Glocken für den Krieg

6. August 2017 von redaktionguh  
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Wenn abends um sechs die Glocken läuteten, mussten wir heimkommen. Läutete es nachmittags, wussten wir: Jemand wird beerdigt. Läuten Glocken zur Taufe, Konfirmation, Hochzeit und am Grab, teilen sie die schönen und die schweren Stunden einem ganzen Ort mit. Umgekehrt nehmen sie einzelne Menschen in das hinein, was alle betrifft: Frieden und Krieg, Feuer, Gefahr und Befreiung. Glockenguss und Glockenweihe sind große Feste. Zerspringt umgekehrt eine Glocke, ist das beklemmend. Wird sie abgenommen und zerschlagen, kann auch im Inneren der Menschen etwas kaputtgehen.

Im Ersten Weltkrieg wurden in ganz Deutschland Glocken von den Kirchtürmen genommen, auf Glockenfriedhöfen gesammelt und dann eingeschmolzen. Die wenigsten kamen zurück. Viele der Verschonten fielen dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Wenn sie zuvor zu Gottesdiensten, zu Freude und Leid der Menschen gerufen hatten, wurden sie nun zu todbringenden Waffen, zu Kanonen, Gewehren und Munition. Vielleicht wurde aus einer Glocke sogar jene Kugel, die das Leben auslöschte, das sie einstmals am Taufbecken eingeläutet hatte.

Was den Menschen helfen und ihnen das Leben erleichtern und schön machen soll, wird dazu verwendet, sie zu verletzen, zu unterdrücken, zu foltern und zu töten. Das passiert immer wieder, auch heute. Glocken zu Kanonen.

Die Bibel träumt umgekehrt. Es wird gelingen, dass die Menschen Schwerter zu Pflugscharen, Spieße zu Winzermessern schmieden – und nicht umgekehrt. Die Glocken unserer Kirchen rufen zum Gebet. Sie läuten die Liebe ein. Sie läuten gegen den Tod an. Sie mahnen für Menschenrechte. So loben sie Gott.

Margot Runge

Die Autorin ist Pfarrerin in Sangerhausen.

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Reaktionen unserer Leser

3 Lesermeinungen zu “Glocken für den Krieg”
  1. Leser sagt:

    Liebe Frau Runge, eine schöne wohlbegründete Erklärung!
    Leider werden aber auch bei uns schon wieder zu unangerachten Zwecken mißbraucht. Man leutet sie, um gegen Menschen(und Initiativen und Parteien) zu hetzen, die friedlich auf der Straße ihre Meinung kundtun wollen!
    Wehret den Anfängen!

  2. Johannes sagt:

    Liebe Frau Runge,

    da sind die Glocken in einen schönen Zusammenhang gestellt. Glocken unserer Friedenskirche wurden in beiden Weltkriegen vom Militärstaat gestohlen und zu Mordwaffen gemacht. Die nach dem zweiten Weltkrieg als Ersatz eingebaute Stahl-Glocke hatte nun ihren Dienst getan. Die neue Glocke, die im vergangenen Jahr geweiht wurde, konnte fast zwangsläufig nur eine Friedensglocke werden. Auf ihr steht 42 mal das Wort Frieden, nämlich in den Sprachen, die zur Zeit in Leipzig gesprochen werden. Und um den unteren Rand kann man M. Gandhis Satz lesen: “Es gibt keinen Weg zum Frieden. Der Frieden ist der Weg”.
    Johannes Lehnert

  3. Gert Flessing sagt:

    Der Text ist sehr schön. Er ist auch sehr emotional. Dabei geht schon mal was daneben.
    “Wenn sie zuvor zu Gottesdiensten, zu Freude und Leid der Menschen gerufen hatten, wurden sie nun zu todbringenden Waffen, zu Kanonen, Gewehren und Munition.”
    Die Zeit der bronzenen Kanonenrohre war schon eine Weile vorbei. Die Glockenbronze wurde verwendet, um Führungsringe für Artilleriegeschosse zu fertigen. Schlimm genug.
    Schön, das es heute Friedensglocken gibt. Möge uns der Friede lange erhalten bleiben.
    Gert Flessing

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