Reformation ging nicht alleine

31. März 2017 von redaktionguh  
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Luthers ungeliebte Brüder: Mitteldeutschland hat mehr zu bieten als Martin Luther. Zahlreiche Theologen mit ihren alternativen Reformationsideen will eine Ausstellung in Mühlhausen ins rechte Licht setzen.

Die Reformation – das ist Martin Luther, aber eben nicht nur. »Wir feiern kein Lutherjubiläum, wir feiern ein Reformationsjubiläum«, betont deshalb der Direktor der Mühlhäuser Museen, der Historiker Thomas T. Müller. »Man muss schauen, wer war damals noch unterwegs? Was haben die anderen frühen Reformatoren gedacht und geschrieben? Was hatten sie für Ideen?«

In der Mühlhäuser Kornmarktkirche werden Leben und Glauben um 1517 lebendig. Neben einer Druckerpresse sind Gebrauchsgegenstände, Ordenstrachten, Heiligenstatuen und religiöse Schriften ausgestellt, die die Reformatoren inspirierten und beeinflussten. Foto: Tino Sieland/Mühlhäuser Museen

In der Mühlhäuser Kornmarktkirche werden Leben und Glauben um 1517 lebendig. Neben einer Druckerpresse sind Gebrauchsgegenstände, Ordenstrachten, Heiligenstatuen und religiöse Schriften ausgestellt, die die Reformatoren inspirierten und beeinflussten. Foto: Tino Sieland/Mühlhäuser Museen

Müller hat darum mit seinen Mitstreitern die Ausstellung »Ungeliebte Brüder« in der Kornmarktkirche in Mühlhausen konzipiert. Sie lenkt den Blick auf jene Theologen, die von der reinen lutherischen Lehre abwichen und eigene, teilweise radikale reformatorische Ideen verfolgten. »Ungeliebte Brüder«, so hat Luther die anderen Reformatoren nie bezeichnet. »Der Titel drückt aus, dass diese Menschen damals auf dem gleichen Weg waren, wobei der eine oder andere einen anderen Abzweig nahm«, so Müller. Wie in so mancher Familie, wo man nicht immer der gleichen Ansicht, aber dennoch miteinander verbunden ist.

Theologen, wie Luthers Doktorvater Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, der einer der produktivsten Flugschriftenautoren der frühen Reformation war, werden in der Ausstellung ebenso gewürdigt wie der ehemalige Benediktiner Matthäus Hisolidus, der in Mühlhausen und Creuzburg wirkte. Karlstadt verließ Wittenberg nach den Unruhen von 1521 und 1522 und nachdem er sich öffentlich für die Entfernung aller Heiligenbilder aus den Kirchen eingesetzt hatte. Dadurch war es bereits zum Bruch mit Luther gekommen. In Orlamünde, wo er ab 1523 als Pfarrer wirkte, setzte er seine reformatorischen Ideen um. Den Gottesdienst hielt er in deutscher Sprache. Altäre, Bildnisse und Heiligenfiguren verschwanden aus der Kirche. Auf Betreiben Luthers erhielt Karlstadt in Kursachsen ein Predigt- und Schreibverbot, 1529 ging er nach Zürich und Basel, wo er 1541 starb.

Über das Schicksal von Hisolidus ist gar nichts bekannt. Der unbequeme Reformator, der 1525 aus Creuburg ausgewiesen wurde, verschwindet spurlos. Auch andere bedeutende Reformatoren dieser Zeit verlieren sich im Nebel der Zeit: von Heinrich Pfeiffer, dem Reformator in Mühlhausen, ist ebenso wenig die Rede wie von Jakob Strauß. Letzterer gilt als Reformator Eisenachs. Denn auch, wenn Luther auf der Wartburg war und einige Predigten in der Stadt hielt, die protestantische Bewegung hatte in der Wartburgstadt der ehemalige Dominikaner Strauß umgesetzt.

Strauß, der aus Basel stammte, erlangte überregionale Bedeutung. Seine Schriften wurden zahlreich nachgedruckt. Seine Schrift wider die Wucherzinsen, in der er nicht nur die verurteilt, die Wucherzinsen erheben, sondern auch jene, die diese zahlen, wurde zum Politikum. Die Herrschenden waren rasend, und auch Luther sah sich in der Pflicht zu handeln und ging gegen den »Irrlehrer« vor.

Thomas Müntzer ist wohl der berühmteste der »anderen« Reformatoren und als Widersacher Luthers bekannt. Darum fehlt auch er nicht in der Reihe der »ungeliebten Brüder«. Der Historiker Müller betrachtet Müntzer als das erste innerprotestantische Opfer der Reformation. »Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, Müntzer wird zum Synonym für die Aufständischen des Bauernkrieges und wird damit zum ersten innerprotestantischen Ketzer gemacht. Strauss ergeht es ähnlich.«

Wer damals nicht der reinen lutherischen Lehre folgte, verschwand, wie etwa Fritz Erbe im Turm der Wartburg oder Hisolidus im Nebel der Zeit. Die grausame Polemik, mit der Luther und seine Anhänger zum Beispiel Thomas Müntzer straften, hält bis heute an. Ein Umstand, den die Ausstellung in der Kornmarktkirche in Mühlhausen zu ändern versucht.

