Anspruch und Wirklichkeit

30. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Für diese Form der Basis-Demokratie beneiden uns katholische Christen. Die evangelische Landessynode ist nicht nur das oberste Entscheidungsorgan der EKM. Besetzt mit Laien und hauptamtlichen Vertretern aus den Kirchenkreisen, ist sie auch ein Seismograf für die Stimmung in den Kirchengemeinden.

Dass sich die Themen, die die Gemeindeglieder derzeit bewegen, nicht oder nur am Rande in der Tagesordnung wiederfinden, ist dabei nicht der Synodenleitung anzulasten. Jedes Kirchenmitglied kann Anträge über die gewählten Vertreter einbringen. Angesichts der hohen Krankenstände und Vakanzen in den Kirchengemeinden, eines scheinbar geistlichen Notstandes in den ländlichen Regionen, erwartet man anderes. Die Ächtung von Kriegswaffen, die fleischfreie Versorgung bei den Tagungen oder das Wahlkampfthema »Ehe für alle« sind ehrenwerte Debatten-Themen. Aber sollte nicht sprichwörtlich die Kirche im Dorf bleiben?

In einem Antrag heißt es, die EKM möge zur »Kirche des gerechten Friedens« werden. Doch wie ist es um den innerkirchlichen Frieden bestellt? Eine Synodale beklagt, dass die Entscheidungsträger kaum Verständnis für das Anliegen der ländlichen Kirchenkreise aufbrächten. Es fehle ihrer Meinung nach am räumlichen, emotionalen oder persönlichen Bezug zum Pfarrland.

Die Lutherstadt Wittenberg ist gut gewählt als Ort für die Synodentagung im Reformationsjahr. Hier hat man schon vor 500 Jahren heftig debattiert und dem Volk aufs Maul geschaut. Auf das Ergebnis komme es an, so der Wunsch einer Synodalen 2017: »Ich erwarte von der Tagung Austausch, Gespräche und Impulse für die Arbeit in unserem Kirchenkreis und für unsere ganze Landeskirche.«

Willi Wild

Macht es wie die Schafe – Vertrauen braucht kein Verständnis

29. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.
Johannes 10, Verse 11.27.28

Es ist schon mal gut zu wissen, dass Jesus kein Präsident ist, kein Bundeskanzler oder Minister für Soziales. Aber es wird nicht verständlicher, wenn er sich als Hirte vorstellt. Es ist schon mal gut zu wissen, dass diejenigen, die zu ihm gehören, nicht wegen ihrer besonderen Gelehrsamkeit bekannt sind. Aber es macht es nicht einfacher, wenn er die Seinen als Schafe vorstellt. Denn nun bleibt, was er sagt, unverstanden, eine gebrabbelte Melodie. Und die, die die Stimme hören, bleiben im Unwissen darüber, was er sagt. Das Eigentümliche des Verhältnisses zwischen Hirten und Schafen ist, dass er spricht und sie nur hören. Die Worte entfalten für die Schafe keinen Sinn. »Sag es doch, wenn du der Messias bist.« »Ich bin der Hirte«, sagt Jesus, »ihr seid die Schafe.« Er kennt sie, sie aber kennen ihn nicht. Sie hören ein Rauschen von Stimme. Der Hirte ruft die Schafe mit Namen. Sie hören, aber verstehen nicht und folgen doch. Vertrauen braucht kein Verständnis.

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Es ist nicht viel. Es ist keine Wortgewalt, keine Predigt, keine gelehrte Tiefsinnigkeit, keine theologische Extravaganz. Ich weiß nicht, was es ist, was die Schafe in der Stimme wiedererkennen. Vielleicht die Erinnerung an eine Melodie. Vielleicht bloß ein Rauschen, ein Säuseln, ein Klang, ein Pfeifen. Die Schafe erinnern sich jedenfalls und gewinnen die Ewigkeit. Die Schafe verstehen die Stimme des Hirten nicht. Was er ruft, bleibt unverstanden. Die Schafe folgen aber, wenn seine Stimme erklingt. Vertrauen braucht kein Verstehen. Die Schafe haben Erinnerung genug, einer Stimme zu folgen. Was Jesus dem Einzelnen zuruft, bleibt ein Geheimnis. Es verstehen zu wollen, bleibt aussichtslos. Dass er uns ruft, bedeutet alles. Es bedeutet ewiges Leben. Wer will da nicht gemacht sein zu Schafen seiner Herde und unverständig aus der Wolle schauen. Der Hirte ist ihr Herr, wovor sollten sie sich fürchten und wozu sollten sie die Stimme verstehen? Sein Stab führt sie zum frischen Wasser und zu saftigen Auen. Mehr braucht es nicht.

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Wenn die Seelsorger fehlen

28. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Frühjahrssynode: Das mitteldeutsche Kirchenparlament tagt vom 27. bis 29. April in der Lutherstadt Wittenberg. Dabei geht es den Vertretern der Kirchenkreise und der Kirchenleitung aber nur am Rande um das Reformationsjubiläum.

Die Kirchenälteste ist aufgebracht. E-Mobilität im Verkündigungsdienst sei ja schön und gut. Aber in ihrer Kirchengemeinde hätten sie schon seit Monaten keinen Pfarrer und müssten die Gottesdienste selbst gestalten. Dazu fehle aber die Anleitung oder Unterstützung. Auch im Kirchenkreis von Bernhard Voget sieht man sich aktuell mit einem hohen Krankenstand konfrontiert. Der Agrarökonom aus Körner, der bei der Landessynode den Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen vertritt, beschreibt eine Sehnsucht in den Gemeinden nach geistlicher Leitung. »Wir brauchen mehr Pfarrer« sei eine oft gehörte Forderung. Vertretungsregelungen sind wegen der Arbeitsbelastung der Hauptamtlichen und der fehlenden Ehrenamtlichen oft schwierig. Das Problem der Vakanzen kennt auch Angelika Greim-Harland. Die Superintendentin des Kirchenkreises Arnstadt-Ilmenau hat derzeit vier verwaiste Pfarrstellen zu besetzen. »Wir suchen nach Möglichkeiten, den Verkündigungsdienst von Verwaltungsaufgaben zu entlasten«, beschreibt sie den Versuch, das Gemeindeleben vor Ort zu organisieren.

