Hahne zwischen Torte und Tatort

30. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Donnerwetter in Stotternheim: Der TV-Moderator, Kolumnist, Bestseller-Autor und Theologe Peter Hahne kommt an jenen Ort bei Erfurt, wo einst Martin Luther in Todesangst gelobte, Mönch zu werden. Der streitbare Journalist stand Willi Wild Rede und Antwort.

Die Form des Reformations-Gedenkens ist umstritten. Wie erleben Sie das Lutherjahr?
Hahne: Ich persönlich, mit überfüllten Veranstaltungen voller neugieriger, erwartungsfroher Leute! Und ich merke: Luthers uralte Frage nach dem gnädigen Gott ist topaktuell. Am zweiten Januarsonntag stand ich auf Luthers Kanzel in Wittenberg und sagte: »Hoffentlich hat seine Grabeskirche nebenan eine gute Statik, denn der Reformator rotiert, wenn er manche Programmpunkte sieht.« Mir ist da zu viel Politik und Allotria. Vor allem: viel zu defensiv, akademisch und voller Selbstmitleid über das, was Luther angeblich alles falsch gemacht hat.
Am Lutherstein werde ich bekennen: Ich bin stolz, ost-westfälischer Lutheraner zu sein, denn ihm verdanke ich das Wichtigste: die Bibel, den Blick aufs Kreuz.

Warum mischen Sie sich nach wie vor in die innerkirchlichen Debatten ein und löcken wider den Stachel?
Hahne: Weil ich die Kirche noch nicht aufgeben will, wie die allermeisten meiner Kollegen, um Gottes und auch Luthers Willen. Es gibt so viele lebendige Gemeinden und prima Pastoren! Aber wenn man von kirchensteuer-bezahlten Funktionären belächelt wird, weil man an die Auferstehung oder die Wunder von Jesus Christus glaubt oder meint, dass der Weg zum Himmel allein über das Kreuz führt, dann platzt mir der Kragen.

Stein des Anstoßes: TV-Moderator Peter Hahne ist gespannt darauf, an dem Ort zu sprechen, wo für Martin Luther alles begann. Am Sonntag, 17 Uhr, predigt er bei einem Gottesdienst unter freiem Himmel am Lutherstein bei Stotternheim. – Foto: ZDF

Stein des Anstoßes: TV-Moderator Peter Hahne ist gespannt darauf, an dem Ort zu sprechen, wo für Martin Luther alles begann. Am Sonntag, 17 Uhr, predigt er bei einem Gottesdienst unter freiem Himmel am Lutherstein bei Stotternheim. – Foto: ZDF

Sie kritisieren den Kirchentag und die EKD, obwohl Sie selbst 18 Jahre als Mitglied des Rates der EKD der Kirchenleitung angehörten. Warum?
Hahne: Ja, genau darum. Mitarbeiten ist die einzig legitime Kritik. Ich halte bis heute unentwegt Vorträge in Kirchengemeinden mit Klartext aus der Bibel, wie Luther es uns lehrte. Das zieht Menschen an, die noch nie eine Kirche von innen gesehen haben. Ich will weder ein Wohlfühl- und Wellness-Evangelium à la Kirchentag noch diese alles infrage stellende Theologie der leeren Kirchenbänke! Da weiche ich keinem Streit aus.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang vom Rau-Motto »versöhnen statt spalten«?
Hahne: Ich kannte ihn gut, nicht nur aus vielen Interviews. Knallhart in Wahlkämpfen, aber immer mit Humor. Er war sich mit Richard von Weizsäcker einig: Kirche ist nicht dazu da, Politik zu machen, sondern Politik möglich zu machen. Deshalb sage ich nein, wenn ausgerechnet Kirchen bestimmte Parteien und deren Wähler ausgrenzen, statt ihnen den Raum für differenzierte Debatten zu geben. Unsere Gesellschaft ist in der Gefahr, dramatisch auseinanderzubrechen, bis hinein in Familien und Gemeinden.

Mit der katholischen Kirche gehen Sie nicht so hart ins Gericht. Vor einiger Zeit kursierte das Gerücht, Sie würden katholisch. Was ist da dran?
Hahne: Gerüchte zeigen, dass man noch am Leben ist (lacht laut). Nein, ich bin durch einen erwecklichen, pietistischen Pfarrer als Konfirmand zum Glauben gekommen, diese Wurzeln verleugne ich in keiner Talkshow, wie unlängst wieder bei den »Riverboat«-Kollegen im MDR. Nur wenn die aktuellen Päpste Benedikt und Franziskus in puncto Jesus oder Bibel lutherischer sind als Luthers Erben, dann kommt man schon ins Grübeln (schmunzelt) …

Was halten Sie von den Ökumene-Bemühungen im Reformationsjahr, wie »Healing of memories« (Heilung der Erinnerung) oder anderen gemeinsamen Gottesdiensten?
Hahne: Das wird alles längst an der Basis praktiziert! Und darauf kommt es mir an. Die TV-Inszenierungen mit theatralischen Umarmungen sind nicht mein Ding. Aber wenn eine engagierte erz-katholische Familie extra ihren Urlaub verlegt, um zum Lutherstein am kommenden Sonntag zu kommen, dann ist das gelebte Basis-Ökumene.

Die beiden großen Kirchen verlieren immer mehr Mitglieder. Wie kann dieser Trend Ihrer Meinung nach gestoppt werden?
Hahne: Einziger Trend-Stopper, und das beantwortet auch Ihre Frage nach den Gründen: Zurück zum kirchlichen Marken-Kern und zu dem, was uns Christen konkurrenzlos wichtig macht: die Hoffnung des auferstandenen Christus über den Tod hinaus! Finger weg von Parteipolitik! Alles lassen, was Gewerkschaften oder Krankenkassen besser können. Ich wünsche mir eine missionarisch-fröhliche Kirche, die aus der Frohbotschaft keine Drohbotschaft macht, voller Vorschriften von Ökologie bis Gender oder Politik.

