Glauben ganz praktisch: Wir sind Teil in Gottes Handeln

25. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Johannes 12, Vers 24

Was es mit dem Weizenkorn auf sich hat, erklärt Jesus selbst seinen Jüngern und damit uns: »Der Same ist das Wort Gottes.« (Lukas 8,11) Welchen wunderbaren Weg dieses Wort geht, können wir bei Jesaja nachlesen: Gleichwie der Regen vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein. »Es wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.« (Jesaja 55,10.11) Was für ein Wort! Gott spricht und so geschieht es. Wie bei der Schöpfung. Von unserem Mitwirken ist überhaupt nicht die Rede. Es geschieht einfach, weil Gott es so will! Dieses Wort kann aber auch ganz anders: »Es ist wie ein Feuer, wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt.« (Jeremia 23,29) Es ist schärfer als jedes zweischneidige Schwert, das scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein. (Hebräer 4,12) Warum zähle ich das auf? Diese Beispiele aus der Bibel zeigen, wie gefährlich Gottes Wort sein kann und welche Macht es hat. Zurück zum Weizenkorn und dem zarten Wachstum.

Martin Lieberknecht, Pfarrer i. R., Ramsla

Martin Lieberknecht, Pfarrer i. R., Ramsla

Das Weizenkorn ist schließlich Jesus selbst, weil es das fleischgewordene Wort ist. Zu unserem Glück begegnet er uns nicht mit seiner Macht, sondern mit seiner Liebe. Das Korn stirbt nicht einfach, es »erstirbt«. Malcolm, ein gebürtiger Brite, hat mir erklärt, dass dieses deutsche Wort eher einen Vorgang beschreibt als einen Zustand. Deswegen ist dieses eher ungebräuchliche Wort auch in der neuen Lutherübersetzung stehen geblieben. Das gefällt mir. Denn dadurch kommen wir doch noch ins Spiel. In diesen Vorgang sind wir nämlich selber mit hineingebunden. Denn dieser Wochenspruch begleitet uns nicht zufällig ausgerechnet in der Passionszeit:

Jesus stirbt, damit wir leben können. Indem wir unseren Glauben leben, sind wir die Frucht, die Gott sehen will. Sonst wäre das Weizenkorn ja umsonst gestorben. Wäre doch schade um die Saat!

Martin Lieberknecht, Pfarrer i. R., Ramsla

Was würde Jesus tun?

24. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Populismus: Den Aussätzigen, Sündern, den Zöllnern und Ehebrecherinnen wandte sich Jesus zu. Dient das auch als Beispiel für den Umgang mit Populisten, Pegida und AfD?

Für Berlins evangelischen Bischof Markus Dröge haben Christen in der AfD nichts verloren, auf dem Katholikentag in Leipzig war die Partei unerwünscht, der Erfurter Dom wird nicht beleuchtet, sobald Björn Höcke und seine Parteifreunde auf dem Domplatz sprechen. Das Licht der Welt wird ausgeknipst, wenn die »Kinder der Finsternis« es bräuchten? Ist das die richtige Haltung, die christliche Haltung gegenüber dem Populismus von rechts? Das fragt Werner Patzelt, Politikwissenschaftler an der TU Dresden. Er gehört zu den ersten Forschern, die die Pegida-Bewegung empirisch untersuchten, er hat mit Wutbürgern und Gutmenschen gesprochen, sich die Seiten von Hell- und Dunkeldeutschland angeschaut. Auf dem ökumenischen Studientag »Christen und Populismus«, zu dem die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt und die Katholische Akademie des Bistums Magdeburg kürzlich nach Wittenberg eingeladen hatten, sagte Patzelt, die Kirchen machten es sich zu einfach, rechtspopulistische Positionen als nicht akzeptierbar und nicht vereinbar mit dem Evangelium zu bezeichnen. Da müssten schon Maßstäbe, Kriterien und Wahlprüfsteine herausgearbeitet und den Menschen dann die Entscheidung selbst überlassen werden.

Gegen Rechtsextremismus: Mitarbeiter des Landeskirchenamtes der EKM mit dem Banner, das im Onlineshop bestellt werden kann. Foto: EKM

Gegen Rechtsextremismus: Mitarbeiter des Landeskirchenamtes der EKM mit dem Banner, das im Onlineshop bestellt werden kann. Foto: EKM

Ja, mit der Gottesbildlichkeit aller Menschen und dem allgemeinen Liebesgebot für Freund und Feind als christliche Grundpfeiler können Rassismus, Hass und Gewalt nicht akzeptiert werden. Aber wir sind alle in die Welt verwickelt, wir können uns nicht aus ihr zurückziehen. So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! (Matthäus 22,21) – Christen müssten diese Bipolarität akzeptieren, auch wenn die Spannung schwer auszuhalten ist. Was also tun? »Es ist keine schlechte Idee, sich ein Vorbild am Stifter dieser Religion zu nehmen«, rät Werner Patzelt. Viele von Jesu Gleichnissen beziehen sich auf das Verhältnis von Gutmenschen zum Pack, von denen da oben zu denen da unten. Zum Beispiel das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Lukas 15,3-7): 100 Tiere, eines geht verloren – und diesem geht der Hirte nach, bringt es zurück zur Herde, feiert dann ein Fest. Die Frage, die sich uns heute stellt: Wie bringen wir die Sünder zurück in unsere Mitte, ohne ihnen selbstgerecht und moralisch überlegen zu begegnen?

