Nach 72 Jahren wie neu

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Comments Off

Kirche Thurland wieder in Dienst genommen

Im Oktober ist die Thurländer Kirche im Kirchenkreis Dessau nach Sanierung wieder in Dienst genommen worden: Damit sind 72 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Kriegsschäden beseitigt, teilte Pfarrerin Margareta Seifert mit.

Blick in den Innenraum. Foto: privat

Blick in den Innenraum. Foto: privat

Die Dorfkirche wurde 1756 gebaut. Im April 1945 – die Frontlinie befand sich in der Nähe der Mulde – brannte sie nach Beschuss völlig aus. In den 1950er Jahren wurde sie notdürftig instand gesetzt. Erst nach der Wende konnten die nun kleinere Turmspitze und das Kirchendach solide erneuert werden. Die provisorische Innendecke des Kirchenschiffs drohte herabzufallen.

Auch dank einer Förderung von fast 42 000 Euro durch das EU-Programm Leader zur Förderung des ländlichen Raumes konnte nun eine neue Holztonnendecke gebaut werden. Die Wände und Bänke im Kirchenschiff wurden neu bemalt und die Beleuchtung erneuert. Die Bauarbeiten kosteten insgesamt 115 000 Euro.

»Herzlichen Dank für die zahlreichen Geldspenden aus dem Ort von 13 622 Euro, die großzügige Unterstützung unserer Landeskirche und vor allem die Förderung durch das Leader-Programm und alle praktische Hilfe für die Erneuerung«, sagte Pfarrerin Seifert. Die Gemeinde freue sich, dass die Kirche mit der erneuerten Orgel wieder ein schöner Raum zur Ehre Gottes und zur Freude der Gemeinde und ihrer Gäste sei.

Thurland gehört heute zum Pfarramt Wolfen-Nord. Obwohl im Ort nur 85 evangelische Gemeindeglieder leben, ist die Gemeinde aktiv, spendenfreudig und junge Familien bringen ihre Kinder zur Taufe, so die Pfarrerin.

(G+H)

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Quintessenz: Es geht doch!

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Comments Off

Premiere: Zum ersten Mal standen sie gemeinsam Rede und Antwort, die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, und Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig. Im Gespräch mit Katja Schmidtke und Willi Wild ziehen sie eine Bilanz des Reformationsjubiläums.

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Sind Sie froh, dass es nun endlich vorbei ist?
Junkermann:
Ich bin froh, dass es so gut gelaufen ist. Und dass wir so einen starken Doppelpunkt setzen für die vielen Jubiläen, die jetzt noch kommen. Aber ich bin auch froh, dass sich die großen Anstrengungen mit den Veranstaltungen gelohnt haben. Vieles ist gut gelungen. Wo es nicht gelungen ist, haben wir wichtige Erfahrungen gemacht.
Liebig: Für die Mitarbeitenden bin ich froh, dass das jetzt zu Ende geht, denn das war eine starke Belastung. Natürlich zugleich verbunden mit unerwarteten Erfahrungen. Ich erinnere an die Pfadfinderinnen und Pfadfinder und andere, die Urlaub genommen haben für die Kirchentage auf dem Weg, oder um in Wittenberg im Sommer dabei zu sein.

Wir wissen, dass so ein Enthusiasmus auch einen Spannungsbogen hat, und dieser Spannungsbogen geht jetzt zu Ende. Eines kann man sicherlich sagen: In diesem Jahr, und im Rahmen der Dekade, sind die Themen der Reformation bundesweit und darüber hinaus in den Blick gerückt worden. Ich hatte nicht erwartet, dass die Kirchengemeinden bundesweit das Thema so stark aufgreifen. Wir hatten gehofft, die kommen alle zu uns. Aber die waren so enthusiastisch, dass sie dann von Flensburg bis Berchtesgaden selbst ihren Luther entdeckt haben.

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt in diesem Jahr?
Liebig:
Ein eindrücklicher Höhepunkt war für mich der Kirchentag auf dem Weg in Dessau mit dem Anhaltmahl auf dem Marktplatz und Tausenden von Menschen, die Gastgeber und Gäste waren. Bis heute werde ich gefragt: Wann macht ihr das wieder? Da sind wildfremde Menschen miteinander ins Gespräch gekommen, die sich gar nicht mehr trennen wollten. Das wird mir dauerhaft in Erinnerung bleiben mit der Quintessenz: Es geht doch!
Junkermann: Mir fallen verschiedene Höhepunkte ein. Die ökumenischen Gottesdienste, der Pilgerweg der Versöhnung durch Wittenberg im November 2015. Da haben wir uns klargemacht, wie viele Scherben wir angerichtet haben. Den ökumenischen Gottesdienst, den wir Himmelfahrt 2017 in Magdeburg am Elbufer gefeiert haben, in aller Öffentlichkeit, mit vielen neugierigen Nichtchristen. Anschließend haben die Gemeinden die Tische gedeckt. Und auch hier konnten sich Menschen begegnen. Das war bei den Kirchentagen auf dem Weg auch die Erfahrung in Halle, Weimar oder Erfurt. Dort, wo Kirchengemeinden als Gastgeber auf öffentliche Plätze gegangen sind und zum zwanglosen Gespräch bei Kaffee und Kuchen oder Herzhaftem und Wein eingeladen haben, war die Resonanz sehr gut.

