Meinetwegen: Wenn Gott zu Silvester den grünen Knopf drückt

31. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.

Psalm 103, Vers 8

Wittenberg 2017. Ich laufe durch die Ausstellung »Unheilige Bilder – Cartoons zu Kirche und Religion heute«. Erfrischend, auch mal über sich selbst lachen zu können. Ich schaue mir die Karikaturen an. Ich schmunzle, ich lache laut los, ich verstumme. Von witzig über provozierend bis hin zu grenzwertig ist alles dabei. Eine schöne Ausstellung. Es tut gut, nicht immer alles so ernst nehmen zu müssen.

»Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte« – in meinem Kopf entsteht ein weiteres Bild, welches seinen Platz in der Karikaturenausstellung hätte finden können. Zu sehen: Gott – klischeehaft stilisiert mit weißem Gewand, goldenem Dreieck auf dem Kopf, fünf Fingern an jeder Hand und einem weißen Rauschebart. Er sitzt an seinem Schreibtisch, vor ihm zwei Knöpfe. Ein Roter, mit der Aufschrift: »Mir reichts!« und ein Grüner mit »Meinetwegen!«.

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

Gott guckt auf den Kalender: Silvester 2017. Gott lässt das Jahr Revue passieren, seufzt einmal tief, fasst sich mit der linken Hand an die Stirn und drückt mit der rechten Hand den Knopf: Grün! Puh! Noch einmal Glück gehabt, denke ich mir. Gott sei Dank!

Ich sitze am Schreibtisch. Doch vor mir sind keine zwei Knöpfe, sondern mein Laptop: Was lief gut im letzten Jahr? Was war unerfreulich? Über wen habe ich mich geärgert, mit wem vertragen, und wem habe ich bis jetzt noch nicht verziehen? Frust und Müdigkeit breiten sich in mir aus. Wenn ich es schon nicht schaffe, mit meinen Schwächen, ja mit meiner eigenen Schuld umzugehen, wie schafft es Gott dann, den grünen Knopf zu drücken? »Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte«.

Ich sitze am Schreibtisch. Ich schließe meinen Laptop und schaue auf den Kalender: 31. 12. 2017. Ein neues Jahr beginnt. Das Zurückliegende kann und darf ich nicht vergessen. Aber ich konzentriere mich auf das Neue. Gott sei Dank! Lassen sie uns mit uns selbst ein Stück barmherziger, gnädiger, geduldiger und gütiger werden. Gott ist es mit uns schon lange.

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

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Singen hat mich jung gehalten

27. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Dienstältester Bass im Kirchenchor von Heilingen singt auch an diesem Weihnachtsfest

Zu Gast auf einem Bauernhof in Engerda (Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld). Hier leben Wilhelm und Sigrid Luge. Das Besondere, Wilhelm Luge ist seit 70 Jahren Mitglied des Kirchenchores. Ein Urgestein, der viele Erinnerungen hat. Doch alles der Reihe nach.

Der heute 84-jährige Wilhelm Luge berichtet, dass alles im Jahr 1947 begonnen hat. »Damals waren wir mit der Schule fertig. Und irgendwie war ich richtig stolz. Ich durfte im Kirchenchor bei den ›Alten Herren‹ mitsingen.«

Leidenschaft ein Leben lang: Das Singen gehört für Wilhelm Luge einfach dazu. Auch am Weihnachtsfest. Foto: Andreas Abendroth

Leidenschaft ein Leben lang: Das Singen gehört für Wilhelm Luge einfach dazu. Auch am Weihnachtsfest. Foto: Andreas Abendroth

Es sollte eine Leidenschaft werden, die bis heute anhält. Damals hielt Lehrer Schumann – er leitete den Kirchenchor – zweimal die Woche eine Singstunde ab. Lieder wurden einstudiert, sonntags und zu den kirchlichen Feiertagen dann aufgeführt. 1949 kam mit Pfarrer Heinrich Martin Hoffmann ein neuer Pastor nach Engerda. »Die Pastorenfrau übernahm den Kirchenchor, leitete ihn und uns 42 Jahre lang«, erinnert sich Luge.

Ein Lächeln geht über das Gesicht des rüstigen Seniors, wenn er sich an die Singfreizeiten erinnert: »Die fanden unter der Leitung des Arnstädter Kirchenmusikdirektors Alwin Friedel statt. Da erklang am Abend im Schaalaer ›Schwarzenshof‹ so manches nicht kirchliche Lied.«

Neben der ehrenamtlichen Chorarbeit galt es aber auch, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Im elterlichen Betrieb erhielt er eine landwirtschaftliche Ausbildung. »Als junger Mensch wurde ich Schäfer. Ich bin in den Beruf reingewachsen«, so Luge. »Mit 44 Jahren musste ich dann nochmals auf die Schulbank. Es war keine leichte Aufgabe für mich. Im Ergebnis hatte ich den Abschluss als, ›Facharbeiter für Schafzucht‹.«

Wilhelm Luge wurde die Aufsicht über 1 000 Mutterschafe übertragen. Er musste sich um die Zucht der Tiere kümmern. Auf Grund seiner Erfahrungen und seiner großen Erfolge bei der Schafzucht wurde ihm 1983 der Schäfermeister zuerkannt. Später wurde er noch Kreisschäfermeister. Luge berichtet von der Grünen Woche in Berlin, von Präsentationen seiner »Coburger Fuchsschafe«.« Von den Erfolgen als Schäfer und Schafzüchter zeugen heute noch Pokale, Staatsmedaillen und Preismünzen, die in einer Vitrine einen Ehrenplatz haben.

