Kritischer Zeitzeuge des Nationalsozialismus

28. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Restauriert: Zeichnungen von Alfred Ahner, die in der Kunstsammlung der Gedenkstätte Buchenwald aufbewahrt werden

Er ist ein Zeitzeuge der besonderen Art: der Maler Alfred Ahner, der nicht nur mit seinen Zeichnungen und Bildern gesellschaftliche Situationen eingefangen hat, sondern sie auch in seinen Tagebüchern mit knappen Worten auf den Punkt bringen konnte. Die drohende Gefahr des Nationalsozialismus erkannte er früh.

Mit der Kohle- und Pastell- zeichnung »Fanatische Wesen« (1930er-Jahre, 60,4 × 47,4 cm) bildete der Maler die reale Wirklichkeit ab. Foto: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora

Mit der Kohle- und Pastell- zeichnung »Fanatische Wesen« (1930er-Jahre, 60,4 × 47,4 cm) bildete der Maler die reale Wirklichkeit ab. Foto: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora

Jetzt sind 33 Handzeichnungen des lange Zeit in Weimar lebenden Künstlers nach ihrer Restaurierung an die Gedenkstätte Buchenwald zurückgegeben worden. Sie sind Teil eines nahezu 100 Arbeiten umfassenden Konvoluts von Zeichnungen aus den 1930er- und 1940er-Jahren, die in der Kunstsammlung der Gedenkstätte als Leihgabe der Alfred-Ahner-Stiftung aufbewahrt werden. Die Konservierung der Blätter führte der Grafik-Restaurator Hans Hilsenbeck (Baunatal) aus, der zuvor schon Zeichnungen aus dem Nachlass Ahners restauriert hatte. Die Finanzierung erfolgte durch Projektförderung der Thüringer Staatskanzlei.

Im Vorfeld hatte die Buchenwald-Stiftung 2003 eine Ausstellung mit Werken aus dem Nachlass des Malers unter dem Titel »Sehenden Auges. Alfred Ahner und das Ende von Weimar« präsentiert. Seither wurden die meisten der damals gezeigten Arbeiten in der Gedenkstätte auf dem Ettersberg aufbewahrt. Sie vermitteln nachhaltig, mit welch kritischer Perspektive Ahner dem Nationalsozialismus gegenüberstand.

Seine Darstellungen der Mitläufer und Fanatiker, aber auch seine Wahrnehmung der aus der nationalsozialistischen Gesellschaft Ausgestoßenen ist einzigartig. Die Alfred-Ahner-Stiftung und die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora hoffen, in einem zweiten Schritt auch die weiteren Arbeiten restaurieren lassen zu können.
Alfred Ahner wurde 1890 im ostthüringischen Wintersdorf geboren und lebte von 1922 bis zu seinem Tod 1973 in Weimar. Er hinterließ ein umfangreiches Werk, das seine Tochter Maria-Erika Ahner Zeit ihres Lebens mit Beharrlichkeit, Sorgfalt und Respekt in seiner Gesamtheit bewahrte. Ahners schriftlicher Nachlass (Tagebücher, Briefe, Skizzenbücher) befindet sich seit den 1980er-Jahren in der Sächsischen Landesbibliothek.

Den bildkünstlerischen Nachlass übergab die Tochter 2008 der zur Bewahrung des Werks eigens von ihr errichteten Alfred-Ahner-Stiftung in Weimar. Dieser umfasst rund 5 000 Bilder aus allen Schaffensperioden, thematischen Bereichen und Maltechniken des Künstlers, aber auch persönliche Gegenstände, wie seine Staffelei und Malutensilien.

Der Nachlass befindet sich zum größten Teil im Stadtmuseum Weimar, aber auch im Thüringer Freilichtmuseum Hohenfelden. Zum Stiftungsvermögen gehören auch Leihgaben, die sich in verschiedenen Museen befinden, sowie zahlreiche Skizzenbücher.
Michael von Hintzenstern

Anhalt schrieb Reformationsgeschichte

27. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Die Welt blickt 2017 zumeist auf Wittenberg. Aber auch andernorts wurde evangelische Kirchengeschichte geschrieben. In Anhalt-Bernburg zum Beispiel, wo Reformierte und Lutheraner schiedlich-friedlich zusammenlebten.

Zwar war das kleine und immer wieder erbgeteilte Fürstentum Anhalt eines der ersten, das sich der Wittenberger Reformation anschloss. Aber im Laufe der Jahrhunderte ging es eigene Wege und leistete sich zwei Konfessionen im Land. Bei einer Tagung unter dem Thema »Von der Reformation zur Union« am 18. Februar in Bernburg stand diese besondere evangelische Kirchengeschichte vom 16. bis 19. Jahrhundert in Mittelpunkt.

Der Historiker Justus Vesting (Halle) zeigte am Beispiel des Fürsten Wolfgang von Anhalt-Köthen (1492–1566) auf, dass Anhalt durchaus Weltpolitik mitschrieb. So war der Fürst überall vertreten, wo in Sachen Reformation Bedeutsames geschah: von 1521 beim Reichstag in Worms bis 1547 bei der Schlacht von Mühlberg, die ihm die Reichsacht einbrachte. 1525 führte Wolfgang mit Luthers Hilfe in Anhalt-Köthen und 1526 in Anhalt-Bernburg die Reformation ein.

