Speise zur rechten Zeit, die nicht abspeist

30. September 2017 von redaktionguh  
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Aller Augen warten auf dich, Herr, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.

Psalm 145, Vers 15

Viele Leser hören bei diesem Wochenspruch gleich eine Melodie mit erklingen, wenn sie ihn lesen. Heinrich Schütz: Aller Augen warten auf dich, Herre (Evangelisches Gesangbuch Nr. 461). Zäsur ist angesagt, wenn angestimmt wird. Konvente, Seminare, Klausuren, wenn es Mittag wird – kommt die heilsame Unterbrechung des Alltags. Und etwas zum Essen. Speise. Wenn der Magen knurrt – machen Diskus­sionen auch keinen Spaß.

Der Psalm ist von aktueller Realistik. Nach dem Scheitern politischer Weltreiche und sogenannter neuer Weltordnungen breitet sich der Hunger immer mehr aus. Hungergeschichten durchziehen die gesamte Bibel. Im Erntedankkontext will ich hier die drei Worte »zur rechten Zeit« betonen.

Pfarrer Jörg Uhle-Wettler, Domprediger in Magdeburg

Pfarrer Jörg Uhle-Wettler, Domprediger in Magdeburg

Ein Geschäftsmann, der über siebzig Angestellte verfügte und sich nach einer Herzoperation erholen musste, erzählte mir, er habe Hunderte von Geschäftsessen erlebt. Wunderbare Speisen und edelste Tropfen. In der Rehaklinik erschien eines Tages sein – ihm fremd gewordener – Bruder. »Hier«, sagte er, »ich habe dir zwei Äpfel aus dem Garten mitgebracht und für dich geschnitten. Was soll man denn sonst mitbringen?« Diese beiden Äpfel, Speise zur rechten Zeit, haben ein Umdenken in ihm bewirkt. Er schämte sich seiner Tränen nicht. Seine Augen sahen durch den Schleier klarer. Zwei Äpfel, vom Bruder gesammelt und geschnitten, Speise – Geste – Worte. Mehr bedarf es nicht – im Überfluss, der oft Überdruss erzeugt.

Der Herr sendet auch Boten aus, Speise zu bringen. Menschen und Raben. Und an diesem Wochenende werden es viele Abendmahlshelfer in den Kirchen unseres Landes sein. Dieses Mahl stärkt und macht nicht satt. Der Satte wird faul, der Gestärkte kann den weiten Weg weiter ziehen. Ein Stück Brot, ein Glas Wein, eine liebende Hand werden reichen. Dann könnten auch wir anderen Menschen Äpfel schneiden, Nüsse knacken oder Apfelsinen schälen – und zu Boten werden. Viele Augen warten dankbar auf ihre Speise, die nicht abspeist. Das ist etwas anderes als: Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb.

Pfarrer Jörg Uhle-Wettler, Domprediger in Magdeburg

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Mehr als Feld- und Gartenfrucht

29. September 2017 von redaktionguh  
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Erntedank: Wie die Saat, so die Ernte. In der Landwirtschaft, in der Wirtschaft, in Behörden, Schulen, in der Kirche. Erntedank ist ein fröhliches Fest. Manchmal kommt dabei das Danken etwas kurz.

Wer feiert eigentlich Erntedank wie wir? Die klimatische Lagegunst in Mitteleuropa lässt recht zuverlässig die Ernte gedeihen. Andernorts ist das anders, da geht öfter eine Ernte verloren, da hat Dankbarkeit für den Feldertrag ein anderes Gewicht. Andernorts gibt es andere Traditionen. In den USA beispielsweise wird mit Thanksgiving im November ein umfassendes Dankfest gefeiert.

An Gottes Segen ist alles gelegen. Davon ist Enno von Katte (Foto) aus Wilhelmsthal im Kirchenkreis Elbe-Fläming überzeugt. Müh und Arbeit allein reichen seiner Meinung nach nicht aus. Foto: privat

An Gottes Segen ist alles gelegen. Davon ist Enno von Katte (Foto) aus Wilhelmsthal im Kirchenkreis Elbe-Fläming überzeugt. Müh und Arbeit allein reichen seiner Meinung nach nicht aus. Foto: privat

Erntedank ohne Festgottesdienst ist für Enno von Katte kaum denkbar. Dabei liegt dem Nebenerwerbslandwirt in Wilhelmsthal im nordöstlichen Winkel des Kirchenkreises Elbe-Fläming der umfassende Dank von Thanksgiving näher als der Fokus auf die Feld- und Gartenfrüchte. Nicht nur, weil er neben dem Acker und der Aberdeen-Angus-Rinderzuchtherde auch Wald bewirtschaftet, wo erst im Winter »geerntet« wird. Sondern weil für ihn ein Leitgedanke die Verantwortung ist, die Menschen tragen – und Christen besonders. Verantwortung für die uns von Gott anvertraute Schöpfung, für die Gesellschaft, für die Mitmenschen. Dieser Verantwortung versucht er gerecht zu werden: Im Beruf, im Nebenerwerb, im Ehrenamt als Kuratoriumsmitglied der Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg. Dort mahnt er bei allen wirtschaftlichen Notwendigkeiten immer wieder an, dass die Besonderheit eines christlichen Hauses in Klinik und Behinderteneinrichtungen deutlich spürbar sein muss.

Der studierte Landwirt arbeitet seit 30 Jahren mit wechselnden Aufgaben als Führungskraft in einer Bank, betreut derzeit Unternehmen der Agrar-, Forst- und Ernährungswirtschaft. »In jedem Betrieb legt man eine Saat und zieht sie groß. Wird mit Sorgfalt und Liebe gesät, ergibt sich die Ernte fast von selbst: ein guter Abschluss, ein gutes Betriebsklima, langjährige Kundenbeziehungen«, meint er.

