Wenn Nathan im Rollstuhl sitzt

20. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Schultheatergruppe interpretiert einen Literaturklassiker ganz eigenwillig

Da schwirren sie umher, sechs von acht Mitgliedern der Theatergruppe »Emily« des Dessauer Gymnasiums Philanthropinum und studieren direkt im Dachgeschoss ihrer Schule ein großes Werk der Literaturgeschichte ein. An keinen Geringeren als Gotthold Ephraim Lessing wagen sich die Neunt- bis Elftklässler. »Nathan der Weise« steht auf ihrer Agenda. So weit, so normal. Doch normal ist bei diesem Stück fast nichts. Da wird geflachst. Da werden Matrosenkostüme, Horror- und Pestmasken ausprobiert. Auf den ersten Blick lässt der Karneval grüßen. Wo da die Ernsthaftigkeit bleibe, fragt sich der interessierte Beobachter. Schließlich gilt es hier die Frage nach der wahren Religion zu beantworten.

Regiebesprechung mit dem Autor Thomas Altmann (li.) und der Theatergruppenleiterin Birgit Krüger, bevor Nathan im Rollstuhl in den Dialog mit dem liegenden Saladin tritt. Foto: Danny Gitter

Regiebesprechung mit dem Autor Thomas Altmann (li.) und der Theatergruppenleiterin Birgit Krüger, bevor Nathan im Rollstuhl in den Dialog mit dem liegenden Saladin tritt. Foto: Danny Gitter

Schon im Original lässt Lessing seinen jüdischen Protagonisten Nathan sich bei dieser Frage winden und in Märchen sowie Parabeln dem muslimischen Sultan Saladin antworten.

Die Schultheatergruppe unter der Leitung der Gymnasiallehrerin Birgit Krüger treibt es auf die Spitze. Fragmente aus »Nathan der Weise« werden herausgepickt und mit so ziemlich allem, was die Gebrüder Grimm zu bieten haben, und frechen neuzeitlichen Dialogen verknüpft. Die Märchenstunde ist eröffnet unter dem Titel »Nathan im Rollstuhl«. Ob das am Ende einen Sinn ergibt? Der Zuschauer wird es herausfinden, rund um den »Kirchentag auf dem Weg« in Dessau-Roßlau. Am langen Himmelfahrtswochenende spielen sie am Rande des Anhalt-Mahls am Abend zu Christi Himmelfahrt. Einen Abend später präsentieren die Nachwuchsschauspieler im Alten Theater ihr Stück mit Filmsequenzen, die sie vor dem Kirchentag gedreht haben, sowie mit Lesungen. Der Offene Kanal Dessau lässt »Nathan im Rollstuhl« zur Zeit des Kirchentags über den Bildschirm flimmern.

Bis dahin heißt es üben, üben, üben und in einem Werkstattgespräch am Rand der Proben zumindest schon die ersten Fragen zu beantworten. Warum etwa aus »Nathan der Weise« ein »Nathan im Rollstuhl« wird, darauf könnte Thomas Altmann, der Kopf dahinter, mit Genuss in Märchen und Parabeln antworten. Er macht es dann auf die philosophische Art. »In diesen Zeiten stehen sich Menschen und ihre Religionen in Nähe oder in unversöhnlicher Ferne gegenüber«, sagt Altmann. »Diese Nähe und diese Ferne hinterfragt der vernünftige Nathan. Doch diese Vernunft ist brüchig. Deshalb braucht sie im Rollstuhl ein Vehikel«, führt er weiter aus.

Im Kirchenkreis Dessau ist der studierte Theologe, der Religion gerne kritisch hinterfragt, für seine besondere Auseinandersetzung mit Glaube und Christentum bekannt. Schon in der Vergangenheit wurden Krippenspiele der Jungen Gemeinde in Roßlau unter seiner Regie zu glaubens- und gesellschaftskritischen Theaterstücken. Auch mit »Nathan im Rollstuhl« will der Öffentlichkeitsarbeiter eines Dessauer Krankenhauses den Zuschauer aus der Komfortzone holen. »Ist Religion nur immer der Blick nach hinten und wenn wir nach vorne schauen, was können wir da erwarten?«, fragt Altmann. Mit »Nathan im Rollstuhl« will er zum Kirchentag auf dem Weg versuchen, Antworten darauf zu geben.

Danny Gitter

Rückwärtsgang: Luther wieder in Latein

20. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Restauriert: In Basel 1520 veröffentlichter Sammelband aus dem Landeskirchlichen Archiv

Schon zu Martin Luthers Lebzeiten waren viele Menschen begierig, die Schriften des Reformators zu lesen. Sie wurden, nachdem sie zumeist in Wittenberg erschienen waren, an anderen Orten nachgedruckt, und auf diese Weise immer weiter verbreitet. Man konnte damals mit dem Nachdruck von Lutherschriften viel Geld verdienen. Ein Copyright, wie heute, gab es nicht und ein Honorar für seine geistige Arbeit hat Martin Luther nie erhalten. Um 1518 war Luther schon so bekannt und hatte bereits so viele Schriften veröffentlicht, dass geschäftstüchtige Verleger in Basel und Straßburg sich bemühten, eine Gesamtausgabe der Werke des Reformators zu veröffentlichen. Eine erste besorgte 1518 der Baseler Drucker und Verleger Johannes Froben (1460–1527). Sie enthielt alle Schriften Luthers, die er bis zu diesem Jahr veröffentlicht hatte. Andere folgten Froben, und es erschienen bis 1520 drei weitere Sammelausgaben mit den Werken Luthers.

