Alles nach Plan?

31. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Zwischenbilanz: Veranstalter in Wittenberg zufrieden – Besucherzahlen hinter den Erwartungen

Das Reformationsjubiläum wartet weiter auf den großen Durchbruch. Für die »Weltausstellung Reformation« in Wittenberg, zu der rund 500 000 Besucher erwartet worden waren, sind bislang erst 70 000 Eintrittskarten verkauft worden. Sie läuft noch bis zum 10. September.

Guter Dinge: (v. li.) Ulrich Schneider, Geschäftsführer r2017, Margot Käßmann, Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör und Pfarrer Christian Ferber vor dem Segens­roboter der Weltausstellung Reformation. Foto: r2017

Guter Dinge: (v. li.) Ulrich Schneider, Geschäftsführer r2017, Margot Käßmann, Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör und Pfarrer Christian Ferber vor dem Segens­roboter der Weltausstellung Reformation. Foto: r2017

Die Ausstellung in den Grünanlagen rund um die Wittenberger Altstadt sollte einer der Höhepunkte im Jahr der 500. Wiederkehr von Luthers Thesenanschlag sein. Insgesamt kostet die Weltausstellung rund 20 Millionen Euro, neben der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zählen auch das Land Sachsen-Anhalt und der Bund zu den Geldgebern. Die Veranstalter zeigten sich dennoch zufrieden: »Die Weltausstellung hat an Fahrt aufgenommen«, sagte Geschäftsführer Ulrich Schneider. »Die Teilnehmerzahlen werden zunehmend stärker.« Reformationsbotschafterin Margot Käßmann sagte, sie »schätze besonders die Qualität der Begegnung von vielen Menschen, die Zuwendung zu existenziellen Fragen«. Die Weltausstellung zeige, dass 500 Jahre Reformation nicht eine Schau der Historie seien. »Wer bisher dabei ist, ist begeistert.«

Im Unterschied zum Millionenprojekt Weltausstellung kann die Stadt Wittenberg selbst im Lutherjahr nicht über fehlende Gäste klagen: Allein die Schlosskirche, an deren Tür Luther 1517 seine 95 Thesen angeschlagen haben soll, zählte seit Jahresanfang rund 280 000 Besucher. Und das Luther-Panorama des Künstlers Yadegar Asisi, ein begehbares Kunstwerk, das Besucher in die Zeit des 16. Jahrhunderts zurückversetzt, wurde seit Oktober 2016 von rund 250 000 Menschen besucht. Die genuin kirchlichen Angebote werden dagegen deutlich schwächer wahrgenommen. Der von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau ausgestellte Segensroboter, der als eines der Highlights der Weltausstellung gilt, hat nach Angaben von Standleiter Christian Ferber seit Beginn der Weltausstellung 3 800 Mal den Segen gespendet. Pro Woche würden etwa 380 bis 400 Menschen den Roboter nutzen – was zeigt, dass die Besucher zwar in Wittenberg sind, die teure Weltausstellung aber wohl weitgehend ignorieren.

Benjamin Lassiwe

Bo(o)tschaft vom Himmelreich

31. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Raus aus der Kirche, in die Natur: Einen Gottesdienst der ungewöhnlichen Art haben rund 150 Menschen in Bodendorf gefeiert. Pfarrer Hans Heidenreich hielt seine Predigt von einem Boot aus.

Feierlich schallt die Glocke der Schlosskapelle von Bodendorf (Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt) über das Wasser. Mit langsamen Ruderschlägen lässt sich Pfarrer Hans Heidenreich auf den Teich hinausfahren. Die Gemeinde wartet am Ufer. Darunter sind Menschen aus dem gesamten Landkreis Börde. Andere sind extra aus Magdeburg angereist.

»Jesus hat oft von einem Boot aus gepredigt. Denn das Wasser trägt den Schall«, erläutert Heidenreich. Aus dieser Überlegung heraus sei 1998 die Idee für den Bodendorfer Seegottesdienst entstanden. Am Wochenende fand bereits die 16. Auflage statt. Was als einmalige Veranstaltung gedacht war, ist zur Tradition geworden. »Durch das Ambiente kann man die Geschichten aus der Bibel besser verstehen. Das Erlebnis ist ein anderes«, so Heidenreich.

Begrüßt wurden die Gäste am Sonntag zunächst von Ingeborg Heidenreich. Sie hielt ihren Teil des Gottesdienstes an Land, während ihr Mann vom Boot aus predigte. Der Inhalt des Gottesdienstes war auf den Rahmen abgestimmt. Einen besonderen Schwerpunkt bildete das Gleichnis vom Fischernetz aus dem Matthäus-Evangelium, Kapitel 13. »Das Himmelreich ist gleich einem Netz, das ins Meer geworfen ist«, trug Hans Heidenreich vor. Beim Jüngsten Gericht werde dieses Netz eingeholt. Dann würden die Gottgefälligen von den Bösen getrennt.

Seegottesdienst: Pfarrer Hans Heidenreich predigt vom Boot aus. Tim Jüttner, der ältere Bruder des Täuflings Elisabeth Jüttner, hat ihn auf den Bodendorfer See gerudert. Foto: André Ziegenmeyer

Seegottesdienst: Pfarrer Hans Heidenreich predigt vom Boot aus. Tim Jüttner, der ältere Bruder des Täuflings Elisabeth Jüttner, hat ihn auf den Bodendorfer See gerudert. Foto: André Ziegenmeyer

Viele Menschen, so der Pfarrer, würden sich fragen, warum Gott angesichts des Geschehens auf Erden nicht eingreife. Ihnen könne das Gleichnis Kraft spenden. »Es wird eine Gerechtigkeit geben. Und niemand wird sich davor verbergen können. Hier auf Erden entscheide ich, wo ich die Ewigkeit verbringe.«

Im Mittelpunkt des Seegottesdienstes stand eine Doppeltaufe. Rahel Dierbach (8) aus Haldensleben und Elisabeth Jüttner (7) aus Süplingen wateten dafür mit Hans Heidenreich in den See hinaus. Dort ließen sie sich untertauchen. Die Entscheidung dafür hatten die beiden Mädchen eigenständig getroffen. Elisabeth Jüttner folgte damit dem Beispiel zweier ihrer größeren Brüder. Diese hatten sich bei vorangegangenen Seegottesdiensten taufen lassen. »Ab Ostern wuchs in Elisabeth der Gedanke. Wir haben erst einmal gewartet, ob das so bleibt. Dann haben wir Kontakt zu den Heidenreichs aufgenommen«, verrät Mutter Cornelia Jüttner.