»Wir müssen im Gespräch bleiben und zwar nicht unter gleichgesinnten Freunden, sondern mit jenen, mit denen wir nicht gerne reden.« Das hat im Übrigen auch die Kirche getan, sagt Professor Patzelt. Wie sonst hätte aus zwölf Aposteln eine weltumspannende Gemeinschaft werden können? Fakten kennen, Behauptungen richtigstellen, dem anderen zuhören, ihn als Menschen und nicht nur AfD-Wähler, Pegida-Demonstrant, Wutbürger wahrnehmen, und konkrete Lösungen für reale Probleme finden, selbst wenn man das Problem zuvor als Phobie abgetan hat. »Wer das Reden abbricht, stellt die Arbeit für den Erhalt unser pluralistischen Demokratie ein«, sagt Werner Patzelt. Es sei politische Feigheit, mit Gegnern unserer Demokratie, wie dem rechten Vordenker Götz Kubitschek, nicht zu reden. Man müsse es tun, gerade vor großem Publikum.

Dass solche Diskurse aber an Grenzen stoßen, berichtet Pascal Begrich, Geschäftsführer des Vereins »Miteinander«, auf dem Studientag. »Miteinander« berät in Sachsen-Anhalt Gemeinden, auch Kirchengemeinden, im Umgang mit Rechtsextremismus und Populismus. Rechtspopulismus sei nie weg gewesen, inzwischen aber in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es gebe keine Woche, in der »Miteinander« nicht irgendwo im Land eingeladen sei, um über diese Phänomene zu reden. »Reden ist nötig, aber manchmal unmöglich«, sagt Pascal Begrich. Es gelte abzuwägen, mit wem man wo spreche, welches Ziel solch ein Dialog hat, welche Motive hinter Gesprächsangeboten stecken. Geht es um den Austausch von Argumenten, um Selbstvergewisserung oder gar Ächtung des anderen?

Kirche, sagt Begrich, könne im Diskurs eine Mittlerin und Impulsgeberin sein, sie ist aber auch eine ethisch-moralische Instanz. Kirche will das verlorene Schaf zurückholen, aber auch dem Wolf klare Kante zeigen. »Toleranz findet ihre Grenze an Intoleranz. Dann ist der Dialog vielleicht nicht mehr der richtige Weg der Auseinandersetzung«, sagt Pascal Begrich. Das sieht auch Politikwissenschaftler Patzelt so: »Im Gespräch lässt sich nicht alles lösen.« Kein einziges Problem hingegen wird gelöst durch Moralisieren, Empören, Abgrenzen. Patzelt: »Nur weil ein Trennstrich gezogen ist, hören die Menschen jenseits dieses Trennstrichs nicht auf, dort zu sein.«

Katja Schmidtke

Von Dessau-Roßlau geht es nach »New Germany«

21. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Gastvikar Martin Büttner und seine Familie kehren nach anderthalb Jahren in Anhalt nach Südafrika zurück

Am 19. März geht für Martin Büttner ein wichtiger Lebensabschnitt zu Ende. Denn an dem Sonntag wird der 39-jährige Theologe in einem Gottesdienst aus seinem Gastvikariat in der Auferstehungsgemeinde in Dessau-Roßlau verabschiedet und kehrt wenig später mit seiner Familie in seine Heimat zurück. Das ist ein Weg von rund 9 600 Kilometern Luftlinie, denn Martin Büttner kommt aus Südafrika.

Dass er seit September 2015 mit seiner Familie in Dessau lebt, ist zum Teil Zufall, zum Teil nicht. Martin Büttner gehört der United Evangelical Lutheran Church in Southern Africa (UELCSA) an, einer Kirche, die aus der Arbeit verschiedener Missionsgesellschaften und einzelnen Siedlergemeinden entstanden ist. Sie ist ein Dachverband von drei kleinen Kirchen – zwei in Südafrika, eine in Namibia – und zählt heute insgesamt etwa 19 200 Mitglieder. Ihre Strukturen seien aber mit den landeskirchlichen Strukturen, wie es sie in Deutschland gibt, nur teilweise zu vergleichen, so Martin Büttner.

Martin Büttner lebt mit seiner Familie seit September 2015 in Dessau-Roßlau. Foto: Johannes Killyen

Martin Büttner lebt mit seiner Familie seit September 2015 in Dessau-Roßlau. Foto: Johannes Killyen

Seit Jahrzehnten ist es üblich, dass angehende Pfarrer aus dieser Kirche einen Teil ihres Vikariates in der Hannoverschen Landeskirche leisten können, wenn sie Deutsch sprechen. Als für Martin Büttner das Vikariat anstand, gab es zwei Interessenten für einen Platz. Es musste eine andere Stelle gesucht werden. So kam man dann auf die Landeskirche Anhalts. Dass er akzentfrei Deutsch spricht, verdankt er seiner Familie, die aus Deutschland stammt, aber schon lange in Südafrika lebt. Einer seiner Großväter war Handwerkermissionar. In der Gemeinde aktiv zu sein, war in der Familie selbstverständlich.

