Wenn die Großnichte mit dem Onkel die Orgel schlägt

8. September 2017 von redaktionguh  
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Liszt-Orgel: Seit fast 40 Jahren engagiert sich G+H-Redakteur Michael von Hintzenstern in Denstedt im Weimarer Land für den Erhalt der Orgel in der Dorfkirche. Willi Wild sprach mit ihm über sein Engagement.

Wie sind Sie auf die Orgel gestoßen?
von Hintzenstern:
Ich bekam 1980 den Auftrag, zu den Thüringer Orgeltagen einen Vortrag über den Weimarer Stadtorganisten, Komponisten und Orgelbautheoretiker Johann Gottlob Töpfer (1791–1870) zu halten, der aus Niederroßla bei Apolda stammt und als wichtigster Orgelbautheoretiker des 19. Jahrhunderts gilt. Er hat ein Lehrbuch der Orgelbaukunst veröffentlicht, das eine Art Bibel für Orgelbauer war. Ein Standardwerk.

Lisztorgel in Denstedt. Foto: Maik Schuck

Lisztorgel in Denstedt. Foto: Maik Schuck

Bei der Recherche im Goethe-Schiller-Archiv und in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek bin ich auf einen Brief von 1860 gestoßen, den Franz Liszt an seinen »legendarischen Kantor« Alexander Wilhelm Gottschalg schrieb. Darin ist »von ländlichen Orgelexperimenten« in der Kirche in Denstedt die Rede. Ich bin daraufhin mit meinem Trabbi rausgetuckert. Und fand eine Orgel vor, für die sich niemand interessiert hat. Es gab kein Firmenschild. Wir wussten also gar nicht, wer die Orgel erbaut hat. Mein Vater fand dann in einer alten Tageszeitung eine Dankanzeige der Gemeinde Denstedt an die »edlen Stifter«. Ihr war zu entnehmen, dass die Orgel von den Gebrüdern Peternell aus Seligenthal (Schmalkalden) nach einer Disposition von Prof. Töpfer erbaut wurde. Geadelt ist das Instrument dadurch, dass sich Franz Liszt mehrfach dort aufgehalten hat, um »Orgelconferenzen« mit Gottschalg und sogenannte »Privatkonzerte« für das »sehr gewählte Publikum aus der nahen Residenzstadt« (Gottschalg) durchzuführen. Also, wir haben da einen hundertprozentig originalen Liszt-Klang, deswegen ist Denstedt ein ganz besonderes Orgeldenkmal.

Aber warum ausgerechnet Denstedt?
von Hintzenstern:
Die Denstedter Kirche war das ideale Quartier. Liszt kam von der Altenburg in Weimar, hielt in Tiefurt, lud Gottschalg ein, dann haben die sich mit der Kutsche nach Denstedt fahren lassen. Dort waren sie ungestört. Die Dorfjugend freute sich, denn Liszt gab dem Bälgetreter einen Taler. Das war also ein gutes Geschäft. Liszt und Gottschalg haben sich mit Orgelwerken verschiedener Epochen beschäftigt. Liszt hat für die Denstedter Orgel beispielsweise zwei Bach-Bearbeitungen geschaffen und Töpfer gewidmet.

Wie fanden Sie 1980 das vergessene Instrument vor?
von Hintzenstern:
Der Zustand der Kirche war schlecht. Vor allem der Turm war baufällig. Damit wurde dann auch bei der Instandsetzung begonnen, denn die Orgel steht direkt am damals einsturzgefährdeten Turm. Zwölf Jahre später, 1992, war die Kirche vollständig restauriert.

Welche Hindernisse hatten Sie da zu überwinden?
von Hintzenstern:
Eine Schwierigkeit war, dass Baubilanzen fehlten. Ich habe versucht, für Öffentlichkeit zu sorgen, um auf die offiziellen Stellen etwas Druck ausüben zu können. So habe ich Stargeiger Yehudi Menuhin angeschrieben, der Ehrenpatron der englischen »Liszt Society« war. Er hat gleich 5 000 Mark für Denstedt gestiftet. Dadurch konnte ich sagen: Lord Yehudi Menuhin wird bald nach Thüringen kommen, um zu sehen, was mit seinem Geld passiert ist. Eine Enkeltochter Gottschalgs hat eine Eingabe an Erich Honecker geschickt. Am Ende hat es nicht sehr viel gebracht.

