Musikalische Rubinhochzeit

30. April 2018 von redaktionguh  
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Anhalter Kreuz: Ehepaar Gander bereichert seit vier Jahrzehnten in Dessau die Kirchenmusik

Es war ein Konzert der Lehrergewerkschaft »Unterricht und Erziehung« vor 41 Jahren in Leipzig, das ihr Leben für immer verändern sollte. Er, 20 Jahre, spielte Bratsche, sie, 16 Jahre, Flöte. Sie begegneten sich, spürten Sympathie füreinander, daraus wurde echte menschliche Zuneigung und Liebe. Drei Jahre später heirateten sie. Noch heute sprechen Annegret und Wolf-Jürgen Gander mit einem Strahlen im Gesicht über das Konzert vor vier Jahrzehnten. Da haben sich zwei gefunden, die nicht alle Geheimnisse einer guten und langlebigen Beziehung preisgeben wollen, aber bestätigen, dass es da mit der Musik diesen roten Faden gibt, der auch zusammenhält, was zusammengehört.

Begegnung mit Folgen: Annegret und Wolf-Jürgen Gander lernten sich vor 41 Jahren bei einem Konzert kennen. Foto: Lutz Sebastian

Begegnung mit Folgen: Annegret und Wolf-Jürgen Gander lernten sich vor 41 Jahren bei einem Konzert kennen. Foto: Lutz Sebastian

Für ihr ehrenamtliches musikalisches Engagement in der Dessauer Innenstadtgemeinde St. Johannis und St. Marien und darüber hinaus ist das Ehepaar im vergangenen Herbst mit dem Anhalter Kreuz, dem Dankzeichen der Evangelischen Landeskirche Anhalts, ausgezeichnet worden. »War das jetzt schon die Auszeichnung fürs Lebenswerk?«, fragt Wolf-Jürgen Gander mit einem Zwinkern im Auge. Immerhin ist er vor kurzem 60 Jahre alt geworden, seine Frau Annegret ist 56. Auf ihren Lorbeeren wollen sich die beiden deshalb noch lange nicht ausruhen. Schließlich haben sie noch genug Energie, um mit ihrem musikalischen Engagement das Publikum glücklich zu machen. Im Chor ihrer Gemeinde, im übergemeindlichen Dessauer Vokalkreis, wo A-Cappella im Vordergrund steht, und in der Dessauer Kantorei singt das Ehepaar regelmäßig. Mit einem anderen Ehepaar, Claudia und Guido Ruhland, stehen Annegret und Wolf-Jürgen Gander als Ensemble »Broken Consort Dessau« regelmäßig auf der Bühne. Instrumentalmusik, hauptsächlich aus der Renaissance- und Barockzeit, spielt das Quartett seit rund 25 Jahren. Diverse CD-Aufnahmen sowie zahlreiche Auftritte in Kirchen in der Region rund um Dessau stehen ebenfalls in der Biographie von »Broken Consort Dessau«.

In den traditionellen Christmetten, die zu vorgerückter Stunde am Heiligabend in der Dessauer Johanniskirche die Besucher in besonders heimeliger Atmosphäre auf das Weihnachtsfest einstimmen, ist das Quartett auch kaum noch wegzudenken. Annegret Gander spielt zusätzlich regelmäßig in der Johanniskirche und anderen Kirchen in der Region Dessau ehrenamtlich Orgel.

Musik hat für das Ehepaar schon vor der gemeinsamen Beziehung eine wichtige Rolle gespielt. Wolf-Jürgen Gander wurde in Dessau geboren, zog aber mit seiner Familie im Kindesalter Richtung Süden. In der Bachstadt Leipzig und der Händelstadt Halle wächst er auf. In jungen Jahren lernt er verschiedene Instrumente, unter anderem Blockflöte, Orgel und Bratsche. Für die Bratsche erwirbt der gebürtige Dessauer ein Diplom an der Leipziger Musikhochschule. Nach dem Abschluss zieht er mit seiner Frau nach Stralsund und sammelt am dortigen Theater erste Orchestererfahrung. Doch 1982 ruft die Heimat. Wolf-Jürgen Gander wird Bratschist der Anhaltischen Philharmonie. Bis heute ist er dem Orchester des Anhaltischen Theaters in Dessau treu. Seit 30 Jahren bringt der Berufsmusiker zusätzlich dem musikalischen Nachwuchs an der Dessauer Musikschule »Kurt Weill« die Kunst des Blockflötenspiels näher. Seine Frau Annegret beherrscht ebenfalls mehrere Instrumente, zum Beispiel Orgel und Flöte.

Doch für sie ist Musik ein Hobby. Als Kinderkrankenschwester arbeitet sie seit Jahrzehnten am städtischen Klinikum Dessau. Nach Feierabend gibt aber die Musik den Ton an. »Das ist ein guter Ausgleich zum Beruf«, sagt sie. Ihr Mann stimmt zu. Dabei ist die Musik doch sein Beruf. »Ehrenamtlich ist das noch einmal was anderes. Da kann man tatsächlich, auch wenn es sich um Musik handelt, abschalten«, erzählt Wolf-Jürgen Gander.

Er hört seiner Frau so oft wie möglich beim Orgelspiel zu. Dabei ist er dann ein wohlwollender Kritiker. »Gutes kann man immer noch ein bisschen besser machen«, ist seine Devise. Annegret Gander nickt. Auf Augenhöhe und voller Respekt erzählen sie vom jeweiligen musikalischen Schaffen des anderen. Von Überlegenheit des Berufsmusikers gegenüber der Hobbymusikerin fehlt jede Spur. »Sie spielt viel besser Orgel als ich«, sagt Wolf-Jürgen Gander ganz ohne Umschweife. Deshalb gönnt er ihr die Aufmerksamkeit, die sie vom Publikum für ihr Spiel bekommt. Auch nach Jahrzehnten ergänzen sie sich perfekt. Es herrscht Harmonie im Hause Gander, nicht nur im musikalischen Schaffen. Das beflügelt, die verschiedenen musikalischen Projekte noch so lange wie möglich zu bestreiten.