Diana Steinbauer

Die Ausstellung »Luthers ungeliebte Brüder« ist noch bis zum 31. Oktober im Bauern­kriegsmuseum Kornmarktkirche in Mühlhausen zu sehen. Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr.

www.mhl-museen.de

Trauer und Erlösung

26. März 2017 von redaktionguh  
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So war das nicht gedacht. Mein Kommentarthema sollte die Aktion von Aldi-Süd sein: Ostern einfach erklärt – Warum feiern wir eigentlich Ostern? Doch in der vergangenen Nacht ist meine Mutter gestorben. Mein Herz ist voll Trauer und wehmütiger, guter Gedanken an sie. Zwei Jahre nach meinem Vater ist sie gegangen. Ich habe meinen Eltern viel zu verdanken. Sie waren Vorbilder im Glauben, haben mich in Höhen und Tiefen begleitet, mir unglaublich viel Gutes mitgegeben und waren da, wenn ich sie brauchte.

Ganz ehrlich, zu Jesu Tod und Auferstehung hatte ich bislang keine emotionale Beziehung. Die Passionszeit gehörte zum Kirchenjahr, war Tradition. Dass Jesus am Kreuz für mich gestorben ist, habe ich zwar gehört, aber stark berührt hat mich das nicht. Jetzt merke ich, dass es eine dunkle Vorstellung wäre, sollte mit dem Tod alles aus sein. Jesus hat den Tod am Kreuz überwunden. Das hat er seinen Jüngern gesagt, erfahre ich auch aus der Osterbroschüre für Kinder von Aldi. Und weiter heißt es da: »Ostern ist das wichtigste Fest der christlichen Kirche. Christen auf der ganzen Welt feiern die Auferstehung von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.«

Heute nehme ich Abschied von meiner Mutter. Ich bin mir sicher, es wird kein Abschied für immer sein. Wir sehen uns im Himmel oder wenn Jesus wiederkommt. Das ist eine Gewissheit, die ich spüre und die mir meine Mutter am Kinderbett vorgesungen hat: »Solang mein Jesus lebt und seine Kraft mich hebt, muss Furcht und Sorge von mir fliehn, mein Herz in Lieb erglühn.«

Ich darf traurig sein, aber ich habe auch eine starke Hoffnung. Der Frühling beginnt erst. »Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht« (Lukas 21, Vers 28).

Willi Wild

Nächstenliebe verlangt Klarheit

26. März 2017 von redaktionguh  
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Populismus: EKM will die inhaltliche Auseinandersetzung befördern


Christen und Populismus in der Kirche. Darüber sprach Willi Wild mit dem Leiter des Personaldezernats, Oberkirchenrat Michael Lehmann, und Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, dem Leiter des Dezernats Gemeinde in der EKM.

Haben Sie Kenntnis von rechtspopulistischen Tendenzen in der EKM?
Lehmann:
Lassen Sie mich, bevor ich auf Ihre Frage antworte, zwei Dinge sagen. Zunächst: Das Personaldezernat spürt nicht den politischen Überzeugungen der Pfarrerschaft und der kirchlichen Mitarbeiter nach. Für uns ist lediglich maßgebend, dass die Glaubwürdigkeit unserer christlichen Botschaft nicht verletzt und der Dienst nicht beeinträchtigt wird. Wir als Landeskirche vertrauen darauf, dass unsere Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst wissen, dass sie an alle ihre Gemeindeglieder gewiesen sind und nicht nur an diejenigen mit gleicher politischer Präferenz.

Zweitens: Die Kirche ist Teil der Gesellschaft, und gesamtgesellschaftliche Tendenzen finden sich auch in unserer Kirche wieder. Im Blick auf unsere Mitarbeitenden ist das im
Prinzip nicht anders. Allerdings sehe ich, wie viele von ihnen sich glaubwürdig gegen Verachtung und Ressentiments aussprechen und auch selbst beispielhaft handeln, indem sie etwa angesichts der Flüchtlinge vor Ort konkrete Hilfe geleistet und organisiert haben.

Nun zu Ihrer Frage: Ja, in der jüngsten Vergangenheit gab es in der EKM einen Fall: Ein Gemeindepädagoge hatte sich aktiv an einer rechtsextremistisch motivierten Demonstration beteiligt. Nach entsprechenden Personalgesprächen blieb dem Kirchenkreis keine andere Möglichkeit, als sich von diesem Mitarbeiter zu trennen. Der Fall kam vor das Arbeitsgericht, das aber hat uns klar in dieser Entscheidung bestätigt.

Fuhrmann: Auch bei ehrenamtlich in der EKM Engagierten gibt es keine Abfrage nach der Parteizugehörigkeit. Die Kirchengemeinden sind immer auch ein Spiegel der Gesellschaft und damit gesellschaftspolitischer Positionen. Entscheidend ist für mich dabei, ob es uns gelingt, ein christlich motiviertes Gespräch mit allen hinzubekommen. Ich vermute aber, dass derzeit in den Kirchengemeinden die unterschiedlichen Positionen kaum zur Sprache kommen, weil es schwierig ist, die konträren Standpunkte zusammenzubringen.

