Wege aus der Sucht

20. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Hilfe: Den Weg gemeinsam mit einem Süchtigen zu gehen ist hart. Suchtberater geben Tipps, woran Angehörige eine Abhängigkeit erkennen, welche Fehler sie vermeiden sollten und wie sie helfen können.

Ständig hängt der Sohn am Smartphone, verdächtig oft kommt der Ehemann mit einer Fahne vom »Sport«. Die Tochter braucht ihre Jeans schon wieder eine Nummer kleiner, und Mama frühstückt seit einigen Tagen nur Zigaretten. Vier Beobachtungen über das Verhalten von Familienmitgliedern, die Grund zur Sorge sein können – aber nicht müssen. Denn längst nicht alles außerhalb der Norm ist eine Sucht oder führt dorthin. Dennoch kann gerade für Gefährdete das wachsame Auge besorgter Menschen wichtig sein. Denn ihre eigene Selbsteinschätzung trügt häufig.

»Sucht zu verdrängen und nicht wahrhaben zu wollen gehört zum Krankheitsbild«, erklärt Knut Kiepe, Sozialarbeiter vom Gesamtverband für Suchthilfe, einem Verband der Diakonie.

Zwei Fragen können Angehörigen helfen herauszufinden, womit sie es zu tun haben. Erstens: Was passiert, wenn das Suchtmittel nicht vorhanden ist? Wird der potenziell Abhängige unruhig und versucht vieles, um es sich wieder zu beschaffen? Das kann ein Hinweis darauf sein, dass jemand süchtig ist, beschreibt Andreas Bosch, Vorsitzender der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe.

Die zweite Frage bezieht sich auf den Kontrollverlust: Ist derjenige noch in der Lage, sein Leben zu meistern? Zur Schule oder Arbeit zu gehen, Freunde zu treffen, Hobbys zu pflegen? »Menschen mit Suchtproblem richten ihr Leben nach der Droge. Zuerst kommt sie, dann alles andere«, sagt Kiepe. Diese Nachrangigkeit lasse sich bemerken. Lässt sich ein Verdacht nicht ausräumen, rät Bosch, die Beobachtungen offen anzusprechen. »Es kann sein, dass die Süchtigen alles abstreiten, es kann aber auch sein, dass sie ins Nachdenken kommen und einer Behandlung zustimmen«, sagt er. Keinesfalls sollten Angehörige zögern, sich an eine Beratungsstelle oder Sucht-Selbsthilfegruppe zu wenden.

Jens Reinländer ist seit sechs Jahren trocken. Es wird leichter, man darf nur nicht den Mut verlieren, sagt er. Foto: Dana Toschner

Jens Reinländer ist seit sechs Jahren trocken. Es wird leichter, man darf nur nicht den Mut verlieren, sagt er. Foto: Dana Toschner

Der schlimmste Fehler ist, wenn sich Angehörige gar nicht für den übermäßigen Konsum interessieren oder ihn als willkommenen »Ruhigsteller« von Partner oder Kind betrachten, sagt Kiepe. Auch das andere Extrem sei falsch: Wenn etwa Eltern Jugendlichen die Smartphone-Nutzung komplett verbieten. »Oft machen Angehörige aus Sorge vor den Konsequenzen genau das Falsche«, sagt Bosch.

So bringt die Ehefrau dem Alkoholiker den Schnaps vom Einkaufen mit und verhindert so, dass er selbst raus muss und sich seiner Sucht stellt. Eltern liefern dem jugendlichen PC-Zocker das Essen an den Schreibtisch, sodass er seine Spielhölle gar nicht mehr verlässt. Kontraproduktiv ist auch, wenn Angehörige Alkohol- oder Tablettenvorräte einfach wegkippen. Das schüre nur Wut und zerstöre Vertrauen. Außerdem hört damit die Sucht nicht auf, und die Folgen der Entzugserscheinungen sind nicht ohne Weiteres abzuschätzen, sagt Bosch.

Tatsächlich sind die Möglichkeiten von Angehörigen, einem uneinsichtigen Kranken zu helfen, begrenzt. Herbert Weinmann, Suchttherapeut beim Blauen Kreuz, rät, das Thema vorsichtig anzusprechen oder das Infoblatt einer Beratungsstelle »wie zufällig« liegen zu lassen. Doch ohne die Einsicht, abhängig zu sein und Hilfe zu brauchen, habe man wenig Chancen. Der Suchttherapeut gesteht: »Das ist schwer auszuhalten.«

Wenn ein Nahestehender leidet, will man helfen. Doch oft nehmen Angehörige dafür zu viel auf sich. »Sie ertragen Situationen länger als ihnen guttut«, sagt Bosch. Manchmal kommt es sogar zur Ko-Abhängigkeit. »Wenn Angehörige anfangen, sich nach demselben Muster wie der Suchtkranke von der Sucht ihr Leben strukturieren zu lassen, ist eine Grenze erreicht«, erklärt Kiepe. Damit es nicht so weit kommt, ermutigen die Experten Angehörige, sich früh an eine Beratungsstelle zu wenden. Sie hilft, das Verhalten des Betroffenen zu verstehen, richtig zu reagieren und idealerweise eine Lösung zu finden.