Bis 1942 gab es auf dem Bernburger Markt einen Wolfgangsbrunnen zur Erinnerung an den Fürsten Wolfgang den Bekenner. Die Brunnen-Bestandteile aus Metall wurden kriegsbedingt eingeschmolzen, der Rest abgetragen. Das Schlossmuseum widmet dem anhaltischen Fürsten zurzeit eine kleine Ausstellung, in der sich Silke Sielmon und Kerstin Wienecke auch das Brunnenmodell ansehen. Foto: Engelbert Pülicher

Bis 1942 gab es auf dem Bernburger Markt einen Wolfgangsbrunnen zur Erinnerung an den Fürsten Wolfgang den Bekenner. Die Brunnen-Bestandteile aus Metall wurden kriegsbedingt eingeschmolzen, der Rest abgetragen. Das Schlossmuseum widmet dem anhaltischen Fürsten zurzeit eine kleine Ausstellung, in der sich Silke Sielmon und Kerstin Wienecke auch das Brunnenmodell ansehen. Foto: Engelbert Pülicher

In Anhalt-Dessau nahmen die Fürsten 1534 erstmals das Abendmahl in beiderlei Gestalt. Der gebildete und geschickte Georg III. (1507–1553) war mit Luther befreundet, aber eher Melanchthons Lehren verbunden. »Das Dessauer Abendmahlsbild von 1666 enthält dazu deutliche politische und theologische Aussagen«, so Vesting. In der nachfolgenden Generation, als ganz Anhalt vom Fürsten Joachim Ernst (1536–1596) regiert wurde, war die Spaltung des evangelischen Lagers in Deutschland in Genesiolutheraner (Bewahrer von Luthers Erbe) und Philippisten (Anhänger Philipp Melanchthons) in vollem Gange. Anhalt öffnete sich der reformierten Tradition aus der Kurpfalz. Durch Ämter – Fürst Christian I. wurde 1595 kurpfälzischer Statthalter – und Eheschließungen kam die sogenannte Zweite Reformation mit den Lehren Johannes Calvins auch nach Anhalt. In der Folge wurden Bilder aus den Kirchen entfernt, im Abendmahl gab es Brot statt Oblaten, 1589 fiel der Exorzismus bei der Taufe weg. Gegen die Veränderungen regte sich vor allem in kleinen Orten Widerstand. Am 14. Dezember 1599 legte eine theologische Kommission unter dem Zerbster Theologen Wolfgang Amling dem Herrscherhaus eine neue Kirchenordnung vor. Eindeutig legte sie fest: Brot und Wein beim Abendmahl zeugen nicht von der Realpräsenz Christi, sondern beim Mahl würde – nach dem Verständnis Calvins – der Heilige Geist die Christen untereinander und mit Christus im Himmel verbinden. Zwar trat diese Ordnung nicht in Kraft, aber der Calvinismus setzte sich in Anhalt durch.

Die anderthalb Jahrhunderte nach dem Dreißigjährigen Krieg beleuchtete der Historiker Jan Brademann (Dessau-Roßlau) in seinem Vortrag über die Unterschiede von Lutheranern und Reformierten im 17. und 18. Jahrhundert. Der Landesherr hatte weiterhin das Recht, die Konfession seiner Untertanen zu bestimmen. Die Zerbster Linie des Fürstenhauses kehrte 1642 zum Luthertum zurück. In Anhalt-Bernburg hatten sich »lutherische Inseln« um die Patronatskirchen Rathmannsdorf und Hohenerxleben gebildet. Auch in anderen Orten bekannten sich viele Menschen zum Luthertum. »Die konfessionelle Spaltung zog sich durch jedes Kirchspiel und viele Familien«, so Brademann. Es habe zwar Toleranz gegeben, aber keine Gleichberechtigung. Lutheraner mussten mit ihren Anliegen entweder zum reformierten Ortspfarrer oder weite Wege in Kauf nehmen. So wurde das »Auslaufen« zum lutherischen Abendmahl in Gemeinden außerhalb Anhalts üblich, was die Lutheraner zusammenschweißte. »Obwohl sie keine eigenen Pfarrer und keine Organisationsstrukturen hatten, verschwand die konfessionelle Zuordnung nicht«, so Brademann.

Zwar vereinte ab 1728 das Bernburgische Gesangbuch reformierte und lutherische Lieder, doch erst ab dem Ende des 18. Jahrhunderts durften lutherische Einwohner in ihren reformierten Ortskirchen das Abendmahl auf lutherische Weise empfangen. Die »Scheidewand«, wie es der Theologe und ab 1812 Generalsuperintendent von Anhalt-Bernburg, Friedrich Adolf Krummacher (1767–1843), bezeichnete, war dünner geworden.

Die Theologin Claudia Drese (Halle) sprach über die »Reconstruction des Protestantismus« in Anhalt-Bernburg unter dem regierenden Herzog Alexius Friedrich Christian. Nachdem er 1812 die Union angeregt hatte, bat Hofprediger Krummacher die Pfarrer um ihre Meinung. Nach einigem Hin und Her und Bedenken tagte am 26. September 1820 in Bernburg die Unionssynode mit Krummacher als Präses, bei der 46 Prediger die Kirchenunion für Anhalt-Bernburg beschlossen.