Martin Büttner ist gelernter Elektrotechniker, wollte aber in seinem weiteren Arbeitsleben mehr mit Menschen zu tun haben und orientierte sich um. In seinen neuen Beruf kam er über ein Freiwilliges Soziales Jahr bei einer christlichen Jugendorganisation, auf die ein Theologiestudium in Stellenbosch, praktische Erfahrungen in Gemeinde- und Jugendarbeit und schließlich das Vikariat folgten.
»Ich bin beeindruckt davon, wie die Geschichte das Gemeindeleben hier prägt«, sagt Martin Büttner. »Die Geschichte der Reformation ist immer präsent – nicht nur wegen der großen Cranachgemälde in der Johanniskirche. Man kann sich einordnen und weiß: Ich bin ein Teil davon.« Für Südafrika sei ein 200-jähriges Kirchengebäude schon sehr alt. Hier seien 500-jährige und ältere Kirchen keine Seltenheit. Als positive Erfahrung nimmt er den kreativen Umgang der Landeskirche mit dem Rückgang der Gemeindegliederzahlen mit. »Anhalt macht sich sehr viele Gedanken, wie der Alltag in den Kirchengemeinden künftig gestaltet werden soll.«

Nach der Rückkehr nach Südafrika wird Martin Büttner sich auf das Zweite Theologische Examen vorbereiten. Danach zieht er mit seiner Familie – seine Frau Christine, die gelernte Krankenschwester und Hebamme ist, und den drei gemeinsamen Kindern – nach »New Germany«. Es ist die erste Siedlung des Berliner Missionswerkes in Südafrika. Und er leistet dort seinen Entsendungsdienst. Dass die Familie Büttner dem »alten« Deutschland verbunden bleiben wird, hat nicht nur mit den familiären Wurzeln und dem langen Aufenthalt in Anhalt zu tun. Mit zurück reist eine waschechte Dessauerin, denn die jüngste Tochter wurde hier geboren.

Angela Stoye

Gottesdienst am 19. März, 9.30 Uhr, in der Auferstehungskirche

»Die Melodie muss sich im Ohr festsetzen«

21. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Festgottesdienst in Wittenberg mit preisgekrönten Liedern eines europäischen Wettbewerbs

Bei einem Festgottesdienst der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) zum 500. Reformationsjubiläum werden am Sonntag, 19. März, in der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg erstmals fünf neue Lieder vorgestellt und gesungen. Ausgewählt wurden sie bei einem 2015 ausgeschriebenen »Europäischen Reformationsliederwettbewerb«. Die Predigt hält Landesbischöfin Ilse Junkermann.

Bei der ersten Ausschreibungsrunde bestand die Aufgabe darin, einen neuen Text zu einer klassischen lutherischen, reformierten oder methodistischen Melodie zu verfassen bzw. eine Vorlage für eine spätere Vertonung zu liefern. Hierfür wurden Beiträge aus sieben Ländern eingereicht, von denen die international besetzte Jury fünf Liedtexte für eine Neuvertonung auswählte. Je ein deutscher, norwegischer, dänischer und zwei ungarische Texte gelangten so in die zweite Wettbewerbsrunde. Sie wurden dazu auch jeweils ins Englische übersetzt, um eine internationale Beteiligung zu ermöglichen. Die musikalische Gestaltung sollte in zwei Kategorien erfolgen: »traditionell« und »modern«.

»Uns war wichtig, dass das Lied auch von der Gemeinde gut singbar ist«, erläutert Jochen Arnold, Direktor des Michaelisklosters in Hildesheim und Liturgiebeauftragter der GEKE, die Überlegungen der Jury. »Die Melodie muss sich im Ohr festsetzen und darf nicht zu komplex sein. Außerdem sollte sie von Orgel oder Keyboard, gegebenenfalls auch Gitarre, gut begleitet werden können.« Mitglieder des Gremiums waren neben ihm die Studienleiterin für kirchenmusikalische Fort- und Weiterbildung in Berlin, Kirchenmusikdirektorin Dr. Britta Martini, und der dänische Kirchenmusiker Peter Steinvig (Methodistische Kirche).

