Jesus im Hinterhof

22. September 2017 von redaktionguh  
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Offene Arbeit: Ein Synonym für Freiheit, politische Diskussionen, unangepassten Lebensstil inmitten der DDR und im Schoß der evangelischen Kirche. Hat die kirchliche Jugendarbeit den Herbst 1989 erst möglich gemacht?

Es gibt keine direkte Linie von der Offenen Arbeit zur friedlichen Revolution. Aber es gibt Protagonisten der Friedensbewegung und Opposition, die in der Offenen Arbeit lernten, Themen zu diskutieren und sich auf Augenhöhe mit anderen und ihren Meinungen auseinanderzusetzen. Junge Menschen, die nicht ins DDR-Raster passen wollten.

Die Jugendpolitik im DDR-Sozialismus zielte seit den 1960er-Jahren sehr stark auf Formierung und Homogenisierung. »Jugendlichen, die lange Haare hatten, in Jeans rumliefen und andere Musik hören wollten, wurden zunehmend die Räume verschlossen«, erklärt die Historikerin Katharina Lenski. Sie kennt die Zeit aus eigenem Erleben. Lenski hatte Medizin studiert, wurde aus politischen Gründen exmatrikuliert. Anschließend war sie in der Berliner Opposition aktiv.

Protest im Rahmen der Kirche: Jugendliche beim Kirchentag 1983 in Erfurt. Foto: Archiv

Protest im Rahmen der Kirche: Jugendliche beim Kirchentag 1983 in Erfurt. Foto: Archiv

Diesen Jugendlichen öffneten Seelsorger der evangelischen Kirche Räume. »Hier konnten die Konflikte zur Sprache kommen und wurden zu faszinierenden Bildungsprozessen. Politische Gestaltungsräume gab es ja kaum«, sagt Christian Dietrich, Thüringer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung des SED-Unrechts. Karl-Marx-Stadt, Saalfeld, Jena, Bad Blankenburg, Halle-Neustadt und Erfurt waren einige der Standorte für Offene Arbeit. Pfarrer Walter Schilling war eine wichtige Symbolfigur der Offenen Arbeit in der DDR. Ein charismatischer Seelsorger, der das Rüstzeitheim in Braunsdorf bei Rudolstadt aufbaute, das von vielen jungen Menschen besucht wurde. Schilling praktizierte mit seiner Offenen Arbeit die »Konzeption der Konzeptlosigkeit«, ein Gegenmodell zur sozialistischen Erziehung. Er öffnete im Sommer 1978 die Rudolstädter Stadtkirche für Jugendliche und gab ihnen mit »June 78« ein Gefühl von Freiheit. In gewisser Weise entstand mit der Offenen Arbeit eine Insel im DDR-Alltag, meint Katharina Lenski. »Man hat versucht, sich dort mit konkreten Problemen auseinanderzusetzen.« Das bedeutete auch, dass man in diesem Rahmen Kritik äußern konnte. »Da war die Offene Arbeit doch förderlich, um doch einfach mal auch zu experimentieren, so unbeholfen das gewesen ist.«

Dass Offene Arbeit gelang, hing vor allem von den handelnden Personen ab. Walter Schilling oder Lothar Rochau riskierten mit ihrem Engagement viel – staatlich wie kirchlich. Rochau, Jugendwart der Offenen Arbeit in Halle-Neustadt wurde entlassen und sogar inhaftiert. »Im kirchlichen Selbstverständnis war diese Arbeit immer grenzwertig. Der Thüringer Bischof Werner Leich brachte dies auf die Formel, Kirche sei offen für alle, aber nicht für alles, so Dietrich. Im Fall von Rudolstadt hatte der dortige Superintendent die Veranstaltungen für Jugendliche und damit den Jugendpfarrer und seine Aktivitäten unterstützt. »Aber die höheren Hierarchien, die Oberkirchenräte, die haben das alle bekämpft. Und gleichzeitig mit der Staatssicherheit kooperiert«, weiß Historikerin Lenksi. Unangepasste Themen, Lebensweise, Äußeres – das beunruhigte Staat und Kirchenleitung.

Verantwortliche unterbanden mitunter die Arbeit der Jugendpfarrer. Somit brachen die Gruppen der Offenen Arbeit vielerorts immer wieder auseinander. Eine große Enttäuschung für die nach Vertrauen und Halt suchenden Jugendlichen. »Der Druck auf die jungen Menschen wurde stärker und ebenso die verdeckten Zersetzungsmechanismen, die dann auch soziale Erosionen hervorgerufen haben. Da haben sich Partnerschaften getrennt, Freundschaften sind zerbrochen«, so Lenski. Dass die Offene Arbeit nicht nur ein Jugendmodell war, betont Christhard Wagner vom Evangelischen Büro Thüringen. Alle Menschen seien willkommen gewesen, egal woher und in welchem Alter. Gelebtes Evangelium, unter sozialistischen Außenbedingungen. Der frühere Jugendpfarrer ist sich sicher: »Wenn Jesus wiederkommt, dann sitzt er zuerst im Hinterhof der Offenen Arbeit.«

Diana Steinbauer

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Nach »Mach dich ran« geht es nun los

18. September 2017 von redaktionguh  
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Eichholz: Kirchensanierung startet nach dem Erntedank-Gottesdienst

Groß war die Freude in Eichholz über den Gewinn von 125  000 Euro Fördermitteln der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland in der MDR-Sendung »Mach dich ran« vor zwei Jahren; groß aber auch die Sorge, weitere 125 000 Euro an Eigenmitteln zusammenzubringen, um den Gewinn abzurufen. In diesem Herbst kann Pfarrer Albrecht Lindemann nun melden: »Es sieht gut aus, wir werden die Summe wohl zusammenbringen.«

Bereits nach dem Erntedankgottesdienst (1. Oktober, 14 Uhr) wird die Sanierung der baufälligen Feldsteinkirche aus dem frühen 13. Jahrhundert beginnen. Zunächst wird eine Apsis neu gemauert, dann die aus dem 19. Jahrhundert stammende Erweiterung abgetragen und die Kirche auf ihr ursprüngliches, mittelalterliches Maß zurückgebaut. Anschließend werden das Dachtragwerk und die Decke des Kirchenschiffes abgerissen, Risse in der Fassade saniert, der Innenraum gestaltet sowie die Elektroinstallation, der Eingang und die Fenster erneuert. Die Sanierung der Kirche am Lutherweg wird durch das Zerbster Ingenieurbüro Götz geleitet. Die künstlerische Gestaltung hat Professor Johannes Schreiter übernommen.

