Vor den Kopf gestoßen: Frohe Nachricht sieht anders aus

18. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Lukas 9, Vers 62

Das Evangelium am Sonntag ist gar kein Evangelium. Frohe Nachricht sieht anders aus. Dreimal stößt Jesus wohlmeinende Menschen vor den Kopf! Der Erste kommt von sich aus. Großartig! Willkommen! Da will einer gern nachfolgen. Aber Jesus wehrt ihn ab: »Wenn du mir nachfolgen willst, weißt du überhaupt, auf was du dich da einlässt?« Ein Zweiter, den Jesus anspricht, will erst seinen Vater begraben. Verständlich. Und was knallt ihm Jesus vor den Kopf? »Lass die Toten ihre Toten begraben.« Na, ob der jetzt noch gewillt ist? Wer seine eigenen Eltern beerdigen musste, kann hier nur erschrecken, das ist nahezu unmenschlich. Der Dritte kommt wieder von sich aus und will Jesus folgen. Aber er will sich erst von seiner Familie verabschieden. Einfach wegrennen gehört sich nicht. Diesem antwortet Jesus mit dem Wochenspruch. Will heißen: wenn du mir folgen willst, geht das nur, wenn du alle Brücken, alle bisherigen Beziehungen hinter dir lässt.

Martin Lieberknecht, Pfarrer i. R., Ramsla

Martin Lieberknecht, Pfarrer i. R., Ramsla

Mal ganz ehrlich: könnten Sie das? Oft bewundern wir unseren Herrn in den Berichten des Neuen Testaments oder freuen uns über seine Gleichnisse und Verheißungen. Aber diesmal gehören wir zu denen, die er abweist! Können Sie Heimat, Familie, Bindungen einfach aufgeben? Oder ich frage anders: wer ist denn gern heimatlos, bindungslos, rücksichtslos?

Der kommende Sonntag ist überschrieben: bereit zum Verzicht. Aber auf was wir hier verzichten sollen! Wer hier »frohe Botschaft« suchen will, braucht die ganz große Lupe. Aber eine weichgespülte Version kann ich nicht anbieten, nach dem Motto: das hat unser Herr Jesus bestimmt nicht so gemeint. Doch, hat er! Wir merken: es ist Leidenszeit, Passionszeit und das Evangelium ist ein »skandalon«, ein Ärgernis, ein Stein des Anstoßes. Es wird Ihnen und mir vor den Kopf gestoßen. Was kann ich Ihnen Frohmachendes mitgeben? Der Sonntag »Okuli« bedeutet: Meine Augen sehen stets auf den Herrn (aus Psalm 25,15). Behalten Sie diesen Herrn trotz des Unverständnisses an diesem Wochenende im Auge!

Martin Lieberknecht, Pfarrer i. R., Ramsla

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Vor den Kopf gestoßen: Frohe Nachricht sieht anders aus”
  1. Gert Flessing sagt:

    Lieber Bruder Lieberknecht,
    ich mag Enthusiasten. Sie möchten gern auf jeden Zug aufspringen, auch auf jeden frommen. Aber wie oft tun sie das, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Sie sind eifrig. Aber was passiert, wenn ihr Eifer die Erfahrung macht, das sie plötzlich “unbehaust” sind? Jesus weist zurecht auf das hin, was Nachfolge (auch) bedeutet, nämlich mit einem zu gehen, der in dieser Welt keine festen Strukturen hat. Wir erleben das, als Kirche, momentan recht deutlich.
    Mit diesem Hinweis setzt Jesus die folgende Argumentation in Bewegung.
    Den Vater begraben? Vergangenheit ist eine starke Macht. Tradition ist interessant, aber oft tot. So wie die Nachfolge Strukturen hinter sich lässt, Häuser, Nester, Kirchen, lässt sie auch Traditionen hinter sich. Man möchte gern noch einen Moment verweilen, Abschied nehmen, Trauerarbeit leisten.
    Aber mit Jesus gehen, bedeutet das Ziel in den Blick zu nehmen. Das aber ist Gottes Reich und dann Schritt für Schritt, das Evangelium durch Welt und Zeit tragen, es einpflügen. Aus diesem geduldigen Pflügen kann Neues wachsen. Aber zunächst müssen wir uns über die Konsequenzen klar sein.
    Gert Flessing