsberichtes, der die Zuhörer schmunzeln lässt.

Unter den Gastgebern sind evangelische und katholische Christen ebenso wie Familien, die nicht zur Kirche gehören. Manche machen jedes Jahr mit, manche ab und zu. Auch die Kirchenälteste Margitta Brockhausen ist in diesem Jahr wieder Gastgeberin. »Die Adventsfenster fördern den Austausch unter den Nachbarn«, findet sie. »Um diese Jahreszeit ist jeder nach der Arbeit sonst eher für sich.

Dabei ist Zusammensein so wichtig.« In Serno geschieht das immerhin an anderen Stellen wie dem Heimat- und Traditionsverein, dem Sportverein und der Freiwilligen Feuerwehr. Leider ist es auch hier wie in anderen kleinen Dörfern: die Schule ist geschlossen, Arzt und Einkaufsmöglichkeiten befinden sich im sechs Kilometer entfernten Jeber-Bergfrieden. »Wir wurden angesprochen, ob wir mitmachen«, sagt das katholische Ehepaar Antal und hat sich der Aktion angeschlossen.

Gemeindepfarrerin Karoline Simmering hat die Sernoer Adventsfenster ins Leben gerufen und freut sich über die anhaltende Resonanz. »Jeden Tag beten wir, dass wir mit Gottes Hilfe als Bauleute des Friedens und als Boten der Gerechtigkeit unterwegs sind«, sagt sie. Neuland hat die Pfarrerin mit den Adventsfenstern nicht betreten, sondern diese Art des Zusammenseins in ihren neuen Wirkungskreis weitergetragen. In ihrer vorigen Pfarrstelle Drosa im Kirchenkreis Köthen hat sie 2007 ebenfalls Adventsfenster angeregt. Daraus ist ein schöner Brauch geworden, den die Drosaer bis heute fortführen. Am 16. Dezember war Karoline Simmering wieder einmal dort.

Angela Stoye

Wo ist Gott?

25. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Weihnachtsfrieden in Zeiten des Terrors

Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Vorbei die Besinnlichkeit bei Lebkuchen und Kerzenschein, der unbekümmerte Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, die heitere Gelassenheit am Glühweinstand. Alles zerstört, aus den Träumen der Weihnachtsromantik gerissen. Menschen schreien vor Schmerzen, Blut klebt an zerstörten Buden. Blaulicht und Martinshorn statt Weihnachtsstern und »Stille Nacht«. Das »O du fröhliche« bleibt im Halse stecken und »Friede auf Erden« klingt wie Hohn, angesichts des Schreckens vor der Berliner Gedächtniskirche.

Diese Kirche ist selbst ein Mahnmal, ein Ort der Erinnerung an menschliche Grausamkeit, Krieg, Zerstörung und Leid. Die Inschrift der großen Glocke lautet: »Eure Städte sind mit Feuer verbrannt.« (Jesaja 1,7) »Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird kein Ende haben.« (Jesaja 51,6). Wo sind da, bitteschön, Gerechtigkeit und ewiges Heil?

Mitten hinein wird Jesus geboren, in eine Welt voll Hass und Unfrieden. Das war vor 2 000 Jahren nicht anders als heute. »Euch ist heute der Heiland geboren« – was bedeutet das für eine Gesellschaft, die mehrheitlich nichts mehr mit dem Anlass des Weihnachtsfestes anfangen kann? Wer oder was kann trösten, Ängste nehmen, Hoffnung geben? Das hilflose Kind in der Krippe? Der gekreuzigte Christus?

Mir hilft, dass Gott uns zusagt, nahe zu sein: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet, heißt es in der Jahreslosung 2016. Er steht uns bei, leidet mit uns, teilt unsere Ängste, und er will uns Hoffnung geben. Das Jesus-Baby ist ein Bild dafür. Er legt die Zukunft in unsere Hände. Wir sollen dieses zarte Pflänzchen der Liebe Gottes unter uns aufnehmen.

Gewalt eben nicht mit Gewalt, sondern mit Liebe beantworten. Nur so kann Frieden werden. Gibt es eine Alternative? Alleine schaffen wir das nicht, aber: Der Herr ist nahe! Dieses Versprechen gilt, und die Gewissheit wünsche ich uns allen zum Fest und im neuen Jahr.