Wie schätzen Sie auf der anderen Seite die Bedrohung von Pfarrern in der EKM ein, die sich klar gegen rechte Gesinnung wenden?
Lehmann:
Tatsächlich werden Pfarrerinnen und Pfarrer unserer Landeskirche Opfer von Herabwürdigung und Bedrohung im Internet. Als ein Beispiel nenne ich unsere Landesbischöfin, die leider immer wieder zum Ziel rechtsradikaler Hetze wird. Im Fall eines Thüringer Pfarrers nahm die Androhung von Gewalt gegen ihn und seine Familie solche Ausmaße an, dass wir ihm die Aufhebung der Dienstwohnungspflicht angeboten haben. Gerade wer sich für einen mitmenschlichen Umgang mit Menschen anderer Sprache und Herkunft einsetzt, merkt: Das Doppelgebot der Liebe war nicht nur zur Zeit Jesu, sondern ist auch heute für viele ein Ärgernis. Ich sehe aber gerade da, spätestens seit Beginn der Flüchtlingskrise, eine große Glaubensgewissheit und Klarheit in unserer Pfarrerschaft. Das beeindruckt mich sehr.

Wie begegnet die EKM populistischen Tendenzen in Kirchengemeinden?
Fuhrmann:
Aus dem Landeskirchenamt heraus können wir erst mal wenig tun. Was ich als Aufgabe sehe, ist, dass wir immer wieder Impulse setzen für das Gespräch. Wir möchten ermutigen und einladen zur Debatte. Die Initiative sollte aber aus den Kirchengemeinden kommen. Wir unterstützen Angebote der Gemeinden und Einrichtungen, wo es um Begegnung geht, und stehen gern beratend zur Seite.

www.ekmd.de/kirche/themenfelder/rechtsextremismus

Glauben ganz praktisch: Wir sind Teil in Gottes Handeln

25. März 2017 von redaktionguh  
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Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Johannes 12, Vers 24

Was es mit dem Weizenkorn auf sich hat, erklärt Jesus selbst seinen Jüngern und damit uns: »Der Same ist das Wort Gottes.« (Lukas 8,11) Welchen wunderbaren Weg dieses Wort geht, können wir bei Jesaja nachlesen: Gleichwie der Regen vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein. »Es wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.« (Jesaja 55,10.11) Was für ein Wort! Gott spricht und so geschieht es. Wie bei der Schöpfung. Von unserem Mitwirken ist überhaupt nicht die Rede. Es geschieht einfach, weil Gott es so will! Dieses Wort kann aber auch ganz anders: »Es ist wie ein Feuer, wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt.« (Jeremia 23,29) Es ist schärfer als jedes zweischneidige Schwert, das scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein. (Hebräer 4,12) Warum zähle ich das auf? Diese Beispiele aus der Bibel zeigen, wie gefährlich Gottes Wort sein kann und welche Macht es hat. Zurück zum Weizenkorn und dem zarten Wachstum.

Martin Lieberknecht, Pfarrer i. R., Ramsla

Martin Lieberknecht, Pfarrer i. R., Ramsla

Das Weizenkorn ist schließlich Jesus selbst, weil es das fleischgewordene Wort ist. Zu unserem Glück begegnet er uns nicht mit seiner Macht, sondern mit seiner Liebe. Das Korn stirbt nicht einfach, es »erstirbt«. Malcolm, ein gebürtiger Brite, hat mir erklärt, dass dieses deutsche Wort eher einen Vorgang beschreibt als einen Zustand. Deswegen ist dieses eher ungebräuchliche Wort auch in der neuen Lutherübersetzung stehen geblieben. Das gefällt mir. Denn dadurch kommen wir doch noch ins Spiel. In diesen Vorgang sind wir nämlich selber mit hineingebunden. Denn dieser Wochenspruch begleitet uns nicht zufällig ausgerechnet in der Passionszeit:

Jesus stirbt, damit wir leben können. Indem wir unseren Glauben leben, sind wir die Frucht, die Gott sehen will. Sonst wäre das Weizenkorn ja umsonst gestorben. Wäre doch schade um die Saat!

Martin Lieberknecht, Pfarrer i. R., Ramsla

Was würde Jesus tun?

24. März 2017 von redaktionguh  
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Populismus: Den Aussätzigen, Sündern, den Zöllnern und Ehebrecherinnen wandte sich Jesus zu. Dient das auch als Beispiel für den Umgang mit Populisten, Pegida und AfD?

Für Berlins evangelischen Bischof Markus Dröge haben Christen in der AfD nichts verloren, auf dem Katholikentag in Leipzig war die Partei unerwünscht, der Erfurter Dom wird nicht beleuchtet, sobald Björn Höcke und seine Parteifreunde auf dem Domplatz sprechen. Das Licht der Welt wird ausgeknipst, wenn die »Kinder der Finsternis« es bräuchten? Ist das die richtige Haltung, die christliche Haltung gegenüber dem Populismus von rechts? Das fragt Werner Patzelt, Politikwissenschaftler an der TU Dresden. Er gehört zu den ersten Forschern, die die Pegida-Bewegung empirisch untersuchten, er hat mit Wutbürgern und Gutmenschen gesprochen, sich die Seiten von Hell- und Dunkeldeutschland angeschaut. Auf dem ökumenischen Studientag »Christen und Populismus«, zu dem die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt und die Katholische Akademie des Bistums Magdeburg kürzlich nach Wittenberg eingeladen hatten, sagte Patzelt, die Kirchen machten es sich zu einfach, rechtspopulistische Positionen als nicht akzeptierbar und nicht vereinbar mit dem Evangelium zu bezeichnen. Da müssten schon Maßstäbe, Kriterien und Wahlprüfsteine herausgearbeitet und den Menschen dann die Entscheidung selbst überlassen werden.

