Henkelkirche

10. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Neben die Kirche, so mein früherer Nachbar, gehöre im Dorf eine »Henkelkirche«. Er meinte damit die Dorfschenke für den sonntäglichen Frühschoppen. Einst ging man nach dem Gottesdienst dorthin, um die Predigt auszuwerten und die Neuigkeiten auszutauschen. Lang ist’s her.

Viele Henkelkirchen sind geschlossen oder haben schon lange keine Gottesdienstbesucher mehr gesehen. Regelmäßige Gottesdienste sind in kleinen Kirchengemeinden die Ausnahme. Nur Heiligabend, da ist alles anders. In jeder noch so kleinen Kirchengemeinde gibt es eine Christvesper oder, besser noch, ein Krippenspiel. Da ist das ganze Dorf, ob christlich sozialisiert oder nicht, auf den Beinen.

Ein Erlebnis der besonderen Art war für mich der Besuch eines Krippenspiels in einem kleinen Ort mit großem Kirchengebäude. Abgesehen von einer dem Anlass unangemessenen Geräuschkulisse wurden auf den Emporen hochprozentige Getränke durch die Reihen gegeben. Glühwein, Piccolo, Taschenrutscher – ein Sortiment an Hochprozentigem, das jedem Getränkestand auf dem Weihnachtsmarkt zur Ehre gereicht.

Der Gottesdienst? Nebensache. Ich bin irritiert. Nein, ich finde das unmöglich! Habe ich nur ein verklärtes Bild der romantisch-besinnlichen Christnacht? Warum zieht es so viele Menschen Heiligabend in die Kirche, wenn sie mit dem Geschehen so wenig anfangen können und wollen? Warum ist das Kind in der Krippe, wenn überhaupt, nur Beiwerk? Der Engel spricht: »Ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.« Stimmt, von einer Auswahl des Publikums ist hier nicht die Rede. Wenn die große Freude allen gilt, sollte man da nicht froh sein, wenn alle kommen? Der Schlusssegen und »Stille Nacht« erreicht schließlich auch alle, ob sie wollen oder nicht. Selbst die auf der zweiten Empore.

Willi Wild

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Henkelkirche”
  1. Gert Flessing sagt:

    Ja, lieber Herr Wild, da ist uns, vor allem im ländlichen Raum, manches abhanden gekommen.
    Erst die Schule, dann die Kneipe und schließlich war auch das Pfarrhaus entvölkert.
    Nur der heilige Abend ist, vor allem mit dem Krippenspiel, noch eine trutzige Burg.
    Da kommen sie. Die wirklich frommen, die Karteichristen und jene, die kaum etwas von Kirche wissen.
    Hinterher wissen sie auch nicht viel mehr, fürchte ich. Aber wenn mit den Kindern (es sind ja meist Kinder, die das Krippenspiel machen) ein wenig Stolz bei den Eltern aufblüht und wenn die Kerzen, die Choräle, die geschmückten Bäume, für Stimmung sorgen, dann ist da ein wenig von der Freude, die eben allen gilt. Auch denen, die schon “vorgeglüht” haben.
    Gert Flessing