Willi Wild

»Vom Himmel hoch …«

25. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Luthers Weihnachtslieder als theologisches Manifest – von Renate Kortheuer-Schüring

Luther selbst musizierte mit Lust. Er schrieb mehr als 30 Kirchenlieder – darunter auch das bekannte Weihnachtslied »Vom Himmel hoch, da komm ich her«.

Aus der Stahlradierung von Carl A. Schwerdtgeburth »Luthers Familie unter dem Christbaum« (1843) scheint dieses Lied förmlich zu leuchten. Luther hatte »Vom Himmel hoch« wohl 1534 zur Bescherung für seine Kinder geschrieben; vielleicht sogar speziell für seine Tochter Margarete, die im Advent geboren wurde. Der Text folgt einem Teil der Weihnachtsgeschichte: Engel, Hirten und letztlich die Gläubigen selbst kommen darin wie in einem Krippenspiel zu Wort, um den neugeborenen Heiland zu verehren.

Dass Luther seinem fünfzehn Strophen umfassenden Gedicht zunächst die Melodie eines Gassenhauers beigab, tat der heiligen Sache keinen Abbruch. Die sogenannte Kontrafaktur war damals verbreitet; neu war es allerdings, weltliche Weisen in geistliche Musik zu transponieren. Dies dürfte – neben dem Buch- und Notendruck – auch dazu beigetragen haben, dass sich die reformatorischen Gedanken so rasch und weit verbreiteten, wie der evangelische Theologe Johann Hinrich Claussen in seiner »Geschichte der Kirchenmusik« schreibt.

»Vom Himmel hoch« ging ursprünglich auf ein mittelalterliches Spielmannslied zurück: »Ich kumm auß fremden landen her und bring euch vil der newen mär«, hieß es, Luther übernahm die erste Strophe mit kleinen Abwandlungen fast komplett. Einige Jahre später komponierte er jedoch noch eine eigene Melodie dazu – diejenige, nach der das Lied bis heute gesungen wird.

Martin Luther im Kreise seiner Familie, singend und Laute spielend, in mittelalterlicher Stube unterm glänzenden Weihnachtsbaum: Das Bild ist eine Ikone des Protestantismus. Auch wenn die Luther-Weihnacht in dieser Form der historischen Realität von 1536 kaum entsprochen hat –  der Christbaum war noch nicht erfunden –, so spiegelt sich in den im 19. Jahrhundert verbreiteten Darstellungen doch ein ganz besonderer Aspekt der Reformation: die Musik wird zur Trägerin der Frohen Botschaft. Repro: epd-bild/akg-images

Martin Luther im Kreise seiner Familie, singend und Laute spielend, in mittelalterlicher Stube unterm glänzenden Weihnachtsbaum: Das Bild ist eine Ikone des Protestantismus. Auch wenn die Luther-Weihnacht in dieser Form der historischen Realität von 1536 kaum entsprochen hat – der Christbaum war noch nicht erfunden –, so spiegelt sich in den im 19. Jahrhundert verbreiteten Darstellungen doch ein ganz besonderer Aspekt der Reformation: die Musik wird zur Trägerin der Frohen Botschaft. Repro: epd-bild/akg-images

Als Luthers theologisch bedeutendster Choral gilt allerdings ein anderes Weihnachtslied. »Nun freut euch, lieben Christen g’mein«, 1523 als Flugblatt veröffentlicht, enthalte in Versen und Tönen Luthers ganzes theologisches Programm, erklärt Claussen. Das heute seltener gesungene zehnstrophige Lied handelt von Gottes Gnade, der Geburt des Erlösers Jesus Christus und der Rechtfertigung des Sünders. Mit der Kernthese, dass der Mensch sein Heil allein aus göttlicher Gnade gewinnen kann und nicht aufgrund eigener Anstrengungen, löste Luther vor 500 Jahren die Reformation aus. Seine Theologie ist den Protestanten allerdings inzwischen fremd geworden, wie Claussen einräumt.