»Rahel hat schon seit einem Jahr gedrängelt, dass sie sich taufen lassen will«, erzählt Vater Guido Dierbach. Auch sie folgte damit dem Weg ihrer Geschwister. Ihre älteste Schwester hatte sich im Fluss Ohre taufen lassen, die nächstjüngere in dem begehbaren Taufbecken in Martin Luthers Taufkirche in Eisleben (Zentrum Taufe). »Wir leben ihnen die christlichen Werte vor, aber die Kinder sollten selbst entscheiden«, so der Vater.

Musikalisch begleitet wurde der Seegottesdienst vom Süplinger Volkschor und der Hörsinger Bläservereinigung. Die Kollekte soll in die weitere Sanierung der Bodendorfer Schlosskapelle fließen.

André Ziegenmeyer

»Sofia« für die Schlosskapelle

31. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Grund zur Freude: Zweieinhalb Jahre nach dem Brand wird die 130 Jahre alte Schlosskapelle Ballenstedt wieder eingeweiht.

Pfarrer Klaus Flöter aus Ballenstedt erinnert sich noch gut an jenen 18. April 2015, als er in der Nacht gegen 1 Uhr aus dem Bett geklingelt wurde. »Die Schlosskapelle stand lichterloh in Flammen.« Einbrecher waren damals in die Sakristei eingedrungen und hatten dort ein Feuer gelegt, das sich in der Kirche ausgebreitet und die gesamte Inneneinrichtung vernichtet hatte. 70 Feuerwehrleute waren im Einsatz und konnten den Brand im Dachstuhl löschen. Zwanzig Minuten später wäre die Kapelle nicht mehr zu retten gewesen. Glück im Unglück, oder wie Pfarrer Flöter betont: »Gott hat Gnade geschenkt.« Die Bestandsaufnahme nach dem Band ergab: Die tragenden Balken waren kaum beschädigt, weil durch eine Dämmung geschützt, die Flöters Vorgänger über der Decke angebracht hatte.

Fast fertig: Die Schlosskapelle wurde als Betsaal errichtet und am 27. Oktober 1887 eingeweiht. Als das Foto entstand, waren noch nicht alle Arbeiten vor der Wiedereinweihung beendet. Foto: Jürgen Meusel

Fast fertig: Die Schlosskapelle wurde als Betsaal errichtet und am 27. Oktober 1887 eingeweiht. Als das Foto entstand, waren noch nicht alle Arbeiten vor der Wiedereinweihung beendet. Foto: Jürgen Meusel

Nun hat die Schlosskapelle in Ballenstedt ein neues Dach und im Kirchenraum riecht es nach frischer Farbe. Mehr als zwei Jahre nach dem Feuer steht am 13. August die Wiedereröffnung bevor. »Endlich«, sagt der Kirchenälteste Alexander Graf Stolberg, den die Geduld aller Verantwortlichen bei den langwierigen Renovierungsarbeiten beeindruckt hat. »Bei Baumaßnahmen, die ich privat in den letzten zehn Jahren durchgezogen habe, hätte ich die Geduld nicht gehabt.«

Das Ergebnis gefällt Stolberg, der direkt neben der Schlosskapelle im alten Pfarrhaus wohnt und nur einmal durch den Garten gehen muss. »Es ist etwas heller und freundlicher als vorher«, sagt er. »Ich habe ja den großen Vorteil, dass ich beinahe mit Pantoffeln zur Kirche gehen kann.«

Es fehlen nur noch die neuen Stühle. Die hat der Gemeindekirchenrat schon bei Sven Goldenstein bestellt. Goldenstein kommt aus der Nähe von Hildesheim und ist spezialisiert auf Inneneinrichtungen von Kirchen und Gemeindehäusern. »Holzstuhlverkäufer aus Leidenschaft«, erzählt er schmunzelnd. »In sakralen Räumen darf der Stuhl nicht im Vordergrund stehen. Der Stuhl soll sich zurücknehmen, aber bequem soll er sein.« Über 20 Modelle hat Sven Goldenstein zur Auswahl mit Namen wie »Berlin«, »Oslo«, »Gera«, »Toronto« oder »Hildesheimer Rose«. Die Stühle sind in der Regel aus Buchenholz, manchmal gebeizt, und haben meistens rote Polster. »Rot ist nicht wegzudenken aus kirchlichen Räumen und die meistverkaufte Farbe«, sagt er.

In der Ballenstedter Schlosskapelle steht künftig das Modell »Sofia«. Nur die Polsterfarbe musste noch geklärt werden. Sven Goldenstein hatte den Stuhl samt Farbfächern zum Ortstermin in der Schlosskapelle mitgebracht. Die Auswahl fiel nicht sonderlich schwer. Schnell entschied sich der Gemeindekirchenrat für Rot, nur über ein paar Farbnuancen wird noch diskutiert. »Der Teppich ist rot und für die Polster wird es ein dunkler, gedeckter Ton«, sagt der Kirchenälteste Alfred John und Christa Döring ergänzt: »Dunkelrot, so ein bisschen ins Bordeaux.«

Christa Döring gehört seit 40 Jahren dem Gemeindekirchenrat an. Sie ist wie alle froh und dankbar, dass die Gemeinde wieder in die Schlosskapelle zurückkehrt. Über zwei Jahre wurde der Gottesdienst im Ausweichquartier Johann-Arndt-Haus gefeiert. Sie glaubt, dass nicht nur die Gemeinde froh über ihre sanierte Kirche ist. »Ich kann mir vorstellen, wenn jetzt alles fertig ist, sind die neugierigen Ballenstedter auch erstmal häufig hier.«

Mindestens zur Wiedereinweihung der Schlosskapelle am 13. August um 14 Uhr!

Thorsten Keßler

Wir sind »intensiv evangelisch«

31. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Die 122. Allianzkonferenz in Bad Blankenburg ist die erste für Ekkehart Vetter als Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA). Willi Wild sprach mit ihm über Einheit, Konflikte, Reformation und Thüringer Bratwurst.

Herr Vetter, Sie stehen einem Verband vor, der als Mitbegründer der Pfingstbewegung in Deutschland gilt, und man bezeichnet den Mülheimer Verband auch als einen Zusammenschluss evangelikal-charismatischer Gemeinden, was bedeutet das?
Vetter:
Der Begriff »evangelikal« ist umstritten, je nachdem, was man damit verbindet. »Evangelikal« kommt von Evangelium. Die Bundeskanzlerin hat einmal gesagt, das seien Menschen, die intensiv evangelisch sind. Das ist zwar keine theologische Definition, aber durchaus zutreffend. Also Menschen, denen es um das Evangelium geht, um das Wort Gottes.

