Kann Dessau Gastfreundschaft?

31. Januar 2017 von redaktionguh  
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Für rund 5 000 Gäste des »Kirchentags auf dem Weg« werden auch Privatquartiere gesucht

Die Welt wird am 28. Mai zum Abschluss des Evangelischen Kirchentags 2017 auf Wittenberg schauen. Bereits am 24. Mai wird der Kirchentag im Zeichen des Reformationsjubiläums in Berlin eröffnet. Zwischen Eröffnung und Abschluss bleibt Zeit, in acht verschiedenen Städten Mitteldeutschlands viele kleine Höhepunkte bei den »Kirchentagen auf dem Weg« zu erleben. So auch in Dessau-Roßlau.

Oberbürgermeister Peter Kuras, Andreas Janßen (Landeskirche Anhalts), Isabell Mittag (Verein Reformation 2017) und Stephan von Kolson (Deutscher Evangelischer Kirchentag; v. li.) werben dafür, dass die Dessauer zum »Kirchentag auf dem Weg« Privatquartiere bereitstellen. Foto: Lutz Sebastian

Oberbürgermeister Peter Kuras, Andreas Janßen (Landeskirche Anhalts), Isabell Mittag (Verein Reformation 2017) und Stephan von Kolson (Deutscher Evangelischer Kirchentag; v. li.) werben dafür, dass die Dessauer zum »Kirchentag auf dem Weg« Privatquartiere bereitstellen. Foto: Lutz Sebastian

»Das wird ein großes Ereignis für unsere Stadt und ist von den Dimensionen her mindestens mit dem Sachsen-Anhalt-Tag 2012 zu vergleichen«, sagt Peter Kuras, Dessau-Roßlaus Oberbürgermeister. Vor fünf Jahren hat sich die Stadt zwischen Mulde und Elbe im Rahmen des Jubiläums »Anhalt 800« schon einmal als guter Gastgeber für Tausende Besucher präsentiert. Aus allen Landesteilen strömten damals Gäste nach Dessau-Roßlau, um den Sachsen-Anhalt-Tag mit seinem üppigen Programm zu genießen. Das wird diesmal auch nicht anders sein, wenn vom 25. bis 28. Mai der Dessau-Roßlauer »Kirchentag auf dem Weg« vom Anhaltmahl in der Zerbster Straße über Workshops und Diskussionen bis hin zu Musik und Theater ziemlich viel Kurzweil bietet.

»Wir erwarten rund 5 000 Gäste aus dem In- und Ausland«, so Peter Kuras. Die wollen untergebracht werden. Hotels und Pensionen in der Stadt sind für das lange Himmelfahrtswochenende nahezu ausgebucht. Die Stadt stellt in der Berufsschule und dem Gymnasium Philanthropinum insgesamt rund 1 500 zusätzliche Schlafplätze zur Verfügung. Um auch den Rest der Besucher unterbringen zu können, haben die Stadt und die Landeskirche Anhalts eine gemeinsame Privatquartier-Kampagne ins Leben gerufen und Mitte Januar im Rathaus vorgestellt.

Unter dem Motto »Das Beste tun. Ein Platz zum Ruh’n« sind die Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, sich als gute Gastgeber für die Kirchentagsbesucher zu zeigen und sich dafür bis Mitte März anzumelden. »Die Gäste erwarten keinen Fünf-Sterne-Standard, sondern einfach nur einen Platz zum Schlafen und vielleicht ein kleines Frühstück«, betont Isabell Mittag, die die Kampagne leitet. »Auf jeden Fall ist es eine interessante Erfahrung, Gastgeber zu sein. Man lernt neue Menschen für einige Tage oder vielleicht als neue Freunde kennen«, wirbt auch Andreas Janßen von der Anhaltischen Landeskirche dafür, die Herzen und Türen an diesem Himmelfahrtswochenende für Fremde zu öffnen.

Danny Gitter


Informationen zur Kampagne und zur Anmeldung unter www.r2017.org/betten oder Telefon (0 34 91) 6 43 47 07

Die Bibel als Theaterstück

30. Januar 2017 von redaktionguh  
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Das Theaterstück »Die Bibel« des schwedischen Autors Niklas Rådström (Übersetzung: Steffen Mensching) feiert am 28. Januar im Rudolstädter Theater als deutsche Erstaufführung Premiere.

In 41 Szenen werden Geschichten des Alten und Neuen Testaments erzählt – als eine Art Revue durch uralte Mythen über die menschliche Existenz. »Als ich das Stück las«, sagt Gastregisseur Alejandro Quintana, »war ich angenehm überrascht, wie gegenwärtig es ist. Das Buch der Bücher spricht zu uns Heutigen ganz aktuell.« Dramaturg Michael Kliefert ergänzt: »Die Bibel wird als Literatur entdeckt. Alle wesentlichen Stationen sind auf die Wahrheit des Lebens konzentriert.« Dabei geht es um Sünde und Streit, um Mord und Totschlag, um Hunger und Krieg, Rache, Verfolgung, Flucht und Exil. Eine Tat zieht die nächste nach sich, bis einer kommt, der anders ist, der Liebe einfordert, auch Liebe unter Feinden: Christus. An seiner Person zeigen sich die Schwierigkeiten, andere Denkmuster zu begreifen und anzunehmen.