Zur Zeit der Reformation dagegen wurde »Nun freut euch, lieben Christen g’mein« zu einem wichtigen Hymnus. Der »Urkantor« der evangelischen Kirche, der Kirchenmusiker Johann Walter (1496–1570), schrieb, das »Liedlein Lutheri« habe »viel hundert Christen zum Glauben bracht …«, die sonst von dessen Lehre nichts hätten wissen wollen. »Die geistlichen Lieder haben nicht wenig zur Ausbreitung des Evangeliums geholfen«, berichtete der Kantor, der 1525 mit Luther die deutsche Messe entwickelte und das erste evangelische Gesangbuch herausgab. Für viele seien die Lieder Luthers auch Tröster in Todesnot geworden.

In dem bewegten Rhythmus des Weihnachts-Chorals sind Hüpfen und Freudensprünge angedeutet. Zum Singen, Tanzen und Springen angesichts der Frohen Botschaft fordert Luther auch im Text auf: »… lasst uns fröhlich springen, / dass wir getrost und all’ in ein, / mit Lust und Liebe singen.«

An den berührenden Volkston des Lieds »Vom Himmel hoch« reicht der Choral indes nicht heran. Im Lauf der Jahrhunderte griffen viele Komponisten die Melodie dieses »Kinderlieds« auf und verwendeten sie neu, zuerst Johann Sebastian Bach (1685–1750). In seinem berühmten »Weihnachtsoratorium« finden sich allein drei Choräle, die auf Luthers »Vom Himmel hoch« fußen; auch ein Orgelwerk im kontrapunktischen Stil hat Bach dem Lied gewidmet (1748). Felix Mendelssohn Bartholdy, Max Reger und Igor Strawinsky ließen sich ebenso von dem Engelsgesang inspirieren.

Musikalisch-theologisch standen sie damit in der Tradition des leidenschaftlichen Sängers aus Wittenberg, der »von der Musica so herrlich zu reden wusste« (Kantor Walter) und sie der Theologie gleichstellte. Bis heute wird dies zu Weihnachten und mit seinen Liedern für viele Menschen besonders spürbar: Dass das Evangelium eine »gute Nachricht« ist, wie Luther sagt, »davon man singet, saget und fröhlich ist«. (epd)

Warum der Zeh des Engels in Marias Ohr steckt

24. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.

Johannes 1, Vers 14

Die Christenlehrekinder hatten Bilder gemalt. Nun hingen die Bilder schön geordnet an der Wand im Pfarrhaus, und ich konnte sie jedes Mal sehen, wenn ich durchs Treppenhaus lief.

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Eines spricht mich besonders an: Zunächst ist alles drauf, was zu einem ordentlichen Weihnachtsbild gehört. Maria und Josef stehen links und rechts neben der Krippe. Ein Engel ist dabei und über allem leuchtet der Stern und zeigt: Hier wird Gott Mensch, Christus ist geboren. Der Engel schwebt majestätisch über dem Paar, auf dem Kopf einen Heiligenschein – ein besonders heiliger Engel für einen besonders Heiligen Abend. Und … der Engel steht auf Marias Ohr. Ja! Wenn Sie das Bild sehen könnten, ach was, natürlich sehen Sie das Bild bereits vor Ihrem inneren Auge: Der Engel steht mit seinem linken Fuß direkt auf Marias rechtem Ohr. Maria hält den Kopf ein wenig schief – dem himmlischen Boten entgegen. Warum aber steckt der Engel seinen großen Zeh direkt in Marias Ohr? Sehr einfach: Er hält Maria die Ohren zu!

Wer Gottes Stimme, wer die Botschaft hören will, braucht Stille. Wer offen sein will für Gottes Willen, für sein Wort, der muss das menschliche Gelärm auch mal außen vor lassen können. Wenn Gott spricht, ist das nicht ein alles niederstreckendes Brüllen, sondern ein alles aufrichtendes Flüstern.

Gott wird Fleisch im Leisen, im Schwachen – im Kind in der Krippe. Wer ihn hören will, suche die Stille und erwarte sein Wort. Das Herz hört mitunter genauer als das Ohr. Unsere Ohren sind lärmstrapaziert – deshalb spricht Gottes Geist das Herz an. Gott kommt leise. Der Engel hält Maria das Ohr zu, damit das Herz hören kann. Be-Geistert, beseelt wird sie durch sein Wort.

