Was würde Jesus tun?

24. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Populismus: Den Aussätzigen, Sündern, den Zöllnern und Ehebrecherinnen wandte sich Jesus zu. Dient das auch als Beispiel für den Umgang mit Populisten, Pegida und AfD?

Für Berlins evangelischen Bischof Markus Dröge haben Christen in der AfD nichts verloren, auf dem Katholikentag in Leipzig war die Partei unerwünscht, der Erfurter Dom wird nicht beleuchtet, sobald Björn Höcke und seine Parteifreunde auf dem Domplatz sprechen. Das Licht der Welt wird ausgeknipst, wenn die »Kinder der Finsternis« es bräuchten? Ist das die richtige Haltung, die christliche Haltung gegenüber dem Populismus von rechts? Das fragt Werner Patzelt, Politikwissenschaftler an der TU Dresden. Er gehört zu den ersten Forschern, die die Pegida-Bewegung empirisch untersuchten, er hat mit Wutbürgern und Gutmenschen gesprochen, sich die Seiten von Hell- und Dunkeldeutschland angeschaut. Auf dem ökumenischen Studientag »Christen und Populismus«, zu dem die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt und die Katholische Akademie des Bistums Magdeburg kürzlich nach Wittenberg eingeladen hatten, sagte Patzelt, die Kirchen machten es sich zu einfach, rechtspopulistische Positionen als nicht akzeptierbar und nicht vereinbar mit dem Evangelium zu bezeichnen. Da müssten schon Maßstäbe, Kriterien und Wahlprüfsteine herausgearbeitet und den Menschen dann die Entscheidung selbst überlassen werden.

Gegen Rechtsextremismus: Mitarbeiter des Landeskirchenamtes der EKM mit dem Banner, das im Onlineshop bestellt werden kann. Foto: EKM

Gegen Rechtsextremismus: Mitarbeiter des Landeskirchenamtes der EKM mit dem Banner, das im Onlineshop bestellt werden kann. Foto: EKM

Ja, mit der Gottesbildlichkeit aller Menschen und dem allgemeinen Liebesgebot für Freund und Feind als christliche Grundpfeiler können Rassismus, Hass und Gewalt nicht akzeptiert werden. Aber wir sind alle in die Welt verwickelt, wir können uns nicht aus ihr zurückziehen. So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! (Matthäus 22,21) – Christen müssten diese Bipolarität akzeptieren, auch wenn die Spannung schwer auszuhalten ist. Was also tun? »Es ist keine schlechte Idee, sich ein Vorbild am Stifter dieser Religion zu nehmen«, rät Werner Patzelt. Viele von Jesu Gleichnissen beziehen sich auf das Verhältnis von Gutmenschen zum Pack, von denen da oben zu denen da unten. Zum Beispiel das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Lukas 15,3-7): 100 Tiere, eines geht verloren – und diesem geht der Hirte nach, bringt es zurück zur Herde, feiert dann ein Fest. Die Frage, die sich uns heute stellt: Wie bringen wir die Sünder zurück in unsere Mitte, ohne ihnen selbstgerecht und moralisch überlegen zu begegnen?

»Wir müssen im Gespräch bleiben und zwar nicht unter gleichgesinnten Freunden, sondern mit jenen, mit denen wir nicht gerne reden.« Das hat im Übrigen auch die Kirche getan, sagt Professor Patzelt. Wie sonst hätte aus zwölf Aposteln eine weltumspannende Gemeinschaft werden können? Fakten kennen, Behauptungen richtigstellen, dem anderen zuhören, ihn als Menschen und nicht nur AfD-Wähler, Pegida-Demonstrant, Wutbürger wahrnehmen, und konkrete Lösungen für reale Probleme finden, selbst wenn man das Problem zuvor als Phobie abgetan hat. »Wer das Reden abbricht, stellt die Arbeit für den Erhalt unser pluralistischen Demokratie ein«, sagt Werner Patzelt. Es sei politische Feigheit, mit Gegnern unserer Demokratie, wie dem rechten Vordenker Götz Kubitschek, nicht zu reden. Man müsse es tun, gerade vor großem Publikum.

Dass solche Diskurse aber an Grenzen stoßen, berichtet Pascal Begrich, Geschäftsführer des Vereins »Miteinander«, auf dem Studientag. »Miteinander« berät in Sachsen-Anhalt Gemeinden, auch Kirchengemeinden, im Umgang mit Rechtsextremismus und Populismus. Rechtspopulismus sei nie weg gewesen, inzwischen aber in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es gebe keine Woche, in der »Miteinander« nicht irgendwo im Land eingeladen sei, um über diese Phänomene zu reden. »Reden ist nötig, aber manchmal unmöglich«, sagt Pascal Begrich. Es gelte abzuwägen, mit wem man wo spreche, welches Ziel solch ein Dialog hat, welche Motive hinter Gesprächsangeboten stecken. Geht es um den Austausch von Argumenten, um Selbstvergewisserung oder gar Ächtung des anderen?

