Himmel, Arsch und Luther

20. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Donnerwetter! Wenn man sich mit Martin Luther beschäftigt, wird man irgendwann auch auf seine Sprache stoßen. Tatsächlich fühlt man sich bei der Lektüre seiner Zitate frappierend an die heutige »hate speech« erinnert; die »Hassrede« – jene neu aufkommende Verrohung der Sprache, die in unsäglichen, aber quotenträchtigen Talkshows in die Wohnzimmer flimmert und endlos wiederholt wird in den sozialen Medien.

Auch Luthers Zeit war eine Periode der »hate speech«. Die Kulturwissenschaft bezeichnet diese Periode mit dem Wort »Grobianismus«. Der große Reformator schimpfte und provozierte, wütete und kanzelte ab wie kaum ein zweiter.

Luther war ein Phänomen. Vom Akademiker zum Straßenprediger, vom wissenschaftlichen Diskurs zur Wort-Gewalt eines Fischverkäufers, der die Menschen Kraft seiner Sprache zum Zuhören zwingt. Nicht alles ist dabei seiner Veranlagung zum Choleriker zuzuschreiben. Auch nüchternes Kalkül wird eine Rolle gespielt haben. Denn Luther wollte die Menschen erreichen; nicht nur die Gebildeten, sondern das ganze Volk. Er suchte und fand die Aufmerksamkeit der Menschen auf den Straßen. Er buhlte regelrecht darum.Und daran hapert es heute.

Wer heute Theologen nach Gott und Glaube fragt, erhält meist erst mal eine Antwort: »Das ist alles nicht so einfach.« Das stimmt auch. Es ist nicht einfach, eine 2000 Jahre alte Botschaft in heutiges Denken und Fühlen zu übersetzen. Aber auch für Luther lagen schon 1 500 Jahre dazwischen. Und er fand einen Weg.

Niemand kann eine Jahrtausend-Figur wie Martin Luther einfach kopieren. Aber: Das Evangelium so zu verkündigen, dass auch RTL 2-Zuschauer hinschauen und hinhören – wäre nicht das die Herausforderung heutiger Theologie?

G.-M. Hoeffchen

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Reaktionen unserer Leser

4 Lesermeinungen zu “Himmel, Arsch und Luther”
  1. Peter Uhrmacher sagt:

    „Das Evangelium so zu verkündigen, dass auch RTL 2-Zuschauer hinschauen und hinhören – wäre nicht das die Herausforderung heutiger Theologie?“

    Es ist leider so, dass für RTL 2-Zuschauer Grobianismus eher zündet, als das wohlüberlegte Wort. Insofern ist der Artikel von Herrn Hoeffchen in sich sehr widersprüchlich. Allein der Titel „Himmel, Arsch und Luther“ lässt guten Geschmack vermissen. Durch die Zitation des menschlichen Hinterteils mit „Arsch“ als literarisch völlig missglückten Verpackung dessen, was dann geschrieben wird (ja, – was eigentlich?), signalisiert der Autor das journalistische Problem schlechthin. Kurzfristige Reize werden gesetzt, um den Leser zum Auf- und Umblättern anzuregen. Nun, – die Zeitung musste voll werden, und da ist dieser Artikel gerade ausreichend gewesen. Zur Sicherheit: Das ist jetzt kein Lob.

    Das Beste an dem Kommentar ist noch, dass er (fast unter der Hand) ein hausgemachtes Problem hernimmt – das Unterschichtenfernsehen. Es gibt auch Unterschichtenzeitungen. Die Unterschicht – das sind die, die nichts wirklich verstehen (wollen) und den langen lieben Tag chipkauend und colatrinkend mit dem Betrachten von dümmlichen Talk-Shows und Seifen-Serien zubringen. Hier das Evangelium für sie:

    „Schmeißt den Flachbildler aus dem Fenster.
    Haut das Smartphone weg.
    Bestellt die Zeitung ab.
    Denn das Himmelreich ist sonst näher als ihr denkt …“

    Hier das Unmöglichste, ist wohl von einem Wahlplakat jenseits der Mitte:„Denn Luther wollte die Menschen erreichen; nicht nur die Gebildeten, sondern das ganze Volk. Er suchte und fand die Aufmerksamkeit der Menschen auf den Straßen. Er buhlte regelrecht darum. Und daran hapert es heute.“ Wer um die Aufmerksamkeit des kleinen Mannes von der Straße buhlt .

