Heilige Schrift im Bild

14. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Weimarer Kinderbibel eine Woche in Wittenberg

Mitteldeutsch-2-32-2017Unter dem Motto »Bild und Bibel« steht die 13. Themenwoche der Weltausstellung Reformation vom 16. bis 21. August in Wittenberg. Besucher können alte Ikonen und neue Icons entziffern, mit Künstlerinnen und Künstlern ins Gespräch kommen, über Bilderverbote diskutieren und vieles mehr.

Mit dabei ist im Bugenhagenhaus die Weimarer Kinderbibel, geschrieben und gestaltet von Kindern.

Mit inzwischen sechs Staffeln kann das Projekt der Kinderbibel einen Erfolg vorweisen, der beim Start im Jahr 2012 nicht abzusehen war. Im Lauf der Jahre haben sich über 500 Kinder aus Weimar und anderen Orten in Thüringen beteiligt.

Kinder des ersten Jahrganges der Weimarer Kinderbibel blättern im fertigen Exemplar. Foto: Maik Schuck

Kinder des ersten Jahrganges der Weimarer Kinderbibel blättern im fertigen Exemplar. Foto: Maik Schuck

Bei der Themenwoche in Wittenberg anwesend ist auch die Ideengeberin, die promovierte Sprachwissenschaftlerin Annette Seemann. Die von Frank Nolde kuratierte Ausstellung im Bugenhagenhaus zeigt ausgewählte Geschichten und Gestaltungen aus den sechs Jahren Projektarbeit mit Kindern der Klassenstufen vier bis sieben. Hinzu kommen Fotos vom Entstehungsprozess der Kinderbibeln und natürlich die Bibeln selber.

Ebenfalls im Bugenhagenhaus präsentiert sich unter dem Thema »Kirchliche Kunst im ganzen Land« die 1999 gegründete Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut.

(G+H)

Literarische Gesellschaft Thüringen (Hrsg.): Weimarer Kinderbibel. Geschrieben und gestaltet von Kindern: Erlesene Geschichten und Bilder, Wartburg Verlag, 168 S., ISBN 978-3-86160-278-1, 14,90 Euro

https://r2017.org/nc/weltausstellung/programm/kalender

Meisterliche Handwerkskunst

14. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Orgelbau: Neue Pfeifen für Walldorfer Orgel in Bad Liebenwerda gegossen

Wie aus flüssigem Metall mit vollendeter Handwerkskunst Orgelpfeifen geformt werden, konnten Mitglieder der Kirchengemeinde Walldorf (Kirchenkreis Meiningen) bei einem Besuch der Orgelbaufirma Voigt in Bad Liebenwerda (Lausitz) miterleben. Vor den Augen der weit gereisten Thüringer Gäste wurden in einem historischen Augenblick die ersten Pfeifen für ihr zukünftiges Instrument gegossen.

Die neue Orgel ist für die im Wiederaufbau befindliche Kirchenburg Walldorf bestimmt, die 2012 vollständig abbrannte. Christus war vom Kreuz gefallen, das Dach eingestürzt, Orgel und Altar wurden vollständig vernichtet und der Glockenturm war einsturzgefährdet. Das Gebäude wird seitdem nach einem aufwendigen Konzept für mehrere Millionen Euro wieder aufgebaut. »In den vier eingereichten Angeboten konnte der Mitteldeutsche Orgelbau Voigt am meisten überzeugen«, so Pfarrer Heinrich Freiherr von Berlepsch. »Uns war es wichtig, bei der Konstruktion der Orgel ein Fenster einzubinden, das den Raum dominiert und Licht spendet. Das gelang Dr. Markus Voigt optimal. Er hatte das interessanteste Konzept«, erklärt der vom Ambiente der Szenerie sichtlich begeisterte Pfarrer.

Historischer Augenblick: Orgelbaumeister Axel Thomaß (rechts) sowie der Orgelbaumeister und Restaurator Matthias Voigt (links) gießen in Bad Liebenwerda die ersten Pfeifen für das neue Instrument der am 3. April 2012 abgebrannten Kirchenburg in Walldorf. Foto: Veit Rösler

Historischer Augenblick: Orgelbaumeister Axel Thomaß (rechts) sowie der Orgelbaumeister und Restaurator Matthias Voigt (links) gießen in Bad Liebenwerda die ersten Pfeifen für das neue Instrument der am 3. April 2012 abgebrannten Kirchenburg in Walldorf. Foto: Veit Rösler

Den Walldorfern war der Brand ihrer Kirche tief zu Herzen gegangen. Nun standen einigen Vertretern der Kirchengemeinde beim Entstehen der neuen Pfeifen die Tränen in den Augen. Zunächst auf 290 Grad erhitzt, wird das flüssige Metall aus einer Legierung von 70 Prozent Zinn und 30 Prozent Blei unter Zugabe eines Flussmittels aus Wachs auf exakt 195 Grad herabgekühlt. Dann müssen die Orgelbaumeister rasanten Schrittes die mit flüssigem Metall gefüllte Lade über einen Tisch ziehen. Dabei entsteht eine dünne, etwa drei Millimeter starke und 330 Zentimeter lange Metallplatte.

So ein anspruchsvoller Gießvorgang findet nur ganz selten im Jahr statt. Viele Orgelbaubetriebe lassen die Pfeifenplatten daher bei externen Firmen maschinell anfertigen. Die Platten werden dann in eine Zinnhobelmaschine eingespannt und auf das für den zukünftigen Ton exakt vordefinierte Maß zwischen 1,2 und 0,22 Millimeter abgehobelt. Ein Polierstein bringt den letzten Schliff. Legierung und Starkwandigkeit sind entscheidend für den zukünftigen Ton. Danach werden die dünnen Bleche in die markante runde Form gebracht und von Hand verlötet. Für die Walldorfer Orgel müssen insgesamt 1 072 Pfeifen unterschiedlichster Größe hergestellt werden, die etwa im Dezember 2018 fertiggestellt sein sollen.