Die Trennpunkte Abendmahlsverständnis und Prädestination seien, so Friedrich Adolf Krummacher, dem Glauben und der Erkenntnis des Einzelnen zu überlassen. Die Bezeichnungen »lutherisch« und »reformiert« wurden abgeschafft und durch »evangelisch-christlich« ersetzt. Die Teilnahme an der Kommunion nach dem neuen Ritus blieb für die Erwachsenen weiterhin freiwillig, für Konfirmanden war sie verpflichtend. Warum der Herzog zu diesem Zeitpunkt die Kirchenunion wollte, habe sich ihr leider nicht erschlossen, so Claudia Drese. Ob aus persönlichen Gründen oder ob er Preußen entgegenkommen wollte, »darüber findet sich nichts in der schriftlichen Hinterlassenschaft«.

Angela Stoye

Mit Goethe zum Kirchentag

27. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Wenn Ende Mai in Jena und Weimar der Kirchentag auf dem Weg gefeiert wird, erhält nicht nur Goethes Vision von der Doppelstadt Aktualität.

Seine Gretchenfrage »Nun sag, wie hast du’s mit der Religion« (»Faust«) gibt das Motto des dreitägigen Megaevents mit nahezu 350 Veranstaltungen vor. Der Besuch lohnt sich unbedingt. Neben den großen Bühnenprogrammen gibt es eine Reihe von Podien, Andachten und Pilgerreisen zur inneren Einkehr.

Mit einem ökumenischen Gottesdienst zu Himmelfahrt wird der Kirchentag auf dem Weimarer Marktplatz eröffnet (25.5.). Danach erwartet die Gäste auf mehreren Plätzen der Innenstadt ein abwechslungsreiches Abendprogramm mit Bands, Kleinkunst und Tischgesellschaften. Einen Tag später wird im Deutschen Nationaltheater (DNT) die Johannes-Passion von Philipp Emanuel Bach »semiszenisch« aufgeführt.

Zu den Höhepunkten in Jena gehören die »multimediale ökumenische Messe« in der Stadtkirche, eine Performance mit vertonten Lutherzitaten und katholischer Liturgie mit dem Ensemble der Musik- und Kunstschule und das Konzert »Lobgesang« mit dem Estonia Seltsi Segakoor aus Tallinn. An »Dom im FullDome Jena«, einem multimedialen Gottesdienst in der Kuppel im Planetarium, ist auch Superintendent Sebastian Neuß beteiligt. Für ihn ist Luther in krisenhafter Zeit wichtig, vor allem die Frage, was die Beschäftigung mit Religion für Geist und Seele bringen kann.
Kirche-vor-Ort-08-2017Interdisziplinäre Podien, Bibelarbeiten mit Politikern, darunter auch Ministerpräsident Bodo Ramelow, und Thementage wie »Scham, Gewalt, Liebe« gibt es in beiden Städten. Die Tickets gelten auch für den Pendelverkehr mit der Bahn.

Dass sich so viele Institutionen und Vereine in die Vorbereitungen mit eigenen Programmen eingebracht haben, ist für den Weimarer Superintendenten Heinrich Herbst eine beglückende Erfahrung: »Der Kirchentag betrifft die ganze Gesellschaft. Die Frage nach der Religion stellt sich neu als Sinnfrage.«

Die Veranstalter rechnen mit etwa 15 000 Menschen. Viele von ihnen übernachten in Gemeinschaftsunterkünften. Aber für die Beherbergung werden noch Quartiere gesucht. Dabei geht es weniger um Komfort, vielmehr – nach alter Kirchentagstradition – um die Gastfreundschaft und das Kennenlernen. Jeder, der ein Bett bereitstellen kann, sollte sich unter quartiere@r2017.org oder unter der Telefonnummer (0 34 91) 6 43 47 07 melden.

Am 28. Mai treffen sich alle »Kirchentage auf dem Weg«, zu denen auch Jena/Weimar zählt, in Wittenberg zum großen Festgottesdienst anlässlich des Reformationsjubiläums.

Doris Weilandt

Programminfos:

www.r2017.org/kirchentage-auf-dem-weg oder als App unter www.r2017.org/app.

Zehn Diakone eingesegnet

27. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Foto: Mirjam Petermann

Foto: Mirjam Petermann

Landesbischöfin Ilse Junkermann und Diakon Hanno Roth haben am Sonntag sieben Diakoninnen und drei Diakone aus verschiedenen Landeskirchen in der Eisenacher Nikolaikirche für ihren zukünftigen Dienst eingesegnet. Die zweieinhalbjährige, berufsbegleitende Ausbildung absolvierten sie am Diakonischen Bildungsinstitut Johannes Falk (DBI) in Eisenach. Die Absolventen arbeiten beispielsweise als gemeindepädagogische Mitarbeiter, als Erzieherinnen, in der Altenpflege oder der Stadtmission und engagieren sich ehrenamtlich in unterschied­lichen Bereichen.

Als Diakone sind sie nun auch zur Verkündigung und Gottesdienstleitung sowie zum Spenden der Sakramente Taufe und Abendmahl berechtigt. Zurzeit gibt es rund 440 Diakoninnen und Diakone, die in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) eingesegnet wurden (mehr zu diesem Thema in Ausgabe Nummer 10).

