Vom Friede-Freude-Eierkuchen-Landkreis »Heile Welt«

24. Dezember 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!

Philipper 4, Verse 4-5

Willkommen in Friede-Freude-Eierkuchen-Landkreis Heile Welt. Das gelbe Ortsschild markiert den Eingang. Der Weg hinein in das perfekte Dorf, die perfekte Stadt, das perfekte Haus. So, wie jeder und jede es mag: mit ohne Spitzendeckchen, mit ohne Adventskranz, mit ohne »Last christmas«, mit ohne »O du fröhliche« … Landkreis »Heile Welt«. Harmonie, Liebe und Frieden erfüllen jedes Haus. Der Duft von Eierkuchen erreicht die Nasen der Kinder.

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

Das gelbe Ortsschild thront nicht an einem festen Ort, aber das heißt nicht, das es nicht real ist. Wie oft steht es vor einzelnen Häusern – offensiv zur Schau gestellt, vielleicht durch leuchtende Rentiere oder einen reich geschmückten Weihnachtsbaum. Wie oft ist das Schild klein, unauffällig auf den Tisch gelegt – neben den gestärkten Servietten, bescheiden, aber sichtbar. Freuet euch – es ist der heilige Abend. Weihnachten ist da! Es ist das Fest des Friedens, der Freude, der Eierkuchen. Abermals sage ich: Freuet euch!

Ich fahre im Auto und sehe die Rückseite des gelben Schildes: Friede-Freude-Eierkuchen – durchgestrichen mit einer dicken roten Linie. Ja, hier endet sie, die »Heile Welt«. Hier beginnt die Normalität. Der nächste Ort? Ramsin – Roitzsch – Holzweißig. Ganz normal – mit ohne Spitzendeckchen, mit ohne Adventskranz, mit ohne »Last christmas«, mit ohne »O du fröhliche«.

Nicht immer so, wie jeder und jede es mag, sondern vermag. Landkreis »Unheile Welt«. Am ersten Weihnachtsfeiertag flimmern einige Lichter des Rentieres; die ersten Kugeln des geschmückten Weihnachtsbaumes sind zerbrochen; die Servietten im Wäschekorb. Der Friede währte nur kurz, die Freude ist weniger geworden, die Eierkuchen verbrannt. Ich fahre durch die Orte. Der Herr ist nahe – heute, hier in diesem Haus; in den Orten des Landkreises »Unheile Welt«. Heute ist der heilige Abend. Mit ohne Adventskranz, mit ohne »Last christmas«, mit ohne »O du fröhliche«. Willkommen in der heilen unheilen Welt. Freuet euch, ihr in der unheilen Welt: Der Herr ist nahe!

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

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