Mit Saat und Pflege allein ist es freilich nicht getan. »Wer sagt, er habe das wunderschöne Blumenbeet mit seiner Hände Arbeit geschaffen, vergisst leicht, dass dies allein nicht reicht«, klingt der erfahrene Bauer fast demütig. »Über aller Arbeit muss auch ein Segen liegen. Und natürlich hängt der Ertrag auch vom Wetter ab.«

In diesem Jahr war es zu nass, sodass der Weizen unter dem Durchschnitt, der Raps deutlich unter dem Durchschnitt lag. Dafür gedieh der Silomais überdurchschnittlich, auch, »weil wir es richtig machen«. Damit meint Enno von Katte unter anderem moderne Düngemethoden, durch die Nährstoffe nicht weggeschwemmt werden, sondern komplett der Pflanze zum jeweils richtigen Zeitpunkt zur Verfügung stehen. »Solches Wirtschaften verstehe ich als verantwortungsvoll und nachhaltig.« Zwei Mitarbeiter bewirtschaften gemeinsam mit der Familie den Betrieb, der auch die überörtliche Zusammenarbeit mit Nachbarn nutzt.

1992 hat Enno von Katte den ehemaligen Familienbesitz in Wilhelms­thal gekauft. »Jeder andere hätte das Gutshaus auch kaufen können«, betont er. Doch er ist glücklich, die jahrhundertelange Familientradition fortsetzen zu können. Stück für Stück baute er den Betrieb auf und hofft, dass eins seiner Kinder ihn übernimmt. »Es ist eine Leihgabe, die der nächsten Generation übergeben werden muss. Wenn das gelingt, ist auch das ein Grund zur Dankbarkeit.«

Dabei strahlt Enno von Katte Zufriedenheit aus, ohne die Notwendigkeit für Veränderungen zu leugnen. »Vielleicht ist es den Deutschen eigen, selten wirklich zufrieden zu sein, sondern immer neu tüfteln zu müssen. Dabei habe ich großen Respekt vor Menschen, die einen hohen Standard einfach zu erhalten wissen, egal ob in der großen Politik oder in der Familie.« Denn zur Dankbarkeit gehöre auch die Zufriedenheit mit dem Erreichten beim Rückblick am Erntedanktag oder zum Jahreswechsel.

Renate Wähnelt

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Kirche ist spannend

25. September 2017 von redaktionguh  
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Porträt: Julia Braband – Studentin und Mitglied der Kirchenleitung

Für einen Urlaub fehlt Julia Braband im Reformationsjubiläumsjahr 2017 die Zeit; aber stillsitzen und dem süßen Nichtstun nachhängen – das ist eh nichts für sie. Bereits als Schülerin des Erfurter Ratsgymnasiums begann sie, sich ehrenamtlich zu engagieren, heute hat sie für ihr junges Alter erstaunlich viele Ämter inne. Im Mai wurde sie sogar in den Rat des Lutherischen Weltbundes gewählt.

Engagement für andere, die Arbeit in Gremien und Synodensitzungen: all das klingt wenig attraktiv und nicht sonderlich spannend für Jugendliche – nicht so für Julia Braband: »Es ist natürlich schwer, alles unter einen Hut zu bekommen, aber es macht mir unheimlich viel Spaß, mich zu engagieren. Ansonsten könnte ich es nicht machen und hätte auch keine Lust, wieder
nach Magdeburg zu fahren oder nach Halle oder mal eben nach Namibia. Man braucht Freude an dem, was man tut.«

Julia Braband bei der Tagung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Namibia. Seit Mai gehört die Theologiestudentin dem Rat des LWB an. Foto: privat

Julia Braband bei der Tagung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Namibia. Seit Mai gehört die Theologiestudentin dem Rat des LWB an. Foto: privat

Alles begann mit der Vakanzvertretung in der Elxleber Gemeinde. »Der Stadtjugendpfarrer von Erfurt war bei uns und fragte, ob ich nicht mitkommen wolle zum Stadtjugendrat? Ich hab es mir mal angesehen.« Dann ging es gleich weiter in den Landesjugendkonvent, dem sie mittlerweile vorsteht.

Heute ist sie aus dem Kreis derer, die in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) präsent sind, nicht mehr wegzudenken. »Klar sind Sitzungen einerseits echt langweilig, aber man lernt so viele Menschen kennen und das ist unheimlich wertvoll, gerade auch international. Das ist besser als jedes Auslandsstudium für mich, weil ich so viele verschiedene Kulturen erlebe. Das ist sozusagen der positive Mehrwert der ganzen Arbeit.«

Der Glaube gibt ihrem Leben seit jeher ein festes Fundament. Trotzdem war der Weg zur Theologie alles andere als vorprogrammiert. »Eigentlich wollte ich immer Medizin studieren«, sagt sie und lächelt. »Ich hatte schon einen Studienplatz«, so die 24-Jährige. Doch zunächst entschied sie sich für eine Ausbildung zur Krankenschwester. Bei ihr wuchs jedoch das Interesse für Theologie und irgendwann stand sie am Scheideweg. Theologie oder Medizin. Sie entschied sich für Theologie.