Charismatisch kommt vom griechischen Charisma und meint Gnadengabe. Da geht es um Menschen, die besonders nach dem Heiligen Geist fragen und um geistliche Erlebnisse mit dem Heiligen Geist bitten. Beides zusammen ergibt dann diese evangelikal-charismatische Mischung. Der Mülheimer Verband ist übrigens eine Freikirche, die anderen Freikirchen evangelischen Bekenntnisses sehr ähnlich ist.

Bislang war die Allianzkonferenz in Bad Blankenburg keine charismatisch geprägte Veranstaltung, sondern ein klassisches Glaubensfest. Wollen Sie das ändern?
Vetter:
Wir sind als Evangelische Allianz zusammen unterwegs und haben gemeinsame geistliche Ziele. Die unterschiedliche Prägung und Glaubensstile stehen nicht im Vordergrund. Als Konferenzgemeinde sollten wir nicht auf vielleicht unterschiedliche Prägungen schauen, sondern wo wir gemeinsam hinwollen.

Wer oder was ist die Evangelische Allianz überhaupt?
Vetter:
Sie ist 1846 in England gegründet worden, und die deutschen Teilnehmer an dieser Gründungskonferenz haben sich darauf verständigt, diese Bewegung auch nach Deutschland zu bringen. Heute handelt es sich um eine globale Bewegung. Früher nannte man das einen Bruder- oder Geschwisterbund von evangelischen Christen. Heute sprechen wir von einem Netzwerk evangelisch gesinnter, dem Evangelium verpflichteter Christen.

»Evangelisch« in unserem Namen ist eben keine konfessionelle, sondern eine inhaltliche Aussage. Darum sind wir natürlich auch ökumenisch. Auch katholische Christen fühlen sich hier und da der Allianz zugehörig. Wir haben eine gemeinsame Glaubensbasis.

Wozu braucht es diese Allianz, wenn im Prinzip unter Christen Glaubenskonsens herrscht?
Vetter:
Die Evangelische Allianz hat fünf Ziele: Wir wollen die Einheit unter Christen fördern. Wir wollen Bibelbewegung und Gebetsbewegung sein. Wir wollen Mission und Evangelisation in unserem Land fördern. Und wir wollen gesellschaftspolitische Verantwortung wahrnehmen und öffentlich für die biblische Ethik einstehen, von der wir überzeugt sind, dass sie nicht nur für Christen verbindlich ist, sondern auch für das Miteinander in einer Gesellschaft hervorragende Grundsätze liefert.

Um die Einheit innerhalb der Leitung der Evangelischen Allianz stand es in der jüngeren Vergangenheit nicht zum Besten. Bei den Themen Umgang mit Homosexualität oder Bibeltreue gab es deutlich Dissens und sogar eine Abspaltung. Wie wollen Sie hier wieder die Einheit herstellen?
Vetter:
Sie haben noch ein paar andere kontroverse Themen vergessen: Der Klassiker ist das Thema Taufe, überhaupt das Sakramentsverständnis, das Gemeindeverständnis.

Wir sind uns in der Allianz längst nicht in allen Fragen einig. Darum geht es aber auch gar nicht. Wir wollen gemeinsame Ziele fördern. Über strittige Fragen diskutieren wir miteinander und suchen nach gemeinsamen Positionen.

Die Evangelische Allianz ist keine Kirche. Wir wollen Gemeinsamkeiten betonen, ohne die unterschiedlichen Prägungen zu verleugnen. Abspaltungen von der Allianz gab es übrigens keine.

Ekkehart Vetter auf der Terrasse des Allianzhauses in Bad Blankenburg. Foto: Willi Wild

Ekkehart Vetter auf der Terrasse des Allianzhauses in Bad Blankenburg. Foto: Willi Wild

Die Allianz-Gebetswoche ist die zentrale Veranstaltung, zu der unterschiedliche Gruppen, Gemeinden und Kirchen zusammenkommen. Welche Bedeutung hat das Gebet in unserer aufgeklärten Welt?
Vetter:
Ich weiß, dass ganz viele Menschen beten. Oft fehlt der Zugang zu den kirchlichen Formen. Hier brauchen wir größere Flexibilität. Es gibt in der Bevölkerung eine Sehnsucht nach Kontakt mit Gott. Ich habe mal eine Anhalterin mitgenommen. Als ich sie fragte, ob sie bete, sagte sie: Na klar, jeden Morgen und jeden Abend. Zu Kirche hatte sie praktisch keinen Bezug.

Wir sollten uns um Formen bemühen, die für Menschen zugänglich sind. Das Gebet ist eine Lebensäußerung von uns Christen. Auch Skeptiker und Zweifler wenden sich an Gott mit ihren Fragen.

Ist Meditation die attraktivere Alternative zum Gebet?
Vetter:
Es gibt sicher Schnittmengen. Man kann gut biblische Texte, Psalmen meditieren. Psalmen sind uralte Gebete. Gebete können auch gesungen werden. Ich denke an Taizé-Gesänge oder die Lieder der charismatischen Bewegung.

Gebete in den unterschiedlichen Formen sind eine Herzensangelegenheit. Nehmen Sie die Gospelmusik. Da wird zigmal die gleiche Liedzeile wiederholt. Aber viele freuen sich, wenn der Chor vorne steht. Wir brauchen mehr Emotionen im Glauben. In anderen Ländern scheint das den Menschen schon in die Wiege gelegt.

In Kirche und Medien werden die Evangelikalen oft in eine politisch rechte Ecke gesteckt. Wie gehen Sie damit um?
Vetter:
Ich denke, da muss man differenzieren. Rechtspopulistische oder gar rechtsradikale, fremdenfeindliche Äußerung passen nicht zu einer wertkonservativen, evangelikalen Lebenshaltung. Beispielsweise haben wir bereits vor der großen Flüchtlingswelle die Schrift »Fremde willkommen« verabschiedet. Wir orientieren uns an der Bibel und dort ist eindeutig die Rede von Fremdenliebe und nicht Fremdenhass. Das ist unser Maßstab.

Wie stehen Sie zur AfD?
Vetter:
Die Evangelische Allianz ist ein Netzwerk. Wir fragen keine politische Gesinnung ab und sind nicht dazu da, politische Parteien als Ganzes zu werten. Wer sich auf der Basis des Evangeliums bewegt, ist herzlich willkommen. Wer Werte außerhalb biblischer Normen vertritt, wird von uns Widerspruch, aber gern auch Dialog angeboten bekommen, unabhängig von Parteienzugehörigkeit.

