In guter Gemeinschaft

21. Januar 2018 von redaktionguh  
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Ich treffe ihn nach dem Trauergottesdienst für die ermordete maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia im Dom von Mosta. Für Pater John Sammut, früher selbst Journalist, ein Herzensanliegen, der regierungskritischen Bloggerin das letzte Geleit zu geben. Pater John leitet die deutsche katholische St. Barbara Gemeinde in Maltas Hauptstadt Valetta, der Kulturstadt Europas 2018. Er erzählt vom Schatz der Kirchen, die sie in diesem Jahr öffnen wollen. Malta hat eine größere Kirchendichte als Rom, aber kein Geld für die Sanierung.

Der Pater kann viele Geschichten erzählen. Vom Kulturstreit, der bis heute andauert, von der Pauluslegende, die nur im Norden der Insel eine Rolle spielt, bis zur aktuellen Flüchtlingssituation. Seit Jahren pflegen seine kleine Gemeinde und die deutsche evangelische Andreas-Gemeinde engen Kontakt. Man kann es auch gelebte Ökumene nennen. Nach dem Gottesdienst am Sonntag gehen Kirchenältester Noel Cauchi und die Besucher der Andreas-Gemeinde in der Altstadt Valettas noch auf einen Kaffee um die Ecke in die katholische Kirche.

Gemeinsam sitzt man am Tisch bei Integrationsprojekten, den ökumenischen Gesprächen oder zum Literaturcafé. Daneben gibt es Ausflüge, Wanderungen oder Gottesdienste im Freien. Noel Cauchi kam einst mit seiner deutschen Frau zur Andreas-Gemeinde. Nach deren Tod fand er hier Trost und Hilfe. Die Andreas-Gemeinde versteht sich als ökumenische Gemeinschaft, die das Verbindende und nicht das Trennende betont.

Das können Sie vor Ort erleben, Pater John und Noel Cauchi kennenlernen, begleitet vom früheren Seelsorger der Andreas-Gemeinde, Oberkirchenrat i.R. Wilfried Steen. Reisen in guter Gemeinschaft, eben.

Willi Wild

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Wenn der Schirmherr Schutz und Sicherheit bietet

20. Januar 2018 von redaktionguh  
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Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Jesaja 60, Vers 2

Pass auf! Über dir!« – So schnell kann ich gar nicht den Kopf drehen, da höre ich, wie rechts von mir ein dumpfer Gegenstand auf den Boden knallt. Ein Glück – der Duck-Reflex hat funktioniert! Der Ball hat mich nicht erwischt! Das ging nochmal gut, denn ein Basketball hat durchaus Schmerzpotenzial … »Entschuldigung«, ruft es von links, und ich schaue noch etwas verdattert, aber freundlich zu den Sportlern hinüber. Den Ball habe ich wirklich nicht kommen sehen! Was über mir ist, spielt ja auch selten eine wichtige Rolle.

Anne Puhr, Vikarin in Weimar

Anne Puhr, Vikarin in Weimar

Recht sicher ist es dieser Tage von oben, hier in meiner Stadt. Ich achte auf andere Dinge, wenn ich unterwegs bin: Wenn ich gehe, will ich die Bordsteinkante sehen, und den Pfeiler vor mir auch. Und natürlich freue ich mich, wenn ich bekannte Gesichter entdecke beim Unterwegssein.

Von oben kommt selten etwas, was mich betrifft. Ich richte meinen Blick gern auf das, was mich im Hier und Jetzt wirklich angeht. Auf das Gesicht meines Gegenübers, auf den Terminkalender und das, was ansteht, die Sorgen, Nöte und Freuden des Lebens. So hat jeder Tag seine Farbe, wie es in einem Buch heißt. Mal aktiv rot, mal fröhlich gelb, mal traurig schwarz, mal übermütig orange.

Im Buch des Propheten Jesaja hören wir von vielen dunklen Tagen. Da fehlt so gut wie nichts, was beschwerliches Leben ausmacht! Von A wie Angst bis Z wie Zweifel kennt Jesaja alles. Auch wenn links und rechts um ihn herum keine Möglichkeit auf Besserung aufscheint, von oben wird das Gute kommen. Darauf vertraut Jesaja ganz fest und sagt: »Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.«

Das ist unerschütterlicher Glaube! Eine herrliche Hoffnung: Gott, der Herr, ist über uns und wird unser Leben und unsere Dunkelheit hell machen! Dass der Herr und seine Herrlichkeit bei den Menschen sein will, dürfen wir wissen!

Jesus Christus sei Dank!

Kind – Krippe – Engel – Weihnachten, Sie wissen schon … Da rufe ich doch gern glatt selbst: »Pass auf! Über mir!«

Anne Puhr, Vikarin in Weimar

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Spielball der Mächtigen

19. Januar 2018 von redaktionguh  
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Das Jahr 1988 ist für Stephan Krawczyk ein denkwürdiges Jahr. Im Januar wurde der Liedermacher verhaftet, im Febuar in die Bundesrepublik abgeschoben.