Synodenpräses Dieter Lomberg sieht vor allem in der Stärkung der Lektorendienste und der Fortbildung der ehrenamtlichen Prediger eine Möglichkeit, das gottesdienstliche Leben in ländlichen Gebieten abzusichern. In seinem Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt würde die Schulung für Lektoren gut angenommen, so Lomberg. Aber er stelle immer wieder fest, dass die Angebote in vielen Kirchengemeinden oft nicht bekannt seien.

In Wartestellung: Noch ist der Tagungsraum im Wittenberger Luther-Hotel leer, vom 27. bis 29. April beraten hier die EKM-Synodalen. Foto: Luther-Hotel Wittenberg

In Wartestellung: Noch ist der Tagungsraum im Wittenberger Luther-Hotel leer, vom 27. bis 29. April beraten hier die EKM-Synodalen. Foto: Luther-Hotel Wittenberg

Ähnlich sei es bei der Wahrnehmung der Synodenbeschlüsse, so Lomberg. Sie kämen zum Teil nicht in den Gemeindekirchenräten an oder würden nicht verstanden. Die Kommunikationswege müssten hier noch mal überdacht und verbessert werden. Bernhard Voget hält es für entscheidend, dass sich die Gemeindeglieder in den Anträgen und Beschlüssen zur Synode wiederfinden und diese nachvollziehen können.

Als Beispiel nannte er das Thema Kindergottesdienst, das über den Evaluationsbericht Teil der Tagesordnung bei der Synodentagung in Wittenberg sein wird. »Als Familienvater bin ich glücklich, wenn es unseren Gemeinden möglich ist, entsprechende Angebote zu schaffen.« Allerdings könne er in einigen der Anträge nicht erkennen, dass sie der Lebenswirklichkeit der Gemeindeglieder entsprächen. Das hänge natürlich auch immer von den Anträgen und Eingaben ab.

Die Themen Ehrenamt und die Organisation des Gemeindelebens ohne hauptamtlichen Verkündiger seien diesmal nicht auf der Tagesordnung der Landessynode, so Präses Lomberg. Er kündigte aber im Gespräch mit der Kirchenzeitung an, dass sich demnächst die Jugendsynode damit befassen wolle. Die Tagesordnung der Frühjahrstagung der mitteldeutschen Landessynode ist wieder sehr vielfältig und breit gefächert. Neben Änderungen zum Gemeindekirchenratsgesetz oder dem Kirchengemeindestrukturgesetz liegen Anträge zur Ächtung von Kriegswaffen, zur Gleichstellung von Lebenspartnerschaften mit der Ehe oder für die fleischfreie Verpflegung zu den Synodentagungen vor.

Superintendentin Greim-Harland will sich in Wittenberg für eine Flexibilisierung des Mitteleinsatzes in den Kirchengemeinden verwenden. Kirchenkreise sollen dadurch die Möglichkeit bekommen, Einnahmen, zusätzlich zum bestehenden Stellenplan, für Personalkosten im Verkündigungsdienst einzusetzen. Eine Änderung des Finanzgesetzes hat hierzu der Kirchenkreis Stendal beantragt.

Dass bei all den organisatorischen und strukturellen Fragen sowie den inhaltlichen Debatten die Kernthemen Glaube und Spiritualität nicht zu kurz kommen, ist den Synodalen Greim-Harland und Voget wichtig zu betonen. Wittenberg sei im Reformationsjahr ein guter Ort für eine Synodentagung, um darüber nachzudenken, »wie wir Gemeinde sein wollen und was uns der Glaube bedeutet«, so Greim-Harland.

Willi Wild

Schmuckstück in Blau: Die Kirche von Dobraschütz

24. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Barockes Kleinod am Lutherweg erstrahlt wieder in voller Schönheit

Von der Erschließung des Lutherweges können neben den touristischen Zentren auch die ländlichen Regionen profitieren. Ein Beispiel dafür ist Dobraschütz im Kirchenkreis Altenburger Land. Immer öfter finden Besuchergruppen und Wanderer den Weg in den 50-Seelen-Ort. Der Lutherweg führt an der kleinen Barockkirche vorbei, auf die die Dorfbewohner besonders stolz sind. Innerhalb von fünf Jahren ist ihnen das scheinbar Unmögliche gelungen: die Komplettsanierung des 1752 erbauten Gotteshauses. Nach der Restaurierung des Innenraumes erstrahlt nun auch das äußere Antlitz in hellen, freundlichen Farben.

Blaues Wunder: Der Innenraum der Kirche in Dobraschütz ist mit Malereien im Stil des Bauernbarock verziert. Foto: Ilka Jost

Blaues Wunder: Der Innenraum der Kirche in Dobraschütz ist mit Malereien im Stil des Bauernbarock verziert. Foto: Ilka Jost

Wer durch das Portal schreitet, kommt ins Staunen. Die gesamte Ausstattung, bis ins kleinste Detail, ist in erfrischendem Blau gehalten. Wohin das Auge reicht, finden sich Malereien in Form von Engeln, Blumengebinden, Ornamenten und Bibelsprüchen im Stile des Bauernbarocks, die so in der Region einzigartig sind. »Glücklicherweise war alles im Originalzustand erhalten, als 2011 mit den Arbeiten begonnen wurde. Die letzte Restaurierung des Innenraums ist ziemlich genau einhundert Jahre her, und an der Decke und dem Inventar hatte nicht nur der Zahn der Zeit, sondern auch der Holzwurm genagt. An einigen Stellen waren die Malereien nur noch zu erahnen«, berichtet Ralf Neuber, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates.