Elvira Mahler. Foto: privat

Elvira Mahler. Foto: privat

Unter den erfolgreichen Autoren befindet sich eine Teilnehmerin aus der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland: Elvira Mahler (55) aus Zeitz, von der gleich zwei Beiträge ausgewählt wurden: ein Tauflied und der Song »Ich suche meinen Weg«. Die ursprünglich in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) tätige Veterinäringenieurin und jetzige Gemeindepädagogin ist seit 1994 im Kirchenkreis Naumburg-Zeitz tätig und unterrichtet Evangelische Religion an acht Schulen. »Ich habe schon als Kind viel gelesen, aber auch selbst sehr gern gereimt oder kleine Geschichten geschrieben. Bis zu meinem Gemeindepädagogikstudium 1996 war mein Talent mehr oder weniger verschüttet«, berichtet sie im Gespräch mit der Kirchenzeitung. »Mein Dienst in Gemeinde und Schule inspirierte mich wieder zum Schreiben.«

Oft erweise sich ein konkreter Anlass als Auslöser. So auch bei der Entstehung ihres Taufliedes. »Gute Freunde baten mich und meinen kleinen Gospelchor, die musikalische Umrahmung der Taufe ihres kleinen Sohnes zu übernehmen. Das junge Paar hatte viele Jahre auf Nachwuchs gewartet und beinahe die Hoffnung aufgegeben, jemals Eltern zu werden. Nun hatte sich ihr lang ersehnter Kinderwunsch erfüllt. Ein kleiner Junge erblickte das Licht der Welt. Welch ein Glück und eine große Freude. Und eben diese Freude und eine tiefe Dankbarkeit erfüllten die Herzen der jungen Eltern und nach einem Gespräch mit ihnen auch mich.«

Insgesamt haben sich 100 Musiker, Dichter und Songwriter beiderlei Geschlechts mit etwa 120 Einsendungen am Wettbewerb beteiligt. Ziel der Ausschreibung sei es gewesen, Anliegen der Reformation und des Protestantismus einer breiteren kirchlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, betont Jochen Arnold. Über den Weg der Musik ginge das besonders gut, denn »gerade um auch junge Menschen zu erreichen, ist das ein absoluter Schlüsselfaktor. Musik erreicht die Herzen, wie vor 500 Jahren, so auch heute.«

Zur Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) – Leuenberger Kirchengemeinschaft haben sich 94 protestantische Kirchen in Europa (und in Südamerika) zusammengeschlossen. Lutherische, reformierte, unierte, methodistische und vorreformatorische Kirchen gewähren einander seit 1973 Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft.

Michael von Hintzenstern

19. März, 10 Uhr, Stadtkirche Wittenberg: Festgottesdienst der GEKE, anschließend Empfang im Alten Rathaus, Markt 26

Lucas, der Buchdrucker

21. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Konfirmanden lernen Kunst und Handwerk Gutenbergs kennen

Lange ist es her, dass Lucas Gelegenheit zum Drucken hatte. Das war in der Grundschule. Heute ist er Konfirmand und darf erneut an einer Druckerpresse stehen. An einer richtigen, an einer, die dem Original der Druckerpresse von Gutenberg exakt nachempfunden wurde. Das ist schon etwas ganz Besonderes. Lucas kommt aus Eschbach im Taunus und er gehört zu einer Gruppe von Mädchen und Jungen, die gemeinsam mit Jugendlichen aus Wandersleben (Kirchenkreis Gotha) eine Konfirmandenfreizeit in Thüringen verbringen. Das hat übrigens Tradition. Seit 1945 schon verbindet beide Kirchengemeinden eine Partnerschaft.

Blatt für Blatt wird vorbereitet, bevor es in die Druckpresse kommt. Lucas und seine Konfirmandengruppe aus dem Taunus erleben, wie aufwendig aber auch spannend die Herstellung eines Buches zur Zeit der Reformation war. Foto: Klaus-Dieter Simmen

Blatt für Blatt wird vorbereitet, bevor es in die Druckpresse kommt. Lucas und seine Konfirmandengruppe aus dem Taunus erleben, wie aufwendig aber auch spannend die Herstellung eines Buches zur Zeit der Reformation war. Foto: Klaus-Dieter Simmen

»Während der DDR-Zeit beschränkte sie sich darauf, die Freunde jenseits der Grenze zu unterstützen«, sagt Pfarrerin Kerstin Steinmetz aus Eschbach. Mit der Wiedervereinigung wandelte es sich zu einer lebendigen Beziehung, die von gemeinsamen Besuchen geprägt ist. Seit 1997 schon gibt es die Freizeit für Konfirmanden.

An diesem Tag besuchen sie einen ganz besonderen Ort, nämlich die Menantes Literatur-Gedenkstätte in Wandersleben. Sie erinnert nicht nur an den Dichter Christian Friedrich Hunold, genannt Menantes, der in der Gemeinde geboren wurde. Die Gedenkstätte ist dazu ein außerschulischer Bildungsort, einer, der vornehmlich jungen Menschen die Handwerke der Buchherstellung und die Reformation nahe bringt. Und die Geschichte des Buches, so der Wandersleber Pfarrer Bernd Kramer, ist ein spannendes Abenteuer.

Im Jurywettbewerb mit Publikumsbeteiligung fördert das Magazin Chrismon auch in diesem Jahr herausragende Gemeindeprojekte. Mit seinem Konzept außerschulischer Lernort bewirbt sich das Pfarramt Apfelstädt, zu dem die Kirchgemeinde Wandersleben gehört, um eine Förderung. »Wir denken, dass unser Angebot das wert ist«, begründet Kramer diesen Schritt. Die Zahl der Schulklassen, die sich in der Gedenkstätte mit der Geschichte der Buchherstellung vertraut machen, steigt von Jahr zu Jahr.