Sie kann sich nicht verzeihen

27. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Vergebung ist ein großes Geschenk – Heike Liebsch kann es für sich nicht an-nehmen. Als SED-Funktionärin wollte sie Brücken zur Kirche bauen. Dass dabei ihr Gewissen vor der Partei kapitulierte, verzeiht sie sich nie.

Ob die Kirchenzeitung wirklich über sie schreiben wolle? Sie fragt das zweifelnd am Telefon, ernst, ohne alle Koketterie. »Ich gehöre doch zu den Bösen.«

Es gab da ein Gespräch, im Winter der abebbenden Revolution von 1989. Da hat Heike Liebsch, die Mitarbeiterin für Staatspolitik in Kirchenfragen beim Rat des Stadtbezirks Dresden-Mitte, dem Superintendenten Christof Ziemer ihre Stasi-Gespräche offenbart. »Jetzt ist Heilung möglich«, sagte der Theologe. Vergebung. Heike Liebsch dachte nur: »Als könnte man einen Genickschuss heilen!« Von der Schuld, dem Verrat, auch dem Verrat an sich selbst.

Die Kugel für den Schuss flog bereits, als sie jung war. Der Sozialismus musste ja verteidigt werden. Ihre Mutter Oberleutnant bei der Volkspolizei, ihr Vater auch Genosse, ihr Großvater hatte in einem der ersten KZs gelitten. Gott und Glaube? Alles von der Wissenschaft widerlegt, dachte sie damals. »Das ist Opium des Volkes, das war für mich ein Glaubenssatz.« Ein anderer Glaubenssatz betraf die Menschenfreundlichkeit des Sozialismus. Sie glaubte mit heißem Herzen.

Die Kugel flog, da war sie Lehrling in der Druckerei und FDJ-Sekretärin. Schießlehrerin war sie auch. Einen Christen erkannte sie daran, dass er mit dem Luftgewehr neben die Zielscheibe schoss. Es war die Zeit der Atomraketenangst, es war 1982. Sie schmuggelte zwischen den Druck von Korrekturfahnen ein paar Flugblätter, in denen sie zu einem Friedensmarsch aufrief. Freunde von ihr waren Christen und trugen später die »Schwerter zu Pflugscharen«-Aufnäher, es kam ihr nur absurd vor, ideologische Gräben zu ziehen beim Kampf für den Frieden. Micha, Jesaja? Die Kommunistin Heike Liebsch begann, die Bibel zu lesen. Sie wollte es wissen.

Dann flog die Kugel über linoleumbelegtes Büroland. Mit 22 bezog die junge Genossin Heike 1986 ihren Schreibtisch im Stadtbezirk Dresden-Mitte. Sie hängte ein Bild von Gorbatschow neben dem des Papstes an die Wand.

Die Aufgaben einer Mitarbeiterin für Kirchenfragen im SED-System waren so: Kontrollgänge zu kirchlichen Schaukästen, um bei politischen Äußerungen auf Mäßigung zu dringen; Konfirmanden zum Abitur zuzulassen oder abzulehnen; bei Bau- und sonstigen Fragen zwischen Staat und Kirche zu vermitteln – und mindestens vier Gespräche im Jahr mit jedem Pfarrer in ihrem Gebiet.

»Sie hat nie verheimlicht, auf welcher Seite sie stand – aber ich habe sie immer als einen um die Wahrheit ringenden, suchenden Menschen erlebt«, erinnert sich Pfarrer Matthias Weismann, heute Superintendent im Leipziger Land. Auch der reformierte Pfarrer Klaus Vesting saß einer nachdenklichen Frau gegenüber. »Bei ihr konnte man kritische Dinge anbringen, ohne dass gleich die Keule der Staatsmacht kam.«

Die Staatsmacht war trotzdem im Boot. Die Kugel flog schneller. Nach jedem Pfarrergespräch schrieb Heike Liebsch einen Bericht an das Ministerium für Staatssicherheit. Und einmal im Vierteljahr betrat sie eine ohne Geschmack eingerichtete Wohnung in einer Gasse, in der sie ein Offizier zum Gespräch empfing. »Er hat mir immer recht gegeben, wenn ich am Verzweifeln war über die SED – das waren die Einzigen, mit denen ich über alles reden konnte. Und ich war süchtig nach Anerkennung.«

Der Offizier hatte sie, es war gut kalkuliert. Einmal im Jahr gab es eine Vase oder einen Kerzenständer oder 200 Mark.

Die Kugel trat in dem Moment ein, als sie spürte: »Ich verrate die Wärme an die Kälte.« Die Pfarrer, die sie sehr schätzte und von denen sie manches lernte. Ihre Hoffnung, Verständnis zwischen SED und Kirche zu wecken, auch manchem Kirchenmitarbeiter zu helfen.

Sie sah beides als Gnade an. Selbstbetrug nennt sie es heute. Sie tippte weiter Berichte, sie sicherten ihr Anerkennung, Aussicht auf eine Karriere und nebenbei ein Philosophiestudium. »Ich war ein Feigling und habe geholfen, das System am Laufen zu halten«, sagt sie heute. Da entstand der Bruch in ihr.

