Bleibende Erinnerungen

4. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Es war ein scheinbar feierlicher Moment, als ich im dritten Schuljahr von meiner Klassenlehrerin nach vorne gebeten wurde, wo sie mich »ehrenhalber« in den Kreis der Jungen Pioniere aufnahm – ohne Rücksprache mit meinen Eltern! Mitschüler, die auf dem Heimweg zufällig meiner Mutter begegneten, erzählten ihr, dass ich »vor Freude geweint« habe – doch in Wirklichkeit waren es Tränen der Verzweiflung. Das ist eine von vielen Geschichten, die mir einfallen, wenn ich mich an mein Leben in der DDR und vor allem an Repressalien in der straff organisierten »Volksbildung« erinnere.

Oft waren es nur zwei oder drei Schüler, die sich in einer Schulklasse zu ihrem evangelischen oder katholischen Glauben bekannten. Bei mir war es nicht nur der Beruf des Vaters (Pfarrer), sondern auch der adlige Name, der Misstrauen und Hänseleien auslöste. Meine Entscheidung, nicht an der Jugendweihe teilzunehmen, verschärfte die Situation. Die Zulassung zum Abitur erfolgte erst im zweiten Anlauf und nach einer Eingabe bei Margot Honecker. Der ersehnte Studienplatz in Musikwissenschaft wurde mir verwehrt. Förderung und Schutz fand ich in der Thüringer Kirchenmusikschule in Eisenach.

Von hier aus beteiligte ich mich 1976 an einem internationalen Kompositionswettbewerb in der Schweiz und wurde mit einem vierteljährlichen Studienaufenthalt in Boswil ausgezeichnet. Nach monatelangen Disputen mit dem Staatssekretariat für Kirchenfragen durfte ich reisen. In der Schweiz angekommen, tauschte ich im westdeutschen Konsulat in Genf meinen DDR-Pass gegen einen der BRD ein. Auf einmal stand mir die Welt offen, was ich bei Exkursionen nach Köln, Brüssel und Paris kräftig nutzte, um dann reich an Eindrücken heimzukehren.

Michael von Hintzenstern

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Bleibende Erinnerungen”
  1. Gert Flessing sagt:

    Ja, lieber Bruder im Herrn, so unterschiedlich ist das.
    Ich habe, ziemlich gleich nach der Einschulung das bewusste blaue Halstuch bekommen. Mein Vater war Genosse, aber nie aus der Kirche ausgetreten. Meine Mutter war im KV. Ich selbst ging zur Christenlehre. Das war für mich selbstverständlich. Wir hatten, im Oderbruch kaum genügend Lehrer. Da fand sich erst recht niemand für so etwas, wie Pioniernachmittage u.ä.
    Dann erlebte ich den Bau der Mauer in Berlin. Das prägte meinen Blick auf den Staat nachhaltig.
    Als ich mich entschloss nicht zur Jugendweihe zu gehen, war auch mir der Weg zum Abitur verschlossen. Ich habe es, zusammen mit der Ausbildung zum Schlosser, dennoch gemacht. Eines habe ich schnell gelernt: Der Staat wollte anerkannt werden. Weil das so war, ließ er sich manipulieren. Ich habe ihn nicht, wie andere, gehasst. Hass liegt mir nicht. Ich habe ihn verachtet. Ich habe schließlich Theologie studiert. Danach manchen Genossen kennen gelernt, den ich achten konnte. Auch manchen Kirchenvertreter, der nicht sonderlich besser war, als manche miesen Genossen.
    Die Weite der Welt habe ich erst in fortgeschrittenem Alter erfahren. Sie ist beeindruckend. Und doch, wie mein Vater, der sie einst als Soldat durchwandern musste, sagte: “Die Bäume sind überall grün.”
    Gert Flessing