Kirche, sagt Begrich, könne im Diskurs eine Mittlerin und Impulsgeberin sein, sie ist aber auch eine ethisch-moralische Instanz. Kirche will das verlorene Schaf zurückholen, aber auch dem Wolf klare Kante zeigen. »Toleranz findet ihre Grenze an Intoleranz. Dann ist der Dialog vielleicht nicht mehr der richtige Weg der Auseinandersetzung«, sagt Pascal Begrich. Das sieht auch Politikwissenschaftler Patzelt so: »Im Gespräch lässt sich nicht alles lösen.« Kein einziges Problem hingegen wird gelöst durch Moralisieren, Empören, Abgrenzen. Patzelt: »Nur weil ein Trennstrich gezogen ist, hören die Menschen jenseits dieses Trennstrichs nicht auf, dort zu sein.«

Katja Schmidtke

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Reaktionen unserer Leser

7 Lesermeinungen zu “Was würde Jesus tun?”
  1. Britta sagt:

    “Den Aussätzigen, Sündern, den Zöllnern und Ehebrecherinnen wandte sich Jesus zu. Dient das auch als Beispiel für den Umgang mit Populisten, Pegida und AfD?”
    Aha, Populisten (die es wahrscheinlich nur im sog. rechten Spektrum gibt), Pegida und AfD sind die Aussätzigen, Sünder, Zöllner und Ehebrecherinnen von heute? Was ist das denn für eine Logik?
    Aussätzige: in jeder ernstzunehmenden infektionsepidemiologischen Fortbildung werden Sie erfahren, wer die Aussätzigen von heute sind
    Sünder: wer von Euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein
    Zöllner: die Zwangsabgaben der arbeitenden Bevölkerung nehmen zu, die Renten der Arbeitsleute sind lange nicht mehr “sischer” und spätestens seit dem nix mit nix zu tun habendem Schrottdenkmal von Dresden wissen wir es auch von Justizias Jüngern, daß keine Notwendigkeit besteht, vor Bürgern Rechenschaft über ihre gezahlten Steuern abzulegen. Wer sind also die Zöllner von heute?
    Ehebrecherinnen: selbst im kirchlichen Dienst ist es kein Problem, geschieden zu sein, Kegel zu haben und bei den selbsternannt ganz Toleranten gehört eine 3., 4., 5. Ehe wahrscheinlich zur Karrierevoraussetzung. Das sind im Übrigen die, die sich über Petrys Scheidung (die ich auch bedauerlich finde) echauffieren, bis sie an ihr eigenes Leben erinnert werden.
    Also, ihr, die ihr längst die Gewaltenteilung vergessen habt, euch als Normgeber seht und meint bestimmen zu können, wem Toleranz gilt und wem nicht – kehrt mal vor der eigenen Tür, bevor irgendwelche Anmaßungen aufgestellt werden.
    Und liebe Kirche, was wiegt schwerer: der Kampf gegen “Rechts” (natürlich niemals gegen Links) oder die Verbreitung der frohen Botschaft? Wäre Jesus ein wackerer AntiFa-Held, der Andersdenkende bestenfalls mit Farbbeuteln, mit gefrorenen Torten bewirft und schlechtestenfalls jene verprügelt, Verkehrswege zerstört und Autos anzündet oder wäre er ein Lehrer, der unermüdlich an die frohe Botschaft erinnert, der Opfer ALLER Gewalttaten tröstet und JEGLICHE Gewalt verurteilte?

  2. Leser sagt:

    Dem Professor Patzelt sollte mancher “Politiker” und “Kirchenfürst” und -angestellter mal genauer zuhören!
    Solange AfD und Pegida mit solchen “Ehrentiteln” bedacht werden und Kirchengemeinden aufgehetzt werden, ist die Frechheit nicht hinnehmbar und akzeptabel und Dialog und “Miteinander” wahrlich nicht möglich!