Das »äußere Wort« von der Menschenfreundlichkeit Gottes wird zum »inneren Wort« der Gewissheit: »Das Wort ward Fleisch!«

Der Engel sagt es aller Welt: Solche Freude verkündige ich euch. Das Wort ist euch geschenkt. Das kann nur der hören, dem ich die Ohren zuhalten darf. Macht eure Herzen auf! Es ist Weihnachten.

Friederike F. Spengler, Pfarrerin am Landeskirchenamt der EKM in Erfurt

Gott, der Menschenfreund

23. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Eine Weihnachtsbetrachtung von Kirchenpräsident Joachim Liebig

Das Kind in der Krippe, Maria und Josef, die drei Weisen aus dem Morgenland und über allem schwebt ein leuchtender Stern – Weihnachten. Alle Requisiten sind bekannt; selbst kirchenferne Menschen können die Figuren dem Fest zuordnen. Alles scheint eindeutig zu sein. Überraschende Deutungen werden am Heiligabend immer wieder versucht – selten gewollt.

Eine Überraschung bildeten die Gottesdienste am vergangenen Weihnachtsfest. Für viele wurde erstmals deutlich, es handelt sich um eine Fluchtgeschichte: Der Kind gewordene Gott wird nicht auf Wunsch seiner Eltern unterwegs geboren. Eine von den Machthabern verfügte Volkszählung setzt die Menschen in Bewegung. Direkt nach der Geburt muss die junge Familie in ein Nachbarland flüchten, weil sie in Lebensgefahr ist. Diese Themenstellung in Verbindung mit dem Bild vom »Herze Jesulein« – wie es im Weihnachtslied »Lobt Gott, ihr Christen alle gleich« heißt – wirkte durchaus verstörend.

»Des Herren Engel trat zu ihnen«: Diese Abbildung der Hirten auf dem Feld stammt aus der zweisprachigen Kinderbibel »Seht und hört!« in Deutsch und der äthiopischen Sprache Oromisch. Illustriert wurden die Geschichten aus dem Neuen Testament von Kindern aus Anhalt und Dembi Dollo, einer Stadt im Bereich der äthiopischen Partnerkirche der Landeskirche Anhalts. An der Darstellung der Hirten ist deutlich zu sehen, dass ihr jugendlicher Zeichner Fayisa Adamus den Hirtenalltag offenbar aus eigenem Erleben kennt: Die Hirten wärmen sich gemeinsam unter einer Decke, einer hat zur Entlastung der Arme einen Stock über die Schultern gelegt. – Foto: Evangelische Landeskirche Anhalts

»Des Herren Engel trat zu ihnen«: Diese Abbildung der Hirten auf dem Feld stammt aus der zweisprachigen Kinderbibel »Seht und hört!« in Deutsch und der äthiopischen Sprache Oromisch. Illustriert wurden die Geschichten aus dem Neuen Testament von Kindern aus Anhalt und Dembi Dollo, einer Stadt im Bereich der äthiopischen Partnerkirche der Landeskirche Anhalts. An der Darstellung der Hirten ist deutlich zu sehen, dass ihr jugendlicher Zeichner Fayisa Adamus den Hirtenalltag offenbar aus eigenem Erleben kennt: Die Hirten wärmen sich gemeinsam unter einer Decke, einer hat zur Entlastung der Arme einen Stock über die Schultern gelegt. – Foto: Evangelische Landeskirche Anhalts

Der berechtigte Wunsch, in der alltäglichen Furcht und Sorge wenigstens am Heiligabend innehalten zu können, ist mehr als verständlich. Der fast biedermeierlich anmutende Wunsch nach Harmonie und Frieden hat seine Ursache aber nicht nur im Gesang der Engel, sondern in einem zutiefst verbindenden globalen Bedürfnis. Vordergründige Romantik hilft dabei freilich nicht weiter.