Die Praxis, für die Menschen vor Ort und ganz konkret da zu sein, das ist es, was sie will. In diesem Zusammenhang kritisiert sie, dass das Theologiestudium ein rein wissenschaftliches Studium sei und es nur ein verpflichtendes Praktikum gebe. Darum plädiert sie dafür, vor dem Studium eine Ausbildung zu absolvieren. »Ich finde, man sollte mal in das ganz normale Leben reingeschnuppert haben, sonst studiert man fernab der Realität und vergisst, wofür man die Ausbildung macht.«

Julia Braband will etwas bewegen. Das heißt aber nicht, dass sie alles Althergebrachte umschmeißen möchte. Gerade die Liturgie empfindet sie als wertvoll. Es fehle ihr oftmals aber der Mittelweg zwischen klassischen Elementen und modernen Formen: »Einerseits loslassen von alten Dingen, die überhaupt keiner versteht, und andererseits neue Dinge einbringen.«

Was sie schätzt und bewundert ist, dass anderswo die Christen ihren Glauben sehr offen leben, sich nicht des Evangeliums schämen. »Der eigene Glaube ist kein populäres Thema. Manchmal wird man sogar ausgelacht. Gerade Jugendliche erleben das ja, wenn sie sagen, ich bin getauft und glaube an Gott. Das ist ein Problem unserer Gesellschaft«, sagt sie.

Ein Bibelvers trägt Julia Braband seit zehn Jahren. Es ist ihr Konfirmationsspruch aus Psalm 73: »Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.« Diesen Vers hat sie sich damals selbst ausgesucht. »Es ist interessant zu sehen, was der Spruch in meinem Leben bedeutet«, sagt sie.

Julia Braband hat einen klaren Fahrplan. Noch vor dem 30. Geburtstag möchte sie ordiniert werden. Wohin es sie verschlagen wird, das weiß sie nicht, aber in der EKM möchte sie bleiben.

Diana Steinbauer

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Ihr gedachtet es böse zu machen

25. September 2017 von redaktionguh  
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Christen in der DDR: Elly Lange gerät in der DDR als Schuldirektorin in Konflikt mit der SED-Ideologie. Ihr beruflicher Weg bricht abrupt ab. Die Folgen begleiten die 92-Jährige bis heute.

Wenn Elly Lange (Jahrgang 1925) auf ihr Leben zurückblickt und sich dabei an das erlittene Unrecht in der DDR erinnert, greift sie immer wieder auf ihre schriftlichen Ausführungen zurück. Sie helfen ihr, Gedächtnislücken zu schließen. In der Vergangenheit hat sie im Schreiben ein Ventil gefunden. Dramatische Situationen, einschneidende Ereignisse hat sie schriftlich festgehalten und sich damit den Schmerz von der Seele geschrieben, die Erschütterungen abgefangen.

Der berufliche Weg der 92-Jährigen ist in der DDR abrupt abgebrochen. Die Folgen begleiten sie bis heute. Elly Langes berufliche Laufbahn beginnt mit der Lehrerausbildung von 1942–1944. »Die ganze Klasse wurde – wir waren 18 Jahre alt – in die NSDAP überführt.« Als sie nach dem Kriegsende in den Schuldienst eintreten will, wird ihr nahegelegt, dass dies nur möglich sei, wenn sie einer antifaschistischen Partei beitritt. Sie wird Mitglied der SED, überzeugt von deren Idealen. »Ich glaubte an einen humanistischen Sozialismus.« Mit dieser Einstellung steht ihr in der DDR eine berufliche Karriere an der Schule offen. 1952 bekommt sie einen Vertrag als Schuldirektorin – und schon gerät sie in den ersten schweren Konflikt. Bei einer Festveranstaltung soll sie auf der Bühne verlesen, »dass wir auch mit der Waffe unseren Aufbau in der DDR verteidigen würden«. Das will sie nicht, sie gibt die Schulleitung ab, arbeitet als Lehrerin.

Elly Lange hat Prinzipien: Weil eine Kollegin, die sich auf die Seite einer christlichen Schülerin gestellt hat, entlassen werden soll, quittiert sie den Schuldienst. Auf ihrem Schreibtisch (Foto) die Dokumente von damals. Foto: Sabine Kuschel

Elly Lange hat Prinzipien: Weil eine Kollegin, die sich auf die Seite einer christlichen Schülerin gestellt hat, entlassen werden soll, quittiert sie den Schuldienst. Auf ihrem Schreibtisch (Foto) die Dokumente von damals. Foto: Sabine Kuschel

Der nächste Konflikt folgt einige Jahre später. 1958 wird sie kommissarisch zur Parteisekretärin ernannt. Es ist die Zeit, in der die DDR-Regierung mit der Einführung der Jugendweihe einen harten Kampf gegen die Kirche führt. Eine Kollegin – Genossin – soll fristlos entlassen werden, weil sie sich auf die Seite der christlichen Schüler gestellt hatte. Elly Lange soll als Parteisekretärin diesen Vorgang leiten. »Die Stunde meiner Entscheidung.« Sie solidarisiert sich als Christin mit ihrer Kollegin und verkündet: »Ich erkenne, dass ich nicht in die Partei gehöre.« Die Mitgliedschaft ist damit noch nicht beendet, aber: »Das war ein Durchbruch zu innerer Freiheit, den ich als Hochgefühl erlebte. Ich konnte nach Depressionen und schlaflosen Nächten wunderbar schlafen, erkannte aber, dass ich keinen Boden mehr hatte in dem, was mich bislang trug.«

Sie kündigt und will der Familie Priorität geben. Eine ganz private Entscheidung, forciert durch persönliche Schicksalsschläge: Zwei Fehlgeburten, eines der Kinder lebte einige Stunden und starb. Sie will Abstand gewinnen und sie wünscht sich ein Kind. Sie und ihr Mann adoptieren einen kleinen Jungen, anderthalb Jahre alt. Als dieser fünf Jahre alt ist, reicht ihr Mann die Scheidung ein. Sie kehrt zurück in den Schuldienst.