Gegen Rechtsextremismus: Mitarbeiter des Landeskirchenamtes der EKM mit dem Banner, das im Onlineshop bestellt werden kann. Foto: EKM

Gegen Rechtsextremismus: Mitarbeiter des Landeskirchenamtes der EKM mit dem Banner, das im Onlineshop bestellt werden kann. Foto: EKM

Ja, mit der Gottesbildlichkeit aller Menschen und dem allgemeinen Liebesgebot für Freund und Feind als christliche Grundpfeiler können Rassismus, Hass und Gewalt nicht akzeptiert werden. Aber wir sind alle in die Welt verwickelt, wir können uns nicht aus ihr zurückziehen. So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! (Matthäus 22,21) – Christen müssten diese Bipolarität akzeptieren, auch wenn die Spannung schwer auszuhalten ist. Was also tun? »Es ist keine schlechte Idee, sich ein Vorbild am Stifter dieser Religion zu nehmen«, rät Werner Patzelt. Viele von Jesu Gleichnissen beziehen sich auf das Verhältnis von Gutmenschen zum Pack, von denen da oben zu denen da unten. Zum Beispiel das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Lukas 15,3-7): 100 Tiere, eines geht verloren – und diesem geht der Hirte nach, bringt es zurück zur Herde, feiert dann ein Fest. Die Frage, die sich uns heute stellt: Wie bringen wir die Sünder zurück in unsere Mitte, ohne ihnen selbstgerecht und moralisch überlegen zu begegnen?

»Wir müssen im Gespräch bleiben und zwar nicht unter gleichgesinnten Freunden, sondern mit jenen, mit denen wir nicht gerne reden.« Das hat im Übrigen auch die Kirche getan, sagt Professor Patzelt. Wie sonst hätte aus zwölf Aposteln eine weltumspannende Gemeinschaft werden können? Fakten kennen, Behauptungen richtigstellen, dem anderen zuhören, ihn als Menschen und nicht nur AfD-Wähler, Pegida-Demonstrant, Wutbürger wahrnehmen, und konkrete Lösungen für reale Probleme finden, selbst wenn man das Problem zuvor als Phobie abgetan hat. »Wer das Reden abbricht, stellt die Arbeit für den Erhalt unser pluralistischen Demokratie ein«, sagt Werner Patzelt. Es sei politische Feigheit, mit Gegnern unserer Demokratie, wie dem rechten Vordenker Götz Kubitschek, nicht zu reden. Man müsse es tun, gerade vor großem Publikum.

Dass solche Diskurse aber an Grenzen stoßen, berichtet Pascal Begrich, Geschäftsführer des Vereins »Miteinander«, auf dem Studientag. »Miteinander« berät in Sachsen-Anhalt Gemeinden, auch Kirchengemeinden, im Umgang mit Rechtsextremismus und Populismus. Rechtspopulismus sei nie weg gewesen, inzwischen aber in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es gebe keine Woche, in der »Miteinander« nicht irgendwo im Land eingeladen sei, um über diese Phänomene zu reden. »Reden ist nötig, aber manchmal unmöglich«, sagt Pascal Begrich. Es gelte abzuwägen, mit wem man wo spreche, welches Ziel solch ein Dialog hat, welche Motive hinter Gesprächsangeboten stecken. Geht es um den Austausch von Argumenten, um Selbstvergewisserung oder gar Ächtung des anderen?

Kirche, sagt Begrich, könne im Diskurs eine Mittlerin und Impulsgeberin sein, sie ist aber auch eine ethisch-moralische Instanz. Kirche will das verlorene Schaf zurückholen, aber auch dem Wolf klare Kante zeigen. »Toleranz findet ihre Grenze an Intoleranz. Dann ist der Dialog vielleicht nicht mehr der richtige Weg der Auseinandersetzung«, sagt Pascal Begrich. Das sieht auch Politikwissenschaftler Patzelt so: »Im Gespräch lässt sich nicht alles lösen.« Kein einziges Problem hingegen wird gelöst durch Moralisieren, Empören, Abgrenzen. Patzelt: »Nur weil ein Trennstrich gezogen ist, hören die Menschen jenseits dieses Trennstrichs nicht auf, dort zu sein.«

Katja Schmidtke

Von Dessau-Roßlau geht es nach »New Germany«

21. März 2017 von redaktionguh  
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Gastvikar Martin Büttner und seine Familie kehren nach anderthalb Jahren in Anhalt nach Südafrika zurück

Am 19. März geht für Martin Büttner ein wichtiger Lebensabschnitt zu Ende. Denn an dem Sonntag wird der 39-jährige Theologe in einem Gottesdienst aus seinem Gastvikariat in der Auferstehungsgemeinde in Dessau-Roßlau verabschiedet und kehrt wenig später mit seiner Familie in seine Heimat zurück. Das ist ein Weg von rund 9 600 Kilometern Luftlinie, denn Martin Büttner kommt aus Südafrika.

