Fegefeuer Fristen Fritzen

3. November 2017 von redaktionguh  
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Meine persönliche Bilanz des Reformationsjahres? Wir bräuchten heute dringend wieder mehr Menschen wie Martin Luther! Menschen, die frischen Wind in die Kirche bringen, Wegbereiter für die innere Freiheit, für Bildung und den Mut, sich für seine Meinung einzusetzen! Für die Vorbereitung auf das Lutherjahr habe ich wieder ein bisschen mehr in der Bibel gelesen und dabei ist mir klar geworden, wie viel Luther in Bewegung gebracht hat, vielleicht mehr, als er anfangs ahnen konnte. Seine Überzeugung, dass der Mensch in der Beziehung zu Gott keine Zwischenhändler braucht und auch keine Fegefeuer-Fristen-Fritzen, war revolutionär. Ebenso der Gedanke, dass Menschen Texte, die sie angehen, in einer verständlichen Sprache lesen können sollen. Da ist die Medizin bis heute nicht drauf gekommen! Und als ich einmal das Ärztelatein für mein erstes Buch „Arzt-Deutsch“ ins Verständliche übertrug, wurde mir klar, was er da mit der ganzen lateinischen Bibel geleistet hat! Respekt.

Martin Luther hat vorgelebt, sich mit den Verhältnissen und der herrschenden Meinung nicht zu arrangieren. Das ist Zeichen einer großen inneren Freiheit. Luther hat sie „Freiheit eines Christenmenschen“ genannt. Diese Freiheit schreibt er uns 500 Jahre später immer noch ins Gebetbuch. Sie macht immun gegen Ideologien wie den Perfektionismus. „Du musst gesund sein, du musst toll aussehen, du musst der Beste sein und darfst nicht alt werden.“ Diese Ideologie muss man hinterfragen, dabei hilft Luther. Und Luther sagt auch: „Du bist okay, wie du bist!“ Wie viele Menschen fühlen sich heute schlecht und ausgebrannt und depressiv, weil sie denken, sie müssten anders sein. Doch andere gibt es doch schon genug. Das hat sich Luther natürlich nicht ausgedacht – das hat er in der Bibel gefunden, weil es der Kern der Botschaft von Jesus war. Alle Menschen sehnen sich nach einer Liebe, die einen annimmt und die bedingungslos ist. Diese Liebe kann man nicht kaufen – auch nicht, indem man der Mega-Gutmensch ist. Solche Pseudolösungen hat Luther aufgezeigt und gesagt: „Du kannst dich noch so sehr anstrengen. Letzten Endes kannst du dir Gottes Liebe weder erkaufen noch verdienen.“ Das hat eine unglaubliche therapeutische Kraft – und ich würde mir wünschen, dass viele Menschen durch das Reformationsjubiläum davon gehört haben.

Was mich als Reformationsbotschafter besonders gefreut hat, ist, wie viel Luther für Humor und Lachen übrig hatte: „Wer immer und überall lachen kann, der ist ein wahrer Doktor der Theologie“. „Wo Glaube ist, da ist auch Lachen.“ Und am Wichtigsten: „Woran erkennt man ein befreites Herz? Am Lachen!“

Das Reformationsjahr ist eine gute Gelegenheit uns von der Kargheit und Wortlastigkeit zu befreien und eine kleine „Gegenreformation“ starten: zu mehr Miteinander und Füreinander, mehr Humor und Lachen, mehr Sinnlichkeit und Körperlichkeit in der Kirche, und mehr Ekstase und unbändiger Freude am Leben. Ja, wir werden alle eines Tages sterben. Aber an allen anderen Tagen eben nicht! Und wenn es eine frohe Botschaft gibt, sollte man das den Menschen, die sich auf sie berufen, auch anmerken, oder?

Eckart v. Hirschhausen

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


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