Meine Stimme bekommt die AfD nicht. Es gibt aus dem AfD-Kontext viel zu viele hochproblematische Äußerungen zu unterschiedlichen Themen.

Welches Verhältnis haben Sie als Vertreter einer Freikirche zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)?
Vetter:
Die Evangelische Allianz ist seit jeher eine Gemeinschaft von Christen, die verschiedenen Kirchen und Werken angehören. Aber das ist für uns nicht entscheidend. Maßgeblich ist die Bereitschaft, gemeinsam geistliche Anliegen zu bewegen.

Ihr Vorgänger Michael Diener hatte es als Mitglied des Rates der EKD sicher leichter.
Vetter:
Er gehört ja nach wie vor zum Hauptvorstand der Evangelischen Allianz und hat nach wie vor viele Möglichkeiten, unsere Themen und Inhalte an verschiedenen Stellen einzubringen. Er war ja nicht Mitglied des Rates der EKD und hat dann die ehrenamtliche Leitungsaufgabe bei uns angenommen, sondern es war umgekehrt. Und wegen der damit verbundenen Fülle von Aufgaben hat er dann bei uns sein Leitungsamt niedergelegt.

Ich glaube, dass das Miteinander der Christen unabhängig von den Funktionen klappen muss.

Das Thema der Allianzkonferenz ist »reform.aktion«, in Anlehnung an 500 Jahre Reformation. Was haben Sie als Freikirchler mit Luther am Hut?
Vetter:
Na, wir sind auf dem Boden der Reformation. Wir sind Kinder und Enkelkinder der Reformation. Dabei bitte ich auch zu bedenken: Bei aller Wertschätzung von Martin Luther – er war ja nicht der einzige Reformator. Reformatorisch ist nicht einfach gleich lutherisch. Da gab es und gibt es eine viel größere konfessionelle reformatorische Breite.

Freikirchler gestalten ihre Theologie und Praxis oft eher in einer reformierten Tradition. Aber die vier Soli der Reformation – solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide – sind in den Freikirchen ebenso bestimmend und prägend. Es geht uns an der Stelle weniger um Reformation, sondern um die geistlichen Inhalte.

Bei der Allianzkonferenz geht es inhaltlich um Texte aus dem Römerbrief. Was ist Ihnen dabei wichtig?
Vetter:
Das Motto »reform.aktion« klingt vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber es umschreibt den Schwerpunkt: Was wird denn konkret aus den in Römer 1–8 aufgezeigten theologischen Grundlagen in unserem persönlichen Leben, aber auch in der Haltung zu Israel, in der Einstellung zu unserem Staat oder im Blick auf das Miteinander der Christen?

Ist die Evangelische Allianz reformbedürftig?
Vetter:
Sicher. Wir sind alle immer reformationsbedürftig. Wir müssen uns mehr um junge Leute bemühen. Das gilt sicher für die Konferenz, aber auch weit darüber hinaus, nämlich für die circa 1000 Orte in Deutschland, wo sich Christen unter der Überschrift »Evangelische Allianz« treffen. Wir müssen uns auch über die Zukunft der Allianzkonferenz und ihre Ausrichtung Gedanken machen. Geistliches Leben lässt sich nicht einfach vererben.

Hundert Jahre lang ist das Konzept aufgegangen. Ist die Allianzkonferenz ein Auslaufmodell?
Vetter:
Das intensive Arbeiten an und mit der Bibel ist und bleibt ein wesentliches Markenzeichen der Allianz. Es kann nicht zur Debatte stehen. Aber das befreit uns natürlich nicht davon, immer wieder neu zu überlegen, wie und in welcher Form wir das in Zukunft tun wollen und können und Menschen damit angesteckt werden.

Inwieweit kennen Sie sich als gebürtiger Norddeutscher mit den Gepflogenheiten im Thüringer Wald in Bad Blankenburg aus?
Vetter:
Thüringer Bratwurst ist ein Muss. Ich habe familiäre Bindungen in den Osten, allerdings eher nach Sachsen. Bereits zu DDR-Zeiten war ich regelmäßig im Großraum Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt. Durch meine häufigen Aufenthalte im Evangelischen Allianzhaus bin ich mit den regionalen Besonderheiten im Thüringer Wald vertraut.

Gehört im Reformationsjahr dazu: Ihr Lieblings-Luther-Zitat?
Vetter:
»Das Wort Gottes ist wie ein Kräutlein, je mehr du es reibst, desto mehr duftet es.«

Was haben Sie sich für Ihre Amtszeit vorgenommen?
Vetter:
Ich will meinen Beitrag leisten, die Einheit der Christen voranzutreiben, aus mindestens zwei Gründen: Erstens hat Jesus dafür gebetet! Wenn es ihm ein so starkes Anliegen war, dann muss es für mich auch ein sehr wichtiges sein. Und zum Zweiten können wir Christen die Herausforderungen in unserer Zeit nur gemeinsam schultern.

Ekkehart Vetter studierte Evangelische Theologie in Hamburg und war ab 1983 zunächst Vikar und dann Pfarrer in Stade. 1993 wurde er Hauptpfarrer der Christus-Gemeinde in Mülheim an der Ruhr, die zum Mülheimer Verband Freichristlich-Evangelischer Gemeinden gehört, dessen Präses er seit 2003 ist. Zwischen 2011 und 2014 war Vetter im Vorstand der Vereinigung Evangelischer Freikirchen. Vetter gehört seit 2004 dem Vorstand der DEA an, seit 2012 war er deren 2. Vorsitzender. 2017 trat er die Nachfolge von Michael Diener im Amt des Vorsitzenden an. Vetter ist der erste Allianzvorsitzende aus der pfingstkirchlich-charismatischen Bewegung. Er ist seit 1978 mit seiner Frau Sabine verheiratet. Das Paar hat sechs Kinder und elf Enkel. (G+H)

Zu viel Luther?

30. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Das aktuelle Reformationsjubiläum ist kaum überschaubar und zugleich inspirierend. Eine kleine, ganz persönliche Auswahl der letzten Tage: Lesung von F. C. Delius, der in seinem Buch »Warum Luther die Reformation versemmelt hat« Luther den Erbsündenbegriff des Augustinus und damit die Sündhaftigkeit der Sexualität vorwirft und in der Diskussion einen »Erbsündenbeauftragten« der EKD fordert. Am gleichen Tag, wiederum in Wittenberg, eine Tagung über die Zukunft von Kirchengebäuden und über Ideen zur Transformation von Räumen zu Orten spiritueller Begegnung. Zwei Tage später ein Ausstellungsbesuch »Luther in Laach«, denn auch im Benediktinerkloster Maria Laach grassiert der Luther-Virus. Luther war hier natürlich nie, ist aber bis heute mit zahlreichen Schriften in der wunderschönen Bibliothek präsent, übrigens bis zum Zweiten Vaticanum als »verbotene Bücher« gekennzeichnet und erst danach als »allgemeine Theologie«. Die Vielzahl an Veranstaltungen in ganz Deutschland zeigt: Das Reformationsjubiläum ist eine Graswurzelbewegung!