Danny Gitter

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Rock und Pop für die Kirche

30. April 2018 von redaktionguh  
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Popularmusik: Im Ursprungsland der Reformation fristet sie ein Nischendasein, kritisiert Kirchenmusik-Dozent Christoph Zschunke.

Popularmusik in der Kirche, auch im Gottesdienst, ist längst eine Selbstverständlichkeit. »Eine Vielzahl neuer geistlicher Lieder und poptypischer Musizierweisen haben längst Einzug gehalten in unsere Gottesdienste und kirchenmusikalische Arbeit«, sagt Christoph Zschunke, Bundeskantor im Christlichen Sängerbund und Dozent für Chorleitung und Popularmusik an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik Halle. Er sieht aber auch beängstigende Defizite. Denn »fast alle Landeskirchen haben diesbezüglich z. B. in den letzten Jahren ergänzende Liederbücher zum Evangelischen Gesangbuch herausgebracht«, erklärt Zschunke. In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) allerdings suche man ein solches bisher vergebens. Hier setze man scheinbar auf die geplante Gesangbuchrevision.

Illustration: lisakolbasa – stock.adobe.com

Illustration: lisakolbasa – stock.adobe.com

Viele Kirchengemeinden haben heute bereits gezielte Gottesdienst- Formate, die sich vorwiegend mit Popularmusik speisen. Es gibt immer häufiger auch sogenannte Profilkirchen, wie Jugendkirchen. Wenn es dort um Musik geht, ist das meist Popularmusik. Zur qualitativen Weiterentwicklung und Verstetigung von Popularmusik im kirchlichen Alltag haben etliche Landeskirchen längst Beauftragte für Popularmusik oder haupt- und nebenberufliche Ausbildungsmodelle (kirchenmusikalische C-Kurse) für Popularkirchenmusik entwickelt. Mitteldeutschland – das Ursprungsland der Reformation – sei diesbezüglich ein weißer Fleck auf der EKD-Landkarte , ärgert sich Zschunke. »Als Kirchenmusiker haben wir kaum Kontakt in diese anderen kulturellen kirchlichen Milieus. Das ist mehr als nur schade!«

Popularmusik gehört in der EKM scheinbar nicht zum Hoheitsbereich der Kirchenmusik, sondern fristet allenfalls ein Nischendasein im Bereich kirchlicher Jugend- und Kulturarbeit. Und selbst dort wurde kürzlich eine wichtige Stelle für die Vernetzung und Angebote an die Basis nicht wieder besetzt.

Dabei wäre für Zschunke vor allem wichtig, dass Kirchenmusiker in ihrer Gesamtheit das breite musikalische Spektrum abdecken können. Er verweist dabei auf Luther, dessen reformatorisches Anliegen es war, die Christen am Gottesdienst wieder zu beteiligen. Also stellt er Fragen, wie: »Für wen machen wir wo welche Angebote? Wen erreichen wir womit? Wollen wir nicht verschiedene Menschen in ihren Hörgewohnheiten und ihrem Lebensgefühl abholen und sie in unsere spirituellen Feiern mitnehmen, sie womöglich auch aufrütteln, gar verstören?«

Im textlastigen Gottesdienst kommt ihm die emotionale Komponente oft zu kurz. Es sei sehr wohl möglich, mit Stilmitteln der Popularmusik auch liturgisch kompatibel zu musizieren. Es gibt etliche Kirchenmusiker, die das mit Überzeugung tun, authentisch, leidenschaftlich und stilsicher. »Wo das gelingt und Gemeinde sich gern beteiligt, wirkt Popularmusik selbst in streng agendarischen Gottesdiensten heutzutage nicht mehr wie ein Fremdkörper, sondern ist selbstverständlich geworden«, erklärt Zschunke.

Doch da klaffen vielerorts Lücken. Er gibt zu bedenken, dass die deutschlandweite Vielfalt an Fortbildungsangeboten in Sachen Popularmusik in der EKM noch zu wenig abgebildet wird. Wichtig wäre ihm auch, mittelfristig aus den poptypischen Milieus eigenen kirchenmusikalischen Nachwuchs generieren zu können. »Solche Profis und Quereinsteiger brauchen wir zunehmend in unserer Kirche«, findet er.

Natürlich gibt es im Bereich der EKM Kirchengemeinden, in denen man sich mit der Popmusik bestens auskennt, wie in der Paulusgemeinde in Halle. »Bei uns ist modernes Liedgut eine Selbstverständlichkeit, auch im Gottesdienst«, sagt Kirchenmusikdirektor Andreas Mücksch. Es sollte so auch anderswo ganz normal sein, dass sowohl die geistliche Musik zur Traditionspflege als auch die Popularmusik gleichermaßen eine Rolle spielen, findet er. »Das ist kein Bruch und das wird als solcher auch nicht wahrgenommen«, so seine Erfahrung. Leider seien da andere Landeskirchen viel weiter als die EKM, meint auch er.

In einigen Kirchenkreisen sollen daher Stellen für Popularmusik geschaffen werden – vorbehaltlich der Finanzierung. Auch die Hochschule für Kirchenmusik plant, den Schwerpunkt auszubauen. Zur Zeit sehen die Pläne des Bachelor-Studiums zwei obligatorische Semester in Popmusik vor, wobei die Studenten Instrument oder Fach frei wählen können. Wer Interesse hat, kann den Schwerpunkt vertiefen und sich praktisch ausprobieren, etwa im Studiochor der EHK oder im PopChor der Studentengemeinde. Geplant ist für September zudem eine Weiterbildung in Popularkirchenmusik.

Claudia Crodel

Hintergrund
Die Evangelische Hochschule für Kirchenmusik Halle (EHK) wurde am 18. April 1926 durch das Konsistorium der Kirchenprovinz Sachsen in Aschersleben gegründet. 1939 siedelte sie nach Halle um. 1993 wurde der Kirchenmusikschule der Status einer Hochschule verliehen. 2001 erfolgte der Umzug ins Händelkarree, im gleichen Jahr wurde die popularmusikalische Ausbildung in die Studiengänge aufgenommen. Die Künstlerischen Aufbaustudiengänge gibt es fortan für die Fächer Orgel, Konzert- und Oratoriengesang und Chor- und Orchesterleitung. Die EHK zählt aktuell 53 Studenten.

www.ehk-halle.de


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Es grünt und blüht in Burg

30. April 2018 von redaktionguh  
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»Geh aus, mein Herz«: Sonntag, Sonnenschein, Gottesdienst und Garten. Einen Tag nach der offiziellen Eröffnung der Landesgartenschau (Laga) in Burg haben die Kirchen ihr Programm gestartet.