In der DDR war Heike Liebsch die Kontaktperson des Staates zu den Kirchen in Dresdens Zentrum – heute führt sie Besucher der Stadt gern zu dem letzten Fragment der 1953 gesprengten Jakobikirche am Wettiner Platz. Foto: Steffen Giersch

In der DDR war Heike Liebsch die Kontaktperson des Staates zu den Kirchen in Dresdens Zentrum – heute führt sie Besucher der Stadt gern zu dem letzten Fragment der 1953 gesprengten Jakobikirche am Wettiner Platz. Foto: Steffen Giersch

Als im Herbst 1989 die Demonstranten Kerzen auf Dresdens Straßen trugen, lief sie wie ein gefangenes Tier in der Bürokratenburg der Macht umher, inspizierte Schaukästen an den Kirchen, Friedensgebete. Schlaflose Nächte. »Die Wut muss raus aus mir, diese Verzweiflung. Niemand kann etwas dafür – außer ich selbst«, notierte sie in ihr Tagebuch. »Und ob ich schuldig geworden bin!«

Wenige Wochen später ging sie zu den Pfarrern und bekannte ihnen ihre Berichte. »Dass diese Leute damals Protokolle für die Stasi geschrieben haben, war uns doch klar«, sagt Pfarrer Klaus Vesting. In seinen Akten hat er keinen Bericht von Heike Liebsch gefunden. Einige Pfarrer waren ebenso wenig überrascht, manche Verbindung blieb bis heute.
Zu einem anderen Theologen zerbrach das Verhältnis. Sie verstand, aber es schmerzte.

Die Kugel steckte jetzt in ihr. Man fragte sie in den Wirren des Umbruchs, den sie selbst als Befreiung empfand, ob sie nicht Pressesprecherin der Stadt werden wolle. Sie wurde lieber Pförtnerin. Zwei Jahre lang.

»Ich habe gelernt, dass ich anfällig bin für Macht – also halte ich mich davon fern. Ich will nicht wieder in Versuchung kommen«, das ist ihre Lehre. Sie nimmt sie sehr ernst. Baute den jüdischen Kulturverein »Hatikva« in Dresden mit auf, erforschte die jüdischen Friedhöfe. Zwei Jahre lang fuhr sie nachts Taxi. Manchmal geht sie am Sabbat in die Synagoge.

Sie betet dort nicht. Aber dass es keinen Gott gibt, würde sie heute auch nicht mehr sagen. Sie sagt: Wer weiß? Nur scheut sie eine neue Wahrheit, nachdem ihr alter Glaube sie in den Verrat geführt hat. Als Stadtführerin zeigt sie ihren Gästen heute die Synagoge und auch Kirchen.

Nein, Buße sei all das nicht. »Seine Schuld kriegt man nicht los«, sagt sie. »Ich konnte nichts ungeschehen machen, nichts wiedergutmachen. Wie sollte das auch gehen?« Ihr Kopf weiß, dass Vergebung ein großes Geschenk sein kann. Sich selbst zu vergeben, hat ihr Herz nie geschafft. Die Kugel steckt fest und schmerzt.

Eine ihrer Stadtführungen beginnt an den spärlichen Überresten der von der DDR gesprengten Jakobikirche. Ein Fragment im Freien, mehr nicht. Ruinen, sagt sie, sind ehrlich.

Andreas Roth

Ungeliebtes Sakrament

26. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Deine Sünden sind dir vergeben, geh hin in Frieden« – diese Worte des Pfarrers am Ende der Beichte hatten für mich stets eine befreiende Wirkung. Im Sakrament der Buße konnte ich Gottes Vergebung unmittelbar erfahren.

Aufgewachsen im katholisch geprägten ländlichen Westfalen, gehörte die Beichte in meiner Kindheit und Jugend in den 1970er-Jahren zum Alltag. Aber trotz des guten Gefühls nachher war sie mir ein Gräuel. Das begann schon damit, dass man bei der »Gewissenserforschung« (anhand des »Gewissensspiegels« im Gesangbuch) nicht recht wusste, welche Sünden denn nun erwähnenswert waren. Als Neunjährige war ich damit einfach überfordert. Theologisch gesehen müssen wir nur schwere Verfehlungen, bei denen wir ganz bewusst gegen Gottes Gebote gehandelt haben, beichten. Doch was hat man als Kind schon an Sünden zu bieten? Deshalb begann ich meistens damit, um Vergebung zu bitten dafür, dass ich länger nicht bei der Beichte war …

Hinzu kam die Beichtstuhl-Situation: Man kniete, und hinter einem vergitterten Fensterchen neigte einem der alte Pfarrer (eine durchaus gefürchtete Respektsperson) sein Ohr, in das man seine Verfehlungen hineinflüsterte. Von einem vertrauensvollen Gespräch konnte da beim besten Willen nicht die Rede sein.

Nebenbei bemerkt: Die Beichte fand immer für den ganzen Schülerjahrgang statt, und so bekam wirklich jeder mit, wie viele »Vaterunser« oder »Ave Marias« einem als
Buße »aufgegeben« wurden und folglich, ob man viel gesündigt hatte.

Viele Katholiken verbinden mit der Beichte schlechte Erinnerungen und es wundert kaum, dass sie dieses Sakrament heute ablehnen und die Einladung Gottes nach Versöhnung, wenn, dann vorzugsweise in einem Bußgottesdienst annehmen.