Neben dem Kirchenchor war Wilhelm Luge an der Gründung des Männerchores »Concordia« beteiligt. »Den habe ich 1951 mit ins Leben gerufen. 66 Jahre lang habe ich den ersten Bass gesungen.« Erinnerungen werden wach an unterschiedliche Auftritte. So an den Konzertausflug nach Pskow – die Partnergemeinde des ehemaligen Bezirkes Gera im heutigen Russland oder an die Verstärkung des Theaterchores in Bayreuth bei der Aufführung des Freischütz von Carl Maria von Weber und dem Auftritt im Kölner Dom. Etwas Wehmut kommt auf, wenn sich Luge an den Auftritt zur Landesgartenschau in Apolda in diesem Jahr erinnert: »Es war vorerst mein letzter Auftritt mit dem Männerchor. Das Singen macht mir immer noch richtig Spaß. Nur das Stehen fällt mir zunehmend schwerer.«

Doch ganz hat Wilhelm Luge dem Gesang nicht den Rücken gekehrt. Dem Kirchenchor – die Chöre aus Engerda und Heilingen sind mittlerweile vereint – bleibt er weiterhin erhalten. Seit 25 Jahren wird dieser von Pastorin Jutta Thiel geleitet. »Sie macht es sehr locker und richtig gut. Neben dem Gesang wird auch mal ein kirchlicher Witz erzählt.« In seinem Leben hat Wilhelm Luge viele Lieder einstudiert. »Die althergebrachten Melodien kann man über die vielen Jahrzehnte, lateinische Lieder bekomme ich auch noch gut hin. Nur mit den neuen englisch- oder französischsprachigen habe ich so meine Schwierigkeiten«, resümiert der Chorsänger.

Wilhelm Luge freut sich aufs Weihnachtsfest und auf die musikalische Ausgestaltung der Gottesdienste. Und vielleicht setzt er sich ganz in Familie auch noch einmal ans Klavier und spielt Weihnachtslieder.

Andreas Abendroth

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Freude im Advent: Festliche Musik in der Dessauer Marienkirche

27. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Foto: Johannes Killyen

Foto: Johannes Killyen

Zum traditionellen Adventsblasen lädt das Anhaltische Posaunenwerk am 23. Dezember, 18 Uhr, in die Marien­kirche in Dessau-Roßlau ein – hier ein Foto vom Konzert des vorigen Jahres. Wegen des stets großen Besucherandrangs ist die Generalprobe um 14 Uhr am gleichen Tag öffentlich. Unter der Leitung des Dessauer Kreis­posaunenwartes Andreas Köhn vereinen sich zu diesem Konzert rund 90 Trompeter, Posaunisten, Hornisten, Tenorhornspieler, Tubisten und andere Bläser aus Posaunenchören in Anhalt und darüber hinaus. Zu hören sind vor allem Weihnachtslieder, von denen manche in einem ungewöhnlichen Gewand präsentiert werden.

Die Zuhörer sind bei etlichen Liedern auch zum Mitsingen eingeladen. Andachtsworte und Texte zur Advents- und Weihnachtszeit wird Andreas Janßen, Reformations­beauftragter der Landeskirche, lesen. In der anhaltischen Landeskirche gibt es 15 Bläserchöre mit rund 240 Mitgliedern – Tendenz steigend.

Licht in die Welt tragen

Christnachtsingen: Tradition in Wolfen-Nord

Auf dem Markt von Wolfen-Nord, wo unter der Woche mit Obst, Gemüse und anderen Waren gehandelt wird, geht es in der Nacht vom 24. zum 25. Dezember besinnlich zu. Seit 1995 laden die evangelische, katholische und freikirchliche Gemeinde zum Christnachtsingen ein. »Ein ökumenischer Arbeitskreis bereitet das Singen vor«, so Pfarrer Matthias Seifert. Zum etwa 40-minütigen Programm ab Mitternacht gehört Bläsermusik zur Eröffnung, die der Posaunenchor aus Raguhn nebst Gästen spielt, und Worte zur Christnacht, die abwechselnd einer der Pfarrer spricht. Unter Bläserbegleitung werden dann gängige Gemeindeweihnachtslieder gesungen. Dazu gehören »Macht hoch die Tür« ebenso wie »Zu Bethlehem geboren«, »Ich steh an deiner Krippen hier« oder »Es ist ein Ros entsprungen«. Für diejenigen, die nicht textsicher sind, gibt es ein Liedblatt, und eine gute Tontechnik sorgt dafür, dass auch die gesprochenen Worte von jedem gehört werden können.

In Wolfen-Nord, das 1960 als Wohnstadt für die Arbeiter in den umliegenden Chemiebetrieben erbaut wurde, sollten nach Plan einmal rund 50 000 Menschen wohnen. Diese Zahl wurde jedoch nie erreicht. 1989 hatte die Plattenbausiedlung rund 34 500 Einwohner; Tendenz seitdem fallend. »Zurzeit wohnen hier noch rund 7 000 Menschen.« Das mache sich auch bei den Teilnehmern am Christnachtsingen bemerkbar. »In unseren besten Zeiten kamen etwa 2 500 Besucher«, so Pfarrer Matthias Seifert. Derzeit seien es etwa 200.