Beeindruckt war ich auch vom Konfi- Camp vor den Toren Wittenbergs. Ich habe 1 500 Jugendliche begeistert und laut erlebt, die dann bei der anschließenden Andacht ganz konzentriert und ruhig mitgefeiert haben. Die Camps kamen bei den Jugendlichen so gut an, dass wir uns entschlossen haben, sie in den nächsten drei Jahren fortzuführen.

Was ist gefloppt, was hätte man besser weggelassen?
Junkermann:
Ich kann keine wirkliche Pleite benennen. Die absoluten Besucherzahlen bei den Kirchentagen auf dem Weg waren geringer als prognostiziert. Ich habe selbst erlebt, dass bei einer Podiumsdiskussion anfänglich nur eine Besucherin da war. Später wurden es dann noch 18, das war auch noch sehr übersichtlich, aber intensiv.Das ist für mich eine sehr wichtige Lernerfahrung. Die Menschen haben es satt, anderen bei der Diskussion zuzuhören. Sie wollen selbst beteiligt werden. Das traditionelle Kirchentagskonzept geht heute – zumindest bei uns – nicht mehr auf. Es geht nicht mehr um Masse, sondern um intensive Gespräche in kleineren Gruppen.
Liebig: Ich frage mich, woran liegt das eigentlich, dass in den Medien bundesweit pauschal über das Reformationsjahr geurteilt wird? Ich sehe hier ein Missverständnis. Kirchentag hat hier bei uns in Mitteldeutschland einen anderen Klang als in Frankfurt oder in Hamburg. Kirchentage waren immer Orte eines intensiven Bekenntnisses zu Zeiten des Kirchenbundes der DDR. Wer zum Kirchentag ging oder gar da öffentlich auftrat, musste gewärtig sein, das wird möglicherweise Konsequenzen haben.

Das heißt, Kirchentag ist nicht immer einfach ein »Happening« gewesen, was es auch im Westen nicht war. Aber im Grunde als Gattung eine problemfreie Form, von der dann die Vorstellung bestand, solche Kirchentagsformate nicht nur an einem langen Wochenende von Himmelfahrt bis Sonntag zu machen, sondern über den ganzen Sommer hinzuziehen. Und so kamen prognostizierte Zahlen letztlich auch zustande.

Nun hat sich gezeigt, dieses Format trägt nicht über so lange Zeit. Der Deutsche Evangelische Kirchentag wird sich fragen müssen, welche Formate sind zukünftig unter Beachtung der Erfahrungen in diesem Jahr erfolgreich.
Junkermann: Eins möchte ich auch ganz klar benennen: Es hat bei den Menschen hier großes Befremden ausgelöst, dass man für kirchliche Veranstaltungen Eintritt zahlen muss. 26 Euro für die Tageskarte, das war auch ein Faktor, warum so wenig gekommen sind. Es wäre sinnvoller gewesen, Spendenkörbchen durch die Reihen gehen zu lassen.
Liebig: Da ist das ursprüngliche westdeutsche Kirchentagsformat in unzulässiger Weise einfach übertragen worden. Zwei unterschiedliche Kulturen stießen und stoßen aufeinander.

Wo war die ostdeutsche Stimme bei den Planungen oder wurde sie einfach nicht wahrgenommen?
Junkermann:
Der Vorschlag zu regionalen Kirchentagen kam von uns in der EKM. Bei der gemeinsamen Auswertung mit den Beteiligten der mitteldeutschen Landeskirchen fiel immer wieder ein Stichwort: Ignoranz. Wir haben im Vorfeld darauf hingewiesen, dass die Planungen und Vorschläge des Vereins r2017 vielfach nicht mit unseren Erfahrungen gedeckt sind. Bei manchem haben wir überraschend gelernt, wie gut es ist, groß zu denken und zu planen, bei anderem hat sich unsere Erfahrung – leider – bestätigt. Aber: Für uns alle war das ein neues Format, so mit dem großen Festgottesdienst verbunden.
Liebig: Es gab und gibt einen großen Unterschied zwischen den volkskirchlich geprägten Gebieten in der EKD und einer Minderheitensituation, wie wir sie hier bei uns haben. Ja, es gibt Solidarität unter den Landeskirchen, wie sie beispielsweise durch den Finanzausgleich deutlich wird. Aber es schwingt immer auch mit: Wann ist es denn nun endlich bei euch so wie bei uns? Und da sage ich jetzt nach nunmehr 10 Jahren im Amt: Es wird nie so sein wie bei euch.