Der Tag hätte schöner nicht sein können. Die Sonne strahlte vom fast wolkenlosen Himmel und in den Beeten blühten die schon von Paul Gerhardt besungenen Tulipane in großer Farbenvielfalt. Die Band »Patchwork« aus Berlin-Brandenburg spielte auf und zog mit ihren fröhlichen Melodien die Aufmerksamkeit auf sich. Hunderte Besucher versammelten sich, der Musik und der Einladung folgend, am 22. April im Burger Goethepark vor der Hauptbühne, um den ökumenischen Eröffnungsgottesdienst der Landesgartenschau (Laga) mitzufeiern.

Bereits am Sonnabend hatte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) die Schau unter dem Motto »… von Gärten umarmt« in Anwesenheit vieler Vertreter aus Politik und Gesellschaft eröffnet. Haseloff würdigte dabei die Entwicklung Burgs. Es sei beeindruckend zu sehen, wie sich die Stadt verändert habe. So wurden in die vier Kernflächen der Laga 17 Millionen Euro investiert, in Plätze, Straßen und Wege noch einmal 23 Millionen. Erwartet werden bis zum 7. Oktober rund 450 000 Besucher. Neben vier großen Parks und Ausstellungsflächen können sie 21 Themen- und 12 Stadtgärten und wechselnde Blumenschauen besichtigen sowie unter rund 800 Veranstaltungen wählen.

Stadt der Türme: In der Bildmitte der Wasserturm, im Hintergrund die spitzen Türme der Kirche Unser Lieben Frauen. Am Weinberg auf dem Laga-Gelände ist dem Modell der Quedlinburger Stiftskirche (links) noch ein Turmpaar hinzugekommen. Den alten Fabrikschornstein (rechts) krönt ein Storchennest. Foto: Angela Stoye

Stadt der Türme: In der Bildmitte der Wasserturm, im Hintergrund die spitzen Türme der Kirche Unser Lieben Frauen. Am Weinberg auf dem Laga-Gelände ist dem Modell der Quedlinburger Stiftskirche (links) noch ein Turmpaar hinzugekommen. Den alten Fabrikschornstein (rechts) krönt ein Storchennest. Foto: Angela Stoye

Inmitten des Blütenmeeres eröffneten die Kirchen in Sachsen-Anhalt am Sonntag nun ihr Programm, das unter dem Motto »aus der Quelle erfrischt« steht. Den Gottesdienst gestalteten der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige, Propst Christoph Hackbeil, Regionalbischof des Propstsprengels Stendal-Magdeburg, die Superintendentin des Kirchenkreises Elbe-Fläming, Ute Mertens, der Pastor der Adventgemeinde, Wolfgang Stammler, Ursula Patté von der reformierten Gemeinde Burg und Apostel Jens Korbien von der Neuapostolischen Kirche (NAK). Das erste Mal nach der Aufnahme der NAK am 12. Februar 2018 in die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Sachsen-Anhalts beteiligte sich einer ihrer Vertreter an einem ökumenischen Gottesdienst. Bischof Feige verwies in seinem Grußwort auf den Wert von Gottes Schöpfung, die sich auch in der Laga widerspiegelt. »Wer sich darauf einlässt, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.« Der Bischof forderte eine grundsätzliche ökologische Umkehr, »weil die Erde unser gemeinsames Haus ist«.

Propst Hackbeil stellte in den Mittelpunkt seiner Predigt die Geschichte von Jesus und der Samariterin am Brunnen (Johannes 4). Darin stelle die Frau die Zugehörigkeit über die Barmherzigkeit, so der Propst. Jesus aber nehme das Gespräch mit ihr auf. Zwar erfahre man am Ende nicht, ob die Frau Jesus Wasser aus dem Brunnen gibt. Aber man erfahre: »Von Jesus geht aus, wonach sich alle sehnen: geliebt zu sein und sich lebendig zu fühlen.« Christoph Hackbeil verwies darauf, dass die Angebote der Kirchen an ihrem Pavillon in den Ihlegärten für alle da seien – zum Gespräch, zum Innehalten, Entspannen und Entschleunigen. Jeden Tag wird dort um 12 Uhr die Glocke läuten, so wie am Sonntag die Burger Kirchenglocken den Gottesdienst und das Gesamtprogramm einläuteten: in der Woche zu Andachten, sonntags zu Gottesdiensten. Über 80 ehrenamtliche Helfer arbeiten in der Zeit der Laga im Kirchengarten mit.

Die Superintendentin des Kirchenkreises Elbe-Fläming, Ute Mertens, dankte allen, die sich seit 2013 in der ökumenischen Vorbereitungsgruppe und jetzt während der Laga an der Planung und Umsetzung des Programmes beteiligt hatten und haben. Davon, wie schön es im und am (jederzeit eintrittsfreien) Kirchen-Pavillon am Flüsschen Ihle ist, konnten sich die Besucher gleich am Sonntag überzeugen: bei guten Gesprächen und eingehüllt in die Musik des Posaunenchores »einfachso«.

Angela Stoye

www.laga-burg-2018.de
www.kirchen-landesgartenschau-burg.de

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Pfarrer auf Rädern

30. April 2018 von redaktionguh  
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Kirchenkreis Salzwedel: Johannes-Michael Bönecke ist Pfarrer für Vertretungsdienste

Viel Land, wenig Menschen, kaum Städte, dafür aber fast in jedem Dorf eine Kirche – dabei hat der Kirchenkreis Salzwedel mit etwa 25 Prozent für sachsen-anhaltische Verhältnisse eine recht hohe Dichte an evangelischen Christen. Wegen des demographischen Wandels auch hier mit rückläufiger Tendenz. Doch nun werden auch die Pfarrer knapp – und Neuzugänge sind kaum zu finden.