Rund 189 000 Euro flossen in das Bauprojekt. Um den Eigenanteil von ca. 43 000 Euro stemmen zu können, startete die kleine Kirchengemeinde außergewöhnliche Spendenaktionen. So wurden Patenschaften für die Neuvergoldung der 126 Sterne an der Decke abgeschlossen, Benefizkonzerte veranstaltet und viele Arbeiten in Eigenleistungen erbracht. Beachtlich war der Einsatz von Karl Jungbeck, Inhaber der Altenburger Senffabrik, der mit einem befreundeten Orgelbaumeister die Orgelsanierung selbst in die Hand nahm.

Belohnt wurde all das Engagement mit einer Förderung durch die Stiftungen Denkmalschutz und Kirchenbau (KiBa) und Auszeichnungen mit dem Denkmalschutzpreis des Altenburger Landes 2013 und dem Thüringer Denkmalschutzpreis 2014. Auch Landeskirche, Kirchenkreis und viele Einzelspender unterstützten das Vorhaben.

Eine Gelegenheit, das »Schmuckstück in Blau« in Augenschein zu nehmen, bietet das Kirchen- und Dorffest am 27. Mai.

Ilka Jost


Torgau baut Brücken

Europäischer Stationenweg: Der Truck macht Halt in der Stadt an der Elbe

Vor einem halben Jahr startete der 33 Tonnen schwere himmelblaue Truck der evangelischen Kirche seine Reise durch 67 Städte in 19 Ländern Europas. Inzwischen ist er beladen mit vielen Geschichten rund um die Reformation und mit ganz persönlichen Glaubenserfahrungen. Der internationalen Bedeutung der Reformation nachzuspüren und ein Band zu knüpfen, sind die Ziele des »Europäischen Stationenwegs«, einem der zentralen Projekte zum Reformationsjubiläum. Nun macht der Truck zum ersten Mal seit seinem Start Halt auf dem Gebiet der EKM.

Schloss Hartenfels: politisches Zentrum der Reformation. Foto: Katja Schmidtke

Schloss Hartenfels: politisches Zentrum der Reformation. Foto: Katja Schmidtke

In Torgau wird das begehbare Multimediamobil am 25. April auf dem Marktplatz erwartet. Ab 10 Uhr steht es für Neugierige offen. Die Stadt an der Elbe stellt den Tag passend dazu unter den Titel »Torgau baut Brücken. Reformation – Begegnung – Gegenwart«. Mit kulturellen Beiträgen soll eine Brücke geschlagen werden von der Reformationszeit über die historische Begegnung amerikanischer und russischer Truppen am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 bis ins Heute. Im Fokus steht die Frage nach verbindenden Werten zwischen Völkern und Religionen. Alle Stadtbewohner, Gäste und Touristen sind herzlich eingeladen, den Reformationstruck auf dem Marktplatz zu besuchen und eigene Beiträge – aufgezeichnet von Videokameras – im Inneren des Trucks zu hinterlassen.

Übrigens nicht zur symbolisch, sondern auch wortwörtlich werden in Torgau am 25. April Brücken gebaut. Zu erleben ist der Bau einer Holzbrücke durch Schüler ab 15 Uhr auf dem Markt. Grußworte sprechen Jürgen Schilling, Mitarbeiter im Projektbüro Reformprozess der EKD, und Torgaus Oberbürgermeisterin Romina Barth.

Später erinnert Torgau an die historische Begegnung US-amerikanischer und sowjetischer Armeeeinheiten auf der zerstörten Elbbrücke bei Torgau am 25. April 1945. Dort besiegelten sie symbolisch das nahe Ende des Hitler-Regimes. Daran erinnert die Stadt jährlich mit dem »Elbe Day«. Die Gedenkveranstaltung am Denkmal der Begegnung beginnt 16 Uhr. Unter den Rednern ist auch Superintendent Mathias Imbusch. Der Tag endet mit einer Festveranstaltung im Rathaus (17 Uhr), hier spricht Landesbischöfin Ilse Junkermann über das Brückenbauen.

Wer bereits am Vormittag Zeit hat, ist eingeladen in die Kulturbastion, Straße der Jugend 14b. Dort öffnet von 10 bis 11.30 Uhr das Erzählcafé, in dem es um das »Ankommen in Torgau 1945 bis 2017« geht. Zeitzeugen sind mit Schülern des Johann-Walter-Gymnasiums im Gespräch.

Nächste Station auf dem »Europäischen Stationenweg« nach Torgau ist die Bundeshauptstadt Berlin, Gastgeberin des Kirchentags. Das blaue Geschichtenmobil tourt knapp vier Wochen weiter durch das Land und macht unter anderem Halt in Eisenach (5. Mai) und Bernburg (18. Mai), bevor es am 20. Mai in der Lutherstadt Wittenberg ankommt und dort die »Weltausstellung Reformation« eröffnet.

(G+H)


… noch ein Apfelbäumchen pflanzen

24. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Der Luthergarten ist Wittenbergs lebendigstes Denkmal der Reformation. Auf einem Terrain, das einst vom Militär genutzt wurde, wachsen heute Bäume. 500 sollen es bald sein.

Noch sehen sie alle gleich aus, karg und zerbrechlich: der Rotdorn, die Kugelesche, die Traubenkirsche oder Mehlbeere. Aus einem Grünstreifen zwischen Rathaus­parkplatz und Straße ragen die jungen Bäume in den klaren Frühlingshimmel. Kleine Knubbel an ihren Ästen lassen erahnen, dass bald die ersten Blätter sprießen. Sobald sie blühen, werden die Baumkronen so vielfältig sein wie die 91 Länder, aus denen ihre Paten kommen – Christengemeinden aus der ganzen Welt.