Der Baseler Verleger Adam Petri veröffentlichte 1520 diesen Band. Foto: Landeskirchliches Archiv

Der Baseler Verleger Adam Petri veröffentlichte 1520 diesen Band. Foto: Landeskirchliches Archiv

Eine dieser frühen und heute seltenen Ausgaben von Luthers Schriften befindet sich auch im Landeskirchenarchiv in Eisenach. Sie wurde im Juli 1520 von dem Baseler Drucker und Verleger Adam Petri (1454–1527) veröffentlicht und enthält mehr als zwanzig Lutherschriften aus der Zeit zwischen 1517 und 1520, Sermone, Streitschriften, Akten und den Kommentar über den Brief des Apostels Paulus an die Galater. Da der umfangreiche Band für gebildete Leser bestimmt war, liegen in ihm alle Schriften in lateinischer Sprache vor. Auch einige, ursprünglich in deutscher Sprache veröffentlichte Sermone wurden für diese Ausgabe ins Lateinische übersetzt.

Das Buch stammt aus der ehemaligen Eisenacher Ministerialbibliothek, die einst im Turm der St.-Georgen-Kirche aufgestellt war. Diese bedeutende Kirchenbibliothek wurde 1596 von dem späteren Stedtfelder Pfarrer Sebastian Khymäus (1535–1614) gegründet. Bedeutende Zuwächse erhielt sie durch verschiedene Schenkungen. Als eine solche erweist sich auch der Band mit den Lutherschriften. Der Eisenacher Pfarrer Johannes Himmel (1546–1626) hat ihn der Ministerialbibliothek gestiftet. Er ist eifrig benutzt worden, denn auf vielen Seiten finden sich Unterstreichungen und Randbemerkungen einstiger Leser. Die machen diesen Petri-Druck von frühen reformatorischen Schriften Luthers zu einem einmaligen Buch, das in seiner Weise auch ein bedeutendes Denkmal der Reformation darstellt. Dieses ist mit landeskirchlichen Mitteln zur Reformationsdekade restauriert worden.

Hagen Jäger, Landeskirchenarchiv Eisenach

Wartburg und Frauenkirche im Wohnzimmer

20. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Filigranes Hobby: Dieter Fallgatter hat sich dem architektonischen Modellbau verschrieben

Wer Dieter Fallgatter in Löbichau einen Besuch abstattet, wird auf eine außergewöhnliche Reise mitgenommen. Den Gast erwartet ein Kulturtrip durch Europa, der direkt hinter der Haustür beginnt. Der Weg ins Wohnzimmer führt von der Tower Bridge London über die Prager Karlsbrücke zum Wiener Stephansdom und zu Goethes Gartenhaus. In der »guten Stube« geht’s zur Wartburg, zur Dresdener Frauenkirche, zu Notre-Dame in Paris und zum Tempel von Jerusalem zu König Herodes’ Zeiten.

Dieter Fallgatter und seine Modelle. Foto: Ilka Jost

Dieter Fallgatter und seine Modelle. Foto: Ilka Jost

Das sind nur einige Attraktionen, mit denen der 69-Jährige aufwarten kann. Er hat sich dem architektonischen Modellbau verschrieben. Seine Werke konnten schon in vielen Ausstellungen bewundert werden. Über 500 Miniaturen hat er in 25 Jahren geschaffen, aus dünnem, papierartigem Karton. Die Maßstäbe reichen von 1:1000 bis 1:10. Neben Lineal, Schere, Cuttermesser und Leim braucht er vor allem Ausdauer, eine ruhige Hand und natürlich die »Baupläne«.

»Früher war es schwer, Modellbögen zu bekommen und ich habe diese vorwiegend aus Tschechien bezogen. Inzwischen bieten immer mehr Verlage, aber auch Tourist-Informationen und Museen die Bögen regionaler Bauwerke wie dem Erfurter Dom und der Severikirche an«, berichtet der Bauingenieur. Bis zum Eintritt ins Rentenalter war er im Bereich Hochbau des Landratsamts Greiz tätig. Seine Leidenschaft kommt also nicht von ungefähr.

Bis eine Miniatur vollendet ist, heißt es schneiden, falzen, kleben. Manche Modelle bestehen aus 500 bis 1 000 Einzelteilen, mitunter nur wenige Millimeter groß, wie Schmuckornamente oder Turmspitzen. Der Zeitaufwand fällt deshalb sehr unterschiedlich aus. »Für die Frauenkirche habe ich über 100 Stunden gebraucht«, schätzt Fallgatter.

Als Christ liegen ihm die Sakralbauten besonders am Herzen. Durch seine langjährige ehrenamtliche Arbeit als Lektor und Vorsitzender der Kreissynode kennt er viele Kirchen im Altenburger Land. Von seiner Heimatkirche Großstechau oder anderen Dorfkirchen besitzt er jedoch keine Modelle. Zu aufwendig wäre die für das Aufmaß und die Erstellung der Bögen erforderliche Vorarbeit.