Dass er seit September 2015 mit seiner Familie in Dessau lebt, ist zum Teil Zufall, zum Teil nicht. Martin Büttner gehört der United Evangelical Lutheran Church in Southern Africa (UELCSA) an, einer Kirche, die aus der Arbeit verschiedener Missionsgesellschaften und einzelnen Siedlergemeinden entstanden ist. Sie ist ein Dachverband von drei kleinen Kirchen – zwei in Südafrika, eine in Namibia – und zählt heute insgesamt etwa 19 200 Mitglieder. Ihre Strukturen seien aber mit den landeskirchlichen Strukturen, wie es sie in Deutschland gibt, nur teilweise zu vergleichen, so Martin Büttner.

Martin Büttner lebt mit seiner Familie seit September 2015 in Dessau-Roßlau. Foto: Johannes Killyen

Martin Büttner lebt mit seiner Familie seit September 2015 in Dessau-Roßlau. Foto: Johannes Killyen

Seit Jahrzehnten ist es üblich, dass angehende Pfarrer aus dieser Kirche einen Teil ihres Vikariates in der Hannoverschen Landeskirche leisten können, wenn sie Deutsch sprechen. Als für Martin Büttner das Vikariat anstand, gab es zwei Interessenten für einen Platz. Es musste eine andere Stelle gesucht werden. So kam man dann auf die Landeskirche Anhalts. Dass er akzentfrei Deutsch spricht, verdankt er seiner Familie, die aus Deutschland stammt, aber schon lange in Südafrika lebt. Einer seiner Großväter war Handwerkermissionar. In der Gemeinde aktiv zu sein, war in der Familie selbstverständlich.

Martin Büttner ist gelernter Elektrotechniker, wollte aber in seinem weiteren Arbeitsleben mehr mit Menschen zu tun haben und orientierte sich um. In seinen neuen Beruf kam er über ein Freiwilliges Soziales Jahr bei einer christlichen Jugendorganisation, auf die ein Theologiestudium in Stellenbosch, praktische Erfahrungen in Gemeinde- und Jugendarbeit und schließlich das Vikariat folgten.
»Ich bin beeindruckt davon, wie die Geschichte das Gemeindeleben hier prägt«, sagt Martin Büttner. »Die Geschichte der Reformation ist immer präsent – nicht nur wegen der großen Cranachgemälde in der Johanniskirche. Man kann sich einordnen und weiß: Ich bin ein Teil davon.« Für Südafrika sei ein 200-jähriges Kirchengebäude schon sehr alt. Hier seien 500-jährige und ältere Kirchen keine Seltenheit. Als positive Erfahrung nimmt er den kreativen Umgang der Landeskirche mit dem Rückgang der Gemeindegliederzahlen mit. »Anhalt macht sich sehr viele Gedanken, wie der Alltag in den Kirchengemeinden künftig gestaltet werden soll.«

Nach der Rückkehr nach Südafrika wird Martin Büttner sich auf das Zweite Theologische Examen vorbereiten. Danach zieht er mit seiner Familie – seine Frau Christine, die gelernte Krankenschwester und Hebamme ist, und den drei gemeinsamen Kindern – nach »New Germany«. Es ist die erste Siedlung des Berliner Missionswerkes in Südafrika. Und er leistet dort seinen Entsendungsdienst. Dass die Familie Büttner dem »alten« Deutschland verbunden bleiben wird, hat nicht nur mit den familiären Wurzeln und dem langen Aufenthalt in Anhalt zu tun. Mit zurück reist eine waschechte Dessauerin, denn die jüngste Tochter wurde hier geboren.

Angela Stoye

Gottesdienst am 19. März, 9.30 Uhr, in der Auferstehungskirche

»Die Melodie muss sich im Ohr festsetzen«

21. März 2017 von redaktionguh  
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Festgottesdienst in Wittenberg mit preisgekrönten Liedern eines europäischen Wettbewerbs

Bei einem Festgottesdienst der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) zum 500. Reformationsjubiläum werden am Sonntag, 19. März, in der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg erstmals fünf neue Lieder vorgestellt und gesungen. Ausgewählt wurden sie bei einem 2015 ausgeschriebenen »Europäischen Reformationsliederwettbewerb«. Die Predigt hält Landesbischöfin Ilse Junkermann.

Bei der ersten Ausschreibungsrunde bestand die Aufgabe darin, einen neuen Text zu einer klassischen lutherischen, reformierten oder methodistischen Melodie zu verfassen bzw. eine Vorlage für eine spätere Vertonung zu liefern. Hierfür wurden Beiträge aus sieben Ländern eingereicht, von denen die international besetzte Jury fünf Liedtexte für eine Neuvertonung auswählte. Je ein deutscher, norwegischer, dänischer und zwei ungarische Texte gelangten so in die zweite Wettbewerbsrunde. Sie wurden dazu auch jeweils ins Englische übersetzt, um eine internationale Beteiligung zu ermöglichen. Die musikalische Gestaltung sollte in zwei Kategorien erfolgen: »traditionell« und »modern«.