Adrienne Uebbing

Glauben ist anders: Ohne Vertrauen geht nichts

25. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.

Lukas 18, Vers 31

Auf gehts, lasst uns gehen – ob die Jünger gewusst haben, was da alles auf sie zukommt? Wenn sie die Erzählungen der Propheten kannten, hatten sie sicher eine Ahnung von dem, was in Jerusalem passieren würde. Natürlich: Aus heutiger Sicht sind wir schlauer; aber die Jünger konnten es damals gewiss nicht begreifen und verstehen. Wie auch.

Kathrin Hollax, Hochschulseelsorgerin Merseburg

Kathrin Hollax, Hochschulseelsorgerin Merseburg

Denn ihr Jesus war schon immer ganz anders. Sein Leben eröffnete ihnen neue Welten. Er wendete sich denen zu, die keiner sehen wollte. Sie hörten ihm zu und folgten ihm. Alles an ihm war anders. Und dennoch, oder vielleicht genau deswegen, hatte er diese ganz bestimmte Anziehungskraft. Möglicherweise war es das, was sie spürten: Von diesem Mann geht mehr aus, als sie je begreifen konnten.

Auf gehts, lasst uns gehen – was würdest du tun, würde dir das heute jemand sagen? Vermutlich würde ich erst einmal wissen wollen, wo es hingehen soll. Ich möchte mich doch absichern. Nichts ist anstrengender, als einen Weg zweimal zu gehen. Dann möchte ich wissen, was es für einen Sinn hat, das Ganze.

Einfach etwas zu tun, ohne zu wissen, wofür und weshalb, ist das nicht Zeitverschwendung? Also, ohne Erklärungen und genauen Plan kommt in meinem Leben vieles nicht so schnell in Gang. Mein Leben habe ich gern selbst in der Hand.

Mein Glaube ist da ganz anders. Mit ihm gehe ich Wege, die ich vorher noch nicht kannte. Ich begebe mich auf ungewöhnliche, manchmal auch schwierige Pfade, mit einer tiefen inneren Gewissheit, dass genau das jetzt das Richtige ist. Das fühlt sich gut an und tut gut. Vielleicht ist es dieses Gefühl, das mich an meinem Glauben festhalten lässt, egal wann und wo, egal wie hoch der Berg oder wie tief das Wasser ist. Ich kann ihn nicht erklären, aber er bewegt etwas in mir und um mich, das ich nicht in der Hand habe und das gut so ist!

Dafür laufe ich gern los.

Kathrin Hollax, Hochschulseelsorgerin, Merseburg

Beichte auf evangelisch

24. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Buße ist das erste Wort der Reformation. »Als unser Herr Jesus Christus sagte: ›Tut Buße‹, da meinte er, dass unser ganzes Leben eine Buße sein solle«, lautet die erste von Luthers 95 Thesen. Dabei sollte es ausweislich der Bekenntnisschriften der lutherischen wie der reformierten Kirche auch bleiben.

Hat jemand, der sich mit der evangelischen Kirche in Deutschland in »Reformationsdekaden« auf den Weg zum Reformationsjubiläum gemacht hat, schon einmal etwas von »Buße« oder von »Beichte« gehört? Das Wort »Buße« taugt heute offenkundig nicht dazu, für das Anliegen der Reformation zu werben. Es klingt so negativ. Wir denken da an »Bußgeldbescheide«. Uns fallen Strafen ein, die Menschen »abbüßen« müssen. »Buße« klingt erniedrigend und demütigend. Den Eindruck, dass die christliche Botschaft Menschen kleinmachen möchte, möchte unsere Kirche darum auf keinen Fall erwecken. Die persönliche Beichte der eigenen Sünden, in der die Buße konkrete Gestalt gewinnt, zählt darum nicht zu den Anliegen, die mit dem Reformationsjubiläum befördert werden sollen.

Einladung zur Beichte fehlt

Für Luther und die anderen Reformatoren aber gehörte die Beichte, in der ein Mensch seine Sünde bekennt und den Zuspruch der Vergebung der Sünde empfängt, zu einem wahrhaftigen christlichen Leben. Ohne die konkret ausgedrückte Reue über die Verfehlungen gegenüber Gott und den Menschen war für sie der Zuspruch der Vergebung, der die »Freiheit eines Christenmenschen« begründet, nur Schall und Rauch. Ist er heute auch nur noch Schall und Rauch, wo die Einladung zur Beichte in fast keinem Gemeindebrief zu finden ist?

Beichtszene vom rechten Flügel des von Lucas Cranach d. Ä. und seinem Sohn gemalten Reformationsaltars (1547/1548). Im Mittelpunkt steht der erste Pfarrer der Wittenberger Stadtkirche, Luthers Freund und Beichtvater Johannes Bugen- hagen, der zwei Männern die Beichte abnimmt. Fotos Adrienne Uebbing

Beichtszene vom rechten Flügel des von Lucas Cranach d. Ä. und seinem Sohn gemalten Reformationsaltars (1547/1548). Im Mittelpunkt steht der erste Pfarrer der Wittenberger Stadtkirche, Luthers Freund und Beichtvater Johannes Bugen- hagen, der zwei Männern die Beichte abnimmt. Fotos Adrienne Uebbing

Natürlich ist dieser Zustand dadurch befördert worden, dass »Beichten« als etwas »Katholisches« gilt. Doch die Reformatoren haben nicht die Beichte als solche, sondern den Beichtzwang, die Nötigung der Aufzählung von Einzelsünden und die Verordnung aller möglichen Bußleistungen kritisiert. Ihnen blieb die Beichte wichtig, weil sie einprägte, dass die Rechtfertigung sündiger Menschen durch Gott konkret im Leben von Christinnen und Christen ankert. Es ist für uns als leib-seelische Wesen auch wichtig, dass die Rechtfertigung ausweisbar in unserer geschichtlichen Existenz Fuß fasst. So, wie die Sünde der Gottesferne im Äußerlichen ihr Werk tut, soll ihr auch ein Damm im Äußerlichen, im lauten Bekenntnis der Sünde und im lauten Freispruch entgegengesetzt werden.