Brigitte Vordermayer

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Ein christliches Freudenkonzert

16. Oktober 2017 von redaktionguh  
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»Gaudium Christianum« von 1617 wird in Gera und Eisenach aufgeführt

Anlässlich des 100. Jahrestages des Lutherischen Thesenanschlages wurden in den protestantischen Gebieten des deutschen Reiches Festgottesdienste gehalten. Über deren musikalische Bestandteile liegen vor allem Zeugnisse aus lutherischen Gebieten vor, da die Musik in den Liturgien der reformierten Kirchen eher eine untergeordnete Rolle spielte.

Die einzige geschlossene und vollständig erhaltene Komposition zum Reformationsjubiläum 1617 ist das sechsteilige »Gaudium Christianum« des Kantors und Pfarrers Michael Altenburg. Er wurde 1584 in Alach bei Erfurt geboren, studierte Theologie, war zunächst Kantor an der Erfurter Andreaskirche, dann im Erfurter Umland tätig, bevor er als Diakon und Pastor an die Andreaskirche zurückkehrte. Sein Werk entstand wahrscheinlich in Tröchtelborn, wo er möglicherweise auch als Kantor arbeitete.

Altenburg kombinierte die wesentlichen Kompositionsstile seiner Zeit, vom einfachen Choralsatz bis zur vierchörigen Schreibweise. Durch das damals gebräuchliche Instrumentarium wie Zinken, Posaunen, Dulzian, Chitarrone und Orgel, die sich in verschiedensten Kombinationen mit Gesangssolisten und Chor abwechseln, erzeugte er unterschiedlichste Klangfarben.

Das Johann Rosenmüller Ensemble wurde 1995 von Arno Paduch in Leipzig gegründet und wird noch heute von ihm geleitet. Foto: Ulrike Voss

Das Johann Rosenmüller Ensemble wurde 1995 von Arno Paduch in Leipzig gegründet und wird noch heute von ihm geleitet. Foto: Ulrike Voss

Monumentalität erreichte er durch die Verwendung von Trompeten und Pauken, die sonst fürstlichen Kapellen vorbehalten waren.

Unter dem Titel »Lutherisches Jubelgeschrey« werden in Gera und Eisenach neben Altenburgs Werk auch kontrastierende, klanglich opulente Kompositionen von Samuel Scheidt, Johann Hermann Schein, Johann Walter und Heinrich Schütz zu hören sein. Schütz’ Kompositionen waren wiederum Teil der Dresdner Feierlichkeiten zum 100. Reformationsjubiläum, die musikhistorisch von großer Bedeutung sind, da ihr genauer Ablauf überliefert ist.

Der Landesjugendchor Thüringen und das Johann Rosenmüller Ensemble wirken in Gera und Eisenach das erste Mal gemeinsam. Der Landesjugendchor wurde 2013 wiedergegründet. Sein Repertoire umfasst geistliche wie weltliche A-cappella-Musik, reicht von Vertonungen des 16. Jahrhunderts bis zu Kompositionen der Gegenwart. Der Schwerpunkt des Johann Rosenmüller Ensembles liegt in der Wiederaufführung unbekannter Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Dabei wird Wert auf authentische Interpretation durch gründliches Quellenstudium und das Spielen auf Kopien von Originalins­trumenten gelegt. Unterstützt werden der Chor und die Musiker von sechs Solisten. Die Gesamtleitung liegt bei Nikolaus Müller. Er ist Universitätsmusikdirektor der Ruhr-Universität Bochum und künstlerischer Leiter der Robert-Franz-Singakademie Halle und des Landesjugendchores.

(G+H)

14. Oktober, 19 Uhr: St. Salvator-Kirche, Gera; 15. Oktober, 19.30 Uhr: Wartburg-Festsaal, Eisenach

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Unterstützung in der Stadt

16. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Hospiz für die Lutherstadt soll in einem halben Jahr fertig sein

Das Ende des Wartens auf ein statio­näres Hospiz in der Lutherstadt rückt näher: Am 16. Oktober nehmen nach Auskunft von Werner Weinholt die ersten Handwerker ihre Arbeit auf. Zum Ende des ersten Quartals 2018 ist mit der Fertigstellung zu rechnen: Dann könnten die ersten Schwerstkranken in die Räume auf dem Gelände des evangelischen Krankenhauses Paul Gerhardt Stift in Wittenberg einziehen.