Ein genauerer Blick auf die bekannten Personen führt zum Kern der Geschichte. Der Betrachter muss dabei verschiedene Zumutungen ertragen. Die erste lautet: Es gibt Gott und er wird Mensch wie wir. In der überwiegend profanen Umgebung unserer Region ist damit die zentrale Hürde benannt. Für atheistisch geprägte Menschen könnte die Lösung in einem Gedanken­experiment bestehen: »Wie wäre es, wenn ich diese Tatsache als gegeben annehmen würde?« Unter dieser Hypothese erschlösse sich dann die nächste Zumutung: Warum sollte Gott Mensch werden? Das allerdings ist eine Frage, die sich auch Christenmenschen seit der Geburt in Bethlehem immer wieder stellen. Die großen Denkerinnen und Denker der Kirche haben sich damit befasst. Gott wurde Mensch, weil wir Menschen sind. Es ist Ausdruck höchster Wertschätzung des Schöpfers an seine Geschöpfe, sich mit ihnen gleichzumachen. Weil sich Gott mit uns gleichmacht, erträgt er nicht nur alle Aspekte unseres menschlichen Lebens. Weil Gott Mensch wird, wird unser Leben anders enden, als es der reine Augenschein nahelegt. Der Bogen, der Weihnachten beginnt, endet am Ostersonntag. Gott selbst überwindet für uns alle Not und beendet den Tod. Das ist die dritte Zumutung der Weihnachtsgeschichte, die Glaubenden wie Nichtglaubenden als die größte erscheint.

Christenmenschen unterscheiden sich von anderen dadurch, dass der Mensch gewordene Gott ihnen in der Heiligen Schrift, in Taufe und Abendmahl und im Gebet ein tragfähiges Gegenüber ist. Alle menschlich verständliche Furchtsamkeit und Not lassen sich damit anders ertragen; nicht als frommes Selbstgespräch oder selbstgeschaffener Notausgang aus eigener Unzulässigkeit. Lebendiger Glaube ist in gleicher Weise real wie der Verstand, der die Welt erschließt. Für glaubenserfahrene Menschen ist Weihnachten eine emotionale Erinnerung an diese Tatsache. Für glaubensferne Menschen ist Weihnachten – und sei es zunächst nur als Gedankenexperiment – eine gute Möglichkeit, der Menschenfreundlichkeit Gottes nahezukommen. Auch wenn die Bilder und Figuren alle bekannt zu sein scheinen, laden sie alle Jahre wieder zu einem ganz neuen Blick ein. Gottes Segen dazu wünsche ich uns allen.

Der Autor ist Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts.

Ein Kirchenladen als Türöffner

20. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Gera-Langenberg: Die Kirche Vierzehn Nothelfer liegt auf einem kleinen Hügel. Unmittelbar daneben, in einem Gemeindegebäude, gibt es seit einem Jahr einen »Kreativen Kirchenladen«.

Bärbel Hamal hat sich mit dem Laden einen Lebenstraum erfüllt. Hier verbindet sie ihren Beruf als Damenmaßschneiderin mit ihren kreativen Ideen für Kunst und Kirche. Eigentlich wollte die heute 53-Jährige diesen Beruf niemals erlernen, doch, wie sie jetzt weiß, war es sicher kein Zufall, der sie auf diesen Lebensweg geführt hat.

Inmitten der kleinen Schneiderwerkstatt empfangen prall gefüllte Auslagen den Besucher. Kerzen, christliche Literatur und schöne Geschenke kann man hier entdecken. An den Wänden findet man Entwürfe für Antependien, Altarbehänge mit liturgischen Motiven in den Farben des Kirchenjahres. Für Bärbel Hamal sind diese Arbeiten Ausdruck ihres Glaubens.

Nach einem schweren Schicksalsschlag zum Glauben gefunden: Bärbel Hamal betreibt seit einem Jahr in Gera-Langenberg ihren »Kreativen Kirchenladen«. Foto: Wolfgang Hesse

Nach einem schweren Schicksalsschlag zum Glauben gefunden: Bärbel Hamal betreibt seit einem Jahr in Gera-Langenberg ihren »Kreativen Kirchenladen«. Foto: Wolfgang Hesse

»Als ich auf der Suche nach dem Halt im Leben war, wäre für mich solch ein Laden wie eine Oase gewesen, um über Gott ins Gespräch zu kommen«, erinnert sie sich. Es war ein langer Weg bis heute, erklärt sie. Nach einem schweren Schicksalsschlag vor zwölf Jahren hat sie sehr lange und intensiv getrauert. »Ich habe zu dieser Zeit nur noch funktioniert. Trost in meiner Trauer gaben mir Lieder des Sängers Xavier Naidoo. Die Texte über den Glauben haben mich tief angesprochen.«

