Sorgenfresser

19. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Ich wusste gar nicht, was ein Sorgenfresser ist, als mein Patenkind sich einen solchen wünschte. Eine Plüschfigur, dessen Schlund sich mit einem Reißverschluss öffnen lässt und dem Kinder gern ihren Kummer – auf einen Zettel notiert oder aufgemalt – übergeben. Raphael ist acht Jahre alt. Er geht in die zweite Klasse. Am Ende der ersten Klasse war deutlich, dass das Lesen ihm schwerfällt. Deshalb musste er sogar im Urlaub an der Ostsee jeden Tag üben.

Ob ihm ein Sorgenfresser helfen könnte? Auf einen Zettel schrieb Raphael: »Ich muss besser lesen können« und vertraute seinen Kummer dem Fachmann für Sorgen im blau-weiß gestreiften Anzug an. Als ich mich nach einiger Zeit erkundigte, ob es Anzeichen für das erfolgreiche Wirken des Sorgenexperten gebe, wies mich Raphael zurecht: »Das geht nicht so schnell!« Natürlich, sich einzig und allein auf den kleinen Helfer zu verlassen, wäre zu kurz gedacht. Der Junge muss weiterhin täglich Lesen üben.

Eines Abends die Überraschung. Raphael rief an, um mir zu erzählen, dass das Zettelchen, auf dem er seinen Kummer notiert hatte, aus dem Bauch des Sorgenfressers verschwunden sei. Augenscheinlich aufgefressen. »Und wie geht’s mit dem Lesen?«, fragte ich zurück. »Gut«, antwortete der Junge.

Wenn ich mit meinem eigenen Latein am Ende bin, müssen noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sein. Die kindliche Hoffnung muss nicht, aber kann religiös gedeutet werden. Gott will unsere Sorgen tilgen, denn in der Bibel steht: Alle eure Sorgen werft auf den Herrn. Nun ist dieser biblische Rat für einen Achtjährigen wahrscheinlich noch nicht nachzuvollziehen. Dafür »wirft« das Kind seinen Kummer in den Sorgenfresser und signalisiert, dass es auf eine Kraft hofft, die außerhalb seiner selbst liegt.

Sabine Kuschel

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Reaktionen unserer Leser

2 Lesermeinungen zu “Sorgenfresser”
  1. Britta sagt:

    Sorgenfresser sind, wie die zuweilen in den “Eineweltläden” in Kirchen leider anzutreffenden guatemaltekischen Sorgenpüppchen oder indianischen Traumfänger, Götzendienst. Als Christen sind wir eingeladen, uns mit unseren Sorgen Jesus Christus anzuvertrauen.

  2. Leser sagt:

    In unserer CVJM-Kinderarbeit haben wur die kiner und Jugendlichen immer darauf hingewiesen, ihren Kummer dem Fachmann für Sorgen anzuvertrauen, Gott unseren Vater!
    Frau Kuschel hat ja Recht, Gott will unsere Sorgen tilgen, denn in der Bibel steht: Alle eure Sorgen werft auf den Herrn.Ich bin aber , anders als sie, der Meinung, daß dieser biblische Rat für einen Achtjährigen sehr wohl nachzuvollziehen ist. Dafür »wirft« das Kind seinen Kummer nicht den Sorgenfresser, sonder schreibt (malt) ihn auf einen Zettel und signalisiert, dass es auf eine Kraft hofft, die außerhalb seiner selbst liegt.
    Diese Zettel kommen in einen “Kummerkasten” oder an eine “Kummerwand” und werden im Fürbittengebet direkt an unseren Herrn weitergegeben, Das haben die Kinder immer sehr gerne gemacht und verstanden.

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