Veit Rösler

Lebendigkeit statt Perfektion

14. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Impulse nach innen: Auch den Kirchengemeinden im Norden machen Mitgliederschwund und Einsparungen zu schaffen. Trotzdem soll kirchliches Leben aufrechterhalten werden. Mit dem Regionalbischof des Sprengels Stendal-Magdeburg, Propst Christoph Hackbeil, sprach Angela Stoye.

Herr Hackbeil, stellen Sie sich vor, Sie wären Tourismusmanager. Wo würden Sie die Menschen in Ihrem großen Sprengel hinschicken?
Hackbeil:
Auf die »Straße der Romanik«, denn die ist wirklich eine gute Idee – mit einer Einschränkung: Die großen Kirchen wurden jüngst noch mehr hervorgehoben. Ich würde dazu noch ein paar wunderbare kleine Kirchen empfehlen wie Melkow und Wust bei Jerichow. Nördlich des Huy liegt zum Beispiel Deersheim mit zwei romanischen Kirchen. Auch ein Abstecher nach Calbe an der Saale mit der Kirche in Gottesgnaden lohnt sich.

Da haben Sie eine Vorlage geliefert: Kleine Dorfkirchen sind oft verschlossen. Das kommt bei Besuchern nicht gut an …
Hackbeil:
Auch ich wünsche mir, dass mehr Kirchen zuverlässig geöffnet werden. Und der Prozess hin zu mehr offenen Kirchentüren ist in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in Gang. Die Gemeinden werden informiert und geschult. Da sind die Kirchenkreise dran. Aber das Kirchenöffnen geht – wie vieles – nicht von heute auf morgen.

Das Ziel, im 500. Jubiläumsjahr der Reformation alle 4 000 Kirchen der EKM zu öffnen, wird nicht erreicht …
Hackbeil:
Das ist leider so. Ich sehe das Problem von zwei Seiten: erstens von Seiten der Touristen. Für sie ist eine offene Kirche ein Zeichen von Gastfreundschaft, eine verschlossene nicht.

Zweitens: Eine Kirche, die kaum noch benutzt wird, wird auch im eigenen Ort kaum noch wahrgenommen. Sehr wichtig ist deshalb, dass die Kirche für die Menschen ihres Ortes offen ist.

Zum Beispiel: Eine kleine Dorfkirche, die von einem Friedhof umgeben ist, kann sonnabends aufgeschlossen werden, wenn viele Menschen zur Grabpflege kommen. Auch Andachten können in dieser Zeit gehalten werden. Das regelmäßige Aufschließen ist deshalb auch ein wichtiger Impuls nach innen. Im Übrigen produzieren wir mit dem Starren auf Zahlen unnötigen Verdruss. Dem Landeskirchenrat liegt etwas daran, dass Bewegung in die Sache kommt.

Für mich hat es den Anschein, als ob man mehr auf »Leuchttürme« setzt denn auf Angebote in der Fläche.
Hackbeil:
Wir haben auch »Leuchttürme« auf dem Lande, wie ehemalige Klöster – Arendsee, Drübeck oder Neuendorf bei Gardelegen –, von denen die Menschen heute noch sagen, dass sie beim Betreten eine besondere Atmosphäre spüren. Kloster Jerichow beispielsweise ist offen und es gibt den Sommer über tägliche Andachten. Aber auch kleinere Orte bieten Besonderes, etwa die Schlosskirche in Erxleben, wo sich ein rühriger Verein nicht nur um den Gebäudeerhalt kümmert, sondern auch die Geschichte hebt. Oder der Ort Gnadau, eine Gründung der Herrnhuter Brüdergemeine, in dem der Glaube Gestalt angenommen hat.

Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt, die Zahl der Mitarbeiter auch. Überall muss gespart werden. Wie sollen Haupt- und Ehrenamtliche alle Aufgaben in der Fläche bewältigen?
Hackbeil:
Die Pfarrer und die anderen kirchlichen Mitarbeiter stehen vor einer Riesenaufgabe. Dabei sind die Pfarrstellen in der Altmark mit teils 20 Dörfern und mehr noch einmal eine besondere Herausforderung. Wenn Pfarrer in einigen Jahren in den Ruhestand gehen, wissen sie, dass ihre Stelle nicht mehr besetzt wird. Auf diesen Abschied hin zu leben, ist nicht leicht.

Ich ziehe den Hut davor, wie viele Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker unverdrossen weiter ihren Dienst tun. Daher denke ich: Das kann nicht nur an den Zahlen liegen, sondern auch am Betriebsklima.

Woraus schließen Sie das?
Hackbeil:
Ich habe vor Kurzem die Ergebnisse einer Studie gelesen, die in zwei Landeskirchen zur gesundheitlichen Situation von Pfarrerinnen und Pfarrern gemacht wurden. Da zeigte sich: Die Sorge vor Burnout und Depressionen wurde auf dem Land weniger dort gesehen, wo alle Mitarbeiter gut zusammenarbeiteten. Ich sehe die Tendenz zu verbindlicher regionaler Zusammenarbeit als unumkehrbar an, sodass sich drei, vier, fünf Mitarbeiter als regionales Team verstehen und sich mit Mut den veränderten Verhältnissen stellen. Das schließt auch die Ehrenamtlichen mit ein.

Stichwort Ehrenamt: Werden die Aufgaben, die nicht mehr bezahlt werden können, vermehrt auf sie abgewälzt, also Ehrenamtliche als Lückenbüßer?
Hackbeil:
Das höre ich manchmal. Aber ich erlebe auch anderes. Immer dort, wo Ehrenamtliche das Gemeindeleben selber gestalten, sind sie ganz anders motiviert und halten auch die Leute zusammen. Mit großer Hochachtung erlebe ich Menschen im Prädikantendienst.