Rechtfertigung wird bei der Beichte darum zu einem Datum in der Biografie, die so zum Leben eines Menschen gehört, wie die Hochzeit oder der Berufsanfang. Es vergisst sich nicht mehr, wenn ein Mensch zu dir in der Vollmacht Jesu Christi gesagt hat: »Ich spreche dich im Namen Gottes frei von dem, was du im Vergessen Gottes mit deinen Gedanken, Worten und Werken angerichtet hast. Dich braucht das Vergangene nicht mehr quälen. Vor dir liegen offene Horizonte, in die du aufbrechen kannst.«

Beichte – Akt der Freiheit

Wem sich das Erlebnis der Beichte so in sein Leben eingekerbt hat, für den verliert sie das Düstere, das mit dem lutherischen Buß- und Beichtverständnis zweifellos auch verbunden ist. Man kann verstehen, warum viele Gemeinden Luthers angebliches Beichtbekenntnis (das gar nicht von ihm stammt) vor dem Abendmahl nicht mehr sprechen möchten. Denn nicht ein »armer, elender, sündiger Mensch«, der Gottes Strafen »zeitlich und ewiglich verdient hat«, steht da vor Gott, sondern ein freier Mensch, der sich ohne alle Angst aufrichtet. Er ist im Vertrauen auf Gottes Güte fähig, auszusprechen, wie es in Wahrheit um ihn steht. Beichte, in welcher die Buße konkret wird, ist ein Akt der Freiheit.

Denn die Sünde, hat Dietrich Bonhoeffer gesagt, »will unerkannt bleiben. Sie scheut das Licht. Im Dunkel des Unausgesprochenen vergiftet sie das ganze Wesen des Menschen. […] Die ausgesprochene bekannte Sünde (aber) hat alle Macht verloren.« Wer seine Sünde bekennt, duckt sich also nicht nieder, er richtet sich auf. Er freut sich, wahrhaftig sein zu können. »Nun darf er Sünder sein«, hat Bonhoeffer etwas zugespitzt gesagt.

Wolf Krötke

Der Autor ist Professor für systematische Theologie an der Humboldt Universität in Berlin.

Wenn Nathan im Rollstuhl sitzt

20. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Schultheatergruppe interpretiert einen Literaturklassiker ganz eigenwillig

Da schwirren sie umher, sechs von acht Mitgliedern der Theatergruppe »Emily« des Dessauer Gymnasiums Philanthropinum und studieren direkt im Dachgeschoss ihrer Schule ein großes Werk der Literaturgeschichte ein. An keinen Geringeren als Gotthold Ephraim Lessing wagen sich die Neunt- bis Elftklässler. »Nathan der Weise« steht auf ihrer Agenda. So weit, so normal. Doch normal ist bei diesem Stück fast nichts. Da wird geflachst. Da werden Matrosenkostüme, Horror- und Pestmasken ausprobiert. Auf den ersten Blick lässt der Karneval grüßen. Wo da die Ernsthaftigkeit bleibe, fragt sich der interessierte Beobachter. Schließlich gilt es hier die Frage nach der wahren Religion zu beantworten.

Regiebesprechung mit dem Autor Thomas Altmann (li.) und der Theatergruppenleiterin Birgit Krüger, bevor Nathan im Rollstuhl in den Dialog mit dem liegenden Saladin tritt. Foto: Danny Gitter

Regiebesprechung mit dem Autor Thomas Altmann (li.) und der Theatergruppenleiterin Birgit Krüger, bevor Nathan im Rollstuhl in den Dialog mit dem liegenden Saladin tritt. Foto: Danny Gitter

Schon im Original lässt Lessing seinen jüdischen Protagonisten Nathan sich bei dieser Frage winden und in Märchen sowie Parabeln dem muslimischen Sultan Saladin antworten.

Die Schultheatergruppe unter der Leitung der Gymnasiallehrerin Birgit Krüger treibt es auf die Spitze. Fragmente aus »Nathan der Weise« werden herausgepickt und mit so ziemlich allem, was die Gebrüder Grimm zu bieten haben, und frechen neuzeitlichen Dialogen verknüpft. Die Märchenstunde ist eröffnet unter dem Titel »Nathan im Rollstuhl«. Ob das am Ende einen Sinn ergibt? Der Zuschauer wird es herausfinden, rund um den »Kirchentag auf dem Weg« in Dessau-Roßlau. Am langen Himmelfahrtswochenende spielen sie am Rande des Anhalt-Mahls am Abend zu Christi Himmelfahrt. Einen Abend später präsentieren die Nachwuchsschauspieler im Alten Theater ihr Stück mit Filmsequenzen, die sie vor dem Kirchentag gedreht haben, sowie mit Lesungen. Der Offene Kanal Dessau lässt »Nathan im Rollstuhl« zur Zeit des Kirchentags über den Bildschirm flimmern.