Was verbindet Sie mit dem Reformator Luther?
Hahne: Moderator Hahne und Reformator Luther haben das gleiche Handwerkszeug, so wie Sie und Ihre gern gelesene Zeitung: Wir wollen, dass eine wichtige Nachricht ankommt. Dazu müssen beide sauber recherchieren, verständlich formulieren, ansprechend präsentieren, damit es die Leute interessiert und motiviert. Nichts anderes will ich in Stotternheim.

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Stotternheim ist nun nicht das Zentrum der Reformation. Warum kommen Sie zum Lutherstein-Gottesdienst?
Hahne: Weil mich die sehr lebendige Gemeinde vor Ort eingeladen hat und weil ich es spannend finde, genau an der Stelle reden zu dürfen, wo quasi alles begann. Insofern ist Stotternheim doch der Nabel der Reformation (lacht).

Welche Botschaft haben Sie im Gepäck?
Hahne: Die von Luthers Wende in Stotternheim: Wer sich auf Gott verlässt, ist nie verlassen. Wer sich an den hängt, der am Kreuz hängt, hängt nicht durch. Denn wer auf sein Wort baut, steht auf festem Fundament.
Also lade ich alle herzlich ein, mit Klappstuhl und Sonnenschirm, zu: Hahne zwischen Torte und Tatort!

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Am Sonntag, 2. Juli, 17 Uhr, wird der ZDF-Moderator und Theologe Peter Hahne am Lutherstein bei Stotternheim (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) in einem Gottesdienst unter freiem Himmel die Predigt halten. Musikalisch wird der Gottesdienst von der Stotternheimer Kirmesband umrahmt. Bei starkem Regen wird der Gottesdienst in die Stotternheimer Kirche verlegt. In diesem Gottesdienst wird ein neuer Steinaltar in Dienst genommen, der auf den Lutherstein Bezug nimmt.

Auf dem Lutherstein steht: »In einem Blitz vom Himmel wurde dem jungen Luther hier am 2. Juli 1505 der Weg gewiesen.« Auf dem Steinaltar wird ein Satz aus der Bibel stehen, der zum Nachdenken anregen soll: »Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit.« (Psalm 86, Vers 11) Mit diesem Steinaltar soll das Projekt der Grünen Kirche am Lutherstein vollendet werden, dass vor einigen Jahren mit einer Baumpflanzung begonnen wurde. Die Bäume erinnern in ihrer Anordnung an die Säulen eines Kirchenschiffs.

Hintergrund: Am 2. Juli 1505 kam Martin Luther, damals noch Jura-Student, auf dem Weg von Mansfeld nach Erfurt nahe Stotternheim in ein schweres Gewitter. In Todesangst betete er und legte ein Gelübde ab: »Hilf du, Sankt Anna, ich will ein Mönch werden.« 14 Tage später erfüllte er dieses Gelübde und trat in das Erfurter Augustinerkloster ein. Dieses Ereignis war eine wichtige Weiche in Luthers Leben und auf seinem Weg zum Reformator. Auf dem Lutherstein wird es sogar als »Werdepunkt der Reformation« bezeichnet. Der Lutherstein wurde im Jahr des 400. Reformationsjubiläums, 1917, errichtet. In diesem Jahr wird er 100 Jahre alt.

www.kirche-stotternheim.de

Glaube ohne Heimat

30. Juni 2017 von redaktionguh  
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Kirche in der Region – ihre Situation ist unterschiedlich, je nachdem, ob die Kirche auf dem Land oder in der Stadt ihre Heimat hat. Zwei Beispiele aus der mitteldeutschen Landeskirche.

Wenn Michael Kleemann, Superintendent im Kirchenkreis Stendal, einer ländlichen Region, die Lage beschreibt, klingt das dramatisch. »In den vergangenen zehn Jahren haben wir im Landkreis Stendal etwa ein Fünftel der Einwohner verloren.« Die Landflucht und der demografische Wandel machen der Region und der Kirche zu schaffen. Was bindet Menschen an einen Ort und was veranlasst sie, wegzugehen?

Mit dieser Frage habe sich auch der Kirchentag auf dem Weg in Weimar und Jena beschäftigt, erzählt Kleemann. »Für Beheimatung ist wichtig, ob es eine lebendige Gemeinschaft gibt.« Das heißt, ob junge Familien an einem Ort auf ebensolche treffen. Wenn es in den Dörfern keine Arbeit gibt, Kindertagesstätten fehlen und Schulen schließen, zieht es die Menschen in die Stadt. »In den nächsten zehn bis zwanzig Jahren werden hier weniger Menschen leben, und es fehlt ein probates Mittel, um diesen Wandel aufzuhalten«, so die Prognose des Theologen.

Stendal – Foto: Adrienne Uebbing

Stendal – Foto: Adrienne Uebbing

Von dieser schmerzhaften Entwicklung ist in einer Stadt wie Magdeburg nicht so viel zu spüren. Während die Mitgliederzahlen auf dem Land sinken, halten sie sich im Kirchenkreis Magdeburg konstant. »Wir profitieren von dem rückläufigen Trend in ländlichen Regionen«, sagt Pfarrer Ronny Hillebrand, stellvertretender Superintendent im Kirchenkreis Magdeburg.

Denn die Menschen, die aus den Dörfern fliehen, zieht es in die Stadt. Für die stabilen Zahlen in den Kirchengemeinden sorgen zum einen junge Leute, die zum Studium nach Magdeburg kommen. Zum anderen seien es die alten Menschen in den Alten- und Pflegeheimen, die ursprünglich in ländlichen Regionen lebten.

Wenn die Kirchenzugehörigkeit abnimmt, hat das Einfluss auf die Stellenpläne. In der Region zwischen Havelberg und Genthin habe es bis Ende der 1960er-Jahre noch 22 Pfarrstellen gegeben, erklärt Kleemann. Heute seien es nur noch drei. Und deren Bestand sei stark gefährdet.