Insgesamt vier Stellen hatte der Kirchenkreis jüngst ausgeschrieben – zwei Pfarrer, zwei ordinierte Gemeindepädagogen. Und weil in immer mehr Gemeinden Pfarrer fehlen – sei es durch Vakanz oder Krankheit – gibt es dort seit vorigem Sommer die Kreispfarrstelle für Vertretungsdienste. Etwas, was Superintendent Matthias Heinrich zunächst überhaupt nicht wollte. Doch die Not sei einfach zu groß. Wenn Stellen nicht besetzt werden, könnten bestimmte Arbeiten einfach nicht mehr gemacht werden. Es sei schwer, für eine Amtshandlung wie eine Beerdigung eine Vertretung zu bekommen. Dann muss man erst eine Weile telefonieren, bis man jemanden hat. »Weil die Nachbarn alle so große Stellen haben, dass sie die freien Gebiete nicht mehr mit vertreten können«, erklärt Heinrich. In der Altmark gehören im Schnitt 20 Dörfer zu einer Pfarrstelle. Der Superintendent hatte zunächst Befürchtungen, ein Vertretungspfarrer wäre nicht ausgelastet. Doch das, sagt er, sei derzeit mitnichten der Fall – eher im Gegenteil.

Mobil: Johannes-Michael Bönecke springt im Kirchenkreis immer dort ein, wo gerade eine Pfarrstelle vakant ist. Foto: Doreen Jonas

Mobil: Johannes-Michael Bönecke springt im Kirchenkreis immer dort ein, wo gerade eine Pfarrstelle vakant ist. Foto: Doreen Jonas

Das kann Johannes-Michael Bönecke nur bestätigen. Gottesdienste, Hochzeiten, Seelsorge, Beerdigungen – er sei immer dort, wo »es brennt« und eben kein anderer Pfarrer da ist. Deshalb bezeichnet er sich schmunzelnd auch als »Feuerwehrpfarrer«. Wo Stellen vakant sind, springt er als Vertretungspfarrer ein. Bönecke: »Die Gemeinden kriegen meine Nummer und wissen, dass sie mich anrufen können.« Das heißt schon mal morgens 50 Kilometer Richtung Westen zum Religionsunterricht und nachmittags 50 Kilometer gen Osten zur Seelsorge. Das Navi braucht Bönecke dabei kaum, mit der Altmark ist er vertraut.

Er war lange Pfarrer in Klötze, bis er sich voriges Jahr auf die Stelle des »Vertretungspfarrers« beworben hat. »Das passt so was von für mich«, sagt er begeistert. Natürlich könne er nicht fünf Pfarrer ersetzen. Aber wenn er in den Gemeinden sei, spüre er die Freude darüber, dass da jemand ist, den man ansprechen kann, dass es wieder einen Gottesdienst gibt. »Die sind dann oft mit vollem Haus, das macht es mir leichter«, sagt der Vertretungspfarrer.

Um die Aufgabe der Vertretung zwischen den Gemeinden hinzubekommen bedarf es einer guten Selbstorganisation, Disziplin und einer festen Struktur. Und, fügt Bönecke hinzu, »natürlich auch Kirchenälteste in den Dörfern, auf die man sich verlassen kann.«

Seine Stelle als »Vertretungspfarrer« ist zunächst auf drei Jahre befristet, allerdings ist für ihn jetzt schon klar: Gebraucht werden wird sie wohl noch länger.

Doreen Jonas

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Orgelsommer geht weiter

29. April 2018 von redaktionguh  
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Kulinarik und Orgelmusik: Die 27. Ausgabe des Festivals wird vom 29. Juni bis 22. Juli unter Leitung des neuen Präsidenten KMD Theophil Heinke (Waltershausen) veranstaltet.

Was ist das Besondere an diesem Ereignis, das in alle Regionen des Freistaates ausstrahlt? Wie möchten Sie das Profil prägen?
Heinke:
Thüringer Orgelsommer – das bedeutet viele Konzerte in vielen Kirchen, besonders auf dem Lande, wo es so zahlreiche sehenswerte sakrale Räume und hörenswerte Orgeln gibt. Das ist ein echter Schatz in Thüringen. In Zeiten der zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft und des Rückzugs des gesellschaftlichen Lebens aus den strukturschwächeren Regionen wollen wir auf diese Besonderheiten aufmerksam machen.

Größte Barockorgel Thüringens: Seit 1995 spielt KMD Theophil Heinke das von Tobias Gotthilf Heinrich Trost von 1724 bis 1730 erbaute, aber nicht vollendete Instrument. Foto: privat

Größte Barockorgel Thüringens: Seit 1995 spielt KMD Theophil Heinke das von Tobias Gotthilf Heinrich Trost von 1724 bis 1730 erbaute, aber nicht vollendete Instrument. Foto: privat

Dies ist die Intention, die bereits der im vergangenen Jahr verstorbene »Spiritus Rector« des Orgelsommers Kirchenmusikdirektor Gottfried Preller hatte und mit großem Engagement praktizierte. Dieses Profil möchte ich gemeinsam mit dem Vorstand unbedingt beibehalten. Ein zusätzlicher Schwerpunkt soll die Förderung des »Orgelnachwuchses« werden. Es gibt zahlreiche Orgeln in gutem Zustand, aber zunehmend fehlen die Organisten, die sie bespielen. Das hat sicherlich mehrere Ursachen. Ich möchte da gern Schwellenängste abbauen helfen und wieder die Begeisterung für dieses in einigen Regionen aus der Mode gekommene Instrument wecken.

Wie erfolgt die Auswahl der Orte? Können sich Gemeinden mit einer »interessanten« Orgel bewerben?
Heinke:
Jede Gemeinde mit einer interessanten Orgel kann sich bei uns bewerben und hat gute Chancen, da uns die Nutzung solcher Instrumente am Herzen liegt. Wichtig ist uns aber auch, dass Leute vor Ort unser Festival unterstützen und die Konzerte gut bekannt machen. Denn trotz der großen Auflage unserer Werbematerialien ist das Einladen vor Ort sehr, sehr wichtig. Wir haben auch immer mindestens einen Ort dabei, wo die Orgel nicht mehr zum Hörgenuss führen kann, sich aber die Gemeinde starkmacht für deren »Wiederbelebung«. So etwas zu unterstützen, ist erklärtes Ziel des Orgelsommers.