Umso ärgerlicher finde ich es, dass die Verwaltung oft noch immer so gestaltet ist, dass sie – trotz gegenteiliger Aussagen – ehrenamtliches Engagement oft erschwert statt erleichtert: lange Wege, mehrfache Wege, Wartezeiten und so weiter. Das entmutigt. Da hat die EKM ein selbstgemachtes Problem, das nur durch besseren Service zu lösen ist.

Um dann was in Zukunft besser zu können?
Hackbeil:
Sich auf die geistlichen Aufgaben zu konzentrieren. Denn eine Kirchengemeinde ist etwas anderes als ein Verein. Ich sehe das Öffnen der Kirchen nicht als technischen Vorgang an, sondern als geistlichen.

Dazu gehört auch, dass zum Beispiel der Altar mit Blumen geschmückt wird oder dass Gesangbücher gleich am Eingang bereitliegen. Kurz: ein Wachsein dafür, wie große theologische Fragen in kleinen praktischen Bezügen gedacht werden können.
So ein Beispiel habe ich nach Pfingsten in Hagenau, einer kleinen Kirche bei Osterburg erlebt. Da habe ich gespürt: Hier wirken Älteste, die alles im Blick haben. Obwohl es dort nur selten Gottesdienste gibt: Wenn, dann ist es ein richtiges Fest, ein Höhepunkt im Dorfleben.

Stichwort Regionalisierung. Wann werden die Gemeindeglieder wirklich selbstverständlich zum Gottesdienst in das Nachbardorf fahren?
Hackbeil:
Wenn die erste Frau zur katholischen Priesterin geweiht wird … – will sagen: Unter dem Sparzwang dürfen wir nicht den Eindruck erwecken, alle Probleme müssen mit dem neuen Stellenplan bis 2019 gelöst sein. In manchen Kirchenkreisen war das schon vor Jahrzehnten dran, zum Beispiel ab den 1970er-Jahren im damaligen Kirchenkreis Merseburg. Woanders kommt die Regionalisierung erst jetzt an die Reihe. Prozesse sind dran, wann sie dran sind.

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Wichtig ist, das Miteinander von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern zu fördern. Wichtig ist, den Menschen Mut zu machen, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Geduld zu haben und sich nicht darüber zu beklagen, wo etwas nicht ist, sondern schauen, wo etwas wächst.

Bei den Menschen, die wollen, dass alles wieder so ist wie vor 50 Jahren, ist doch vor allem der Wunsch nach Gemeinschaft sehr groß. Wir sollten ihnen die Gelegenheit in neuen Formen der Gemeinschaft geben, verbunden mit einer spürbaren geistlichen Mitte.

Wie kann das geschehen?
Hackbeil:
Durch das Gebet – in traditioneller Form und in neuem Gewand. In der EKM gibt es seit Oktober 2015 den Gebetskalender. Etwa 80 Menschen bekommen – jede Woche aktualisiert – Mails mit Gebetsanliegen. Einzelpersonen machen hier genauso mit wie die Kommunitäten. Für diese gewachsene Gemeinschaft bin ich sehr dankbar. Aber an den Gebeten könnten sich noch mehr beteiligen.

Zweitens das Abendmahl: Ich finde, wenn in kleinen Kirchen nur noch wenige Male im Jahr Gottesdienst gefeiert wird, sollte immer auch ein Abendmahl dazugehören. Leider ist dem nicht so. Aber unter dem Gemeinschaftsaspekt gesehen, könnten sich Pfarrer und Gemeinden bei weniger Gottesdiensten sogar darauf verständigen, diese immer mit Abendmahl zu feiern. Denn wir sind nicht nur unter das Wort Gottes gerufen, sondern auch an den Tisch Jesu geladen!

Und wir können nicht ein gemeinsames Abendmahl von evangelischen und katholischen Christen fordern, wenn wir das Sakrament in unseren Kirchen nicht mehr als tragende Praxis erleben!

Heißt das, dass die weniger werdenden Mitarbeiter noch mehr tun sollen?
Hackbeil:
Nein. Die hohe Belastung der Mitarbeiter macht mir Sorgen. Viele laden sich schon jetzt zu viel auf. Ich habe große Achtung vor dieser Einstellung, aber wir müssen alle darüber nachdenken, wie es anders gehen kann. Leider habe ich kein Rezept, das hat keiner. Aber dass Zeit zur gemeinsamen Suche bleibt, gehört zur geistlichen Klärung. Ich finde es gut, dass die Landeskirche für Pfarrerinnen und Pfarrer Möglichkeiten des Ausgleichs und zum Auftanken schafft, etwa durch Studiensemester, Sabbatzeiten, Aufenthalte im Kloster und anderes.

Geht der Trend nicht doch hin zum Gottesdienst vom Fließband?
Hackbeil:
Ich habe als Dorfpfarrer auch drei Mal am Sonntag Gottesdienste halten müssen und war von Mal zu Mal müder. In meiner Anfangszeit als Propst habe ich gemeint, in meinen Predigten besonders viel Staatstragendes unterbringen zu müssen. Alle Themen, die unsere Kirche jetzt bewegen, in zehn Minuten! Dabei habe ich mich ziemlich verspannt. Erst eine Fortbildung, ein Predigt-Coaching, hat mir geholfen. Da habe ich das Gegenteil gelernt. Weniger ist oft mehr.