Das sei für die Kirche eine große Herausforderung. 2019 rechne man mit deutlich weniger Geld. Also sieht der Stellenplan einen weiteren Abbau von Pfarrstellen vor. Kleemann fragt: Was aber heißt das für die Gemeinden? Für die Kirchenmusik? Für die missionarische Ausstrahlung? Für die Kinder- und Jugendarbeit? Wie er sagt, bereiten ihm diese Fragen nachhaltig Sorgen. »Das macht einen atemlos«, so sein Kommentar. Kleemann ist seit 1995 Super­intendent im Kirchenkreis Stendal, der Dienstälteste, wie er sagt. Seit er das Amt innehat, habe ihn vorrangig die Arbeit an Strukturen beschäftigt. Mehr als 20 Jahre struktureller Um- und Rückbau! Ermüdung mache sich bemerkbar.

»Die im Stellenplan 2019 vorgesehene Reduzierung betrifft uns nicht«, sagt hingegen Ronny Hillebrand. Dank der stabilen Zahlen im Kirchenkreis und einer vorausschauenden Planung. Die meisten Pfarrer arbeiten Teilzeit. Vollzeitstellen gäbe es nur wenige. Der Stellenplan schreibe 23 Pfarrstellen vor, von den derzeit etwa 25 besetzten Stellen müssten also zwei gestrichen werden. Doch mit der Teilzeitregelung seien die bereits jetzt schon eingespart, erklärt der Pfarrer.

Auf dem Land sind freilich auch positive Signale zu erkennen: Engagierte Menschen und viele Ideen, berichtet Kleemann. Eine Idee heißt: Baufasten im Kirchenkreis. »In den vergangenen 25 Jahren sind Millionen und Abermillionen ins Bauen investiert worden«, erläutert der Superintendent. »Wir sind flächenmäßig gut bestellt. Wir haben gute Einnahmen aus den Ländereien.«

Allerdings ist er unzufrieden, weil diese Einnahmen in den Baulastfonds fließen. Stattdessen wünscht sich Kleemann, dass die Kirche mit den finanziellen Mitteln kreativ umgeht und nach anderen Regelungen sucht. Dass etwa die Einnahmen aus den Ländereien nicht nur in den Baulastfonds fließen, sondern auch für Personalkosten verwendet werden können. Einen entsprechenden Antrag werde der Kirchenkreis an die Landessynode richten.

Sabine Kuschel

Drei Container voller Ideen

27. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

»Anhalt kompakt« heißt der Beitrag der Landeskirche zur Weltausstellung Reformation

Container sind aus dem modernen Transportwesen nicht mehr wegzudenken. Dass sich Überseecontainer auch auf kurzen Strecken bewähren und Inhalte besonderer Art transportieren können, beweist derzeit die Landeskirche Anhalts in Wittenberg. Von Dessau aus hat sie sich aufgemacht zur Weltausstellung Reformation in die Lutherstadt – im Gepäck drei leuchtend blaue Behältnisse, zwölf Meter lang und je 2,50 Meter breit und hoch. Im Inneren eröffnen sich dem Besucher kleine, feine Ausstellungen.

Ein Container erzählt die Geschichte Anhalts anhand ausgewählter Objekte von A-Z, ein zweiter stellt das Thema Glauben in den Mittelpunkt, präsentiert Sakralbauten der Region in Hülle und Fülle. Der Besucher erlebt reiche Kulturhistorie auf kleinstem Raum unter dem Motto »Anhalt kompakt«.

Leuchtendes Blau: Nahe des Wittenberger Altstadtbahnhofs präsentiert sich die Landeskirche in drei Überseecontainern mit Ausstellungen, Kaffeeterrasse und viel Platz für Gespräche. – Foto: Thomas Klitzsch

Leuchtendes Blau: Nahe des Wittenberger Altstadtbahnhofs präsentiert sich die Landeskirche in drei Überseecontainern mit Ausstellungen, Kaffeeterrasse und viel Platz für Gespräche. – Foto: Thomas Klitzsch

Zur offiziellen Eröffnung in der vergangenen Woche war auch Kirchenpräsident Joachim Liebig dabei zusammen mit Gästen aus der Pfalz. Man sei, versichert Liebig, gleichsam »in beiderlei Gestalt vor Ort«. Schließlich sind die kleine pfälzische Landeskirche und die noch kleinere aus Anhalt schon lange partnerschaftlich verbunden, gehörte doch der askanische Fürst von Anhalt-Köthen, Wolfgang der Bekenner, 1529 zu den Unterzeichnern der Protestation auf dem Reichstag zu Speyer. Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges wurden zudem zahlreiche pfälzische Pfarrer nach Anhalt entsendet.

Unter dem Motto »Das Wort bewegt« haben die protestantischen Gäste den dritten Container belegt und bereichern die Weltausstellung mit SMS im Lutherstil sowie nicht zuletzt mit Pfälzer Trauben. Unter dem Motto »Wasser zu Wein« offerieren sie Besuchern, die leere Wasserflaschen mitbringen, einen guten Tropfen und verbinden das Ganze mit einem guten Zweck. Der Erlös aus dem Flaschenpfand kommt einem Trinkwasserprojekt im afrikanischen Ghana zugute.

Noch bis zum 10. Juli werden die pfälzischen Partner mit von der Partie sein, unter anderem mit Vertretern der überkonfessionellen Männergruppe der protestantischen Gemeinde Herxheim, die sich den schönen Namen »mann!schafft« gegeben hat und unter dem Titel »95 Flaschen Wein für Wittenberg« biblische Weinproben anbietet. Rätselfreunde können sich auf die Suche nach einem Code machen, mit dessen Hilfe die »Rätselbox zu Luthers Leben« geknackt werden kann.

Wenn sich die Partner aus der Pfalz verabschieden, bleiben die Kirchenvertreter in ihren blauen Containern unweit des Altstadtbahnhofes nicht unter sich. Ende Juli etwa wird hier der Kunstpreis der in Dessau ansässigen Karl-Heinz-Heise-Stiftung verliehen, auch die anhaltischen Städte präsentierten sich je eine Woche lang, unterstreicht Andreas Janßen, Leiter der landeskirchlichen Arbeitsstelle »Kirche, Kultur und Tourismus«, der das Containerprojekt von Anfang an begleitet und gestaltet hat. »Anhalt kompakt« war beim Kirchentag 2013 in Hamburg ebenso zu sehen wie auf dem Posaunentag 2016 in Dresden. Die Reise nach Wittenberg wird indes die letzte sein. Nach dem Ende der Weltausstellung Reformation im September wird das gemeinsam von der Landeskirche und der »Anhaltischen Landschaft« initiierte Vorhaben nicht fortgeführt.