Das Christnachtsingen endet mit dem Lied »Tragt in die Welt nun ein Licht«. Danach können sich die Sängerinnen und Sänger das Friedenslicht aus Bethlehem mit nach Hause nehmen. Es wurde am 17. Dezember in Sachsen-Anhalt verteilt und wird seitdem auch in der Friedensgemeinde in Wolfen-Nord gehütet.
(ast)

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Hinter Gittern miteinander verbunden

27. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Rundfunkgottesdienst zu Heiligabend mit Landesbischöfin aus der Justizvollzugsanstalt Burg

Der Mann hinter der Glasscheibe bittet uns knapp, Ausweis und Handy abzugeben. Dann geht die Stahltür auf. Wir treten ein. Taschenkontrolle. Summer, Tür auf zum nächsten Flur. Tür fällt hinter uns zu. Warten. Nächste Tür geht auf. Wir gehen durch, wieder fällt sie schwer ins Schloss. Wieder warten. Landesposaunenwart Frank Plewka und ich reden etwas leiser. Warum eigentlich? Weil die Atmosphäre so drückt. Dann geht die nächste Tür auf und Gefängnisseelsorgerin Jana Büttner empfängt uns. Sie hat Schlüssel. Sie schließt uns durch bis zu einem schlichten Mehrzweckraum, der als Kapelle dient. Ein Altar, ein paar Bilder, eine Gebetswand, Stühle und Instrumente für die Band. Die Fenster: vergittert. Blick auf den Hochsicherheitstrakt.

Baum hinter Stacheldraht: Innenhof des Gefängnisses Burg. Foto: Jana Büttner

Baum hinter Stacheldraht: Innenhof des Gefängnisses Burg. Foto: Jana Büttner

Knast ist ein in Zement gegossener Ausnahmezustand. Karg. Man ist bewacht auf Schritt und Tritt. Fremdbestimmt. Stacheldraht bohrt sich in die Seele. Selbst über den Sportplatz ist ein Netz gespannt, dass niemand etwa mit dem Helikopter befreit werden kann.
Und Licht scheint in der Finsternis? Ja, das glaube ich. Mit zwei Gefangenen feile ich an ihren Texten. Zum Beispiel über die Hoffnung, wieder mit der Familie vereint zu sein.

Die Musiker proben nebenan. Alles muss passen für den peniblen Regieplan. Es wird aufregend, wenn der Übertragungswagen kommt. Landesbischöfin Ilse Junkermann wird predigen über das Licht, das stärker sein wird als die Finsternisse unseres Lebens. Und die Gefangenen werden verbunden sein. Einige mit ihren Familien. Über das Radio. So kann es Weihnachten werden.

Den Gottesdienst gestalten Insassen und das ökumenische Seelsorgeteam der JVA. Sie werden unterstützt vom EKM-Bläser-Ensemble unter der Leitung von Frank Plewka.

Ulrike Greim, EKM-Rundfunkbeauftragte

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600 Baumanhänger aus Porzellan

25. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Foto: Thomas Klitzsch

Foto: Thomas Klitzsch

Das Ergebnis ihrer Arbeit im Museum Porzellanikon in Selb (Oberfranken) präsentieren Schüler aus Wittenberg und Selb in der Wittenberger Schlosskirche. Im Herbst hatten die Schüler Christbaumschmuck aus Porzellan gefertigt. Jetzt haben sie damit den Christbaum der Schlosskirche geschmückt (Foto). Die Engel, Sterne oder auch kleine Luther-Köpfe waren vorher in den Öfen des Unternehmens Rosenthal gebrannt worden. Auch die Tanne kommt übrigens aus dem Fichtelgebirge. Traditioneller Baumschmuck samt Christbaum aus Oberfranken war in der Vergangenheit bereits am Dienstsitz des Bundespräsidenten in Berlin oder im EU-Parlament in Straßburg zu bewundern.

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Vom Friede-Freude-Eierkuchen-Landkreis »Heile Welt«

24. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!

Philipper 4, Verse 4-5

Willkommen in Friede-Freude-Eierkuchen-Landkreis Heile Welt. Das gelbe Ortsschild markiert den Eingang. Der Weg hinein in das perfekte Dorf, die perfekte Stadt, das perfekte Haus. So, wie jeder und jede es mag: mit ohne Spitzendeckchen, mit ohne Adventskranz, mit ohne »Last christmas«, mit ohne »O du fröhliche« … Landkreis »Heile Welt«. Harmonie, Liebe und Frieden erfüllen jedes Haus. Der Duft von Eierkuchen erreicht die Nasen der Kinder.

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

Das gelbe Ortsschild thront nicht an einem festen Ort, aber das heißt nicht, das es nicht real ist. Wie oft steht es vor einzelnen Häusern – offensiv zur Schau gestellt, vielleicht durch leuchtende Rentiere oder einen reich geschmückten Weihnachtsbaum. Wie oft ist das Schild klein, unauffällig auf den Tisch gelegt – neben den gestärkten Servietten, bescheiden, aber sichtbar. Freuet euch – es ist der heilige Abend. Weihnachten ist da! Es ist das Fest des Friedens, der Freude, der Eierkuchen. Abermals sage ich: Freuet euch!

Ich fahre im Auto und sehe die Rückseite des gelben Schildes: Friede-Freude-Eierkuchen – durchgestrichen mit einer dicken roten Linie. Ja, hier endet sie, die »Heile Welt«. Hier beginnt die Normalität. Der nächste Ort? Ramsin – Roitzsch – Holzweißig. Ganz normal – mit ohne Spitzendeckchen, mit ohne Adventskranz, mit ohne »Last christmas«, mit ohne »O du fröhliche«.