Momentan arbeitet Dieter Fallgatter an einem besonderen Projekt. Zum Reformationsjubiläum plant das Heinrich-Schütz-Haus Bad Köstritz eine Sonderausstellung. Die Zusammenarbeit mit dem Museum besteht seit Jahren, und auch dieses Mal will der Löbichauer einige Exponate beisteuern. Die Wittenberger Schlosskirche und das Martin-Luther-Denkmal sind gerade fertiggeworden. Ein neues Modell der Wartburg und der Dom zu Speyer sollen folgen.

Wer in Sachen Hobby reinschnuppern möchte, bekommt gern etwas Schützenhilfe vom erfahrenen Modellbauer. »Mein Enkel hat es probiert, ist aber nicht dabeigeblieben. Einmal habe ich zu einer Rüstzeit mit Jugendlichen gebastelt. Die meisten haben schon nach kurzer Zeit aufgegeben, weil es ihnen an Geduld fehlte.«

Ilka Jost

Geistlicher Beistand für Vierbeiner

20. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Gerettet: Superintendent war Schutzengel für Jagdhund auf der A 38

Einen echten Schutzengel hatte eine Jagdhündin auf der A 38. Der Vierbeiner war während einer Treibjagd im Burgenlandkreis von seiner Fährte abgekommen und durch die Leitplanke auf die Autobahn geschlüpft. Da dort nur mäßiger Verkehr herrschte, schaffte es die junge Hundedame unbeschadet zur Mittelleitplanke, wo sie als »Geisterfahrer« gen Halle trabte.

Superintendent Michael Wegner rettete einer jungen Jagdhündin auf der A 38 bei Leuna das Leben. Foto: Ilka Jost

Superintendent Michael Wegner rettete einer jungen Jagdhündin auf der A 38 bei Leuna das Leben. Foto: Ilka Jost

In vorgeschriebener Richtung war Michael Wegner, Superintendent der Kirchenkreise Altenburger Land und Rudolstadt-Saalfeld, unterwegs. Unweit der Anschlussstelle Leuna sah er plötzlich einen Hund auf der Überholspur laufen. »Ich traute meinen Augen kaum. Es war mehr als Glück, dass das Tier nicht von einem der Autos erfasst wurde, die mit hoher Geschwindigkeit vorbeifuhren«, berichtet der 55-Jährige.

In Sekundenschnelle bremste er ab, setzte den Blinker, fuhr auf den Seitenstreifen und stieg aus, um die wagemütige Hundedame von der Fahrbahn zu locken. Mit einem großen Satz sprang die Jagdhündin in den geöffneten Kofferraum und beschnüffelte ihren Retter und dessen Fahrzeug.

Das Kuriose an der Sache: Michael Wegner, wohnhaft in Liebenrode im Südharz, hat selbst einen Jagdhund und somit viel Erfahrung und Feingefühl im Umgang: »Vielleicht hat der Ausreißer das ja gespürt und gewittert und ist deshalb so bereitwillig zu mir gekommen. Als ich das orangefarbene Signalhalsband und die Schelle gesehen hab, war mir klar, dass sich das Tier während einer Jagd verirrt haben musste.«

An einem weiteren Halsband befand sich ein Schild mit der Telefonnumer des Herrchens. Der Jäger hatte den ausgebüxten Vierbeiner bereits vermisst. Bevor der Ausreißer seinem Besitzer übergeben werden konnte, hatte dieser genügend Zeit, um sich von seiner Strapaze zu erholen, während der Superintendent einen Gottesdienst in der Brüderkirche Altenburg leitete. Anschließend ging es zurück auf die Autobahn, wo die Geschichte am vereinbarten Treffpunkt für alle Beteiligten ein gutes Ende nahm.

Dass die beherzte Rettungsaktion für ihn nicht ungefährlich war, dessen ist sich Michael Wegner bewusst. »Ich konnte einfach nicht anders. Wenn der Hund vor meinen Augen überfahren worden wäre, hätte ich dieses Bild nicht aus meinem Kopf bekommen«, so der tierliebe Pfarrer.

Ilka Jost

Segnen ist Gottes Leidenschaft

20. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

»Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein« – ein Impuls zu Gottes Verheißung an Abraham.

Wenn Gott segnet, gibt er aus seiner göttlichen Lebensfülle. Es ist seine Art, großzügig, ja fast verschwenderisch zu schenken. Segen ist göttliches Leben. Segen ist nur ein anderes Wort für Gnade, vielleicht leichter verständlich. Weil es Gottes Leidenschaft ist, uns Gutes zu tun, hält er Ausschau nach Menschen, die sich nach seinem Segen sehnen:

Die Geschichte Abrahams handelt davon. »Ich will dich segnen.« Mit diesem Segenszuspruch kommt Gott dem suchenden Abraham entgegen. Damit lockt er Abraham in ein Leben des Vertrauens. Abraham hört es und ist davon tief getroffen. Er bewegt dieses Wort und es lässt ihn nicht mehr los: »Ich will dich segnen.«