Luther (ver)führt viele Menschen an die authentischen Stätten. Eine schöne Erfahrung: Auch die Heimat Luthers, das Mansfelder Land, wird zunehmend wahrgenommen, die Museen in Eisleben und Mansfeld besuchen fast dreimal so viele Gäste wie im gleichen Zeitraum 2016. Denn: Das Original zieht! Gegen jede kirchliche Luther-Skepsis und Luther-Ferne sei gesagt: Mit seinen Ecken und Kanten ist Luther ein faszinierender Mensch, ein »Vater im Glauben«, der mit seinem eigenen Ringen bis heute existenziell berührt, ein großartiger Schriftsteller und Seelsorger, eine Persönlichkeit Mitteldeutschlands wie der Weltgeschichte. 2017 ist ein Luther-Jahr, und das ist auch gut so!

Stefan Rhein

Der Autor ist Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt

Berühmter Bach-Botschafter

30. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Gesprächskonzerte mit Helmuth Rilling in Weimar, Erfurt und Eisenach

Bereits zum vierten Mal lädt Helmuth Rilling vom 6. bis 19. August internationale Chorsänger und Instrumentalisten nach Weimar ein, um gemeinsam mit einem Dozenten-Team an den Weimarer Kantaten Johann Sebastian Bachs zu arbeiten. In den vergangenen drei Jahren wurden aus zahlreichen Bewerbern jeweils 70 Musiker aus der ganzen Welt ausgewählt, die mit immenser Begeisterung und großem musikalischem Talent in kürzester Zeit zu einem exzellenten Chor und Orchester zusammenwuchsen.

In diesem Jahr werden 74 Musikerinnen und Musiker aus 19 Ländern mitwirken.

Hingebungsvolle Werktreue: Helmuth Rilling beim Dirigieren einer Bach-Kantate. Foto: Holger Schneider

Hingebungsvolle Werktreue: Helmuth Rilling beim Dirigieren einer Bach-Kantate. Foto: Holger Schneider

Mit den Teilnehmern der 4. Weimarer Bachkantaten-Akademie, die von den Thüringer Bachwochen in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik »Franz Liszt« in Weimar veranstaltet wird, wird Rilling herausragende Werke aus Bachs Kantatenschaffen erarbeiten, um sie dann in Gesprächs- und Abschlusskonzerten in Weimar, Eisenach, Erfurt und Leipzig zu erklären und aufzuführen. Im Mittelpunkt stehen diesmal vier Kantaten zu den großen Kirchenfesten, außerdem stellen sich Solisten, Chor und Orchester jeweils mit einem eigenen Konzertprogramm vor.

Kantaten zu den Kirchenfesten

Die Erfahrungen der letzten Jahre haben nachhaltig gewirkt: Die den Proben folgenden Konzerte waren für Interpreten und Publikum unvergessliche Erlebnisse. Sie haben in eindrucksvoller Weise gezeigt, welche Aufgabe ein derartiges Projekt gerade an historischem Ort erfüllen kann: Jungen Menschen den Geist Bachs und das Wesen seiner Musik zu vermitteln, sodass sie in ihrer Heimat kaum je wieder diese Musik spielen werden, ohne an diese Erfahrung zu denken.

Helmuth Rilling (84) ist zweifelsohne einer der großen Interpreten der Musik Johann Sebastian Bachs. Über die letzten fünfzig Jahre hat er mit zahllosen Konzerten, ausgewählten Ensembles und vielerlei Projekten für Aufsehen gesorgt. Er verantwortete die erste Einspielung des Bachschen Gesamtwerkes und schlug Brücken nach Osteuropa, Asien und Amerika. Die heute weltumspannende Präsenz der Musik des Thomaskantors würde es ohne ihn kaum geben. Rilling ist Gründer und langjähriger Leiter der Gächinger Kantorei und des Bach-Collegiums Stuttgart, der Internationalen Bachakademie Stuttgart und des Oregon Bach Festivals (USA). Der Dirigent ist darüber hinaus Initiator von Bach-Akademien in aller Welt.
Auftakt der öffentlichen Veranstaltungen in Thüringen ist am Mittwoch, 9. August, um 18 Uhr in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul mit der Kantate BWV 63 »Christen, ätzet diesen Tag«. Der Eintrittspreis beträgt 15 Euro (ermäßigt: 10 Euro).

Die folgenden Gesprächskonzerte werden ab Nr. 31 auf Seite 10 (Tipps und Termine) der Kirchenzeitung angezeigt. (G+H)

www.thueringer-bachwochen.de

Von Heiligen, Heiden und anderen Sündern

29. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Epheser 2, Vers 19

Wer sind hier eigentlich die »Heiligen«? Sind das solche Christen, die schon vor denjenigen, die im Epheserbrief angesprochen werden, Christen waren? Oder sind es, wie findige Ausleger sich ausgedacht haben, die Engel? Jedenfalls: Es geht um eine doppelte Zugehörigkeit. Die Angesprochenen sind einerseits »Mitbürger der Heiligen« und andererseits auch »Gottes Hausgenossen«. Es geht um die Gemeinschaft mit Gott und um die Gemeinschaft mit einer bestimmten Gruppe, eben den »Heiligen«, zu denen sich die Briefadressaten hinzugesellen dürfen.

Also, wer sind diese »Heiligen«? Schauen wir auf die vorangehenden Aussagen, aus denen unser Vers ja einen Schluss zieht: Angesprochen sind in Vers 11 »Heiden«, die früher einmal abschätzig »Unbeschnittene« genannt wurden, und zwar den Juden.

Prof. Manuel Vogel, Dekan der Theol. Fakultät, Jena

Prof. Manuel Vogel, Dekan der Theol. Fakultät, Jena

Der Apostel, selber Jude, legt in Vers 12 seinen Finger in diese alte Wunde: Ja, für den Glauben an Gott bedeutet es nichts Gutes, wenn man nicht zu Israel gehört. Und: Zwischen Israel und den Heiden gab es tatsächlich eine feindselige Trennung (Vers 14).