Heute, mit der zeitlichen Distanz von 30 Jahren, ordnet er das Unrecht und Leid, das ihm in der DDR widerfahren ist, als eine Bereicherung ein. Es seien Erlebnisse, Erfahrungen, sagt er, über die er immer wieder aufgefordert werde zu berichten. Der Liedermacher Stephan Krawczyk, 1955 in Weida (Kirchenkreis Gera) geboren, war in der DDR ein erfolgreicher, beliebter Künstler. Nachdem er 1981 den Hauptpreis beim DDR-Chansonwettbewerb gewonnen hatte, stieg er in eine Künstlerriege auf, die viele Vorteile genoss. Der Künstler nutzte seine privilegierte Position, um auf die Probleme in der DDR aufmerksam zu machen.

Wegen seiner kritischen Texte wurde ihm die Zulassung als Berufsmusiker entzogen. Seine Heimat, die DDR, wo er sein Publikum hatte, wollte er jedoch nicht verlassen. Auftreten konnte der Künstler nur noch in Kirchen. Mit seinen Liedern wurde er Ende der 1980er-Jahre zu einer prominenten Persönlichkeit der DDR-Opposition.

1988 ist für ihn ein denkwürdiges Jahr. Am 17. Januar wurde er verhaftet, am 2. Februar in die Bundesrepublik abgeschoben.

»Vom DDR-Knast auf die Titelseite des Spiegels«, kommentiert er seine unfreiwillige Ankunft in der Bundesrepublik. Es sei für ihn persönlich und künstlerisch nicht leicht gewesen, sich zurechtzufinden. Gestört habe ihn, dass dem Geld eine so große Bedeutung beigemessen wurde, während in der DDR die Frage nach einem sinnerfüllten Leben wichtiger gewesen sei.

Protestveranstaltung in der Ost-Berliner Zionskirche im November 1987. Im Anschluss daran gibt Stephan Krawczyk ein Konzert. Foto: epd-bild

Protestveranstaltung in der Ost-Berliner Zionskirche im November 1987. Im Anschluss daran gibt Stephan Krawczyk ein Konzert. Foto: epd-bild

Die Rolle der Kirche in der DDR sieht der Künstler heute kritisch. Als Symbolfigur des Widerstands gegen die Diktatur sei er damals als Spielball benutzt worden. »Es muss geklärt werden, was damals gewesen ist, welche Absprachen es zwischen Staat und Kirche gegeben hat.« Denn solange die Geschehnisse aus der Vergangenheit »nicht aufgeklärt werden«, kämen sie aller fünf oder zehn Jahre, jedes Mal, wenn ein Jubiläum ansteht, wieder hoch. Er ist mit der Aufarbeitung der kirchlichen Vergangenheit sehr unzufrieden.

Das Verhältnis der Kirche zum Staat in der DDR sei bis heute nicht geklärt worden. Es habe Ungereimtheiten gegeben, die aus seiner Sicht nach der Wende zu schnell bereinigt worden seien. Wie er sagt, gibt es noch vieles, über das bislang nicht gesprochen wurde. »Das ist eine Botschaft an die Oberen.« Krawczyk war froh und dankbar, dass er trotz seines Berufsverbots in Kirchen auftreten durfte und hier ein Forum und dankbares Publikum fand. »Kirche ist für mich ein Ort, an dem über die wesentlichen Dinge im Leben der Menschen gesprochen werden sollte. »Aber es wird heute immer so dargestellt, als hätten uns alle mit offenen Armen empfangen.« Es seien nur wenige gewesen, die ihm die Kirchentüren öffneten. »Die Kirche wird so hingestellt, als hätte sie auf der Seite der Revolution gestanden. Davon war bei vielen nichts zu spüren, die waren angepasst wie alle anderen.«

Krawczyk hat es geschafft, sich nach der Wende als Liedermacher und Schriftsteller zu etablieren. Von ihm sind etliche Bücher und CDs auf dem Markt. Nach wie vor begleitet er die gesellschaftliche Situation kritisch und ärgert sich über manche Entwicklungen wie zum Beispiel die Digitalisierung, die sich negativ auf die Sprache auswirke.

Im März erscheint von ihm eine neue CD. Einen Gedichtband hat er soeben abgeschlossen, für den er noch einen Verlag sucht. Außerdem liegen einige Manuskripte in der Schublade und warten auf ihre Veröffentlichung.