Ein Luther aus Ton: Ulrich Schwarz und Harald Birck (r.) mit der Skulptur für Eichholz. Foto: Albrecht Lindemann

Ein Luther aus Ton: Ulrich Schwarz und Harald Birck (r.) mit der Skulptur für Eichholz. Foto: Albrecht Lindemann

Viel private Unterstützung gibt es für die Eichholzer Kirchengemeinde. Die von der Schönebecker Manufaktur von Heinrich Tognino gefertigten Stifte aus Eichholzer Kirchenholz fanden viele Abnehmer, jeder siebte Euro fließt in die Kirchensanierung, bislang kamen so 2 000 Euro Spenden zusammen. Kürzlich hat die Kirchengemeinde zudem eine Lutherskulptur des Berliner Künstlers Harald Birck geschenkt bekommen. Der Maler und Bildhauer fertigte 2010 für das Wittenberger Luther-Hotel eine 2,20 Meter große Figur des Reformators. Neben dieser Bronzestatue entstand eine Reihe von Bildern und Skulpturen, viel beachtet und beschrieben in einem Sammelband von Autoren wie Heinrich Bedford-Strohm, Margot Käßmann und Frank-Walter Steinmeier. Als spielerisch bezeichnet Birck seine Arbeitsweise bei der Suche nach dem eigenen Lutherbild, »mein Luther sollte ein Mensch werden: leidend, kraftvoll, stolz, sinnlich, verletzlich, handelnd, hadernd … eben lebendig«.

Der Dortmunder Unternehmer Ulrich Schwarz, der die Sanierung der Eichholzer Kirche anlässlich seines 65. Geburtstages bereits mit einer Spende von 10 000 Euro gefördert hatte, sah nun in Dortmund die Wanderausstellung »Bilder von Luther« von Birck, nahm kurzentschlossen Kontakt auf und erwarb die aus Ton gefertigte Plastik für Eichholz. »Meine Frau und ich fühlen uns Eichholz durch unsere Familie sehr verbunden«, begründet Ulrich Schwarz sein Engagement. »Wir genießen die Schönheit der Landschaft und die Gemeinschaft der Menschen. Gern tragen wir etwas bei«, so Schwarz.

»Als Kirchengemeinde sind wir für dieses Geschenk und die Unterstützung, die wir von vielen Seiten erfahren, sehr dankbar. Ob Martin Luther selbst hier war, wissen wir nicht«, sagt Maren Gabriel, Vorsitzende des Gemeindekirchenrates. »Reisende auf dem Lutherweg treffen zukünftig in unserer Kirche aber auf einen einmaligen Luther.«

(G+H)

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Gottes Gartenhaus auf Reisen

18. September 2017 von redaktionguh  
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Bilanz: Kirche auf der Thüringer Landesgartenschau in Apolda

Ein frischer Septemberwind holt das erste Laub von den Bäumen. Auf den Wegen an der Herressener Promenade sind die Gärtner nun mit Rechen und großen Weidenkörben unterwegs. Auch in Gottes Gartenhaus kündigt sich der Herbst an: Die Rebe neben dem Altar trägt volle, weiße Trauben – fast wie gemalt.

Seit im April die 4. Thüringer Landesgartenschau in Apolda ihre Pforten öffnete, ist die kleine Lichtung zwischen Friedensteich und Herressener Bach für viele Besucher zu einem »Lieblingsort«, einer Insel der Ruhe geworden. Die Seiten im Gästebuch der Glaskirche sind gefüllt mit Dank –für die Möglichkeit zum Innehalten, für gute Gespräche, die kleine Auszeit vom Alltag.

Lichtzauber im Park: Auch am Abend war Gottes Gartenhaus für viele Gartenschau-Besucher ein Anziehungspunkt. Foto: Harald Krille

Lichtzauber im Park: Auch am Abend war Gottes Gartenhaus für viele Gartenschau-Besucher ein Anziehungspunkt. Foto: Harald Krille

Der evangelisch-lutherische Kirchenkreis Apolda-Buttstädt hat gemeinsam mit zahlreichen Ehrenamtlichen, der katholischen Kirchengemeinde, diakonischen Einrichtungen und mit Unterstützung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ein vielseitiges Programm auf die Beine gestellt. Unter dem Motto »ganz nah« wurden Vorträge, Konzerte, Theater, Musical und Meditation geboten. Dreimal täglich wird geläutet, zu Andachten und sonntags zum Gottesdienst. An den Hochbeeten vor Gottes Gartenhaus konnten die Besucher von Pfarrer Johannes Schmidt Wissenswertes über die biblische Pflanzenwelt erfahren und sehen, dass Gottes Geschichte mit den Menschen in einem Garten beginnt und in einem Garten endet.