Impressionen vom »Berg der Kreuze« in Litauen. Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Impressionen vom »Berg der Kreuze« in Litauen. Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Abraham sucht die Einsamkeit, um dieses Wort zu knacken. Aber das Wort knackt ihn. Er wagt es, sich auf diese Stimme einzulassen. Er wagt zu glauben. Sein Segensweg beginnt mit einem Abschied. Und Gott sagt ihm auch konkret, was er loslassen muss: sein Vaterland, seine Verwandtschaft, das Haus seines Vaters. Also alles, was ihm bisher Halt und Schutz gegeben hat. Gott ruft ihn aus seiner bisherigen Existenz in eine neue, aus einem bekannten Land in ein unbekanntes. Und Abraham hat nur eine einzige Brücke, das Wort der Verheißung, das er vernommen hat. »Ich will dich segnen.« Über diese Brücke geht er nun. So ist der Segen bei Abraham mit dem Schmerz des Abschieds verbunden. Abraham wagt es trotzdem. Er packt zusammen und bricht auf. So öffnet er sich für den großen Segen, den Gott ihm versprochen hat.

Abraham hätte das große Angebot auch ablehnen und überhören können. Er hätte in der Geborgenheit der Familie, in der Sicherheit seiner Sippen und bei den üblichen religiösen Traditionen bleiben können. Doch Abraham entscheidet sich für den Segen. Er muss es ertragen, dass andere ihn für einen Narren halten. Er geht weiter über die Schmerzgrenze hinaus in die Freiheit, in die Gott ihn ruft.

Natürlich kennt er auch Stunden, in denen er unsicher ist, nichts sieht und Fehler macht. Aber die segnende Gegenwart ist jedesmal größer als sein Versagen. Mit jedem Schritt geht Abraham tiefer hinein in die Freundschaft mit dem lebendigen Gott. Durch Jesus Christus, der ja der verheißene Nachkomme Abrahams ist, weitet sich der Lebens- und Segensstrom hin zu allen Völkern der Erde. Das Kreuz Jesu ist die universale Dimension des göttlichen Segens.

Segnen ist bis heute Gottes große Leidenschaft. Wer die Segensfülle empfangen will, kommt wie Abraham um einen Abschied nicht herum. Wir vergessen das leicht. Wer tiefer in die Freundschaft mit dem lebendigen Gott einsteigen will, dem sagt Gott, wo er ausziehen soll. Vielleicht ist es eine Gewohnheit, die mir schadet, eine Beziehung, die mich abhängig gemacht hat, ein negatives Verhalten wie Rückzug oder Unversöhnlichkeit. Fragen wir Gott, er wird es deutlich machen.

Schauen wir jetzt noch auf den zweiten Teil der Verheißung: »Du sollst ein Segen sein.« Oder einfach: Werde ein Segen! Ein Segen für andere sein, ist eine schöne Berufung. Wie aber kommen wir in diese Berufung hinein, Segen zu sein? Sicher nicht dadurch, dass wir uns jetzt vornehmen, uns anzustrengen und mehr für andere zu tun.

Ein Segen sein, ein Segen werden, da geht es um unser Sein, nicht ums Tun, ums Machen. Vielleicht heißt ein Segen werden zuerst einmal weniger tun und mich daran freuen, wer ich vor Gott bin. Wenn wir wie Abraham aus der Freundschaft mit dem ewigen Gott leben, werden wir Menschen, die das Wunder der Zeitvermehrung erfahren. Bin ich ein Mensch, der wieder Zeit hat?

Dann bin ich vielleicht schon ein Segen, ohne etwas Besonderes zu machen. Wer aus der Freundschaft mit Gott lebt, der wird voraussichtlich freundlich. Wer sich die Liebe Gottes gefallen lässt, wird voraussichtlich liebevoll. Wer vor Gottes Augen Gnade gefunden hat, wird mit anderen gnädig sein. Wer von Gott gesegnet ist, wird voraussichtlich ein Segen sein.

Ein Segen sein, das heißt: Ich bin jemand, der segnet. »Segnen heißt, die Hand auf etwas legen und sagen, du gehörst trotz allem Gott.« (Dietrich Bonhoeffer) Segnen kann jeder, der glaubt. Segnen ist an kein bestimmtes Amt gebunden.

Im Alten Testament war es die Aufgabe der Priester, den Segen aufs Volk Gottes zu legen. Im Neuen Testament gibt Jesus seinen Jüngern den Auftrag, alle Menschen zu segnen. Jeder Christ darf zum Beispiel seine Nachbarn und Arbeitskollegen segnen. Jeder Vater darf seine Kinder segnen. Wenn wir mit dem Segnen ernst machen, wird sich die Atmosphäre in der Familie und im Geschäft voraussichtlich verändern. Wenn wir einen Menschen segnen, stellen wir ihn in eine Beziehung zu Gott.

Wie wir Segen weitergeben, das kann sehr vielfältig sein: Gute Gedanken über einem Menschen wirken Segen; jeder Gruß ist ursprünglich ein Segen (»Grüß Gott« meint: Jetzt grüßt dich Gott) – aber das ist uns meistens nicht mehr bewusst; es gibt auch die segnende Berührung – die Hand auf den Kopf oder auf die Schulter legen und ein gutes Wort sprechen; es gibt den segnenden Blick, die segnende Geste, den Segenswunsch. Der Zuspruch einer Segensverheißung setzt heute genauso wie bei Abraham in einem Menschen Glaubenskraft frei.