Stefanie Hommers

Die Stadt wird zum Spielplatz

27. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Kinderkulturnacht in Eisenach ließ Kinder Luthers »liebe Stadt« entdecken

Wer kürzlich nichtsahnend durch Eisenachs Straßen lief, staunte nicht schlecht über den Anblick, der sich bot: Kinder allen Alters liefen mit Eltern oder Großeltern durch die Straßen, lachten und rannten mit anderen um die Wette oder widmeten sich konzentriert einem der über 50 Angebote, die bis in die Nacht auf sie warteten.

Zur diesjährigen Kinderkulturnacht gestaltete die Stadt bereits zum 13. Mal mit vielen Partnern ein aufwendiges Programm für ihre jüngsten Bewohner. In der Innenstadt boten verschiedene Geschäfte, Institutionen und Einrichtungen jede Menge zum Sehen, Hören und Ausprobieren an.

Straßenmusiker Tom erklärt dem Schaf Lotta die 95 Thesen. Humorvoll erzählen die Schauspieler Barbara und Christoph Gottwald vom Fuldaer Theater »Mittendrin« aus Luthers Leben. – Foto: Mirjam Petermann

Straßenmusiker Tom erklärt dem Schaf Lotta die 95 Thesen. Humorvoll erzählen die Schauspieler Barbara und Christoph Gottwald vom Fuldaer Theater »Mittendrin« aus Luthers Leben. – Foto: Mirjam Petermann

Genau 3,75 Sekunden brauchte beispielsweise Marcus, um den kleinen Zettel mit einer von Luthers 95 Thesen an einen Baumstamm zu schlagen. Damit war er einer der Schnellsten beim Thesen-Wettnageln des CVJM. Am Stand der Dualen Hochschule Eisenach-Gera gestaltete Sophie mithilfe eines Computerprogramms einen Einkaufschip. Ein 3D-Drucker brachte anschließend unter vielen neugierigen Blicken das kreierte Werk zum Vorschein.

Dass auf dem Einkaufschip auch die Lutherrose eingeprägt war, ist kein Zufall. Denn die Veranstaltung stand ganz im Zeichen des Reformationsjubiläums. »Mit Martin (Luther) seine liebe Stadt entdecken…« lautete das Motto. So gab es neben den obligatorischen Angeboten von beispielsweise Feuerwehr, Technisches Hilfswerk oder Polizei viele kindgerechte Aktionen rund um den Reformator.

Im Bachhaus fragte man, was wäre, »Wenn Martin Sebastian getroffen hätte …«, und ein weiteres Erlebnis der besonderen Art bot die Eisenacher Logopädische Praxis »Sprachecke«. Lucas Cranachs Gemälde von Luther und seiner Frau waren so präpariert, dass die Kinder ihren Kopf hindurchstecken und den beiden historischen Persönlichkeiten ihr Gesicht leihen konnten. Das davon entstandene Foto konnte anschließend in einen selbstbemalten Bilderahmen geklebt und mit nach Hause genommen werden. »Wir wollten dem Luther ein frisches Gesicht geben«, sagte Logopädin Sarah Thomas am Abend. Ihre Kollegin Katrin Kaschel ergänzte: »Und wir wollten eine Möglichkeit schaffen, durch die sich die Kinder mit Martin und Ka­tharina identifizieren können.« Der Plan ist sichtlich aufgegangen. Viele kleine und große Kinder nutzten die Gelegenheit einer fotografischen Erinnerung an diesen ereignisreichen Abend.

Mirjam Petermann

Stephanus’ fragile Hülle

26. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Herausforderung: Die Farbschicht der Steinskulpturen im Halberstädter Dom muss saniert werden. Doch es gibt noch keine Methode zur Beseitung der Schäden. Derzeit prüfen Experten, wie sie die Figuren retten können.

Dem heiligen Stephanus, dem Schutzpatron des Halberstädter Domes, geht es schlecht. Die Skulptur im Hohen Chor wirkt wie die des Co-Patrons Sixtus und der zwölf Apostel aschfahl und blickt zerfurcht in den Kirchenraum. Den 14-farbig gefassten Steinskulpturen geht es schlecht, diagnostiziert Restauratorin Corinna Grimm-Remus. Sie benötigen unbedingt eine Ganzkörperkur, wie Ralf Lindemann von der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt erklärt. Geschieht das nicht, droht der Verlust der originalen Fassung, also der Farbschicht. »Die Farbe ist im Laufe der Zeit zu einer Hülle geworden, die losgelöst vom Stein steht«, erläutert Grimm-Remus auf dem Gerüst in fünf Metern Höhe, das sie den Figuren ganz nah sein lässt.

Sorgenvoller Blick: Restauratorin Corinna Grimm-Remus neben Stephanus. – Foto: Uwe Kraus

Sorgenvoller Blick: Restauratorin Corinna Grimm-Remus neben Stephanus. – Foto: Uwe Kraus

Das Problem: Es gibt noch keine Methode, wie derartigen Schäden beizukommen ist. Nur anderenorts treffen die Experten auf ebenso stark geschädigte mittelalterliche Skulpturen. Nun testen über drei Jahre Restauratoren im Halberstädter Dom Methoden, um Stephanus & Co. vor dem Verfall zu bewahren. Nicht einfach, schließlich betrete man damit Neuland. »Dazu gibt es nichts auf dem Markt«, so die Restauratorin, die sich wie kaum jemand anderes schon über Jahre mit den Steinen des Halberstädter Domes befasst. Dabei entpuppt sich nicht der Staubmantel der Jahrhunderte als Problem, sondern die Farbe, die nur noch einer Skulpturen-Hülle gleicht. Eine Notsicherung ist jetzt gefragt. Schließlich hätten Umwelteinflüsse über die Jahrhunderte die Haut der Figuren angekratzt. Im 19. Jahrhundert waren sie bei der Fenstersanierung über Jahre den schwankenden Außentemperaturen ausgesetzt. Nach dem ZweitenWeltkrieg lag sogar Schnee im Hohen Chor. So soll im Projekt geklärt werden, wie die massiven Schäden überhaupt entstanden sind.

