Meinetwegen: Wenn Gott zu Silvester den grünen Knopf drückt

31. Dezember 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.

Psalm 103, Vers 8

Wittenberg 2017. Ich laufe durch die Ausstellung »Unheilige Bilder – Cartoons zu Kirche und Religion heute«. Erfrischend, auch mal über sich selbst lachen zu können. Ich schaue mir die Karikaturen an. Ich schmunzle, ich lache laut los, ich verstumme. Von witzig über provozierend bis hin zu grenzwertig ist alles dabei. Eine schöne Ausstellung. Es tut gut, nicht immer alles so ernst nehmen zu müssen.

»Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte« – in meinem Kopf entsteht ein weiteres Bild, welches seinen Platz in der Karikaturenausstellung hätte finden können. Zu sehen: Gott – klischeehaft stilisiert mit weißem Gewand, goldenem Dreieck auf dem Kopf, fünf Fingern an jeder Hand und einem weißen Rauschebart. Er sitzt an seinem Schreibtisch, vor ihm zwei Knöpfe. Ein Roter, mit der Aufschrift: »Mir reichts!« und ein Grüner mit »Meinetwegen!«.

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

Gott guckt auf den Kalender: Silvester 2017. Gott lässt das Jahr Revue passieren, seufzt einmal tief, fasst sich mit der linken Hand an die Stirn und drückt mit der rechten Hand den Knopf: Grün! Puh! Noch einmal Glück gehabt, denke ich mir. Gott sei Dank!

Ich sitze am Schreibtisch. Doch vor mir sind keine zwei Knöpfe, sondern mein Laptop: Was lief gut im letzten Jahr? Was war unerfreulich? Über wen habe ich mich geärgert, mit wem vertragen, und wem habe ich bis jetzt noch nicht verziehen? Frust und Müdigkeit breiten sich in mir aus. Wenn ich es schon nicht schaffe, mit meinen Schwächen, ja mit meiner eigenen Schuld umzugehen, wie schafft es Gott dann, den grünen Knopf zu drücken? »Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte«.

Ich sitze am Schreibtisch. Ich schließe meinen Laptop und schaue auf den Kalender: 31. 12. 2017. Ein neues Jahr beginnt. Das Zurückliegende kann und darf ich nicht vergessen. Aber ich konzentriere mich auf das Neue. Gott sei Dank! Lassen sie uns mit uns selbst ein Stück barmherziger, gnädiger, geduldiger und gütiger werden. Gott ist es mit uns schon lange.

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Bookmark and Share
Möchten Sie ein Exemplar der gedruckten Zeitung in den Händen halten? Gern senden wir Ihnen ein kostenloses Probeheft. Einfach und unverbindlich hier bestellen. (Link)

Für diesen Artikel ist der Bereich für Lesermeinungen geschlossen.