Da steht Abraham, der Stammvater Israels, in einen Fellmantel gehüllt. Er windet sich unter den bohrenden Fragen dreier Engel, die ihn umkreisen. Auf Geheiß von Gott hätte er seinen Sohn Isaak getötet. Warum wollte er einen Menschen umbringen, den er liebt? Was hat ihn angetrieben? Es geht um die eigene Verantwortung für begangene Taten, um ein Schuldeingeständnis, das nicht auf eine höhere Macht übertragen werden kann. Für die Verwandten in Sodom feilscht Abraham um Schonung vor der totalen Vernichtung. Vergebens. Es finden sich keine zehn Gerechten. Lot und seine Töchter können mithilfe der Engel der Feuersbrunst entkommen. Nur seine Frau, die sich umdreht, erstarrt eindrucksvoll zu einer Salzsäule. Eine Geschichte von Flucht und Vertreibung, aber auch von Rache und Vergeltung: Als Moses sein Volk durch das sich nach rechts und links teilende Meer führt, folgen ihnen die Häscher aus Ägypten. In der Morgendämmerung schließt er den Graben wieder. Tausende Krieger und Pferde ertrinken.

Eine Engelgruppe, zu der auch Luzifer gehört, führt durch das gesamte Stück. Fotos (2): Lisa Stern, Theater Rudolstadt

Eine Engelgruppe, zu der auch Luzifer gehört, führt durch das gesamte Stück. Fotos (2): Lisa Stern, Theater Rudolstadt

Am Anfang war Harmonie. Gottes Helfer inszenieren einen großen Raum, der alle in Erstaunen versetzt. Wunderbar wird diese Welt erschaffen, in der alle friedlich beieinander leben. Immer wieder springt die Handlung von der menschheitsgeschichtlichen Dimension auf die reale Bühne: lebendige Tiere sind nicht gestattet und nach der Erschaffung des ersten Menschenpaares beginnt bereits die Gender-Debatte. Adam (Johannes Geißer) und Eva (Anne Kies) gehören neben einer hierarchisch operierenden Engelgruppe zu den Konstanten im Stück. Nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies lebt das Paar ständig auf der Flucht: als Illegale in Noahs Arche, als Durchreisende in Grenzgebieten, die Geld an Schleuser zahlen müssen, um weiterzukommen und am Leben zu bleiben. Schauspieler Markus Seidensticker verwandelt sich im Verlauf der episodenhaften Handlung vom ersten Engel, der teilweise in der Ich-Form Gottes Willen verkündet, zum Erzähler: »Ich bin ein Werkzeug Gottes. Am Anfang bin ich eins mit ihm, doch im Verlauf des Stücks kommen
Zweifel auf.«

Das Stück öffnet Türen, jeder wird zum Nachdenken herausgefordert. Befreiung, Bindungen untereinander, aber vor allem Liebe in einem umfassenden Sinn sind die zentralen Themen, die Alternativen zu den Reaktionsmustern, die die Menschheit auch heute noch in Angst und Schrecken versetzen. Den gewaltigen Stoff, der in der Originalfassung über fünf Stunden lang ist, haben die Rudolstädter auf über drei Stunden gekürzt (mit Pause). Der Minimalismus, den Regisseur Alejandro Quintana ohne Showeffekte oder bloße Bebilderung mit gutem Schauspiel und in chorischen Szenen anstrebt, lässt viel Platz für eigenes Denken. »Das Schöne wäre, wenn wir auch Menschen erreichen, die die Bibel nicht kennen«, antwortet Michael Kliefert auf die Frage nach dem erwarteten Publikum. Zur Premiere am 28. Januar hat sich auch Autor Niklas Rådström angesagt. Dann erwartet die Zuschauer nicht nur ein spannendes Stück, sondern auch ein neu gestaltetes Theater im Stadthaus.

Doris Weilandt

Premiere: 28. Januar, 19.30 Uhr
Weitere Aufführungen: 24. Februar, 18 Uhr; 25. Februar, 19 Uhr und 26. Februar, 18 Uhr
Theaterkasse: Montag bis Freitag 9.30 bis 12 Uhr und 13 bis 17 Uhr, Sonnabend 10 bis 12 Uhr, Telefon (0 36 72) 42 27 66
www.theater-rudolstadt.de

Ansprechpartnerin für die Jugend

30. Januar 2017 von redaktionguh  
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Bildungsangebote für Kopf und Hand liegen Anne-Sophie Dessouroux vom Europäischen Jugendbildungszentrum des Klosters Volkenroda am Herzen. Die gebürtige Belgierin hat selbst eine spannende Sinnsuche hinter sich. Im folgenden Interview mit Katharina Freudenberg beschreibt sie ihren Weg nach Volkenroda.

Volkenroda ist weit entfernt von Belgien. Wie haben Sie den Weg ins Kloster Volkenroda gefunden?
Dessouroux:
Vor fünf Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich Belgien verlassen würde, um mitten in Deutschland zu leben. Aber jetzt merke ich im Rückblick, dass Gott meinen Weg Schritt für Schritt hierhergebracht hat. In Belgien habe ich Sprachen an der Uni studiert, Niederländisch und Englisch. 2008/2009 habe ich ein Auslandssemester in Berlin gemacht, und da hat mich die Liebe zur deutschen Kultur und Sprache erfasst. Ich habe dann in verschiedenen Bereichen gearbeitet. 2013 habe ich eine Ausbildung am Johanneum begonnen, einer Evangelistenschule in Wuppertal.

Vielfältig sind die Aufgaben von Jugendreferentin Anne-Sophie Dessouroux. Dabei ist ihr wichtig, sich immer wieder Zeit für den Einzelnen zu nehmen. Fotos (2): Frank Freudenberg

Vielfältig sind die Aufgaben von Jugendreferentin Anne-Sophie Dessouroux. Dabei ist ihr wichtig, sich immer wieder Zeit für den Einzelnen zu nehmen. Fotos (2): Frank Freudenberg

Was hat Sie dazu bewogen, eine theologische Ausbildung zu machen?
Dessouroux:
Geprägt hat mich mein katholisches Elternhaus. Allerdings habe ich den Glauben eher als Tradition kennengelernt. In der Kirche gab es wenige junge Menschen. Dann fuhr ich nach Taizé und Lourdes. Und da habe ich gemerkt, dass es auch junge Menschen gibt, die glauben.