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

Der Ausgangspunkt im Osten war ganz anders. Wir werden gemeinschaftlich auf eine neue Situation zugehen, die wir noch gar nicht ganz genau beschreiben können. Diese Minderheitssituation wird also dauerhaft erstmal bleiben, wenn der Herr nicht eine Erweckung durch Mitteldeutschland wandern lässt, was immer möglich ist. Und es wird nicht so bleiben in den westlichen Gliedkirchen. In Hamburg war schon Ende der 1970er-Jahre nur eine Minderheit Mitglied einer Kirche. Die urbanen Zentren des Westens haben durchaus vergleichbare Situationen zu unseren. Aber das ist noch ein Tabu. Ich finde, dieses »ihr da drüben, wir hier« sollten wir hinter uns lassen.

Am Ende wird abgerechnet. Rechnen Sie mit Nachforderungen?
Junkermann:
Die Abrechnung der Kirchentage auf dem Weg ist im nächsten Frühjahr zu erwarten. Als Mitträger und Veranstalter sind wir natürlich in der Pflicht. Wir stehlen uns nicht aus der gemeinsamen Verantwortung. Ich fände es auch nicht angemessen, wenn wir uns zurückziehen: »Na, wir wussten es immer.«
Liebig: In der Summe ist das beträchtlich, was da geflossen ist. Viele fragen sich, ob dieses Geld nicht besser anderweitig verwendet worden wäre. Meine Antwort ist ganz klar: Nein! Ohne den Deutschen Evangelischen Kirchentag oder den Durchführungsverein r2017 hätten wir uns an diese Formate nicht herangewagt. Sie wären völlig undenkbar gewesen.
Wir wissen jetzt, wie es ist, als Minderheitskirche in die Mehrheitsöffentlichkeit hinauszugehen. Was funktioniert und was funktioniert nicht? Das mussten wir irgendwann auch mal wissen. Und jetzt wissen wir’s.
Junkermann: Ich bin überzeugt, dass es nicht am Geld hängt. Geld ist nur ein Indikator dafür, wo unsere Probleme sind. Es ist ein Irrglaube, zu denken, kirchliches Leben hinge an der Finanzierbarkeit. Kirchliches Leben hängt am Glauben. Und darüber sprachfähig zu sein, das ist die Aufgabe über das Reformationsjahr hinaus.
Liebig: Ich wage auch zu behaupten, dass an keiner Stelle jemandem etwas weggenommen oder vorenthalten wurde. Wir haben derzeit die komfortable Situation, dass die Einnahmen nicht rückläufig sind. Das Geld für das Reformationsjahr stand tatsächlich zur Verfügung.

Wie ist das Jubiläumsjahr in den Kirchengemeinden aufgenommen worden?
Junkermann:
In sehr vielen Orten und Kirchengemeinden hat man sich mit dem Reformator und der Reformation beschäftigt. Ich kann gar nicht alle aufzählen. Regionale Bezüge zur Reformation wurden hergestellt. Es gab vielerorts ganze Festwochen, die gemeinsam mit Vereinen und der politischen Gemeinde organisiert worden sind. Das finde ich sehr ermutigend.
Liebig: Ein Beispiel ist für mich das Zerbster Prozessionsspiel. Das ist ausschließlich von Ehrenamtlichen gemacht worden. Vom Bürgermeister, der nicht Kirchenmitglied ist, bis hin zu allen anderen Vereinen war der ganze Ort mit vielen Ortsteilen eingebunden. Die Veranstaltungen waren drei Abende ausverkauft. 400 Ehrenamtliche haben sich mit Kirche, Glauben und Reformation beschäftigt.

Reformation geht weiter. Was bleibt von diesem Jahr?
Junkermann:
Ich denke da vor allem an unsere Initiative »Offene Kirchen«. Ja, es geht langsam voran. Aber es ist auch gut so, weil die Kirchenältesten Zeit brauchen, sich damit auseinanderzusetzen. Wer den Schritt wagt, stellt mit Erstaunen fest, dass eine offene Kirche oft von Einheimischen und gar nicht so sehr von Touristen genutzt wird. Das ist ein gutes Zeichen. Und da wollen wir dranbleiben.
Liebig: Das sehe ich ähnlich. Wir müssen uns als Kirche öffnen und zu den Menschen gehen. Dass das funktioniert, haben die öffentlichen Veranstaltungen auf den Marktplätzen in diesem Jahr gezeigt.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Rückblick und Ausblick

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Vorbei: Ein Jahr lang hat die evangelische Kirche an ihre Wurzeln erinnert. Der Reformationstag soll kein Schluss-, sondern ein Doppelpunkt sein. Was bleibt? Was kommt?

Die Aktion »Offene Kirchen« soll weitergehen. Auch wenn das ambitionierte Ziel, alle 4 000 evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland im Reformationsjahr zu öffnen, deutlich verfehlt wurde, hält Landesbischöfin Ilse Junkermann daran fest. Gutes brauche Zeit, meint sie.

Ein Anfang ist immerhin gemacht. Im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen freut man sich über unerwartet positive Erfahrungen. In der hochfrequentierten Eisenacher Georgenkirche finden sich seit Mai Hinweise und Informationen zu 70 Kirchen im Wartburgland.

Auf zehn Themenwegen können die Besucher von Eisenach aus die Kirchen erkunden. Die Resonanz sei überraschend gut, so Ralf-Peter Fuchs, der Superintendent des Kirchenkreises.