Möglichkeit für eine kleine Auszeit vom Alltag

»Unsere Veranstaltungen waren durchweg sehr gut besucht«, berichtet Superintendentin Bärbel Hertel. Ende August zählte die Landesgartenschau den 300 000. Besucher und erreichte damit schon vor ihrem Ablauf das geplante Mindestziel der Organisatoren. »Es kam nicht selten vor, dass wir noch zusätzliche Stühle vor dem Gartenhaus aufstellen mussten«, erinnert sich Bärbel Hertel. »Das hat unsere Erwartungen weit übertroffen.«

Das gute Gelingen sei auch den engagierten Gästebegleitern zu verdanken, sagt Bärbel Hertel. »Die Ehrenamtlichen sind hier mit viel Begeisterung und Einsatzbereitschaft im Dienst.« Einer von ihnen ist Ulrich Köstli. Der evangelische Christ ist eigens aus dem Erzgebirge angereist, um in Apolda mitzuhelfen. »Ich bin ein großer Gartenschau-Fan, ich helfe gern und finde es spannend, mit so vielen unterschiedlichen Menschen an Gottes Gartenhaus ins Gespräch zu kommen«, erzählt er. Vielleicht nimmt er bald einen der transparenten Plastikstühle aus dem Gartenhaus-Inventar mit nach Hause.

Gartenstühle als Andenken reserviert

Die Stühle hätten sich schon einige der Gästebegleiter als Andenken reservieren lassen, weiß Bärbel Hertel. Auch für die Gartenbänke, die Bibelpflanzen und Hochbeete werden Nachnutzer gesucht. Ein Interessent für den Kirchenpavillon sei schon gefunden, verrät die Superintendentin. »Sehr wahrscheinlich tritt unsere schöne Glaskirche bald eine Reise nach Süddeutschland an.«

Wenn nämlich am 24. September, nach 149 Tagen, die 4. Thüringer Landesgartenschau endet, muss der Standort wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden. Das 15 Hektar große, aufwendig sanierte Parkareal mit der denkmalgeschützten Herressener Promenade und den beiden Teichen, soll ab 2018 mit dem Abbau des umlaufenden Zauns wieder frei zugänglich sein. »Vielleicht kann das Steinfundament von Gottes Gartenhaus erhalten bleiben«, sagt Bärbel Hertel. »Für alle, die sich hier eingebracht haben, wäre das ein schöner Treffpunkt, ein Erinnerungsort.«

Beatrix Heinrichs

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Wenn Musik den Glauben trägt

18. September 2017 von redaktionguh  
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Jubiläum: Saalfelder Vocalisten feiern 30-jähriges Bestehen

Ein sommerlich-lauer Sonntagnachmittag. In einer kleinen Dorfkirche im Saaletal singen die Saalfelder Vocalisten geistliche Lieder. Es ist andächtig still. Dann kommt der Applaus – und die Ansage: Teil zwei des Konzertes gibt es im Nachbardorf. Es ist nicht ganz üblich, bei Nachbars in die Kirche zu gehen, wenn man doch selber eine hat. Aber jetzt, wo die Gemeinden zusammengelegt werden, da muss man wohl. Nach Kaffee und Kuchen wandert die ganze Gemeinde weiter zur nächsten Kirche. Die Vocalisten gehen voran, sie locken ihre Konzertgemeinde von einem Dorf ins nächste und von einer Kirche in die andere. Ach guck, die ist auch schön. Die Vocalisten sind ein gutes Zugpferd für die Gemeindearbeit, weiß die Pastorin. Und die acht Männer lassen sich gerne einspannen. Kleine Konzerte in kleinen Dorfkirchen – das ist völlig in Ordnung und hat auch etwas mit Heimat zu tun und mit ihrem Selbstverständnis. Sie sind – obwohl kein Kirchenchor – aktive Christen. Das wiederum kommt auch von der Musik. »Wenn es nicht so schöne Kirchenmusik gäbe – ich weiß nicht, ob ich an das Evangelium glauben könnte«, sagt Arnulf Heyn, der Blumenhändler. »Ich werde durch die Musik im Glauben getragen.«

Die Saalfelder Vocalisten: Im Repertoire haben sie hauptsächlich geistliche Lieder. Foto: Saalfelder Vocalisten

Die Saalfelder Vocalisten: Im Repertoire haben sie hauptsächlich geistliche Lieder. Foto: Saalfelder Vocalisten

Begonnen haben die Vocalisten bei den Thüringer Sängerknaben. Die strenge Schule von Walter Schönheit hat sie geprägt, später von Michael Schönheit. Mit Matrosenkrägelchen standen sie als Achtjährige schon auf der Empore der Johanniskirche in Saalfeld und sangen Motetten und Oratorien und in unzähligen Gottesdiensten. »Da gehen einem die gottesdienstlichen Abläufe in Fleisch und Blut über.«

Konzerte, Chorreisen – die Kirchen wurden eine zweite Heimat. »Und wenn dann die Morgensonne durch die Bleiglasfenster hereinscheint, geht mir das Herz auf«, erinnert sich Stefan Matz. »Da spüre ich die Religion.« Er ist Diplomkaufmann und bewertet Immobilien. Es sei der größte Lohn, die Zuhörenden mitzunehmen, sodass sie am Ende still und berührt aus der Kirche gehen.

Begonnen haben die acht Männer mit Trinkliedern in Kneipen und für Freibier. Dann wurden die Bühnen größer – vom Kulturhaus Rudolstadt-Schwarza bis ins ZDF und von Thüringen aus ging es bis in die USA, nach Japan und Südafrika. Hauptsächlich geistliches Liedgut von Bach bis Biller ist in ihrem Repertoire, aber auch Stücke von den Comedian Harmonists. Drei CDs haben sie eingespielt, eine DVD dokumentiert ihre Japanreise.

Nun sind sie seit 30 Jahren ein Team. »Wenn einer denken würde, er könne seinen Schädel durchsetzen, wären wir nicht mehr zusammen.«

Einmal saß der Kloß im Hals. Das war bei der Beerdigung ihres Chorbruders Bertram. Trotzdem haben sie gestanden und gesungen und sich hinterher in den Armen gelegen. Jesum bleibet meine Freude.