Später habe ich an einem Missions­einsatz in England teilgenommen. Dabei haben wir Freundschaften mit ausländischen Studenten geknüpft. Als ich einmal zwei Chinesinnen erklären sollte, was das Kreuz bedeutet, da habe ich für mich selbst erkannt, dass Jesus auch für mich gestorben ist. Das war ein besonderer Moment. Dann lud mich eine Freundin ins Johanneum ein. Am Ende dieser drei Jahre habe ich einen Ort gesucht, an dem ich meine pädagogischen und theologischen Fähigkeiten einsetzen kann. Auf der Internetseite der Evangelischen Kirche in Deutschland fand ich das Stellenangebot der Jugendreferentin im Kloster Volkenroda.

Wie gestaltet sich Ihre Stelle als Jugendreferentin? Welche Schwerpunkte setzen Sie?
Dessouroux:
Im Zentrum steht die Organisation der Veranstaltungen des Jugendbildungszentrums. Ich bin der Ansprechpartner für die Jugendgruppen, plane und bewerbe das Programm und begleite die Gruppen vor Ort. Dazu kommt die Budgetplanung, das Stellen von Fördermittelanträgen und die Begleitung der Freiwilligen, die ein Jahr im Kloster mitarbeiten.

Welche Erfahrungen haben Sie in den ersten fünf Monaten gemacht?
Dessouroux:
Es gibt einen großen Reichtum an Gesprächsmöglichkeiten mit Menschen, die bei uns zu Gast sind oder die hier arbeiten – bei Mahlzeiten oder beim Kirchenkaffee. Ich habe das Gefühl, viele Menschen suchen jemanden, der sich Zeit für sie nimmt.

Was ist Ihnen neben der Arbeit wichtig?
Dessouroux:
Für mich ist die Musik zentral. Richtig gelernt habe ich Geige. Klavier, Gitarre und Kajon habe ich mir selbst beigebracht. Im Moment lerne ich Bratsche, weil das im Orchester gebraucht wird. Musik kann ich aber auch in meiner Arbeit gut gebrauchen. Ich denke an eine Abendandacht mit einer Schulklasse. Nach einem kurzen inhaltlichen Impuls lud ich die Klasse ein, noch der Klaviermusik zu lauschen, solange sie Lust haben. Sie blieben lange sitzen. Die Lehrer konnten es kaum glauben.

Zur Klassenfahrt ins Kloster

30. Januar 2017 von redaktionguh  
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Das Jugendbildungszentrum Volkenroda im Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen bietet Themenbausteine für Kinder und Jugendliche an.

Was kann meine siebte Klasse drei Tage im Kloster tun?« Anfragen dieser Art erreichen Anne-Sophie Dessouroux, die Jugendreferentin am Europäischen Jugendbildungszentrum in Volkenroda, häufiger. Daraus entstand die Idee, konkrete Themenbausteine für Kinder und Jugendliche zu entwickeln.

»Zunächst haben wir überlegt, was denn unser Alleinstellungsmerkmal ist: Es ist das Kloster mit seiner Geschichte und die herrliche Umgebung«, beschreibt Dessouroux die Ausgangspunkte der Bildungsangebote. Vier Schwerpunkte haben sich daraus entwickelt – Auszeit, Schöpfung, Gemeinschaft, Sinnsuche.

Im Baustein »Kloster – Ort der Auszeit« können Kinder auf die »Zeitreise Minimönch« gehen. Mit einer Geschichte werden die Kinder zunächst in die Gedankenwelt mittelalterlicher Klöster entführt. Anschließend schlüpfen die Kinder selbst in eine Kutte und erkunden das Kloster in kleinen Gruppen. Dabei geht es nicht nur ums Hören, sondern auch ums Ausprobieren – so werden Wollfäden gesponnen, Briefe mit alter Feder geschrieben und anschließend mit heißem Wachs gesiegelt, Tiere gefüttert, Speckstein bearbeitet oder gepilgert.

Als Minimönche können Kinder im Kloster Volkenroda auf Zeitreise gehen. Foto: Frank Freudenberg

Als Minimönche können Kinder im Kloster Volkenroda auf Zeitreise gehen. Foto: Frank Freudenberg

Jugendliche erleben zum Thema Auszeit eine interaktive Klosterführung. Sie erfahren einiges zur Geschichte des Klosters, erobern die Räume aber auch für sich selbst. Sie machen Fotoaktionen oder suchen sich eine der medita­tiven Kammern im Christus-Pavillon aus und kommen dort ins Gespräch.Im Themenbereich »Kloster – Ort der Schöpfung und Umweltbildung« geht es hinaus in die Natur. Kinder erkunden, was es zwischen Burgwall und 1 000-jähriger Eiche zu entdecken gibt. Die Jugendlichen machen sich beim Geocaching auf die Suche nach versteckten Schätzen.

Das Thema »Kloster – Ort der Gemeinschaft« wirft die Frage auf: Wie funktionieren wir als Gruppe? Kinder schlüpfen dazu in Kostüme und spielen Theater oder sie gestalten gemeinsam etwas mit Holz. Jugendlichen wird schnell deutlich, dass der Einzelne, so gut er auch ist, das Spiel nicht gewinnen kann. Nur, wenn sich die Mannschaft gemeinsam eine Taktik ausdenkt und alle Mitspieler ihre Fähigkeiten einbringen, dann klappt es mit dem Sieg. In einer Gesprächsrunde wird besprochen, wie die Gruppe funktioniert hat.

