Der unermüdliche Sämann

27. Februar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Kirche des Jahres: Von insgesamt zwölf zur Wahl stehenden Kirchen in Deutschland erhielt zwar ein Gebäude in Rheinland-Pfalz die meisten Stimmen. Dahinter kam aber ein Gotteshaus in Südthüringen.

Uns ergeht es mit der Kirche wie dem Sämann da«, sagt Gerd Heim und deutet auf das rund 100 Jahre alte farbige Glasfenster im Altarraum der St. Bartholomäuskirche von Stressenhausen. Die Dorfkirche nahe Hildburghausen belegt den zweiten Platz im Jahresranking der Stiftung zur Bewahrung Kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland (KiBa).
Natürlich weiß der stellvertretende Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, dass mit dem Gleichnis im Lukas-Evangelium, Kapitel 8, der ausgestreute Samen für das Wort Gottes steht, das von den Menschen unterschiedlich angenommen wird. Gerd Heim sieht im unermüdlichen Handeln des Sämanns Parallelen zu den Anstrengungen für den Erhalt der Kirche.

Die Bartholomäuskirche überrascht mit ihrem prächtigen Innenraum. Um seine Pflege und Herrichtung für die Gottesdienste kümmert sich seit langem Küsterin Hiltrud Sillmann. Beim jährlichen Großputz kämen aber viele fleißige Hände noch hinzu, betont die 80-Jährige. Dass sei auch in den 1980er-Jahren so gewesen, als die Innenrestaurierung Dank vieler Spenden ermöglicht wurde.

»1720 hatten Herzog Ernst Friedrich I. von Sachsen-Hildburghausen und seine Gattin Albertine dem Ort eine neue Kirche geschenkt, nachdem im 30-jährigen Krieg Wallensteins Truppen während der Belagerung Coburgs das Dorf brandschatzten und auch die Kirche zerstörten«, berichtet Gerd Heim aus der Geschichte. Nur die Mauern des viel älteren, mächtigen Turmes blieben erhalten. Der bekam mit der Errichtung des Langhauses vor fast 300 Jahren ein Obergeschoß mit schön geschweifter Kuppel und Turmknopf.

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Voll Stolz zeigen Pfarrer Dieter-Klaus Zeidner (links) und Kirchenältester Gerd Heim den fast fertigen Kirchturm. Foto: Thomas Schäfer

»In all den Jahren haben wir Geld gesammelt und angespart, um kleinere Reparaturen durchführen zu können. Damit kamen wir aber im Herbst 2008 an unsere Grenzen. Immer häufiger fielen Dachziegel vom Schiffdach und gefährdeten die Besucher der Kirche und des unmittelbar anschließenden Friedhofs. Wir wandten uns an das Kreiskirchenamt Meiningen mit der Bitte um Unterstützung«, so der Kirchenälteste. Die Kostenschätzung bildete die Grundlage für weitere Schritte zur Finanzierung: viele Anträge und weitere Bitten um Spenden, zumal das Schiffdach als einsturzgefährdet eingestuft wurde.

»Als wir 2008 mit der Planung begannen, gingen alle davon aus, dass der Turm in Ordnung sei. Weihnachten 2010 lag dann so viel Schnee auf dem Kirchendach, das es sich senkte. Am Turmanschluss entstand ein breiter Spalt. Ein Jahr später half der Kirchenkreis mit einer Notsicherung des Kirchendaches.«

Wiederholte Finanzierungsanträge blieben ohne positiven Bescheid. Die Saat ging nicht auf. Der Zustand des Turmes allerdings verschlechterte sich. Bald fielen auch dort Schiefer- und Sandsteinplatten ab. »Neun Jahre wurde beharrlich gesammelt und immer wieder von Haus zu Haus gegangen, denn nicht nur die 40 Prozent Kirchenmitglieder sollten sich angesprochen fühlen«, so Heim. Viel Geduld war nötig. Im 450 Einwohner zählenden Dorf kamen so 33 000 Euro zusammen. 2016 die Entscheidung: zuerst der Turm. Der Finanzierungsplan, den Pfarrer Dieter-Klaus Zeidner vorlegte, wies 355 000 Euro aus. Eine gewaltige Bausumme, die nur durch Städtebauförderung, Lottomitteln, kirchlicher sowie kommunaler Zuschüsse und der Hilfe von Stiftungen wie der Kiba getragen werden konnte. Bedingt durch die Witterung musste die Baustelle leider 2017 geschlossen werden, obwohl der Außenputz des Turmes noch nicht fertig war. Das bedeutet wiederum Mehrkosten, zumal das Kirchendach mit geschätzten 90 000 Euro noch aussteht.«

Der zweite Platz im deutschlandweiten Wettbewerb der KiBa ist für Gerd Heim ein Zeichen, »dass wir auf dem richtigen Weg sind«. Pfarrer Zeidner fügt hinzu: »Und die Menschen ziehen mit.« Immerhin hat das kleine Dorf 787 Stimmen für ihr Projekt akquirie­ren können.

»Wie der Sämann werde ich unermüdlich weiter für den Erhalt unserer Kirche in geistlicher und weltlicher Beziehung ackern«, hat sich Gerd Heim vorgenommen. Und das große Ziel sei das 300-jährige Jubiläum 2020.