Singen wollen sie noch lange, sagt Henrik Pfeiffer, der Schornsteinfegermeister. Nur die Qualitätslatte bleibt hoch. »Wenn wir schlechter werden, ist irgendwann Schluss. Hoffentlich noch lange nicht.«

Ulrike Greim

Jubiläumskonzert am 23. September um 17 Uhr im ehem. Franziskanerkloster Saalfeld (Stadtmuseum)

www.saalfelder–vocalisten.de

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Durchweg positive Einträge

18. September 2017 von redaktionguh  
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Bugenhagenhaus: Bilanz der EKM-Themenwochen – Botschaften zum Abschluss übergeben

Im Wittenberger Bugenhagenhaus präsentierten sich während der Weltausstellung Reformation Kirchenkreise und Initiativen aus der EKM. Mit der Projektverantwortlichen Adelheid Ebel sprach Willi Wild.

Wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus?
Ebel:
Es war ein toller Sommer. Im Bugenhagenhaus habe ich viele wunderbare Menschen aus unserer Landeskirche kennengelernt. Unsere Kirche lebt, da ist viel Kreativität und Engagement. Der Austausch war wirklich sehr wertvoll. Ein Höhepunkt für mich waren »Luthers Freunde« aus dem Südharz, die mit einer dreieinhalb Meter großen Lutherpuppe durch die Innenstadt gezogen sind und Besucher auf die Angebote im Bugenhagenhaus aufmerksam gemacht haben.

Wie war die Resonanz?
Ebel:
Wir haben die Erfahrung gemacht, wenn wir rausgehen, Menschen einladen und auf die Angebote aufmerksam machen, dann wirkte sich das auf die Resonanz im Haus aus. Nach dem Kirchentag hatten wir allerdings erst mal Flaute. Aber in der Urlaubszeit, im Juli und August, wurde es dann immer besser. Ich glaube, auch für die beteiligten Kirchenkreise war es eine schöne Erfahrung, wenn die Teams eine Woche gemeinsam hier in Wittenberg verbracht haben.

Welche Kommentare haben die Besucher im Gästebuch hinterlassen?
Ebel:
Die Kommentare sind durchweg positiv. Da heißt es dann: Vielen Dank für den einladenden Raum, für die Gestaltung, für den freundlichen Empfang, für interessante Ausstellungen, für gute Begegnung und gute Ideen, für eine tolle Zeit und tolle Gespräche. Ein Kind hat geschrieben: »Ich hab Kostüme angezogen, ich hab alte Schrift ausprobiert. Es hat mir gefallen.«

Ein Schatzkästchen mit Botschaften übergab Adelheid Ebel (rechts) an Reformationsbotschafterin Margot Käßmann (links). Foto: Thomas Klitzsch

Ein Schatzkästchen mit Botschaften übergab Adelheid Ebel (rechts) an Reformationsbotschafterin Margot Käßmann (links). Foto: Thomas Klitzsch

Der Kirchenkreis Mühlhausen hatte Kostüme mitgebracht. Damit konnte man sich fotografieren lassen. Ein weiterer Eintrag, der mich bewegt hat: »Ich wünsche der EKM den Mut eines Luthers, für Überzeugung Kopf und Kragen zu riskieren.« Diese Botschaft verstehe ich als Anregung für unsere Arbeit: Den Mut zu haben, Dinge zu lassen, wo wir wissen, das funktioniert nicht mehr. Stattdessen gemeinsam zu schauen, wo entsteht etwas Neues.

Reformation geht weiter – was bleibt von der Weltausstellung?
Ebel:
In der vergangenen Woche wurden die Zukunftsprojekte der EKM thematisiert. Die sogenannten Erprobungsräume stießen dabei auf großes Interesse auch von Mitgliedern anderer Landeskirchen. Dabei wurde gezeigt, welche Ideen und neuen Formen von Kirche in den Regionen erprobt werden und welche Auswirkungen sie haben. Da passiert Reformation ganz praktisch vor Ort. Sich darüber auszutauschen, das kam sehr gut an und geht weiter. Das war eine Art Zukunftswerkstatt mit regionalen Bezügen.

Die Weltausstellung Reformation ist zu Ende. Gilt das auch für die Aktivitäten des Kirchenkreises?
Ebel:
Nein, wir bleiben natürlich gute Gastgeber und es gibt weiterhin eine Reihe von Angeboten. Beispielsweise werden die ökumenischen Themengottesdienste in der Stadtkirche, gleich neben dem Bugenhagenhaus, jeden Mittwoch um 20.17 Uhr, bis zum 25. Oktober fortgesetzt. Im Reformationssommer haben wir gelernt, dass wir uns nicht verstecken brauchen. Wir wollen als Kirche auf vielfältige Weise erkennbar sein und uns dazu mutig auf den Marktplatz stellen.

www.kirchenkreis-wittenberg.de

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Welche Rolle spielen Christen in der Politik, Herr Resing?

18. September 2017 von redaktionguh  
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Nahezu 60 Prozent Christen leben in Deutschland. Wie groß ist der Einfluss in Politik und Gesellschaft? Der Journalist und Buchautor Volker Resing (»Angela Merkel – Die Protestantin«) hat darauf geantwortet:

Welche Rolle spielen Christen in der Politik?
Resing:
Christen spielen in der Politik eine maßgebliche Rolle. Gerade in den neuen Bundesländern sind engagierte Christen nach 1990 in wichtige Positionen gekommen. Ohne das soziale Engagement von Christen und den Kirchen sähe es in unserem Land gewiss schlechter aus.

Wie viel Kirche und Christentum verträgt die Politik?
Resing:
Aus der christlichen Botschaft lässt sich in der pluralen Gesellschaft kein eindeutiges politisches Programm ableiten. Wer das behauptet, der missbraucht die Bibel für seine persönlichen politischen Ziele. In der Demokratie ist es auch als Christ legitim, etwa die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu begrüßen oder sie zu kritisieren. Die Kirchen haben sich hier klar und laut positioniert, dass das Eintreten für Menschen in Not zur Christenpflicht gehört. Manchen war das zu deutlich, aber klar erkennbar waren die Kirchen da.