Stationäres Hospiz: Im einstigen Bettenhaus des Paul Gerhardt Stifts sollen die neuen Räumlichkeiten entstehen, zeigt Werner Weinholt. Foto: Thomas Klitzsch

Stationäres Hospiz: Im einstigen Bettenhaus des Paul Gerhardt Stifts sollen die neuen Räumlichkeiten entstehen, zeigt Werner Weinholt. Foto: Thomas Klitzsch

Weinholt ist leitender Theologe der Paul Gerhardt Diakonie, die auch den Löwenanteil der Kosten trägt. Diese sind – entsprechend der Veränderungen in der ursprünglichen Planung – gestiegen: von 750 000 Euro auf 1,3 Millionen. Denn statt der geplanten acht sollen zehn Gästezimmer eingerichtet werden, dazu ein Wohlfühlbad, ein Raum der Stille, eine Wohnküche für Angehörige und Gäste. Zudem sei ein halbes Stockwerk hinzugekommen in eben jenem einstigen Bettenhaus, in dem das stationäre Hospiz entsteht. Nicht steigen soll laut Weinholt der Eigenanteil von 250 000 Euro. Um den aufzubringen, war mit Bekanntgabe der Hospizpläne für Wittenberg eine Spendenkampagne gestartet worden. Aktuell sei ein »Spendenvolumen von 200 000 Euro überschritten«. Weinholt sagt, die Beträge kamen von Privatpersonen ebenso wie von Vereinen und Firmen und lagen zwischen 2,50 Euro und 50 000 Euro. Die stattliche Großspende stammt von dem Wittenberger Chemieunternehmen SKW Piesteritz; die Firma unterstützt immer wieder örtliche Einrichtungen, zum Teil mit Beträgen in Größenordnungen.

Erstaunt zeigt sich Werner Weinholt indes auch über die vielen Gespräche, die sich ergeben haben, wenn es um das Hospiz und damit um die Erweiterung bereits vorhandener ambulanter Angebote in Wittenberg ging. Beeindruckend ist die Tatsache, wie schnell man seit den ersten Überlegungen im Jahr 2015, ein stationäres Hospiz in Wittenberg zu etablieren, über die Gründung eines Freundeskreises im Februar 2016 unter der Schirmherrschaft des inzwischen verstorbenen Propstes Siegfried T. Kasparick bis zum Start der Kampagne im März vorigen Jahres dem Spendenziel schon nahegekommen ist.

Die Spendenaktion soll 2018 fortgeführt werden. Nächster Termin ist jetzt erst einmal eine Veranstaltung zum Baubeginn: Dazu wird am 14. Oktober ins Foyer des Paul Gerhardt Stifts eingeladen. Von 11 bis 15 Uhr kann sich die interessierte Öffentlichkeit informieren lassen, es besteht die Möglichkeit, die Räume des künftigen Hospizes anzuschauen. Der feierliche Baustart mit Versenkung einer Zeitkapsel ist für 12 Uhr anberaumt.

Corinna Nitz

www.pgdiakonie.de

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»Hier bleibe ich keine 14 Tage«

16. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Porträt: Axel Kramme, Rektor der Stiftung Sophienhaus

Es ist ein trüber, nebeliger Novembertag 1975, an dem Axel Kramme das erste Mal – damals als Krankenpflegeschüler – das Weimarer Sophienstift betritt. Als er den dunklen, spärlich beleuchteten Gang entlanggeht, denkt er: »Hier bleibe ich keine 14 Tage.« Doch aus den 14 Tagen sind inzwischen 42 Jahre geworden. In dem Raum, in dem er einst als Krankenpflegeschüler begann, sitzt er noch heute – als Rektor und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Sophienhaus Weimar, 1875 gegründet.

Die verzweigte Einrichtung ist nicht leicht zu überschauen. Der Rektor erklärt: »Die Stiftung hat zwei Töchter, das Sophien- und Hufelandklinikum und die Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein.« Die Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein besteht seit 2009. Sie zählt zu den größten Diakonieträgern in Thüringen. Mehr als 120 Einrichtungen bieten »alle Dienste von der Wiege bis zur Bahre«, wie es Kramme umschreibt, also zu ihr gehören unter anderem Kindertagesstätten, Werkstätten für Menschen mit Behinderung, Schulen und Altenheime. Partner der Stiftung Sophienhaus Weimar sind die Evangelische Stiftung Christophorushof in Altengesees, das Michaelisstift Gefell und die Diakonie Stetten.

Die Stiftung Sophienhaus Weimar ist eine anerkannte diakonische Einrichtung, ein großes Unternehmen. »An dieser Entwicklung hat Axel Kramme großen Anteil«, betont Henrich Herbst, Superintendent im Kirchenkreis Weimar. Anerkennenswert sei, dass aus dem Sophienhaus ein modernes Versorgungskrankenhaus geworden ist, das größte konfessionelle in Thüringen, so Herbst. In der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein sind 2 200 Mitarbeiter beschäftigt, im Krankenhaus arbeiten etwa 1 000 Menschen.

Die Geschichte der Stiftung Sophienhaus ist eine von Wachstum und Expansion, die Axel Kramme maßgeblich mitgestaltet hat. Ein Meilenstein war 1998 die Zusammenführung des städtischen und diakonischen Krankenhauses in Weimar, bei der es galt, unterschiedliche Kulturen miteinander zu verbinden. Einige Jahre später jedoch verkauft die Stadt ihre Anteile und steigt aus dem Projekt Krankenhaus aus. Um das Haus als evangelisches weiterführen zu können, wird das Marienstift Arnstadt zu 50 Prozent Mitinhaber. Auf dem Gelände des Sophienhauses entstehen ein Altenhilfezentrum und eine Schule für geistig behinderte Kinder, die Johannes-Landenberger-Schule.