Jesus befiehlt seinen Jüngern auch, die zu segnen, die ihnen fluchen. Die Segensmacht Gottes ist stärker als jeder Fluch. Als Jesus am Kreuz starb, hat er Fluch in Segen verwandelt.

Ich schließe damit, was Dietrich Bonhoeffer über Segen gesagt hat: »Wer selbst gesegnet wurde, der kann nicht anders, als diesen Segen weitergeben, ja, er muss dort, wo er ist, ein Segen sein. Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden. Dieses Unmögliche ist der Segen Gottes.«

Barbara-Sibille Stephan

Die Autorin ist Schwester in der Christusbruderschaft Selbitz und zurzeit im Aidshilfeprojekt der Communität in Südafrika tätig.

Sorgenfresser

19. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Ich wusste gar nicht, was ein Sorgenfresser ist, als mein Patenkind sich einen solchen wünschte. Eine Plüschfigur, dessen Schlund sich mit einem Reißverschluss öffnen lässt und dem Kinder gern ihren Kummer – auf einen Zettel notiert oder aufgemalt – übergeben. Raphael ist acht Jahre alt. Er geht in die zweite Klasse. Am Ende der ersten Klasse war deutlich, dass das Lesen ihm schwerfällt. Deshalb musste er sogar im Urlaub an der Ostsee jeden Tag üben.

Ob ihm ein Sorgenfresser helfen könnte? Auf einen Zettel schrieb Raphael: »Ich muss besser lesen können« und vertraute seinen Kummer dem Fachmann für Sorgen im blau-weiß gestreiften Anzug an. Als ich mich nach einiger Zeit erkundigte, ob es Anzeichen für das erfolgreiche Wirken des Sorgenexperten gebe, wies mich Raphael zurecht: »Das geht nicht so schnell!« Natürlich, sich einzig und allein auf den kleinen Helfer zu verlassen, wäre zu kurz gedacht. Der Junge muss weiterhin täglich Lesen üben.

Eines Abends die Überraschung. Raphael rief an, um mir zu erzählen, dass das Zettelchen, auf dem er seinen Kummer notiert hatte, aus dem Bauch des Sorgenfressers verschwunden sei. Augenscheinlich aufgefressen. »Und wie geht’s mit dem Lesen?«, fragte ich zurück. »Gut«, antwortete der Junge.

Wenn ich mit meinem eigenen Latein am Ende bin, müssen noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sein. Die kindliche Hoffnung muss nicht, aber kann religiös gedeutet werden. Gott will unsere Sorgen tilgen, denn in der Bibel steht: Alle eure Sorgen werft auf den Herrn. Nun ist dieser biblische Rat für einen Achtjährigen wahrscheinlich noch nicht nachzuvollziehen. Dafür »wirft« das Kind seinen Kummer in den Sorgenfresser und signalisiert, dass es auf eine Kraft hofft, die außerhalb seiner selbst liegt.

Sabine Kuschel

Schweres Gepäck einfach mal abstellen

18. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.

Hebräer 3, Vers 15

Für gewöhnlich sind Herzen rot. Leuchtende, pulsierende Herzen. Sie zieren die Notizblöcke verliebter Teenager oder schmücken dieser Tage die Schaufenster der Blumengeschäfte zum Valentinstag. In meiner Vorstellung sind Herzen meist rot, und medizinisch betrachtet trägt das Organ ebenso eine rote Farbe. Doch wie sehen sie wirklich aus, unsere Herzen, und was treibt sie um?

Kathrin Hollax, Hochschulseelsorgerin Merseburg

Kathrin Hollax, Hochschulseelsorgerin Merseburg

Manch einer hat ein gutes Gespür dafür, was sein eigenes Herz im übertragenen Sinne so beschäftigt. Es gibt sie, diese Herzensmenschen, die mit Liebe und Leidenschaft durch ihr buntes Leben streifen und sich und anderen Freude bereiten. Das kommt der Vorstellung der rot-pulsierenden Herzen am nächsten.

Doch ich wage zu behaupten, es gibt auch andere Herzen. Die, die kaum beweglich sind. Herzen, die ihre Vergangenheit als Narben mit sich tragen. Herzen, die hart geworden sind, weil Erinnerungen sie erstarrt haben. Menschen mit solchen Herzen gibt es. Oft verschließen sie sich all dem, was das Herz im Innersten angehen könnte. Nur verständlich, denn viel zu schmerzhaft sind die Narben.

Es gibt sie, die Menschen mit starren Herzen. Manchmal kann ich ihre Lebensweise verstehen, und doch drängt es mich oft, sie wachzurütteln. Ich wünschte, ich könnte sie trösten, ihnen etwas Angemessenes sagen. Ich wünschte, sie würden wach werden. Ich wünschte, sie würden hören, damit sich ihre Erstarrung löst. Damit sie das Leben, was vor ihnen liegt, wahrnehmen können, ohne Wenn und Aber. Einmal unbeschwert nach vorn schauen können, ohne Last.