Volker Resing Foto: Markus Nowak

Volker Resing Foto: Markus Nowak

In manchen anderen Fragen gibt es ja auch unter den verschiedenen christlichen Kirchen – und auch unter Christen – sehr unterschiedliche Positionen. Etwa in der Abtreibungsfrage oder bei der Diskussion um die Ehe für homosexuelle Paare. Das ist für Christen manchmal sehr schwierig, da eine eigene Orientierung und Positionierung zu finden. Aber dass es als Christ leicht sein würde in der Welt, das hat Jesus auch nicht verheißen.

Das Thema eines Gesprächsforums in Magdeburg heißt »Das Verschwinden des Christentums aus der Politik?« Wie stehen Sie dazu?
Resing:
Meine Kernthese ist, dass vielmehr die Entkirchlichung und das Verschwinden des Christentums in der Gesellschaft das Problem ist. Gerade in den neuen Bundesländern hat man da ja durchaus schon mehr Erfahrung als im Westen. Und auch dabei ist die sinkende Zahl von Gottesdienstbesuchern doch nur ein Symptom der Krankheit. Viel schlimmer ist, dass die Menschen die christliche Botschaft nicht mehr verstehen – und viele Christen sie nicht mehr erklären können.

Theologen in der Politik – Vorteil oder Hindernis?
Resing:
Vielleicht muss man hier an Martin Luther und die Freiheit eines Christenmenschen erinnern. Das Christentum ist nun mal, auf die Politik bezogen, keine Sprache oder kein Fachgebiet wie etwa das Englische, bei dem man mit einem Test einwandfrei nachprüfen könnte, ob jemand es beherrscht oder nicht.

Das Christentum ist keine Ideologie. Und wenn es eine wäre, das Christentum wäre heute nicht die mit Abstand größte Glaubensgemeinschaft der Welt. Die Botschaft des Auferstandenen ergreift Asiaten und Afrikaner, Amerikaner und auch Sachsen-Anhalter und Thüringer gleichermaßen, wer sie da kleinmachen will für sein eigenes kleines Leben, der hat die Sprengkraft des Glaubens vielleicht noch nicht ganz erfasst.

Die Fragen stellte Diana Steinbauer.

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Wenn das Wort Gottes die Realität verändert

16. September 2017 von redaktionguh  
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Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Psalm 103, Vers 2

Viele Verse aus der Bibel führen ein Eigenleben – nicht nur, wenn sie einer Woche zugeordnet werden. Ihrem unmittelbaren Zusammenhang entnommen, dienen sie als Losung oder Spruch zu allerlei Anlässen – ob es etwa um die Taufe, die Konfirmation, Hochzeiten, Einführungen oder Jubiläen geht.

Während die Losung durchaus darauf angelegt ist, zur weiteren Schriftlektüre anzuregen und konsequent auch Bezüge vom Alten auf das Neue Testament hergestellt werden, haben Segenssprüche noch stärker ihren Wert aus sich selbst heraus, fangen den Moment ein und stellen das Leben und Lebensübergänge unter den Zuspruch Gottes. Sie werden zunächst laut zum Ausdruck gebracht, als Sprachereignis, sind dann aber auch präsent in Urkunden oder Karten. Wer sie, womöglich nach Jahrzehnten, wieder in die Hand nimmt, fühlt sich erinnert an den einstigen Platz im Leben, kann erkennen, wie die Verse nicht nur im unmittelbaren Erleben die Kraft hatten, Realität zu bestimmen und zu gestalten, sondern auch zum Motto eigener Biografie werden konnten. Den Kontext gibt das sich wandelnde Leben vor, das so stets in Verbindung mit Gott gehalten wird.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Ganz andere Verweise ergeben sich, wenn der Vers an seinem literarischen Ursprungsort wahrgenommen wird. Wenn im Psalm die Seele aufgerufen ist, Gott zu loben – »meine Seele«, die gleichzeitig für die aller anderen steht –, dann wird sie verbunden mit dem Hinweis, die geschehenen guten Taten Gottes am Menschen nicht zu vergessen. In den folgenden Aussagen werden vergangenes und gegenwärtiges, ewig präsentes Handeln Gottes verknüpft. Seine Barmherzigkeit überwindet die Sünden der Menschen, und es erklingt ein Lob, in das auch die Engel einstimmen können. Die ganze Welt preist ihren Schöpfer. Und obwohl der Mensch in seinem Leben »wie Gras« ist, »wie eine Blume auf dem Felde« blüht und vom Winde verweht wird, weiß er sich doch stets von der Güte Gottes getragen und trotzt den Widerfahrnissen, die ihm begegnen.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg


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Plädoyer für das Leben

16. September 2017 von redaktionguh  
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Es war der berührendste Moment bei der »Wahlarena« im Fernsehen. Eine junge Frau, 18 Jahre alt, Erstwählerin, mit Downsyndrom, erklärt, dass neun von zehn Babys mit Downsyndrom in Deutschland abgetrieben werden und dass das bis wenige Tage vor der Geburt geschehen darf. Sie fragt Bundeskanzlerin Angela Merkel, wieso man Babys mit Downsyndrom bis kurz vor der Geburt abtreiben darf. »Ich will nicht abgetrieben werden, sondern auf der Welt bleiben!« Großer Applaus im Publikum, die Kanzlerin sichtlich bewegt. Sie verweist darauf, dass die Unionsfraktion eine verpflichtende Beratung bei Spätabtreibungen eingeführt habe. Eine Antwort auf die Frage bleibt sie schuldig.

CDU-Fraktionschef Volker Kauder gestand jüngst in einem Interview ein, dass er politisch in Sachen Abtreibung nichts mehr erreichen könne. Die Abtreibungsfrage sei entschieden. Die großen Parteien überlassen das Thema augenscheinlich der AfD. Christliche Lebensrechtsgruppen, die am Wochenende gemeinsam beim Schweigemarsch für das Leben in Berlin für den Schutz des ungeborenen Lebens demonstrieren, werden dadurch politisch in die rechte Ecke gedrängt.