Das klingt nach noch mehr Arbeit statt Entlastung.
Hackbeil:
Nein. Denn es muss nicht alles perfekt sein. Alle streben nach Perfektion, aber die Lebendigkeit ist der wesentliche Aspekt, den man nicht über Bord werfen darf. Vier Mal oder öfter eine Predigt vorzulesen ist für mich keine Lösung. Ein bisschen Sicherheit durch das Manuskript ist gut. Aber ein Pfarrer, eine Pfarrerin sollte – im lutherischen Sinne – sich dessen fröhlich gewiss sein, was zu tun ist. Zeigen, wo mich das Wort der Schrift berührt hat.

Propst Hackbeil, der Sommerurlaub an der Ostsee und im Harz liegt hinter Ihnen. Was bringt die nächste Zeit für Sie persönlich?
Hackbeil:
Nach Fortbildungen in »Führen und Leiten« und in klinischer Seelsorge befinde ich mich in einer Ausbildung zum geistlichen Begleiter. Denn der Austausch über den geistlichen Kern unseres Tuns ist doch das Wichtigste überhaupt.

Christoph Hackbeil, Jahrgang 1956, ist seit Januar 2009 Propst des Sprengels Stendal-Magdeburg und Inhaber der ersten Pfarrstelle am Stendaler Dom. Seine Wahl war die erste Propstwahl in der EKM.

Propst Hackbeil stammt aus Leipzig, wo er die Thomasschule besuchte und im Thomanerchor sang. Nach dem Theologiestudium in Leipzig war er drei Jahre Studieninspektor am Reformierten Konvikt in Halle. Danach wechselten er und seine Frau Ulrike, ebenfalls Pfarrerin, in die Altmark nach Mieste und Gardelegen. Von 2000 bis zu seinem Amtsantritt als Regionalbischof war Christoph Hackbeil Superintendent des Kirchenkreises Halberstadt.

Das Ehepaar Hackbeil hat drei erwachsene Söhne und vier Enkel. (G+H)

Der Vater der »Rechtschreibung«

14. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Anhaltgeschichte(n): Der Sprachreformer und Poet Philipp von Zesen aus Anhalt besang seine Heimat und das Vaterland in tausend Versen. Zu Lebzeiten war er eher als Dichter erfolgreich.

Bin ich schon in Amsterdam bei den schönen Amstelinnen/Denk’ ich dannoch immerzu an die lieblichen Mildinnen. Werd’ ich lüstern schon gemacht durch der Amsteltöchter Spiel:

Dannoch bist du solcher Lust/liebstes Prirau/einigs Ziel. […] Aber was verzieh’ ich noch einen Wunsch zu guhter letzte Dir zu schenken/dir/ach! dir/das mich ehmals so ergetzte/Dir/mein Askre/Tespe/Päst/dir das recht ich nennen mus/Liebstes Prirau/dem ich hier geben diesen Liebeskus?«

Das Herz des Anhalters schlägt höher, vernimmt er diese Zeilen. Dabei lag dieses Priorau, das hier besungen wird, im Jahr ihrer Veröffentlichung (1680) gar nicht in Anhalt, sondern in einer kursächsischen Enklave südlich von Dessau.

Der Dichter, auf den diese Zeilen zurückgehen, stand 1680 im 61. Lebensjahr und war einer der meistgelesenen Literaten. Philipp von Zesen wurde 1619 in Priorau als Sohn eines Pfarrers geboren. Nach dem Schulbesuch in Halle veröffentlichte er noch während des Studiums in Wittenberg erste poetologische und poetische Werke. Früh wurde seine Innovationskraft deutlich, indem er dem Daktylus, einer antiken Grundform der Versbildung, zum »Revival« verhalf.

Das Geburtshaus: Anders als die Kirche ist das Pfarrhaus in Priorau, wo Philipp von Zesen 1619 zur Welt kam, erhalten geblieben. Foto: Lutz Sebastian

Das Geburtshaus: Anders als die Kirche ist das Pfarrhaus in Priorau, wo Philipp von Zesen 1619 zur Welt kam, erhalten geblieben. Foto: Lutz Sebastian

1643 gründete Zesen in Hamburg die »Deutschgesinnte Genossenschaft«, eine standes- und geschlechterübergreifende Gesellschaft zur Pflege der deutschen Sprache. Heute ist er wegen seiner Bemühungen um die Verdeutschung von Fremdwörtern ein Begriff: Zwar ist der vielzitierte »Gesichtserker« anstelle der »Nase« nicht von ihm, und seine Verdeutschung des Wortes »Pistole« als »Meuchelpuffer« hat sich ebenso wenig durchsetzen können wie der »Jungferzwinger« anstatt des Frauenklosters, aber immerhin gehen »Rechtschreibung« statt »Orthografie«, »Anschrift« statt »Adresse«, »Besprechung« für Rezension und »Freistaat« für Republik auf ihn zurück.

In seiner Zeit war Zesen vor allem als Dichter erfolgreich; auch als Übersetzer französischer und englischer Romane machte er sich einen Namen. Seine Hauptwohnorte waren Hamburg und Amsterdam. Dass er 1649 in die Fruchtbringende Gesellschaft, die größte und älteste Sprachakademie Deutschlands mit Sitz in Köthen, aufgenommen wurde, lag auch daran, dass er 1648 nach Priorau zurückgekehrt war und sich am Hof in Dessau als Gesellschafter aufhielt. Fünf Jahre später wurde Zesen von Kaiser Ferdi­nand III. geadelt. Schon 1541, also mit 22 Jahren, hatte er das Gedicht »Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne« veröffentlicht. Es steht unter Nr. 444 im EG.

Manches an der Barockdichtung erscheint uns fremd und umständlich, und Zesens eigenwillige Reformvorschläge blieben schon damals nicht ohne Kritik. Heute ist die Forschung sich jedoch einig, dass seine Poetik mithalf, eine »geschmeidige deutsche Literatursprache« zu schaffen (Ferdinand van Ingen), ohne die die klassische Dichtung kaum denkbar wäre.