Nicht immer so, wie jeder und jede es mag, sondern vermag. Landkreis »Unheile Welt«. Am ersten Weihnachtsfeiertag flimmern einige Lichter des Rentieres; die ersten Kugeln des geschmückten Weihnachtsbaumes sind zerbrochen; die Servietten im Wäschekorb. Der Friede währte nur kurz, die Freude ist weniger geworden, die Eierkuchen verbrannt. Ich fahre durch die Orte. Der Herr ist nahe – heute, hier in diesem Haus; in den Orten des Landkreises »Unheile Welt«. Heute ist der heilige Abend. Mit ohne Adventskranz, mit ohne »Last christmas«, mit ohne »O du fröhliche«. Willkommen in der heilen unheilen Welt. Freuet euch, ihr in der unheilen Welt: Der Herr ist nahe!

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

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Der Countdown läuft

24. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Von Predigtgedanken, Fußballfreunden, Sauerkraut und Kirchenglocken: Ein Gedankentagebuch des Schlotheimer Pfarrers Frank Freudenberg in den Tagen vor Weihnachten, im vergangenen Jahr.

Aufgezeichnet von Katharina Freudenberg

Illustrationen: kirche.nelcartoons.de

Illustrationen: kirche.nelcartoons.de

7.42 Uhr: Ein heißer Tee wärmt mir den Magen. Dann bringe ich unsere beiden Kinder zum Kindergarten.
8.04 Uhr: Großes Gewusel im Gemeindebüro. Es gibt noch viel zu organisieren: Die Liederhefte für die Gottesdienste müssen noch in die Ortschaften gelangen. Drängende Frage: Reichen die Präsente als Dank für die Krippenspielkinder?

9.35 Uhr: Den Urlaubsantrag für die Tage nach Weihnachten muss ich noch schnell ins Kirchenkreisbüro schicken.

22. Dezember, morgens im Gemeindebüro: Die Liederhefte für die Christvespern werden sortiert. Fotos: Katharina Freudenberg

22. Dezember, morgens im Gemeindebüro: Die Liederhefte für die Christvespern werden sortiert. Fotos: Katharina Freudenberg

9.45 Uhr: Am Schreibtisch angekommen setzte ich mich an die Predigt. Der Kerngedanke ist mir schon lange im Sinn: »Fürchtet euch nicht!« Wovor fürchten wir uns heute? Jetzt, nach dem Anschlag in Berlin liegt das Thema ganz oben auf. Es gibt so viele Ängste.

12.01 Uhr: Mitarbeiterweihnachtsessen in Sondershausen: Wir halten Rückblick auf das vergangene Jahr. Ich genieße den Moment der Besinnung. Es ist ein ereignisreiches Jahr gewesen. Ohne diese Zeiten des Innehaltens rast es einfach weiter.

14.24 Uhr: Einige Besorgungen liegen noch an: diverse Weihnachtsgeschenke und ein Kreativkoffer für die Christenlehre.

16.10 Uhr: Weihnachtsfeier des Fußballinternats, mit dem die Kirchengemeinde zusammenarbeitet. Angeregtes Gespräch mit einem ehemaligen Trainer über das anstehende Reformationsjubiläum und die Bewertung Martin Luthers in der evangelischen Kirche. Er ist überhaupt kein Kirchgänger, aber dennoch sehr interessiert.
17.05 Uhr: Nun ist es Zeit, den morgigen Gottesdienst im Seniorenheim vorzubereiten. Habe ich alle Weihnachtspräsente für die Senioren?
18.03 Uhr: Abendessen mit der Familie

20.01 Uhr: Zurück am Schreibtisch: aktuelle Zeitungslektüre. Erstaunlicherweise findet sich das weihnachtliche Motiv »Fürchtet euch nicht« in etlichen Zeitungskommentaren. Mir gehen einzelne Menschen durch den Kopf und wie sie das »Fürchtet euch nicht« wohl hören werden. Menschen zum Beispiel, deren Emotionen hochkochen, wenn sie das Wort »Geflüchtete« hören. Ich denke auch an manche Gemeindeglieder, die ein geliebtes Familienmitglied im vergangenen Jahr verloren haben. Und es gab schwere Schicksalsschläge.

Die Krippe der Pfarrersfamilie Freudenberg im Schlotheimer Pfarrhaus. Fotos: Katharina Freudenberg

Die Krippe der Pfarrersfamilie Freudenberg im Schlotheimer Pfarrhaus. Fotos: Katharina Freudenberg

10.01 Uhr: Gottesdienst im Seniorenheim: Wir singen schon mal die Weihnachtslieder, denn die meisten der Senioren können nicht in die Kirche kommen. Angeregte Stimmung, viele Redebeiträge. Jeder Gottesdienstteilnehmer bekommt ein kleines Geschenk zum Abschied. Jetzt geht’s los auf die Stationen – zu den Menschen, die das Bett nicht mehr verlassen können. Auch sie sollen einen kleinen Gruß bekommen.

12.15 Uhr: Problem. Der Josef ist uns abhandengekommen. Schon zur Generalprobe war er nicht da und seine Handynummer stimmt offensichtlich nicht mehr. Ärger steigt in mir hoch. Krippenspiel ohne Josef – das geht nicht. Im Team beraten wir, wer spontan einspringen könnte. Ich vielleicht? Ich telefoniere rum. Wer hat Josef gesehen? Ob Maria damals wohl auch solche Schwierigkeiten hatte?

14.03 Uhr: Besuch zum 91. Geburtstag eines Gemeindeglieds im Nachbardorf. Früher hat sie sich immer um das Krippenspiel gekümmert. Die Tochter der Jubilarin trällert ein Lied­chen.

