Ein kleines Licht überstrahlt die Mächtigen

4. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Jesaja 60,2

Geht es nicht auch ein bisschen niedriger? Oben das Licht, fern in Himmelshöhen, und hier unten das Chaos, das uns in den letzten Jahren mehr und mehr umtreibt? Wo ist das Licht unter uns, die Herrlichkeit Gottes erlebbar auf Erden?

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Über uns sind schon so viele Sonnen aufgegangen – sie haben immer mehr versprochen, als sie gehalten haben: der Strahlenkranz der FDJ zu DDR-Zeiten, Hammer und Sichel auf der Sowjetflagge im Licht der aufgehenden Sonne, die Sonnen-Rune des Dritten Reiches und der Neonazis; selbst im letzten Actionfilm Hollywoods triumphiert der einsame Held noch im Licht eines neuen Morgens. Und doch scheint es immer dunkler zu werden, treiben uns die politischen Ereignisse immer mehr um, hat sich der ersehnte Frieden nach dem Ende der Weltenteilung, nach dem Ende des Eisernen Vorhangs niemals eingestellt.

Hat auch der dritte Jesaja, der Heilsprophet, am Ende so eine Siegergeste verkündet? Er hat das Ende des großen babylonischen Exils erlebt, den Wiederaufbau Jerusalems und die Tempelweihe – große Hoffnungen, eine leuchtende Zukunft. Aber den Mühen der Berge folgten die Mühen der Ebenen, den politischen Höhenflügen immer die Ernüchterung!

Die Epiphaniaszeit mit ihrer Lichtthematik geht jetzt zu Ende. Noch drei Wochen Übergang, dann beginnt die Passionszeit, die Zeit des Gottes, der nicht als Siegergestalt gekommen ist. Vom Kind in der Krippe, verfolgt von den Mächtigen, über den einfachen Handwerker in Nazareth bis zum Märtyrer am Kreuz zeigt er uns ein anderes Gottesbild: ein Gottesbild, das Donald Trump ebenso wenig gefallen kann wie Wladimir Putin oder den Deutschen, die ihren Wohlstand abschotten wollen und nach einem starken Staat rufen.

Das Licht ist anders über uns aufgegangen, als viele es erhofft haben. Und es gibt nur eine Möglichkeit, die Herrlichkeit aus der Höhe auf das Dunkel Erde zu holen: indem wir Spiegel sind und das Licht einfangen, das Licht des anderen Gottes, in unzähligen kleinen Lichtern der Welt.

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

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Reaktionen unserer Leser

10 Lesermeinungen zu “Ein kleines Licht überstrahlt die Mächtigen”
  1. Leser sagt:

    Es gibt wohl keine Andacht oder Predigt mehr ogne Politkram?

  2. Gert Flessing sagt:

    Noch…aber. Es ist ein apokalyptischer Text, denn sowohl Prophet, als auch Volk wissen, dass sie in diesem “Noch” der finsteren Nacht leben, ebenso, wie die anderen Völker.
    Doch das Dunkel soll durchbrochen werden. Es ist das Fest der Verklärung Christi. In ihm strahlt in dieser Welt etwas auf von dem, was Gott in dem Jesajawort verheißt. Es strahlt da auf, wo Menschen als christen leben, in Gelassenheit, im Erbarmen mit anderen und in der Liebe, die sich des gebeugten und verlassenen Menschen annimmt.
    Es geht nicht um die kleinen und großen Herrscher auf den politischen Schaukelstegen der Welt.
    Es geht um uns, um die einfachen Menschen, die von Gott, in Jesus, durch uns, die wir zu ihm gehören, angesprochen werden. Die Herrlichkeit des Herrn erscheint da, wo wir Liebe und Nähe leben, nicht, wo große Töne gespuckt werden.
    Gert Flessing

  3. Johannes Lehnert sagt:

    @Leser:
    Es gibt auch kein Evangelium ohne “Politkram”. (Schon mal Lukas gelesen – und wenn ja: Bitte den Gesamttext beachten, nicht nur ausgewählte Stellen.) Und es gibt auch kein Christsein ohne “Politkram”: Polis = Stadt;Staat – s. Jeremia “Suchet der Stadt Bestes”.
    Johannes Lehnert