Das mag auch daran liegen, dass hier alles andere als staubtrockene Theorie vermittelt wird. Natürlich gibt es einen Exkurs in die Geschichte – angefangen bei Federkiel und Tinte bis hin zum Buchhändler. Mitmachstationen lassen darüber hinaus die einzelnen Handwerke im besten Wortsinn erfahrbar werden. Wie beispielsweise beim Drucken. Hans-Otto Mempel aus der Werkstatt für künstlerische Druckgrafik in Vieselbach hat den Jungen die Arbeitsschritte erläutert. Nun nimmt er sich zurück, lässt sie alleine hantieren, was den Konfirmanden sichtlich Freude macht. Als Druckstock dient ein Linolschnitt von der Wanderslebener Kirche. Sorgfältig wird er mit der Farbwalze eingestrichen, dann kommt Blatt für Blatt in die Presse, ganz so, wie vor 300 Jahren die Buchseiten gedruckt wurden. »Haben die das damals wirklich so gemacht?«, will Lucas wissen. Und die jungen Leute beginnen zu ahnen, wieviel Arbeit in einem Buch steckt, ehe es vom Buchhändler vertrieben werden konnte.

Die Arbeit an der Gutenberg-Presse dient durchaus einem Zweck, denn die Bilder der Wanderslebener Kirche werden bald schon Bestandteil eines Leporellos sein, das eine zweite Gruppe anfertigt – aus Altpapier übrigens. Es wird geschnitten und gefalzt. Mitglieder des Menantes-Förderkreises haben ein Auge darauf, dass die einzelnen Arbeitsschritte eingehalten werden. Jedes einzelne dieser Werke wird übrigens mit Initialen verziert und daran arbeiten Anastasia und Marie. Sie sind schon erstaunt, wie viele Schreibwerkzeuge es gibt und entdecken so nebenbei, wie schön eine Handschrift sein kann. »Ein Buch ist das Werk vieler«, merkt Pfarrer Kramer an. Das im Zeitalter digitaler Technik hautnah zu erfahren und selbst daran mitzuwirken, sei Ziel dieses ungewöhnlichen außerschulischen Lernorts.

Klaus-Dieter Simmen

Die Bewerbung des Wanderslebener Projektes beim evangelischen Magagzin Chrismon kann man im Internet unterstützen:

https://chrismongemeinde.evangelisch.de/profile

So zeitgemäß kann Kirche sein

20. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Photovoltaik auf dem Dach, Godspot im Turm und E-Bike-Tankstelle am Eingang – die Johanniskirche in Frömmstedt (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda) ist in vieler Hinsicht ein Unikum.

Der kleine weiße Kasten an der Wand der Frömmstedter Kirche blinkt geschäftig. Er fängt das Signal auf, das vom Pfarrhaus hierher in die Kirche gesendet wird, damit die Besucher der Sankt Johanniskirche dieses nutzen können. »Die Testphase ist abgeschlossen«, erklärt Pfarrer Jens Bechtloff stolz. Er hat sich schon eingeloggt ins Godspot-Netz. Nur noch kleine Feinheiten müssen nun erarbeitet werden, damit alles reibungslos läuft.

Sonnenenergie vom Kirchendach: St. Johannis versorgt auch den Ort Frömmstedt mit umweltfreundlichem Strom. Foto: Jens Bechtloff

Sonnenenergie vom Kirchendach: St. Johannis versorgt auch den Ort Frömmstedt mit umweltfreundlichem Strom. Foto: Jens Bechtloff

Die Godspot-Kirche ist nur eine der verschiedenen Facetten einer unglaublichen Wandlung, die die Frömmstedter Kirche seit 20 Jahren erlebt. Von der baufälligen Ruine zur Solar- und offenen Radfahrerkirche und eben nun auch zur Godspot-Kirche. Eine Entwicklung, die in der EKM und sogar deutschlandweit ihresgleichen sucht.

»Godspot« nennt sich das freie WLAN der evangelischen Kirche. Ohne Passwort oder andere Berechtigungen können sich Nutzer hier einloggen und das World Wide Web nutzen. Internet und Kirche, Websites und Gottesdienst: verträgt sich das? Pfarrer Bechtloff meint dazu: »Godspot ist sicherlich nicht für jede Kirche geeignet, doch Frömmstedt ist eine offene Kirche, eine Radfahrerkirche neuerdings auch mit Solartankstelle, die als Ort des Verweilens, der Einkehr und der Suche genutzt und geschätzt wird«, so Bechtloff. Und von daher biete sich diese Kirche an als Ort, der seinen Besuchern alle Möglichkeiten bietet, mit Gott und der Kirche in Kontakt zu kommen. Eben auch virtuell.