Kam der angekündigte Besuch Yehudi Menuhins zustande?
von Hintzenstern:
Leider nicht. Es war mehrfach geplant. Kurz vor seinem Tod dirigierte er noch in Leipzig und sollte anschließend nach Denstedt kommen. Der Besuch wurde aber kurzfristig abgesagt. Er war ein wichtiger Impulsgeber und fand es auch sehr schön, dass wir uns um die Liszt-Orgel kümmern.

Konnte die Orgel bei der Kirchensanierung mit berücksichtigt werden?
von Hintzenstern:
Anfang der 1990er-Jahre gab es eine erste Teilrestaurierung, die aber eher eine Generalreparatur war. Zum Liszt-Jahr 2011 konnten wir die Orgel vollständig restaurieren lassen. Dabei hatten wir die Unterstützung vieler weltberühmter Organisten.

Was fasziniert Sie an dem Instrument?
von Hintzenstern:
Ich finde es spannend, dass der Zukunftsmusiker Franz Liszt in dieser Dorfkirche Klangexperimente durchgeführt hat. Als ich die Orgel das erste Mal gesehen habe, stellte ich fest, dass es an den mechanischen Registerzügen Bleistiftstriche gab, wie ich sie aus der experimentellen Spielpraxis in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kannte. Dass man die Register nicht vollständig herauszieht, sondern nur zu 25 oder 50 Prozent, um Zwischenklänge zu erzeugen. Ich dachte mir, dass das vermutlich nicht der Dorforganist gemacht hat. Aller Wahrscheinlichkeit nach war das Franz Liszt. In der alten Orgelmusik, z.B. bei Frescobaldi in Rom, gab es schon den Versuch, mit einem nicht vollständig gezogenen Register solche Schwebeklänge zu erzeugen.

Denstedt war für mich in der DDR auch eine Art Spielwiese, da ich in dieser Kirche frei schalten und walten konnte, was in Weimar nicht so einfach war. Da gab es immer gewisse Animositäten gegenüber der Neuen Musik, bis hin zu Spielverboten. Deswegen wurden die Tage Neuer Musik auch 1988 in Denstedt begründet. Inzwischen freuen wir uns auf das 30. Festival! Damals haben wir für Furore gesorgt mit einem Programm zum 60. Geburtstag des BRD-Komponisten Karlheinz Stockhausen: 22 Kompositionen, darunter sechs DDR-Erstaufführungen, alles an drei Tagen.

War Stockhausen selber auch mal da?
von Hintzenstern:
Zunächst kam sein Sohn Markus, ein genialer Trompeter. 1992 betrat der Meister anlässlich einer Aufführung seiner Komposition »Unbegrenzt« höchstselbst die Kirche. Es hat ihn sichtlich bewegt, den Ort zu besuchen, wo seine in der DDR tabuisierte Musik gespielt wurde.

Gibt es neben dem künstlerischen auch einen geistlichen Aspekt?
von Hintzenstern:
Ja, einen sehr starken sogar. Liszt, der in erster Linie als Klaviervirtuose wahrgenommen wurde, war ein tief religiöser Mensch. Sein erstes Werk in Weimar war eine Messe für Männerchor und Orgel. Sein Orgelschaffen umfasst zehn Bände! Liszt überlegte sogar, ein Luther-Oratorium zu schreiben. Ein ganz ökumenischer Aspekt. Auch bei Stockhausen findet sich ein ausgeprägtes religiöses Denken. Er betonte, dass alle seine Werke geistliche Musik seien.

Neue Musik ist mitunter schwere Kost. Wie ist es Ihnen gelungen, Kinder einzubeziehen und zu begeistern?
von Hintzenstern:
Ein wunderbarer Zufall. Ich bin bei meinen Recherchen auf Liszts einziges Kinderlied gestoßen, ein Text Hoffmann von Fallerslebens. Nach einem erfolgreichen Kinderkonzert habe ich ein Veranstaltungsformat entwickelt, mit dem Titel: »Orgelkonzert für Kinder, Puppen und Teddybären«. Da konnten Kinder ihre Spielgefährten mitbringen.

Ich habe auf der Orgel Tänze gespielt, zu denen die Kinder ihre Puppen tanzen ließen. Dabei konnte ich unmittelbar erklären, wie die Orgel funktioniert. Ich habe das Bild von der »Königin der Instrumente« gebraucht, die Kinder durften selber in die Tasten greifen. Das ist jetzt auch bei meiner Großnichte ein ganz großer Wunsch. Der Impuls geht weiter. Und das finde ich toll.

30. Tage Neuer Musik in Weimar, 20. bis 28. Oktober unter dem Motto: »Konzert-Installa­tionen – Installations-Konzerte«

www.lisztorgel.de

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