Aber der Apostel kann das alles in der Vergangenheitsform ansprechen, denn Gott hat in Christus zwischen Israel und den Heiden Frieden gemacht, und nicht nur das, er hat beide zu »einem Leib« verbunden (Vers 12). Die »Heiligen« in Vers 19, deren »Mitbürger« die angesprochenen »Heiden« nun sein dürfen, sind also Juden, die an Jesus glauben, und die im Gottesdienst mit den Nichtjuden, die auch an Jesus glauben, eine enge Gemeinschaft bilden.

Die gute Nachricht unseres Verses ist also zweiteilig: Die Gläubigen gehören zu Gott, und sie gehören zu Israel. Nach zwei Jahrtausenden Christentum ist uns der zweite Teil dieser Nachricht fremd geworden, so fremd, dass einige christliche Ausleger sagen, die »Heiligen« seien die Engel.

Das damalige Unterlegenheitsgefühl der Nichtjuden ist längst einem Überlegenheitsgefühl gewichen. Wo aber Christus Frieden gemacht hat, hat beides keinen Platz.

Prof. Manuel Vogel, Dekan der Theol. Fakultät, Jena

Es war nicht alles schlecht

28. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Streit um Zahlen: Gefühle oder Fakten? Wovon sollte man sich bei der Bewertung der Ereignisse in diesem Jahr leiten lassen? Warum die Evaluierung, also eine fachgerechte Untersuchung, notwendig ist.

Das Nacharbeiten ist gut so. Allerdings scheint der aus der Erinnerungsarbeit bekannte Relativierungs-Effekt einzusetzen. Die Erfolge sollen gewürdigt werden, das Kritische nicht unter den Teppich gekehrt, doch auch nicht allzu deutlich benannt werden. »Es war nicht alles schlecht.« Nein. Aber Differenzierungen sind angesagt.

Dafür eignet sich der Streit um die Zahlen zu den Kirchentagen auf dem Weg gut. Wie viele Teilnehmende für wie viele Veranstaltungen waren es nun genau? Wie viel Geld ist dafür ausgegeben worden? Das sind wichtige Fragen. Natürlich sagen Zahlen nichts über die Qualität der Angebote aus. Unser Erfurter Kirchentag war eine insgesamt wunderbare Erfahrung mit vielen gelungenen, intensiven und öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen, von denen wir noch lange profitieren werden. Trotzdem: Dass die Medienberichte so auf Zahlen fixiert waren, ist Folge des planerischen Selbstverständnisses der Veranstalter. Wenn wir vorher von so und so vielen zahlenden Gästen reden, müssen wir uns fragen lassen, wo sie waren.

Zu viel gewollt? Im Reformationsjahr gibt es im ganzen Land unzählige Veranstaltungen und Projekte. Nicht alles läuft rund und ist so erfolgreich wie der Bibelturm (Foto) am Wittenberger Hauptbahnhof. 27 Meter ragt er in den Himmel und bietet einen Blick über die Lutherstadt. Verkleidet ist er mit der revidierten Lutherbibel. Foto: epd-bild

Zu viel gewollt? Im Reformationsjahr gibt es im ganzen Land unzählige Veranstaltungen und Projekte. Nicht alles läuft rund und ist so erfolgreich wie der Bibelturm (Foto) am Wittenberger Hauptbahnhof. 27 Meter ragt er in den Himmel und bietet einen Blick über die Lutherstadt. Verkleidet ist er mit der revidierten Lutherbibel. Foto: epd-bild

Der Veranstalter-Verein r2017 hat zu groß geplant und vorbei an den (ostdeutschen) Realitäten. Erfahrungen und Vorannahmen wurden oft nicht gründlich diskutiert. An den Zahlen als Orientierungsrahmen entlang wurde der Einsatz von Personal, Finanzmitteln und Material kalkuliert. Damit stehen wir den Geldgebern (Steuerzahlern) gegenüber in der Pflicht und all denen, die jahrelang ihre Arbeitsleistung und auch ihr Herzblut in diese Veranstaltung gesteckt haben.

Erfolg und Misserfolg müssen benannt, verstanden und vor allem: es muss daraus gelernt werden. Wir können uns nicht leisten, nach einem Großprojekt, das planerisch derart gefloppt ist, eine »Wir-hatten-doch-unseren-Spaß«-Stimmung als rückblickendes Narrativ stehen zu lassen. Es geht nicht um kleinliche Veranstalter-Schelte.

Es geht um das, was jedem Großprojekt ordentlich nachfolgt: die Evaluierung. Welche Ziele wollten wir erreichen? Welche haben wir erreicht? Wie stand der Aufwand im Verhältnis zur Wirkung? Wie haben die beteiligten Akteure zusammengearbeitet? Wie sind die anvertrauten Mittel eingesetzt worden? Dies muss diskutiert werden. In Erfurt waren schätzungsweise über 700 Haupt- und vor allem Ehrenamtliche an den Vorbereitungen beteiligt. Sie haben ein Recht auf Auswertung.

Das Projekt Kirchentage auf dem Weg beruhte im Grunde auf einer einfachen organisatorischen Idee: Alle sollten am Ende vielfältiger Kirchentagserlebnisse nach Wittenberg auf die Elbwiesen zum großen Gottesdienst kommen. Diese Idee ist nicht aufgegangen. Warum ließen sich nur wenige aus den Kirchentagsstädten dazu motivieren? Welche inhaltliche Idee oder Vision hätte sie dazu verlocken können? Gab es denn eine inhaltlich verbindende und aktivierende Idee? Oder nur eine organisatorische: eben viele Menschen zusammenzubringen? Es gab viele schöne Einzelideen, und viele wertvolle Ziele wurden benannt. Aber bitte: Welches Leitwort stand über den Kirchentagen auf dem Weg, das alle mitentwickelt und mitgetragen hätten?

Und was war, in einem Satz zusammengefasst, die gebündelte Botschaft unserer Kirchentage? Evangelisch heute ist Vielfalt – das scheint mir zu wenig. Wir müssen aus den Antworten auf diese Fragen lernen. Sonst bleibt das Reformationsjubiläum eine Sache, die schnell vergessen wird: Ja, da war mal was. Wir bleiben als Kirche stecken und geben den Unkenden Recht, die sagten: Es geht nicht mehr um Inhalte, sondern nur noch um Strukturen und Events.

Jürgen Reifarth

Der Autor ist Beauftragter für das Reformationsjubiläum des Evangelischen Kirchenkreises Erfurt.