300 000 Euro stehen dafür zur Verfügung, fast 120 000 Euro fließen allein von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, wie deren Mitarbeiter Paul Bellendorf berichtet. »Ein spannendes Projekt, bei dem wir uns gerne engagieren.« Als besonders innovativen Aspekt sieht die Kulturstiftung eine Kooperation mit der Bauhaus-Universität Weimar. Die lässt Drohnen im Dom kreisen, um alles dreidimensional darzustellen. Auch dabei ist Vorsicht geboten: Bei den Nahaufnahmen dürfen sich die kleinen Flugobjekte nicht zu dicht an die Figuren heranwagen. Die fragile Farbschicht könnte durch die Abluft weggepustet werden. Beim späteren »Facings« soll eine Art Schutz- oder Zwischenschicht im Sinne einer Kaschierung gefunden werden, die eine Fassungsfestigung und »Replatzierung« erlaubt, aber den Verlust der Fassung durch direkte Berührung verhindert. Dabei soll der Schmutz entfernt werden, ohne die Farbe zu beschädigen. Im Rahmen einer ersten Notsicherung soll das modellhaft entwickelte Vorgehen am gesamten Skulpturenbestand umgesetzt und fachlich überprüft werden. Dazu wird es auf einem Fachkolloquium einen Erfahrungsaustausch im Dom zu Halberstadt geben.

Uwe Kraus

Von Trostpflastern und offenen Armen gegen Verletzungen

25. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.

Matthäus 11, Vers 28

Wer kommt in meine Arme? Wer kennt es nicht, das Spiel aus Kindertagen? Meine Tochter steht einen Steinwurf von mir entfernt. Ein Kinderlächeln zieht sich über ihr Gesicht. Frech grinst sie mich mit ihrer Zahnlücke an. Ein Bein hat sie nach vorn gestellt. Sie wippt vor und zurück. Jetzt rennt sie los. Mit lautem Kichern kommt sie auf mich zu und wirft sich in meine offenen Arme. Volles Vertrauen. Ganzes Risiko. Ohne zu zögern. Nicht einen Moment denkt sie darüber nach, was alles passieren könnte. Die offenen Arme sind ihr Verheißung genug.

Pfarrer Ramón Seliger, Weimar

Pfarrer Ramón Seliger, Weimar

Dabei zeugen die Pflaster an ihren Knien wie Trophäen von ihrer Tapferkeit. Die grellen Farben können die blauen Flecken und Wunden kaum verbergen. Täglich kommen neue hinzu. Sie kennt den Schmerz nur zu gut. Aber auch das Gefühl, wieder aufgehoben und getröstet zu werden. Geborgen zu sein. Eben noch geweint und schon wieder mit einem Lächeln auf den Lippen. Ich lasse mich anstecken von ihrer Freude und bewundere, wie schnell die Tränen einem Lachen weichen können.

Obwohl ich längst keine bunten Pflaster mehr auf den aufgeschlagenen Knien trage, ist mir der Schmerz noch immer wohl vertraut. Der Schmerz zu scheitern, allein zu sein oder Schuld zu tragen. Der Schmerz, einen lieben Menschen zu verlieren oder einen anderen zu verletzen. Der Schmerz, der manchmal gar keinen Grund mehr kennt und die Tage dunkel machen kann. Mühselig und beladen. Auch die Angst vor dem Sturz ist ein Teil meines Lebens geworden. Darin bin ich Mensch und wünsche mir, dass mir einer mit offenen Armen begegnet. Einer, der mir die Tränen trocknet und bei dem ich Ruhe finden kann und angenommen werde, so wie ich bin.

Um ehrlich zu sein, fällt es mir inzwischen schwer, einfach loszurennen. Meist stolpere ich im Leben eher vorwärts. Und doch wünsche ich mir manchmal das Vertrauen, mir die offenen Arme Verheißung genug sein zu lassen. Ohne zu zögern und mit einem Lachen auf den Lippen.

Ramón Seliger

Schluss mit Klimpern?

25. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Kollekte: Die Kirchengemeinden ärgern sich über Gebühren für Münzgeld bei Banken und Sparkassen – und suchen nach Lösungen.

Mal sind es 189,33 Euro, mal 267,94 Euro, am Gründonnerstag waren es nur 13,57 Euro: die Beträge, die Sonntag für Sonntag in der evangelischen Reglergemeinde in Erfurt im Kollekten-Körbchen landen, sind höchst unterschiedlich. Insgesamt aber freut sich Pfarrerin Gabriele Lipski: »Unsere Gemeinde spendet richtig viel.« Seit einiger Zeit ist diese Freude aber getrübt. Denn wenn Ga­briele Häußler vom Gemeindebüro die gespendeten Münzen montags bei der Bank einzahlen will, werden dafür seit Kurzem Gebühren fällig.

Die Sparkasse Mittelthüringen nimmt das Münzgeld nur noch in verschließbaren Sicherheitsbeuteln an. Pro Beutel müssen zehn Euro gezahlt werden. Entsprechend fielen die Reaktionen in der Gemeinde aus: »Alle Kreise waren wirklich entsetzt und haben gesagt: Das kann doch nicht wahr sein!«, sagt die Pfarrerin.