Rektor Axel Kramme in seinem Büro. Vor über 40 Jahren saß er hier erstmals, als Krankenpflegeschüler. Foto: Sabine Kuschel

Rektor Axel Kramme in seinem Büro. Vor über 40 Jahren saß er hier erstmals, als Krankenpflegeschüler. Foto: Sabine Kuschel

Axel Kramme ist 1957 in Friedrichroda geboren. Im Jugendalter prophezeite ihm ein Theologe, dass er später Pfarrer würde. Damals denkt Kramme: »Der spinnt.« Er wird Diakon. Bei diesem Beruf schwebt ihm ein Mann vor, der mit Gitarre, langhaarig und Pfeife rauchend unterwegs ist – ein Gegenbild zur FDJ. Voraussetzung für die Diakonenausbildung ist ein »handfester« Beruf, also entscheidet er sich für die Krankenpflege. Weil er den Wehrdienst verweigert, kommt er im Herbst 1975 an das evangelische Sophienhaus Weimar. Nach der Krankenpflegerausbildung leistet er Wehrersatzdienst als Bausoldat, danach studiert er an der Predigerschule in Erfurt Theologie. Nach einer kurzen Station im Pfarramt kehrt er zurück ins Sophienhaus. Seit 1996 ist er Rektor und Vorstandsvorsitzender.

»Es gab immer Menschen, die es mir zugetraut haben, eine größere Aufgabe zu übernehmen«, sagt er. Und an jeder Entwicklungsstufe habe er vor dem »Kairos« gestanden, dem günstigen Zeitpunkt für Entscheidungen. Als Leiter eines großen Unternehmens gibt es viele Entscheidungen zu treffen. Zugute komme ihm in dieser Position, dass er sehr lange und mit viel Geduld zuhören und schweigen könne.

Irgendwann ist es dann Zeit, auf den Punkt zu kommen. Er schätzt sich als entscheidungsfreudig ein, nach entsprechender Bedenkzeit zögert er nicht, Entscheidungen zu treffen und umzusetzen.

Fehlentscheidungen? Gibt es nach seinen Worten. Geht es ums Personal, sei es nicht immer leicht, die richtige Wahl zu treffen. Wenn sich jedoch herausstellt, dass eine Stelle falsch besetzt wurde, bemühe er sich konsequent, den Schritt rückgängig zu machen.

Was sind die Herausforderungen der nächsten Jahre? Der Geist der diakonischen, der christlichen Einrichtung soll spürbar bleiben. Bei den Mitarbeitern, die keinen kirchlichen Hintergrund haben, gehe es nicht darum, zu missionieren, wohl aber, ihnen die christlichen Grundlagen und Werte nahezubringen. Unabhängig davon, ob sie der Kirche beitreten oder nicht, »sollen sie positive Erfahrungen mit dem Christentum machen«.

Sabine Kuschel

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In seinem Element

16. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Küster Reinhard Beab kümmert sich in der Köthener Jakobsgemeinde um viele Kleinigkeiten

Reinhard Beab hat seinen Frühsport schon hinter sich, wenn er Köthen und die Jakobsgemeinde am Morgen erreicht. Reinhard Beab ist mit dem Rad unterwegs, jeden Tag, bei jedem Wetter. »Es gibt doch heute für alles einen Schutz«, sagt er. Im Winter Ohrenklappe und Handschuhe, bei Regen ein Cape. Nichts könnte ihn abhalten, sein geliebtes Rad zu nutzen. Das sei schon immer so gewesen. Damals, zur Schulzeit, seien ihm die Busse einfach zu voll gewesen und alles viel zu chaotisch. Deshalb bevorzugte er schon als Jugendlicher das Rad.

Heute ist Reinhard Beab 64 Jahre alt und noch immer passionierter Radfahrer. Rund zehn Kilometer liegen zwischen seinem Wohnort Wörbzig im südlichen Anhalt und der Bachstadt, wo er Kirchwart in der Jakobsgemeinde ist. Was ein Kirchwart tut, beschreibt er mit den Worten: »Man bereitet sämtliche Veranstaltungen vor.« Vor allem die Gottesdienste. Ein bisschen sei das so, als wäre er der Hausmeister der Kirchengemeinde. Eine Aufgabe, die er 2011 von seinem Vorgänger, der in den Ruhestand gegangen war, übernommen hat. Und die ihm viel Freude bereitet. Mit der Kirche ist Reinhard Beab verbunden. In seiner Heimat Wörbzig engagiert er sich seit 20 Jahren im Gemeindekirchenrat.

Nach dem Gottesdienst verkauft Küster Reinhard Beab in der Jakobskirche Köthen auch die aktuelle Ausgabe der Mitteldeutschen Kirchenzeitung. Foto: Heiko Rebsch

Nach dem Gottesdienst verkauft Küster Reinhard Beab in der Jakobskirche Köthen auch die aktuelle Ausgabe der Mitteldeutschen Kirchenzeitung. Foto: Heiko Rebsch

Wenn Reinhard Beab, der von Beruf Bauingenieur ist, etwas reparieren kann, ist er in seinem Element. Im Kindergarten zum Beispiel, dessen Träger die Jakobsgemeinde ist, gehe schließlich laufend etwas kaputt. Um das Pfarrhaus und den dazugehörigen Garten kümmert er sich auch. Ihm liegt viel daran, dass es ordentlich und aufgeräumt aussieht. »St. Jakob ist der Blickfang in der Stadt, ein besonders beeindruckendes Bauwerk«, findet er.