15.27 Uhr: Im Seniorenheim: Plötzlich steht der Josef da. Er konnte zu den letzten Proben nicht kommen, sein Telefon war kaputt. Aber jetzt ist er da. Erleichterung macht sich breit. Erst recht als die Aufführung doch besser lief als befürchtet und ich nicht in die Rolle des Josef schlüpfen musste. Das Kostüm hatte ich schon dabei.

16.45 Uhr: Am Heiligabend soll es wie jedes Jahr ein traditionelles Weihnachtsgericht bei uns zu Hause geben. Genau das gleiche, mit dem ich aufgewachsen bin. Die Bratwürste sind schon besorgt. Aber das Sauerkraut und die Kartoffeln für die Klöße fehlen noch. Also schnell in den Supermarkt, auch wenn es um diese Zeit kein Spaß ist, sich durch die Gänge zu schieben.

17.45 Uhr: Was sein muss, muss sein – ab zum Fußballtraining der Alten Herren. Nach Möglichkeit lasse ich keine der wöchentlichen Trainingszeiten aus. Sonst bewegt man sich ja gar nicht mehr – und die Jungs in der Mannschaft hab ich einfach gern. Manchmal sagen sie, dass in der Mannschaft, in der ich mitspiele, noch einer mehr dabei ist und zeigen dabei augenzwinkernd Richtung Himmel.

19.54 Uhr: Ein Gutenachtlied für die Kinder.

20.15 Uhr: Mein Magen knurrt. Damit mein Gehirn noch arbeitstüchtig bleibt, brauche ich dringend etwas zu Essen. Meine Frau hat die Suppe schon warmgemacht.

20.40 Uhr: Die Endfassung der Predigt steht an.
8.43 Uhr: Erste wichtige Aufgabe des Tages: den Weihnachtsbaum aufstellen. Nachdem er schon ein paar Tage draußen im Kalten gewartet hat, darf er nun in die gute Stube. Rein in den Baumständer, noch ein bisschen ausrichten und schon können die Kinder mit dem Schmücken beginnen.

9.54 Uhr: Ein Freund bringt uns den Weihnachtsbraten – er hat das Reh am Vortag erst geschossen. Das wird ein Fest!

11.44 Uhr: Die Nudelsuppe können wir noch alle zusammen essen, bevor wir am Nachmittag in verschiedene Kirchen aufbrechen.

13.15 Uhr: Mein Schwager trifft ein, um die Kinder zu hüten.

Illustrationen: kirche.nelcartoons.de

Illustrationen: kirche.nelcartoons.de

15.01 Uhr: Christvesper mit kleinem Krippenspiel. Das Glockenläuten bringt mich zur Ruhe. Ich bin aber eindeutig zu warm angezogen, denn die fürsorglichen Kirchenältesten haben einen Gasheizer direkt neben meinem Platz aufgestellt; Nebeneffekt: der Gasheizer raubt mir den Sauerstoff, ich muss gähnen. Nun ist das Vorspiel vorbei, ich bin dran. Hoffentlich kann ich die Erwartungen, mit denen die vielen Menschen jetzt in der Kirche sitzen, gut aufnehmen und in Worte fassen.

Mit dem »Gloria« des Kirchenchors kommt Weihnachtsstimmung auf. Am Ausgang dann die persönliche Verabschiedung: Ich sehe viele Menschen, die schon lange nicht mehr hier wohnen, aber zu Weihnachten zu ihren Ursprüngen zurückkehren. Da sind die stolzen Omas, die ihre Kinder beim Krippenspiel bewundert haben. Ich drücke auch die Hände derer, von denen ich weiß, dass bei ihnen in diesem Jahr ein Stuhl leer bleibt. Und natürlich sind da auch die freudestrahlenden Kinder, die es kaum erwarten können, dass es nun endlich zur Bescherung geht.

16.30 Uhr: Christvesper mit Krippenspiel im nächsten Dorf: Zum Glück komme ich frühzeitig an. Ich muss sehen, dass ich noch kurz mit dem Organisten sprechen kann. Dann geht es auch schon los. Bei der Predigt steige ich auf die Kanzel. Das mache ich im restlichen Jahr nie. Bei den Anspielungen auf die Geflüchteten erahne ich in einigen Gesichtern Widerspruch. Aber es bleibt bei der Ahnung, am Ausgang spricht mich niemand darauf an.

18.39 Uhr: Zum Glück komme ich zwanzig Minuten vor Beginn der nächsten Christvesper an. Die Krippenspielkinder sind unglaublich aufgeregt. Auch Josef ist da – puuh! Jetzt geht es darum, für Ruhe zu sorgen, jedes Kind braucht seinen Platz. Wichtig ist auch ein letzter Technik-Check. Mein Blick streift durch das Kirchenschiff. Fast alle Plätze sind bereits besetzt. Wie schön, einige Gesichter zu sehen, die sonst nicht kommen. Am Ende dann »O du Fröhliche« im Stehen – es erinnert mich an die Weihnachtsgottesdienste meiner vogtländischen Kindheit.

19.42 Uhr: Zu Hause angekommen. Der Duft von Bratwurst, Klößen und Sauerkraut strömt mir schon auf der Treppe in die Nase. Die Kinder kommen mir freudestrahlend entgegengerannt. Ich muss schnell die langen Unterhosen loswerden und mir ein frisches Hemd anziehen. Dann kann der Weihnachtsabend beginnen.

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Wir bekommen ein Kind

22. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Weihnachtsbetrachtung von Landesbischöfin Ilse Junkermann

Ein Krippenspiel ohne Kind, das geht gar nicht! Zur Generalprobe stapft die siebenjährige Maria mit ihrer großen Babypuppe unterm Arm nach vorn und legt sie beherzt in die Krippe. Da treten alle theologischen Einwände von wegen Licht als Symbol für das Kind in den Hintergrund. Ob wir wollen oder nicht: Wir bekommen ein Kind. Das ist Weihnachten. Das sollen auch alle sehen!