Seit zehn Jahren ist die St. Johanniskirche von Frömmstedt auch eine Solarkirche, die mit ihrer Photovoltaikanlage auf dem Dach durchschnittlich 9 000 Kilowattstunden Strom im Jahr erzeugt. Dieser fließt in das örtliche Stromnetz, kann aber auch über die im August 2016 installierte E-Bike-Tankstelle von Besuchern genutzt werden. Dieses Angebot besteht seit der Radsaison 2016. »Es sind schon einige hier im Pfarrhaus vorbeigekommen und haben gefragt, wo sie tanken können«, berichtet Katrin Ortmann, Mitarbeiterin des Seniorenbüros im ehemaligen Pfarrhaus von Frömmstedt. Pfarrer Bechtloff ist zuversichtlich, dass das Angebot in diesem Frühjahr und Sommer noch stärker als bisher angenommen wird. Der Bedarf bei immer mehr Radfahrern sei da. Außerdem kann der Anschluss auch anderweitig genutzt werden: »Ich habe schon Leute gesehen, die während der Grabpflege auf dem Friedhof rund um unsere Kirche den Stromanschluss zum Aufladen der Handys genutzt haben. Das finde ich gut und richtig«, so Bechtloff. Er hofft, dass E-Bike-Tankstelle und auch Godspot vor allem auch von der Jugend noch stärker angenommen werden und einen Denkanstoß dafür geben, wie Kirche auch sein kann.

Frömmstedt ist ein gutes Beispiel dafür, wie vielfältig kirchlicher Raum nutzbar gemacht wird. »Alles, was Kirche für Menschen tun kann, damit gemeinsam Leben eröffnet wird, das wollen wir tun und ›Godspot‹ trägt zum Miteinander bei«, ist Pfarrer Bechtloff sicher. Auch die Frömmstedter sind sich dessen bewusst geworden. Sie alle hoffen, dass im Reformationsjahr noch mehr Pilger auf dem Lutherweg vorbeikommen. Solartankstelle, Godspot und Übernachtungsmöglichkeiten: Frömmstedt ist gut vorbereitet für das Reformationsjahr.

Diana Steinbauer

Seelsorge im Riesenrad

19. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Seit zehn Jahren bereitet sich die Kirche auf das Reformationsjubiläum vor. Dass bei einer so langen Vorbereitung, an der sehr viele Menschen beteiligt sind, die Ideen nur so sprudeln, versteht sich von selbst. Da verwundert es nicht, wenn die Veranstalter nun einen Sommer der Superlative, das größte Fest aller Zeiten versprechen. Vorige Woche stellten sie ihr umfangreiches Programm vor.

In der kleinen Stadt Wittenberg, wo vor 500 Jahren die Reformation ihren Anfang nahm, wird die Welt zu Gast sein. Mindestens eine halbe Million Besucher werden erwartet. In 16 Wochen sind etwa 2 000 Veranstaltungen geplant. Sieben Großveranstaltungen zu sieben Themen sollen den aktuellen Bezug zur Reformation herstellen. Als teuerstes Projekt gilt die Kunstschau »Luther und die Avantgarde« im Alten Gefängnis, wo 68 national und international renommierte Künstler ihre Sicht auf die Reformation darstellen. Ein 20 Meter hohes Riesenrad soll Raum für Seelsorge bieten.

Event über Event. Die Organisatoren hatten einen großen Vorteil, der gewiss nicht alltäglich ist. Während andernorts meistens die Mittel knapp sind – in Wittenberg fließt das Geld in Strömen. Warum auch nicht! Wenn deutlich gemacht werden kann, dass die Reformation auch heute noch für Politik und Gesellschaft wie für den einzelnen Menschen von Bedeutung ist.

So schön Ideenreichtum und so einladend die Vielfalt der Projekte sein mögen – was wird bleiben? Der Augustinermönch hatte einst die befreiende Einsicht, dass Jesus Christus, die Bibel und die Gnade Gottes im Leben alles sind. Werden die Besucher in Wittenberg, wenn sie das Seelsorgeriesenrad besteigen, eine ähnlich existenzielle Erfahrung machen? Wenn ja, wäre das Jubiläum wirklich ein großes Fest.

Sabine Kuschel

Vor den Kopf gestoßen: Frohe Nachricht sieht anders aus

18. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Lukas 9, Vers 62

Das Evangelium am Sonntag ist gar kein Evangelium. Frohe Nachricht sieht anders aus. Dreimal stößt Jesus wohlmeinende Menschen vor den Kopf! Der Erste kommt von sich aus. Großartig! Willkommen! Da will einer gern nachfolgen. Aber Jesus wehrt ihn ab: »Wenn du mir nachfolgen willst, weißt du überhaupt, auf was du dich da einlässt?« Ein Zweiter, den Jesus anspricht, will erst seinen Vater begraben. Verständlich. Und was knallt ihm Jesus vor den Kopf? »Lass die Toten ihre Toten begraben.« Na, ob der jetzt noch gewillt ist? Wer seine eigenen Eltern beerdigen musste, kann hier nur erschrecken, das ist nahezu unmenschlich. Der Dritte kommt wieder von sich aus und will Jesus folgen. Aber er will sich erst von seiner Familie verabschieden. Einfach wegrennen gehört sich nicht. Diesem antwortet Jesus mit dem Wochenspruch. Will heißen: wenn du mir folgen willst, geht das nur, wenn du alle Brücken, alle bisherigen Beziehungen hinter dir lässt.