Der Themenschwerpunkt »Kloster – Ort der Sinnsuche« richtet sich mit seinen Angeboten sowohl an diejenigen, die im Bereich Spiritualität bereits Erfahrungen haben als auch an die, die dem Thema bisher skeptisch gegenüberstanden. Kinder erleben Stille in der Klosterkirche oder sie empfinden eine biblische Geschichte nach. Jugendliche tauschen sich im »World Café« in kleinen Gruppen über Themen wie Freundschaft oder Liebe aus oder sie gehen der Frage nach, ob die Bibel auch heute ein Wegweiser ist.

Eine anschauliche Broschüre, die auch digital einsehbar ist, stellt die Bausteine übersichtlich vor. Dort finden sich auch Komplettpakete, die individuell angepasst werden können. »Es ist eine Erleichterung für Lehrer und Gemeindepädagogen, aus einem überschaubaren Angebot auszuwählen. Und wir müssen nicht bei jeder Gruppe das Rad neu erfinden«, so Dessouroux über das Konzept.

Katharina Freudenberg

www.kloster-volkenroda.de

Die Symbolgestalt der Pfarrfrau

30. Januar 2017 von redaktionguh  
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Katharina von Bora war für Martin Luther Leib- und Seelsorgerin. Sie brachte den Mut auf, den ihr vorbestimmten Lebenslauf einer Nonne zu verlassen. Als Frau an der Seite des Reformators ging sie in die Geschichte ein.

Martin Luthers Testament von 1542 zeigt die hohe Wertschätzung des Reformators für seine Frau. Entgegen allen Rechtsnormen der Zeit, die für Witwen grundsätzlich einen Vormund vorsahen, jedoch die Immobilien den Kindern beziehungsweise männlichen Verwandten des Mannes zusprachen, bestimmte Luther seine Gattin zur Universalerbin und zum Vormund ihrer Kinder, »weil sie mich als ein fromm, treulich Gemahl allzeit lieb, wert und schön gehalten und mir durch reichen Gottessegen fünf lebendige Kinder (die noch vorhanden, Gott gebe, lange) geboren und erzogen hat«.

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien  in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen  eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni.  Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni. Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Dass Luthers Reformation bis in die praktischen Lebensvollzüge hinein eine neue Entwicklung einleitete, wird an Katharina von Bora besonders deutlich. Berühmt geworden ist sie als Luthers Ehefrau, als erste Pfarrfrau, als »entlaufene Nonne«. Auch wenn nicht alle Zuschreibungen historisch gesehen auf sie zutreffen – eine Pfarrfrau war sie als Professorengattin nicht – und auch, wenn von ihrem außergewöhnlichen Leben vieles unbekannt bleibt: Sie wurde zur Symbolgestalt der Pfarrfrau wie keine andere.

Katharina von Bora wurde 1499 in Lippendorf südlich von Leipzig oder in Hirschfeld bei Nossen geboren. Die Mutter scheint früh verstorben, der Vater wieder geheiratet zu haben, denn schon als Fünfjährige kam sie in das Kloster Brehna als »Kostkind«. Hier konnte sie Bildung in Lesen, Schreiben, Singen, Latein, Handarbeit und Hauswirtschaft erlangen. Das Kloster bot ihr eine lebenslang gesicherte Versorgung, dazu Aufstiegsmöglichkeiten, etwa als Kantorin oder Äbtissin. Katharina kam als Zehnjährige ins Kloster Nimbschen bei Grimma, sechs Jahre später legte sie die Ordensgelübde ab. Wir wissen nicht, ob sie diesen Schritt freiwillig ging.

Was die spätere Lutherin und ihre Mitschwestern bewegte, das Kloster zugunsten einer unabsehbaren Zukunft zu verlassen, lässt sich nur vermuten. Martin Luthers Kritik am mönchischen Ideal, die er 1521 in seinem Gutachten über die Mönchsgelübde dargelegt hatte, war möglicherweise im Kloster bekannt geworden: ein Ablegen der Gelübde könne vor Gott nur freiwillig, nicht aber gegen den Willen eines Menschen erfolgen.

In der Woche nach Ostern 1523 kam Katharina von Bora gemeinsam mit acht Ordensschwestern in Wittenberg an. Ob sie in leeren Heringsfässern geflüchtet waren, wie es die Legende erzählt, bleibt dahingestellt. Dass ihre Flucht mit Gefahren verbunden war, ist jedoch sicher. Dem Fluchthelfer, Leonhard Koppe aus Torgau, und den Geflüchteten hätten auf dem Herrschaftsgebiet des Luthergegners Herzog Georgs von Sachsen Tod, Gefängnis beziehungsweise empfindliche Körperstrafen gedroht. Doch ihre Flucht glückte und Luther sah sich vor der schwierigen Aufgabe, sie zu versorgen. Um die Nonnenflucht zur Nachahmung zu empfehlen, veröffentlichte er die Schrift: Ursache und Antwort, dass Jungfrauen Klöster göttlich verlassen dürfen. Die Frau, argumentierte Luther, »ist nicht geschaffen, Jungfrau zu sein, sondern Kinder zu tragen … wie das auch die weiblichen Gliedmaßen,
von Gott dazu eingesetzt, beweisen« (Weimarer Ausgabe, Bd. 11, S. 394–400). Übertrieben haben dürfte Luther mit seiner Schätzung, wie viele Nonnen freiwillig im Kloster lebten: »sicher unter tausend kaum eine« (ebd.).

Katharinas Mitschwestern gingen eine Ehe ein oder kehrten zu ihren Familien zurück. Bei Katharina von Bora hingegen scheiterten zwei Eheanbahnungen. Als sie den als geizig bekannten 60-jährigen Wittenberger Professor Kaspar Glatz ablehnte, soll Katharina gesagt haben, sie heirate lieber Luthers Mitarbeiter Nikolaus von Amsdorf oder Luther selbst.