Sabine Kuschel

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»Wer singt, betet doppelt«

15. Januar 2018 von redaktionguh  
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Ursprung aller Musik ist die Anbetung Gottes in Tönen

Dieser Satz wird dem alten Kirchenvater Augustinus zugeschrieben, aber auch Martin Luther soll ihn geäußert haben. Es ist zu vermuten, dass dieser ihn bereits als Augustinermönch verinnerlicht hat. Der Reformator wusste genau, was er tat, als er seine wichtigsten Botschaften in Lieder verpackte. »Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes; sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich«, beschreibt er ihre Bedeutung für Glaube und Gemüt.

Luther war ein geübter Sänger und Lautenspieler. In seinem Werk als Lieddichter und Tonschöpfer hat er die reformatorischen Glaubenssätze in einer mitreißenden Musiksprache verbreitet. Dafür sprechen »Ohrwürmer« wie der zündende Choral »Ein feste Burg ist unser Gott«. Seine Lieder sowie die seiner Wegbegleiter entfalteten große Wirkung bei der Ausbreitung der Reformation.

Traditionsreich: Seit 1925 singt der Bachchor Eisenach in der Taufkirche des großen Komponisten und Thomaskantors. Foto: Roland Kiehne

Traditionsreich: Seit 1925 singt der Bachchor Eisenach in der Taufkirche des großen Komponisten und Thomaskantors. Foto: Roland Kiehne

Die Bibel ist voll von Gesang und Musik. Ganze Bücher sind in Form von Liedern geschrieben – so etwa die Psalmen oder das Hohelied Salomos. Aus dem synagogalen Gottesdienst des Judentums stammt die Tradition, biblische Gebetstexte nicht einfach sprechend zu deklamieren, sondern singend vorzutragen. In der christlichen Praxis entstanden aus Gebetstexten immer kunstvollere Melodien. Stand am Anfang zunächst der Sprechgesang auf einem einzelnen Ton, ergaben sich in der Folgezeit aus der Betonung bestimmter Silben Melodiefloskeln, die zu ausgefeilten Melodiefolgen weiterentwickelt wurden. Ein schönes Beispiel dafür ist die im neunten Jahrhundert entstandene gregorianische Antiphon »Da pacem, Domine«, die Luther 1529 nachdichtete. Unter der Nr. 421 ist die deutsche Nachdichtung des Reformators bis heute im Evangelischen Gesangbuch (EG) zu finden: »Verleih uns Frieden gnädiglich«.

So entstanden Hunderte von Gebetsmelodien. Über einen langen Zeitraum wurden diese mündlich überliefert. Die Kantoren kannten sie auswendig und brachten sie jeweils ihren Gemeinden und Nachfolgern bei. Um ihren Fortbestand zu sichern, begann man, sie aufzuzeichnen. So entstanden die sogenannten »Neumen«. Das griechische Wort »Neuma« (deutsch: »Wink«) umschreibt, dass der melodische Verlauf mit Symbolen bzw. Handzeichen angezeigt wurde.

Mit der Entwicklung des Notenliniensystems wurde es möglich, genaue Tonhöhen zu notieren. Aus dem freien Fluss des am Sprechrhythmus orientierten gregorianischen Chorals entwickelten sich nun feste Rhythmen. So war es möglich, den Gesang einzelner Stimmgruppen oder Instrumente zu koordinieren! Damit war die Basis für mehrstimmige Musikwerke geschaffen, von denen bis heute unzählige geschaffen wurden. Dabei sollte nicht verdrängt werden: Der Ursprung aller Musik ist das gesungene Gebet.

Michael von Hintzenstern

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Mit Kerze, Kreuz und Bibel

15. Januar 2018 von redaktionguh  
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Hausandachten in Magdala verbinden Tradition und Moderne

Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen«, so heißt es im Matthäus-Evangelium (18, 20). Genau hier, an diesem ursprünglichen Gedanken, möchte Jeannette Lorenz-Büttner mit ihren Hausandachten ansetzen. »Die ersten Christen hatten keine Kirchen; sie haben sich in privaten Häusern getroffen«, erklärt die Pfarrerin des Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeindeverbandes Magdala, dem 14 Dörfer angehören.

Gerade in der kalten Jahreszeit, in der es auch in vielen Kirchen kühl und ungemütlich ist und in der gerade ältere Menschen aus Angst zu stürzen oft ungern aus dem Haus gehen, möchte Jeannette Lorenz-Büttner auf diesem Wege die Menschen in ihrer Gemeinde erreichen. Das Angebot richtet sich zwar insbesondere an Senioren, allerdings nicht als alleinige Zielgruppe. Den Bedarf für eine Hausandacht kann jedes Gemeindemitglied anmelden. Ähnlich einer mobilen Friseurin bringt die Pfarrerin alles mit: die Kerze, das Kreuz und die Bibel. Gern können Nachbarn, Verwandte und Freunde kommen.