Zu den Gottesdiensten, die er als Kirchwart mit vorbereitet, ist er natürlich vor Ort. Zumal er anschließend »Glaube +Heimat« verkauft. Irgendwann, erinnert sich der Küster, sei der Pfarrer zu ihm gekommen und meinte, er könne doch nach dem sonntäglichen Gottesdienst die Kirchenzeitung der Landeskirche Anhalts und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland verkaufen. Das tut er seither. Und freut sich, ein Produkt anbieten zu können, das rege nachgefragt werde. Mittlerweile kennt er seine Interessenten. Manchmal gebe es sogar mehr potenzielle Käufer als Exemplare zur Verfügung stehen, berichtet Reinhard Beab.

Seine Arbeit gefällt ihm. Er ist dankbar, sie zu haben. Zumal er vor dieser Anstellung lange arbeitslos gewesen ist. »Es wird nie langweilig«, sagt er und denkt schon an den nächsten Gottesdienst und daran, dass die Mikrofone richtig eingestellt sind, die Kerzen angezündet werden und die Beleuchtung stimmt.

Sylke Hermann

Kirchenzeitung
Wenn auch Sie die Mitteldeutsche Kirchenzeitung nach dem Gottesdienst in Ihrer Gemeinde verkaufen möchten, wenden Sie sich bitte an Renate Wähnelt, Telefon (03 91) 54 42 84 40, oder per E-Mail <marketing@wartburgverlag.de>.

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Mitten im Leben ein Ort zum Sterben

16. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Gemeinschaftsprojekt: In Jena beginnt in Kürze der Bau eines Hospizes, das von großen Teilen der Bevölkerung mitgetragen wird.

Vom »Wohnzimmer« der Palliativstation des Universitätsklinikums Jena (UKJ) geht der Blick zur nahen Lobdeburg. Direkt vor dem Fenster leuchten Bäume und Hartriegelsträucher in Gelb und Rot. 2009 wurde dieser Komplex eröffnet, der sich als einzelnes Gebäude an das Ende der Magistrale anlehnt. Hierher kommen Menschen, die Linderung für ihre Leiden suchen. Heilung ist nicht mehr möglich. Dr. Ulrich Wedding hat diese interdisziplinäre Einrichtung mit einem Team von Internisten, Schmerztherapeuten, Psychologen, Seelsorgern und Pflegekräften aufgebaut. Die Betreuung ist komplex und schließt Angehörige mit ein.

Für den engagierten Arzt wird mit dem Bau des Hospizes nun eine Lücke in der Betreuung gefüllt, die eine Palliativstation nicht leisten kann. »Wenn es Menschen nicht möglich ist, in der häuslichen Umgebung zu sein, möchten wir einen Ort anbieten, wo sie sich zu Hause fühlen können. Es wird ihnen hier ermöglicht, sie selbst zu bleiben«, erklärt Ulrich Wedding.

Um das Projekt Hospiz auf den Weg zu bringen, hat sich am Nikolaustag 2014 eine Hospiz- und Palliativstiftung gegründet. Ihr gehören neben Sozialträgern wie der Diakonie, den Johannitern, der AWO, dem DRK und Reha aktiv 2000 auch die Kirchenstiftung St. Michael, die jenawohnen GmbH und zahlreiche Privatpersonen an.

Ein erster Spendenaufruf stieß auf breite Resonanz. Monat für Monat gehen Spenden ein, die jüngste mit einem fünfstelligen Betrag von der Heimstätten Genossenschaft. Die Idee, das Projekt auf breiten Schultern zu tragen, ist aufgegangen. »Wir haben versucht, ganz offen zu kommunizieren und die Nachbarschaft einzubeziehen«, sagt Ulrich Wedding, Vorstand der Stiftung.

Der Stadtrat hat 200 000 Euro Anschubfinanzierung bewilligt – einstimmig. Die Stiftung braucht eine halbe Million Euro für die Innenausstattung der 14 Zimmer; 12 sind für Patienten vorgesehen, zwei für Angehörige. Den Bau bewerkstelligt die Stadtwerke-Tochter jenawohnen, die das Objekt nach seiner Fertigstellung an den Mieter Hospiz übergibt.

In Würde sterben, dafür engagiert sich seit Jahren auch Claudia Koppe, die ihren Freund auf der Palliativstation begleitet hat. Sie erlebte in der schweren Zeit Hilfe durch die Mitarbeiter der Palliativstation, die sich intensiv kümmerten. Sie sah aber auch, dass Geld fehlte für jemanden, der außerhalb der stationären Versorgung individuelle Wünsche wie Vorlesen oder Besorgungen erfüllen kann. Der von ihr mitbegründete Verein »Leben heißt auch Sterben« organisierte inzwischen die zweite große Wohltätigkeitsveranstaltung, mit der das Thema in die Bevölkerung getragen wurde.