Kleingeld für große Aufgaben: Gemeindehaus oder Orgelsanierung – Kirchengemeinden sind auf Spenden angewiesen. – Foto: Markus Wetterauer

Kleingeld für große Aufgaben: Gemeindehaus oder Orgelsanierung – Kirchengemeinden sind auf Spenden angewiesen. – Foto: Markus Wetterauer

Kein Einzelfall. Das Problem mit den Gebühren fürs Geldzählen betrifft inzwischen fast alle Gemeinden in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Finanzdezernent Stefan Große nennt ein Beispiel: So hat die Kirchengemeinde Wittenberg im vergangenen Jahr stolze 1 800 Euro an Gebühren gezahlt. »Das erschwert das traditionelle Kollekten-Sammeln erheblich«, sagt er.

Die Sparkasse nennt zwei Gründe für die Gebühren. Zum einen hat die EU die Kreditinstitute verpflichtet, die eingezahlten Münzen auf Falschgeld zu kontrollieren. Das ist aufwendig und damit teuer. Zum anderen waren die bisher verwendeten Zählautomaten für Münzgeld oft kaputt, erklärt Sparkassen-Sprecherin Ka­tharina Höhne: »Das lag daran, dass mit dem Geld häufig Fremdkörper hineingelangt sind. Da ist ein Stückchen Stroh von den Körbchen mit reingekippt worden. Da ist mal ein bisschen Dreck dabei, eine Büroklammer oder Spielgeld.« Die Folge: Die Zählautomaten mussten ständig gereinigt und repariert werden. Jetzt zählt eine Firma im Auftrag der Sparkasse das Geld. Die Kosten dafür werden an die Kunden weitergegeben. Inzwischen werden bei so gut wie allen Kreditinstituten Gebühren für Münzgeld fällig – nur bei den Filialen der Bundesbank kann noch kostenlos gezählt werden.

Auch bei der Sparkasse Mittelthüringen hat sich die Situation etwas entspannt. Nach Protesten aus den Gemeinden werden jetzt pro Münzbeutel nicht mehr zehn, sondern nur noch drei Euro an Gebühren fällig, wie Pfarrer Ricklef Münnich erläutert, der Pressesprecher des ev. Kirchenkreises Erfurt. Außerdem gibt es nach seinen Angaben als Zugeständnis des Kreiskirchenamts an die Gemeinden die Möglichkeit, die Kollekten nicht mehr jede Woche, sondern nur noch alle zwei bis drei Wochen einzuzahlen. Auch dadurch ergeben sich noch mal niedrigere Gebühren. »Die Sparkasse ist uns entgegengekommen«, sagt Münnich. »Das ist vertretbar.«

Auch Sparkassen-Sprecherin Höhne wirbt um Verständnis. »Natürlich sind Kirchen und Vereine davon möglicherweise besonders betroffen«, sagt sie. »Aber wir haben diese Gebühren nicht aus reiner Willkür festgelegt oder um besonders viel Geld zu verdienen, sondern einfach, um die Kosten zu decken, die mit diesem Angebot entstanden sind.« Wenn für andere Dienstleistungen wie Telefon oder Internet Gebühren fällig werden, würden diese ja von den Kirchen oder Vereinen auch gezahlt.

Keine Frage: Auch Regler-Pfarrerin Gabriele Lipski findet die niedrigeren Gebühren besser. Zufrieden ist sie dennoch nicht. »Ich würde mir natürlich wünschen, dass es nichts kostet. Denn das sind Spendengelder. Kein Mensch hat daran Gewinn. Schön ist das nicht.« Deshalb hat sie sich mit Gemeindegliedern überlegt, ob es Alternativen gibt. Eine Idee: viele kleine Händler brauchen Münzgeld zum Wechseln, und müssen dafür bei den Banken auch zahlen. So entstand die Überlegung, »eine Art Win-win-Situation zu schaffen: Wir tragen zu den Händlern unser Geld und die geben uns Scheine dafür«, sagt Lipski, schränkt aber gleich ein: »Das ist alles sehr mühsam. Es muss jemand rollen und hinbringen und wir müssen immer einen Händler haben, der das gerade braucht.« Auch kleine Spenden-Chips, die vorher im Gemeindebüro gekauft werden und dann in den Klingelbeutel geworfen werden, hält sie für deutlich umständlicher als Bargeld.

»Eine Patentlösung gibt es nicht«, sagt auch EKM-Finanz-Chef Stefan Große. In kleineren Gemeinden wechseln manchmal Ehrenamtliche die gesammelten Münzen in Scheine, die danach ohne Gebühren aufs Konto eingezahlt werden können, berichtet er. In Kirchen mit vielen Touristen als Besucher, wie der Taufkirche in Eisleben, könnte ein elektronischer Opferstock die Lösung sein. »Hier fallen aber auch Anschaffungskosten an«, gibt Große zu bedenken. Wie er sieht auch Sparkassen-Sprecherin Katharina Höhne künftig im Spenden per Bank-Karte oder Handy eine Möglichkeit. Bei kleineren Beträgen ist das ohne Geheimzahl oder Unterschrift machbar.

Schweden hat seit etlichen Jahren Erfahrung damit. Dort stehen in vielen Kirchen »Kollektomaten«. Die Geräte sehen so ähnlich aus wie Geldautomaten. Gottesdienst-Besucher spenden mit ihrer Bank-Karte. Am Bildschirm wählen sie den Betrag und den Zweck (Orgel-Reparatur, neue Gesangbücher oder vielleicht doch lieber Brot für die Welt?). Wer seine Steuer-Nummer eingibt, bekommt gleich noch eine Spenden-Quittung fürs Finanzamt dazu.

Pfarrerin Lipski will, wie die meisten ihrer Kollegen, zumindest vorläufig am traditionellen Kollekten-Modell mit Körbchen und Münzen festhalten. »Mir ist noch keine bessere Lösung eingefallen«, sagt sie, und fügt lachend dazu: »Außer, dass alle nur noch Scheine einwerfen.«

Markus Wetterauer

Peinliche Zahlenkosmetik

24. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Kirchentage auf dem Weg: Wurden kritische Stimmen im Vorfeld ignoriert?

Die einen sagen nichts, die anderen wissen nichts und die nächsten sind noch nicht so weit. Dass die Kirchentage auf dem Weg viel weniger Besucher hatten als erwartet, können auch die größten Kirchenoptimisten nicht bestreiten. Landeskirchen, die Länder und Kommunen haben Millionen Euro bereitgestellt. Mit der Analyse und der Bilanz tut man sich bei den Veranstaltern allerdings schwer.