»Uns war wichtig, dass das Lied auch von der Gemeinde gut singbar ist«, erläutert Jochen Arnold, Direktor des Michaelisklosters in Hildesheim und Liturgiebeauftragter der GEKE, die Überlegungen der Jury. »Die Melodie muss sich im Ohr festsetzen und darf nicht zu komplex sein. Außerdem sollte sie von Orgel oder Keyboard, gegebenenfalls auch Gitarre, gut begleitet werden können.« Mitglieder des Gremiums waren neben ihm die Studienleiterin für kirchenmusikalische Fort- und Weiterbildung in Berlin, Kirchenmusikdirektorin Dr. Britta Martini, und der dänische Kirchenmusiker Peter Steinvig (Methodistische Kirche).

Elvira Mahler. Foto: privat

Elvira Mahler. Foto: privat

Unter den erfolgreichen Autoren befindet sich eine Teilnehmerin aus der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland: Elvira Mahler (55) aus Zeitz, von der gleich zwei Beiträge ausgewählt wurden: ein Tauflied und der Song »Ich suche meinen Weg«. Die ursprünglich in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) tätige Veterinäringenieurin und jetzige Gemeindepädagogin ist seit 1994 im Kirchenkreis Naumburg-Zeitz tätig und unterrichtet Evangelische Religion an acht Schulen. »Ich habe schon als Kind viel gelesen, aber auch selbst sehr gern gereimt oder kleine Geschichten geschrieben. Bis zu meinem Gemeindepädagogikstudium 1996 war mein Talent mehr oder weniger verschüttet«, berichtet sie im Gespräch mit der Kirchenzeitung. »Mein Dienst in Gemeinde und Schule inspirierte mich wieder zum Schreiben.«

Oft erweise sich ein konkreter Anlass als Auslöser. So auch bei der Entstehung ihres Taufliedes. »Gute Freunde baten mich und meinen kleinen Gospelchor, die musikalische Umrahmung der Taufe ihres kleinen Sohnes zu übernehmen. Das junge Paar hatte viele Jahre auf Nachwuchs gewartet und beinahe die Hoffnung aufgegeben, jemals Eltern zu werden. Nun hatte sich ihr lang ersehnter Kinderwunsch erfüllt. Ein kleiner Junge erblickte das Licht der Welt. Welch ein Glück und eine große Freude. Und eben diese Freude und eine tiefe Dankbarkeit erfüllten die Herzen der jungen Eltern und nach einem Gespräch mit ihnen auch mich.«

Insgesamt haben sich 100 Musiker, Dichter und Songwriter beiderlei Geschlechts mit etwa 120 Einsendungen am Wettbewerb beteiligt. Ziel der Ausschreibung sei es gewesen, Anliegen der Reformation und des Protestantismus einer breiteren kirchlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, betont Jochen Arnold. Über den Weg der Musik ginge das besonders gut, denn »gerade um auch junge Menschen zu erreichen, ist das ein absoluter Schlüsselfaktor. Musik erreicht die Herzen, wie vor 500 Jahren, so auch heute.«

Zur Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) – Leuenberger Kirchengemeinschaft haben sich 94 protestantische Kirchen in Europa (und in Südamerika) zusammengeschlossen. Lutherische, reformierte, unierte, methodistische und vorreformatorische Kirchen gewähren einander seit 1973 Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft.

Michael von Hintzenstern

19. März, 10 Uhr, Stadtkirche Wittenberg: Festgottesdienst der GEKE, anschließend Empfang im Alten Rathaus, Markt 26

Lucas, der Buchdrucker

21. März 2017 von redaktionguh  
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Konfirmanden lernen Kunst und Handwerk Gutenbergs kennen

Lange ist es her, dass Lucas Gelegenheit zum Drucken hatte. Das war in der Grundschule. Heute ist er Konfirmand und darf erneut an einer Druckerpresse stehen. An einer richtigen, an einer, die dem Original der Druckerpresse von Gutenberg exakt nachempfunden wurde. Das ist schon etwas ganz Besonderes. Lucas kommt aus Eschbach im Taunus und er gehört zu einer Gruppe von Mädchen und Jungen, die gemeinsam mit Jugendlichen aus Wandersleben (Kirchenkreis Gotha) eine Konfirmandenfreizeit in Thüringen verbringen. Das hat übrigens Tradition. Seit 1945 schon verbindet beide Kirchengemeinden eine Partnerschaft.

Blatt für Blatt wird vorbereitet, bevor es in die Druckpresse kommt. Lucas und seine Konfirmandengruppe aus dem Taunus erleben, wie aufwendig aber auch spannend die Herstellung eines Buches zur Zeit der Reformation war. Foto: Klaus-Dieter Simmen

Blatt für Blatt wird vorbereitet, bevor es in die Druckpresse kommt. Lucas und seine Konfirmandengruppe aus dem Taunus erleben, wie aufwendig aber auch spannend die Herstellung eines Buches zur Zeit der Reformation war. Foto: Klaus-Dieter Simmen

»Während der DDR-Zeit beschränkte sie sich darauf, die Freunde jenseits der Grenze zu unterstützen«, sagt Pfarrerin Kerstin Steinmetz aus Eschbach. Mit der Wiedervereinigung wandelte es sich zu einer lebendigen Beziehung, die von gemeinsamen Besuchen geprägt ist. Seit 1997 schon gibt es die Freizeit für Konfirmanden.