Beim diesjährigen Festival gibt es 27 Veranstaltungen, es soll aber wieder die einstige Anzahl erreicht werden. Wie viele Konzerte waren das in etwa?
Heinke:
Der Orgelsommer hatte bisher stets über 40 Konzerte, 2017 aufgrund der Reformationsfeierlichkeiten sogar über 50. Der Tod von KMD Preller kam überraschend und wir müssen uns im Orgelsommerteam erstmal neu sortieren, daher ist für uns die Zahl von 27 zunächst die machbare Größe. Wir streben aber wieder eine der einstigen vergleichbare Größenordnung an, wobei es nicht nur um die Anzahl der Konzerte, sondern auch darum geht, in allen Landesteilen präsent zu sein, dieses Jahr kommt Ostthüringen leider zu kurz.

Zum Profil des Orgelsommers gehört es, dass die »Königin der Instrumente« in Kombination mit anderen Instrumenten, Gesangsstimmen oder Ensembles erklingt. Steckt dahinter die Erfahrung, dass auf dem Lande das Interesse an reinen Orgelkonzerten nicht so groß ist?
Heinke:
Die Kombination Orgel plus hatte in den letzten Jahren wesentlich mehr Erfolg als Orgelsolokonzerte. Die Ursachen dafür mögen vielschichtig sein. Konzerte mit weiteren Musikern, die gemeinsam oder im Wechsel mit der Orgel musizieren, sind sicherlich interessanter im Klang und im Erleben. Der reine Orgelklang kann, zumal auf kleineren Instrumenten, auf Dauer etwas Statisches oder sehr Abstraktes haben, die Zuhörer erfreuen sich unter anderem besonders an Überraschungen und Abwechslung.

Auffällig in diesem Jahr ist, dass sich der Orgelsommer auch anderen Musikformen öffnet, wie hinduistischer Tempelmusik oder dem Liedermacher Gerhard Schöne. Soll dies zu einer weiteren Horizonterweiterung und stärkeren Breitenwirkung beitragen?
Heinke:
Das Öffnen für andere Musikformen hat sich bereits bewährt. So wurden z. B. im Reformationsjahr Luther-Choräle vom »Marco-Böttger-Swingtett« verjazzt. Oder die jüdische Klarinettistin Irith Gabriely brachte hervorragenden Klezmer mit ein. Diese Experimentierfreude ist mir auch sehr wichtig und ich möchte sie fortsetzen. Wir wollen, dass unsere Konzerte eine gewisse Leichtigkeit erhalten, schließlich finden die Konzerte im Sommer statt und nicht in der Passionszeit. Gerade weil sie zum Lobe Gottes erklingen, sollen die Orgeln jubeln.

In diesem Jahr trifft der Thüringer Orgelsommer auf Thüringer Gastlichkeit. Vor oder nach einigen Konzerten gibt es Kaffee und Kuchen, einen Imbiss oder einen Weinempfang.
Heinke:
Auch das hat bereits Tradition. Ich habe in beglückender Weise oft erlebt, wie ein Orgelsommerkonzert zu einer Art Dorf- oder Gemeindefest wurde. Die Kirchen waren voll und nach dem Konzert wurde gewaltig aufgetragen. Die Dorfgemeinschaften freuen sich in Zeiten des Rückzugs der dörflichen Infrastrukturen über solche »Highlights«.

Wie wollen Sie all dies neben Ihren Aufgaben als Kreiskantor stemmen?
Heinke:
Der Orgelsommer ist in der Tat eine große Herausforderung. Um mehr Luft zu bekommen, habe ich meinen Zuständigkeitsbereich als Orgelsachverständiger auf 20 Prozent runtergefahren und meine Tätigkeit als Lehrbeauftragter für die C-Ausbildung beendet. Auch meine Kirchenmusikerstelle ist auf 80 Prozent reduziert worden, was meiner Orgelsommertätigkeit zur Zeit sogar nützlich ist. Zusätzlich gibt es viele ehrenamtliche Helfer und eine Sekretärin steht mir zur Seite. Besonders hilfreich sind weiterhin der Schatzmeister Ulrich Bamberger, sowie mein Stellvertreter Andreas Conrad, Bezirkskantor in Schmalkalden, und seine Frau Anja Conrad, die große Erfahrungen in der Öffentlichkeitsarbeit einbringt.

Die Fragen stellte Michael von Hintzenstern.

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Nachhall: Das geht so nicht!

29. April 2018 von redaktionguh  
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Für die Evangelische Kirche in Deutschland ist das eine Blamage, die Konsequenzen haben muss. Der Vertreter der EKD im Beirat des Musikpreises Echo hat für die Zulassung der Skandalrapper Farid Bang und Kollegah zur Preisverleihung gestimmt – trotz übelster antisemitischer Texte auf ihrem Album »Jung, Brutal, Gutaussehend 3«.

Eigentlich ist das unvorstellbar. Denn hatte sich die EKD nicht gerade im Vorfeld des Reformationsjubiläums auf ihr besonderes Verhältnis zu Israel und dem jüdischen Volk besonnen? Hatte man nicht in unzähligen Erklärungen Luthers Antisemitismus und die christliche Judenmission verurteilt? Wie kann es sein, dass ein Mitarbeiter des EKD-Kulturbüros dann trotzdem so ein Votum abgibt? Eines ist klar: Die bescheidenen Erklärungsversuche, die der Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen gegenüber dieser Zeitung abgab, überzeugen nicht. Denn ist es nicht gerade die Aufgabe eines Kirchenvertreters in einem Ethik-Gremium, auch einmal gegen den Strom zu schwimmen und die Grenzen der Kunstfreiheit zu markieren? Und wieso sitzt eigentlich ein Mitarbeiter und nicht der Kulturbeauftragte selbst in diesem Echo-Beirat?