Erst spät habe sich ablesen lassen, dass weniger zahlende Kirchentags-Besucher kommen als erwartet, antwortet auf Nachfrage Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Veranstalters »r2017«. Die Resonanz auf Aufrufe und Veranstaltungen im Vorfeld wie etwa den Bibelweltrekord in Magdeburg mit mehr als 400 Teilnehmern, haben eher das Gegenteil vermuten lassen, so Schneider. Er spricht von einer »insgesamt sehr positiven Stimmung und Begeisterung«.

Mitteldt-2017-25

In Zahlen belegen lässt sich das nicht. Zehn Millionen Euro habe man für die Kirchentage auf dem Weg veranschlagt, sagt Ulrich Schneider. Er rechne nicht mit einem Defizit.

Matthias Sengewald, Vorsitzender des Landesausschusses des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Mitteldeutschland, kann da nur mit dem Kopf schütteln. Von Anfang an habe man darauf hingewiesen, dass die prognostizierten Besucherzahlen unrealistisch seien. Sechs Kirchentage in acht Städten neben dem Kirchentag in Berlin, noch dazu in einem entkirchlichten Gebiet, das werde ganz schwierig, wusste Sengewald vorher. Leider wurden die Bedenken nicht gehört.

Der Weimarer Superintendent Henrich Herbst kritisiert die »undurchschaubare und unzureichende« Informationsstrategie des Trägervereins: »Die durch die Veranstalter gemeldeten hohen Teilnehmerzahlen waren uns vor Ort sehr peinlich, denn sie entsprachen nicht unserer Einschätzung.« Überhaupt sei das Vorhaben als zu sehr von außen aufgesetzt erlebt worden.

Eine endgültige finanzielle Abrechnung des Himmelfahrtwochenendes ist noch nicht erstellt. Sie soll in einem Monat vorliegen, wenn auch die ausstehenden Rückläufe aus den Vorverkaufsstellen vorlägen. Insgesamt seien die Kirchentage auf dem Weg je zu einem Drittel aus kirchlichen und staatlichen Mitteln und aus Eigenmitteln, wie Sponsoring und Teilnehmerbeiträgen, finanziert. Fest steht: Bei einem Minus müsste »r2017« als Durchführungsverein das Defizit tragen. Aber niedrigere Einnahmen aus Ticketerlösen stünden auch niedrigeren Ausgaben, zum Beispiel für Übernachtungen oder Verkehrsverbundtickets, gegenüber, sagt Ulrich Schneider. »Insofern wird sich ein Defizit in Grenzen halten. Die Finanzierungsstruktur bleibt erhalten.«

Die öffentlichen Geldgeber werden ihre Zuschüsse im Falle eines Defizits jedenfalls nicht aufstocken. »Eine Erhöhung der vereinbarten Zuschüsse des Landes ist nicht möglich«, teilt Rainer Metke, stellvertretender Regierungssprecher in Magdeburg, mit. Sachsen-Anhalt hat das Reformationsjubiläum großzügig unterstützt und zwei Millionen Euro für r2017-Projekte wie die Kirchentage auf dem Weg in Halle, Magdeburg und Dessau-Roßlau überwiesen. Dazu gab es eine Menge Hilfe im Umfeld von Festgottesdienst und Weltausstellung: Logistik, Verkehr, Polizei etc. In Thüringen will man erst einmal die Abrechnung der Veranstalter abwarten.

Kritik wie aus der Leipziger Stadtverwaltung, die »r2017« eine signifikante Fehleinschätzung hinsichtlich der realen Besucherpotenziale bescheinigte, ist aus Magdeburg und Halle nicht zu hören. Mit knapp einer Million Euro hatte Leipzig den Kirchentag unterstützt. Die Landeshauptstadt Magdeburg hat 300 000 Euro in den Haushalt eingestellt. Mit den Veranstaltern habe man vertrauensvoll zusammengearbeitet, heißt es aus dem Büro des Oberbürgermeisters. Auch die Stadt Halle ist voll des Lobes. Der Kirchentag sei gelungen, sagt Judith Marquardt, Beigeordnete für Kultur und Sport, und beruft sich auf die Zahlen des Kirchenkreises, wonach 20 000 Menschen den Kirchentag in Halle besucht haben. Mehrfachzählungen sind jedoch inbegriffen.

Katja Schmidtke, Willi Wild

Eine Zeit zum Spielen

24. Juni 2017 von redaktionguh  
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Ich habe einen. Einen »Finger Spinner« – zu deutsch: einen Finger-Dreher. Was das ist? Das ist ein etwa handtellergroßes Spielzeug. Zwei, doch meistens drei Flügel werden von einem Kugellager in der Mitte angetrieben. Dabei erreichen sie eine erstaunliche Geschwindigkeit.

Ich stoße einen der Flügel an, gebe dem Drehdings Schwung und versuche ihn dann auf einem Finger auszubalancieren. Wenn er ordentlich Schwung hat, dreht er sich bis zu zwei Minuten. Jugendliche schaffen zudem erstaunliche Tricks, aber den Ehrgeiz habe ich gar nicht.Wozu ist so ein Spinner nütze, fragen Sie? Zu gar nichts, ehrlich gesagt. Es ist eine dieser nutzlosen Spielereien, mit denen es sich vortrefflich »fentern« lässt. Ein »Fachbegriff«, mit dem meine Familie solch sinnloses Treiben seit jeher bezeichnet.

Aber gibt es sowas wie sinnloses Treiben wirklich? Der Prediger Salomo sagt: »Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde«. Seine Beispiele – lachen und weinen, verlieren und behalten und viele mehr – würde ich ergänzen und sagen: »Spielen hat seine Zeit und ernst sein hat seine Zeit.« Mir machen gerade diese vermeintlich nutzlosen Dinge im Leben Spaß. Sie erlauben eine Auszeit von all den Ernsthaftigkeiten des Alltags. Ich beobachte meinen Spinner, genieße das leichte Vibrieren des Kugellagers, das sich vom Finger über die Hand zum Arm fortsetzt. Oder ich verwandle die Welt in kunterbunte Muster, wenn ich durch mein Kaleidoskop schaue – auch so eine nutzlose Fenterei.