Lichtgestalten: Zum Abschluss des Reformationsjahres wird die Wartburg in Eisenach vom 30. Oktober bis 1. November (ab 18 Uhr) noch einmal spektakulär in Szene gesetzt – mit Soundinstallation und beeindruckenden Projektionen auf die Außenmauern, die Luthers Leben und Wirken Revue passieren lassen. Foto: epd-bild

Lichtgestalten: Zum Abschluss des Reformationsjahres wird die Wartburg in Eisenach vom 30. Oktober bis 1. November (ab 18 Uhr) noch einmal spektakulär in Szene gesetzt – mit Soundinstallation und beeindruckenden Projektionen auf die Außenmauern, die Luthers Leben und Wirken Revue passieren lassen. Foto: epd-bild

Das Wittenberger Konfi-Camp war ein Erfolgsschlager. Es gab mehr Interessenten als Plätze. Die Idee, dass junge Christen mit den Konfirmanden geistliche Gemeinschaft einüben, hat auf den Elbauen vor den Toren der Lutherstadt bestens funktioniert. Dieses Modell soll in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) fortgesetzt werden.

Das hätte so niemand erwartet: Viele Menschen sind der Einladung zum Anhaltmahl in Dessau gefolgt. Die lange Tafel mitten durch die Stadt war voll besetzt. Für manche war es die erste Berührung mit Kirche und Gemeinde. Schon häufig wurde seitdem Kirchenpräsident Joachim Liebig angesprochen: »Wann macht ihr das wieder?« In der anhaltischen Landeskirche überlegt man deshalb, in welcher Form dieses Format der Begegnung fortgesetzt werden kann.

Drei Beispiele, die – allen Unkenrufen zum Trotz – zeigen: Ecclesia semper reformanda – Reformation geht weiter – der Slogan ist mehr als eine Durchhalteparole. Die Feierlichkeiten zur Erinnerung an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren gelten bereits jetzt als historischer Schritt auf dem Weg der Kirchen zu größerer Einheit.

Das Reformationsjubiläum ist das erste im Zeitalter der Ökumene. In den Bilanzen herrscht große Einigkeit: Das 500. Reformationsjubiläum war international von konfessioneller Offenheit, Freiheit und Ökumene geprägt – vor allem in Deutschland, wo es fast gleichviele katholische wie evangelische Christen gibt. Laut dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, ist es gelungen, das Jubiläum ohne nationalistische und anti-katholische Stoßrichtung zu feiern. Das Vertrauen zwischen Protestanten und Katholiken sei gewachsen.

Auf der Haben-Seite stehen für den Repräsentanten von rund 21,9 Millionen Protestanten in Deutschland unter anderem prall gefüllte Massenveranstaltungen wie auf der Tour des Pop-Oratoriums »Luther«; der schnelle Ausverkauf der ersten Auflage der revidierten Luther-Bibel, der Erfolg der Luther-Figur von Playmobil, der Kirchentag in Berlin mit Stargast Barack Obama und viele Kontakte zu Menschen, die bis zu diesem Jahr wenig bis keine Kontakte zur Kirche hatten.

Nicht zufrieden ist man auch an der Spitze dagegen mit den Besuchszahlen der Weltausstellung Reformation in Wittenberg sowie den parallel zum zentralen Christentreffen in Berlin abgehaltenen Kirchentagen auf dem Weg, parallel zum zentralen Christentreffen. Einiges habe nicht funktioniert, sagte Irmgard Schwaetzer, die Präses der EKD-Synode, kürzlich im MDR-Fernsehen.

Das EKD-Kirchenparlament kommt Mitte November zusammen. Dort werde dann Bilanz gezogen, kündigte Bedford-Strohm an. Die Mitglieder der Synode erhoffen sich auch Erkenntnisse von den von ihnen ernannten Scouts. 32 Experten aus Kirche und Gesellschaft, darunter eine Vertreterin der EKM, haben im vergangenen Jahr auch medial weniger beachtete Veranstaltungen besucht.

Auch wenn in diesem Jahr viel von Versöhnung und Einheit im Bezug auf die vor 500 Jahren begründete Kirchenspaltung die Rede war. Konkrete Schritte etwa hin zu einem gemeinsamen Abendmahl gab es nicht. Hoffnung darauf, wenn auch nicht allzu große, hatte es durchaus gegeben. Dafür brauche es Geduld, einen »langen Atem«, appellierte Bedford-Strohm.

(Willi Wild/epd)

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Denkwege zu Luther

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Jugendbildungsprojekt der Reformationsdekade beendet


Sie sollten eine Verbindung schaffen zwischen den Problemstellungen der Reformationszeit und dem, was junge Menschen heute umtreibt. Die »Denkwege zu Luther« waren das einzige Jugendbildungsprojekt der Lutherdekade in ganz Deutschland. Am vergangenen Freitag fand die letzte Präsentation in der Eisenacher Nikolaikirche statt.