Bald wieder in voller Blüte: Die Parkanlage aus der Vogelperspektive im August 2016. In diesem Jahr sollen 500 Bäume auf dem ovalen Gelände wachsen. In der Mitte eine stilisierte Lutherrose mit dem »Himmelskreuz«. Im Hintergrund die Altstadt von Wittenberg mit der Schlosskirche, dem Ausgangspunkt der Reformation. Foto: epd-bild

Bald wieder in voller Blüte: Die Parkanlage aus der Vogelperspektive im August 2016. In diesem Jahr sollen 500 Bäume auf dem ovalen Gelände wachsen. In der Mitte eine stilisierte Lutherrose mit dem »Himmelskreuz«. Im Hintergrund die Altstadt von Wittenberg mit der Schlosskirche, dem Ausgangspunkt der Reformation. Foto: epd-bild

An drei Standorten der Altstadt entsteht seit acht Jahren der »Luthergarten«. Sein Konzept geht auf den Landschaftsarchitekten Andreas Kipar zurück, der für sein grünes Engagement in deutschen und italienischen Stadtprojekten 2007 das Bundesverdienstkreuz erhalten hat. »In Vorbereitung auf das diesjährige Reformationsjubiläum entschied der Lutherische Weltbund (LWB), dass wir nicht nur den Reformator Martin Luther feiern wollen«, erklärt Hans Kasch, Direktor des LWB-Zentrums Wittenberg. »Wir möchten ein lebendiges, wachsendes Denkmal der Ökumene setzen und veranschaulichen, dass die Reformation auch außerhalb Wittenbergs Impulse bekommen hat.«

Zur Erstbepflanzung im November 2009 kamen Katholiken, Orthodoxe, Anglikaner, Reformierte, Methodisten und Lutheraner in den südlichen Wall­anlagen nahe dem Schloss zusammen. Mittlerweile sind dort und am neuen Rathaus 360 Bäume in den Boden gesetzt worden, sagt Kasch. Ihre Paten sind neben Kirchen auch kirchliche Einrichtungen und Gemeindegruppen.

Die Royals aus dem protestantischen Skandinavien haben hier ebenfalls Wurzeln geschlagen: Die Blumenesche der dänischen Königin Margrethe II. steht gleich neben dem Trompetenbaum des schwedischen Königspaares Carl XVI. Gustaf und Silvia. 60 weitere Pflanztermine für 2017 stehen schon. Im nächsten Jahr sollen die letzten Bäume neben dem Lutherhaus gesetzt werden. »Damit können wir zeigen, dass es auch nach dem Ende der Weltausstellung zur Reformationsfeier noch weitergeht«, sagt der LWB-Direktor.

20 Pfarrer aus Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes haben sich um einen der Bäume vor dem Rathaus versammelt. Auf seinem Kennschild steht »Amberbaum. Liquidambar styraciflua«. Seine Paten sind die »Katholische Kirche Holy Rosary und die Lutherische Hoffnungskirche in Bozeman, Montana, USA«. Audrey Rydbom darf den Stamm stellvertretend für ihre Schwestergemeinde in den Staaten mit frischer Erde berieseln und eingießen. Die Pastorin spricht ein paar Worte, gemeinsam singen sie die Luther-Hymne »Ein feste Burg ist unser Gott« auf Englisch und beten, jeweils in ihren Muttersprachen, das Vaterunser.

»Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen«, soll Luther gesagt haben. Audrey macht dieses Motto des Luthergartens Hoffnung: »Es ist ein Gefühl von Zuversicht auf ein friedliches Miteinander der Konfessionen«, sagt sie mit feuchten Augen. Als sie die Einladung nach Wittenberg bekommen hat, habe sie diese einmalige Chance kaum fassen können, sagt sie. »Das Mädchen aus dem 300-Seelen-Dorf in Montana fährt nach Wittenberg, um dort mit Pfarrern aus der ganzen Welt zu sein und einen Baum einzusegnen. Das ist so aufregend!«

Zwischen den Alleen an der südlich gelegenen Andreasbreite sind Streuobstwiesen mit 80 Obstbäumen entstanden. Schüler der evangelischen Melanchthonschule ernten die Äpfel, Pflaumen und Quitten, verwerten sie zu Marmelade und verkaufen diese beim Adventsmarkt, erzählt Direktor Kasch. »So profitierten auch die Kinder Wittenbergs von den Bäumen.« An den drei Standorten des Luthergartens sollen demnächst viersprachige Informationsterminals Besuchern ermöglichen, ganz einfach den Baum ihrer Heimat zu suchen und zu finden.

Christina Özlem Geisler

Quo vadis: Wohin geht die Reise, Anhalt?

24. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Über die Zukunft der kleinsten Gliedkirche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sprach Willi Wild mit Kirchenpräsident Joachim Liebig und Pfarrer Wolfram Hädicke, dem stellvertretenden Präses der Landessynode.

Wie lässt sich der aktuelle Zustand der Landeskirche Anhalts beschreiben?
Hädicke:
Von außen sieht das auf der EKD-Landkarte mit unserer kleinen Landeskirche ein bisschen seltsam aus. Die Innensicht unterscheidet sich aber doch ein ganzes Stück. Derzeit glaube ich nicht, dass grundlegende Veränderungen der Landeskirche hinsichtlich ihrer Selbstständigkeit unmittelbar bevorstehen.

Es gab kritische Fragen hinsichtlich der Finanzen unserer Landeskirche, der Rücklagen, der Verpflichtungen sowie der Versorgungslasten. Das ist in den Ausschüssen und in der Kirchenleitung besprochen worden. Das Zwischenergebnis dieses Prozesses lautet: Wenn wir die landeskirchlichen Strukturen anpassen, steht die Selbstständigkeit der Landeskirche mittelfristig keineswegs in Frage.