Der Rat der EKD und die Mitglieder der Kirchenkonferenz jedenfalls wären gut beraten, auf ihren nächsten Sitzungen über eine grundlegende Neuorganisation ihrer Kulturarbeit nachzudenken. Denn klar ist doch: Ohne große Not wurden hier Grundüberzeugungen des deutschen Protestantismus – zu denen nun einmal auch das entschiedene Eintreten gegen jede Form von Antisemitismus gehört – einer bequemen Mehrheitsmeinung geopfert. Und die EKD wurde von ihren Mitarbeitern öffentlich blamiert. Das geht so nicht! Und es darf auf keinen Fall so weitergehen.

Benjamin Lassiwe

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In Moll und Dur: Das wunderbare Lebenslied

28. April 2018 von redaktionguh  
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Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Psalm 98, Vers 1

Oh ja, gern. Neue Lieder singen und nicht immer das alte Zeugs mit einer Sprache, die heute keiner mehr spricht. Neue Lieder, zeitgemäß, in unserer Sprache. Stattdessen singe auch ich oft die alten Lieder im Gottesdienst und merke, wie ich zwar die Glaubensaussagen darin nachvollziehen kann. Aber die Worte, die Bilder – sie sind mir so weit weg.

Was hat das alles mit mir heute hier zu tun? Geht Kirche nur so, muss sie einen leicht muffigen Charakter haben, oder geht das nicht auch anders? Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Genau. Er tut sie. Gegenwart, nicht Vergangenheit. Und Zukunft! Ich will meine Lieder finden und singen oder mitsummen. Lieder in meiner Sprache. Das kann gerappt sein oder gerockt, kann balladenhaft sein und leise, kann 12-tonal sein oder …

Juliane Kleemann, Pfarrerin, EKD Zentrum Mission in der Region

Juliane Kleemann, Pfarrerin, EKD Zentrum Mission in der Region

Aus Begeisterung heraus Lieder singen oder summen. Das ist die Frage an mein ganz eigenes Gemüt. Welche Töne schlagen die Wunder Gottes in mir an? Das kann Johann Sebastian Bach sein oder Lothar Kosse, Paul Gerhardt oder Fritz Baltruweit, Choräle oder moderne Lobpreislieder. Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder – das geht nur im Hören auf die Töne, die Gott in mir anschlägt.

Was sind die Wunder Ihres Lebens? Was sind die Überraschungen, die Sie nicht zu erhoffen wagten? Menschen, die als eigene Freunde lange nicht denkbar waren? Errettung aus einer Not, die so unendlich und unabwendbar schien? Eine Aussicht auf eine glückende Zukunft, obwohl bisher mehr für Finsternis sprach als für Licht?

Sing dem Herrn dein Lied für die Wunder, die er an dir tut. So will ich dieses Wort für mich nehmen, und dann werde ich ja sehen, nein hören, welches Lied es wird. Vermutlich werden sich darin alte Töne mit neuen mischen und ich erkenne, dass Gott gestern, heute und morgen ist und mit ihm dann auch die Lieder und Töne. Und es eben kein Alt gegen Neu gibt, sondern vielmehr ein Neues aus dem Alten und dann eben »Ich sing Dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben«.

Juliane Kleemann, Pfarrerin, EKD Zentrum Mission in der Region

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Aufbruchsignal für Gemeinden

23. April 2018 von redaktionguh  
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Frühjahrstagung: Landessynode sucht im Kloster Drübeck Perspektiven

Die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) hat sich auf ihrer dreitägigen Frühjahrstagung im Kloster Drübeck auf neue Impulse für die Gemeindearbeit verständigt. Unter dem Motto »Evangelisch – Ein Kreuz für die Welt« wurden zu sechs Thesen (untenstehend), die bereits auf der Herbstsynode 2017 vorgestellt wurden, Anregungen und erste Handlungsempfehlungen für die Gemeinden und Kirchenkreise erarbeitet. Unter anderem geht es darum, wie auch konfessionslose Menschen mit dem Evangelium erreicht werden und wie Glaubensinhalte verständlich kommuniziert werden können sowie um die Zukunft der Gemeindearbeit. Die Rede war von einem Aufbruchsignal, das daraus entstehen sollte.

Fotos: Willi Wild/Collage: Adrienne Uebbing

Fotos: Willi Wild/Collage: Adrienne Uebbing

Die Umschreibung der EKM-Verfassung in eine geschlechtergerechte Sprache verfehlte am Samstag indes die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit knapp. Für das Gesetz wären von den abgegebenen und gültigen 70 Stimmen genau 47 Stimmen notwendig gewesen. Da aber nur 46 Synodale dafür stimmten, scheiterte das Vorhaben. 22 Synodale stimmten mit Nein, bei zwei Enthaltungen. Die textlichen Änderungen, die vorgesehen waren, sahen vor allem den Zusatz der weiblichen Form wie etwa Pfarrerin, Bischöfin und Mitarbeiterin zu den männlichen Formulierungen vor.

Zum Auftakt der Tagung hatte Landesbischöfin Ilse Junkermann die Kirchengemeinden ermuntert, positive Erfahrungen aus dem Reformationsjubiläum 2017 mitzunehmen und neue Formate auszuprobieren. Die Bischöfin beklagte aber auch frustrierende Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Verantwortlichen des Reformationsjubiläums. Kulturunterschiede zwischen Ost und West dürften nicht einfach übergangen, sondern müssten viel häufiger und bewusster reflektiert werden, so Junkermann.

Die Landessynode besteht aus 80 gewählten, berufenen und solchen Mitgliedern, die ihr von Amts wegen angehören. In der Regel tritt die Landessynode zweimal im Jahr zusammen. Zu den Aufgaben der Kirchenparlamentarier, der Synodalen, gehören unter anderem die Kirchengesetzgebung und der Beschluss über den Haushaltsplan. Die Synode nimmt Berichte der Landesbischöfin, des Landeskirchenrates und des Landeskirchenamtes entgegen und kann ihnen Aufträge erteilen. Die nächste Tagung ist vom 21. bis 24. November in Erfurt geplant.
(epd)

Losgehen statt stehenbleiben

Die Verfassungsänderung ist knapp gescheitert. Eine Stimme fehlte der Kirchenverfassung in geschlechtergerechter Sprache. Kirchenrätin Dorothee Land, Gleichstellungs­beauftragte der EKM, ist trotzdem zuversichtlich.