Am Abend des 13. Juni 1525 ging Luther mit Katharina von Bora die Ehe ein. Damit überraschte er Feinde wie Freunde, sie reagierten mit Häme oder zumindest mit Unverständnis. Anfangs war die Familie mittellos. Bald gelang es Ka­tharina, ihr Wohnhaus, das »Schwarze Kloster« und ehemalige Klostergebäude der Augustinermönche, zu einem der größten Haushalte in Wittenberg zu entwickeln. Das Lutherhaus war weit mehr als der Wohnort der Familie: ein Begegnungsort lokaler wie europäischer Geistesgrößen und Herrscherhäuser, Zufluchtsstätte für Glaubensflüchtlinge, Krankenhospital, Herberge für Gäste und Pflegekinder, ein überaus begehrtes Studentenwohnheim, Mensa und Ort der Tischreden Luthers. Die Wirtschaftsführung oblag Katharina eigenständig. Sie beaufsichtigte die Mägde und Knechte, leitete die Küche, den Einkauf und die Eigenproduktion der Lebensmittel, ließ ein Badehaus errichten, Öfen aufstellen, einen Keller bauen, erweiterte den Grundbesitz und damit die landwirtschaftlichen Flächen. Obwohl Bargeld im Lutherhaus immer knapp war, wurden unter Katharinas Leitung täglich 30 bis 50 Personen verköstigt – für die damalige Zeit eine enorme Leistung!

Sie gebar sechs Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten. Ihr Anteil an den Diskussionen bei Tisch ist größer, als es die Nachschreiber, die kein Interesse an Katharinas Beiträgen hatten, notierten. Für Luther war sie Leib- und Seelsorgerin, seine Vertraute, die ihn nicht selten nachts im Ehebett, wenn Luther von Glaubenszweifeln heimgesucht wurde, mit Bibelworten tröstete. 1546 starb Luther plötzlich.

Im selben Jahr brach der Schmalkaldische Krieg aus und zwang die Witwe zur Flucht. Bei ihrer Rückkehr waren ihre Felder verwüstet, am Ende ihres Lebens war sie hoch verschuldet. 1552 floh Katharina nach Torgau, dort verstarb sie an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Luther kritisierte die bis dahin höher angesehene klösterliche Lebensform zugunsten der Gestaltung des Glaubens in der Welt – in einer Partnerschaft, als Eltern, in einem Beruf. Katharina von Bora brachte den Mut auf, diese Umbrüche an Luthers Seite in ihrem eigenen Leben zu gestalten.

Sabine Kramer

Die Autorin ist promovierte Theologin mit Schwerpunkt Reformationsgeschichte und Pfarrerin an der Marktkirche in Halle.

Vergeben, nicht vergessen

29. Januar 2017 von redaktionguh  
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Das Alter sieht man ihm nicht an. Mit fast 90 Jahren ist Altbischof Dr. Werner Leich noch unglaublich fit und agil. Geistig rege und aufmerksam stellte er sich über eine Stunde den Fragen der Kirchenzeitungs-Redakteure. Er behauptete zwar, dass er sich danach wie eine ausgepresste Zitrone fühlte, aber anzumerken war ihm das nicht.

Ausführlich äußerte er sich zum Thema Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Er, dem der verlängerte, kriminelle Arm des Staates, die Stasi, nach dem Leben trachtete, findet, dass es Zeit sei, einen Schlussstrich zu ziehen. 25 Jahre seien eine lange Zeit, die Akteure alt und die geschichtliche Aufarbeitung bei der Stasi-Unterlagen-Behörde in guten
Händen. Außerdem sei er nicht nachtragend und lebe als Christ selbst von der Vergebung. »Vergeben ja, vergessen nicht«, meint Leich.

Das finde ich wichtig zu betonen. Damit nicht im Nachhinein aus Tätern Opfer und Opfer zu Tätern gemacht werden. So wie es der geschasste Berliner Staatssekretär Andrej Holm mit seiner »Biografie mit Widersprüchen« versuchte. Wir dürfen nicht vergessen, dass die friedliche Revolution ein Gottesgeschenk war und mutige DDR-Bürger zunächst in die Kirche und dann auf die Straße gegangen sind. Die Deutungshoheit darf darum nicht den Tätern überlassen werden.

Der Altbischof betonte, dass auch die heutige Generation aus der Geschichte lernen sollte. Dazu braucht es die öffentliche Auseinandersetzung. Ich bin dankbar für die Stimme der Zeitzeugen oder die Arbeitsgruppe Aufarbeitung und Versöhnung in der EKM. Was an uns ist, so wollen wir als Kirchenzeitung weiterhin dafür ein Podium bieten.

Willi Wild


Anmerkung:
Altbischof Leich wird an seinem Geburtstag nicht zu Hause sein. Er freut sich aber über schriftliche Glückwünsche und Gratulationen.

Mit Gottes Gaben für gute Nachrichten sorgen

28. Januar 2017 von redaktionguh  
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Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.

Psalm 66,5

Meine Damen und Herren – die Nachrichten!« Der Fernseher läuft und ich schaue die Nachrichten an, aber kann nicht alles erfassen. Zu viele Neuigkeiten aus aller Welt. Nach 15 Minuten sind sie vorbei. Ich mache den Fernseher aus und denke über das Gehörte und Gesehene nach. Wieder nur negative Schlagzeilen. Kriege, Anschläge, Tote, Verfolgte, Aufstände, Fake news, Social Bots, Rassismus, Hass und Hetze. Das Wetter lässt auch zu wünschen übrig. Wieder eine Sturmflut. Die einzige positive Meldung: Die Queen hat sich von einer schweren Grippe erholt.