Bei der Herbstsynode konnte man einen anderen Eindruck gewinnen. Gibt es Druck auf die kleine Landeskirche und wer übt ihn aus?
Liebig:
Seit dem EKD-Papier »Kirche der Freiheit« aus dem Jahr 2006 gibt es diesen mittelbaren Druck auf kleinere Landeskirchen. Das betraf nicht nur uns, sondern alle EKD-Gliedkirchen, die nicht dem damals genannten Kriterium von mindestens einer Million Mitgliedern entsprachen.

Der EKD-Finanzausgleich, der für uns und alle anderen östlichen Glied­kirchen von großer Bedeutung ist, wird jedes Jahr erneut verhandelt. Die größte Befürchtung seitens der anderen Gliedkirchen und sicherlich auch des Finanzbeirates der EKD ist, dass wir in zehn Jahren oder später nicht mehr in der Lage sein könnten, unsere gesetzlichen Verpflichtungen zu erfüllen. Das nehmen wir sehr ernst. Zukünftig allen Verpflichtungen nachzukommen, das ist die Aufgabe und Bewährungsprobe, vor der wir permanent stehen.

Können Sie ein Beispiel für die gesetzlichen Verpflichtungen nennen, die Sie als Teil der EKD erfüllen müssen?
Liebig:
Ich denke jetzt im Besonderen an die Versorgungsleistungen, die wir für unsere Mitarbeitenden leisten müssen. Eine unserer großen Sorgen ist, dass wir einmal diese Leistungen nicht mehr aus eigener Kraft stemmen könnten. Wir müssen deshalb versuchen, die Zahl der Versorgungsberechtigten mittelfristig zu reduzieren. Bis 2025 werden uns etwa 30 Prozent der Mitarbeitenden in allen Berufsgruppen in den Altersruhestand verlassen. Wir werden nicht in der Lage sein, diese 30 Prozent eins zu eins wieder aufzufüllen.

Wenn wir weniger Personal haben, zahlen wir auch weniger in das Solidarsystem der Gliedkirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland ein.

Wie groß oder klein ist dieser Anteil an dem Solidarsystem?
Liebig:
Im Haushalt der Landeskirche sind ein Viertel Einnahmen aus Kirchensteuern und ebenfalls rund ein Viertel Erträgnisse aus der Vermietung und Verpachtung unseres immobilen Vermögens. Ein weiteres Viertel sind die sogenannten Staatsleistungen. Und noch ein Viertel ist der Solidarbeitrag der Gliedkirchen der EKD. Damit liegen wir im Durchschnitt.

Hädicke: Der Gesamthaushalt liegt bei 17,03 Millionen Euro für 2017 und der EKD-Finanzausgleich bei 4,3 Millionen.

Welchen Beitrag müssen Sie wieder an die EKD abführen?
Liebig:
Wir müssen für jede versorgungsberechtigte Person annähernd 20 Prozent eines Jahreseinkommens in den Versorgungsfonds einzahlen.

Grafik: Adrienne Uebbing

Grafik: Adrienne Uebbing

Ein Viertel der Einnahmen kommen aus der Kirchensteuer. Wie sieht derzeit die Entwicklung bei den Kirchenmitgliedern aus?
Liebig:
Unser zentrales Problem ist tatsächlich ein weiterer Mitgliederrückgang, der wesentlich an der Demografie hängt, weil unsere Kirchenmitglieder durchweg älter sind. Austritte fallen nicht so stark ins Gewicht. Sie werden in etwa mit den Eintritten kompensiert. Wir haben zu wenig junge Menschen, die in Anhalt leben und arbeiten.

Gibt es eine Untergrenze für die Eigenständigkeit?
Hädicke:
Ich denke, man kann das nicht an einer konkreten Gemeindegliederzahl festmachen.

Über welche Einsparungen oder Veränderungen denken Sie nach?
Hädicke:
Im Verhältnis zu unseren Nachbarkirchen haben wir deutlich mehr Pfarrpersonen pro Gemeindeglied. Da müssen wir reagieren. Vieles wird sich aber in den nächsten Jahren auf natürlichem Weg, vor allem durch Pensionierung, erledigen. Wir sind im Moment noch nicht so weit, dass wir in die Kirchenkreise Eckzahlen geben können.

In Anhalt gibt es einen Reformstau im Hinblick auf Zusammenschlüsse von Kirchengemeinden. Wir haben eine Vielzahl von kaum lebensfähigen Kleinstgemeinden, die eine Verwaltung benötigen. Das schafft Handlungsdruck, auch bezüglich der Zukunft unserer Pfarrhäuser.

Liebig: Wir wollen aber nicht einfach nur den Rückgang organisieren. Es geht eher um eine neue Bestimmung der kirchlichen Professionen zueinander. Wenn wir auf der einen Seite eine Reduzierung des Pfarrpersonals haben, kann ich mir gut vorstellen, dass wir in anderen Bereichen, wie der Gemeindepädagogik oder in der Kirchenmusik, einen moderaten Aufwuchs haben.

Wie viele Gemeinden wird das betreffen? Und gab es da schon Gespräche?
Hädicke:
Im Prinzip betrifft es alle Gemeinden. Wir wollen uns nicht nur dem Diktat der Finanzen beugen, sondern nach den optimalen Bedingungen für Verkündigung in unserer Region suchen. Dass es da nicht nur um Pfarrer gehen kann, liegt auf der Hand.

Werden Zusammenschlüsse von Kirchengemeinden Thema auf der Sy­node sein?
Hädicke:
Wir versuchen, Gemeindeglieder und Kirchengemeinden einzubinden. Davon wird auch diese Synode geprägt sein. Ob wir in näherer Zukunft den Druck hinsichtlich des Zusammenschlusses der Kirchengemeinden erhöhen müssen, wird sich zeigen. Die Meinungen gehen diesbezüglich doch recht weit auseinander.