So soll es aussehen: Eingebettet im Grünen und in eine belebte Nachbarschaft gestaltete ein Architekturbüro aus Dortmund seine Vorstellung vom zukünftigen Hospiz in Jena. Der Entwurf konnte sich bei einem Wettbewerb durchsetzen. In einem Jahr soll die Einrichtung eröffnet werden. Entwurf: Gerber Architekten/jenawohnen

So soll es aussehen: Eingebettet im Grünen und in eine belebte Nachbarschaft gestaltete ein Architekturbüro aus Dortmund seine Vorstellung vom zukünftigen Hospiz in Jena. Der Entwurf konnte sich bei einem Wettbewerb durchsetzen. In einem Jahr soll die Einrichtung eröffnet werden. Entwurf: Gerber Architekten/jenawohnen

Die Beträge, die dabei eingespielt werden konnten, kamen der Palliativstation für diese zusätzliche Betreuung zugute. »Die Bewahrung der Individualität ist ganz wichtig. Die Betroffenen brauchen Zeit für die Umstellung auf die Krankheit. Deshalb haben wir die ›gute Seele‹ mitfinanziert. Aktuell sind wir gerade dabei, Friseure zu suchen. Denn das Aussehen spielt für die Würde eine große Rolle«, erzählt Claudia Koppe. Drei Friseure haben sich bereits gemeldet, die ehrenamtlich helfen wollen. Der Verein hat auch schon das Mitarbeiterteam zum Konzert eingeladen – als Anerkennung für die hervorragende Arbeit, die geleistet wird.

Als Claudia Koppes Freund auf der Palliativstation lag und es sich abzeichnete, dass er nicht mehr nach Hause kann, blieb das Hospiz in Bad Berka als einzige Möglichkeit. Sie ist froh, dass jetzt so eine Einrichtung in Jena entsteht: »Ich finde den Standort mitten im Wohngebiet genau richtig. Das Thema Sterben ist in unserer Gesellschaft so ausgegrenzt.«

Das Hospiz wird in Lobeda in unmittelbarer Nähe zur Lobdeburgschule und zu Wohnhäusern gebaut. »Ich persönlich finde das gut«, sagt Barbara Wrede, Leiterin der Einrichtung mit Grund-, Regel- und Gymnasialausbildung. »Es bringt einen anderen Ansatz zum Nachdenken über das Leben.« Als sie vor Jahren im Ethikunterricht das Sterben thematisierte, haben sich ein paar Schülerinnen dafür bedankt. Mit Kindern, die zu Besuch auf die Palliativstation kamen, hat Ulrich Wedding schon gute Erfahrungen gemacht.

Um das Gebäude wird ein grüner Gürtel geschaffen, der bis in die Innenhöfe hineinreicht. So können bewegungseingeschränkte Menschen noch die Außenwelt wahrnehmen.

Für die Betroffenen ist es ein Spagat zwischen Hoffnung und Verzweiflung. »Was mehr Gewicht hat, ist individuell sehr unterschiedlich. Manchen gelingt es, eine Gelassenheit zu entwickeln oder auf Gottvertrauen zu setzen«, erzählt Wedding. Zum Nikolaustag 2018 soll das Hospiz im Jenaer Stadtteil Lobeda eröffnet werden.

Doris Weilandt

www.hospiz-jena.de

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Lebensmut am Sterbebett

15. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Vor 35 Jahren wurde in der Schweiz der Verein Exit gegründet. Sein Ziel: Unheilbar kranke Menschen sollten (und sollen) den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen dürfen. Ein Jahr später, es war 1983, wurde in Deutschland an der Uniklinik Köln die erste Palliativstation gegründet. Ihr Ziel: Unheilbar kranke Menschen sollten (und sollen) am Lebensende selbstbestimmt und ohne Schmerzen auf ihren Tod warten dürfen.

Aus den zarten Anfängen hat sich ein immer dichteres Netz von Hospizarbeit entwickelt. Deren Verdienst: Tod und Sterben sind nicht mehr die gesellschaftlichen Tabuthemen, die sie einmal waren. Zwei Drittel der Deutschen wissen, worum es bei der Hospizarbeit geht. Immer häufiger können Sterbenskranke ihre letzten Tage im Hospiz verbringen.

In Ruhe in einer vertrauten Umgebung sterben zu dürfen, ist ein Segen – 66 Prozent der Deutschen wünschen sich das. Doch nur für jeden Vierten geht dieser Wunsch in Erfüllung. 40 Prozent der Menschen sterben im Krankenhaus, 30 Prozent im Pflegeheim. Die Wartelisten der Hospize sind oft lang. Es ist dringend nötig, dass Hospizarbeit gestärkt wird.

Doch genauso wichtig ist, dass Pflegeteams in Altenheimen und Krankenhäusern mehr Zeit bekommen für die Begleitung Sterbender. Eine Nachtschwester, die im Schnitt für 52 Heimbewohner zuständig ist, hat keine Zeit, um am Bett eines Sterbenden zu sitzen.

Der Tod ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Der Hospizarbeit ist es gelungen, dem Tod wieder einen Platz im Leben der Menschen zu verschaffen. Er wird deshalb nicht zum Freund. Aber so wird für manche aus Todesangst am Ende vielleicht sogar: Lebensmut.