Uta Schäfer

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Konzentration auf den Kern der Kirche

Gemeindeporträt: Bitterfeld hat sich gewandelt, das stellt auch die Kirche vor neue Herausforderungen

Bitterfeld – rauchende Schornsteine, Gestank, zerstörte Natur. Die Bilder halten sich hartnäckig, auch wenn der Chemiepark modernisiert ist und der Braunkohlentagebau sich in einen See verwandelt hat. Bleibend scheint auch die bittere Erfahrung der Bewohner ob des wirtschaftlichen Niedergangs ihrer Stadt nach der Wende: Fast die Hälfte seiner Einwohner und Tausende Arbeitsplätze hat Bitterfeld verloren. Inzwischen pendeln mehr Menschen zum Arbeiten ein als aus und die rund 300 Firmen im Chemiepark haben 12 000 Beschäftigte.

Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel prägt auch das Leben der evangelischen Christen. 1 000 Glieder zählt die Stadtgemeinde, deren Pfarrer seit fünf Jahren Johannes Toaspern ist. Sein Büro liegt im Lutherhaus, einem großen Ziegelbau an den Binnengärten. »Eigentlich ein Traumhaus«, sagt Pfarrer Toaspern. Denn es bietet Platz für ein reges Gemeindeleben mit Saal, Büro-, Sozial- und Gruppenräumen. In den oberen Etagen gibt es die Pfarr- und Mietwohnungen. Gebaut wurde das Lutherhaus auch damit die Gemeinde ihrer christlichen Verantwortung gerecht wird. Der Sozialbau wurde 1928 errichtet, um Kinder zu betreuen: Hier konnten sie essen, ausruhen, spielen und Hausausgaben erledigen.

All dies, das Gemeindeleben und die Verantwortung für Mitmenschen, gibt es auch heute noch, wenn auch in kleineren Umfang. Den Kindergarten der Gemeinde gibt es nicht mehr, die Wohnungen sind immer schwerer zu vermieten. »Wenn Gott die Stadt nicht erweckt, werden wir uns verschlanken«, sagt Johannes Toaspern. Langfristig soll daher die Idee von einer Gemeinde unter einem Dach umgesetzt werden.

Aktuell lebt die Gemeinde unter zwei Dächern: Neben dem Lutherhaus gibt es die 1910 eingeweihte, neogotische Kirche am Markt. Sie soll als Gemeindezentrum aus- und umgebaut werden. Dazu gibt es einen Beschluss des Gemeindekirchenrats.

Kleine Gemeindegruppen sollen ebenso ihren Platz finden wie hunderte Menschen zu Gottesdiensten an hohen Feiertagen. »Solange wir selbst gestalten können, sollten wir dies mit Verantwortung und Optimismus tun«, sagt der Pfarrer. Erfahrungen bringt Toaspern mit: Er war zuvor Pfarrer an der Leipziger Peterskirche, die auch als Gemeindekirche konzipiert ist.

Die Stadtkirche soll langfristig zum Gemeindezentrum umgebaut werden. Foto: Martin Jehnichen

Die Stadtkirche soll langfristig zum Gemeindezentrum umgebaut werden. Foto: Martin Jehnichen

Das Innere des gewaltigen Sakralbaus mit seinen ursprünglich 1 000 Plätzen wurde vor gut 60 Jahren letztmalig umfassend saniert. Dabei fiel die florale Ausmalung einem nüchternen Zeitgeist zum Opfer. Inzwischen tun sich viele Baustellen auf. Sie bieten die Chance, nicht nur zu reparieren, sondern neu zu gestalten. »Chöre und alle anderen Gruppen könnten sich spirituell verankern mit und in der Kirche, wir schaffen einen neuen Bezug zu diesem geistlichen Ort«, meint Toaspern.

Gemeinschaft und Kontemplation betrachtet der Theologe als das Kerngeschäft von Kirche. Wo sich der Glaube in Stille, Gesang und Bibelworten entfaltet, ist Raum für Begegnungen, etwa beim gemeinsamen Essen. Die Gemeinde zelebriert dies bei der Einführung von Prädikanten oder Taufen.

In den vergangenen beiden Jahren hat Toaspern auch immer wieder Flüchtlinge getauft. Sie stellen inzwischen ein Drittel bis die Hälfte der Gottesdienstbesucher.

Um unter den Bitterfeldern Hemmschwellen abzubauen und sich einzubringen in die Stadtgemeinschaft, hat die Kirchengemeinde im Advent 2017 erstmals zu einem Lebendigen Adventskalender aufgerufen und im September des Reformationsjahres zum Lutherfest eingeladen. »Das war ein unglaubliches Fest. Was wir tun, wird wahrgenommen«, blickt Toaspern froh zurück. Kantorin Konstanze Topfstedt verstand es, Kinder in das Musizieren einzubinden. Die Aufführung des Luther-Musicals verschaffte allen ein Erfolgserlebnis. Vor einem Jahr hat sich die Gemeinde weiterhin im öffentlichen Bewusstsein verankert: Am 15. Februar 2017 öffnete zum ersten Mal die Suppenküche für Kinder und Jugendliche. Sechs ehrenamtliche Köche bereiten jeden Mittwoch ein warmes Mittagessen für die Besucher des Kinder- und Jugendtreffs unter Leitung von Thomas Bork zu.

Das offene Angebot nutzen vor allem Kinder, die sonst nichts mit Kirche zu tun haben und setzen damit die Tradition des Lutherhauses fort, »Stunden echter Jugendfröhlichkeit (…) erleben zu können«, wie es in einem historischen Dokument heißt.

Bis zu 20 Portionen kochen die Helfer und stehen danach nicht allein in der Küche. Hilfe bekommen Gabi Köhler, Edith Reiche und Christel Schneider an diesem Mittwochmittag von vielen kleinen Händen, die Tische abwischen, die Küche aufräumen, dankbar und fröhlich sind. Das sei, sagen sie alle, viel besser als allein zu Hause zu sein.

Katja Schmidtke

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