An diesem Tag besuchen sie einen ganz besonderen Ort, nämlich die Menantes Literatur-Gedenkstätte in Wandersleben. Sie erinnert nicht nur an den Dichter Christian Friedrich Hunold, genannt Menantes, der in der Gemeinde geboren wurde. Die Gedenkstätte ist dazu ein außerschulischer Bildungsort, einer, der vornehmlich jungen Menschen die Handwerke der Buchherstellung und die Reformation nahe bringt. Und die Geschichte des Buches, so der Wandersleber Pfarrer Bernd Kramer, ist ein spannendes Abenteuer.

Im Jurywettbewerb mit Publikumsbeteiligung fördert das Magazin Chrismon auch in diesem Jahr herausragende Gemeindeprojekte. Mit seinem Konzept außerschulischer Lernort bewirbt sich das Pfarramt Apfelstädt, zu dem die Kirchgemeinde Wandersleben gehört, um eine Förderung. »Wir denken, dass unser Angebot das wert ist«, begründet Kramer diesen Schritt. Die Zahl der Schulklassen, die sich in der Gedenkstätte mit der Geschichte der Buchherstellung vertraut machen, steigt von Jahr zu Jahr.

Das mag auch daran liegen, dass hier alles andere als staubtrockene Theorie vermittelt wird. Natürlich gibt es einen Exkurs in die Geschichte – angefangen bei Federkiel und Tinte bis hin zum Buchhändler. Mitmachstationen lassen darüber hinaus die einzelnen Handwerke im besten Wortsinn erfahrbar werden. Wie beispielsweise beim Drucken. Hans-Otto Mempel aus der Werkstatt für künstlerische Druckgrafik in Vieselbach hat den Jungen die Arbeitsschritte erläutert. Nun nimmt er sich zurück, lässt sie alleine hantieren, was den Konfirmanden sichtlich Freude macht. Als Druckstock dient ein Linolschnitt von der Wanderslebener Kirche. Sorgfältig wird er mit der Farbwalze eingestrichen, dann kommt Blatt für Blatt in die Presse, ganz so, wie vor 300 Jahren die Buchseiten gedruckt wurden. »Haben die das damals wirklich so gemacht?«, will Lucas wissen. Und die jungen Leute beginnen zu ahnen, wieviel Arbeit in einem Buch steckt, ehe es vom Buchhändler vertrieben werden konnte.

Die Arbeit an der Gutenberg-Presse dient durchaus einem Zweck, denn die Bilder der Wanderslebener Kirche werden bald schon Bestandteil eines Leporellos sein, das eine zweite Gruppe anfertigt – aus Altpapier übrigens. Es wird geschnitten und gefalzt. Mitglieder des Menantes-Förderkreises haben ein Auge darauf, dass die einzelnen Arbeitsschritte eingehalten werden. Jedes einzelne dieser Werke wird übrigens mit Initialen verziert und daran arbeiten Anastasia und Marie. Sie sind schon erstaunt, wie viele Schreibwerkzeuge es gibt und entdecken so nebenbei, wie schön eine Handschrift sein kann. »Ein Buch ist das Werk vieler«, merkt Pfarrer Kramer an. Das im Zeitalter digitaler Technik hautnah zu erfahren und selbst daran mitzuwirken, sei Ziel dieses ungewöhnlichen außerschulischen Lernorts.

Klaus-Dieter Simmen

Die Bewerbung des Wanderslebener Projektes beim evangelischen Magagzin Chrismon kann man im Internet unterstützen:

https://chrismongemeinde.evangelisch.de/profile

So zeitgemäß kann Kirche sein

20. März 2017 von redaktionguh  
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Photovoltaik auf dem Dach, Godspot im Turm und E-Bike-Tankstelle am Eingang – die Johanniskirche in Frömmstedt (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda) ist in vieler Hinsicht ein Unikum.

Der kleine weiße Kasten an der Wand der Frömmstedter Kirche blinkt geschäftig. Er fängt das Signal auf, das vom Pfarrhaus hierher in die Kirche gesendet wird, damit die Besucher der Sankt Johanniskirche dieses nutzen können. »Die Testphase ist abgeschlossen«, erklärt Pfarrer Jens Bechtloff stolz. Er hat sich schon eingeloggt ins Godspot-Netz. Nur noch kleine Feinheiten müssen nun erarbeitet werden, damit alles reibungslos läuft.

Sonnenenergie vom Kirchendach: St. Johannis versorgt auch den Ort Frömmstedt mit umweltfreundlichem Strom. Foto: Jens Bechtloff

Sonnenenergie vom Kirchendach: St. Johannis versorgt auch den Ort Frömmstedt mit umweltfreundlichem Strom. Foto: Jens Bechtloff

Die Godspot-Kirche ist nur eine der verschiedenen Facetten einer unglaublichen Wandlung, die die Frömmstedter Kirche seit 20 Jahren erlebt. Von der baufälligen Ruine zur Solar- und offenen Radfahrerkirche und eben nun auch zur Godspot-Kirche. Eine Entwicklung, die in der EKM und sogar deutschlandweit ihresgleichen sucht.

