Gott im Gehirn

16. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Glaube, Kunst und Wissenschaft: In Michelangelos Fresken erkannten Forscher Details des Stamm-, Groß- und Kleinhirnes. Wohnt der Herr tatsächlich in unserem Hirn? Ist unser Gehirn ein Meisterwerk Gottes oder Gott ein Meisterwerk des Gehirns?

Jahre – gar jahrhundertlang galten Glauben und Wissenschaft als Antipoden, mussten Wissenschaftler widerrufen oder sterben, wenn sie Naturgesetze entdeckten, die nicht ins kirchliche Weltbild passten, wenn die Wissenschaft sich gegen die göttliche Schöpfung wandte. Inzwischen fragen Mediziner, Neurobiologen und Physiker unbefangen, ob es so etwas wie ein Gottes-Gen in unserer DNA gibt oder ein Gott-Modul in unseren grauen Zellen.

Auch den Magdeburger Hirnforscher Gerald Wolf treiben diese Fragen um. Der emeritierte Professor leitete jahrelang das Institut für medizinische Neurobiologie an der Otto-von-Guericke-Universität. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung hat den Atheisten zum Skeptiker werden lassen. »Ich bin nicht glücklich mit meinem Atheismus«, sagte Wolf am Rande eines Vortrags in Halle. Er wäre lieber einer jener Menschen, die glauben können.

Religiosität hat wissenschaftlich messbare Vorteile. Glauben spendet Schutz und Trost, gibt dem Leben Sinn, macht die Welt plausibel, stärkt die seelische wie die körperliche Gesundheit und ist der Kitt, der Menschen verbindet.

Trotz all dieser Vorteile ist nicht bei allen Menschen die Glaubensbereitschaft gleich ausgeprägt. Wie die Befähigung zum Glauben in uns kommt oder eben nicht, ist eine Frage, die sich die Wissenschaft stellt, die sie aber nicht beantworten kann.

Eine perfekte Darstellung des menschlichen Gehirns hatte schon 1990 ein amerikanischer Mediziner in Michelangelos bekanntem Fresko »Die Erschaffung Adams« in der Sixtinischen Kapelle gesehen. Mehr zum Thema auf Seite 3. Fotomontage: Adrienne Uebbing

Eine perfekte Darstellung des menschlichen Gehirns hatte schon 1990 ein amerikanischer Mediziner in Michelangelos bekanntem Fresko »Die Erschaffung Adams« in der Sixtinischen Kapelle gesehen. Mehr zum Thema auf Seite 3. Fotomontage: Adrienne Uebbing

Die rund anderthalb Kilo schwere Gehirnmasse eines erwachsenen Menschen besteht aus 100 Milliarden Nervenzellen, sie alle sind tausendfach durch Synapsen verbunden und kommunizieren miteinander. So weit die Hirnforschung auch fortgeschritten ist, so weit sind wir davon entfernt, das Gehirn zu verstehen, sagt Professor Wolf. Warum fühlen Amputierte Schmerzen in den abgenommenen Gliedmaßen? Warum wissen blinde Neugeborene, wie man lächelt? Wenn wir sterben, was passiert dann mit dem Geist, den unser Hirn eigentlich unablässig »produziert«? Woher kommt der Glauben?

Ein sogenanntes Gottes-Gen beschrieb 2004 der US-amerikanische Biochemiker und Verhaltensgenetiker Dean Hamer. Hamer ist nicht unumstritten, er hatte in den 1990er-Jahren eine Kontroverse angestoßen mit seiner Theorie von der Existenz eines Genes, das bei Männern Homosexualität vorbestimme.

Beim Gottes-Gen handelt es sich seinen Forschungen zufolge um ein Molekül in den Nervenzellen, das den Transport glücklich machender Hormone wie Dopamin erleichtert. Für Hamer ist das Molekül auch für religiöse Empfindungen verantwortlich, und es kommt bei gläubigen Menschen in anderer Ausprägung vor als bei Atheisten.

Doch die Debatte um dieses Gottes-Gen ist laut Gerald Wolf ebenso verstummt wie jene um das Gott-Modul, das der Neurologe Vilayanur S. Ramachandran im Zuge von Forschungen zur Schläfenlappen-Epilepsie gefunden haben will. Eine ganz andere Stelle als Ramachandran fand hingegen der Hirnforscher Andrew Newberg, als er Versuche mit betenden Nonnen und meditierenden Mönchen unternahm. Bei der »unio mystica«, dem Verschmelzen in Gott und mit der Welt, wird eine Hirnregion hinter den Ohren auffällig inaktiv. Geht es also um Religiosität, sind viele Bereiche im Gehirn aktiv, laufen unzählbare biochemische Prozesse ab.
Hat nun Gott unser Gehirn so geschaffen, dass er für uns erfahrbar ist? Oder ist die Befähigung unseres Hirns zum Glauben ein Teil unserer Natur und schnöder Vorteil im Evolutionsprozess? Gerald Wolf beantwortet diese Frage nicht. Seine Zuhörer schickt er mit Verunsicherung, Zweifeln, Fragen nach Hause. Und er sagt noch: »Glauben ist nicht Wissen.«

Katja Schmidtke

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Reaktionen unserer Leser

3 Lesermeinungen zu “Gott im Gehirn”
  1. Alexios Garotman sagt:

    „Wenn Gott im Gehirn ist, dann ist die Kirche im Arsch“. Der dieses sagte war, wenn ich mich recht erinnere, kein geringerer als der Karl May Biograph und Ulyssesübersetzer Hans Wollschläger. Natürlich ist Wollschläger mit Vorsicht zu genießen – aber das Bonmot von Kirche, Arsch, Gott und Gehirn ist irgendwie originell und soll hiermit der Vergessenheit entrissen sein.