Martin Lieberknecht, Pfarrer i. R., Ramsla

Martin Lieberknecht, Pfarrer i. R., Ramsla

Mal ganz ehrlich: könnten Sie das? Oft bewundern wir unseren Herrn in den Berichten des Neuen Testaments oder freuen uns über seine Gleichnisse und Verheißungen. Aber diesmal gehören wir zu denen, die er abweist! Können Sie Heimat, Familie, Bindungen einfach aufgeben? Oder ich frage anders: wer ist denn gern heimatlos, bindungslos, rücksichtslos?

Der kommende Sonntag ist überschrieben: bereit zum Verzicht. Aber auf was wir hier verzichten sollen! Wer hier »frohe Botschaft« suchen will, braucht die ganz große Lupe. Aber eine weichgespülte Version kann ich nicht anbieten, nach dem Motto: das hat unser Herr Jesus bestimmt nicht so gemeint. Doch, hat er! Wir merken: es ist Leidenszeit, Passionszeit und das Evangelium ist ein »skandalon«, ein Ärgernis, ein Stein des Anstoßes. Es wird Ihnen und mir vor den Kopf gestoßen. Was kann ich Ihnen Frohmachendes mitgeben? Der Sonntag »Okuli« bedeutet: Meine Augen sehen stets auf den Herrn (aus Psalm 25,15). Behalten Sie diesen Herrn trotz des Unverständnisses an diesem Wochenende im Auge!

Martin Lieberknecht, Pfarrer i. R., Ramsla

Reformationsfrühling

17. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Reformation und Tourismus:
Reicht die Anziehungskraft des Lutherjahres als Touristen-Magnet, um gezielt Menschen nach Mitteldeutschland zu ziehen? Die Stammländer der Reformation scheinen gut vorbereitet und setzen auf das Prinzip Hoffnung.

Das Reformationsjubiläum 2017 ist »eine große Chance« für den Tourismus in Mitteldeutschland. Das sagte Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin. Zusammen mit seinen Kollegen Wolfgang Tiefensee (SPD) aus Thüringen und Armin Willingmann (SPD) aus Sachsen-Anhalt oder, wie es Tiefensee formulierte, »der Boygroup aus Mitteldeutschland«, blickte er dort auf das anstehende Großereignis und seine Bedeutung für den Tourismus in der Region. Man spüre mittlerweile weltweit ein großes Interesse für die Region, sagte Dulig. Sogar in Südkorea sei er auf das Reformationsjubiläum angesprochen worden. Sachsen wolle 2017 dabei vor allem als Kulturland punkten. »Die große Chance, die wir haben, ist, dass unsere Region auf der Weltkarte sichtbar wird«, sagt Dulig. Denn noch wisse nicht jeder mit den Begriffen »Sachsen«, »Sachsen-Anhalt« und »Thüringen« etwas anzufangen.

Auf der ITB in Berlin: Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (v. li.) mit r2017-Geschäftsführer Ulrich Schneider und dem Wittenberger Kirchmeister Bernhard Naumann als Luther. Foto: IMG Sachsen-Anhalt

Auf der ITB in Berlin: Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (v. li.) mit r2017-Geschäftsführer Ulrich Schneider und dem Wittenberger Kirchmeister Bernhard Naumann als Luther. Foto: IMG Sachsen-Anhalt

Ähnlich äußerten sich auch seine Kollegen aus den beiden anderen Ländern: »Erste Anmeldezahlen verraten, dass in Wittenberg in diesem Jahr einiges los sein wird«, sagte Willingmann. In Wittenberg seien schon heute so viele Vorbuchungen für Stadtführungen eingegangen, wie es sie im ganzen Jahr 2016 gegeben habe. Und auch Tiefensee berichtete, dass man deutlich spüre, dass das Interesse der Gäste an der Region wachse und die Übernachtungszahlen ansteigen. In Wittenberg werde im Reformationsjahr zudem »öffentliches WLAN im großen Stil« eingerichtet. Was die Besucher erlebten, sollten sie über Twitter, Instagram und Facebook direkt in die Welt hinaus transportieren können. »Solche WLAN-Netze gibt es im Ausland schon überall – jetzt zeigen wir, dass wir das auch in Wittenberg hinkriegen.« So sieht das auch Tiefensee: Seiner Ansicht nach wäre Luther heute der Erste, der die modernen Medien genutzt hätte. »Er wäre schon längst bei Instagram«, sagte Tiefensee. Seine Thesen hätte er in einer modernen Weise publiziert und seine Verbindung mit Katharina von Bora in die Genderdebatte eingebracht. »Wenn ich den Lutherweg gehe, sehe ich zwangsläufig mehr als Luther«, sagte Tiefensee. Er hoffe deswegen, dass durch das Jubiläum auch das Interesse an den übrigen Sehenswürdigkeiten angekurbelt werde. »Wir in Thüringen haben es dringend nötig, bekannter zu werden.«