Wo Martin Luther auch war

24. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

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Testfahrt: Zerbst gehört von Anfang an zum Lutherweg in Sachsen-Anhalt. Der 2008 eröffnete Pilgerweg ist 2017 um einen Abzweig nach Magdeburg verlängert worden. Zu sehen gibt es einiges. Manchmal muss man raten.

Hier stehe ich und weiß nicht weiter. Nur zu gern würde ich im Dorf Schora in den Weg einbiegen, der mich weiter in Richtung Lübs und Elbe führt. Doch das letzte Lutherweg-Schild, ein altertümliches grünes L auf weißem Grund, habe ich am Stadtrand von Zerbst gesehen. So lege ich in der Ortsmitte eine Pause ein: am 2007 eingeweihten Gedenkort für die 1945 kriegszerstörte Kirche, von der nur eine Glocke übrig blieb. Zweimal schon bin ich, von Zerbst über die Dörfer Töppel und Moritz kommend, in Schora falsch abgebogen. Ein drittes Mal brauche ich das nicht. Aufs Navi habe ich (warum nur?) verzichtet – und das habe ich jetzt davon.

Streifzug durch eine alte Kirchenlandschaft

Bislang bildete Zerbst den Scheitelpunkt der Nordroute des Lutherweges. Seit diesem Frühjahr ließe sich die Stadt, die als erste in Anhalt ab 1522 die Reformation einführte, als Knotenpunkt bezeichnen. Denn der Lutherweg in Sachsen-Anhalt mit den Polen Eisleben im Westen und Wittenberg im Osten ist ab Zerbst in Richtung Magdeburg verlängert auf Wegen, die Martin Luther mit einiger Sicherheit einmal gegangen ist. Bei meiner Testfahrt mit dem Rad lasse ich diesmal einen Besuch der Zerbster Lutherorte aus. Vorbei an der Bartholomäikirche, in der Fürst Wolfgang der Bekenner begraben liegt, fahre ich durch die Stadt und suche meinen Weg über Nebenstraßen, Feldwege und durch Dörfer bis nach Dornburg im Kirchenkreis Elbe-Fläming, das auf der Website des Lutherweges als nächste Station ausgewiesen ist. Gleich hinter Zerbst überquere ich die unsichtbare Kirchengrenze: von der Evangelischen Landeskirche Anhalts in die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM). In Schora habe ich endlich einen Mann gefunden, der mir zeigt, wo ich abbiegen muss. Ich radele über einen tückischen Wirtschaftsweg. Mit Betonplatten ist er ausgelegt und mit Löchern durchsetzt, in denen, gut vom Regenwasser getarnt, Ösen aus Metall lauern. Weil ich die Reifen nicht beschädigen will, übe ich mich im Slalom – nur um am Ende an einer Landstraße zu stehen, zu der ich gar nicht wollte. Irgendwo zwischen den Feldern habe ich den direkten Abzweig nach Klein-Lübs verpasst. Lieber Gott, lass es Wegweiser regnen!

Die Christophoruskirche in Dornburg: Sie liegt am Luther- und am Elberadweg und ist verlässlich geöffnet. Im Hintergrund ist das Schloss zu sehen, das einst die Mutter der Zarin Katharina erbauen ließ. Fotos: Angela Stoye

Die Christophoruskirche in Dornburg: Sie liegt am Luther- und am Elberadweg und ist verlässlich geöffnet. Im Hintergrund ist das Schloss zu sehen, das einst die Mutter der Zarin Katharina erbauen ließ. Fotos: Angela Stoye

Da schimpfen nichts nützt, radele ich weiter und komme bald in den Genuss des Anblicks der Kirche in Gehrden. Sie ist, wie die Kirche im zu Beginn der Tour durchquerten Dorf Moritz, romanisch, restauriert und gepflegt, aber leider verschlossen. Nur wenige Male im Jahr gibt es in den kleinen Dörfern in diesem Teil des Jerichower Landes Gottesdienste. Dass die Kirchen verschlossen sind, wundert mich nicht. Ich weiß aus Gesprächen, wie schwierig es ist mit dem Kirchenöffnen. Ein Urteil darüber maße ich mir nicht an.

Einige Kilometer weiter stehe ich endlich in Klein-Lübs. Das Kirchlein, lange vom Verfall bedroht, besteht hinter dem Westturm aus Umfassungsmauern ohne Dach, in die sich ein später eingebauter Gemeinderaum kuschelt. Ich spähe durch ein Fenster, um einen Blick auf ein Gemälde von Luther mit einem Schwan zu erhaschen, das sich hier befinden soll. Aber ich sehe nur ein großes dunkles Rechteck an einer Kirchenwand. Das Motiv bleibt mir verborgen.

Die Klusbrücke bei Wahlitz: Über sie musste Martin Luther gehen, als er 1524 auf Einladung der Stadtväter zum Predigen nach Magdeburg wollte. Die Brücke und der anschließende Klusdamm waren bis ins 19. Jahrhundert ein viel benutzter Verkehrsweg von Magdeburg durch die Auen nach Ostelbien. Auch 1516 soll Luther die Brücke genutzt haben, als er als Distriktsvikar der Augustiner-Eremiten zu den Klöstern seines Ordens unterwegs war.

Die Klusbrücke bei Wahlitz: Über sie musste Martin Luther gehen, als er 1524 auf Einladung der Stadtväter zum Predigen nach Magdeburg wollte. Die Brücke und der anschließende Klusdamm waren bis ins 19. Jahrhundert ein viel benutzter Verkehrsweg von Magdeburg durch die Auen nach Ostelbien. Auch 1516 soll Luther die Brücke genutzt haben, als er als Distriktsvikar der Augustiner-Eremiten zu den Klöstern seines Ordens unterwegs war.

Weiter geht’s. Im Wald bis Dornburg sehe ich deutlich, wie schlimm der Sturm vom 22. Juni im Jerichower Land gewütet hat; besonders betroffen ist zwar das Dorf Töppel. Aber in den Wäldern um Gommern hat er viele Bäume entwurzelt und andere geknickt, als ob es Bleistifte wären. Zwar sind die Wege frei, aber wie viel Zeit und Geld nötig sind, um alle Schäden zu beseitigen, vermag ich nicht abzuschätzen.