Die Kirche von Priorau: Sie wurde erst 1817 erbaut. Nur wenige Ausstattungsstücke erinnern an die Zeit, als Philipp von Zesen hier lebte. Foto: Lutz Sebastian

Die Kirche von Priorau: Sie wurde erst 1817 erbaut. Nur wenige Ausstattungsstücke erinnern an die Zeit, als Philipp von Zesen hier lebte. Foto: Lutz Sebastian

»Prirau oder Lob des Vaterlandes« – so lautet der Titel des 1 000 Verse umfassenden Gedichts – ist ein patriotisches Werk. Aber dieser Patriotismus ist keiner, der sich selbst genügt oder andere herabsetzt, sondern er steht in eben diesem Kontext einer ideellen Aufwertung deutscher Kultur. Dem Gedicht fügte Zesen einen Anmerkungsapparat hinzu, der in der Erstpublikation viermal so lang war wie das Gedicht. Im Haupttext werden der Reichtum und die Schönheit einer vermeintlich unbedeutenden Landschaft aufgeschlossen; über Anspielungen wird in den Fußnoten in die Welt der Antike eingeführt. Dieses Wissen sollte nicht länger der Griechisch und Lateinisch beherrschenden Elite vorbehalten sein. Die deutsche Sprache eignete sich, dies ist Zesens wichtigste Botschaft, ebenso zu seiner Vermittlung.

Priorau steht für die Provinz, aber diese Provinz ist aller Mühen und Ehren wert. In ihrer nur scheinbaren Banalität gehört ihr die tiefste Zuneigung des lyrischen Ichs, die auch im verführerischen Amsterdam nicht verblasst: Dieses Priorau ist sein »Askre, Tespe, Päst« – das sind Städte der griechischen Mythologie – und Prioraus Berg, der Finkenberg am westlichen Muldeufer (die »Milde« ist die Mulde), das ist der »Helikon« des lyrischen Ichs. Er ist ihm mindestens so viel wert wie jenes sagenumwobene Gebirge in Griechenland.

Und der dieses Land kennt, um das es geht, wird sich auch heute dem Wunsch, mit dem das Gedicht schließt, kaum verschließen können:

»Es gehaben sich dan wohl deine Gärte[n]/mit den Feldern/Mit den Auen/mit der Trift/mit den Aengern/Wiesen/Wäldern/Mit den Bächen, mit der Mild’ und den Teichen/jahr für jahr! Alles/was mein Prirau hägt/sei gesegnet immerdar!«

Jan Brademann

Unterricht im Container

13. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Nächste Etappe: Noch zeigt sich das Gelände in der Franz-Mehring-Straße in Gera wüst und unwirklich. Zerfallene Industriebauten, unsanierte Gebäude und unebene Wege erinnern rein gar nicht an eine Schule. Doch es sprießt Hoffnung auf dem Gelände.

Mitten auf dem ehemaligen Schulhof einer Berufsschule stehen moderne Schulcontai­ner und davor wird eifrig gewerkelt. Es werden Versorgungsleitungen verlegt und ein abgestecktes Areal markiert den Platz, wo bald ein Holz-Pavillon entstehen wird.

»Für die Klassen 1 bis 3 genügten uns die Räumlichkeiten in der Evangelisch Freikirchlichen Gemeinde Gera, der G 26, in Gera.

Doch mit Beginn des neues Schuljahres und der Schaffung einer vierten und fünften Klasse wird es dort leider zu klein«, beschreibt Nicole Scheffel-Türpisch, die Schulleiterin, die aktuelle Situation. »Es waren gute Jahre in der G26, wir haben uns hier gut aufgenommen gefühlt und gehen mit ein bisschen Wehmut.«

Hereinspaziert: Schulleiterin Nicole Scheffel-Türpisch von der Christlichen Gesamtschule in Gera lädt zum neuen Schuljahr ein. Foto: Wolfgang Hesse

Hereinspaziert: Schulleiterin Nicole Scheffel-Türpisch von der Christlichen Gesamtschule in Gera lädt zum neuen Schuljahr ein. Foto: Wolfgang Hesse

Mit dem ersten Schuljahr 2014/15 starteten 14 Schulanfänger an der christlichen Schule in Gera. Heute sind es 70 Schülerinnen und Schüler, die ab August in den Klassen 1 bis 5 lernen werden.

»Eigentlich wollten wir ab dem neuen Schuljahr in sanierte Schulräume einziehen, doch die Bausubstanz und die damit verbundenen Kosten sprachen dagegen«, sagt die Schulleiterin. »Unsere Hauptsponsoren die Friedhelm Loh Group und die Wertestarterstiftung haben uns eines Besseren belehrt. Ein Schulneubau ist allen Sanierungsarbeiten wirtschaftlich vorzuziehen.«

Etwa drei Jahre werden die »Schulpavillons«, wie die Schulleitung die neuen Räumlichkeiten liebevoll nennt, das Zuhause der Schüler sein. Ein Treppenmodul für eine mögliche Aufstockung zeigt, dass die Schule räumlich wachsen kann.

Helle Räume, ein breiter Gang und moderne Sanitäranlagen erinnern rein gar nicht an ein Provisorium. Auch Heizung und Computervernetzung sind vorhanden. »Anfangs zeigten sich die Eltern von der Containerschule wenig begeistert, doch wir konnten die Vorurteile mit der Vorstellung des großzügigen Raumkonzeptes und der Aussicht auf ein modernes Schulgebäude ausräumen«, erklärt Nicole Scheffel-Türpisch. Die Gymnasiallehrerin ist Gründungsmitglied im Förderverein und hat von Beginn an mitgeholfen, die Idee in die Wirklichkeit umzusetzen. Der Förderverein Christliche Schule ist seit dem Schulbeginn 2014/15 Träger der Einrichtung. In diesem Jahr soll diese Interimslösung durch die Überleitung in eine gGmbH beendet werden.