    Natürlich haben die, die nicht denken können, den Eindruck, Gott müsse im Gehirn sein, weil sie den Denkprozess (in echt körperlicher Manier) eben nur in ihrem Kopfe zu lokalisieren fähig sind. Dort findet der Prozess des Denkens seiner materiellen Art nach eine Entsprechung, das ist richtig. Aber die Erkenntnis ist eben auch draußen in den Dingen (Henri Bergson). Man muss jenes Organ „Gehirn“, dass innerhalb der von uns sogenannten Erkenntnis die Differenz zwischen dem sogenannten erkennenden ICH und dem erkannten ANDEREN auszumachen meint (aber natürlich selber erst schafft!), in dieser seiner Unterschied schaffenden Eigenart mitbedenken. Aber man darf nicht dem Leichtsinn aufsitzen, deshalb zu sagen, – die Dinge, die wir denken, seien als Erkenntnisse im Kopf, bzw. Gehirn.

    Es bleibt dabei, – wenn Gott nur im Gehirn wäre, ginge die Kirche in´ Arsch. Weil Gott aber in der Kirche ist, ist es anders. Auf dem Arsch sitzen wir, wenn wir lesen und im Gemeindekirchenrat debattieren. Schon beim Beten aber stehen wir auf. Sehr, sehr selten wird bei den Christen der Kopf beim Beten auf den Boden gedrückt. Weil – der Kopf mit dem Gehirn – da soll nicht das Blut sich drin stauen. Aus Blutandrang im Kopfe resultieren Wut und Zorn – und schwerfälliges Denken. Der Kopf muss drauf bleiben – also oben. Denn wir müssen davon ausgehen, dass das Gehirn nur eine andere Art Darm ist, wie Giulia Enders in ihrem Buch „Darm mit Charme“ so charmant allen Leuten, die es wissen wollen, erläutert hat. Übrigens, der Satz von Hirn und Arsch könnte auch von martin Luther sein. Er liebte das Derbe.

  2. Peter Uhrmacher sagt:

    Lieber Herr Garotman,
    da haben Sie ja den Vogel abgeschossen. Wenn Gott im Gehirn wäre, dann sollte man ihm auch zugestehen, dass er ebenfalls im Darm anzutreffen sein müsste. Das missfällt irgendwie … Gott ist nicht „in“ irgendwelchen Dingen oder „an“ besonderen Orten. Die Frage, „Wo ist Gott?“ ist ja zudem höchst albern. Denn ein „Wo“ fragt immer nach einem Ort. Und stelle ich einen Ort von Gott fest, dann habe ich ihn schon getötet (zur Erinnerung: Energie und Ort eines Teilchens kann man nicht bestimmen ohne das Ganze zu verzerren). Oder doch? Am Kreuz starb sozusagen Gott, weil man ihn dort fixiert hat.

    Wie auch immer – wir begeben uns hier in das Fachgebiet der Theologie, die ja nicht nach einer einheitlichen Methode arbeitet, sondern liturgisch denkt, philosophisch singt, metaphysisch fabuliert und in märchenhaften Bildern logifiziert. Diese Methodenunschärfe ist eher kreativ als seriös – aber nur so kann die Theologie seit Jahrtausenden Freude am Mysterium transportieren und selber behalten. Darum geht es ja. Wo sie sich der exakten Natur-Wissenschaft anbiederte, hat sie abgedankt. Und war sozusagen tatsächlich im Arsch.

    Gott ist nicht im Gehirn, sondern das Gehirn entflammt für ihn, weil es dafür geschaffen ist, ständig zu vergleichen und Analogien zu bilden. Zugleich weiß das Gehirn, dass es etwas geben könnte, was so dermaßen anders ist als alles Bekannte, dass es keine Ähnlichkeit dafür mehr gibt, welche die jeweils noch größere Unähnlichkeit toppen könnte. Hier betreten wir die fabelhafte Zonenwelt der alten Analogia Entis. Weil man aber die scholastische Metaphysik und den Thomas von Aquin entsorgt und gegen politische Ethik ausgetauscht hat, versteht niemand mehr etwas davon, wovon die Theologie früher geredet hat. Und dann kommen solche sinnfreien Sätze wie „Gott ist im Gehirn.“

  3. Matthias Schollmeyer sagt:

    Aber meine Herren,
    ich finde den Artikel gar nicht so schlecht. Die Aureole, in der Gott mit seiner Geliebten, der Sophia, angebraust kommt, sieht ja wirklich lecker nach einem menschlichen homo sapiens Hirn unter der Schädeldecke aus. Und da, wo die Hand rausfährt, wäre im Neocortex das präfrontale Augenfeld. Das ist schon genial beobachtet. Michelangelo Buonarroti ist eben echt gut. Und die Sixtinische Kapelle sowieso. Man beachte übrigens einmal das Gesicht des Adam und das der Sophia (das ist die von Gottvater Umarmte). Die sind sich sowas von ähnlich, und sie wächst aus der linken Seite Gottvaters heraus, wie später die Eva aus der Seite des Adam. Da hat er eben richtig Recht, der Künstler … Ich würde aber, wenn überhaupt (trotz ihrer berechtigten Bedenken, Herr Uhrmacher), Gott in der Thymosdrüse vermuten. Oder im Scheitelchakra, das ja bekanntlich über dem Haupt des Menschen schwebten soll … Aber er ist natürlich in der Kirche (wenn man ihn lässt) – ekklesiologisch lässt sich das wunderbar begründen, wovon ich hier aber für heute Abend absehen will.

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