Bald besorgte sie sich eine Bibel, um nachzulesen. »Heute kann ich das, was er da singt, vollends bestätigen.« Jetzt kann Bärbel Hamal sagen: »Ich bin durch Xavier Naidoo zum Glauben gekommen, und durch unseren Pfarrer Andreas Schaller zur Kirche.«

Die Kirchengemeinde ist für Frau Hamal ein Stück Freiheit. »Sie ist von unserer Kirchengemeinde sehr offen aufgenommen worden. Sie arbeitet im Gemeindekirchenrat, und ihre ehrenamtliche Arbeit ist uns eine wichtige Stütze«, bestätigt der Pfarrer aus der Nordregion Geras.

Bärbel Hamal findet mit dem Kirchenladen eine Möglichkeit, etwas wiederzugeben, was sie von der Kirche bekommen hat. »Ich sah sofort ihre künstlerischen Fähigkeiten und habe diese Gabe mit den ersten Aufträgen gefördert«, so Pfarrer Schaller.

Viele kleine Puzzlesteine haben die Schneidermeisterin bestärkt, sich taufen zu lassen. Wichtig waren dabei die intensiven Gespräche mit dem Pfarrer. Sie schätzt seine offene und nicht aufdringliche Art. Eine Reise nach Israel, die Mitarbeit in der Theatergruppe der Gemeinde, der erste Bibelleseabend und viele eigene Überlegungen waren wichtige Etappen bis dahin.

»Die Entscheidung für Gott ist für mich eine Bereicherung. Der Glaube gibt mir Kraft, Hoffnung, Energie und Liebe. Man fühlt sich nicht mehr allein. Die Kirchengemeinde ist meine Familie, hier habe ich ein reiches und sinnerfülltes Leben gefunden«, freut sich Bärbel Hamal.

Neben individueller Mode für ihre Kunden fertigt die kreative Künstlerin Altardecken, die schon erwähnten Antependien für Kanzel und Lesepult, Wandbilder, Stolen, Talare, Beffchen, eben alles, was für einen Gottesdienst gebraucht wird.

»Ich lasse mich von den Aussagen inspirieren, der Umgebung, den Farben. Bei der Umsetzung mit Textilien brauche ich klare Konturen, die aber dennoch Platz lassen zur Interpretation«, sagt sie. Inzwischen findet man ihre Arbeiten im ganzen Kirchenkreis Gera, etwa in den Kirchen Langenberg, Aga, Bieblach, Pölzig, aber auch darüber hinaus in Bad Frankenhausen und in Leitlitz bei Zeulenroda.

Bärbel Hamal sieht in ihrem Laden auch einen Türöffner für die Kirche und redet mit Freude und Begeisterung von ihrem Glauben. Auch eine Begegnungsstätte soll ihr Laden sein. Aller 14 Tage lädt sie zu einem Kreativabend ein. Hier werden mit der Nähmaschine Ideen in Stoff umgesetzt und die Ergebnisse später zugunsten der Kirchengemeinde verkauft.

»Mein Taufspruch lautet: ›Gott spricht: Mein Plan mit euch steht fest. Ich will euch Glück und Zukunft schenken‹ (Jeremia 29,11). Das passt so gut zu mir, und der Spruch ist wahr geworden«, sagt Bärbel Hamal heute und lächelt zufrieden.

Wolfgang Hesse

Entnervter Pfarrer auf dem Altartisch

19. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

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Aus Mühlstedt kommt der nächste Teil der Reihe Anhaltgeschichte(n). Diesmal geht es um eine eigenwillige Art der Amtsführung in einer Dorfgemeinde.

Visitationen waren ein wichtiges Instrument der Landesherren, Kirche und Untertanen zu disziplinieren. Oft bot sich dabei ein unzulängliches Bild von Lebensführung und Frömmigkeit. In dem Dorf Mühlstedt bei Zerbst kam es allerdings am 3. Oktober 1669 zu einem Eklat. Dahinter stand auch ein konfessioneller Konflikt.