Haben Sie mit diesem Ergebnis bei der Abstimmung gerechnet?
Land:
Ich finde gut, dass wir in der Synode so offen und kontrovers diskutiert haben. Denn auch da gilt, was nicht in der Sprache ist, ist nicht in der Wirklichkeit. Es war zu erwarten, dass es eine enge Abstimmung wird. Dass nur eine Stimme gefehlt hat, ist schade, zeigt mir aber auch, dass eine Mehrheit die Veränderung will. Und, dass einige die eigenen Bedenken zurück gestellt haben zugunsten derer, für die wir das tun.

Dorothee Land. Foto: privat

Dorothee Land. Foto: privat

Frauen und Männer, die in geschlechtergerechter Sprache ein Zeichen sehen, dass Kirche bereit ist, gewohntes Terrain zu verlassen, auch ohne letzte Sicherheit, wo sie der Weg hinführt. Das ist für mich eine gut evangelische Haltung. Das steht uns gut zu Gesicht, wenn wir Kirche für Andere sein wollen.

Wie gehen Sie als Gleichstellungsbeauftragte jetzt damit um?
Land:
Zuallererst werde ich auch weiter meinen eigenen Umgang mit geschlechtergerechter Sprache sensibel wahrnehmen und darauf achten, so zu sprechen, dass Frauen und Männer in meiner Sprache sichtbar werden. Wir müssen alle lang eingeübte Gewohnheiten verändern. Das fällt niemandem leicht. Ich will, dass wir im Gespräch bleiben und nicht durch Abwertung oder Distanzierung das Gespräch abbrechen. Darauf werde ich achten und mich auch entsprechend äußern.

War die ganze Vorarbeit umsonst und sind die Änderungen damit Makulatur?
Land:
Auf gar keinen Fall. Die hohe Intensität und Emotionalität der Debatte hat gezeigt, dass es mitnichten um ein Randthema unserer Kirche geht. Wir sind eine Kirche des Wortes. Wir fragen, wie wir sprachfähig werden, so dass Menschen verstehen, dass Kirche und Glaube eine Relevanz für ihr Leben haben. Kirchliche Arbeit wird in vielen Bereichen unserer Kirche von Frauen getragen. Was vergeben wir uns, wenn sich das auch sprachlich abbildet?

Wie jeder und jede Einzelne spricht, ist weder vorzugeben, geschweige denn zu diktieren. Der Fokus liegt darauf, die zu unterstützen, die durch Sprache oder auch durch unser Tun in der Entfaltung ihrer Lebensmöglichkeiten beschränkt werden. Wir tun dies selbstverständlich, wenn es um Fragen ungerechter Wirtschaftssysteme, um soziale Ungerechtigkeiten, um die Folgen unseres Lebensstils geht. Warum also nicht auch, wenn wir die Wirkung unserer Sprache diskutieren? »Ich brauche das nicht«, ist in diesem Zusammenhang ein Argument, mit dem ich die Perspektive derer ausblende, für die gendergerechtes Sprechen existentiell bedeutsam ist.

Die zentralen Punkte sind für mich: Öffnung statt Abgrenzung. Wahrnehmen statt Bewerten. Losgehen statt Stehenbleiben. Und in allem: Gottvertrauen.

Die Fragen stellte Willi Wild.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Auf der Suche nach Gott

23. April 2018 von redaktionguh  
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Abonnenten aus aller Welt: Michael und Judith Schalter betreuen auf Facebook das »Projekt Glaubensfragen«.

Woher kann ich wissen, dass es Gott überhaupt gibt? Und wie betet man richtig? Grundsätzliche und ganz praktische Fragen zum Glauben finden sich auf der Plattform »Projekt Glaubensfragen« im Internet. Die Antworten darauf liefern die Nutzer der Plattform selbst. Mehr als 171 000 Menschen haben den Facebook-Auftritt unter www.facebook.com/Projekt.Glaubensfragen abonniert. Hinter dem 2011 gestarteten Projekt stehen Michael und Judith Schalter aus Meckenheim.

Foto: AboutLife – stock.adobe.com

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2010 hatte der Evangeliums-Rundfunk ERF das Angebot »Nikodemus.net« beendet. »Das fanden wir schade«, sagt Schalter. Schließlich waren dort mehr als 700 frei abrufbare Fragen und Antworten zum christlichen Glauben zu finden. So kam die Idee auf, eine eigene Facebook-Seite mit dem Schwerpunkt Glaubensfragen online zu stellen.

Kindertaufe, der Sinn des Lebens, die Frage nach Verhütung, Nahtoderfahrungen, Kirchenbesuch oder Theodizee: Breit gefächert sind die mehr als 100 Fragen, die von Nutzern gestellt und von Schalters anonymisiert eingepflegt wurden. Rund 15 bis 30 Kommentare finden sich im Schnitt dazu.

Die größte Gruppe der Leser sei unter 24 Jahre alt, erklärt Schalter. Das sei sicher auch durch das Medium Internet bedingt. Allerdings sei bei Kommentaren und Beiträgen auch die Gruppe der 25- bis über 65-Jährigen stark vertreten. Beim Lesen der Kommentare wird klar, dass die Nutzer aus der ganzen Welt stammen. Auch deshalb sind mehr als die Hälfte der Beiträge in Englisch verfasst. Dazu gehören Bilder, Texte und Videos, die Schalters einstellen, wenn über längere Zeit keine neuen Glaubensfragen eingesendet werden.

»Wir haben uns überlegt, wie wir Menschen mit dem Evangelium in Ländern erreichen können, in denen Mission großteils verboten ist«, sagt Schalter. So sei es beispielsweise nicht erlaubt nach Saudi-Arabien eine Bibel einzuführen. Jeder siebte Einwohner habe aber einen Facebook-Account. »Deshalb haben wir in Saudi-Arabien und anderen streng muslimisch geprägten Ländern gezielt Facebook-Kampagnen durchgeführt, um ›unerreichbare‹ Menschen mit der Frohen Botschaft von Jesus Christus zu konfrontieren«, sagt Schalter. Das sei auch durch Spenden von Freunden und Abonnenten der Facebook-Seite möglich geworden. Inzwischen hat die Facebook-Seite mehr Abonnenten aus Saudi-Arabien als aus der Schweiz, erklären die Webseiten-Betreiber.

