Ein schwieriges Thema

26. Januar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Ökumenische Bibelwoche: Das Hohelied Salomos steht dieses Jahr im Mittelpunkt. »Sexuelles Begehren« als Thema für einen Gemeindeabend löst Verwunderung aus. Doch unsere Sexualität ist Teil von Gottes Schöpfung.

In über 50 Jahren hat Karl-Helmut Hassenstein keine Bibelwoche ausgelassen. Seit 1966 ist der mittlerweile pensionierte Oberpfarrer aus Dröbischau im Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld immer Anfang des Jahres in Kirchen und Gemeindehäusern unterwegs, um mit Interessierten in der Bibel zu lesen, die Texte auszulegen und Gedanken darüber auszutauschen.

Titel-Artikel-04-2018

Erotik in der Bibel: Das »Lied der Lieder« aus dem »Buch der Bücher« steht dieses Mal im Zentrum der Ökumenischen Bibelwoche in den Kirchengemeinden. In der poetischen Sprache werden die Brüste der Geliebten mit jungen Gazellen verglichen, das Haar mit einer Herde Ziegen, die auf einem Berghang weidet. Foto: photo 5000 – stock.adobe.com

Bis kurz vor Ostern ist er dazu diesmal in den Orten Meuselbach, Königssee, Herschdorf, Oberhain, Langewiesen, Gehren, Gräfenthal und Katzhütte. Die Resonanz ist unterschiedlich. Mal sitzen nur drei oder vier Gemeindemitglieder da. Aber das stört ihn nicht. Gerade in einer kleinen Gruppe seien intensive Gespräche über Bibel und Glauben möglich.

Vor 83 Jahren wurde die deutschlandweite Bibelwoche ins Leben gerufen. Zur nationalsozialistischen Ideologie der Deutschen Christen sollte durch die intensive Beschäftigung mit dem Wort Gottes ein Gegengewicht geschaffen werden. Die Initiatoren aus der Bekennenden Kirche übernahmen damit 1935 Ansätze aus dem Pietismus und der Bibelbewegung des 19. Jahrhunderts. Nach dem Krieg verbreitete sich die Idee der Bibelwoche und war damit in vielen Kirchengemeinden der erste Höhepunkt des neuen Jahres.

Seit 1964 werden die Bibelwochen zusammen mit katholischen Christen veranstaltet. Auch nach der Teilung Deutschlands blieb die gesamtdeutsche Arbeitsgemeinschaft dieser Reihe erhalten, erinnert sich Hassenstein. Die Gemeindehefte von damals, die in hoher Auflage gedruckt wurden, existieren zum Teil noch heute. Die Auswahl der Themen treffen heutzutage die Deutsche Bibelgesellschaft, das Katholische Bibelwerk und der Arbeitskreis Missionarischer Dienste. Beim Gemeindedienst der EKM gingen diesmal Bestellungen für insgesamt 8 212 Gemeindehefte ein. Bislang schickte Hassenstein zum Beginn der Bibelwochen-Zeit im Januar einen Text an die Kirchenzeitung, in dem er zum Thema und dem vorgesehenen Bibeltext ein paar Gedanken formulierte. In diesem Jahr ist der Beitrag ausgeblieben. Hassenstein hatte sich bei einem Sturz verletzt.

Im Gespräch verrät er, dass er den vorgegebenen Abschnitt – Das Hohe­lied Salomos aus dem Alten Testament – schwierig findet. Die erotische Lyrik und das Thema »Sexuelles Begehren« sind doch etwas sehr Intimes. Die Bibelwoche zu Hiob sei da einfacher gewesen. Viele konnten sich mit dem Leiden der biblischen Person identifizieren. Aber, so glaubt Hassenstein, jedes biblische Buch hat ein Recht, in der Bibelwoche behandelt zu werden. Und schließlich sei es ein Text der Bibel und deshalb werde er sich daran machen und die Texte auslegen. Im Prinzip gehe es um die Liebe Gottes zu uns Menschen. Gott schenke uns Liebe, damit wir sie weitergeben können.

Im Gegensatz zu früher, stellt der pensionierte Pfarrer fest, sei es längst nicht mehr üblich, dass in den Gemeinden Bibelwochen angeboten würden. Oft liegt es daran, dass die Besucher ausblieben oder die Theologen fehlten.

Falk Oesterheld aus Mechelroda (Kirchenkreis Weimar) sind die Bibelabende ein Bedürfnis. Er öffnet dafür seine Wohnung und lädt im Kirchengemeindeverband Buchfart-Legefeld dazu ein. »Das geistliche Leben muss man nicht nur auf die Kirche und Gemeinderäume beschränken«, erklärt er. Pfarrer Joachim Neubert wird am 20. Februar die Liebespoesie der Bibel auslegen. Da in der Dorfkirche nur noch selten Gottesdienst gefeiert werde, sieht er den Bibelabend als gute Gelegenheit, mit Menschen über Texte aus dem Alten und Neuen Testament ins Gespräch zu kommen. Acht bis zehn Gemeindeglieder aus Mechelroda und den umliegenden Orten kommen dazu.

Bei den teils schwierigen Bibeltexten entwickelten sich schon mal heftige Streitgespräche. Am Ende verstehe es aber der Pfarrer immer, einen versöhnlichen Abschluss zu finden. Bislang seien alle beim nächsten Mal wieder gekommen.

Willi Wild

www.gemeindedienst-ekm.de/gemeindeaufbau/bibelwoche

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Bookmark and Share
Möchten Sie ein Exemplar der gedruckten Zeitung in den Händen halten? Gern senden wir Ihnen ein kostenloses Probeheft. Einfach und unverbindlich hier bestellen. (Link)

Für diesen Artikel ist der Bereich für Lesermeinungen geschlossen.