Susanne Schröder

Die Autorin ist Redakteurin beim Bayerischen Sonntagsblatt

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Ein roter Faden, der Menschen verbindet

14. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

1. Johannes 4, Vers 21

Er ist zwar nicht mein Bruder, eher so etwas wie ein guter Freund. Wenn wir uns sehen, dann stellt sich sofort dieses Gefühl ein: ein Gefühl von Heimat, von Angenommensein, von Verständnis. Das spüre ich bei Weitem nicht gegenüber jedem Menschen. Ehrlich gesagt: nur bei ihm. Es ist, als würden wir uns schon ewig kennen – so wie Brüder sich kennen: ein Leben lang.

Helfried Maas, Vikar in der Marktkirchengemeinde Halle (Saale)

Helfried Maas, Vikar in der Marktkirchengemeinde Halle (Saale)

Da ist ein innerer Faden, der uns miteinander verbindet. Dieser Faden reißt nie, egal wie weit wir voneinander entfernt sind, egal welche Lebensumstände uns gerade begleiten. Wenn wir uns dann wiedersehen, spüren wir diesen Faden in ganz besonderer Weise – im Reden, im Zuhören, im Miteinander-Fühlen. Wir merken es in unseren Herzen, die in brüderlicher Liebe verbunden sind. Da muss einer den anderen nicht belügen, um ihm zu gefallen. Der eine muss den anderen nicht übertrumpfen, um besser dazustehen.

So stelle ich es mir bei Gott vor: Gott liebt mich, so wie ich bin. Mit ihm kann ich über alles sprechen. Wenn ich ihm begegne, dann fühle ich es ganz tief in meinem Herzen. Egal, was gerade gut oder schlecht in meinem Leben läuft: Es findet seinen Platz bei Gott. Ich kann es ihm erzählen, er hört mir zu, er fühlt mit mir.

Mit Gott habe ich einen inneren Faden, so wie mit einem guten Freund. Dieser Faden mit Gott kann nicht reißen – mit der Taufe ist er unzerstörbar geworden. Ich merke täglich, wie durch diesen Faden die Liebe Gottes in mein Innerstes, in mein Herz strömt. Von meinem Herzen aus kann diese Liebe zu den Menschen, die um mich herum sind, weiterfließen. So breitet sich die Liebe Gottes in der Welt aus.

Welch schöne Vorstellung, dass alle Menschen mit einem solchen roten Faden verbunden sind. Dann sprechen sie ehrlich miteinander; dann hören sie einander zu; dann zeigen sie sich gegenseitig ein Gefühl des Angenommenseins.

Helfried Maas, Vikar in der Marktkirchengemeinde Halle (Saale)

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Alles dreht sich ums Leben

13. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Welthospiztag: Am 14. Oktober rückt das Thema Sterben in den Fokus der Öffentlichkeit. Wie steht es aktuell um die Hospiz- und Palliativversorgung in Mitteldeutschland?

Dinge müssen geregelt werden – auch wenn es ums Sterben geht: Vor zwei Jahren wurde das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland beschlossen. Es findet nüchterne Worte für das, was sich für die meisten von uns nur schwer in Worte fassen lässt.

Durch dieses Gesetz hat sich einiges verändert: So gehört die Sterbebegleitung jetzt ganz konkret zum Versorgungsauftrag der sozialen Pflegeversicherung; die Palliativversorgung wurde mit dem Gesetz zudem ausdrücklicher Bestandteil der Regelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Versicherte haben Anspruch auf individuelle Beratung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Die finanzielle Ausstattung stationärer Kinder- und Erwachsenen-Hospize ist besser geworden. Zum einen durch die Erhöhung des Mindestzuschusses der Krankenkassen: Der Tagessatz liegt in stationären Hospizen je betreutem Versicherten, also pro belegtem Bett, bei rund 260 Euro (in 2017). Zum anderen hat sich durch das neue Gesetz der Krankenkassen-Anteil erhöht. Die Krankenkassen tragen fortan 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten. Die restlichen 5 Prozent sind durch das jeweilige Hospiz, zum Beispiel in Form von Spenden oder ehrenamtlicher Mitarbeit, aufzubringen.

Wichtig, und vielen nicht bekannt: Der in den Hospizen »Gast« genannte Patient muss für den Aufenthalt nicht zahlen: Eigenanteile dürfen dem Versicherten weder ganz noch teilweise in Rechnung gestellt werden.

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

In Thüringen gibt es aktuell sechs stationäre Hospize – in Bad Berka, Eisenach, Erfurt, Meiningen, Neustadt/Harz und Weimar – sowie das Kinder- und Jugendhospiz in Tambach-Dietharz. Insgesamt bieten diese Einrichtungen Platz für 78 Gäste. Hinzu kommen 13 Palliativstationen mit insgesamt 133 Plätzen sowie 10 sogenannte »Spezialisierte Ambulante Palliative Versorgungsteams« (SAPV), davon eines für Kinder. Diese ermöglichen es Sterbenden, zu Hause bleiben zu können. Einen wichtigen Beitrag im Netzwerk leisten die 31 ambulanten Hospizdienste (26 für Erwachsene, 5 für Kinder), 1 100 Ehrenamtliche engagieren sich hier thüringenweit.