Sicher, es gibt immer ein Aber, und was morgen kommt, das liegt nun mal viel zu oft eben nicht in unseren Händen oder Worten. Und ja, viele Erinnerungen tragen wir als schweres Gepäck mit uns. Doch wie wäre es, den Rucksack einmal abzustellen? Vielleicht nicht gleich für den ganzen Weg, vielleicht erstmal nur für ein paar Schritte. Erst einen, dann zwei. Wer weiß, was wir dann sehen – wenn wir nach vorn schauen.

Kathrin Hollax, Hochschulseelsorgerin, Merseburg

Es ist immer Gott, der segnet

17. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Wie wir Segen weitergeben, das kann sehr vielfältig sein; immer, wenn wir einen Menschen segnen, stellen wir ihn in eine Beziehung zu Gott.

Unsere Kinder sind längst erwachsen. Und doch gibt es Situationen, bei denen ganz frühe Erfahrungen unserer Familie eine Rolle spielen: Meine Frau und ich haben unsere Kinder gesegnet. Nach dem Abendgebet im Kinderbett ebenso wie auf dem Weg zur Schule; natürlich vor Klassenfahrten und später beim Abschied auf dem Weg in den Studienort. Bisweilen geschieht das noch heute: Wir legen unseren Kindern die Hand auf den Kopf und bitten um Gottes Segen. Leider sehen wir unsere Kinder viel seltener als früher; aber das wird eine Klage aller Eltern sein. Schon im Kindergartenalter waren die Freunde unserer Kinder verblüfft über diese für sie ungewöhnliche Situation. Selbst die Kinder spürten die Intimität des Augenblicks. Ich erinnere mich, wie ein Freund unseres Sohnes ein wenig schüchtern fragte, ob ich auch ihm die Hand auf den Kopf legen könne.

Segnender Auferstehungschristus (um 1480) vom Petersaltar in der evangelischen Kirche St. Sebald in Nürnberg. Foto: Martin Jäger/pixelio.de

Segnender Auferstehungschristus (um 1480) vom Petersaltar in der evangelischen Kirche St. Sebald in Nürnberg. Foto: Martin Jäger/pixelio.de

Segen ist viel mehr als ein guter Wunsch. Als Eltern haben meine Frau und ich das dringende Bedürfnis, Gottes Geleit für unsere Kinder zu erbitten. Sie müssen dann ihren eigenen Weg gehen, aber wir sind gewiss, sie gehen ihn nicht allein. Noch heute segnen wir unsere Kinder am Ende eines der viel zu seltenen Besuche.

Selbstverständlich bitten wir am Anfang jeden Tages im Gebet Gott um seine Begleitung für unsere Kinder und andere Menschen, die uns am Herzen liegen. Für den Segen fehlt allerdings die körperliche Nähe mit der Geste der Hand auf dem Kopf.

Wer Segen lediglich für einen besonders frommen guten Wunsch hält, hat das Wesen des Segens nicht begriffen. Es ist immer Gott, der segnet. Wir Menschen vergewissern uns seines Geleits entweder im freien Segenswort oder in traditionsreichen Sätzen wie dem aaronitischen Segen, der jeden Gottesdienst üblicherweise beschließt.

Die Segensgeste gehört zur Vergewisserung dazu. Als Pfarrer schätze ich es sehr, wenn nach dem Abendmahl die Teilnehmenden individuell die segnende Hand auf dem Kopf auch spüren. Die zum Segen erhobenen Hände für eine Gruppe von Menschen sind für mich stets die nur zweitbeste Segensform.

Segen kann nicht pauschal gespendet werden – das »urbi et orbi« auf dem Petersplatz hat eine lange Tradition, erreicht mich allerdings nicht.

Als Pfarrer habe ich in vielen Dienstjahren Menschen auf ihren letzten Schritten in diesem Leben begleiten können. Ein Segenswort über einem gerade verstorbenen Mitmenschen und ein letztes Segenswort vor dem Weg auf den Friedhof ist für mich ein angemessener Abschied aus der Welt unserer Sinne in das Universum Gottes. Meine eigene Trauer, wie kürzlich am Sterbebett meiner Mutter, findet ihren tröstlichen Ausgang im Segen, den ich sprechen darf und dann alles an Gott übergeben kann.

Im Segen findet eine reale Nähe zwischen Gott, dem Segnenden und dem Gesegneten statt, deren Quelle nicht wir Menschen sind. Als Vater, als Pfarrer, als Ehemann, als Christ suche ich diese Nähe.

Sie tröstet mich; sie stärkt mich; sie lässt mich auch in schwerer Zeit froh meinen Weg gehen. Das ist erheblich mehr, als ein frommer Wunsch je leisten könnte.

Joachim Liebig

Der Autor ist Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts.

Für wen sind die Kirchentage gedacht?

13. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Interview: Im Mai finden in acht Städten Mitteldeutschlands die Kirchentage auf dem Weg statt. Benjamin Lassiwe sprach dazu mit dem Marketingchef des Trägervereins
für das Reformationsjubiläum, Christof Vetter.