Die Betroffenen, die Eltern, fühlen sich oft alleingelassen. Daran kann vermutlich auch ein Beratungsgespräch oder ein »Marsch für das Leben« nicht viel ändern. Durch den medizinischen Fortschritt ist Früherkennung möglich, aber die Überlebenschancen sind eben auch gestiegen. Geburt oder Abtreibung, wer will das entscheiden?

Die Entscheidung obliegt der Mutter. Es ist an uns, dass wir uns nicht wegducken, sondern den Betroffenen beistehen. Der Mut der jungen Frau in der Fernsehsendung ist bewundernswert. Ihr Plädoyer für das Leben hat mich beeindruckt.

Willi Wild

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Das Frustschutzmittel …

15. September 2017 von redaktionguh  
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… denn bei den vielen liegt alles

Mehr Mitbestimmung ist keine Gefährdung der Demokratie – im Gegenteil.

Wenn die Bürgermeinung nicht als störend empfunden wird, sondern willkommen ist

Von Ralf-Uwe Beck

Nationalistische Strömungen erstarken, Großbritannien verlässt die EU, in den USA wird ein Trump Präsident. Die Demokratie ist ins Gerede gekommen. Zeit, sie ins Gespräch zu bringen.

Der Traum, jedem Menschen eine Stimme zu geben, ist alt. Herodot schildert schon vor 2 400 Jahren die Unterhaltung dreier Männer, die überlegen, wie Persien regiert werden soll. Der eine plädiert für die Oligarchie, einer für die Monarchie und einer für die Demokratie: »Wenn die Volksmenge herrscht … tut sie nichts von dem, was ein Alleinherrscher macht: Sie besetzt die Ämter durch Verlosung, über die Amtsführung fordert sie Rechenschaft, alle Beschlüsse werden der Allgemeinheit vorgelegt. Mein Votum also lautet, dass wir die Alleinherrschaft aufgeben und die Volksmenge an die Macht bringen, denn bei den vielen liegt alles.«

Durchsetzen kann sich die Idee nicht. Erst am 10. Dezember 1948 wird mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, wovon hier geträumt wurde, zur Verabredung der Weltfamilie: »Jeder hat das Recht, an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter teilzunehmen.«

Die Demokratie also hat den Anspruch auf Selbst- und Mitbestimmung einzulösen. Deshalb ist sie, sind wir, darauf angewiesen, dass wir (uns) abstimmen, uns verständigen, wie wir miteinander leben wollen. Möglich ist das nur, indem wir jede und jeden als fähig ansehen, die eigenen Angelegenheiten zu vertreten und gleichzeitig die der Gemeinschaft zu berücksichtigen. Dies ist das Urvertrauen, ohne das eine Demokratie nicht auskommen kann.Joseph Beuys hat es in die Formel gegossen: Jeder Mensch ein Künstler. Damit meint er nicht, dass in jedem von uns ein Maler, Musiker oder Dichter steckt, sondern dass die Gesellschaft als soziale Plastik zu begreifen ist, und es unser Menschsein ausmacht, an ihr mitzuwirken. Für einen Moment erlebbar war das für mich im Herbst ’89: Die Menschen, die durch die Kirchen auf die Straßen und Plätze gezogen sind, waren sich – unabhängig davon, ob sie sich weggeduckt oder ob sie aufgemuckt hatten – einig, sich gegenseitig als willkommen anzusehen. Sie waren weder nachtragend noch auf eigenen Vorteil aus. Bei all den Verletzungen hätten wir uns auch die Köpfe einschlagen können. Haben wir aber nicht. Nie habe ich erlebt, dass jemand bei all den Friedensgebeten, Podien, Gesprächsrunden für seine Meinung angemacht oder ausgelacht wurde. Es ging darum, uns unser Land zu eigen zu machen. Dabei sind wir zunächst nicht in Richtung Westen gelaufen, sondern ins Landesinnere. Es ging um das tägliche Brot der Demokratie, um freie und geheime Wahlen, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Das war nur zu haben, indem wir uns gegenseitig zugetraut haben, als Bürger für die Gesellschaft zu bürgen. Es ist ein zärtlicher, christlicher Blick, zu dem die Demokratie einlädt, den Menschen zuerst mit seinen Möglichkeiten zu sehen. Dies passiert tatsächlich, wenn wir ein Wahllokal betreten: Wir werden zu Gleichen. Jede Stimme zählt gleich viel, die einer 18-Jährigen so viel wie die eines 80-Jährigen, die Stimme eines Hartz-IV-Empfängers so viel wie die einer erfolgreichen Unternehmerin. Für einen winzigen Moment scheint die Vision einer gerechten Gesellschaft auf, in der jede und jeder die gleichen Chancen hat, diese Gesellschaft zu gestalten.

Deshalb ist es unabdingbar für die Demokratie, auf jede Stimme Wert zu legen, bei Wahlen, Abstimmungen und überhaupt. Nüchterner: Die Demokratie lebt davon, dass sich möglichst viele beteiligen. Das tun sie aber nicht. Hält beispielsweise der Trend einer sinkenden Wahlbeteiligung an, stellt sich die Frage, ob die Gewählten überhaupt ausreichend legitimiert sind, Entscheidungen über unser aller Wohl zu treffen, und ob von der Kontrollfunktion, die eine Wahl hat, noch die Rede sein kann. Schon wird von hier aus diskutiert, die Wahl, wie in anderen Ländern, zur Pflicht zu machen.

Warum lassen wir unser Selbst- und Mitbestimmungsrecht verkümmern? Warum bekommt bei mancher Wahl die Hälfte von uns den Arsch nicht vom Sofa? Woher rührt die Politikverdrossenheit, die sich für viele in dem Satz verdichtet: Die da oben machen doch sowieso, was sie wollen? Ein Satz, der für eine Monarchie oder gar Diktatur sehr wahrscheinlich ist, einer Demokratie aber ein Armutszeugnis ausstellt, da sie doch antritt, genau das zu vermeiden.