Bis dahin heißt es üben, üben, üben und in einem Werkstattgespräch am Rand der Proben zumindest schon die ersten Fragen zu beantworten. Warum etwa aus »Nathan der Weise« ein »Nathan im Rollstuhl« wird, darauf könnte Thomas Altmann, der Kopf dahinter, mit Genuss in Märchen und Parabeln antworten. Er macht es dann auf die philosophische Art. »In diesen Zeiten stehen sich Menschen und ihre Religionen in Nähe oder in unversöhnlicher Ferne gegenüber«, sagt Altmann. »Diese Nähe und diese Ferne hinterfragt der vernünftige Nathan. Doch diese Vernunft ist brüchig. Deshalb braucht sie im Rollstuhl ein Vehikel«, führt er weiter aus.

Im Kirchenkreis Dessau ist der studierte Theologe, der Religion gerne kritisch hinterfragt, für seine besondere Auseinandersetzung mit Glaube und Christentum bekannt. Schon in der Vergangenheit wurden Krippenspiele der Jungen Gemeinde in Roßlau unter seiner Regie zu glaubens- und gesellschaftskritischen Theaterstücken. Auch mit »Nathan im Rollstuhl« will der Öffentlichkeitsarbeiter eines Dessauer Krankenhauses den Zuschauer aus der Komfortzone holen. »Ist Religion nur immer der Blick nach hinten und wenn wir nach vorne schauen, was können wir da erwarten?«, fragt Altmann. Mit »Nathan im Rollstuhl« will er zum Kirchentag auf dem Weg versuchen, Antworten darauf zu geben.

Danny Gitter

Rückwärtsgang: Luther wieder in Latein

20. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Restauriert: In Basel 1520 veröffentlichter Sammelband aus dem Landeskirchlichen Archiv

Schon zu Martin Luthers Lebzeiten waren viele Menschen begierig, die Schriften des Reformators zu lesen. Sie wurden, nachdem sie zumeist in Wittenberg erschienen waren, an anderen Orten nachgedruckt, und auf diese Weise immer weiter verbreitet. Man konnte damals mit dem Nachdruck von Lutherschriften viel Geld verdienen. Ein Copyright, wie heute, gab es nicht und ein Honorar für seine geistige Arbeit hat Martin Luther nie erhalten. Um 1518 war Luther schon so bekannt und hatte bereits so viele Schriften veröffentlicht, dass geschäftstüchtige Verleger in Basel und Straßburg sich bemühten, eine Gesamtausgabe der Werke des Reformators zu veröffentlichen. Eine erste besorgte 1518 der Baseler Drucker und Verleger Johannes Froben (1460–1527). Sie enthielt alle Schriften Luthers, die er bis zu diesem Jahr veröffentlicht hatte. Andere folgten Froben, und es erschienen bis 1520 drei weitere Sammelausgaben mit den Werken Luthers.

Der Baseler Verleger Adam Petri veröffentlichte 1520 diesen Band. Foto: Landeskirchliches Archiv

Der Baseler Verleger Adam Petri veröffentlichte 1520 diesen Band. Foto: Landeskirchliches Archiv

Eine dieser frühen und heute seltenen Ausgaben von Luthers Schriften befindet sich auch im Landeskirchenarchiv in Eisenach. Sie wurde im Juli 1520 von dem Baseler Drucker und Verleger Adam Petri (1454–1527) veröffentlicht und enthält mehr als zwanzig Lutherschriften aus der Zeit zwischen 1517 und 1520, Sermone, Streitschriften, Akten und den Kommentar über den Brief des Apostels Paulus an die Galater. Da der umfangreiche Band für gebildete Leser bestimmt war, liegen in ihm alle Schriften in lateinischer Sprache vor. Auch einige, ursprünglich in deutscher Sprache veröffentlichte Sermone wurden für diese Ausgabe ins Lateinische übersetzt.

Das Buch stammt aus der ehemaligen Eisenacher Ministerialbibliothek, die einst im Turm der St.-Georgen-Kirche aufgestellt war. Diese bedeutende Kirchenbibliothek wurde 1596 von dem späteren Stedtfelder Pfarrer Sebastian Khymäus (1535–1614) gegründet. Bedeutende Zuwächse erhielt sie durch verschiedene Schenkungen. Als eine solche erweist sich auch der Band mit den Lutherschriften. Der Eisenacher Pfarrer Johannes Himmel (1546–1626) hat ihn der Ministerialbibliothek gestiftet. Er ist eifrig benutzt worden, denn auf vielen Seiten finden sich Unterstreichungen und Randbemerkungen einstiger Leser. Die machen diesen Petri-Druck von frühen reformatorischen Schriften Luthers zu einem einmaligen Buch, das in seiner Weise auch ein bedeutendes Denkmal der Reformation darstellt. Dieses ist mit landeskirchlichen Mitteln zur Reformationsdekade restauriert worden.

Hagen Jäger, Landeskirchenarchiv Eisenach

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