Nach drei erfolgreichen Unterrichtsjahren ist die Christliche Schule in Gera angekommen. Der Kirchenkreis Gera hat mit einer jährlichen Spende signifikant dazu beigetragen. Die große Nachfrage beweist, dass die christliche Ausrichtung der Schule in Gera gefragt ist. Auch die alternative Bildungsmethode, das Lernen mit sogenannten Lernleitern, wird begrüßt. Das bezeichnet das gemeinsame Lernen in unterschiedlichen Jahrgängen auf unterschiedlichem Niveau. »Wir können individuell auf die Begabungen eingehen und uns intensiver einzelnen Kindern widmen. Die Größeren helfen den Kleineren.« Eine Bewertung der Leistungen erfolgt einschließlich der 6. Klasse verbal, es wird auf Noten verzichtet. »Unsere Schüler erhalten unabhängig vom Elternhaus evangelischen Religionsunterricht. Wir leben das Kirchenjahr und vermitteln einen wertschätzenden Umgang miteinander. In unserer Schule und im Pädagogen-Team leben wir die Ökumene«, beschreibt Nicole Scheffel-Türpisch die weltanschauliche Ausrichtung. Sofern die Eltern die christliche Ausrichtung der Schule akzeptieren, ist jedes Kind im Unterricht gern gesehen.

Mit dem neuen Schuljahr sind noch einige bürokratische Hürden zu überwinden, um eine Gleichstellung gegenüber anderen staatlichen Schulen zu erreichen. Nicole Scheffel-Türpisch ist zuversichtlich: »Auch das werden wir schaffen.«

Wolfgang Hesse

Man müsste mal

13. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Die Idee war und ist klasse. Gesunde besuchen Kranke und tun ihnen Gutes. Die Anregung dazu bekam Brigitte Schröder in den USA von den »Pink Ladies«. Der Grundgedanke ist aber schon in der Bibel zu finden. Dort ist zwar nicht von den Grünen Damen die Rede, aber vom Dienst am Nächsten. In Matthäus 25 Vers 40 heißt es: »Ich war krank und ihr habt mich besucht.« Die Präambel der Grünen Damen und Herren. Apro­pos Herren. Von den 9 000 Ehrenamtlichen in 600 Krankenhäusern und Altenhilfe-Einrichtungen sind nicht einmal 10 Prozent Männer.

Die Arbeit der Grünen Damen wird zu Recht hoch gelobt. Oft sind es Männer, die die Arbeit öffentlich würdigen. Da kann man sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, dass damit der fehlende eigene Einsatz kompensiert werden soll. Ich will mich da gar nicht ausnehmen. Wie oft schiebt man den Mangel an Zeit und Möglichkeit vor. Im erwähnten Bibelvers geht es nicht nur um den Besuchsdienst. Das Geschlecht und die Farbe des Kittels spielen in diesem Zusammenhang auch keine Rolle. Kleiderkammer, Gefangenen-Betreuung, Kollektendienst im Gottesdienst oder Putzkolonne im Gemeindehaus. Oft bleiben wir bei »man müsste mal« stehen.

Wollte ich nicht bei der Freitagsmusik des Posaunenchores im Krankenhaus mitwirken? Wöchentlich zieht eine kleine Gruppe Blechbläser von Station zu Station und spielt Choräle auf den Gängen. Entweder kam etwas dazwischen oder ich habe es schlicht vergessen. Das will ich ändern. Der nächste Termin steht fest im Kalender. Brigitte Schröder hat sie vorgelebt, die praktische Nächstenliebe. Oder wie es der Sozialreformer Johannes Falk ausdrückte: »Die Predigt ist keine Tat, wohl aber die Tat eine Predigt.«

Willi Wild

Kostenlos, aber nicht umsonst – Gaben zum Einsatz bringen

12. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

Lukas 12, Vers 48

Viel mehr als ich brauche. Mehr als genug. Deutlich mehr als zu wenig. Eben reichlich. Gegeben, nicht gekauft oder erworben. Nicht durch Feilschen oder Handeln geschickt beschafft, sondern einfach gegeben. Für nix. Geschenkt oder zumindest geliehen.
Viel, etliches mehr als nur etwas. Eben allerhand, was da ist. Suchen, nicht zufällig entdecken, sondern bewusst danach gucken.

Judith Kölling, Gemeindepädagogin in Pratau

Judith Kölling, Gemeindepädagogin in Pratau

Forschen. Anvertrauen, etwas Wertvolles übergeben. Vertrauen schenken. Es in die Hände des anderen legen. Fordern, auffordern, anfordern. Fordernd sein, einfordern, verlangen. Wer bin ich und was ist mir gegeben? Wer wird was von mir fordern?

In der Bibelgeschichte, die dem Bibelvers vorangeht, ist es eindeutig: Ein Diener soll sich so verhalten, dass sein Herr jeden Augenblick wiederkommen kann. Egal zu welcher Stunde, der Diener tut seinen Dienst und verhält sich vorbildlich. Dann wird er reich belohnt werden. Missbraucht er jedoch die Abwesenheit seines Herrn, so droht harte Strafe.

Egal in welcher Situation, egal in welcher Position: Uns ist so viel gegeben. Ich möchte mein Tun und Wirken nicht schleifen lassen, sondern motiviert und engagiert voranbringen. Der Chef könnte jeden Augenblick dazukommen. Doch möchte ich nicht aus Angst so agieren, sondern weil mir die Sache am Herzen liegt. Der Menschensohn wird kommen – dann, wenn wir es nicht erwarten.

Folglich müsste es doch bald so weit sein, oder? Wer rechnet denn überhaupt mit seiner baldigen Wiederkunft?