Aber warum ein Kind? In der Geschichte von Dietrich Mendt »Die Erfindung der Weihnachtsfreude« kommt Gott Vater nebst Thronrat und Erzengeln zu dem Schluss: Der Messias soll weder ein machtvoller König noch ein markanter Prophet sein. Ein Kind soll er sein, denn über ein Kind, da freuen sich die Menschen richtig!

Altarretabel Kirche St. Jakobus, Rottenbach, Saalfelder Werkstatt 1498, Detail Christuskind (Evangelische Kirchengemeinde Königsee-Rottenbach, Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld) Foto: Ulrich Kneise

Altarretabel Kirche St. Jakobus, Rottenbach, Saalfelder Werkstatt 1498, Detail Christuskind (Evangelische Kirchengemeinde Königsee-Rottenbach, Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld) Foto: Ulrich Kneise

Ein ganz normales Kind und zugleich ein besonderes Kind, denn sein Vater ist Gott. Das ist das Geheimnis von Weihnachten, Gott wird ein Mensch!

Diesem Geheimnis sind unzählige Darstellungen vom Christuskind auf der Spur, auch das Christuskind aus der Rottenbacher Jakobuskirche im Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld. Es ist ein besonderes Christuskind mit einem besonderen Ausdruck.

Da ist zuerst: Nackt und bloß schaut es in die Welt. Es braucht keine Kleider, wie sie sonst »Leute machen«. Es ist schon wer. Es muss sich nicht über äußere Pracht hervorheben. Es muss auch nicht etwas bemänteln oder retuschieren.

Darin liegt Segen über der Welt. Die Segensgeste der rechten Hand, wie beiläufig erhoben, unterstreicht das: Vor Gott, als Gotteskind musst Du Dich nicht verstellen. Gott will nichts aus sich machen oder etwas hermachen. Wie könnte er das besser ausdrücken als so: als Kind, nackt und bloß.

So ist das Christuskind wer: Selbstbewusst, aufrecht, fast schelmisch schaut es in die Welt. Offen und direkt geht es in Blickkontakt, mit seiner ganzen Person Aufmerksamkeit. Und bringt so Gottes Botschaft: Du Menschenkind, vor mir brauchst Du nichts aus Dir zu machen. Du bist wer. Denn ich bin Mensch an Deiner Seite Mensch. Wie Du, wie jedes Neugeborene komme ich nackt und arm zur Welt. So schaue ich Dich an, Du Menschenkind: Sag ja zu Deinem Menschsein, leg alle Verkleidungen ab, lass die Anstrengungen um Anerkennung sein. Sei lieber ein bisschen heiter und schelmisch.

Deshalb ein Kind: Gott blickt freundlich auf mich. Darin liegt Segen. Gottes Blick macht mich frei. Da muss ich nichts mehr aus mir machen; oder mich danach richten, wie andere auf mich blicken und mich beurteilen. Da kann ich friedlich, ja, auch heiter, mit mir und anderen umgehen.

Und auf Friedlichkeit setzt Gott für die ganze Welt. Dieses wehrlose und verletzliche Kind hält die Welt in seiner linken Hand. So zeigt uns Gott den Weg zum Frieden. Er macht sich wehrlos, hilflos, bloß jeglicher Kennzeichen von Macht oder Pracht oder militärischer Gewalt. Friede wird auf der Welt durch Freiheit von Gewalt.
Wie geht das? Die Wirkung eines hilflosen Kindes ist erstaunlich. Lacht es, freuen wir uns mit; weint es, wollen wir es fürsorglich beruhigen. Ein Kind aktiviert das Schönste, was Gott in uns hineingelegt hat – Fürsorglichkeit und Mitgefühl, Liebe. Deshalb ein Kind.

Aber ist das nicht naiv, darauf zu setzen? Und gefährlich? Ja! So sehr ein Kind das Beste in uns weckt – Liebe, Zärtlichkeit – so sehr ist es gefährdet.

Eine andere Maria geht mir nicht aus dem Kopf, sieben Jahre alt. Im Kinderhospiz in Tambach-Dietharz bin ich ihr dieses Jahr begegnet. Ihr leiblicher Vater hat sie als Säugling so schlimm geschüttelt, dass sie seitdem mehrfach behindert ist. Ihr ist fast alles an Entfaltung genommen. Bei Pflegeeltern lebt sie nun, immer wieder von schlimmen Anfällen geplagt.

Als Kind, zerbrechlich und ausgeliefert, angewiesen auf Hilfe, so gibt sich Gott dieser Welt hin. Ja, das ist riskant. Die Liebe riskiert es. Die Liebe Gottes riskiert alles, um in uns Liebe zu erwecken, damit wir IHM wieder ähnlicher werden.

Gott riskiert es immer wieder. In jedem Kind und in jedem Verfolgten, in jedem Armen und in jedem Leidenden – Gott schaut uns an und braucht uns mit unseren schönsten Eigenschaften: Fürsorglichkeit und Mitgefühl, Liebe.

So finden wir uns nicht damit ab, dass in unserem Land jedes fünfte Kind unter Armut leidet, und dass weltweit täglich 800 Kinder nur deshalb sterben, weil sie keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Wenn wir Gott dienen wollen, dann in diesen Kindern. Auch deshalb ein Kind.