Dafür kamen Gymnasiasten aus Bayern und Thüringen in den Tagen zuvor in der Jugendbildungsstätte Junker Jörg zusammen, um sich gemeinsam dem Motto »Entscheide dich! Die Qual der Wahl – Schwierigkeiten mit der Freiheit« zu stellen. Ihnen wurde Zeit und Raum gegeben um über ihre Lebenserfahrungen zu reden, die der anderen zu verstehen und eigene Texte zu verfassen.

Philosophische Fragerunde: Ehrliche Antworten von Unterstützern ihres Projektes erhielten die Schüler aus Gotha und Coburg. Foto: Mirjam Petermann

Philosophische Fragerunde: Ehrliche Antworten von Unterstützern ihres Projektes erhielten die Schüler aus Gotha und Coburg. Foto: Mirjam Petermann

Die Resultate ihrer Gedankengänge präsentierten die Schülerinnen und Schüler vor einem kleinem Publikum – ihren Mitschülern und ausgewählten Gästen, die allesamt Unterstützer und Verbündete des Projekts waren. »Wer bin ich?«, »Wer will ich sein?«, »Bin ich frei?«; das waren Einstiegsfragen einer Gruppe von Elf- und Zwölf-Klässlern, die sie zu Martin Luthers Zitat »Nur wer sich entscheidet, existiert« führte. Weiter gingen ihre philosophischen Betrachtungen mit der Frage, was unsere Entscheidungen prägt, wie es um Luthers Entscheidungen stand und wie sie persönlich überhaupt sinnvoll Entscheidungen treffen können – beispielsweise die Berufswahl – ohne überhaupt alle Folgen erahnen zu können. Die Quintessenz ihres gedanklichen Diskurses lautete schließlich: »Wir sind frei in Entscheidungen, aber gezwungen sie zu treffen.«

Bereits seit drei Jahren kooperieren das Ernestinum Gotha und das Casimirianum Coburg im Rahmen der Denkwege als »Ost-West-Tandem-Projekt«, um gemeinsam voneinander zu lernen. Dreimal trafen sich dabei, zumeist wechselnde, Schülerinnen und Schüler zu einer Projektwoche. Das bundesweite Jugendbildungsprojekt »Denkwege zu Luther« wurde von den Evangelischen Akademien Sachsen-Anhalt und Thüringen zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums in der Lutherdekade 2009 gestartet. In philosophischen und theologischen Gesprächen, durch kulturell-künstlerische Themenzugänge, beim thematischen Geocaching oder in Musik- und Schreibwerkstätten erschlossen sich Jugendliche Grundfragen der religiösen Dimension menschlichen Daseins und erarbeiten sich ein Grundverständnis für den bis heute wirkungsvollen historischen Aufbruch der Reformationszeit. Seit dem Projektbeginn wurden 430 Seminartage mit insgesamt 3 400 Jugendlichen und 2 100 Multi­plikatoren realisiert. Ab 2011 konnte das Projekt in größeren Dimensionen umgesetzt werden, da es seitdem von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wurde.

»Es war ein Leuchtturmprojekt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), mit dem wir uns oft geschmückt haben«, sagte die Projektleiterin der Lutherdekade Christiane Schulz nach den Projektvorstellungen der Schüler am Freitag in Eisenach. Da die Förderung im Dezember 2017 endet, wird das Projekt seine Arbeit einstellen. Ähnliche Jugendbildungsprojekte soll es dennoch auch in Zukunft in der EKM geben.

Mirjam Petermann

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Mit Gott und Sonnenschein

29. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

Siehe, wie fein und lieblich ist’s, dass Schwestern und Brüder einträchtig beieinander wohnen! (Psalm 133) Es war Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig wichtig, dass wir bei der Berichterstattung über das erste gemeinsame Interview der beiden mitteldeutschen evangelischen Bischöfe die herzliche Atmosphäre und das gute Miteinander nicht unerwähnt lassen. Landesbischöfin Ilse Junkermann schob nach, dass das natürlich auch für das Verhältnis mit den katholischen Bischöfen in Erfurt und Magdeburg gelte. Und das nicht erst im Reformationsjahr.

Die gute, fast schon geschwisterliche Zusammenarbeit zwischen Kommune und Kirche wird in Eisenach sowie in Wittenberg von beiden Seiten hervorgehoben. Nicht nur das. Die Oberbürgermeister beider Lutherstädte betonen freudig, dass in diesem Jahr das Interesse an Reformation und Kirche unter den kirchenfernen Teilen der Bevölkerung stark zugenommen habe.

Sicher, nicht alle hochgesteckten Erwartungen erfüllten sich. Aber es ist Neues entstanden und das Reformationsjahr hat Menschen zusammengebracht. Die Marktplätze und Fußgängerzonen wurden zu Begegnungsorten. Landesbischöfin Ilse Junkermann wollte, dass sich die Kirche als »gute Gastgeberin« präsentiert. Das ist an vielen Orten gelungen.

Der positive Eindruck wird nachwirken. Zu danken ist er einmal mehr den vielen engagierten ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden und letztlich dem gütigen Gott, der nicht nur schönes Wetter schenkte, sondern auch, wie es am Ende des Psalms 133 heißt, der verträglichen Gemeinschaft seinen Segen und Leben bis in Ewigkeit verheißt. Das ist ein fester Grund auch für die nächsten 500 Jahre. Reformation geht weiter.

