Damit der Himmel offen bleibt

9. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Begegnungsort: Von der Ruine zur Sonnenkirche, die Peter-und-Paul-Kirche in Neunheilingen

Gospel-Konzert, Astrid-Lindgren-Lesenachmittage für Kinder, Adventsmärkte und die über den Ort hinaus bekannt-berüchtigte Blechmusik mit dem Paukenschlag – vielfältig und bisweilen unkonventionell sind die Veranstaltungen, die mit schöner Regelmäßigkeit für »volles Haus« in der »Peter-und-Paul-Kirche« in Neunheilingen (Kirchenkreis Mühlhausen) sorgen – wobei der Begriff »Gotteshaus« in diesem Falle nicht ganz treffend ist, fehlt doch dafür ein wichtiger Bestandteil: das Dach.

Anziehungspunkt: Die Sonnenkirche ist ein Magnet für die Neunheilinger Bürger. Nicht nur – wie hier – zum »Luther­sommer«. Foto: Anke Pfannstiel

Anziehungspunkt: Die Sonnenkirche ist ein Magnet für die Neunheilinger Bürger. Nicht nur – wie hier – zum »Luther­sommer«. Foto: Anke Pfannstiel

Seit vier Jahrzehnten schon ist »Peter und Paul« eine Ruine. Zwar mangelte es nicht am Willen der Bewohner, den Verfall der Kirche zu stoppen. Doch widrige Umstände der Zeit und nicht zuletzt die Tatsache, dass es mit der kleinen Friedhofskapelle noch einen anderen nutzbaren Raum gibt, besiegelten – vorläufig – ihr Schicksal: 1976 musste die Gemeinde das Dach abnehmen lassen und einen Teil des Inventars, unter anderem den Altar, verkaufen.

Doch weil die Neunheilinger »Peter und Paul« dennoch nie ganz aufgaben, sollte der letzte Gottesdienst unterm Kirchendach zur Konfirmation im Jahr 1968 nicht der letzte gewesen sein:

30 Jahre später, am 31. Mai 1998, um 14 Uhr, feierte die Gemeinde hier erstmals wieder Pfingstgottesdienst. Statt über steinernen Fußboden liefen die Menschen nun über frisch gemähtes Gras, das Jugendliche ein Jahr zuvor ausgesät hatten. Und der Blick nach oben endet nicht am Deckengewölbe, sondern geht unversperrt gen Himmel.

Es ist dieses besondere Ambiente, das neben dem Engagement der Neunheilinger dafür sorgt, dass »Peter und Paul« eine Wiederbelebung als »Sonnenkirche« erfährt. Doch das, was die Sonnenkirche so besonders macht, ist zugleich ihre größte Bedrohung: Wind und Wetter nagen ungehindert an ihrer verbliebenen Substanz. Das Mauerwerk, das seit dem Deckenabriss freiliegt, nimmt zusehends Schaden.

Doch dieses Mal wollen die Neunheilinger den weiteren Verfall verhindern, gründeten deshalb im Jahr 2014 den Verein »Sonnenkirche«. Über 30 Mitglieder fanden sich rasch zusammen; von Anfang 30 bis 80 sind alle Altersklassen vertreten, verschiedenste Berufsgruppen und Einstellungen zum christlichen Glauben ebenso. Was sie eint, ist der Wunsch, »Peter und Paul« zu bewahren, weil die Kirche zum Dorf und dessen Geschichte gehört.

Die Idee, die sie für die »Sonnenkirche« entwickelten, soll zwei Aspekte verbinden: Der Charakter der Offenheit, die Durchlässigkeit nach oben, soll trotz schützender Elemente erhalten bleiben, zugleich die Energie der Sonne genutzt werden. Eine Überdachung mit Sonnenkollektoren schwebt ihnen vor.

Die Möglichkeit, die Ideen als Projekt der »Internationalen Bauausstellung Thüringen« (IBA) zu konkretisieren und voranzubringen, ergibt sich nicht, weil andere Vorhaben den Zuschlag erhalten haben. Arbeiten von Architektur-Studenten der Fachhochschule Erfurt, die mit Unterstützung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) erstellt wurden, lieferten interessante Anregungen. Einen Durchbruch können auch sie nicht bringen. »Uns als Verein hat all das nicht entmutigt, sondern eher noch mehr zusammengeschweißt«, sagt der Sonnenkirchen-Vorsitzende Raimund Schmidt.

So sind sie weiterhin frohen Mutes, ihre Sonnenkirche voranzubringen und für die Nachwelt zu bewahren – und für den Weg dahin haben sie noch reichlich Ideen und Tatendrang im Gepäck, um »Peter und Paul« das zu geben, was sie verdient: Ein vielfältiges Gemeindeleben, geteiltes Leid und vor allem frohe gemeinsame Stunden mit Blick in den Himmel.

Anke Pfannstiel

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