  4. Gert Flessing sagt:

    Lieber Herr Lehnert,
    es gehört natürlich zu unserem Auftrag, “der Stadt Bestes” zu suchen. Die Frage, vor der wir immer wieder stehen, ist doch, was dieses Beste ist. Sie erinnern sich vielleicht noch an das Nachdenken über den Zinsgroschen.
    Für mich galt diese Suche schon zur Zeit der DDR und ich habe mich nicht gescheut, mit dem Chef unserer KAP zusammen zu arbeiten, wenn es Möglichkeiten gab, etwas zu gestalten.
    Heute arbeite ich mit unserem Bürgermeister zusammen, wenn es um akute Fragen, auch sozialer Art geht.
    Immer aber ist es nur ein Teil dessen, was wir zu tun haben. Der andere ist, Menschen auf Jesus hin zu weisen. Jesus, der Christus, Licht der Welt.
    Politkram ohne Evangelium ist nur die halbe Miete, so wie Evangelium ohne sich um die “Polis” zu kümmern auch nicht funktioniert.
    Wir haben hier eine Krabbelgruppe, in die auch die Flüchtlingsfrauen mit ihren Kindern eingeladen sind. Manchmal klappt das nicht so, weil der Heimleiter gleichgültig ist. Da sage ich das dem Zuständigen im Stadtrat und der kümmert sich drum, das die Heimleitung wieder in die Spur kommt.
    So muss das funktionieren.
    Gert Flessing

  5. Leser sagt:

    Lieber Herr Zweitleser, natürlich ist ein vernünftiges Zusammenleben angesagt. Was ich und viele andere im Moment angewidert wahrnehmen ist , daß fast zu jedem zunächsteinmal rein biblischen Thema eine politische(meist noch einseitige) Stellungnahme des “Predigers” zu gehören scheint!

  6. Johannes Lehnert sagt:

    Lieber Herr Flessing,

    “Politkram ohne Evangelium” würde ich von der Kanzel genauso ablehnen wie Sie, das war aber auch nicht mein Ansatz. Mir geht es eher darum,dass eine Predigt ihren “Sitz” im Leben” hat und nicht auch im 19. Jahrhundert in – sagen wir – beispielsweise Klein-Kleckersdorf gehalten sein könnte. Und das, was ich von Ihnen gehört und gelesen habe, ist vielleicht noch in Hohenkirchen, Schleißdorf oder Rochsburg passend, aber sicher nicht im 19. Jhd. – Das meine ich!

    Mit freundlichem Gruß
    Johannes Lehnert

  7. Gert Flessing sagt:

    Nun ja, Herr Lehnert,
    ich denke, es wäre, wenn ich in die “Verlegenheit” käme, auch in Leipzig passend. Dann würde es aber nur bedingt in Rochsburg gehen. ;-)
    Gert Flessing

  8. Michael sagt:

    In Leipzig werden Trends geboren. Hohenkirchen, Schleißdorf und Rochsburg liegen hinterm Wald.

  9. Johannes Lehnert sagt:

    Nun setzt sich mein Schreibfehler auch noch fort… Entschuldigung, es muss Schlaißdorf heißen…

  10. Gert Flessing sagt:

    Wer, wie Michael, der Meinung ist, dass “Kirche” auf Trends wartet, der irrt. Gemeindearbeit, als Arbeit mit den Menschen, die nun einmal da leben, ist manchmal Mühe, manchmal Freude und immer etwas, was mit dem Evangelium von Jesus, dem Christus, zu tun hat. Das kann manchmal bedeuten, wie es hier, in einer schönen Geschichte beschrieben wurde, das man aus Stöckchen Kreuze bastelt, oder das man gemeinsam singt, oder das man isst und trinkt oder …
    Es gibt viele Möglichkeiten. Wichtig ist, das wir dabei offen sind für die Menschen, die wir vorfinden. In unsere “Krabbelgruppe” kommen eben auch junge Flüchtlingsfrauen mit ihren Kindern, haben so Kontakte und es herrscht immer eine sehr fröhliche Stimmung.
    Vielleicht sind es in einer Gemeinde in Leipzig zwanzig junge Frauen und hier nur sieben oder acht. Vielleicht gibt es in Leipzig schönere Räume. Aber die Wärme und die Liebe des gelebten Miteinanders sollte gleich sein.
    Gert Flessing