So sieht der Altar der Mühlstedter Kirche heute aus. Das alte Inventar wurde bei der Gesamterneuerung der Kirche in den Jahren 1892/93 ersetzt. Foto: Sonja Hahn

So sieht der Altar der Mühlstedter Kirche heute aus. Das alte Inventar wurde bei der Gesamterneuerung der Kirche in den Jahren 1892/93 ersetzt. Foto: Sonja Hahn

In Eichholz hatte Superintendent Johann Dürre tags zuvor typischerweise einen ordentlichen Pfarrer, aber eine im Katechismus nachlässige Gemeinde angetroffen. Nun reiste er nach Mühlstedt weiter. Dort lagen die Dinge anders: Pfarrer Christian Kennicke wohnte nicht in seiner Pfarre, sondern in Zerbst, und hatte gar seine Pfarrwohnung untervermietet! Die Folgen waren fatal: So hatte die Gemeinde jüngst zwei Tote ohne geistlichen Beistand begraben müssen; und »mit einer Kindtauffe solle auch etwas vorgegangen seyn, damit aber [habe] einer vor den anderen nicht herauß gewollt«. Den Katechismus halte der Pfarrer zu selten »und fast verworren«.
Als der Superintendent diese Klagen zum Anlass nahm, den Pfarrer auf seine Rechtgläubigkeit zu überprüfen, eskalierte die Situation: Auf die Frage, wie das zweite Gebot laute, antwortete Kennicke: »Das von den Bildnißen.« Der Visitator entgegnete, wo das in der Bibel stehe?! Der Pfarrer wollte daraufhin eine Bibel holen. Der Visitator verbot es ihm jedoch mit der Ergänzung, »es habe solches noch kein reformirter in der Heiligen Schrifft gefunden«.

Sturheit auf dem Land

Hier klärten sich die Fronten: Der Superintendent war lutherisch, der Pfarrer reformiert, und die unterschiedliche Zählung des Dekalogs war ihr Unterscheidungsmerkmal. Für die Reformierten bildete das Bilderverbot, für die Lutheraner das Namensmissbrauchsverbot das zweite Gebot. Als Dürre nun jedoch mit dem Examen fortfahren wollte, verweigerte sich der Pfarrer und legte sich kurzerhand auf den Altar. Der Superintendent fuhr unterdessen mit der Katechismusübung der Gemeinde fort. Am Ende sang man »Erhalt uns Herr bei deinem Wort«. Der Pfarrer indes »blieb auff dem Tisch liegen, sang nicht mit und that keine Bezeigung einer andacht …«.

Um diesen ungewöhnlichen Verlauf richtig zu verstehen, wäre nach den persönlichen Umständen des Pfarrers zu fragen. Immerhin kennen wir die strukturellen Bedingungen seiner Existenz: Die Fürsten von Anhalt hatten seit 1596 eine reformierte Kirche aufgebaut. Das hatte gewaltige Verwerfungen hervorgerufen, insbesondere auf dem Land war man stur geblieben. Die Zerbster Fürsten aber hatten 1642 dem Reformiertentum den Rücken gekehrt. Mit der gleichen Vehemenz, mit der Gemeinden einst auf die reformierte Liturgie und den Heidelberger Katechismus getrimmt worden waren, wurden sie nun auf eine lutherische Liturgie und den lutherischen Katechismus verpflichtet.

Isolation als Grund?

Die Landbevölkerung war leichter zu überzeugen gewesen als die Pastoren und die Bürger von Zerbst. Mühlstedt war 1669 wieder überwiegend lutherisch, doch der Pfarrer, der 1632 hierhergekommen war, blieb bei seiner angestammten Konfession. War er vielleicht deswegen in seine Heimatstadt Zerbst gezogen, weil er sich in seiner Pfarre isoliert fühlte? Hatte er vielleicht deswegen zu extrem reagiert, weil er nun auch von »von oben« Druck bekam?
Dass es um seine Konstitution nicht zum Besten bestellt war, zeigte sich noch: Einige Mühlstedter konnten sich das Lachen nicht verkneifen, als der Superintendent sich erkundigte, ob »je zu zeitten er bezecht wehre [=wäre]«. Ja, stellte sich heraus, schon oft sei er »trunken« von hier aufgebrochen. Inwiefern die Mühlstedter an der Herbeiführung dieses Zustands beteiligt waren, lassen wir auf sich beruhen.

Jan Brademann

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