Schon zu zweit ist eine Andacht zu Hause mit Liturgie, Gesängen und Psalmgebet möglich. Ein Angebot für verschiedene Menschen, das durchaus noch ausbaufähig ist. Foto: africastudio-stock.adobe.com

Schon zu zweit ist eine Andacht zu Hause mit Liturgie, Gesängen und Psalmgebet möglich. Ein Angebot für verschiedene Menschen, das durchaus noch ausbaufähig ist. Foto: africastudio-stock.adobe.com

Die zu großen Gottesdienstformen gehörenden Elemente, wie Liturgie, Wechselgesang, Psalmgebet oder Choral werden in den Hausandachten auf ein passendes und angenehmes Maß reduziert. Die Andachten werden gemeinsam gelesen, es wird gesungen, aus der Bibel gelesen – mit kurzer freier Auslegung. »In vertrauter häuslicher Atmosphäre können wir Andacht feiern und danach bei einer Tasse Kaffee über Gott und die Welt reden«, sagt Jeannette Lorenz-Büttner und benennt einen weiteren Vorteil: »Die Sonntagsklöße können nebenbei kochen.«

Mit ihrem Angebot antwortet Lorenz-Büttner schließlich nicht zuletzt auch auf Transformationsprozesse, die für Gemeinden im ländlichen Raum, insbesondere im Osten Deutschlands, typisch sind. »Die Gemeinden verändern sich; dadurch brauchen wir neue Gottesdienstformen und -orte«, so ihre Bestandsaufnahme.

Die Kirchengemeinden altern, die Teilnehmerzahlen bei Gottesdiensten sinken. »In einer großen Kirche einen Gottesdienst mit weniger als zehn Leuten zu halten, fühlt sich peinlich an, und man muss überlegen, ob das noch Sinn ergibt«, weiß Pfarrerin Lorenz-Büttner. Das Format der Hausandacht scheint hier eine gute Alternative zu sein. Die Pfarrerin kommt an einem vorher im Gemeindeblatt bekanntgegebenen Termin in der Zeit von 9 bis 12 Uhr »auf Bestellung«. Ein Anruf genügt.

Aufdrängen möchte sich Pfarrerin Lorenz-Büttner nicht. Vielmehr möchte sie, dass sich die Menschen selbst auch kümmern und in einem sehr lutherischen Sinn Eigenverantwortung übernehmen, indem sie in sich hineinspüren und fragen, was sie für ihren Glauben brauchen. »Die Leute sollen auch selbst entscheiden können, was sie wollen«, findet sie, und verweist erneut auf Martin Luther und auf das Ende der Bevormundung.

»Ich stelle wirklich die große Gottesdienstform als die einzige Form in Frage«, sagt die 40-Jährige. Stattdessen befürwortet sie Gottesdienste in großen Kirchen mit großen Gruppen und Gottesdienste mit kleinen Gruppen im kleinen Rahmen. »Eine Andacht zu Hause bietet wirklich die Chance auf eine echte Glaubenserfahrung, weil gleichsam das Evangelium nach Hause kommt«, unterstreicht sie und fügt hinzu: »Ich sehe darin auch eine Chance für unser Kirchenleben.«

Die Idee, aller vier bis sechs Wochen einen Sonntag mit Hausandachten zu gestalten, ist auch ein Gegenentwurf zur bisherigen Praxis eines straffen, allsonntäglichen Gottesdienstplans, ungeachtet des tatsächlichen Bedarfs. Krampfhaft an alten Zeiten festhalten, das ist Jeannette Lorenz-Büttners Sache nicht. In einer marktwirtschaftlich geprägten Lebenswelt findet sich auch der Glaube in einer Marktsituation wieder und ist in der Moderne neben Yoga und Co. ein Weg zum Seelenheil unter vielen.

Constanze Alt

Der nächste Termin, für den Hausandachten angemeldet werden können, ist Sonntag, der 4. Februar. Kontakt (01 76) 72 76 81 50.

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Tilly geht stiften

15. Januar 2018 von redaktionguh  
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Weltgebetstag: Wenn Tilly Pape ihre fünfjährige Enkelin besucht, dann hört man derzeit oftmals recht schnell den Hilferuf der Kleinen: »Papa, die gehen aber noch!« Woraufhin der Vater seine Mutter Tilly leicht zweifelnd ansieht.

Bis vor gut zwei Monaten trug Tilly Pape nur Titel wie Oma, Geschäftsführerin der Nordthüringer Lebenshilfe, Kreiskirchenratsmitglied, Nordhäuser Stadträtin oder vielfach auch Aufsichtsratsvorsitzende. Nun ist sie als »Tilly der Stifteschreck« in aller Munde. Und diesen Ehrentitelhat sie sich redlich verdient.