Dann bleibt nur noch zu klären: Was wird denn von mir verlangt? Diese Frage wird in der Bibelstelle nicht beantwortet. Stattdessen muss wohl jeder für sich in seiner aktuellen Lebenswirklichkeit nach einer Antwort auf diese Frage suchen. Was steht mir zur Verfügung? Wo kann ich mich und meine Gaben einbringen? Wo bin ich Diener und wer ist mein Herr? Mir ist viel gegeben. Dafür kann ich dankbar sein. Doch es geht auch eine Verantwortung damit einher, der ich hoffentlich gerecht werde.

Judith Kölling, Gemeindepädagogin in Pratau

Damenprogramm

11. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Grande Dame der Diakonie: Brigitte Schröder, Gründerin und langjähriger Motor der Grünen Damen und Herren, eine der größten Organisa­tionen für Ehrenamtliche, der Kranken- und Alten-Hilfe.

Alles fing damit an, dass sich in den 60er-Jahren eine deutsche Außenministergattin auf Reisen im üblichen Damenprogramm langweilte: Brigitte Schröder (1917–2000) schlug vor, in Washington Krankenhäuser zu besichtigen. Sie war die Frau des damaligen Chefdiplomaten Gerhard Schröder (CDU) – nicht zu verwechseln mit dem späteren SPD-Bundeskanzler – und hatte bereits als engagierte Lokalpolitikerin in Düsseldorf ein Herz für soziale Themen gezeigt.

Nicht alle in Grün: Das Geraer Team des Besuchsdienstes (v. l.): Juliane Rösner (sitzend), Linda Vernickel, Elke Päßler, Barbara Müller, Margot Hertel, Ilona Klimke, Birgit Kluck, Erika Hummel, Anita Herzog, Heike Kaselowsky, Kinda Al Baghdadi, Hubert Kreußler, Monika Kümritz, Helga Haase. Foto: Wolfgang Hesse

Nicht alle in Grün: Das Geraer Team des Besuchsdienstes (v. l.): Juliane Rösner (sitzend), Linda Vernickel, Elke Päßler, Barbara Müller, Margot Hertel, Ilona Klimke, Birgit Kluck, Erika Hummel, Anita Herzog, Heike Kaselowsky, Kinda Al Baghdadi, Hubert Kreußler, Monika Kümritz, Helga Haase. Foto: Wolfgang Hesse

Nun also inspizierte sie US-Kliniken und lernte die »Pink Ladies« kennen. Die Ehrenamtlichen in rosa Kitteln besuchten die Patienten. »Und da sah ich die Lücke in Deutschland«, erinnerte sich Schröder später. »So kam es zu den Grünen Damen bei uns.«

Seit 1969 besuchen auch in Deutschland Ehrenamtliche Menschen in Altenheimen und Krankenhäusern, machen kleine Besorgungen, haben Zeit für ein Gespräch, trösten und hören zu. Ihr Erkennungszeichen sind Kittel in Lindgrün – denn das Rosa der Washingtoner Ideengeberinnen missfiel Schröder, nüchtern, wie sie war. Derzeit sind mehr als 8 000 Grüne Damen und rund 700 Grüne Herren für die Evangelische Kranken- und Alten-Hilfe (eKH) im Einsatz.

Schröder wurde vor 100 Jahren, am 28. Juli 1917, in Breslau als Tochter eines Bankiers geboren. Die Ehe mit Gerhard Schröder im Jahr 1941 konnte nur mit einer Sondergenehmigung geschlossen werden, da sie zwei jüdische Großelternteile hatte. Die Mutter von drei Kindern galt als energisch und organisationsbegabt und knüpfte auch bei der Gründung der Grünen Damen und Herren schnell die entscheidenden Fäden. Alles begann im Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf, in dessen Kuratorium sie saß und wo sie eine Gruppe Einsatzbereiter um sich versammelt hatte. »Am Anfang bin ich schon von Krankenhaus zu Krankenhaus gefahren, habe Klinken geputzt«, erinnerte sie sich später. Jede Stationsschwester musste überzeugt, jedes Haus musste Stück für Stück erobert werden, bis das »Lieblingskind« der zupackenden Frau zum unverzichtbaren Dienst an heute mehr als 750 Krankenhäusern und Altenheimen im gesamten Bundesgebiet werden konnte. Fast im Alleingang organisierte Schröder von Bonn aus, dass Ehrenamtliche auf Station vorlasen, zu Spaziergängen luden und kleinere Dienste erledigten. Erst 1992 kam in der Zentrale ein Geschäftsführer hinzu. Die eKH wuchs. Die Mitarbeiterschaft ist keineswegs nur evangelisch, die Arbeit ökumenisch.

Der gemeinsame Nenner heißt: christliche Nächstenliebe. 1979 fand sich der erste Grüne Herr. Heute sind rund zehn Prozent Männer. Krankenhäuser und Altenheime beteiligten sich an der Finanzierung der Nebenkosten.

Schröders Nachfolgerinnen im Vorstand, Gabriele Trull und inzwischen Käte Roos, haben die eKH in einen eingetragenen, gemeinnützig anerkannten Verein überführt und nach dem Tod der Gründerin die Brigitte-Schröder-Stiftung gegründet. Die Geschäftsstelle ist in Berlin. Immer noch finanziert sich die eKH hauptsächlich durch Spenden. Man steht nach eigenen Angaben in freundschaftlichem Austausch mit der 1971 gegründeten Katholischen Krankenhaus-Hilfe. Und immer stehen neue Aufgaben an: etwa die Begleitung von Menschen mit Demenz oder mit Migrationshintergrund.