Laut Ilka Jope von der Geschäftsführung des Thüringer Hospiz- und Palliativverbands in Erfurt ist Thüringen im Bereich der Palliativ- und Hospizversorgung im Vergleich zu anderen Bundesländern sehr gut ausgestattet – allerdings werden die Plätze auch benötigt.

Die Situation in Sachsen-Anhalt: Hier gibt es laut Ulrich Paulsen, Vorsitzender des Vereins Hospiz Sachsen-Anhalt, aktuell sechs stationäre Hospize – in Dessau-Roßlau, Halle, Magdeburg, Quedlinburg, Stendal und Zerbst – mit insgesamt 60 Plätzen, hinzu kommen ein stationäres Kinderhospiz in Magdeburg und rund 12 Palliativstationen sowie 13 professionell und 10 ehrenamtlich koordinierte ambulante Hospizdienste, 5 davon für Kinder. Insgesamt sind rund 680 ausgebildete Ehrenamtliche im Einsatz. In Sachsen-Anhalt gibt es zehn SAPVs (plus zwei für Kinder).

Die Erkenntnis, dass Schwerstkranke und sterbende Menschen und die ihnen Nahestehenden am Ende des Lebens Zuwendung und Unterstützung bedürfen, hat sich gesamtgesellschaftlich immer mehr etabliert, die Hospizbewegung insgesamt eine starke Entwicklung genommen. Trauerbegleitung und Bildungsveranstaltungen werden vielerorts angeboten. 2017 feiert der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) sein 25-jähriges Bestehen. Er ist der Dachverband für über 1 100 Hospizvereine und Pal­liativeinrichtungen.

In Deutschland gibt es seit 2008 die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen. Seit ihrer Veröffentlichung haben sich viele Unterzeichner gefunden, darunter die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und auch zahlreiche Institutionen in Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Adrienne Uebbing

www.hospiz-thueringen.de


www.hospize-sachsen-anhalt.de


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»Gelbes Lied« steckt am Metallmantel

9. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Erinnerung: Ein vieldeutiges Kunstwerk hat in der Martinikirche seinen Platz gefunden

Die Turmkapelle an der Mühlhäuser Martinikirche ist außergewöhnlich: Dank der Deckenmalerei und einer Metallskulptur von Timm Kregel. Dieses Kunstprojekt war vor zwei Jahren von den Rotary Clubs Münster-St. Mauritz, Eschwege und Mühlhausen initiiert und finanziert worden. Der »Metall-Mantel« hatte zunächst seinen Platz im Kirchenraum – nun ist er in die kleine Kapelle umgezogen. »Wir wollen wieder Friedensgebete machen«, sagt Gemeindepädagoge Frederik Seeger, der die Martinikirche seit zehn Jahren betreut. Es gehe um Frieden nach innen und außen.

In der »Kapelle der Einheit« steht die Skulptur. Foto: Claudia Götze

In der »Kapelle der Einheit« steht die Skulptur. Foto: Claudia Götze

Als das Kunstprojekt vor zwei Jahren fertig war und an 25 Jahre Wende erinnerte, war die Turmkapelle noch eine Baustelle. Nun aber ist sie restauriert, und die Skulptur konnte umziehen. Sie erinnert an das »Gelbe Lied«, das nur hier in Mühlhausen so heißt.

Dieses auf gelbes Papier gedruckte Lied »Herr, lass deine Wahrheit uns vor Augen stehen, lass in deiner Klarheit Lug und Trug vergehn« vereinte im Herbst 1989 in der Martinikirche Hunderte Christen und Nichtchristen aus Mühlhausen und Umgebung, um die Wende mit friedlichen Mitteln zu gestalten. Die sechs Strophen wurden jeweils am Ende der wöchentlichen Gebete »Für unser Land« gesungen. Das Lied ist verbunden mit Erinnerungen und Emotionen. Der Text stammt von der Religionspädagogin Liselotte Corbach (1910–2002), die ihn 1953 verfasst hatte. Vier Worte des Liedtextes sind in vergoldeter, gelb glänzender Schrift im Saum des angedeuteten Mantels der Metallskulptur wiedergegeben. Das auch als Martinsmantel interpretierbare Kunstwerk ist aber auf den ersten Blick zuallererst ein Kreuz. Dazwischen leuchten Kerzen.

In der »Kapelle der Einheit« hat sie nun ihren endgültigen Platz gefunden. Durch eine Glastür ist sie auch von außen sichtbar. Sie wird zudem auch als Symbol gesehen für die Freundschaft der Rotary Clubs Mühlhausen, Münster und Eschwege. Die Rotary Clubs Mühlhausen und Eschwege haben sich auch an der Finanzierung einer Aussichtsplattform im Grenzmuseum Schifflersgrund zwischen dem eichsfeldischen Asbach-Sickenberg und dem hessischen Bad Sooden-Allendorf beteiligt und damit die Erinnerung an ein weiteres Stück Zeitgeschichte gefördert.

Claudia Götze

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