Gestiftet: Aus alten Stiften wird Schulmaterial für syrische Mädchen in einem libanesischen Flüchtlingscamp. Im Bild: Tilly Pape und Kathrin Schwarze, die die Aktion für den Kirchenkreis organisiert, bei der »Ernte«. Fotos (2): Regina Englert

Gestiftet: Aus alten Stiften wird Schulmaterial für syrische Mädchen in einem libanesischen Flüchtlingscamp. Im Bild: Tilly Pape und Kathrin Schwarze, die die Aktion für den Kirchenkreis organisiert, bei der »Ernte«. Fotos (2): Regina Englert

Von Anfang an war die energiegeladene Frau von der Aktion des deutschen Weltgebetstagskomitees »Stifte machen Mädchen stark« fasziniert. Das Ziel dieses Projekts ist es, mit jeweils 450 leeren gesammelten Stiften ein syrisches Mädchen in einem libanesischen Flüchtlingscamp mit Schulmaterial zu versorgen. Die Stifte werden recycelt und pro Stift wird der Aktion 1 Cent gutgeschrieben.

Recycling ist genau Papes Ding. In der Nordthüringer Lebenshilfe sieht sie täglich, wie Menschen aus dem ganzen Landkreis in die Werkstätten kommen und ihre Elektrogeräte zum Recycling abgeben. Dass nun mit recycelten leeren Stiften so viel Gutes getan werden kann, hat sie schon fast naturgemäß begeistert. Recycling und Bildung, diese Kombination konnte nicht an ihr vorübergehen.

Tilly Pape wurde aktiv. In allen Aufsichtsräten, in denen sie ehrenamtlich tätig ist, warb sie für dieses Projekt. Sie telefonierte, führte immer wieder persönliche Gespräche und ging an keinem Büro vorbei, ohne prüfend auf den Schreibtisch zu blicken. Und so sammelten auf ihre Anregung hin das Südharz Klinikum, die Stadtwerke, die SWG (Städtische Wohnungsbaugesellschaft Nordhausen). Bettina Wolter und Christa Biesenbach unterstützten sie privat mit Sammlungen und auch Thomas Müller vom Schulamt aktivierte seine Schulen.

Das Ergebnis von großartigen 50 Kilogramm konnte Tilly Pape an Kathrin Schwarze übergeben, die als stellvertretende Delegierte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) beim Weltgebetstags-Komitee die Sammlung im Kirchenkreis Südharz übernommen hat. Zwei riesige Kartons gehen nun auf die Reise. Damit wurden im Kirchenkreis Südharz bisher 140 Kilogramm gesammelt. Das ist eine tolle Leistung und an vielen Stellen geht die Sammlung bis zum nächsten Weltgebetstag Anfang März weiter.

Für Tilly Pape ist jetzt erst einmal Schluss. Ob sie’s wirklich lassen kann, das sehen Sie, wenn sie demnächst an Ihrem Schreibtisch vorbeikommt.

Regina Englert

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Mehr Bekenntisfrömmigkeit, weniger Strukturen

15. Januar 2018 von redaktionguh  
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Pfarrer Thomas Meyer ist Beauftragter für kirchliche Erkundungsräume und neue Gemeindeformen in Anhalt


Eine Menge Fragen für Dich« ist die E-Mail überschrieben, die Thomas Meyer vor Gesprächsterminen aus dem Landeskirchenamt Dessau zu jenen Christenmenschen der Landeskirche Anhalts schickt, die ihn einladen. Wer investiert mehr in Deinen Glauben, Du oder Gott? Was ist im Moment für Dich das Wichtigste, was in der Kirchengemeinde zu tun wäre? Ab wann ist eine Gemeinde eine Gemeinde?

Viele Fragen, viele Antworten. Dutzende Gespräche hat Thomas Meyer geführt, seit er im Februar vorigen Jahres seinen Dienst als Beauftragter für kirchliche Erkundungsräume und neue Gemeindeformen begonnen hat. Die Stelle wurde auf Initiative von Kirchenpräsident Joachim Liebig geschaffen, der trotz oder gerade wegen des engen Korsetts der Zahlen und Arbeitsgebiete der Ansicht ist, dass dieser Zustand nicht alles sein kann. Eine anhaltische Antwort auf die Erprobungsräume der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ist Pfarrer Meyers Aufgabe nicht. »Wir erproben nicht, wir erkunden«, sagt er.

Thomas Meyer führte schon Dutzende Gespräche in Kirchengemeinden. Foto: Landeskirche Anhalts

Thomas Meyer führte schon Dutzende Gespräche in Kirchengemeinden. Foto: Landeskirche Anhalts

Aus eigenem Erleben weiß er, was Kirche vor Ort prägt; 30 Jahre war er im Pfarrdienst tätig. »Und jetzt merke ich, wie oft das System vorausschauend leidet«, sagt er. Viele Haupt- und auch Ehrenamtliche seien so beschäftigt, dass Freiräume eng werden. »Ich habe noch keinen Hauptamtlichen getroffen, der sich nicht überlastet fühlt«, berichtet der Pfarrer.