Gute Nachrichten gibt es kaum noch. Und wenn doch, dann werden sie nur sehr kurz angerissen. Ich habe das Gefühl, dass es nur noch Negatives in der Welt gibt. Aber jetzt fehlt mir die Zeit, um weiter darüber nachzudenken. Ich habe noch eine Andacht vorzubereiten. Ich schlage den Wochenspruch auf –Psalm 66. Sofort schießt mir die Melodie eines Liedes aus dem Gesangbuch in den Kopf. »Jauchzt, alle Lande, Gott zu Ehren« – so häufig singen wir es im Gottesdienst. Es beinhaltet den Text des Psalms. Dazu könnte ich wunderbar eine Andacht gestalten.

Und dann kommen mir doch wieder die Nachrichten von eben in den Sinn. Denn der Blick für die schönen, wertvollen, aber auch kleinen Dinge geht immer mehr verloren. Vielleicht sollte ich über mein Nachrichtenerlebnis erzählen, um dann über Gottes Werk zu sprechen? Denn seine Werke bestehen nicht aus negativen Nachrichten. Er tut so viel Gutes an uns. An jedem von uns. Und das begann schon mit der Schöpfung. Zu so vielem sind wir befähigt und so viele Gaben hat er uns geschenkt. Den Verstand, die Liebe, die Hoffnung, die Sprache und den Glauben. Durch all diese Zuschreibungen können wir uns für die Armen, Kranken, Diskriminierten und Verfolgten einsetzen. Wir können unsere Stimme für Frieden und Gerechtigkeit erheben. Und wenn wir die guten Werke Gottes nutzen, hören wir wieder öfter: »Und nun kommen wir zu den positiven Nachrichten des Tages.«

Julia Braband, Theologiestudentin in Jena und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Endlich im Rampenlicht

27. Januar 2017 von redaktionguh  
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Frauen haben die Reformation mitgestaltet. Das war lange vergessen. Auch an sie soll über 2017 hinaus erinnert werden.

Die Reformation hat auch Frauen angesprochen und aktiviert. Dass in der Taufe alle zu Priestern berufen sind und alle Menschen einen unmittelbaren Zugang zu Gott haben, haben auch die Frauen gehört, ernst genommen und mit ihrem Leben und Handeln bezeugt. Leider schätzten die Männer ihrer Zeit und nachfolgender Jahrhunderte dies als zweitrangig oder noch weniger ein. Leider ist unser Wissen über diese Frauen verkümmert. Erst allmählich werden sie wiederentdeckt.

Dabei handelten Frauen so mutig, beharrlich und durchsetzungsstark wie Männer, in mancher Hinsicht mit mehr Klugheit und Besonnenheit als viele Reformatoren oder gar Martin Luther selbst. Mir ist das sehr deutlich geworden, als ich mich mit Anna II. zu Stolberg (1504–1574) beschäftigte – eine in vielerlei Hinsicht beeindruckende und überaus kluge Frau, die mit nicht einmal 13 Jahren Äbtissin im Stift zu Quedlinburg wurde. Als Reichsfürstin hatte sie die Kurwürde und war einzig Papst und Kaiser zu Gehorsam verpflichtet.

Frauen der Reformation: Unser Titelbild greift zurück auf das Tafelgemälde, das die Malerin Mariana Lepadus im Rahmen des Projektes »Frauen der Reformation in der Region« geschaffen hat, und das 12 Frauen der Reformationszeit an einem Abendmahlstisch versammelt darstellt. Illustration: Mariana Lepadus/www.frauenarbeit-ekm.de

Frauen der Reformation: Unser Titelbild greift zurück auf das Tafelgemälde, das die Malerin Mariana Lepadus im Rahmen des Projektes »Frauen der Reformation in der Region« geschaffen hat, und das 12 Frauen der Reformationszeit an einem Abendmahlstisch versammelt darstellt. Illustration: Mariana Lepadus/www.frauenarbeit-ekm.de

Sehr wahrscheinlich sympathisierte sie schon lange mit dem neuen Glauben, wartete aber bis 1539 mit der Einführung der Reformation in Quedlinburg. Sie wollte ihrem katholisch gesinnten Schutzherrn Georg von Sachsen keinen Vorwand geben, sie zu entmachten.

Ihr musste klar gewesen sein, dass er nur darauf wartete. Und auch sein Nachfolger hoffte, Macht und Reichtum des Stifts an sich zu ziehen. So schritt Anna erst nach dem Tod des katholischen Schutzherrn zur Tat, und damit zugleich seinem nachfolgenden evangelischen zuvorkommend.

Die Stadt Quedlinburg verdankt ihr eine neue Kirchenordnung sowie ein völlig neu geordnetes Schul- und Finanzwesen. Sie berief den ersten Superintendenten und führte die Visitation ein. Das Besondere an ihr: Sie wartete den richtigen Zeitpunkt ab. So bewahrte sie – denn Äbtissin blieb sie weiterhin – eine erstaunliche Kontinuität trotz radikaler Umbrüche.

Anna II. zu Stolberg erreichte mit Mut und Klugheit sehr viel.

Für mich ist sie ein ermutigendes Beispiel dafür, auch heute mit Entschiedenheit und Geduld wichtige Veränderungen anzugehen und dabei den langen Atem nicht zu verlieren, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Und dabei im Blick zu haben: Es gibt auch heute so manche wohlmeinende »Schutzherren«, die hinter ihrem Beschützen-Wollen manche Machtbedürfnisse, wenn nicht gar -gelüste, ausleben wollen.

Am Beispiel Annas und der Biografien anderer Frauen habe ich die Reformationszeit besser kennengelernt: Wie komplex dieser Transformationsprozess war, der Kirche und Gesellschaft quer durch alle Schichten erfasste. Wie viele Menschen daran mitwirkten unter ihren jeweiligen, ganz speziellen Bedingungen.

