Vergeben, nicht vergessen

29. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Das Alter sieht man ihm nicht an. Mit fast 90 Jahren ist Altbischof Dr. Werner Leich noch unglaublich fit und agil. Geistig rege und aufmerksam stellte er sich über eine Stunde den Fragen der Kirchenzeitungs-Redakteure. Er behauptete zwar, dass er sich danach wie eine ausgepresste Zitrone fühlte, aber anzumerken war ihm das nicht.

Ausführlich äußerte er sich zum Thema Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Er, dem der verlängerte, kriminelle Arm des Staates, die Stasi, nach dem Leben trachtete, findet, dass es Zeit sei, einen Schlussstrich zu ziehen. 25 Jahre seien eine lange Zeit, die Akteure alt und die geschichtliche Aufarbeitung bei der Stasi-Unterlagen-Behörde in guten
Händen. Außerdem sei er nicht nachtragend und lebe als Christ selbst von der Vergebung. »Vergeben ja, vergessen nicht«, meint Leich.

Das finde ich wichtig zu betonen. Damit nicht im Nachhinein aus Tätern Opfer und Opfer zu Tätern gemacht werden. So wie es der geschasste Berliner Staatssekretär Andrej Holm mit seiner »Biografie mit Widersprüchen« versuchte. Wir dürfen nicht vergessen, dass die friedliche Revolution ein Gottesgeschenk war und mutige DDR-Bürger zunächst in die Kirche und dann auf die Straße gegangen sind. Die Deutungshoheit darf darum nicht den Tätern überlassen werden.

Der Altbischof betonte, dass auch die heutige Generation aus der Geschichte lernen sollte. Dazu braucht es die öffentliche Auseinandersetzung. Ich bin dankbar für die Stimme der Zeitzeugen oder die Arbeitsgruppe Aufarbeitung und Versöhnung in der EKM. Was an uns ist, so wollen wir als Kirchenzeitung weiterhin dafür ein Podium bieten.

Willi Wild


Anmerkung:
Altbischof Leich wird an seinem Geburtstag nicht zu Hause sein. Er freut sich aber über schriftliche Glückwünsche und Gratulationen.

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Vergeben, nicht vergessen”
  1. Leser sagt:

    Hochachtung vor diesem tiefgläubigen wahren Hirten! Er war auch lange Zeit “mein” Bischof in äußerst schwierigen Zeiten. Selbst in “Eisenach” saßen einige Spezies im Hause. Man fuhr zum Beispiel ( wie wir)zu einer vertrauchlichen Gesprächsrechtsberatung in juristen Dingen in Ausreisedingen, fühlte sich gut aufgehoben und beraten und nach der Wende erfährt man, daß man am Tisch eines dieser “Spezis” gesessen hatte,…!