Herr Vetter, wann sind die Kirchentage auf dem Weg eigentlich ein Erfolg?
Vetter:
Ich glaube, da muss man unterscheiden – zwischen dem inhaltlichen Erfolg und dem Zahlenerfolg. Der inhaltliche Erfolg wird dann eintreten, wenn wir es schaffen – und die Programme sehen so aus, als könnten wir das schaffen –, für die Region Mitteldeutschland Impulse zu setzen. Für die Menschen, die dort leben und für die Menschen, die dort bleiben, wenn wir wieder weg sind.

Und was ist mit dem Erfolg in Zahlen?
Vetter:
Wir haben Planzahlen, die insgesamt, für alle Kirchentage auf dem Weg, bei 80 000, der Größenordnung eines Kirchentags, liegen. Ob wir diese Planzahlen erreichen, ist eine kritische Frage, die man im Endeffekt erst danach beantworten kann.

Es wird Menschen geben, die sagen, zum Berliner Kirchentag gehe ich nicht – der ist mir zu groß. Für diese Menschen sind die Kirchentage auf dem Weg genau das Richtige. Kleiner, überschaubarer, intimer. Dazu kommen die Besucher aus der Region: Bei den letzten Kirchentagen in Dresden und in Stuttgart kamen unglaublich viele Menschen aus der unmittelbaren Umgebung.

Wofür lohnt es sich, eine Eintrittskarte zu kaufen? Viele Veranstaltungen finden doch im Freien statt?
Vetter:
Die Eintrittskarte lohnt sich zunächst mal unter dem Aspekt der Ehrlichkeit. Auch ein Kirchentag kostet Geld. Mit der Eintrittskarte trägt man sein Scherflein zum Gelingen der Veranstaltung bei. In den geschlossenen Räumen wird es, wie bei jedem anderen Kirchentag auch, Einlasskontrollen geben – die Open-Air-Veranstaltungen werden aber, wie bei jedem Kirchentag üblich, kostenfrei besuchbar sein. Wir freuen uns ja auch über Menschen, die nur eine Stunde oder eine halbe Stunde dabei sein können.

Und: Es gilt die traditionelle Kirchentagsregel – wer sich eine Eintrittskarte wirklich nicht leisten kann, kann sich beim Teilnehmendenservice melden, und dann finden wir eine Lösung.

Die Programme sind bei den Kirchentagen auf dem Weg unterschiedlich umfangreich. In Leipzig findet fast ein eigener Kirchentag statt. In kleineren Orten, wie Halle oder Dessau, wird es da nicht schwierig mit der Resonanz?
Vetter:
Ich glaube nicht, dass es in Dessau schwierig wird. Dort ist die anhaltische Landeskirche zu Hause – und diese Kirche ist wieder einmal hoch motiviert.

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Und Leipzig war ja schon Gastgeber für einen normalen Kirchentag und einen Katholikentag im letzten Jahr: Dort gibt es eine besondere Tradition – und in diesem Jahr noch einen besonderen Anreiz. Menschen, die miteinander Posaune, Trompete oder Tuba spielen, und im Festgottesdienst am 28. Mai in Wittenberg spielen, können sich dort schon einmal treffen und ein Konzert geben. Das ist natürlich ein Höhepunkt, den andere Städte nicht bieten können.Aber jeder Kirchentag hat ein eigenes, regional vorbereitetes Programm – und deswegen unterscheiden sich die Programme vor Ort auch.

Was ist aus Ihrer Sicht der Höhepunkt? Worauf freuen Sie sich am meisten?
Vetter:
Der Höhepunkt ist natürlich der große Festgottesdienst in Wittenberg, wo die Besucher aus Berlin, von den Kirchentagen auf dem Weg und aus ganz Ostdeutschland zusammenkommen werden. Denn Wittenberg liegt gar nicht so weit weg, wie man immer denkt.

Von Braunschweig oder Hannover ist das eine normale Tagesreise. Da kann man früh morgens losfahren und zum Gottesdienst in Wittenberg dabei sein.

Faszinierend finde ich die öffentliche Darstellung der »Lichtgeschichte der Reformation« in Leipzig, das Theater auf der Elbe in Magdeburg, es gibt da ganz vieles …

Wer steckt denn eigentlich hinter dem Verein für das Reformationsjubiläum?
Vetter:
Das ist ganz einfach zu erklären: Hinter dem Trägerverein stecken der Deutsche Evangelische Kirchentag und der Rat der EKD. Beide haben den Verein gegründet. Heute gibt es dort knapp 100 hauptamtliche Mitarbeiter.

Manche machen gern Großveranstaltungen, andere lieben den Kirchentag und wieder andere haben Lust, bei etwas ganz Großem dabei zu sein.Und dann sind da die 180 Volunteers – die jungen Freiwilligen, die mit uns leben und arbeiten. Und die sind ganz stark dabei, die bringen ganz viele kreative Ideen mit ins Spiel.

Sprechen wir über den Festgottesdienst. Da gab es immer wieder einmal die Frage nach dem Sicherheitskonzept – wie steht es darum?
Vetter:
Da sind wir derzeit wenige Wochen vor der Fertigstellung. Es gibt einen klar definierten und mit den Behörden des Landes Sachsen-Anhalt, des Landkreises Wittenberg, der Stadt und den Bundesbehörden abgesprochenen Zeitrahmen.