    Welch törichter Satz. „Aus dem Arsch eines Journalisten, der sich müht, Leuten, die ein paar Buchstaben können, einzureden, sie hätten eben etwas Wichtiges gelesen“, hätte Luther gesagt.

    Man muss ihn nicht mögen.

  2. Alexios Garotman sagt:

    Ja, lieber Herr Uhrmacher,
    Leute wie Sie aus dem esoterischen Zirkel des Sohnes eines Bahnhofshausmeisters der Semmeringbahn im armen k&k-Waldviertel haben schon immer notwendigerweise eine gewisse Distanz zu den Underdogs gepflegt.

    Ich stimme Ihnen zwar darin zu, dass der Artikel wirklich sehr, sehr schwach ist. Aber das Evangelium für die Prol-Fernsehbesitzer (jenseits von 34 Zoll Bildschirmdiagonale beginnt das Prol-Fernsehen) haben es nicht so leicht, dass man ihrer ungestraft spotten dürfte. Schillers Plan von der humanistischen Bekehrung des gesamten Menschengeschlechts durch ästetische Erziehung ist ja bekanntlich bis heute komplett fehlgeschlagen. Aber auch Ihre hochgerühmte Eurhythmie aus Waldorfs Tagen hat niemandem recht geholfen, außer vielleicht ein paar ältlichen Damen in weitschwingenden Seidenchiffonkleidern, denen zur Besserung verholfen worden ist. Guter Rat ist teurer …

    Luther hat natürlich nicht das ganze Volk erreichen wollen. Das ist richtiger Quatsch. Er hat mit ängstlichem Tunnelblick seinen gnädigen Gott zu finden versucht. Das war der Motor seiner Lebenszeit. Aber die Colatrinkerinnen und tätowierten Chipfresser auf dem Sofa haben es wirklich schwer. Und wenn uns für die alle (sie sind wohl kulturell eher nicht integrierbar) nicht mal wirklich was Neues einfällt, hauen die uns eines Tages die Bude kaputt.

    „Worauf sie einen lassen können“, würde Luther sagen.

  3. Thoralf Seppenberger sagt:

    Das ist hier eine schöne Seite,
    bin gestern von einem Freund drauf hingewiesen worden. Vor allem sind die Kommentare richtig klasse. Sie sind die eigentlichen Artikel!!! Leider ist gerade der Thread mit dem Segenskyber nach 40 Kommentaren abrupt geschlossen worden. Ich fand gerade das sehr interessant, – studiere Physiktechnik im 6. Semester.

    Also, es ist heute theoretisch überhaupt keine Schwierigkeit das zu bauen, was die Herren Uhrmacher und Garotman, Schollmeyer und der Leser entweder begeistert beschreiben bzw. verständnislos ablehnen. Es ist nur noch nötig, dass sich die zündende Idee vom Alltagsbegleiter durchsetzt und die Pflegekassen das O.K. geben. Dann sind wir in einigen Jahren von rollenden, schreitenden, sprechenden, singenden und meinetwegen auch betenden Homomimeten umgeben. Freilich wird es auch da verschiedene Klassen geben. Die billigen Teile und die — halt preislich nach oben offen. Aber es wird erschwingliche Module und Updates geben, die man einstecken und miteinander tauschen kann. Und – man kann sich vorstellen, dass es dann kein Prol-TV mehr zu geben braucht. Weil alle gut unterhalten sind mit dem jeweils gecheckten Kyber.

    Vielleicht kann man ja den Segenskyberartikel wieder aufmachen?

  4. redaktionguh sagt:

    Aus gegebenen Anlass:
    Bleiben Sie beim Thema des Beitrags, zu dem der Kommentar gehören soll.

    Außerdem noch einmal zur allgemeinen Kenntnisnahme:
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