  3. Gert Flessing sagt:

    Wir sind, als Kirche, nicht dafür da, auf irgend einer politischen Bühne “klare Kante” zu zeigen.
    Die “klare Kante” findet sich an Schwertern und Stuhlbeinen und verletzt den, der damit getroffen wird.
    Mir ist, als Christ, der sich in der Nachfolge Jesu sieht, dieses Begriff mehr, als nur suspekt. Es ist ein Kampfbegriff.
    Es ist unsere Aufgabe, allen Menschen das Evangelium zu bringen, nicht durch politische brennende Reifen zu springen.
    Es ist unsere Aufgabe, von der Gnade Gottes zu reden und von dem, der die klare Kante am Kreuz zu spüren bekam.
    Wir sind nicht politische Kirche. Wo wir das sein wollen, grenzen wir aus und das ist gewiss nicht im Sinne Jesu.
    Es gehört dazu, auch denen, die von Zweifeln über Sorge zum Hass gekommen sind, die Nähe und die Hingabe zu schenken und das zu hören, was sie auf diesen Weg brachte.
    Nicht mit irgend einer Kante, sondern nur mit der Liebe, die auch noch das letzte verlorene Schaf sucht, können wir vielleicht Menschen bewegen, ihre Herzen wieder zu öffnen.
    Gert Flessing

  4. Leser sagt:

    Ja “Klare Kante” hört sich eheer nach liksrotgrüner Ideologie an. Nach dem Motto:”Willst Du nicht mein Bruder sein, schlag ich die den Schädel ein”!
    Leider haben wir heute fast nur noch “politische Kirche”!
    Frage: Warum sind friedlich spazierengehende Pegida- oder AfD-Leute “verlorene Schafe”?

  5. Matthias Weinert sagt:

    Liebe G+H Redaktion, vom Kommentar von Bruder Flessing vom 24.03. wünsche ich mir, dass Sie ihn als Leserbrief in die nächste Ausgabe abzudrucken. Ich meine, er fasst die Empfindungen ganz vieler Menschen zusammen. Ich erlebe in den Gemeinden eine tiefe Befremdung über das politische Engagement bestimmter Kirchenobrigen. Deren Meinung spiegelt nach meinen Beobachtungen nicht die Weltanschauung der meisten Gemeindeglieder wider. Dieser Dissens hinterlässt einen ganz schlechten Eindruck in der Öffentlichkeit. Berufspoltiker sollen sich verbal angreifen und über ideologische Feinheiten streiten. Für dieses Theater bekommen sie gutes Geld, das erwartet man von ihnen, mehr aber auch nicht. Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Kirchen bekommen ihr Geld allerdings für ganz andere Dinge. Und angesichts von Pfarrermangel und knapper Verwaltung dürfen sie damit auch gut ausgelastet sein. Wenn die Mitarbeiter darüber hinaus noch Zeit und Ressourcen haben, gibt es noch 7 Werke der Barmherzigkeit, mit denen Christen Gutes tun und der Welt dienen können. Bannerhalten, zu Demos gehen, hetzen und bespitzeln, Kanten zeigen und damit Gemeinden spalten und über andere Menschen abfällig urteilen gehören meines Wissens nicht dazu.

  6. Leser sagt:

    Ich bin der Meinung,der Beitrag von Matthias Weinert bringt die Sachlage bei weitem besser und deutlicher auf den Punk!

  7. L. Schuster sagt:

    Herr Flessing bringt es auf dem Punk, für die Kirche ist “klare Kante” falsch. Denn zweitens „Was würde Jesus tun“, er würde uns anhalten nicht in Angst und Ohnmacht zu verfallen sondern uns hier nahelegen sehr schnell zu entscheiden, wer musste denn wirklich aus Lebensgefahr flüchten (bleibt nur so lange Gefahr besteht) oder wer ist nur Zuwanderer.
    So verstehe ich unser Glauben.
    Die „klare Kante“, letztlich alle über einen Kamm zu scheren ist daher hier für mich ausgeschlossen. Sonst wird Bibel und Nächstenlieb zum Witz. Denn wann man tiefer bohrt, auch mal die richtige und wahre Statistik nimmt, über 95% sind eigentlich Zuwanderer und waren nie lebensbedrohlich Verfolgt.
    Betreff Zuwanderung:
    Doch einfach hierzu in der Botschaft Kanadas nachfragen. Wo man schnell erkennt, wir müssen uns bei der Zuwanderung an das Kanada orientieren. Dann gibt es unsere jetzigen Probleme nicht und bei den Zuwanderern, dass wie der “Heimatsuche” nicht. Noch muss der Staat Kanada Geld für Integration ausgeben. In Kanada integrieren sich Zuwanderer selbst, wie automatisch. Sind sehr schnell Kanadier, wie auch meine Verwanden dort.
    Es liegt daran weil man fürs Einwandern zahlt bzw. Geld hinterlegen oder Investieren muss.
    Zweiten sucht sich Kanada die Leute genau aus. Wer zuwandern darf und es gibt Quoten (ständig neu festgelegt), was für viele Familienangehörige auch sehr hart ist.
    Hüter der Menschenrechte, wird trotzdem Kanada bezeichnet. Mit Recht, zu den liberalsten und demokratischsten Ländern der Welt zählt es ohnehin.

    Menschenrecht,Nächstenliebe