Fallen lassen, gehalten werden

28. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Zentrum Taufe: Im Reformationsjahr kommen Tausende Gäste nach Eisleben, ein besonderer fehlt

Es ist ein ungewöhnlich stiller Moment in der Eisleber Petri-Pauli-Kirche. Nur wenige Besucher streifen durch den hellen Innenraum mit dem Wellenmuster im Fußboden und im Fensterglas, den Sitzbänken aus Obstbaumholz und dem im Boden eingelassenen Taufbrunnen. »Sonst ist hier viel mehr los«, sagt Pfarrerin Simone Carstens-Kant und lacht. Und schon steht eine Reisegruppe im Portal, Südkoreaner. Und eine Viertelstunde später Gäste aus dem sachsen-anhaltischen Finanzministerium. Sie wollten eigentlich nur in die Luther-Gedenkstätten – und bekamen dort den Tipp, Luthers Taufkirche zu besuchen. Während unter Christen vieler Konfessionen das »Zentrum Taufe« ein Begriff ist, müssen Touristen oft darauf aufmerksam gemacht werden.

Seit fünf Jahren gibt es das »Zentrum Taufe« in der völlig neu gestalteten Kirche. Mehr als eine Million Euro wurde investiert und eine Projektstelle für die besondere geistliche Arbeit geschaffen. Petri-Pauli ist weiterhin Gemeindekirche, Iris Hellmich ist Gemeindepfarrerin, während Simone Carstens-Kant vor allem für die thematische Arbeit rund um die Taufe zuständig ist.

So wichtig die Taufe als Eintritt in die christliche Gemeinschaft ist, so wenig wissen die Getauften oft über ihre eigene Taufe. In jüngster Zeit werden landauf, landab öfter Tauferinnerungsandachten gehalten. Auch das »Zen­trum Taufe« fügt sich in die Sehnsucht vieler Christen ein. Wenn bei Andachten den Gläubigen das Wasserkreuz auf die Stirn gezeichnet wird, fällt es selbst der Pfarrerin schwer, dieses besondere Gefühl zu beschreiben. Es gehe um Erinnerung, um Gemeinschaft und um Körperlichkeit – gerade in der wortbasierten evangelischen Kirche, gerade in der vernunftbetonten Zeit. »Das Wort ist wichtig, und das ist gut so. Aber wir sind arm an Zeichen«, sagt Carstens-Kant.

Der Taufbrunnen ist das Zentrum in der Eisleber Petri-Pauli-Kirche: Pfarrerin Simone Carstens-Kant berichtet, dass sich die meisten erwachsenen Täuflinge gegen das Taufbecken und für den Brunnen entscheiden und dann tatsächlich mit Hilfe zweier Begleiter in das Wasser, das übrigens Leitungswasser ist, eintauchen. Foto: Maik Schumann

Der Taufbrunnen ist das Zentrum in der Eisleber Petri-Pauli-Kirche: Pfarrerin Simone Carstens-Kant berichtet, dass sich die meisten erwachsenen Täuflinge gegen das Taufbecken und für den Brunnen entscheiden und dann tatsächlich mit Hilfe zweier Begleiter in das Wasser, das übrigens Leitungswasser ist, eintauchen. Foto: Maik Schumann

Im vergangenen Jahr kamen 42 000 Menschen ins »Zentrum Taufe«. In diesem Jahr sind es bereits 52 000 Besucher. »Und es werden bis Jahresende sicherlich mehr als 60 000 werden«, blickt Simone Carstens-Kant voraus. Auch über das Reformationsjubiläum hinaus würden die Menschen kommen, vor allem Christen aus Südkorea, den USA, aus Schweden, Norwegen, Polen oder Tschechien. Geschätzte drei Viertel aller Besucher sind Christen.

Um alle willkommen zu heißen, hält die Kirchengemeinde die Türen sonntags von 11.30 bis 16 Uhr und montags bis samstags 10 bis 18 Uhr offen, zwei Stunden länger als früher. Insgesamt 15 Ehrenamtliche kümmern sich darum.