Danach habe ich den Kopf wieder frei für Ernsthaftes. Und ich freue mich auf die nächste Auszeit mit meinem neuen Spielzeug.

Elke Stricker

Die Autorin ist Redakteurin bei der Bielefelder Wochenzeitung »Unsere Kirche«.

Kollekte und Klingelbeutel

23. Juni 2017 von redaktionguh  
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Viel Kleingeld: Die Evange­lische Kirche in Deutschland (EKD) sammelt jedes Jahr über 300 Millionen Euro an Kollekten und Spenden ein. Die Kollekte am Sonntag im Gottesdienst hat eine lange Tradition. Und es geht dabei nicht nur ums Geld.

Spenden für Hospizarbeit und Jugend-Projekte, für Kirchenmusik und Krankenhaus-Seelsorge – Kollekten gehören zu den diakonischen Aufgaben der Kirche. Und sie sind ein Zeichen für Solidarität innerhalb der Kirche, wie Kirchenrat Thomas Schlegel erläutert. Schlegel ist bei der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zuständig für die Bereiche Gemeinde und Seelsorge. »Ein prominenter Kollektenzweck ist zum Beispiel an Heilig Abend Brot für die Welt«, so Schlegel. »Das soll zeigen, dass wir als Christen gerade an so einem Fest die Weltgemeinschaft und deren Sorgen nicht aus den Augen verlieren.« Dieser Gedanke hinter den Kollekten ist zweitausend Jahre alt und damit so alt wie die Christenheit. Schon der Apostel Paulus rief damals zu Spenden für die Gemeinde in Jerusalem auf. »Man weiß sich verbunden mit den anderen Christen in der Welt oder in der Region oder in der Landeskirche. Man steht nicht alleine da«, erklärt Schlegel. »Eigentlich sind Kollekten eine geistliche Sache. Da geht’s nicht nur ums Geld, sondern wir leben, weil andere für uns da sind und wir für andere.«

Kollektenbon: In der thüringischen Landeskirche wurde 2004 wahlweise die bargeldlose Kollekte mit Plastikbons eingeführt (Foto). Für den EKM-Finanzdezernenten Stefan Große ist auch die Online-Kollekte via Handy zukünftig eine Alternative zum Bargeld. – Foto: epd-bild

Kollektenbon: In der thüringischen Landeskirche wurde 2004 wahlweise die bargeldlose Kollekte mit Plastikbons eingeführt (Foto). Für den EKM-Finanzdezernenten Stefan Große ist auch die Online-Kollekte via Handy zukünftig eine Alternative zum Bargeld. – Foto: epd-bild

65 Mal wird an den Sonn- und Feiertagen jedes Jahr in den Gemeinden gesammelt. Zwölf dieser Kollekten sind für die Kirchengemeinden, sechs für die Kirchenkreise. Dazu kommen die überregionalen Zwecke wie eben Brot für die Welt oder EKD. Für die übrigen Sonntage gingen bei der EKM im vergangenen Jahr 56 Kollekten-Anträge verschiedener Gruppen, Organisationen und Projektträger ein.

Für wen wann gesammelt wird, schlägt ein Ausschuss mit Vertretern aus Landeskirchenamt und Synode vor. Die Frühjahrssynode beschließt den Kollekten-Plan. Damit möglichst viele Antragsteller zum Zug kommen, werden manchmal ähnliche Zwecke auf einen Sonntag zusammengelegt, zum Beispiel für Frauenarbeit und die Beratungsstellen der Diakonie. Der Ausschuss achtet auch darauf, dass es im Lauf der Jahre einen Ausgleich gibt zwischen starken und schwachen Kollekten-Sonntagen. So kommen am Feiertag Buß- und Bettag nur rund 5 000 Euro zusammen. An manchen Sonntagen können es 20 000 Euro oder noch mehr sein.

Dabei stellt Thomas Schlegel auch klar: Am Kollektenzweck kann nicht gerüttelt werden. »Wenn an Kantate für die Kirchenmusik gesammelt wird, dann kommt dieses Geld auch komplett der Kirchenmusik zugute.« Verwaltungskosten werden von der Landeskirche getragen: »Was gesammelt wird, geht eins zu eins an den Zweck.« An diesem Sonntag geht die Kollekte in der EKM an die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler (KiBa) für die Erhaltung gefährdeter Dorfkirchen und Kirchengebäude.

Allerdings sorgen sich die Landeskirchen um die Annahme von Geld aus dem Klingelbeutel bei Banken und Sparkassen. Im Einzelfall müssten die Pfarrer vor Ort eine Regelung mit den jeweiligen Kreditinstituten aushandeln, heißt die Empfehlung. Kirchengemeinden sind verpflichtet, Kollektengelder umgehend zur Bank oder Sparkasse zu bringen und dem vorgesehenen Spendenzweck zuzuführen. Hintergrund ist die »Bargeldprüfungsverordnung der Europäischen Union«. Danach müssen Banken seit Anfang 2015 prüfen, ob Hartgeld echt und unbeschädigt ist. Dafür müssen sie besondere Geräte anschaffen. Die Sparda-Bank Hannover war die erste deutsche Bank, die in 23 von 25 Filialen überhaupt kein Münzgeld mehr angenommen oder ausgegeben hat. Mittlerweile haben andere nachgezogen.

In der EKM sieht man die Zukunft in Spenden per Bank-Karte oder über Handy. Sogenannte Kollektomaten sind bereits in Schweden im Einsatz. Am Automat müssen die Gottesdienstbesucher den Betrag und den Zweck angeben, dann wird die Kollekte vom Konto abgebucht. Die Spenden-Quittung gibt’s auch gleich noch mit dazu.

Markus Wetterauer

Mehr dazu ab 25. 6. unter der Rubrik „Blickpunkt“.

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