Ein- bis zweimal die Woche posten Judith und Michael Schalter ganz spontan, bringen sich auch selbst immer wieder in Diskussionen ein. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil der Familiencomputer im Esszimmer steht. Die Moderation läuft so im Alltagsgeschehen mit. Allerdings veröffentlichen beide nicht jede Glaubensfrage, die sie erreicht. »Entweder beantworten wir diese dann in einer persönlichen Nachricht oder wir verweisen auf weitere Angebote im Netz«, sagt Michael Schalter. »Uns ist es wichtig, dass die Fragen den Fragesteller persönlich bewegen oder betreffen«, nennt er ein entscheidendes Auswahl-Kriterium. Würden Antworten bei allgemeinen theologischen Streitfragen schon in der Frage vorweggenommen, verwiesen sie auf entsprechende Foren im Netz.

Eine Ausnahme bilden sogenannte Brennpunktthemen auf der Seite – wie geteilte Zeitungsartikel oder aktuelle Themen. Hier können und sollen sogar kontroverse Standpunkte diskutiert werden. So entbrannte etwa auf die vom Papst ins Spiel gebrachte Neufassung des Vaterunsers im Dezember eine lebhafte Diskussion. Mehr als 90 Nutzer teilten das Thema, mehr als 200 stellten einen Kommentar dazu.

Die Nutzer sprechen auf der Seite aber auch über ihre persönlichen Sorgen und Zweifel mit ihrem Glauben. So schreibt eine Frau: »Mir wäre es lieber, er (Gott) würde wenigstens einen kleinen Teil der Verantwortung und Sorgen beseitigen. Ich schaffe es allein einfach nicht mehr.«

Was Judith und Michael Schalter auf ihrer Facebook-Seite beobachtet haben, ist, dass sich junge Menschen nicht mehr so sehr für eine Konfessions- oder Religionszugehörigkeit interessieren. Vielmehr wollten diese ihren Glauben individuell leben. »Die Fragen nach Gott sind da, aber es werden von den beiden großen Kirchen offensichtlich kaum Antworten darauf erwartet«, sagt Michael Schalter. »Es besteht in vielen Kommentaren eine Unsicherheit, ob der Pfarrer eigentlich auch glaubt, was er sagt.« Oft werde dabei der Wunsch nach einer authentischen Gotteserfahrung und Beziehung sichtbar.

Schalters gehen auf diese Glaubensvorstellungen insofern ein, dass sie den überkonfessionellen Charakter der Facebook-Seite konsequent verfolgen. »Allerdings haben wir im Impressum stehen, dass wir Mitglieder der evangelischen Kirche sind.« Auf der anderen Seite gehe es nicht darum, den unzähligen Glaubensgemeinschaften, die im Netz unterwegs sind, eine Plattform zu bieten, führt Schalter weiter aus. Vielmehr stehe die individuelle Erfahrung des einzelnen Gläubigen mit Gott im Vordergrund.

Bei allem Engagement für die Facebook-Seite tauchen Judith und Michael Schalter allerdings nicht völlig in die Netzwelt ab. »Uns ist natürlich auch bewusst, dass oftmals das Internet, der Hort allen Wissens und allen Wahns, als Steinbruch für den Bau der eigenen Patchwork-Religion gebraucht wird«, sagt Michael Schalter. »Es wird nur verwendet, was mich in meiner eigenen Meinung und meinem eigenen Weltbild bestärkt.«

Aus diesem Grund sei es ihnen wichtig, einer Gemeinde mit Menschen als Gegenüber anzugehören, erklären beide. Entscheidend sei, dass dabei auch eigene Standpunkte hinterfragt werden und Gemeinschaft konkret und spürbar gelebt werde. Auch deshalb fühlen sich beide ihrer Kirchengemeinde sehr verbunden.

Florian Riesterer

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Eine Frage der Zeit

22. April 2018 von redaktionguh  
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Die Enttäuschung ist groß. Eine eindeutige Zustimmung und trotzdem verloren. Nur eine Stimme fehlte zur Zweidrittelmehrheit bei der Abstimmung zur Änderung der Kirchenverfassung in geschlechtergerechte Sprache. Gefühlt stand sich dabei für die Befürworter die Verfassung wohl selbst im Weg. Die jahrelange Vorarbeit, der Einsatz an Zeit, Geld und Energie, alles umsonst? Auf der anderen Seite sind die Hürden für eine Verfassungsänderung mit Bedacht so hoch gewählt.

Häme oder Schadenfreude sind fehl am Platz ebenso wie Schuldzuweisungen. Auch wenn diesmal die erforderliche Mehrheit für die Änderungen knapp verfehlt worden ist, wird sich die gesellschaftliche Entwicklung auf Dauer auch in der EKM nicht aufhalten lassen. In vielen Bundesländern ist die Verwendung der geschlechtergerechten Sprache im öffentlichen Dienst bereits vorgeschrieben. Das generische Maskulinum ist nicht mehr der allgemeine Sprachgebrauch.

Der Vorschlag des Jugendsynodalen Philipp Huhn, nach zehn Jahren Maskulinum nun zehn Jahre Femininum zum Ausgleich zu verwenden, lockerte die streckenweise verfahrene Diskussion vor der Abstimmung auf. Der Hinweis, dass keiner aus seiner Kirchengemeinde die Verfassung je gelesen habe, macht das Dilemma deutlich. Auf der einen Seite sollen Frauen und Männer gleichermaßen angesprochen und sichtbar gemacht werden, will man die Identifikation und Akzeptanz auch von Rechtstexten erhöhen. Andererseits fehlt mitunter per se der Bezug zu den oft schwer verständlichen Verfassungswerken.

Wie geht es nun weiter? Der Landeskirchenrat wird darüber beraten. Die Abstimmung hat gezeigt, dass die Verfassungsänderung nur noch eine Frage der Zeit ist.

Willi Wild

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