Jede Stimme zählt gleich viel – egal ob Frau oder Mann, alt oder jung, arm oder reich. Aber reicht es, alle paar Jahre ein Kreuz zu machen? Foto: bizoo_n – stock.adobe.com

Jede Stimme zählt gleich viel – egal ob Frau oder Mann, alt oder jung, arm oder reich. Aber reicht es, alle paar Jahre ein Kreuz zu machen? Foto: bizoo_n – stock.adobe.com

Diese Kluft zwischen Regierten und Regierenden lässt sich nicht mindern, indem Politiker uns versichern, sie wollten uns zukünftig besser »mitnehmen«, Politik müsse eben besser erklärt werden. Denn das heißt auch: Ihr seid verzichtbar, lasst uns nur machen und vor allem – lasst uns in Ruhe.

Demokratie ist auf Resonanz angewiesen, sie lebt vom Gespräch. Uns hier zu unterfordern, heißt, uns zu bevormunden. Wir brauchen Räume und Regeln für die Verständigung zwischen Bürgerinnen und Bürgern und mit der Politik. Diese sollten so gestaltet sein, dass sie uns ermutigen. Das Schlüsselwort, damit Menschen demokratische Prozesse – vom Kindergarten an – schätzen lernen, heißt: Selbstwirksamkeitserfahrung.

Merken wir, was unsere Stimme bewirken kann, bringen wir uns eher ein. Beteiligungskultur ist gefragt. Es genügt schon lange nicht mehr, wenn sich Verwaltungen auf die formal vorgeschriebene Beteiligung zurückziehen. Viel deutlicher muss eingeladen, vor allem aber dafür gesorgt werden, dass Kritik und Anregungen nicht nur zur Kenntnis, sondern ernst genommen werden.

Das setzt eine Haltung voraus: Wie angesehen ist die Bürgermeinung in den Augen von Politik und Verwaltung, ist sie willkommen oder wird sie als störend empfunden? Wer sich je engagiert hat, kann lange Klagelieder von der Mühsal singen, gegen Windmühlenflügel anzurennen.

Es geht auch anders: Bei Bürgerhaushalten, erfunden in Porto Alegre, reden die Menschen mit, wie öffentliche Mittel verwendet werden sollen, und fühlen sich nicht mehr nur als Steuerzahler. In Planungszellen gestalten nach dem Zufallsprinzip ausgeloste Bürger schwierige Vorhaben, im österreichischen Vorarlberg tun das Bürgerräte. In Island entsteht eine neue Verfassung – als Bürgerprojekt. Geht nicht, gibt’s nicht. Keine Ausreden mehr! Bei den vielen ist alles.

Auch das Wahlrecht hat Mose nicht vom Berg getragen, es ist reformierbar. Für große Teile der Bevölkerung sind Wahlen gar nicht zugänglich, ausländische Mitbürger zahlen zwar Steuern, bleiben aber außen vor. Und mit der Absenkung des Wahlalters können und könnten mehr junge Menschen wählen gehen.

Entscheidend ist, wie viel wir zu entscheiden haben. Uns am Wahltag nach dem Motto »friss oder stirb« die von Parteien aufgestellten Listen vorzulegen, ist zu billig. Wir sollten mehr Einfluss darauf haben, wer uns vertritt, beispielsweise mehrere Stimmen haben und diese, ganz unabhängig von der Parteiliste, einzelnen Kandidaten geben können, so wie heute schon bei den meisten Gemeinderats- und einigen Landtagswahlen.

Und schließlich ist – soll die repräsentative Demokratie halten, was sie verspricht – die direkte Demokratie auszubauen. Geht alle Staatsgewalt vom Volk aus, müssen die Bürgerinnen und Bürger verbindlich beanspruchen können, das erste und letzte Wort zu haben. Sie müssen Themen auf die politische Tagesordnung und notfalls zur Abstimmung bringen können, wenn die Politik sich drückt, und sie müssen jederzeit politische Entscheidungen korrigieren können. Dafür müssen Bürger- und Volksbegehren gar nicht genutzt werden, allein die Möglichkeit wirkt wie ein Damoklesschwert über der politischen Bühne. Es wird dann mehr miteinander geredet und die Menschen haben weniger das Gefühl, es würde über ihre Köpfe hinweg entschieden. Das Schwarzer-Peter-Spiel, auf die da oben zu zeigen, wäre erschwert, weil es dann auch an uns läge, die Sachen in die Hand zu nehmen. So gesehen, ist die direkte Demokratie auch ein Frustschutzmittel, das helfen kann, Vertrauen in die Demokratie wieder wachsen zu lassen.

Dieses Demokratieprinzip, die parlamentarische Demokratie als das Stand-, die direkte als das Spielbein zu begreifen, hat sich in allen Bundesländern durchgesetzt, allerdings noch lange nicht überall mit fairen Regeln. Auf Bundesebene wird uns dieses Bürgerrecht allerdings (noch) vorenthalten. Das sollte sich ändern. Der nächste Koalitionsvertrag wird zeigen, ob die, die gewählt sind, ihren Wählern auch zutrauen, über Sachfragen zu entscheiden.

Die Einwände, auf die vielen zu setzen, sind bekannt: Der Pöbel denkt nur an sich, Jugendliche sind zu doof, die Bürger nicht interessiert genug und sowieso sind die Probleme viel zu komplex. Aber verweigert die Politik das Gespräch, nährt sie erst die Pöbelei. Wer Jugendliche noch während der Schulzeit wählen lässt, muss Demokratie nicht einpauken, sondern hilft, sie einzuüben. Interesse weckt, wer die Menschen fragt und sie nicht nur zutextet. Komplexe Probleme allein den Berufspolitikern zu überlassen, könnte auch bedeuten, sie auf die lange Bank zu schieben.