Es war klar, es muss bis Ende Februar ein Organisationskonzept vorliegen. Dann wird man es mit den Behörden, mit denen man das entwickelt hat, noch einmal genau anschauen. Und dann werden wir die entscheidenden Teile, die die Menschen wirklich betreffen, auch in angemessener Form bekanntgeben und kommunizieren, sodass jeder, der vom Kirchentag auf dem Weg zum Abschlussgottesdienst kommt, der einen Tagesausflug dorthin macht oder der in Wittenberg selbst lebt, rechtzeitig erfährt, wie es für ihn ganz persönlich funktioniert.

www.r2017.org

Im Sinne von Moses Mendelssohn

13. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Das Motto des Dessau-Roßlauer Kirchentages: »Forschen.Lieben.Wollen.Tun«

Wer sich das Programm für den Kirchentag auf dem Weg in Dessau-Roßlau anschaut, kann die Frage »Wo gehe ich hin?« nicht so leicht beantworten. Am 25. Mai, dem Himmelfahrtstag, geht es ja noch: tagsüber die Welterbe-Region entdecken oder die »Schatzkammer der Reformation«-

In der Marienkirche zu Dessau wird zum Kirchentag unter anderem die Ausstellung »FrauenERLeben in Anhalt« gezeigt. Foto: Johannes Killyen

In der Marienkirche zu Dessau wird zum Kirchentag unter anderem die Ausstellung »FrauenERLeben in Anhalt« gezeigt. Foto: Johannes Killyen

Ausstellung im Johannbau besichtigen, am Abend den ökumenischen Gottesdienst auf dem Markt besuchen und sich danach zum Anhaltmahl in der Innenstadt niederlassen, später durch die Museen schlendern oder das Konzert in der Marienkirche besuchen. Am Freitag und Sonnabend fällt die Auswahl schwer: Bibelarbeiten, Andachten, Stundengebete, offenes Singen, Vorträge, Workshops und Podien, das Anhalt-Dorf, in dem sich Kirchengemeinden, die Anhalt-Städte und Vereine präsentieren, Angebote für Familien, Kinder, Jugendliche, Stadtführungen und Anhalt-Touren, Frauenmahl und Konzerte …

Das Motto des Kirchentages – »Forschen.Lieben.Wollen.Tun« – bezieht sich auf einen Satz des in Dessau geborenen jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn (1729–1786): »Nach Wahrheit forschen, Schönes lieben, Gutes wollen, das Beste tun.« Dies sei »die Bestimmung des Menschen«. Er formulierte das in einer Zeit, in der die Religionen in der Gesellschaft untereinander neu und umfassend diskutiert wurden. Mendelssohns Worte zur Besinnung auf die Balance von Geist und Gefühl, Wollen und Handeln sind noch immer aktuell. Sie spiegeln sich im Programm des Kirchentages: Gefragt wird, ob »Alt werden – Last oder Lust?« bedeutet. Diskutiert wird über das Gesamtkonzept Elbe und über die »Wilde Mulde«. In einem interreligiösen Gespräch geht es um das Leben in einer multikulturellen Gesellschaft, in Vorträgen um »Dessau und Moses Mendelssohn – Die lange Geschichte eines schwierigen Beziehung« oder »Toleranz und Intoleranz in der hebräischen Bibel«. Glaubensthemen werden in den Podien »Glauben verbindlich leben« oder »Was bedeutet Religion in meinem Leben?« erörtert.

Zu den kulturellen Höhepunkten zählen die Aufführung des Trinitatis-Oratoriums des Bernburger Kirchenmusikers Sebastian Saß am 26. Mai in St. Johannis, das Festkonzert »Preisen.Singen.Jubilieren« der Anhaltischen Philharmonie am 27. Mai auf dem Markt und die »Nacht der Religionen« am Sonnabend, zu der Kirchen und Gemeinden verschiedener Glaubensrichtungen geöffnet sind. Eher an Besucher von auswärts richten sich die Angebote zu Stadtführungen und die »Anhalttouren« nach Wörlitz und in andere Städte.

Ohne Partner könnte die Landeskirche Anhalts den Kirchentag, zu dem etwa 5 000 Besucher erwartet werden, kaum ausrichten. Neben ihr und ihren Kirchengemeinden ist die Stadt Dessau-Roßlau der Hauptakteur, weitere Mitwirkende sind Institutionen, Initiativen und Gruppen in der Region – etwa das Anhaltische Theater, das Umweltbundesamt oder die Hochschule Anhalt. »Dessau-Roßlau beteiligt sich mit 50 000 Euro an der Finanzierung des Kirchentages auf dem Weg«, sagt Andreas Janßen vom landeskirchlichen Projektbüro »Luther 2017«. Hinzu komme eine »hohe Summe unbarer Leistungen«. Als Partner würden die Landeskirche und die Stadt sehr gut zusammenarbeiten. Überhaupt sei der Kirchentag auf dem Weg eine Chance für die Region, Menschen aus Nah und Fern für Geschichte und Gegenwart in Anhalt zu interessieren und gute Gastgeber zu sein.

Angela Stoye

www.landeskirche-anhalts.de

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