Ihr Sohn kommt in die Schule, wo sich zeigt, dass er trotz normaler Intelligenz Schwierigkeiten hat. Sie will eine gute Mutter sein, fühlt sich aber alleinerziehend überfordert, sucht nach einem Ausweg. »Menschenskind«, denkt sie eines Abends, »es muss doch nicht der Lehrerberuf sein!« Sie entdeckt ein Inserat, das ihr wie ein Lichtblitz erscheint, und folgt ihm: Sie erlernt die Fußpflege. Sie scheidet aus dem Schuldienst und löst ihre Mitgliedschaft zur SED wegen ihres christlichen Glaubens – eine folgenschwere Entscheidung. Eigentlich wollte sie nach der Ausbildung teilweise als Fußpflegerin arbeiten und daneben Vertretungsdienste in der Schule übernehmen. Doch die Tür zur Schule ist verschlossen. Auf dem Schulamt wird ihr ein Papier gezeigt, in dem zu lesen ist, dass sie wegen ihrer »psychopathischen Konstitution« im gesamten Bereich der Volksbildung von einer Anstellung ausgeschlossen sei.

Sie beginnt in einem Kinderheim als Küchenhilfe. »Es war gut für mich, vom Obergeschoss runterzukommen«, schätzt sie heute selbstkritisch ein. Ehemalige Lehrerkollegen fragen: Wo bist du hingeraten? Von der Schuldirektorin zur Küchenhilfe! Eine Kollegin empfiehlt sie als Fürsorgerin im Gesundheitswesen. Bei einer Vorstellung sagt man ihr, sie müsse zuvor einen mittleren medizinischen Beruf erlernen. Die Frage, ob sie auch zu alten Menschen gehen würde, bejaht sie. So landet sie in einem Pflegeheim mit katastrophalen Zuständen. »Der 1. August 1968 ist für mich ein Schicksalstag. Er führte in ein anderes Leben«, hält sie in ihren Aufzeichnungen fest.

Die Schuldirektorin, hochqualifiziert, der nach dem Parteiaustritt und ihrem Bekenntnis zum christlichen Glauben eine psychopathische Konstitution angehängt wird, verschlägt es in ein abbruchreifes Pflegeheim mit schockierenden Missständen!

»Die größte Herausforderung meines Lebens!« Sie stellt sich ihr. Packt kräftig zu, stemmt sich gegen den Schlendrian, will die Not der hilfsbedürftigen alten Menschen lindern. Sie eckt an. Doch sie verbucht auch Erfolge. Nach einer Eingabe an den Staatsrat der DDR, in der sie menschenwürdige Bedingungen für Heimbewohner und Personal einklagt, wird das Pflegeheim abgerissen. Sie kommt auf eine andere Station, wo sie unter besseren Bedingungen arbeiten kann. Ein Ende des Unrechts, der Demütigungen und der Schikanen? Dazu ist ein Obergutachten nötig, welches die psychopathische Konstitution als nichtig erklären und ihr damit die Fähigkeit für den Schuldienst bescheinigen soll.

Sie bekommt dieses Obergutachten, das ihr die Tür zur Schule wieder öffnen soll. Sie tut es bedingt. Ihr wird eine Anstellung als Erzieherin für stationär betreute Kinder in der Nervenklinik mit einem Gehalt von 1 000 DDR-Mark angeboten. Ihr bisheriger Verdienst auf der Pflegestation beträgt 250 Mark. Dennoch: Sie lehnt ab.

Hier in etwa endet die böse Phase ihrer Verfolgung in der DDR. Nach dem Beruflichen Rehabilitierungsgesetz wird ihr die Zeit vom 1. März 1968 bis 31. Dezember 1970 als Verfolgungszeit angerechnet.

Die DDR ist indes noch lange nicht an ihr Ende gekommen. Elly Lange bezeichnet ihre Entscheidung, weiterhin sozial tätig zu bleiben, als eine Sternstunde ihres Lebens. Sie glaubt, ihre Berufung erkannt und Gottes Wille befolgt zu haben. Und nach dem erlittenen Unrecht kann sie sagen: Die Menschen wollten es böse machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. (1. Mose 50,20)

Nichtsdestotrotz bekommt sie mit dieser gebrochenen Berufsbiografie nur eine geringe Rente. Wäre sie Lehrerin oder Schuldirektorin geblieben, würde diese vermutlich höher ausfallen.

2011 soll die Miete um zehn Euro erhöht werden. Bei einer Rente in Höhe von 661 Euro ist das für sie viel Geld. Doch es geschieht etwas Überraschendes. Ein Pfarrer im Westen – er hatte den 2010 im MDR gezeigten Film »Der Mut der Anständigen« gesehen, in dem auch Elly Lange auftrat, meldet sich. Der Theologe ist von dem Schicksal dieser resoluten Frau so berührt, dass er ihr helfen will. Monatlich bekommt sie eine finanzielle Unterstützung von ihm – über seinen Tod hinaus. »Das große Wunder meines Lebens.«

Sabine Kuschel

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Mit »Paulus« schließt sich der Kreis

25. September 2017 von redaktionguh  
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Jubiläum: Zum Reformationsfest 1917 gründete sich der Dessauer Lutherchor. Er gewährte Sängern und Zuhörern Zuflucht vor den Härten des Alltags.

Was vom Reformationsjubiläum 2017 in Dessau über dieses Jahr hinaus bleibt, wird die Geschichte zeigen. Das Reformationsjubiläum 1917 jedenfalls hat bis heute seine Spuren in der Stadt hinterlassen. Vor 100 Jahren gründete sich in der damaligen Residenzstadt des Herzogtums Anhalt ein Reformationschor, der seit 1946 über die Grenzen Dessaus hinaus als Lutherchor bekannt ist.