Die zweite Erkenntnis: Kirche wird zu oft als Verwaltungsorganisation empfunden. Jährlich verliert die Landeskirche Anhalts doppelt so viele Gemeindeglieder wie sie dazugewinnt. Die Frage, die sich deswegen viele jener Menschen stellen, die »ihr Bestes und über ihr Vermögen hinaus geben«, ist: Welche Möglichkeiten bleiben uns? Was bleibt übrig, wenn Kirche nicht mehr ist, wie sie heute ist, wenn kein Pfarrer mehr käme, kein Gottesdienst gefeiert würde, kein Gemeindebeitrag mehr zu leisten wäre? »Diese Entwicklung sollten wir nicht als Defizit wahrnehmen, sondern darauf können wir aufbauen.«

Hier sieht Thomas Meyer einen zweiten Arbeitsschwerpunkt: Menschen zu ermutigen und zu unterstützen, neue Ideen und Formen von Gemeinde umzusetzen. »Ich möchte eine Bekenntnisfrömmigkeit fördern, die wenig Strukturen und wenig Haushaltsmittel braucht«, wünscht sich Meyer. Gemeinsam Bibel lesen, singen, beten, ein Fest feiern – das sei einfach, das sei der Kern, das sei Gemeinschaft und die, die es wollen, können es selbst tun und sind dabei weder auf gewohnte Formen noch feste Orte angewiesen. Es geht, so Meyer, um die Wiederentdeckung einer Spiritualität, die einlädt und ausstrahlt. So einfach und doch so schwer.

Das Gleichnis vom verlorenen Schaf deutet er in der heutigen Situation so: Wenn von 100 Schafen inzwischen nur noch eines beim Hirten ist, sollte er doch längst nach den 99 verlorenen suchen. Nach Meyers Ansicht braucht Kirche heute viel mehr Menschen, die auf »verlorene Schafe« zugehen und ihnen vom Evangelium erzählen. Er nennt sie, ohne despektierlichen Beiklang der Kommerzialisierung, Verkäufer und Vermarkter. Sie tragen mit authentischer Stimme dorthin das Evangelium, wo Ottonormalverbraucher seinen Alltag verbringt.

Thomas Meyer vertraut darauf, dass Gott uns offene Türen zeigt. Wer neue Wege gehen möchte, kann darüber mit ihm ins Gespräch kommen. Gerne kommt er auch zu Vorträgen und Gesprächen zu den Themen »Zur Not geht’s auch mit Pfarrer!« und »Zuviel Bibellesen macht blind!« in die Gemeinden.

Katja Schmidtke

Kontakt <thomas.meyer@kircheanhalt.de>

Alles kann Gebet sein: Schweigen, singen, arbeiten

15. Januar 2018 von redaktionguh  
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Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete. Keines bleibt ohne Wirkung.

Das Gebet ist ein höchst bemerkenswertes Phänomen. Für sehr viele Menschen – Christen, Juden, Muslime und Angehörige anderer Religionen – ist es fest in den Tagesablauf integriert. Ihnen gegenüber steht insbesondere in Deutschland eine hohe Zahl von Atheisten, Menschen, die nicht an Gott glauben. Doch sogar sie schicken gelegentlich, wenn sie verzweifelt sind und nicht ein noch aus wissen, ein Stoßgebet zum Himmel. Für manche Christen wiederum ist es nicht selbstverständlich, regelmäßig zu beten. Und schon Paulus merkte, »denn wir wissen nicht, was wir beten sollen« (Römer 8,26 b).

Beten will geübt sein

Selbst die vermeintlichen Profis in Sachen Gebet, die Theologen und Pfarrer, haben zuweilen ihre Schwierigkeiten damit. »Ich bin kein Gebetomat, ich lasse mich ablenken, treiben«, so Propst Christoph Hackbeil, Regionalbischof für den Propstsprengel Stendal-Magdeburg. Er hat sich für den Gebetskalender der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) starkgemacht.

Der Gebetskalender, der abonniert werden kann, lädt Einzelne und Gemeinden ein, die darin formulierten Anliegen aufzunehmen und vor Gott zu bringen. Der Gebetskalender wird jeweils für zwei Monate veröffentlicht. Gestaltet wird er reihum von den Propsteien Gera-Weimar, Stendal-Magdeburg, Eisenach-Erfurt, Meiningen-Suhl, dem Reformierten Kirchenkreis, Halle-Wittenberg und dem Landeskirchenamt.