»Godspot« nennt sich das freie WLAN der evangelischen Kirche. Ohne Passwort oder andere Berechtigungen können sich Nutzer hier einloggen und das World Wide Web nutzen. Internet und Kirche, Websites und Gottesdienst: verträgt sich das? Pfarrer Bechtloff meint dazu: »Godspot ist sicherlich nicht für jede Kirche geeignet, doch Frömmstedt ist eine offene Kirche, eine Radfahrerkirche neuerdings auch mit Solartankstelle, die als Ort des Verweilens, der Einkehr und der Suche genutzt und geschätzt wird«, so Bechtloff. Und von daher biete sich diese Kirche an als Ort, der seinen Besuchern alle Möglichkeiten bietet, mit Gott und der Kirche in Kontakt zu kommen. Eben auch virtuell.

Seit zehn Jahren ist die St. Johanniskirche von Frömmstedt auch eine Solarkirche, die mit ihrer Photovoltaikanlage auf dem Dach durchschnittlich 9 000 Kilowattstunden Strom im Jahr erzeugt. Dieser fließt in das örtliche Stromnetz, kann aber auch über die im August 2016 installierte E-Bike-Tankstelle von Besuchern genutzt werden. Dieses Angebot besteht seit der Radsaison 2016. »Es sind schon einige hier im Pfarrhaus vorbeigekommen und haben gefragt, wo sie tanken können«, berichtet Katrin Ortmann, Mitarbeiterin des Seniorenbüros im ehemaligen Pfarrhaus von Frömmstedt. Pfarrer Bechtloff ist zuversichtlich, dass das Angebot in diesem Frühjahr und Sommer noch stärker als bisher angenommen wird. Der Bedarf bei immer mehr Radfahrern sei da. Außerdem kann der Anschluss auch anderweitig genutzt werden: »Ich habe schon Leute gesehen, die während der Grabpflege auf dem Friedhof rund um unsere Kirche den Stromanschluss zum Aufladen der Handys genutzt haben. Das finde ich gut und richtig«, so Bechtloff. Er hofft, dass E-Bike-Tankstelle und auch Godspot vor allem auch von der Jugend noch stärker angenommen werden und einen Denkanstoß dafür geben, wie Kirche auch sein kann.

Frömmstedt ist ein gutes Beispiel dafür, wie vielfältig kirchlicher Raum nutzbar gemacht wird. »Alles, was Kirche für Menschen tun kann, damit gemeinsam Leben eröffnet wird, das wollen wir tun und ›Godspot‹ trägt zum Miteinander bei«, ist Pfarrer Bechtloff sicher. Auch die Frömmstedter sind sich dessen bewusst geworden. Sie alle hoffen, dass im Reformationsjahr noch mehr Pilger auf dem Lutherweg vorbeikommen. Solartankstelle, Godspot und Übernachtungsmöglichkeiten: Frömmstedt ist gut vorbereitet für das Reformationsjahr.

Diana Steinbauer

Seelsorge im Riesenrad

19. März 2017 von redaktionguh  
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Seit zehn Jahren bereitet sich die Kirche auf das Reformationsjubiläum vor. Dass bei einer so langen Vorbereitung, an der sehr viele Menschen beteiligt sind, die Ideen nur so sprudeln, versteht sich von selbst. Da verwundert es nicht, wenn die Veranstalter nun einen Sommer der Superlative, das größte Fest aller Zeiten versprechen. Vorige Woche stellten sie ihr umfangreiches Programm vor.

In der kleinen Stadt Wittenberg, wo vor 500 Jahren die Reformation ihren Anfang nahm, wird die Welt zu Gast sein. Mindestens eine halbe Million Besucher werden erwartet. In 16 Wochen sind etwa 2 000 Veranstaltungen geplant. Sieben Großveranstaltungen zu sieben Themen sollen den aktuellen Bezug zur Reformation herstellen. Als teuerstes Projekt gilt die Kunstschau »Luther und die Avantgarde« im Alten Gefängnis, wo 68 national und international renommierte Künstler ihre Sicht auf die Reformation darstellen. Ein 20 Meter hohes Riesenrad soll Raum für Seelsorge bieten.

Event über Event. Die Organisatoren hatten einen großen Vorteil, der gewiss nicht alltäglich ist. Während andernorts meistens die Mittel knapp sind – in Wittenberg fließt das Geld in Strömen. Warum auch nicht! Wenn deutlich gemacht werden kann, dass die Reformation auch heute noch für Politik und Gesellschaft wie für den einzelnen Menschen von Bedeutung ist.

So schön Ideenreichtum und so einladend die Vielfalt der Projekte sein mögen – was wird bleiben? Der Augustinermönch hatte einst die befreiende Einsicht, dass Jesus Christus, die Bibel und die Gnade Gottes im Leben alles sind. Werden die Besucher in Wittenberg, wenn sie das Seelsorgeriesenrad besteigen, eine ähnlich existenzielle Erfahrung machen? Wenn ja, wäre das Jubiläum wirklich ein großes Fest.

Sabine Kuschel

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