Als Reformationschor gegründet, als Lutherchor heute bekannt: Die Sängerinnen und Sänger unter Leitung von Landeskirchenmusikdirektor Matthias Pfund beim Konzert in der Dessauer Johanniskirche. Foto: Doreen Ritzau

Als Reformationschor gegründet, als Lutherchor heute bekannt: Die Sängerinnen und Sänger unter Leitung von Landeskirchenmusikdirektor Matthias Pfund beim Konzert in der Dessauer Johanniskirche. Foto: Doreen Ritzau

Mit aktuell 82 Sängerinnen und Sängern, vom jungen Erwachsenen bis zum Senior, ist er einer der größten Laienchöre der Stadt. Jeden Dienstagabend wird in der Petruskirche geprobt. Aktuell für die drei Jubiläumsaufführungen. Am 24. September, 17 Uhr, erklingt in der Dessauer Johanniskirche ein A-cappella-Konzert. Am 29. Oktober kommt um 10 Uhr im Festgottesdienst am selben Ort die Kantate »Schmücke dich, o liebe Seele« von Johann Sebastian Bach zu Aufführung. Passend zum Reformationstag erfüllt akustisch, um 17 Uhr, das Oratorium »Paulus« von Felix Mendelssohn Bartholdy die Räume der Johanniskirche. Damit schließt sich ein Kreis.

Denn mit »Paulus« von Mendelssohn Bartholdy hat vor 100 Jahren alles angefangen. Der Dessauer Landeskirchenmusikdirektor Gerhard Preitz suchte zum 400-jährigen Reformationsjubiläum 300 Sänger, die in einem Reformationschor den »Paulus« zum Besten gaben. 600 hatten sich beworben. »Das ist angesichts der damaligen Umstände erstaunlich«, resümiert Matthias Pfund, der aktuelle Landeskirchenmusikdirektor der Anhaltischen Landeskirche und Leiter des Lutherchors. 1917 war ein schweres Jahr. Der »Hurra-Patriotismus«, mit dem 1914 und 1915 unter jubelndem Beifall der Bevölkerung junge Männer verabschiedet wurden, um an den Fronten des Ersten Weltkrieges für das Kaiserreich zu kämpfen, wich einem ernüchternden Realismus. Der Kaiser und seine Untertanen standen kurz davor, den Krieg zu verlieren. Immer mehr Versehrte und Traumatisierte kehrten heim. Der Kriegsalltag war von harten Entbehrungen geprägt. Feierlaune mag bei den wenigsten aufgekommen sein.

Und doch war das bevorstehende Konzert zum 400-jährigen Reformationsjubiläum so etwas wie ein kleines Aufbäumen gegen die Umstände, ein Licht in der Tristesse, mag der Beobachter anno 2017 vermuten. So probten die Laiensänger intensiv für die öffentliche Aufführung des »Paulus« und sollten nach dem Konzert eigentlich wieder auseinandergehen. Doch die Mitstreiter fanden so viel Gefallen daran, dass das Jubiläum zwar verging, aber der Reformationschor blieb. Viele gesellschaftliche Umbrüche hat er in seinen 100 Jahren miterlebt.

Seine Funktion als Zufluchtsort vor den Härten des Alltags zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Stets war er seinen Mitstreitern und Zuhörern ein persönlicher Halt. Die unruhigen Zeiten in der jungen Demokratie der Weimarer Republik, inklusive Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise, ließ er bei Proben und Konzerten wenigstens für ein paar Stunden vergessen. In der NS-Zeit pausierte er von 1939 bis Kriegsende. 1946 wurde seine Neugründung, diesmal unter dem Namen »Lutherchor«, förmlich herbeigesehnt. Hier konnte man sich mittels der Musik gegen die Unfreiheit in der Sowjetzone und später der DDR ein wenig auflehnen.

Seit der Wende ist der Lutherchor »ein Brückenbauer zwischen der Kirche und der säkularen Gesellschaft«, wie Matthias Pfund betont. Was sich am besten beim jährlichen Weihnachtsoratorium beobachten lässt, wenn Nichtchristen und Christen in trauter Eintracht lauschen.

Danny Gitter

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Kreuze sorgen für Aufsehen

25. September 2017 von redaktionguh  
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Ökumenisches Projekt: Seit einigen Tagen stehen bunte Kreuze in der Innenstadt von Mühlhausen. Sie sollen die Menschen zum Nachdenken bringen – über Gott und die Reformation.

Hinschauen, Nachdenken, Diskutieren, Innehalten. Der Mühlhäuser Steinweg hat sich vor einigen Tagen in einen Kreuzweg verwandelt. 37 Laternen haben nun ein Kreuz, an dem man nicht einfach vorübergehen kann. Jedes Holzkreuz ist 1,80 Meter groß und sehr individuell gestaltet: mit Fotos, Textilem, Patchwork, Bibelsprüchen, Malereien und auffälliger Dekoration. Gefertigt wurden sie von Kindergärten, Schulen, Familienkreisen, Kirchenämtern und Hilfsorganisationen der Stadt. Die Aktion ist nicht neu. 2006 hat der Mühlhäuser Stadtdechant Andreas Anhalt sie in Suhl, seiner damaligen Pfarrstelle, angeregt. Zwölf Jahre später machen 37 Mühlhäuser Gruppen mit. Platz wäre für 44 gewesen – so viele Laternenpfähle gibt es am Steinweg.