Ich persönlich tendiere dazu, den Druck zu verstärken. Da gibt’s unterschiedliche Instrumente. Nicht alle Gemeindeglieder werden hurra schreien.

Können Sie konkreter werden?
Hädicke:
Wenn eine Kirchengemeinde nicht mehr die Mindestanzahl von Kirchenältesten gewinnen kann, könnte das den Zwangsanschluss an die Nachbargemeinde zur Folge haben. Einem wie auch immer ausgestaltetem Gemeindeverbund wäre der Vorzug zu geben gegenüber einer Anzahl selbstständiger kleiner Gemeinden.

Vor 15 Jahren hat die Synode die Fusionsgespräche mit der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) und der Thüringer Landeskirche beendet. Würde die Entscheidung heute anders lauten?
Hädicke:
Damals hat man sich auf Augenhöhe angenähert. Jetzt gibt es die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland.

Für Anhalt käme nur noch der Anschluss infrage. Das wäre mit heftigen Einschnitten verbunden. Zudem hat sich in unseren Nachbarkirchen auch nicht alles optimal entwickelt, sodass wir nicht begierig sind, uns deren Regularien zu unterwerfen.

Wie sehen denn die Gemeindeglieder die Situation?
Hädicke:
Das ist sehr unterschiedlich. Je nachdem, wie eng jemand mit der Kirchengemeinde verbunden ist. Es gibt einige, die sagen: Wenn ich Kirche lebensbiografisch brauche, dann möchte ich einen Pfarrer in Reichweite haben. Alles andere interessiert mich nicht. Die Engagierten in unseren Gemeinden, die haben ein anhaltisches Selbstbewusstsein: Wir sind nicht einfach nur Bürger von Sachsen-Anhalt, sondern wir sind Anhalter!

Und dieses Selbstbewusstsein wird in besonderer Weise auch in unserer Landeskirche gepflegt. Sie ist die letzte Institution, die das alte Land Anhalt abbildet. Der Glaube verbindet sich mit der Kultur, und die Tradition hilft mit, den Glauben zu stabilisieren.

Haben Sie einen Plan für die Entwicklung der Kirchengemeinden und der Landeskirche in der Schublade?
Hädicke:
Wir haben die Zauberformel noch nicht entdeckt und befinden uns da in der gleichen Situation wie unsere Nachbarkirchen im Osten Deutschlands. Wir versuchen als Kirche in die Gesellschaft hineinzuwirken.

Leider steht das in keinem guten Verhältnis zu den zahlenmäßigen Effekten. Das sollte uns aber nicht entmutigen. Umbrüche und Aufschwünge in der Kirche haben wir nicht in der Hand. Da muss der Heilige Geist zum Zuge kommen.

Das klingt nach Abwarten. Was motiviert Sie oder richtet Sie auf in dieser Situation?
Liebig:
Gerade heute Morgen erreichte mich die Nachricht einer größeren Gemeinde, die sagt: Wir wollen den Weg der Veränderung gehen und haben darüber im Gemeindekirchenrat diskutiert. Das bestätigt, dass wir nicht vorhaben, Konzepte von oben nach unten durchzusetzen. Veränderungen müssen von der Basis in den Gemeinden
ausgehen.

Ich sehe, dass wir in Anhalt einen Prozess begonnen haben, der im Grunde auch auf alle anderen Landeskirchen in Deutschland zukommt. Was wir tun, hat auch immer ein wenig Laborcharakter.

Wir fragen uns: Was ist Kirche? Im Kern sind wir eine Bewegung und gar nicht institutionalisiert. Wir haben alle Möglichkeiten, alle Chancen. Wir sind frei in unseren Entscheidungen und geben uns Zeit bis 2025. Bis dahin müssen die Dinge spürbar anders geworden sein, ganz gleich, in welche Richtung es nun geht.

Die Evangelische Landeskirche Anhalts in Zahlen:

Rund 34 500 evangelische Gemeindeglieder leben in Anhalt in rund 150 selbstständigen Kirchengemeinden, die sich auf fünf Kirchenkreise verteilen: Ballenstedt, Bernburg, Dessau, Köthen und Zerbst. In den Gemeinden sind 54 Pfarrerinnen und Pfarrer sowie 39 hauptamtliche Mitarbeitende im Verkündigungsdienst beschäftigt.

Leitungsorgane der Landeskirche sind Landessynode, Landeskirchenrat und Kirchenleitung. (Stand 2015)

Nicht mehr viel zu sehen

24. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Zukunft der Kirche: Warum eine Fusion gut überlegt sein will

Es war die erste große Kirchenfusion in Ostdeutschland. Und es war jene mit den am wenigsten gleichen Partnern: Zum 1. Januar 2004 fusionierte die 70 000 Gemeindeglieder zählende Evangelische Kirche der schlesischen Oberlausitz (EKsOL) mit der rund eine Million Gemeindeglieder zählenden Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg (EKiBB).

Heute ist von der alten EKsOL nicht mehr sehr viel zu spüren. Zwar gibt es in Görlitz einen evangelischen Generalsuperintendenten. Doch während es in den ersten Jahren noch einen Sprengel Görlitz gab, in dem die Kirchenkreise der alten Landeskirche zusammengefasst waren, wurde dieser 2014 mit dem benachbarten Sprengel Cottbus der alten EKiBB fusioniert. Auch der Titel »Regionalbischof«, den der Generalsuperintendent von Görlitz in Erinnerung an die alte schlesische Kirche noch trug, wird heute nicht mehr verwendet. Positiv gesprochen, könnte man sagen: Die ehemalige EKsOL hat sich assimiliert. Sie ist voll und ganz in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) aufgegangen und ein gleichberechtigter, aktiver Teil der neuen Kirche. Was freilich auch bedeutet: Görlitz, Hoyerswerda oder Weißwasser sind in der Landeskirche nun genau so wichtig oder unwichtig wie Angermünde, Potsdam oder Frankfurt (Oder). Vielleicht noch etwas wichtiger, denn der Görlitzer Generalsuperintendent Martin Herche macht seine Sache gut und vertritt die Interessen seines Sprengels mit Bravour. Doch er kann es eben nur in dem Maße tun, in dem es für einen einzelnen kirchlichen Mitarbeiter möglich ist.