Wie Hackbeil erklärt, sammeln die Kirchenkreise ihre Vorschläge für Gebetsanliegen, die Superintendenten beraten darüber und treffen eine Auswahl. Die Anliegen nehmen die gesellschaftliche Situation auf sowie das, was die Landeskirche und die Propsteien beschäftigt, so der Theologe. Die Resonanz sei bislang gleichbleibend, wünschenswert wäre eine größere Beteiligung.

»Gebet bleibt nie ohne Wirkung, auch wenn ich sie nicht sehe«, ist Ulrike Köhler, Seelsorgerin im Kloster Volkenroda, überzeugt.

Gebete werden erhört

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

»Das ist manchmal unheimlich«, so die Erfahrung von Kirchenrat Andreas Möller, verantwortlich für Gemeindeentwicklung in der EKM. Als ihm vor etlichen Jahren die Pfarrstelle am Lutherhaus Jena angeboten wurde, lehnten er und seine Frau zunächst ab. »Es sprach vieles dagegen«, erzählt er. »Dann haben wir alle Bedenken im Gebet ausgesprochen und Gott gebeten, wenn er will, dass wir nach Jena gehen, soll er irgendetwas tun. Wir waren bestürzt, als sich im Laufe von etwa acht Wochen alle Probleme in Luft auflösten.«

Ebenso gibt es die Erfahrung, dass Gebete nicht erhört werden. Gott ist kein Wunscherfüllungsautomat. Das wäre furchtbar, denn zuweilen wenden sich Menschen mit bösen, abwegigen, irrsinnigen Erwartungen an ihn. Manchmal könne das Gebet zu einer neuen Einsicht führen, ganz banal, wie es Ulrike Köhler beschreibt. Wenn sie eine Erkältung hat und darum bittet, gesund zu werden, dies aber nicht eintritt, frage sie sich, ob sie nur etwas mehr Geduld aufbringen und einfach nur stillhalten solle.

Aber auch schwer kranke Menschen bitten vergeblich um Heilung. In solchen Fällen fordere sie die Betreffenden auf, so Köhler, näher hinzuschauen und akzeptieren zu lernen, dass unser Leben endlich ist. Aus Sicht der Seelsorgerin eine zumutbare Aufforderung, »wenn wir wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen«. Sie ist sich sicher: »Wir haben einen Gott, der Wunder tut. Aber wir können nicht darüber verfügen, dass er Wunder tut.«

Beten lernen

Wie lernt ein Mensch beten? »Ich bin noch klein, mein Herz ist rein, es soll niemand drin wohnen als Jesus allein. Amen« Unzählige Mütter haben ihren Kindern dieses Gebet beigebracht. Bestenfalls geht das Ritual so im Laufe der Zeit in Fleisch und Blut über.

»Ich erinnere mich, wie die Eltern den festgelegten Gebeten freie Worte hinzufügten«, berichtet Andreas Möller. Diese freien Worte seien für ihn sehr eindrücklich gewesen, ehrlich und authentisch. Im Ferienlager, wenn er sich nach Hause sehnte, habe er sich darauf besonnen, den erlernten Gebeten freie Worte hinzuzusetzen.

Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete, um nur einige zu nennen.

In bestimmten Situationen sei es für Menschen, beispielsweise für Politiker, wichtig, wenn für sie gebetet wird, betont Hackbeil. »Es gehört zu unserem Auftrag, für die Obrigkeit zu beten statt Ratschläge zu geben.« Ebenso tröste es Kranke, wenn sie wissen, dass die Seelsorgerin sie in ihr Gebet einschließe. Persönlich schätze er das Gebet als große Hilfe im Leben. Es verbinde mit anderen Menschen, mit der Schöpfung. »Und es gibt mir Kraft, Dinge auszuhalten.«

Im Kloster Volkenroda wird täglich drei Mal zum Gebet eingeladen. 7.30 Uhr steht der Morgengottesdienst auf dem Programm, mittags das Gebet für Frieden und abends Fürbitten.

In einen inneren Dialog treten, ein Stoßgebet oder Schweigen, sich Gott nur hinhalten ohne Absichten – alles ist Gebet.

»Manche sagen, Gesang ist die höchste Form des Gebets«, ergänzt Andreas Möller. Mit dem Körper zu beten, etwa die Arme zu erheben, sei ebenfalls eine Möglichkeit, sich der Gegenwart Gottes zu öffnen.

Zur hohen Schule gehört das Herzensgebet, ein immerwährendes Gebet, bei dem im Atemrhythmus der Name Jesu Christi angerufen wird: Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.

Und selbst die Arbeit könne Gebet sein, so Ulrike Köhler. Wenn ich in allem, was ich tue, Gott suche, sei das Gebet. »Ich bin Mitschöpfer, darf an Gottes Schöpfung mitgestalten.« Mit dieser inneren Ausrichtung könne das Arbeiten zum Gebet werden.