Was der Reformator heute den Wirtschaftspolitikern bedeutet? »Ich schaue auf die Person Luther mit ganz großer Bewunderung«, sagte Tiefensee. Er fände es »sehr gut, dass Luther nicht nur für Dialog innerhalb der Kirchen steht, sondern dass das Thema Luther weit über die Kirche hinausstrahlt.« Luther stehe nicht nur für eine Reformation innerhalb der Kirche, sondern letztlich am Anfang der Moderne. »Luther hat versucht, dem einfachen Volk mit einfacher Sprache etwas nahezubringen, was lebenswichtig ist«, sagte Tiefensee. »Das hat ganz direkt mit Mitbestimmung und Teilhabe auch in der heutigen Zeit zu tun.« Vom Thesenanschlag gehe das Signal aus, dass ein Einzelner »mit einer wohldurchdachten und gut überlegten Kampagne auch etwas erreichen kann«, ergänzte Willingmann. Die Reformation sei auch ein Auftrag: »Es geht darum, zu zeigen, dass wir uns einem ständigen Veränderungsprozess unterwerfen.«

Benjamin Lassiwe

Humanitäre Hilfe unter eigenem Dach

13. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Familie Nahlik hat einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling aufgenommen

Sie konnten es damals, im Sommer 2015, noch nicht ahnen, dass die Bilder von den verzweifelten Menschen auf dem Mittelmeer auch ihr Leben stark beeinflussen würde. In ihrem heimischen Wohnzimmer im Dessauer Stadtteil Siedlung saßen Constanze und Tobias Nahlik mit ihren Kindern vor dem Fernseher und verfolgten die allabendlichen Nachrichten. »Über all die Unglücke und Katastrophen, die regelmäßig über den Bildschirm flimmerten, konnten wir mit unseren Kindern reden«, sagt Constanze Nahlik. »Doch als wir die Bilder von den überfüllten Booten auf dem Mittelmeer sahen, fehlten uns die Worte«, ergänzt Tobias Nahlik. Kollektiv haben sie mit vier ihrer fünf Kinder, vom Kleinkind bis zum fast erwachsenen Jugendlichen geweint, erinnert sich das Ehepaar. Die älteste Tochter war zu diesem Zeitpunkt nach dem Abitur gerade in Buenos Aires für ein soziales Jahr.

Constanze und Tobias Nahlik berichteten vor Kurzem bei einem Gemeindeabend von ihren Erfahrungen. Foto: Lutz Sebastian

Constanze und Tobias Nahlik berichteten vor Kurzem bei einem Gemeindeabend von ihren Erfahrungen. Foto: Lutz Sebastian

Die Tränen waren kaum getrocknet, da beschlossen die Psychiaterin und der Pädagoge, der beim Eine-Welt-Netzwerk Sachsen-Anhalt arbeitet, zusammen mit ihren Kindern gegen das Elend, was sie da täglich in den Nachrichten sahen, etwas zu tun. Die ersten Aktionen liefen auch in Dessau-Roßlau an. In seiner katholischen Gemeinde genauso wie in ihrer evangelischen. In der Ökumene vereint haben sie dennoch beschlossen, sonntäglich als Familie komplett in den katholischen Gottesdienst zu gehen. Der Propst predigte es eindringlich von der Kanzel, angesichts dieser humanitären Katastrophe aktiv zu unterstützen, wo es einem persönlich möglich ist. Geld- und Kleiderspenden, Deutschunterricht und Ausflüge mit den Geflüchteten kamen der Familie im ersten Moment in den Sinn. Das alles machte sie nicht wirklich glücklich.

Ein stärkeres Zeichen wollten sie setzen. Einem unbegleiteten Minderjährigen wollten sie in ihren eigenen vier Wänden ein Obdach geben. Die älteste Tochter, die gerade in Argentinien weilte und deren Zimmer frei war, gab nach einem Anruf sofort grünes Licht dafür. Auch Bekannte in Berlin ermutigten die Familie, das zu tun. Schließlich gab es in der Bundeshauptstadt schon einige Menschen, die einem unbegleiteten Minderjährigen ein Zuhause statt einer Massenunterbringung in einem Heim oder einer Wohngruppe gaben. Doch Dessau ist nicht Berlin. Das spürte Familie Nahlik schnell. Zwar unterstützten die Mitarbeiter des Jugendamtes ihr Begehren nach Kräften. Doch viele bürokratische und rechtliche Hürden mussten überwunden werden. Fast neun Monate dauerte es, bis sie den Anruf vom Jugendamt bekamen, dass möglicherweise ein Kind für die Pflegschaft gefunden wurde.

Seit Pfingsten 2016 lebt ein 15-jähriger Junge aus Äthiopien bei ihnen. Er geht in eine Willkommensklasse. In einem Fußballverein trainiert er regelmäßig. Seit Neuestem lernt er Klavier. Er ist der Einzige von 38 Unbegleiteten in Dessau, der eine Pflegefamilie gefunden hat. Ob ihn das glücklich macht, wissen sie nicht. Wohin die Reise mit ihm geht, auch nicht. Nur eins wissen sie ganz bestimmt. »Wir würden es wieder tun«, sagt Constanze Nahlik voller Überzeugung.

Danny Gitter

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