Brigitte Schröder starb im Jahr 2000 in Bonn. »Meine schönsten Momente sind natürlich immer die, wenn neue eKH-Gruppen zu uns stoßen«, sagte sie 1996. »Ich habe ja schon immer auf der positiven Seite gelebt. Das ist mein Lebensprinzip.« (epd)

Ebba Hagenberg-Miliu

ekh-deutschland.de

Frischer Wind in der rauschenden Pappel

7. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Gemeinschaft im Grünen: Eisenacher Jugendhilfe organisiert ein Ferienprogramm für Kinder und Jugendliche im Kleingarten

In der Kleingartenanlage »Rauschende Pappel« im Eisenacher Ortsteil Stregda hört man seit einigen Tagen nicht nur den Wind durch die Bäume rauschen, sondern auch Musik und Kinderlachen. Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Herkunft, Kulturen und Lebenslagen haben einen Schrebergarten zu ihrer eigenen grünen Oase erkoren.

Michele, Jessika und Samantha umringen Isabel Göring. Sie ist die Leiterin des Kinder- und Jugendzentrums Nordlicht innerhalb der Diako Kinder- und Jugendhilfe in Eisenach Nord, das die Mädchen mit etwa 60 weiteren Teenies besuchen. Jetzt in den Ferien können sie dort bereits frühstücken und den Tag verbringen.

Allerdings fehlte bisher die Möglichkeit, auch draußen im Grünen etwas zu unternehmen, vielleicht in einem Pool zu planschen oder eigenen Salat zu ernten. Denn dort, wo sich die Einrichtungen des Kindertreffs und des Jugendzentrums im Wohngebiet befinden, ist wenig Spielraum für solche Träume. »Isa«, wie die gelernte Kindergärtnerin aus Waltershausen von den Jugendlichen genannt wird, hatte deshalb schon immer den Wunsch gehegt, irgendwann einmal in der Nähe des Jugendclubs einen Garten nutzen zu können. »Die Kinder und Jugendlichen setzen sich überwiegend aus sozial benachteiligten Familien, Kindern und Jugendlichen mit Förderbedarf sowie mit Migrationshintergrund zusammen«, erklärt sie. Das Zusammentreffen verschiedener Kulturen, Religionen und Weltbilder sowie die Begegnung mit jungen Leuten mit geistigen Einschränkungen sei oft von Missverständnissen geprägt. Alle sollen nun mitmachen und vom neuen Gartenprojekt profitieren.

Feierliche Eröffnung: Michele, Jessika, Samantha und Anja vom Kinder- und Jugendtreff »Nordlicht« durchtrennen das gelbe Band. Foto: Susanne Reinhardt

Feierliche Eröffnung: Michele, Jessika, Samantha und Anja vom Kinder- und Jugendtreff »Nordlicht« durchtrennen das gelbe Band. Foto: Susanne Reinhardt

Unterstützung fanden die Ideengeber beim sich sozial engagierenden Eisenacher Rotary Club. Der Serviceclub übernimmt nämlich die Pacht, und brachte auch gleich noch eine Wasseruhr mit, damit der Verbrauch abgelesen werden kann und alles seine Ordnung hat. Der Garten selbst stand seit einiger Zeit leer. Er hatte einer älteren Dame gehört, berichtete Gartenvorstandsmitglied Thomas Prey, der Vater von Maximilian und Samantha ist, die gern im »Nordlicht« ihre Freizeit verbringen.

Im Herbst soll ein Teil der Wiese, auf der bisher nur ein alter Geräteschuppen und ein Obstbaum stehen, umgegraben werden. Darauf könnten Beete für Kräuter und Tomaten entstehen, für Spaghetti mit Tomatensoße, verstehe sich. Diese koche man dann gemeinsam und freue sich schon heute darauf. Der 17-jährige Martin aus der Wohngruppe freut sich ebenfalls. Er will Rasen mähen. Das mache ihm Spaß. Und das solle er dann auch dürfen, so die Betreuer. Ihnen gehe es vor allem darum, neben dem gemeinsamen Gärtnern einen wertschätzenden Umgang miteinander zu pflegen und die interkulturelle Kompetenz zu stärken.

Susanne Reinhardt

Rast an der Radwegekirche

7. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Elberadweg: Teilstück in der Altmark wieder befahrbar

Mehr als 4 000 evangelische Kirchen und Kapellen stehen in Mitteldeutschland. Das sind rund 18 Prozent aller evangelischen Kirchen Deutschlands. Derzeit laden 64 davon, sogenannte Radwegekirchen, zu einer besonderen Rast ein. Die Gotteshäuser liegen unmittelbar an Radwegen in Thüringen, Sachsen-Anhalt sowie in Sachsen und sind auf Hinweisschildern am Weg und an den Kirchen als Radwegekirchen gekennzeichnet. Die Kirchen bieten noch bis zum Reformationstag am 31. Oktober an mindestens fünf Tagen in der Woche tagsüber einen Ort der Ruhe und Besinnung. An manchen Orten gilt diese Regelung auch für das Winterhalbjahr.

Foto: Screenshot G+H

Foto: Screenshot G+H

In einigen Kirchengemeinden gibt es zudem Kirchenführungen und Seelsorgegespräche. Zertifizierte Radwegekirchen sollten neben Informationen möglichst auch einen Rastplatz oder Bänke im Garten sowie Zugang zu Toi­letten und Trinkwasser bereitstellen.

Ein Teilstück des Elberadweges in der Altmark zwischen Billberge und Arneburg im Kirchenkreis Stendal ist jetzt wieder ohne Einschränkungen befahrbar, so das Wirtschaftsministerium in Magdeburg.

Eine Karte mit allen Radwegen und Radwegekirchen findet sich auf einer Internetseite (Foto).

Dort gibt es detaillierte Informationen zu Öffnungszeiten oder der Geschichte der Kirche. Ein grünes Signet mit Kirche und Radfahrer kennzeichnet vor Ort die Kirchen.
(G+H/epd)

www.radwegekirchen.de

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