Sabine Kuschel

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Auf’s Kreuz gelegt

14. Januar 2018 von redaktionguh  
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Das lege ich Jesus auf’s Kreuz« – als vor etlichen Jahren eine junge Frau, die einer Freikirche angehört, sagte, sie lege grundsätzlich alle ihre Sorgen, die kleinen wie die großen, im Glauben, dass Jesus sie trägt, auf dessen Kreuz, dachte ich im ersten Moment: Sie macht es sich sehr einfach. Kurze Zeit später wurde ich bei einer Andacht in der Passionszeit eines Besseren belehrt.

In der Kapelle lag ein großes Kreuz und die Gäste waren aufgefordert, ihre Sorgen und Probleme »Jesus auf’s Kreuz zu legen«. Ich war durchaus skeptisch und zögerte zunächst. Schließlich beteiligte ich mich an dem Ritual, kniete nieder, legte die Stirn auf das Holz und vertraute im Gebet Jesu meine Sorgen an. Die Wirkung dieser Geste war verblüffend. Als ich mich wieder aufrichtete, hatte ich tatsächlich das untrügliche Gefühl, alles, was mich zuvor bedrückt hatte, war auf dem Holzkreuz zurückgeblieben.

Eine bemerkenswerte Erfahrung und ein Beweis, wie stark Rituale wirken können. Beten, religiöse Gesten und Handlungen wollen geübt sein. Katholiken sowie Christen in Freikirchen sind diesbezüglich geübter, weil für sie Rituale eine größere Rolle spielen als für uns Protestanten. Nicht zu Unrecht wird uns vorgehalten, zu »verkopft« zu sein. In jedem Fall lohnt es sich, einen Blick auf die Glaubenspraxis von Christen anderer Konfessionen zu werfen. Dass sie weniger Schwierigkeiten haben, auf andere Menschen zuzugehen, um von ihrem Glauben zu erzählen, und ansteckend wirken, betont auch das auf der Glaubenskonferenz »Mehr« in Augsburg verfasste Manifest Mission. Es geht auf die Notwendigkeit missionarischer Aktivitäten ein und fordert auf, den Glauben neu zu entdecken, ihn klar und mutig zu verkündigen.

Sabine Kuschel

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Gnade über Gnade: Gott offenbart sich in Jesus Christus

13. Januar 2018 von redaktionguh  
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Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.

Johannes 1, Vers 17

Der Wochenspruch steht am Anfang des Johannesevangeliums in einem großartigen Lobpreis auf Gottes schenkendes Wirken in der Schöpfung, in der Geschichte mit dem Gottesvolk Israel und in Jesus Christus. In poetischer Sprache, mit Wiederholungen, Variationen und in schrittweiser Enthüllung wird Gottes gnädiges Wirken von allem Anfang an gepriesen. Dieses Loblied am Anfang des Johannesevangeliums sieht in Jesus Christus den »Eingeborenen, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist« (Johannes 1,18). Dieser Jesus Christus ist schon vor aller Schöpfung ganz bei Gott, er ist Teil der Heilsmacht Gottes. Er wirkt von Beginn an geheimnisvoll die Erschaffung der Welt. Er wirkt lichtvoll in seiner Schöpfung, in seinem »Eigentum« (Johannes 1,11), dem Volk Gottes. Und er schenkt Gottes Gnade in seiner Fleischwerdung (1,14), seiner Verkündigung (1,18) sowie Tod und Auferstehung. Dabei schenkt Jesus Christus nicht etwas außerhalb seiner selbst, sondern er schenkt sich selbst: Er ist lebendiges Wasser, lebenspendendes Brot, Weg, Wahrheit und Leben.

Klaus Scholtissek, promovierter Theologe und Vorsitzender der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein

Klaus Scholtissek, promovierter Theologe und Vorsitzender der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein

In diesem Zusammenhang ist auch der Wochenspruch zu verstehen. Die beiden weitgehend parallel gebauten Sätze sind nicht als Gegensatz gemeint. Dann spräche dieser Vers von zwei entgegengesetzten, sich ablösenden Heilsepochen: der ersten als »Zeit des Gesetzes ohne Gnade« und der zweiten als »Zeit der Gnade ohne Gesetz«. In der Kirchengeschichte ist diese Auslegung leider oft führend geworden. Dieser Auslegung widerspricht der Johannesprolog als ganzer gründlich: Es gibt nur den einen unsichtbaren Gott, der seine Schöpfung von allem Anfang an ins Leben ruft, ihr fortwährend Licht und Leben schenkt, sein Gottesvolk beruft und immer neu sammelt. Er offenbart sich zuletzt und abschließend in Jesus Christus. In ihm begegnen wir Gottes Gnadenfülle, Gott höchstpersönlich. Er ruft uns in die Gemeinschaft der Kinder Gottes.

Klaus Scholtissek, promovierter Theologe und Vorsitzender der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein

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