Und schließlich: Auch deshalb ein Kind, damit die, die keine Zukunft haben, Zukunft erhalten; damit wir, die oft aufgeben wollen und sich abfinden mit dem, wie die Welt eben ist, sich wieder aufrecht hinsetzen und dem Kind folgen.

Ein Kind, das ist auch ein Bild des Anfangs. Ein Anfang, den wir immer wieder suchen und aufnehmen können. Das Kind ermuntert uns: »Jede Minute kann etwas ganz Frisches und Neues beginnen.« So schaut uns das Kind an und träumt in uns vom neuen Anfang, vom Neu-geboren-Werden. Auch darum ein Kind.

Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland


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Vorerst kein Begleitheft zum Gesangbuch

18. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Weltliche Lieder im Gottesdienst: Was Kirchenmusiker dazu sagen

In Hessen ist es kürzlich erschienen: Das EGplus, ein Begleitheft zum Evangelischen Gesangbuch (EG) mit weltlichen Liedern. Als »sehr erfreulich« und »gut gelungen« beurteilt Dietrich Ehrenwerth, Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, das Buch.

Dennoch wird es in der EKM in absehbarer Zeit wohl kein ähnliches Heft geben. Ehrenwerths Vorstoß ist auf einer Tagung der Kreiskantoren gescheitert. Das EG ist nach Meinung der Musiker aus den Kirchengemeinden noch nicht ausgeschöpft. Kein Einziger hielt eine gedruckte Ergänzung für nötig, so Ehrenwerth weiter. Dabei hatte der Landeskirchenmusikdirektor gemeinsam mit Landesposaunenwart Frank Plewka und Landessingwart Mathias Gauer bereits begonnen, einen Kanon bewährter weltlicher Lieder zu sammeln und zu sichten. »Mit so vielen Gegenargumenten hatten wir nicht gerechnet«, sagt Ehrenwerth überrascht. Gegen das Votum der Kreiskantoren ein Begleitheft zu veröffentlichen, sei kein Weg, denn »sie sind es, die ein neues Buch vermitteln müssen«. Dennoch treibt das Anliegen den Landeskirchenmusikdirektor weiterhin um. »Unsere Listen wollen wir fertig stellen«, kündigt Ehrenwerth an. Er möchte das Thema auch bei der Klausurtagung der Kammer für Kirchenmusik im Januar zur Sprache bringen.

Das EGplus enthält 164 Lieder, auch aus der Popmusik. Foto: medio.tv/schauderna

Das EGplus enthält 164 Lieder, auch aus der Popmusik. Foto: medio.tv/schauderna

Seiner Beobachtung zufolge zehren viele Gemeinden vom großen Angebot bereits vorhandener Liederbücher: »Durch Hohes und Tiefes«, »colours of grace« oder das zum Kirchentag erschienene »freiTöne«. Möglicherweise, so Ehrenwerth, setzen sich auch Lieder-Apps, wie sie die EKD jetzt angekündigt hat, durch.

Auch weltliche Lieder brauchen geistlichen Bezug

Selbst wenn derzeit kein Interesse an einem gedruckten Beiheft besteht, werden weltliche Lieder natürlich im Gottesdienst gesungen. Auf Nachfrage von G + H äußerten sich Kantoren teils aufgeschlossen, teils skeptisch. »Wenn englischsprachige Popsongs in ein Beiheft aufgenommen werden sollen, müsste man sehr genau hinschauen: Erzählen sie etwas über die Beziehung Gott-Mensch?«, sagt Thomas Ennenbach aus Eisleben. Überarbeitungen weltlicher Vorlagen seien kein Problem, dies habe eine lange Tradition. Aber immer sollte das Liedgut Gott verkündigen, loben, klagen. Allgemein bekannte Popsongs aus Radio, Kaufhaus und Reisebussen sieht Ennenbach als verzweifelten Versuch, sich dem Zeitgeist einer säkularisierten Gesellschaft anzupassen, anstatt sich auf den Kern christlicher Aussagen zu konzentrieren.

Den Gottesdienst bezeichnet Roland J. Dyck aus Salzwedel als ein Stück Himmel auf Erden. »Es ist ein bisschen wie beim Zauberportal im Märchen: Ich gehe hindurch und bin in einer anderen Welt. Wenn ich jenseits der ›schönen Pforte‹ (EG 166) aber nichts anderes vorfinde, als die mir vertraute Alltagswelt – warum soll ich mich dahin auf den Weg machen?« Vom Alltag abgehoben darf der Gottesdienst jedoch nicht sein. Beide Welten müssen in Berührung bleiben. Und was heißt das für die Musik? »Weltliche Musik in der Kirche: Ja, natürlich«, sagt Dyck. Was in Gegenwart des Gekreuzigten bestehen kann, solle auch seinen Platz in der Kirche finden. Weltliche Musik sei bei Kasualien gang und gäbe oder im Zusammenhang mit der Predigt. Mit Schmunzeln denkt der Marienkantor an eine Pfarrerin, die von der Kanzel sang: »Muss nur mal schnell die Welt retten …« und in Verbindung mit einem Bibeltext dazu predigte. »Aber weltliche Musik im Gesangbuch – als Bestandteil des regulären gottesdienstlichen Kanons? Ich sehe nicht, welchen Sinn das haben sollte – abgesehen von billigem Publikumsfang.«

Der scheidende Kantor aus Zeitz, Clemens Bosselmann, singt weltliche Lieder, die einen gewissen geistlichen Bezug haben, vor allem in Gottesdiensten mit Jugendlichen. »Ich habe wenige Berührungsängste und halte, gerade in einem Beiheft, die Einführung von solchen Songs für unproblematisch.«

Mirjam Petermann, Katja Schmidtke

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Mobilität von allen Seiten

18. Dezember 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

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Interview: Torgaus Pfarrerin Christiane Schmidt über ein stürmisches Jahr 2017

Torgau war zu Luthers Zeiten politisches Machtzentrum und gilt damit als Amme der Reformation. So gab es in diesem Jahr auch in der sächsischen Stadt viele Veranstaltungen. Über das außergewöhnliche Jahr sprach Pfarrerin Christiane Schmidt mit Katja Schmidtke.