Willi Wild

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Worauf es ankommt: Gott gibt uns alles, was wir brauchen

28. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Comments Off

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Micha 6, Vers 8

Die meisten Menschen wollen ein gutes Leben führen und selbst auch gut sein. Da müht man sich und macht und tut, und hat es doch oft wirklich gut gemeint. Aber leider ist ›gut gemeint‹ noch lange nicht gut gemacht. Dann klopft vielleicht die Resignation an und sagt: Tja, meine Liebe, da bist du mal wieder grandios gescheitert.

So ähnlich stelle ich mir das Gespräch vor, das Micha, der Prophet, mit Gott führt, stellvertretend für das Volk. Ein Klage-Anklagegespräch. Am Ende antwortet Gott von seiner Angeklagtenbank: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. Nach der Verteidigungsrede Gottes vor dem gegen ihn klagenden Volk endet er mit diesem Satz. Auf den ersten Blick ist das nicht viel. Auf den zweiten und dritten ist es alles: das Gesetz und die Propheten und das Evangelium gleich noch mit.

Wenn es eine Handlungsanweisung für Christen gibt, dann ist es dieser Vers aus dem ersten Testament unserer Bibel. Mehr braucht es nicht. Warum aber um alles in der Welt ist es dann trotzdem so schwer, wenn es doch gar nicht so viel ist?

Juliane Kleemann, Theologische Referentin im EKD-Zentrum für Mission in der Region

Juliane Kleemann, Theologische Referentin im EKD-Zentrum für Mission in der Region

Vielleicht weil wir Menschen es uns häufig selbst schwer machen. Es darf uns entlasten, dass auch der Prophet Micha etwas vom Scheitern menschlicher Vorsätze zu wissen scheint. Er predigt Gott als menschen- und damit fehlerfreundlichen Herrn: »Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld …; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er ist barmherzig!« (Micha 7,18)

Christen sind nicht automatisch die besseren Menschen, aber sie sollten wissen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Zwischen Gottes Anspruch und Zuspruch. Da dürfen wir uns fröhlich mühen, das Gute zu tun und dürfen wissen, dass Gott uns alles gegeben hat und gibt, was wir dazu brauchen.

Juliane Kleemann, Theologische Referentin im EKD-Zen­trum für Mission in der Region

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Dynastiegewitter im Weißenfelser Schloss

24. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Comments Off

Erstmals ist ein wertvolles Exemplar der Großenhainer Kirchenagenda in Weißenfels zu sehen. In der aktuellen Sonderausstellung »Dynastiegewitter. August der Starke versus Herzog Christian« im Schloss, die sich einem fürstlichen Streit über Kirche und Glaube widmet, wird die Leihgabe der Landeskirche Sachsens ausgestellt.

Foto: Stadt Weißenfels

Foto: Stadt Weißenfels

Herzog Christian von Sachsen-Weißenfels ließ das Werk mit Silberbeschlägen, dem Herzogswappen und seinem Monogramm verzieren. Einzigartig wird das Buch auch durch eine persönliche Widmung. Am 23. Februar 1713, seinem ersten Geburtstag als Regent des Fürstentums Sachsen-Weißenfels, schrieb er: »Cum Deo Salus oder Gott ist des Hertzens Trost und Heil von ihm erwart ich alles«. Das Werk schenkte er der Hofkirche. Dort nutzten es die Pfarrer viele Jahre als Arbeitsbuch, schließlich stellt die Kirchenagenda eine Art Leitfaden der protestantischen Glaubenslehre dar.

Die Ausstellung ist bis 21. Januar geöffnet.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Landesbischöfin: »Die Kirche ist am Ende«

23. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Comments Off

Podium: Junkermann unterstreicht Notwendigkeit, neue Formen zu erproben

Erreicht Sie unsere Verzweiflung aus den Gemeinden – wir haben kein Personal. Wer soll sich um die Arbeit mit Kindern kümmern?«, brach es aus einer Kirchenältesten heraus. Sie war zu Festandacht und anschließender Podiumsdiskussion »Der Weg der Kirche nach 2017« mit Landesbischöfin Ilse Junkermann und der Ostbeauftragten Iris Gleicke gekommen, mit der die Torgauer Gemeinde am 5. Oktober der Einweihung der Schlosskapelle durch Martin Luther im Jahr 1544 gedachte.

Die Frauen hatten in Vorträgen skizziert, dass sich Christen und Kirche politisch einmischen dürfen und sollen. Die Landesbischöfin wertete die Erfahrung der Kirchentage auf dem Weg aus, bei denen Menschen vor allem zu den kostenlosen Angeboten unter freiem Himmel kamen. Verkündigung müsse durch alle geschehen, nicht nur durch die Hauptamtlichen, und mit neuen Formen, schlussfolgerte sie.

Wie jedoch soll das Neue – das Herausgehen aus den Kirchen auf die Straßen und Plätze – mit immer weniger Personal gelingen? »Die Kirche ist in der Krise! Luther würde missionieren«, sagte ein Zuhörer. Ein anderer kritisierte, er sei im Gottesdienst nicht als Mitgestalter gefragt.