Aber natürlich erinnern sich Menschen in Petri-Pauli nicht nur an ihre Taufe – regelmäßig lassen sie sich auch taufen. Säuglinge eher klassisch am Taufbecken, Erwachsene fast immer im Brunnen. Man gelangt über eine Treppe hinab, begleitet von Pfarrer und einem Assistenten, und taucht dann ein. Ein Zeichen: Man kann sich bei Gott fallen lassen, wird gehoben und ist geborgen.

Als Ministerpräsident Reiner Haseloff zum Sachsen-Anhalt-Tag das »Zentrum Taufe« besuchte, zeigte er sich tief beeindruckt und ermutigte die Gemeinde, für diese Taufen zu werben. »Wir finden es gut, wenn die Taufe heute ein besonderer Tag in einer Familie ist und so gefeiert wird. Aber gerade in unserer Diaspora-Lage ist es auch schön, wenn die Taufe in der Gemeinde stattfindet, zu der man gehört«, sagt Simone Carstens-Kant. Das konnte der Katholik Haseloff gut verstehen.

Über einen Gast würde sich Simone Carstens-Kant besonders freuen, bevor ihre Projektstelle zum 31. Juli 2018 ausläuft und in eine halbe Stelle umgewandelt wird. Gerade zum Reforma­tionsjubiläum vermisst die Pfarrerin die Aufmerksamkeit der EKD für die Taufe als Teil lutherischer Theologie. Zwei Mal hat sie dem Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm geschrieben und keine Antwort erhalten. Dabei, so erinnert Carstens-Kant, feiern wir 2017 nicht nur 500 Jahre Thesenanschlag, sondern auch zehn Jahre Taufanerkennung in elf christlichen Kirchen Deutschlands.

Katja Schmidtke

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Reaktionen unserer Leser

4 Lesermeinungen zu “Fallen lassen, gehalten werden”
  1. Matthias Schollmeyer sagt:

    Diese photographische Aufnahme ist sehr zu loben! Eine freundliche Pastorin lockt mit und zum frischen Wasser (Psalm 23,2b). Das Bild ist so herrlich gestellt, dass kein Zweifel aufkommen kann – da geschieht die Taufe als Fest der Aufnahme eines Menschen in den Corpus ecclesiasticus. In jene Kirche, die ihr Walten im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes versteht und deshalb nicht anders vollziehen will. Der Bildkünstler Maik Schumann hat hier ganze Arbeit geleistet. Aus dem NAMEN hat er ein AMEN DES VATERS gemacht. Und DEN GEIST, jenen flüchtigen Gesellen innerhalb der Dreieinigkeit Gottes, hat er mit dem Buchstaben D nur angedeutet,- Geist lässt sich bekanntlich nur andeuten. So entsteht auf dem Ring des Taufbeckens ein „UND D…AMEN DES VATERS UND DES SOHNES“. Einfach nur schön, wer wollte hier nicht frohlocken. Das lebendige Wasser fließt direkt über dem Wort UND. Gottes Segen für alle Damen und Herren, die hier wirkten, wirken und wirken werden.

    Mich erinnert das Bild natürlich (und Euch auch?) an den Holzschnitt Camille Flammarions (1842-1925) „Wanderer am Weltenrand“(google danach!). Da kniet ein Mensch am Rande der bekannten Schöpfung und steckt den Kopf nach links oben in die Sphären hinaus, wo Sterne, Planeten und Dimensionen sich ein und wieder abrollen. Und auch hier, im Taufzentrum in Eisleben, ist es ähnlich: Man sollte den Kopf zwar weit hinaus in den Makrokosmos stecken oder in den Mikrokosmos hinein. Aber sich auch genauso nach innen in die Mythosphäre vertiefen. Im sakramentalen Ritual der Taufe geschieht das exemplarisch.