Was der Demokratie aufhilft, ist eine Vorwärtsverteidigung. Denn hören wir auf, die Demokratie zu entwickeln, fängt die Demokratie an, aufzuhören.

Mit freundlicher Genehmigung von publik-forum.de


Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Gottesdienst als Heimat

11. September 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

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Die Melodien und Rhythmen, die Intensität und Ernsthaftigkeit setzen sich dauerhaft im Gedächtnis fest, wenn man einmal Sonntagmorgen einen Gottesdienst eritreischer Christen besucht hat.

Es ist anders. Andächtiger, intensiver, aber auch ausgelassener feiern Eritreer Gottesdienst. Teame Beraki ist der Diakon der kleinen eritreischen Gemeinde. Aus seinem Heimatland ist er wegen des Militärdienstes geflohen. Für ihn als Christ war das keine Option. »Ich kann nicht zurück«, sagt er. Die deutsche Sprache fällt ihm noch schwer, vor allem was das theologische Vokabular angeht.

Sein Schicksal – die Flucht vor dem Militärdienst – teilt er mit einigen der anderen. Fünf oder sechs Eritreer sind noch minderjährig. Seit Anfang April treffen sie sich regelmäßig in Eisenachs Kirchen und Gemeinderäumen zum Gottesdienst. Den ersten Kontakt suchten sie in der zentralen Georgenkirche am Markt. Küster Andreas Börner lud sie für den nächsten Sonntag zum Gottesdienst ein. Doch da verstanden sie recht wenig und fragten nach der Möglichkeit, im Anschluss ihren eigenen Gottesdienst feiern zu können. Das war zunächst kein Problem. Doch mit dem Frühling kamen auch mehr Touristen, die das Gebet, den Tanz und den Gesang der dunkelhäutigen Männer und Frauen nicht für voll nahmen und trotzdem durch den Altarraum liefen. Danach begann für die Eritreer eine kleine Odyssee durch Eisenachs Kirchenräume.

Ins Gebet versunken: Eritreische Christen feiern ihre Gottesdienste in Eisenachs Kirchengemeinden. Unwissenheit und Vorurteile führen oft dazu, dass sie aufgrund ihrer Hautfarbe und der Kopftücher der Frauen für Muslime gehalten werden. Foto: Mirjam Petermann

Ins Gebet versunken: Eritreische Christen feiern ihre Gottesdienste in Eisenachs Kirchengemeinden. Unwissenheit und Vorurteile führen oft dazu, dass sie aufgrund ihrer Hautfarbe und der Kopftücher der Frauen für Muslime gehalten werden. Foto: Mirjam Petermann

Ihr nächster Treffpunkt wurde die weniger frequentierte Nikolaikirche, bis ein weiteres Problem zur Sprache kam: Eritreische Christen essen bis zum Gottesdienstende nichts. Wenn also ihr Gottesdienst frühestens 10.30 Uhr nach dem deutschen Gottesdienst beginnt und dieser zwei Stunden und länger dauert, war der Hunger groß und die Konzentration am Ende. Also wurden weitere Lösungen gesucht und über Umwege auch gefunden. Ein Andachtsraum im Schulgebäude des Diakonischen Bildungsinstituts, etwas außerhalb der Stadt. Ruhe und Zeit haben die 20 bis 25 eritreischen Christen hier, aber für ihre Vorstellungen eben keine »richtige« Kirche, sagt Andreas Börner.

Der Diakon ist die einzige Schnittstelle zwischen den Christen aus Eritrea und Eisenachs Kirchengemeinde. Teame Beraki sagt, »er ist ein guter Mann«. In der eigenen Gemeinde wird Börner als Eritrea-Beauftragter bezeichnet – ein Job für den eigentlich keine Kapazitäten da sind. Es ist für ihn unverständlich, dass die Geflüchteten weder auf staatlicher noch auf kirchlicher Seite für solche religiösen Angelegenheiten einen Ansprechpartner haben. »Wenn es Christen sind, muss sich die Kirche auch kümmern«, findet er. Die Kontaktaufnahme der Kirchengemeinde »läuft leider nicht so, wie ich es mir wünsche«, sagt er.

Woran das liegt, dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze für Pfarrer Stephan Köhler, stellvertretender Gemeindekirchenratsvorsitzender. Konkrete Wünsche um Kontakte über die kirchliche Verbundenheit hinaus habe er von anderen Geflüchteten schon vernommen, jedoch nicht von den Eritreern. »Ich habe nicht das Gefühl, dass weiterer Anschluss gesucht wird«, so Köhler. Für ihn liegt der Grund dafür in der geschlossenen Gemeinschaft, die sie bilden. »Es wird in den Gottesdiensten spürbar, dass es für sie ein Stück Zuhause ist«, sagt er. Dafür spreche auch die Regelmäßigkeit und große Zahl der Gottesdienstbesucher. Sein Ziel ist es, die Eritreer zu ökumenischen Veranstaltungen einzuladen und das Miteinander in ähnliche Bahnen wie mit der katholischen Kirche oder den Freikirchen der Stadt zu lenken.

Köhler bemerkt aber auch, dass die Kirchengemeinde dieses Jahr aufgrund des Reformationsjubiläums sehr beansprucht sei. Wegen der zahlreichen Besucher und Veranstaltungen sind kaum noch Reserven vorhanden. Das zeigt sich auch am Freundeskreis Asyl der Kirchengemeinde. Der befindet sich derzeit »in einer Umorientierungsphase und es gab längere Zeit keine Treffen«, so der bisherige ehrenamtliche Verantwortliche Stefan Brinkel. Seit dem 1. Juli gibt es eine Stelle für kirchliche Sozialarbeit im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen. Den Posten übernahm Maike Röder, bis dato Migrationsberaterin bei der Diakonie. Für sie könnte der Kontakt mit den Eritreern ein Bestandteil ihrer Arbeit werden. Inwieweit das ausbaufähig sei, müsse man schauen, so Röder.

Mirjam Petermann

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