Weder Staats- noch Volkskirche

»Ja, wir sind am Ende mit unseren Modellen und Vorstellungen, wie Kirche und Gemeinde sein soll. Das ist die Krise der Kirche – seit hundert Jahren. Wir sind nicht mehr Staatskirche und auch nicht mehr Volkskirche«, sagte Ilse Junkermann. Wie sie mit dieser Erkenntnis umgeht, kleidete sie in Fragen: Wie kann es gelingen, dass wir Abschied nehmen von festen Gemeindebildern und neue Formen annehmen? Wie können wir den Blick weiten für das, was da ist? Offenbar möchten Menschen ihre eigenen Ideen umsetzen und nach dem Ende eines Projekts gehen können, sagte sie. »Wir brauchen neue Ideen, auch wenn es Eintagsfliegen sind«, warb sie für Mut zum Ausprobieren. Begeistert ist die Landesbischöfin vom Theaterstück »HerrInnen Käthe«, das Torgauer Gymnasiasten schrieben und aufführten. Es zeige die Gleichwertigkeit aller Menschen. Auf die Frage, wie viele der Jugendlichen konfirmiert seien, erwiderte sie trocken: »Sehen Sie, das ist Ihr altes Gemeindebild.«

Die Kirche befinde sich in einem ähnlich umwälzenden Prozess wie zur Reformationszeit. Kirche und Gemeinde müssten viel mehr von dem her gestaltet werden, was da ist und nicht nach Wunschbildern, wie es sein sollte. »Sendung ist ein offener Prozess«, sagte die Landesbischöfin in zweifelnde Gesichter.

Renate Wähnelt

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Wittenberg: Was bleibt?

23. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Endspurt: Am 31. Oktober geht in Wittenberg mit einem Fest das Reformationsjahr zu Ende. Der sogenannte Reformationssommer hinterlässt bleibende Spuren in der Lutherstadt.

Die Christen in Wittenberg haben das Reformationsjahr als Ermutigung erlebt«, bilanziert Wittenbergs Superintendent Christian Beuchel. Volle Kirchen, manchmal sogar zu voll, Gottesdienste, Konzerte, Ausstellungen – all dies habe die Christen gestärkt und jenen 85 Prozent konfessionslosen Wittenbergern ein positives Bild von Kirche vermittelt.

Lange, das verhehlt der Superintendent nicht, haben die Kirchen in der Stadt damit gerungen, welche Aufgabe sie im Jubiläumsjahr eigentlich spielen. Die so einfache wie sinnvolle Antwort: »Wir wollen gute Gastgeber sein«, mit Sonntags- und Themen-Gottesdiensten, mit Andachten und Gebeten. »Es hat der Stadt gut getan, dass an so vielen Orten und zu so vielen Zeiten gebetet wurde«, sagt Christian Beuchel und erinnert, dass in den letzten Wochen der Weltausstellung bis zu 400 Menschen die »Church@Night« der Lichtkirche besuchten. Die Idee möchten die Wittenberger fortsetzen. Jeden zweiten Freitag im Monat, 21.30 Uhr, soll die Stadtkirche in ein besonderes Licht getaucht werden. Als greifbares Erbe der Weltausstellung verbleibt zudem ein Taizékreuz in der Christuskirche, wo es regelmäßig Taizéandachten gibt.

Der Kirchenladen gegenüber dem Asisi-Panorama sei leider nicht so gut besucht worden und auch seien weniger Gemeindegruppen in die Stadt gekommen als erhofft. Beuchel berichtet auch davon, dass es anfangs schwierig gewesen sei, mit in das große Boot der EKD zu steigen. »Immerhin ist nicht nur die Stadt Wittenberg, sondern sind auch die Kirchen der Stadt Gastgeber gewesen.«

Der Verein r2017, der den Reformationssommer auf die Beine stellte, nimmt indes Abschied. Die Weltausstellung ist abgebaut, viele Mitarbeiter sind zurück in Berlin oder auf ihren vorherigen Arbeitsplätzen, ein Großteil der Volunteers hat den Freiwilligendienst beendet und der Ausverkauf von Technik, Büro- und Werbematerial läuft. »Aber: Es bleiben aus fast jedem Torraum Installationen in Wittenberg«, sagt Johanna Matuzak von r2017. Die Spiegel-Stege auf dem Bunkerberg waren von Beginn an als bleibende Installation geplant, und zu weiteren Ausstellungsstücken hat der Stadtrat jüngst einen Beschluss gefasst.

Die Erdkugel bleibt auf dem Marktplatz, auch wenn der Countdown-Zähler zur Weltausstellung Reformation längst abgelaufen ist. Foto: epd-bild

Die Erdkugel bleibt auf dem Marktplatz, auch wenn der Countdown-Zähler zur Weltausstellung Reformation längst abgelaufen ist. Foto: epd-bild

Demnach gehen das Flüchtlingsboot auf dem Schwanenteich, die Weltkugel auf dem Marktplatz, das House of One im Luthergarten, die Schaukel am Bahnhof und die Europaallee des Stationenwegs in städtisches Eigentum über. Zudem wird geprüft, auf dem Fundament des inzwischen abgebauten Bibelturms eine Radstation zu errichten.