Die Zeiten, in denen es in Görlitz ein Konsistorium mit Bischof gab, der als wichtiger Gesprächspartner von Politik und Gesellschaft eingeladen wurde, und den Blick auf die schlesische Oberlausitz lenkte, sind vorbei. Und die wenigen Male, bei denen sich Landessynode, Kirchenleitung und Bischof der EKBO öffentlich wahrnehmbar zu sächsischen Themen äußerten, muss man mit der Lupe suchen. Außer einem gemeinsamen Aufruf der für Sachsen zuständigen Bischöfe, zur Landtagswahl zu gehen, ist nicht sehr viel gewesen. Zudem gab es einen personellen Aderlass: Viele engagierte Görlitzer, die für die Selbstständigkeit ihrer Landeskirche kämpften, haben sich frustriert zurückgezogen. Als 2013 Zahlen vorgelegt wurden, hatte der damals noch selbstständige Sprengel Görlitz, verglichen mit 2003, rund ein Drittel seiner Gemeindeglieder verloren.

Was heißt das für Anhalt? Die kleine, engagierte Landeskirche sollte sich jede Überlegung in Richtung einer Fusion oder Konföderation sehr genau überlegen. Fusionen können sinnvoll sein, das zeigt die Neubildung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland oder der Nordkirche. Sie können aber auch dazu führen, dass von einem Partner nicht mehr viel zu sehen ist, wie sich am Beispiel der EKBO zeigt. Föderationen oder Kooperationen könnten in solch einem Fall der sinnvollere Weg sein. Doch wenn die Landeskirche Anhalts gewillt ist, den Gürtel enger zu schnallen, das überkommene Kirchenbeamtentum abzuschaffen und sich stärker an freikirchlichen Modellen des Kircheseins zu orientieren, hätte sie wohl auch als selbstständige Einheit eine gute Zukunft.

Benjamin Lassiwe

Das Böse wird zum Schluss besiegt

24. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Puppenspielerin Anne-Christin Jost bringt in ihrer neuesten Inszenierung in origineller Weise das Leben Martin Luthers den Menschen nahe.

Wer lässt sich bei den Endvorbereitungen zu einem Theaterstück schon gerne in die Karten schauen? Puppenspielerin Anne-Christin Jost hat damit kein Pro­blem. Sie lädt mich zu einem Besuch in ihre Werkstatt ein.

Während ich mich umschaue, grübelt die Akteurin, wie sie aus einem Pappkarton am besten ein Schreibpult falten kann. »Dann wird es noch holzfarben gestrichen und ein Tintenfass kommt noch oben auf«, resümiert sie heiter. Die Lösung ist gefunden. Wieder ist ein Requisit für das Marionetten-Spiel rund um das Leben und die Botschaft Martin Luthers fast fertig. »Ende des Monats ist Premiere, bis dahin muss alles passen«, erfahre ich. Dann werden 20 Marionetten-Akteure, bewegt von nur zwei Händen, Szenen aus dem Leben des Reformators den Besuchern nahebringen. Alles muss bis zur Aufführung genau durchdacht werden.

Blick in die Werkstatt: Puppenspielerin Anne-Christin Jost aus Frankenhain (Ilm-Kreis) bereitet ein Spiel mit Marionetten über das Leben Martin Luthers vor. Rechts im Bild der Reformator. Fotos: Rosso di Sera

Blick in die Werkstatt: Puppenspielerin Anne-Christin Jost aus Frankenhain (Ilm-Kreis) bereitet ein Spiel mit Marionetten über das Leben Martin Luthers vor. Rechts im Bild der Reformator. Fotos: Rosso di Sera

Das Textmanuskript gibt es schon lange. Es wurde von Hans-Joachim Köhler verfasst. Der Titel »Gott sei’s gelobt, getrommelt und gepfiffen: Ein feste Burg ist unser Gott!« verspricht viel Spannung. Anne-Christin Jost berichtet, dass das Stück in drei Ebenen spielt. Im Himmel, auf der Erde und in der Hölle. Es gibt Engel und als Gegenspieler Teufel. Sie wollen auf die Gedanken Martins Einfluss nehmen. Am Anfang lernen die Zuschauer Luther als Schuljungen kennen. Später erleben sie ihn bei einem Gewitter auf einem Feld in Stotternheim nahe Erfurt, in Wittenberg, Worms und auf der Wartburg.

»Bei den Vorbereitungen und der Planung habe ich mir immer überlegt, wie sah die Welt zu Zeiten Luthers aus. Wie waren die Menschen gekleidet, wie haben sie sich damals die Hölle vorgestellt. Ich habe in Büchern und im Internet nach Zeichnungen gesucht, um mir ein Bild davon zu machen«, berichtet die Frau, welche den Marionetten Leben einhaucht. Es war ein langer Entstehungsprozess.

Im Sommer 2016 hat sie dann mit der praktischen Umsetzung begonnen. Szene für Szene entstanden die notwendigen Figuren und Requisiten. »Man muss an so vieles denken. Beispielsweise, von welcher Seite welche Puppe in Aktion tritt. Ich stehe ja hinter der Kulisse und muss alles spiegelverkehrt im Kopf haben.«

Die Akteurin ist handwerklich ein wahres Multitalent. Sie malt die Hintergründe, baut Möbel, schneidert die Kleidung, zeigt mir, wie die Hände für die Marionetten entstehen. »Zum Glück kann ich bei den Marionetten auf meinen Fundus zurückgreifen«, betont sie. Und so werden kurzerhand die Heiligen Drei Könige aus dem Weihnachtsprogramm zu Soldaten umgestaltet.