Individuell und bunt: Lilli, Marie, Yvaine, Smilla und Ida (v.l.) vor einigen der Holzkreuze. Das Kreuz mit dem Weinreben motiv wurde vom Ökumenischen Hainich Klinikum gestaltet.  Fotos: Claudia Götze

Individuell und bunt: Lilli, Marie, Yvaine, Smilla und Ida (v.l.) vor einigen der Holzkreuze. Das Kreuz mit dem Weinreben motiv wurde vom Ökumenischen Hainich Klinikum gestaltet. Fotos: Claudia Götze

»Den Höhepunkten dieses Jubeljahres wollen wir einen zum Nachdenken anregenden Kontrapunkt entgegensetzen, denn schließlich ist eine Folge der Reformation das Kreuz der Trennung, unter dem evangelische und katholische Christen seitdem leiden«, erklärt Pfarrer Anhalt. »Kreuze sind allgegenwärtig«, sagt Pfarrer Marc Pokoj bei der Andacht zu Beginn der Aktion. Angesichts 37 sehr individuell gestalteter Kreuze weist er die Gestalter darauf hin, dass sie auch mit Vandalismus und Verschwinden ihrer Kunstwerke rechnen müssen. Das »Kreuz mit dem Kreuz« könne ohnehin vielschichtig interpretiert werden. Vor allem stehe es als das Symbol für Leid, Krankheit und Tod. Doch bei einem kurzen Innehalten an jedem Kreuz heißt es: »Kreuz ist Heil, Leben, Hoffnung.«

»Wir wollen einfach schauen, was passiert, wie sich der Anblick der Kreuze im öffentlichen Raum auswirkt«, sagt Pfarrer Pokoj. Wichtig sei zugleich, dass sich die Gestalter Gedanken gemacht haben, was im Nachgang mit den Kreuzen passiert. Die Religionsschüler der Mühlhäuser Nikolai-Grundschule wollen das farbenfrohe Kreuz mit den Bienen in ihrem Unterrichtsraum aufhängen. 70 Religionskinder haben ein »Kreuz voller Leben« mit »Fleiß und Zusammenhalt des Bienenvolkes« dargestellt. Das Deutsche Rote Kreuz will es bei seinen Aktionen dabei haben, auch die Notfallseelsorge der Diakonie hat schon einen Platz reserviert.

Auch im sozialen Netzwerk hat die Aktion Diskussionen ausgelöst: Da gehörten Kreuze nicht hin, und Religion habe im öffentlichen Raum nichts zu suchen. »Was wohl die Neubürger dazu sagen werden?«, fragte ein Nutzer. Die Kreuze stehen natürlich auch vor einem türkischen Imbiss und einem arabischen Lebensmittellädchen. In einem weiteren Fall sorgt die gut lesbare Botschaft des Kreuzes »Ihr Kinderlein kommet« für ein Schmunzeln. Das Kreuz steht vor einer Schülerhilfe.

Claudia Götze

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Werke von einzigartiger Schönheit

24. September 2017 von redaktionguh  
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Orgelbau: Vor 400 Jahren starb Esaias Compenius. Er gilt als einer der bedeutendsten mitteldeutschen Orgelbauer

Seine überragende Begabung, die Liebe zum ästhetischen Detail, handwerkliche Perfektion, grandiose Intonationskunst und die klangliche Raffinesse der Instrumente von Esaias Compenius suchen ihresgleichen. Die Zusammenarbeit mit dem Musiker Michael Praetorius und dem kunstsinnigen Halberstädter Bischof und Herzog Heinrich Julius hat Werke von einzigartiger Schönheit hervorgebracht. Esaias Compenius war einer der genialsten Orgelbauer seiner Zeit.

Prospektkopie der Compenius-Orgel in der Stadtkirche Bückeburg. Foto:Wieland Kastning

Prospektkopie der Compenius-Orgel in der Stadtkirche Bückeburg. Foto:Wieland Kastning

Geboren im Dezember 1566 in Eisleben als Sohn des Organisten und Orgelbauers Heinrich Compenius und dessen Ehefrau Barbara, geb. Goertteler, erlernte Esaias Compenius wie seine Brüder Timotheus, Heinrich und Jacob den Orgelbau bei seinem Vater. Nach der Schulzeit in Eisleben, Erfurt und Nordhausen arbeitete Esaias 1589 mit dem Vater an einer Orgel für die Jacobi-Kirche in Hettstedt. Es kam zum Streit und beide trennten sich.

Wahrscheinlich hat er zwischen 1590 und 1598 unter anderem im Weserbergland um Bückeburg gearbeitet und um 1595 auch beim Bau der großen Orgel mitgearbeitet, die David Beck für Herzog Heinrich Julius von Braunschweig in der Schlosskirche von Gröningen errichtete. Ihr wundervoller Prospekt ist in der Martinikirche in Halberstadt erhalten – wo ein Projekt zur Rekonstruktion einer der schönsten Orgeln weltweit in Arbeit ist.

1598 arbeitete Esaias in der Werkstatt seines Bruders Heinrich in Halle. Danach ließ er sich in Magdeburg nieder und übernahm eine Reihe von Aufträgen, die er nicht alle bewältigen konnte. So in Sudenburg, wo die Arbeiten von seinem Bruder Heinrich zu Ende geführt wurden. 1603 hatte Esaias die Pflege der großen Schlossorgel in Gröningen übernommen. Für das Halberstädter Domkapitel arbeitete er auch als Instrumentenmacher. Damals erhielt der den Auftrag zum Bau einer Orgel für Kroppenstedt, der sich bis zum Jahr 1613 hinziehen sollte und sowohl dem Auftraggeber wie dem Orgelbauer großen Ärger bereitete. Denn 1605 beauftragte ihn Herzog Heinrich Julius mit dem Bau einer zweimanualigen Kabinettorgel mit Pedal für seine Gemahlin Elisabeth, Schwester des dänischen Königs Christian IV., für deren Sommerresidenz in Schloss Hessen. Dieses mit dem Wolfenbütteler Hofkapellmeister Michael Praetorius und dem Herzog konzipierte grandiose Instrument hatte absolute Priorität. 1612 übernahm Compenius unter der Mitwirkung von Michael Praetorius den Bau einer dreimanualig disponierten Orgel für die neue Stadtkirche in Bückeburg. Mit seinem Sohn Adolph baute er bis 1615 an diesem Werk, das von Adolph noch erweitert wurde.