Das Asisi-Panorama bleibt noch vier weitere Jahre geöffnet, danach plant die Stadt, Wohnungen auf dem Grundstück zu errichten. Die Kletterkirche des YoungPointReformation zieht nach Magdeburg um. Die alte Schule, die als r2017-Hauptquartier diente, soll ab dem zweiten Schulhalbjahr 2017/2018 wieder als Gymnasium genutzt werden. »Wir von r2017 werden voraussichtlich Ende November ausziehen, in kleinere Büros in die Fleischerstraße«, sagt Johanna Matuzak. Ende des Jahres hören dann auch die letzten Volunteers auf.

Katja Schmidtke

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Auf Umwegen zurück zur Martinskirche

23. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Comments Off

Bildnis hängt jahrelang unerkannt beim ehemaligen Museumschef

Nahaufnahme: Langer weißer Bart, tiefe Falten, finsterer Blick. Und dennoch fühlte sich Jürgen Weigelt, ehemals Museumsdirektor in Bernburg, nahezu magisch angezogen von diesem dunklen Gemälde. Er ersteigert es vor mehr als zehn Jahren auf einer Auktion, fasziniert von einem eigenständigen Stil. Und, ja, auch weil es signiert und datiert ist. Georg Tronnier, 1903. Weigelt hängt sich das Bild zu Hause in sein Herrenzimmer.

Lange Jahre geht er davon aus, es handele sich um ein Selbstporträt. Bis Zeit und Neugier reif für Recherchen sind. Im Künstlerlexikon findet er Tronniers Lebensdaten. Der Künstler wurde 1873 geboren; unmöglich, dass er sich 30 Jahre später als alten Mann selbst auf die Leinwand bannte. »Also telefonierte ich ein bisschen herum. Der Museumskollege aus Hannover gab den entscheidenden Hinweis, es handele sich um Conrad Wilhelm Hase.«

Das Porträt des Erbauers der Martinskirche übergibt Jürgen Weigelt (l.) an Pfarrer Karl-Heinz Schmidt. Foto: Ute Nicklisch

Das Porträt des Erbauers der Martinskirche übergibt Jürgen Weigelt (l.) an Pfarrer Karl-Heinz Schmidt. Foto: Ute Nicklisch

Jener Architekt Hase? Der königlich-hannoversche Baurat und Konsistorialbaumeister der Hannoverschen Landeskirche? Ja. Jürgen Weigelt muss schmunzeln. Ist das nun Zufall oder Fügung, fragt sich der Katholik. Und freut sich. Denn in seinem Herrenzimmer, das wird in diesem Augenblick klar, hängt seit mehr als zehn Jahren ein Porträt des Mannes, der die Gründerzeit in Bernburg entscheidend mitgestaltete – mit dem Bau der Martinskirche in der Bergstadt.

Conrad Wilhelm Hase (1819–1902) schuf rund 300 Bauwerke, darunter mehr als 100 Sakralbauten. Den Raum Hannover prägte er, sodass man statt Neugotik von »Hasik« sprach. Bis ins hohe Alter arbeitete der Architekt: Die Martinskirche in Bernburg wurde am 5. Oktober 1887 eingeweiht, nachdem im Lutherjahr 1883 erste Pläne zum Bau entstanden, erzählt der heutige Pfarrer Karl-Heinz Schmidt. Bernburg war damals eine wachsende Stadt, die Bindung an die Kirche selbstverständlich. Bis zu 12 000 Glieder zählte die Schlosskirchengemeinde – eine neue, zusätzliche Kirche wurde dringend gebraucht. Im September 1884 begannen die Bauarbeiten für die Martinskirche nach Plänen des Baurats Hase.

Ob sich damals kein anhaltischer Architekt fand und wer das Hase-Porträt 1903 posthum in Auftrag gab, das sind Fragen, die Pfarrer Schmidt noch nicht beantworten kann. Er hofft, dass es im Landeskirchenarchiv dazu Unterlagen gibt. Auch Jürgen Weigelt kann keine Angaben machen. »Bei Versteigerungen werden Provenienzen nicht bekannt gegeben«, sagt er. Dem Katholiken war jedoch klar, dass das Gemälde seinen Platz bei den evangelischen Brüdern und Schwestern finden soll. Es wird dieser Tage im Eingangsbereich der Kirche aufgehängt.

Pfarrer Schmidt hat recherchiert, dass zur Gründerzeit der Martinsgemeinde, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, rund 100 Paare getraut, 400 Menschen beerdigt und 400 Kinder getauft worden – jährlich. Heute sind es rund 20 Taufen im Jahr. Aber die neogotische Martinskirche erfährt seit zehn Jahren eine Renaissance. Mit dem Martinszentrum, das Kirche, Kita, Schule und Hort vereint, werden viele Räume zur Begegnung geschaffen.

Katja Schmidtke

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

nächste Seite »