Und ich habe gelernt, was der besondere Beitrag von Frauen war – ob als Fürstin mit großen Entscheidungsbefugnissen, als Verfasserin geistlicher Lieder, als Äbtissin mit geistlichen und weltlichen Leitungsaufgaben oder als Frau eines Reformators, die das Anliegen ihres Mannes nach Kräften unterstützte.

Der Blick zurück schärft den Blick für die Gegenwart, auf die »Frauenfrage« in der Kirche: Wie wirken Frauen heute in den Kirchen? Welche Veränderungen bewirken sie? Wo gehen ihre Worte ins Leere? Wo begegnen sie männlichem Reviergehabe? Was machen sie anders als Männer? Was können gerade sie besonders gut? Inwiefern leiten und führen Frauen anders? Wie veränderten und verändern sich Pfarramt und Gemeindeleben durch Pfarrerinnen, Kantorinnen und Gemeindepädagoginnen?

Mit der 2012 eröffneten Wanderausstellung »Frauen der Reformation in der Region« hat die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland die Beschäftigung mit Zeuginnen der Reformation angestoßen – weg von Idealgeschichten und nur einer Heldenfigur. Sie hat die bisherige Schattengeschichte der Frauen der Reformationszeit ins Licht der Aufmerksamkeit geholt. Dieser Prozess, hoffe ich, ist mit dem 500. Jubiläumsjahr der Reformation noch lange nicht beendet.

Landesbischöfin Ilse Junkermann

»Und wenn dann jemand sagt, euren Glauben finde ich toll …«

26. Januar 2017 von redaktionguh  
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Der diakonische Freizeittreff »Popcorn« der Köthener Jakobsgemeinde ist seit fast 20 Jahren ein beliebter Anlaufpunkt für junge Menschen

Es ist wahrscheinlich nicht übertrieben zu sagen: Generationen von Köthener Jugendlichen sind mit dem diakonischen Freizeittreff »Popcorn« aufgewachsen. Seit fast 20 Jahren ist die Einrichtung der Jakobskirchengemeinde ein Anlaufpunkt für Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 20 Jahren.

Als Leiter Olaf Schwertfeger (58) 1997 in Köthen begann, ging es darum, eine Jugendschutzstelle aufzubauen. Eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche bei Gewalt, Sucht oder Mobbing, aber auch als Ansprechpartner für Eltern, Lehrer und Sozialarbeiter. Erst ein Jahr später wurde auch der offene Jugendtreff gegründet und zog in den Keller des Wolfgangstifts in der Bärteichpromenade. Dort ist das »Poppi«, wie es von den Jugendlichen liebevoll genannt wird, zwar im Oktober des vergangenen Jahres wegen Feuchtigkeit ausgezogen. Das neue Domizil im ehemaligen evangelischen Kindergarten liegt aber nur ein paar Häuser weiter in der Bärteichpromenade 16.

Ein Motto zum Diskutieren – Foto: Thorsten Keßler

Ein Motto zum Diskutieren – Foto: Thorsten Keßler

Außer am Sonntag ist das »Popcorn« jeden Tag zwischen 14 und 20 Uhr geöffnet. Dienstags und donnerstags gibt es Programm. »Da wird Action gemacht und die Kollegen denken sich etwas aus«, sagt Olaf Schwertfeger. Kochen, Basteln, Tanzen oder auch mal ein Besuch der Bowlingbahn. »Alles andere können die Jugendlichen sowieso immer machen. Wir wollen nicht zu viel Struktur hineinbringen.« Alles andere, das heißt Billard, Tischtennis oder Tischfußball. Auch Computer- oder Gesellschaftsspiele stehen zur Auswahl, in der Küche kann gekocht werden, und für wenig Geld gibt es auch einen kleinen Imbiss. So sind es täglich zwischen 15 und 30 Jugendliche, die im »Popcorn« ein- und ausgehen.

»Cool« ist das am meisten gebrauchte Wort, fragt man die jungen Gäste, was ihnen am »Popcorn« gefällt. Laura (12) mag den großen Multifunktionsraum im ersten Stock über der Cafeteria, »weil ich gerne tanze und dort viel Platz ist«. Dem elfjährigen Paul gefällt der große Außenbereich im neuen »Popcorn« und er mag die Kurzfreizeiten, die das Team (vier Ein-Euro-Kräfte und eine Festangestellte) um Olaf Schwertfeger in den Ferien organisiert. »Wir mussten jeden Morgen das Zelt aufräumen, dann war Zeltkontrolle und die Sieger haben Eis bekommen«, erinnert sich Paul.

Solche kleinen Wettkämpfe mit entsprechenden Motivationen sind die »pädagogischen Schräubchen, an denen man dreht und mit denen man so viel erreichen kann«, erklärt Schwertfeger, denn in das »Popcorn« kommen viele Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Erfolg in der Arbeit ist, wenn »Kinder und Jugendliche lernen, sich gegenseitig zu respektieren und mit Stärken und Schwächen umgehen können«. Der 1,90-Meter-Mann ist Kumpel und Respektsperson und »vielleicht auch ein bisschen Berufsjugendlicher, aber wenn man in der Branche arbeitet, bleibt man im Kopf und in der Sprache jung«.

Das »Popcorn« sei zwar eine kirchliche Einrichtung, aber mit dem Begriff Mission tue er sich schwer, sagt der Leiter. Das Christliche in der Arbeit seien die fest ins »Popcorn«-Programm inte­grierten kirchlichen Feiertage, und natürlich gehören Besuche der Jakobskirche dazu. Um die Kirche baulich zu ergründen, einen Blick unter das Dach zu werfen oder zur Orgelführung mit Kirchenmusikdirektorin Martina Apitz. Olaf Schwertfeger will auch die Vorbehalte gegenüber der Kirche abbauen. Das sei schon eine ganze Menge: »Wir wollen zeigen, wir Christen sind ganz normale Menschen und mit uns kann man genauso viel Spaß haben wie mit allen anderen. Und wenn dann jemand sagt, euren Glauben finde ich toll, dann umso besser!«

Thorsten Keßler

Jetzt wird’s schmalkaldisch!

25. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

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Reformations-Ausstellung zeigt aktuelle Arbeiten Thüringer Künstler in der FBF-Galerie

Zu Beginn ein kleines Gedanken­experiment, eine Reise zurück in das Jahr 1537. Jene Familie, die in besagtem Jahr in der Gillersgasse 2 in Schmalkalden, gleich hinter der Stadtkirche St. Georg, gelebt hat, dürfte durch die Fenster des urigen Fachwerkhauses des Öfteren Martin Luther gesehen haben. Durch einen Seiteneingang gelangte der Reformator in die Paramenten-Kammer über der Sakristei, wo er sich in den kalten Februartagen während der Morgengottesdienste aufwärmen konnte.

Die Lutherstube gibt es immer noch im 480. Jahr nach der größten Tagung des Schmalkaldischen Bundes, als Luther sein geistliches Testament in Artikelform vorstellte. Ebenso blieb das rote Fachwerkhaus erhalten. Dort ist seit August 2010 die FBF-Galerie untergebracht, deren besonderes Augenmerk den Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Kunst gilt. Wer heute den großen Lichthof im Obergeschoss des Mittelalterbaus betritt, der richtet seinen Blick abermals auf den Reformator.

Galerieleiter Prof. Norbert Krah mit dem für die Ausstellung angefertigten Glasfenster von Wolfgang Nickel, das dauerhaft in der Galerie bleibt. – Foto: Susann Winkel

Galerieleiter Prof. Norbert Krah mit dem für die Ausstellung angefertigten Glasfenster von Wolfgang Nickel, das dauerhaft in der Galerie bleibt. – Foto: Susann Winkel

Die neue Sonderausstellung heißt im Kurzen »Schmalkaldisch. Protestantisch« – und im umso längeren Untertitel »Zeitgeschichtliche Reflexionen zu Martin Luther 2017. Malereien, Grafiken, Collagen, Reliefs und Skulpturen«. Aber es kommt ohnehin mehr auf den Kurztitel an. Der soll lautmalerisch auf die Schmalkaldischen Artikel verweisen. Theologisch ein echtes Pfund, mit dem sich im Jubiläumsjahr 2017 wuchern lassen sollte. Touristisch allerdings eher Randnotiz. Weshalb es klug ist, die Schau der Flut an Jubiläumsbeiträgen voranzustellen. Noch ist die Aufmerksamkeit größer.

Die von Norbert Krah und dem Verein der Forschungs- und Bildungs-Fördergesellschaft (FBF) ist nicht kunsthistorisch konzipiert, sondern fußt auf einem weit zu fassenden Thema. Diesmal waren Thüringer Künstler aufgefordert, sich im lutherischen Geist mit aktuellen Problemen zu befassen. Ein Bezug zu Luthers Artikeln? Ist eher nicht auszumachen.

Flucht, Integration und Fremdenfeindlichkeit
Der Auftrag brachte Arbeiten hervor, die sich um Flucht, Integration und Fremdenfeindlichkeit drehen. Etwa das Grafikblatt »Moschee am Lutherweg« von Edmond Garn aus Floh-Seligenthal oder die drei Digital-Collagen des Meiningers Dietrich Ziebart, die an die Artikel des Grundgesetzes der Bundesrepublik erinnern: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

So weit, so schlüssig: Mithilfe der Werke, die sich unten im Vortragsraum und oben auf der Galerieebene verteilen, wird eine ästhetisch anregende Atmosphäre geschaffen, die nutzbar ist für Vorträge, Gespräche, Debatten. Ein Reigen an Begleitveranstaltungen ist geplant.

Hier nun löst sich die Ausgangsidee in Beliebigkeit auf. Neben den Werken, die nach der Themenvorgabe für diese Ausstellung entstanden sind, ist allerhand zu sehen, was irgendwie mit Luther zu tun hat. Zum Beispiel eine ganze Reihe Flugschriften aus dem 16. Jahrhundert, Nachdrucke von Werken der beiden Cranachs oder von Hans Holbein dem Jüngeren, die polemisch mal für, mal wider den Reformator Partei ergreifen. Dazu Grafiken aus einer Mappe von 14 DDR-Künstlern, die 1983 anlässlich des 500. Geburtstags von Luther herausgegeben wurde. Zudem einige Kaltnadelradierungen zur Reformation vom Maler und Grafiker Harald R. Gratz (Schmalkalden), datiert auf das Jahr 2008.

Wer nun als Besucher beim Betrachten dieser Fülle ein Déjà-vu-Erlebnis hat (frz.: »schon gesehen«), der irrt nicht: Zahlreiche Exponate entstammen der 2012 gezeigten FBF-Ausstellung »Ich bin so frei«. Damals wurde an die Verkündung der Schmalkaldischen Artikel vor 475 Jahren erinnert und von einem guten Dutzend hiesiger Künstler die Verbreitung von Luthers Glaubenslehre in 50 Variationen dargestellt. Nun sind weitere dazugekommen.

Norbert Krah und die Mitstreiter der FBF-Galerie bieten Künstlern der Region eine Plattform zur Präsentation ihrer Arbeiten, geben selber Werke in Auftrag, kaufen kontinuierlich für ihre Sammlung an. So wird viel Schönes möglich, aufwendige Kunstbücher ebenso wie die Fertigung von Glasfenstern für die Galerie von Wolfgang Nickel, die dort verbleiben können.

Susann Winkel

»Schmalkaldisch. Protestantisch« ist bis Ende Juni in der FBF-Galerie Schmalkalden zu sehen, Führungen auf Anfrage, E-Mail <prof.dr.n.krah@gmx.de>

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