Esaias hatte inzwischen mit dem Domkapitel in Hildesheim ein neues Projekt abgesprochen, ebenso den Bau einer kleinen Orgel für eine Klosterkirche südlich von Hildesheim, als er von Elisabeth, der Witwe des Herzogs Heinrich Julius, den Auftrag erhielt, das »Höltzern Orgelwerck« als Geschenk für König Christian IV. nach Dänemark zu versetzen. Daher musste er seine Projekte zurückstellen und gab sie an seine Brüder weiter.

Compenius, der nach dem Tode seiner ersten Frau in Kroppenstedt erneut geheiratet und sich in Braunschweig niedergelassen hatte, zog im Frühjahr 1617 mit seiner kostbaren Fracht nach Schloss Frederiksborg bei Hilleröd. Dort baute er das herrliche Instrument wieder auf. Es ist dort trotz mehrerer dramatischer Vorkommnisse nach einer durchgreifenden Restaurierung erhalten. Schon das Äußere vermittelt durch die von einer Fama-Figur gehaltenen dänischen und braunschweigischen Wappen fürstlichen Pomp. Die Hinweise auf Venus und Merkur mit musizierenden Putten beschwören die Aura antiker Liebeslyrik. Die »Compenius-Orgel« umgibt ein Schleier des Geheimnisvollen vollendeter Schönheit, allein schon durch die harmonischen Proportionen der drei Prospektarkaden mit dem Dekor der Frontpfeifen aus Elfenbein und Ebenholz.

Mit diesem Juwel des historischen Orgelbaus verliert sich die Spur des Erbauers im Frühjahr 1617. Wann und wo Esaias Compenius gestorben ist, bleibt ein Geheimnis. Von seinem Selbstverständnis als Künstler zeugt ein Satz aus seiner Korrespondenz mit dem Kroppenstedter Rat, mit dem er auf Vorwürfe reagierte, er wolle die Kroppenstedter »an der Nase herumführen«: »Wann mir dann solche große verachtung vnd verkleinerung, meiner Kunst vnd ehrlichen nahmens, nicht alleine schmertzlichen wehe thut.«

Gerhard Aumüller

Der Autor ist Mediziner und hat zum Orgelbau geforscht. Er ist im Beirat der Internatio-
nalen Heinrich-Schütz-Gesellschaft. Einen Vortrag zum Thema hält er am 30. September, 15 Uhr, in der Kirche zu Kroppenstedt.

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Demokratie gestalten

24. September 2017 von redaktionguh  
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Im gemeinsamen Wort der Kirchen zur Bundestagswahl heißt es, Demokratie lebt durch Beteiligung, und nur so können Anliegen und Interessen der Menschen in eine Politik umgesetzt werden, die dem Gemeinwohl dient. Die Erinnerung daran tut not, angesichts gewachsener Aggressionen gegenüber jenen, die auf komplexe Probleme eben keine einfachen Antworten geben.

Nach wie vor gibt es soziale Probleme auch in unserem Land. Die Folgen der demografischen Entwicklung müssen gestaltet werden, um angemessene Lebensbedingungen bis ins Alter gewährleisten zu können. Die Arbeitswelt steht durch Globalisierung, Automatisierung und Digitalisierung erkennbar vor Wandlungsprozessen. Chancen und Risiken müssen aufeinander bezogen werden, um Wohlstand für alle zu fördern.

Der Prozess der europäischen Einigung wird mit stärker gewordener Skepsis betrachtet. Nationale Identitäten und gemeinsame Interessen müssen zum Ausgleich gebracht und plausibel vermittelt werden. Menschen suchen Zuflucht und Perspektive in unserem Land. Ihnen eine Heimat zu geben und sie zu integrieren, fordert uns in besonderer Weise heraus.

Wir nehmen wahr, dass sich Menschen um Identität und sozialen Frieden in unserem Land sorgen. Die Zahl derer nimmt zu, die den Eindruck haben, nicht gehört und verstanden zu werden. Darauf müssen wir Antworten finden, die zusammenführen und nicht spalten. Große Parteien stehen zur Wahl und auch kleine. Wie auch immer man wählt, es ist ein wichtiger Beitrag zur Gestaltung unseres Landes. Wir sollten ihn nicht verweigern!

Albrecht Steinhäuser

Der Autor ist Beauftragter der evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung Sachsen-Anhalt.

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Solidargemeinschaft eigener Art: Das geteilte Leid

23. September 2017 von redaktionguh  
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Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

1. Petrus 5, Vers 7

Gott hält die Welt in seiner Hand. Er trägt die Menschen und hilft ihnen, auch Zeiten der Anfechtungen zu erdulden. Die hier zum Ausdruck kommende Fürsorge ist durch nichts begrenzt. Gerade diese Universalität kann in Bewährungssituationen Kraft geben, denn Fallstricke lauern überall.

Nicht von ungefähr fügt Petrus dem Verweis auf die behütende Majestät Gottes einen weiteren Aufruf an: »Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder und Schwestern in der Welt kommen.« Das geteilte Leid ist eine Solidargemeinschaft eigener Art.

Wohl kaum jemand hat den permanenten Kampf mit dem Dämonischen so existenziell und literarisch verdichtet präsentiert wie Goethe. Am Ende von Faust II tritt neben Mangel, Schuld und Not die Sorge personifiziert in Erscheinung: »Stets gefunden, nie gesucht, / So geschmeichelt wie verflucht.« Faust will von ihr nichts wissen. Die Sorge demonstriert allerdings umgehend ihre Macht und schlägt ihn mit Blindheit: »Die Menschen sind im ganzen Leben blind, / Nun, Fauste, werde du’s am Ende!«

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Hier ist kein Gott präsent, der die Last des Menschen stellvertretend trägt. »Wen ich einmal besitze«, kommentiert die Sorge triumphierend, »dem ist alle Welt nichts nütze.« Eben darin drückt sich die Kraft der Sorge aus, dass sie sich in die Seele des Menschen hineinarbeitet und den Blick auf die Umwelt verdüstert und lähmt. Ihr Erscheinungsbild ist facettenreich und kaum zu fassen. Sorgen um die eigene Existenz, das eigene Ergehen, sind das eine, Sorgen um andere stehen noch einmal auf einem ganz anderen Blatt, sie sind in der Regel viel schwerer zu ertragen.