    Diese Aufnahme ist einfach klasse. Nicht traurig sein, dass der Bischof Bayerns nicht kommen konnte. Der Ministerpräsident war da! Der Landesvater stand am Brunnen jenes Sakraments, das die noch getrennt Brot und Wein genießenden Kirchen vereint!!! Ein kaum zu überbietendes positives und realistisches Bild. Fast schon genauso, als ob Franziskus in Eisleben selber Wasser in Wein verwandelt hätte …

  2. Leser sagt:

    “Zwei Mal hat sie dem Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm geschrieben und keine Antwort erhalten.” Nein da sollten wir doch nicht gleich “traurig sein, dass der Bischof Bayerns nicht kommen konnte.”
    Der Mann hat streß und vielleicht fanden ja gerade beide Male Kuratoriumssitzungen in München statt. Die gehen natürlich vor!
    P.S. Ineressant, was man alles in so ein profanes Foto hineininterpretieren kann!

  3. Peter Uhrmacher sagt:

    Zitat: “Ineressant (sic!), was man alles in so ein profanes Foto hineininterpretieren kann!”

    Herr @Leser – es reicht nicht zu versuchen zu lesen! Man muss auch sehen, schauen und den richtigen Blick haben. Was Schollmeyer hier beobachtet, – das hätte jeder andere Mensch genauso sehen können. “Bleibt nicht @Leser allein, sondern werdet @Seher des Wortes” sagt der HERR. Natürlich werden Sie (@Leser) dieses Herrenwort in Ihrer Bibel nicht finden. Denn es käme da wieder auf den Geist des Schauens an.

    Ich habe überlegt, ob ich auf den spätabendlich zwischen zwei Pils vor der Glotze verfassten unangenehmen Beitrag des @Lesers an diesem strahlenden Morgen überhaupt reagiere … Sicher hätte ich es nicht tun sollen (was der @Leser mir in einem seiner bekannten mit Rechtschreibfehlern übersäten erneuten Einwürfe gewiss gleich bestätigen wird). Aber – wie kann man denn einen so schönen Artikel mit einem so herzerfrischenden Foto niedermachen??? Deshalb, und nur deshalb melde ich mich hier zu Wort. Als Ritter des Rechts und bekennender Ästhet führte ich gegen den Unflätigen den Streich. Nun aber lege ich die Waffe an den Rand des Taufbeckens und verneige mich neben der schönen Pfarrerin an der Schwelle des Brunnens demütig vor der Abgründigkeit des Sakraments!

  4. Alexios Garotman sagt:

    Hallo, Herr Uhrmacher – dazu noch ein Hinweis. Das Rund des Taufbeckens wird genau an der Stelle, wo der Arm der Priesterin ihn zu verdecken scheint, n i c h t unterbrochen, sondern durch die Art der Ellenbeuge zusätzlich betont. Dort, wo Oberarm und Unterarm ineinander übergehen, unterstützt der steinerne Rand den 90°Winkel des linken Armes, der das köstliche Nass schöpft. Das ist insofern sehr bedeutsam, weil eine solche Einstellung lässt sich ohne Krampf und tausendfache Wiederholung nicht einfach „machen“ oder „herstellen“. Nein, – das ist die Gnade des Augenblicks, die hier erlaubte, ein Bild einzufangen, das nicht etwa profan ist – sondern mehr. “Im Fluss des Tao schenkt sich im Einzelnen immer das Ganze” sage ich da mit Konfuzius.

    Nun stellen Sie sich bitte vor (oder lieber nicht!), da hätte ein Konsistorialrat noch zusätzlich mit dabei gestanden. Das wäre wohl für das Bild eher störend ausgefallen … Vielleicht versöhnt ja diese hier allerdings zu weit führende Überlegung den @Leser, von dem wir alle wissen, dass er kirchenleitendem Personal gegenüber höchste (wenn auch meist unberechtigte) Bedenken hegt.