Ein großes »Kirche geöffnet«-Schild heißt die Besucher in Dornburg an der Elbe willkommen. Die schlichte, von 1755 bis 1758 erbaute Barockkirche strahlt innen wie außen weiß. Ich ruhe eine Weile aus und nehme mir fest vor, zu einem der Konzerte, die es hier ab und zu gibt, wiederzukommen. Auch um mehr Zeit für die Landschaft und das Schloss zu haben. Darüber, dass Dornburg einmal anhaltisch war und dass Fürstin Johanna Elisabeth von Anhalt-Zerbst hier von 1751 bis 1758 ein wunderschönes Barockschloss erbauen ließ, habe ich mich vor der Fahrt informiert. Die Mutter der Zarin Katharina, die als die Große in die Geschichte eingehen sollte, wollte ihrer Tochter, wenn sie denn einmal zu Besuch käme, ein angemessenes Quartier bieten. Die Tochter kam aber nie. Hinter dem Schloss liegt eine wechselvolle Geschichte und eine offene Zukunft: Seit Längerem wird ein Käufer gesucht.

Romanik pur in Pretzien und Plötzky

Ab Dornburg ist auch die Beschilderung kein Problem. Elberadweg- und Lutherweg-Schilder zeigen zuverlässig, wo es langgeht. Die nächste Station ist Pretzien. Den Schlüssel für die romanische Thomaskirche mit ihren mittelalterlichen Fresken können sich Besucher in der nahe gelegenen Tourist-Information holen, wenn sie nicht gerade sonnabends oder sonntags von 14 bis 16 Uhr ankommen. Die romanische Kirche im Nachbardorf Plötzky kann ab Mai täglich von 9 bis 17 Uhr besichtigt werden.

In Gommern, für das es bisher keinen Hinweis auf einen Aufenthalt Martin Luthers gibt, beende ich meinen Lutherweg-Test. Die nächsten Sehenswürdigkeiten auf dem Weg – die mittelalterliche Klusbrücke bei Wahlitz, die Luther mindestens zwei Mal überquerte, und die sechs Sehenswürdigkeiten in Magdeburg – kenne ich bereits. Mein Fazit: Bisher habe ich diese alte Kulturlandschaft immer mit der Bahn durchfahren oder noch gar nicht gekannt. Durch die Stunden auf dem Rad und zu Fuß habe ich sie erst richtig entdeckt.

Angela Stoye

www.lutherweg.de

Vorerst kein Nachfolger in Sicht

24. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

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Traditionspflege: Zum 26. Mal verantwortet Gottfried Preller den Thüringer Orgelsommer

Jetzt, in der zweiten Julihälfte, muss der Thüringer Orgelsommer ohne Gottfried Preller auskommen. Urlaub. Das muss sein, nach Monaten der Vorbereitung und bereits zwei Wochen Konzertbetrieb mit Gastspielen kreuz und quer im Freistaat. Eine Auszeit mitten im Dauertrubel, die zuvor beim Durchhalten eine schöne Aussicht bot. Denn der 69-Jährige ist noch immer das, was er gar nicht mehr sein wollte: für alles hauptverantwortlich. Er ist der künstlerische und organisatorische Leiter der landesweiten Konzertreihe, die kurz nach der Wende aus dem von ihm initiierten Arnstädter Orgelsommer hervorging. Und er ist der Präsident des Trägervereins, des Thüringer Orgelsommer e.V.

Natürlich gibt es Helfer. Sehr viele sogar in den Juliwochen, die Sorge tragen für das Gelingen der Veranstaltungen. Die Karten verkaufen, Programme verteilen, hinterher auch wieder aufräumen. In diesem Jahr sind sie bei 55 Konzerten im Einsatz, was einen Spitzenwert darstellt. Die hohe Zahl lässt sich leicht erklären: In mehreren Kirchen wurden jüngst Restaurierungsprojekte abgeschlossen, hier sollten die Orgeln unbedingt wieder in Konzerten zu hören sein. Das ist schließlich das Anliegen der Reihe. Sie will aufmerksam machen auf die kostbaren, teils jahrhundertealten Instrumente überall im Land – auf ihre Klangschönheit oder ihren Jammerzustand.

Gottfried Preller mit dem Programmheft der Konzertreihe. Foto: Susann Winkel

Gottfried Preller mit dem Programmheft der Konzertreihe. Foto: Susann Winkel

Die zahlreichen Mitstreiter und die akribische Aufgabenverteilung und Planung der vergangenen Monate erlauben es, dass Gottfried Preller und seine Frau Annette doch wegfahren können. Obwohl sich noch immer kein Nachfolger gefunden hat. Zumindest keiner, der leidenschaftlich – oder verrückt – genug ist, die Leitung des Thüringer Orgelsommers in jenem ehrenamtlich-unbezahlten Umfang zu übernehmen, wie ihn Gottfried Preller seit einem Vierteljahrhundert stemmt. Dabei wollte der frühere Kirchenmusikdirektor, Bachkirchen-Kantor und Orgelsachverständige nach dem Jubiläumssommer 2016 eigentlich auch als Privatmann seinen Ruhestand beginnen. Nicht zuletzt, weil es die Rücksicht auf seine Gesundheit fordert.

Doch das Loslassen von Verantwortung muss vorerst verschoben werden. Der 69-Jährige kümmert sich weiter, so, wie er es seit 26 Jahren tut. Das ist vorübergehend eine Lösung und zugleich Teil des Dilemmas. »Ich dominiere den Laden«, sagt er mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Selbstkritik. Immerhin gäbe es »den Laden« ohne ihn ja auch nicht und keiner kennt sich darin so gut aus wie Gottfried Preller. An die 2 000 Konzerte gab es schon im Thüringer Orgelsommer, deshalb weiß er, wo in der Rhön besonders viele Zuhörer kommen und in welcher Dorfkirche die Logistik knifflig zu lösen ist. Gibt es ein Problem, dann weiß er, wie es anzupacken ist, ohne großes Gerede.

Die Konzertreihe, ist sich Gottfried Preller sicher, kann auch künftig nur von einer Führungsperson geleitet werden. Einer muss das Sagen haben und die Verantwortung, aber er muss auch delegieren können – an weitere Ehrenamtliche. Anders als etwa die Thüringer Bachwochen hat der Thüringer Orgelsommer kein Budget, das es erlauben würde, für die Organisation, das Einwerben von Mitteln oder die Bewerbung der Reihe Mitarbeiter einzustellen. Was bei um die fünfzig Konzerten pro Jahrgang eigentlich vonnöten wäre. Es ist eben ein wirklich großer »Laden«, den Gottfried Preller da führt, mit viel Liebe und auch Selbstaufopferung, wie er sagt. Der Abschied in den Ruhestand ist jedenfalls erst einmal vertagt.

Susann Winkel

Noch bis zum 30. Juli präsentiert der Thüringer Orgelsommer Konzerte in Kirchen sowie open air.
www.orgelsommer.de

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