Der Zuspruch, den Petrus in seinem Brief mitteilt, trifft den Kern der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen und mitten hinein in die Brüchigkeit des Lebens.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt

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Jesus im Hinterhof

22. September 2017 von redaktionguh  
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Offene Arbeit: Ein Synonym für Freiheit, politische Diskussionen, unangepassten Lebensstil inmitten der DDR und im Schoß der evangelischen Kirche. Hat die kirchliche Jugendarbeit den Herbst 1989 erst möglich gemacht?

Es gibt keine direkte Linie von der Offenen Arbeit zur friedlichen Revolution. Aber es gibt Protagonisten der Friedensbewegung und Opposition, die in der Offenen Arbeit lernten, Themen zu diskutieren und sich auf Augenhöhe mit anderen und ihren Meinungen auseinanderzusetzen. Junge Menschen, die nicht ins DDR-Raster passen wollten.

Die Jugendpolitik im DDR-Sozialismus zielte seit den 1960er-Jahren sehr stark auf Formierung und Homogenisierung. »Jugendlichen, die lange Haare hatten, in Jeans rumliefen und andere Musik hören wollten, wurden zunehmend die Räume verschlossen«, erklärt die Historikerin Katharina Lenski. Sie kennt die Zeit aus eigenem Erleben. Lenski hatte Medizin studiert, wurde aus politischen Gründen exmatrikuliert. Anschließend war sie in der Berliner Opposition aktiv.

Protest im Rahmen der Kirche: Jugendliche beim Kirchentag 1983 in Erfurt. Foto: Archiv

Protest im Rahmen der Kirche: Jugendliche beim Kirchentag 1983 in Erfurt. Foto: Archiv

Diesen Jugendlichen öffneten Seelsorger der evangelischen Kirche Räume. »Hier konnten die Konflikte zur Sprache kommen und wurden zu faszinierenden Bildungsprozessen. Politische Gestaltungsräume gab es ja kaum«, sagt Christian Dietrich, Thüringer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung des SED-Unrechts. Karl-Marx-Stadt, Saalfeld, Jena, Bad Blankenburg, Halle-Neustadt und Erfurt waren einige der Standorte für Offene Arbeit. Pfarrer Walter Schilling war eine wichtige Symbolfigur der Offenen Arbeit in der DDR. Ein charismatischer Seelsorger, der das Rüstzeitheim in Braunsdorf bei Rudolstadt aufbaute, das von vielen jungen Menschen besucht wurde. Schilling praktizierte mit seiner Offenen Arbeit die »Konzeption der Konzeptlosigkeit«, ein Gegenmodell zur sozialistischen Erziehung. Er öffnete im Sommer 1978 die Rudolstädter Stadtkirche für Jugendliche und gab ihnen mit »June 78« ein Gefühl von Freiheit. In gewisser Weise entstand mit der Offenen Arbeit eine Insel im DDR-Alltag, meint Katharina Lenski. »Man hat versucht, sich dort mit konkreten Problemen auseinanderzusetzen.« Das bedeutete auch, dass man in diesem Rahmen Kritik äußern konnte. »Da war die Offene Arbeit doch förderlich, um doch einfach mal auch zu experimentieren, so unbeholfen das gewesen ist.«

Dass Offene Arbeit gelang, hing vor allem von den handelnden Personen ab. Walter Schilling oder Lothar Rochau riskierten mit ihrem Engagement viel – staatlich wie kirchlich. Rochau, Jugendwart der Offenen Arbeit in Halle-Neustadt wurde entlassen und sogar inhaftiert. »Im kirchlichen Selbstverständnis war diese Arbeit immer grenzwertig. Der Thüringer Bischof Werner Leich brachte dies auf die Formel, Kirche sei offen für alle, aber nicht für alles, so Dietrich. Im Fall von Rudolstadt hatte der dortige Superintendent die Veranstaltungen für Jugendliche und damit den Jugendpfarrer und seine Aktivitäten unterstützt. »Aber die höheren Hierarchien, die Oberkirchenräte, die haben das alle bekämpft. Und gleichzeitig mit der Staatssicherheit kooperiert«, weiß Historikerin Lenksi. Unangepasste Themen, Lebensweise, Äußeres – das beunruhigte Staat und Kirchenleitung.

Verantwortliche unterbanden mitunter die Arbeit der Jugendpfarrer. Somit brachen die Gruppen der Offenen Arbeit vielerorts immer wieder auseinander. Eine große Enttäuschung für die nach Vertrauen und Halt suchenden Jugendlichen. »Der Druck auf die jungen Menschen wurde stärker und ebenso die verdeckten Zersetzungsmechanismen, die dann auch soziale Erosionen hervorgerufen haben. Da haben sich Partnerschaften getrennt, Freundschaften sind zerbrochen«, so Lenski. Dass die Offene Arbeit nicht nur ein Jugendmodell war, betont Christhard Wagner vom Evangelischen Büro Thüringen. Alle Menschen seien willkommen gewesen, egal woher und in welchem Alter. Gelebtes Evangelium, unter sozialistischen Außenbedingungen. Der frühere Jugendpfarrer ist sich sicher: »Wenn Jesus wiederkommt, dann sitzt er zuerst im Hinterhof der Offenen Arbeit.«

Diana Steinbauer

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