Welche Bilanz des Reformationsjahres ziehen Sie für Torgau?
Schmidt:
Es war ein stürmisches Jahr, in jeder Hinsicht. Die Andacht zur Kirchweih mussten wir in die Alte Superintendentur verlegen, weil das Landratsamt den Schlosshof wegen des Sturmtiefs gesperrt hatte. Auch inhaltlich ist viel passiert. Ich ziehe ein positives Fazit. Viele Anmeldungen von Reise- und Gemeindegruppen liegen vor, die durch unsere Kirchen geführt werden möchten oder bei Kantor Ekkehard Saretz eine musikalische Andacht feiern möchten. Wir feiern Gottesdienst mit vielen Gästen. Es hat sich viel getan in der Stadt: Die Lutherin-Stube ist neu, das Spalatin- und Johann-Walter-Museum hat eröffnet, im Schloss gibt es neue Dauer- und Sonderausstellungen. Wir haben wirklich keinen Grund zu meckern. Natürlich sind hier keine Massen von Menschen gekommen, das hätte uns auch wirklich überrascht.

Sie schauen also nicht neidisch nach Wittenberg?
Schmidt:
Nein, überhaupt nicht. Wir freuen uns über das, was hier passiert ist und haben keinen Anlass zu Konkurrenzdenken. Im Gegenteil, es bestehen sehr freundschaftliche Kontakte nach Wittenberg. Was uns eher zu schaffen macht, ist, dass wir wegen der unterschiedlichen Grenzen von Land und Landeskirche zwischen den Stühlen sitzen. Politisch gehören wir zu Dresden, kirchlich zu Magdeburg. Inzwischen ist der Beauftragte der evangelischen Landeskirchen beim Freistaat Sachsen öfter zu Gast.
Und wir blicken auf Kommendes: 2018 ist Torgau Ausrichter des Tages der Sachsen, 2019 feiern wir 475 Jahre Schlosskapelle und 2022 haben wir die Landesgartenschau in der Stadt.

Christiane Schmidt. Foto: Katja Schmidtke

Christiane Schmidt. Foto: Katja Schmidtke

Und was bleibt von 2017?
Schmidt:
Das Memorandum von Friedrich Schorlemmer und Christian Wolff, aber auch die Podiumsdebatte Anfang Oktober mit Landesbischöfin Ilse Junkermann und der Ostbeauftragten der Bundesregierung Iris Gleicke zeigen den Weg. Wir müssen uns fragen: Wie geht es weiter mit unserer Kirche nach 2017? Wie können wir bei den Menschen sein und was können wir leisten angesichts sinkender Mitarbeiterzahlen? Wir sind durch die Verhältnisse bei uns im Kirchenkreis zu diesen Fragen gezwungen. Sie führen uns aber zurück zu Luthers Prämissen. Wir dürfen uns trotz aller Jubiläen nicht mit Events verzetteln. Feste sind schön und gut, aber sie binden Kraft und Geld. Feste können andere besser ausrichten als wir. Wir müssen uns um den geistlichen Alltag kümmern, um das Leben in den Gemeinden, wir müssen ansprechbare Seelsorger sein. Gerade nach der Bundestagswahl. Die Ratlosigkeit angesichts der AfD-Wahlergebnisse ist groß. Da müssen wir miteinander ins Gespräch kommen.

Wie ist denn die Stimmung in der Torgauer Gemeinde?
Schmidt:
Es hat uns gut getan, dass in diesem Jahr so viele Menschen zu uns gekommen sind und mit uns Gottesdienst gefeiert haben. Ob es im Inneren etwas bewegt hat, das vermag ich nicht zu sagen. Von einem geistlichen Aufbruch zu reden, wäre wohl zu viel. Deutlich spüren die Menschen aber die Diskrepanz zwischen dem Jubiläum und den Stellenkürzungen vor Ort. Viele machen sich große Sorgen, wie es weitergeht.

Wie kann es denn weitergehen? Welche Ideen gibt es?
Schmidt:
Wir haben in der Region zwei Kolleginnen im Entsendungsdienst, die neue Wege beschreiten. Das ist sehr befruchtend, auch für mich selbst. Ich denke, künftig werden die Hauptamtlichen in einer Region enger zusammenarbeiten. Wir werden Teams bilden. Dennoch wird das bei einigen Gemeindegliedern das diffuse Gefühl verstärken, dass sich die Kirche aus der Fläche zurückzieht und der Pfarrer, die Pfarrerin nicht mehr zu sehen ist. Was soll ich sagen? Sicher ist nicht in jeder Kirche an jedem Sonntag Gottesdienst, aber bestimmt in der Nähe. Frau Gleicke mahnte bei unserem Diskussionsabend, dass es eine Bring- und Holschuld gebe. Kirche von morgen erfordert Mobilität von allen Seiten. Ich bin trotz aller Herausforderungen frohen Mutes und denke oft an Altbischof Noacks Worte: Wir (Hauptamtliche) müssen die Kirche nicht retten, das macht der liebe Gott schon selbst.

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