Von Mehrbettzimmern und der Frage: Wer ist hier gering?

10. September 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Matthäus 25, Vers 40

Olaf hat es erwischt. Gerade noch saß er in einer Vorstandssitzung und präsentierte die Geschäftszahlen des letzten Jahres. Nun liegt er in einem noblen Einzelzimmer und wird mit Monitoren überwacht. Wie gerne hätte er jetzt Besuch. Aber wer sollte schon kommen? Seine Kollegen stehen eher distanziert zu ihm. Freundschaften hat er in letzter Zeit kaum noch gepflegt. Die Schwester wohnt weit weg.

Im Zimmer gegenüber liegt Johannes – zusammen mit drei anderen Patienten. Der Raum ist nicht groß und jetzt zur Besuchszeit passen die Angehörigen und Freunde kaum hinein. Stühle müssen aus dem Flur hereingebracht werden.

Wer ist hier der Geringste unter den Brüdern? Gebe ich das Wort »gering« in eine Suchmaschine im Internet ein, werden mir zuerst die Begriffe »geringfügige Beschäftigung« und »Geringverdiener« angezeigt. Es scheint also ums Geld zu gehen. Demnach würde Johannes im Mehrbettzimmer meinen Besuch eher verdienen als Olaf im luxuriösen Einzelzimmer.

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

Und was ist mit Uli Hoeneß, als er im Gefängnis saß? Ist er einer, den man als »geringsten unter den Brüdern« bezeichnen würde und der eines Besuches bedurft hätte? Hier hakt die Logik, dass mit »gering« lediglich materielle Armut gemeint sein könnte.

Wenn Jesus vom »geringsten Bruder« spricht, benennt er konkrete Bedürfnisse – nach Nahrung, Kleidung und Obdach. Aber die Bilder, die wir uns oft von den sogenannten »Geringsten« machen, die Gäste der Tafel oder der Obdachlosenunterkunft, sind mitunter verengt. Natürlich sind diese Menschen auch mit gemeint, aber nicht als Hilfsobjekte. Sie sind in mancher Hinsicht sogar reicher als ein einsamer Manager.

Neben materieller Not hat Jesus auch das Bedürfnis nach menschlicher Nähe und Anteilnahme vor Augen. Demnach wäre es dann doch Olaf, dem ein Besuch besonders gut tun würde – oder auch uns selbst? Machen wir also die Augen und Herzen auf für die ganz unterschiedlich »geringen« Brüder und Schwestern.

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

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