Als nächste Arbeiten stehen die Fertigstellung der gemalten Hintergrundbilder und der letzte Schliff für die Engel auf der Tagesordnung. Während die Kulissen trocknen, geht es zügig bei der Gestaltung der Engel weiter.

Und wie wird der Text umgesetzt? Das ganze Stück über das Leben und Wirken Martin Luthers besteht aus Psalmen, Textergänzungen, Hintergrundmusik und Geräuschen, wie dem Donner während des Gewitters. Letztere kommen vom Band, die Texte werden live gesprochen. »Es ist ein Programm, von Menschen für Menschen. Deshalb muss ich mich nicht starr an das Skript halten. Besonders, wenn ich vor Kindern spielen werde, muss ich reagieren. Auch mal auf Zwischenrufe und Kommentare eingehen«, erläutert mir Anne-Christin Jost ihre Umsetzung des Luther-Stoffes.

Und was ist das Ziel des Marionetten-Luther-Spiels? Puppenspielerin Jost: »Ein Spiel der Marionetten gegen die Angst. Zum Schluss wird das Böse – der Teufel – besiegt. Die Zuschauer sollen verstehen: Gott nimmt die Menschen an, wie sie sind. Gott liebt alle Menschen, auch die mit Fehlern und Schwächen.«

Rosso di Sera

Kirche auf dem Weg

23. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Vor 100 Jahren endete das »landesherrliche Kirchenregiment«, das einst die protestantischen Fürsten in ihren Staatsgebieten installierten. Übrig geblieben ist ein Landeskirchentum mit 20 eigenständigen Einheiten unter dem Dach der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Auf den Mitgliederschwund reagierte man mit Zusammenschlüssen. Anhalt hat bislang selbstbewusst widerstanden, ohne sich ökonomischen Überlegungen zu verschließen. So ist die Landeskirche Teil der Diakonie Mitteldeutschland im Verbund mit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Was spräche also dagegen, auch eine landeskirchliche Verwaltungsgemeinschaft einzugehen. Die identitätsstiftende Komponente müsste dabei nicht aufgegeben werden. Vielleicht wäre es auch lohnend, über eine Landeskirche neuen Typs nachzudenken, ohne vorgegebene Strukturen. Das entspräche dem apostrophierten Laborcharakter der kleinen Kirche.

Die Herausforderungen, vor der die Landeskirche Anhalts steht, sind auch den größeren Landeskirchen nicht fremd. Die kleine Einheit könnte ein Modell sein. Das bedarf des Blickwechsels, weg von den Zahlen und Bilanzen, hin zu den Menschen. Das tut man in Anhalt bereits und ist damit auf einem guten Weg. Die Selbstständigkeit ist ein ehrenwertes Ziel, die bestmögliche Verkündigung des Evangeliums ein lohnenswertes.

Die Frage, ob die Landeskirche ohne Finanzausgleich leben könnte, ist hypothetisch. Ich glaube schon, denn Not macht erfinderisch. Das Land der Frühaufsteher, in dem Johann Sebastian Bach, der Ingenieur Hugo Junkers oder der Homöopath Samuel Hahnemann wirkten, könnte doch auch hier für eine Überraschung gut sein.

Willi Wild

Immer wieder alles auf Anfang

22. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

1. Petrus 1, Vers 3

Vom Weiß des Stoffes war beinahe nichts mehr zu erkennen. Sie hatten sie eingelebt, ihre Taufkleider. Die Täuflinge, die in der Alten Kirche in der Osternacht getauft wurden, trugen die ganze Woche das Gewand der wiedergeborenen Hoffnung. Am Sonntag »Quasimodogeniti« gingen sie nun wieder darin zum Gottesdienst: vorbereitet mit der Taufe, verbunden mit dem Leben. Die erste Woche danach. Was mag alles in den Fasern des Stoffes hängengeblieben sein? Der Staub der Straße? Sicher. Der Schweiß der Arbeit? Sehr wahrscheinlich. Die Abdrücke liebevoller Umarmungen und stürmischer Begrüßungen? Hoffentlich. Der Tropfen Wehmut über das erste Scheitern nach dem Erlöstsein? Auch der gehört dazu … Eingelebt eben.

Quasimodogeniti: Wie die neugeborenen Kinder. Der Gottesdienst am Sonntag nach der Taufe weist auf den Anfang. Immer wieder alles auf Anfang. Seid wie die Kinder: wieder und wieder Anfänger. Lasst den Glauben in euch wachsen, nehmt zu in der Hoffnung, lasst euch seine Barmherzigkeit einfach gefallen. Fragt nicht nach dem Tod, lebt vielmehr mit IHM!

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Nein, keine Romantisierung des Kindlichen, keine Überhöhung, keine Niedlichkeiten lese ich hier. Vorbild sind sie, die Kinder, in ihrem Anfangen, ihrem Neubeginn. Der Petrusbrief malt dieses Bild förmlich vor unsere Augen: »Die Milch des Anfangs, zu der kehrt immer wieder zurück. Stärkt damit euern Glauben.« Das Neugeborene als Vorbild für das gierige Trinken der guten Anfangsspeise – wer in das Gesicht eines gerade sattgetrunkenen Säuglings blickt, der selig einschläft, weiß, was der Briefschreiber meint. Ostern erinnert uns daran: Kein Kleid ist zu eingelebt, zu verschmutzt, zu zerrissen, zu verbraucht – die Taufe setzt alles auf Anfang. Jeder Sonntag trägt die Chance eines solchen Taufgedächtnisses wie ein Taufkleid in sich: Wiedergeborensein zu einer lebendigen Hoffnung. Heute. Gott sei Dank!

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt

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