Eine Frage der Zeit

22. April 2018 von redaktionguh  
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Die Enttäuschung ist groß. Eine eindeutige Zustimmung und trotzdem verloren. Nur eine Stimme fehlte zur Zweidrittelmehrheit bei der Abstimmung zur Änderung der Kirchenverfassung in geschlechtergerechte Sprache. Gefühlt stand sich dabei für die Befürworter die Verfassung wohl selbst im Weg. Die jahrelange Vorarbeit, der Einsatz an Zeit, Geld und Energie, alles umsonst? Auf der anderen Seite sind die Hürden für eine Verfassungsänderung mit Bedacht so hoch gewählt.

Häme oder Schadenfreude sind fehl am Platz ebenso wie Schuldzuweisungen. Auch wenn diesmal die erforderliche Mehrheit für die Änderungen knapp verfehlt worden ist, wird sich die gesellschaftliche Entwicklung auf Dauer auch in der EKM nicht aufhalten lassen. In vielen Bundesländern ist die Verwendung der geschlechtergerechten Sprache im öffentlichen Dienst bereits vorgeschrieben. Das generische Maskulinum ist nicht mehr der allgemeine Sprachgebrauch.

Der Vorschlag des Jugendsynodalen Philipp Huhn, nach zehn Jahren Maskulinum nun zehn Jahre Femininum zum Ausgleich zu verwenden, lockerte die streckenweise verfahrene Diskussion vor der Abstimmung auf. Der Hinweis, dass keiner aus seiner Kirchengemeinde die Verfassung je gelesen habe, macht das Dilemma deutlich. Auf der einen Seite sollen Frauen und Männer gleichermaßen angesprochen und sichtbar gemacht werden, will man die Identifikation und Akzeptanz auch von Rechtstexten erhöhen. Andererseits fehlt mitunter per se der Bezug zu den oft schwer verständlichen Verfassungswerken.

Wie geht es nun weiter? Der Landeskirchenrat wird darüber beraten. Die Abstimmung hat gezeigt, dass die Verfassungsänderung nur noch eine Frage der Zeit ist.

Willi Wild

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Das Traditionsheim in Köthen wird 70

22. April 2018 von redaktionguh  
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Jugendhilfe: Die »Arche« gibt Mädchen und Jungen ein neues Zuhause

Im Foyer der Jugendstilvilla hängt ein aus Holz gesägter Schlüssel. Vor fast 25 Jahren gelangte er in das stattliche Haus an der Köthener Bärteichpromenade, das seit Jahrzehnten als Kinder- und Jugendheim dient. Der damalige Köthener Pfarrer Albrecht Lepetit, ein gelernter Tischler, fertigte ihn an und übergab ihn 1994, als das Heim von der Trägerschaft des Landkreises in die der Jakobsgemeinde wechselte. Seit 1998 trägt es den Namen »Arche«. Anfang Mai feiert das Heim sein 70-jähriges Bestehen mit einem Festakt und einem Ehemaligentreffen auf dem Heimgelände sowie einem Gottesdienst in der Jakobskirche. Unabhängig von diesem festlichen Höhepunkt schaut Pfarrer Wolfram Hädicke als Mitglied des Heimkuratoriums mehrmals in der Woche im Haus vorbei.

Die »Arche«, eine über 100 Jahre alte, sanierte Villa, umgibt ein großes Freigelände. Foto: Heiko Rebsch

Die »Arche«, eine über 100 Jahre alte, sanierte Villa, umgibt ein großes Freigelände. Foto: Heiko Rebsch

»Wir sind das Traditionsheim in Köthen«, sagt Martin Dreffke. Der promovierte Pädagoge leitet das Haus seit 1992. Als es am 30. April 1948 in der ehemaligen Bürgermeistervilla eröffnet wurde, zogen als erstes 25 Kriegswaisen hier ein. Ab Mitte der 1950er Jahre wurden dann Kinder aufgenommen, für die der Staat Erziehungshilfe leisten musste.

Kollektiverziehung und strenge Regeln prägten ihr Leben, so Dreffke, aber nie habe ihm einer der Ehemaligen etwas von Schikanen berichtet. In den DDR-Jahrzehnten lebten im Heim bis zu 50 Kinder, heute wohnen hier 20 in zwei alters- und geschlechtsgemischten Gruppen, für die jeweils vier Erzieher zuständig sind. Die Tatsache, dass der Bedarf höher ist als die vorhandenen Heimplätze, findet der Pädagoge bedenklich. Aufgenommen werden Kinder von drei bis 18 Jahren, zurzeit ist das jüngste Kind acht, das älteste 17.

In den vergangenen Jahrzehnten ist das Haus nicht nur baulich, sondern auch inhaltlich den neuen Erfordernissen angepasst worden. Neben der Umstellung auf Wohngruppen gehört seit 1996 das betreute Jugendwohnen in der Stadt dazu, um junge Menschen gut vorbereitet ins selbstständige Leben als Erwachsene entlassen zu können, wenn eine Rückkehr ins Elternhaus nicht möglich ist. Zudem ist die »Arche« heilpädagogisch-integrativ ausgerichtet. Inzwischen bietet das Heim auch »Flexible Elternhilfe« für alleinstehende junge Mütter an, die mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind. »So wird vermieden, dass Kinder von ihrer Mutter getrennt werden müssen«, sagt Martin Dreffke. Und in der Not gibt es im Heim eine Schutzstelle für den Fall, dass ein Kind sehr schnell aus seiner Familie in die Obhut des Jugendamtes übernommen werden muss. Seit 2015 sind Wohngruppen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge mit heute insgesamt 14 Plätzen hinzugekommen. Aktuell plane man, die Zahl der Mitarbeiter aufzustocken. Insgesamt ist die »Arche« Arbeitgeber für 23 Frauen und Männer auf den Gebieten Erziehung, Hauswirtschaft und Verwaltung.

»Bei uns gibt es keinen Stillstand«, sagt Martin Dreffke. »Es wird immer wieder neu geschaut, was aktuell gebraucht wird, und ein klassisches Kinderheim wird immer gebraucht.«

Angela Stoye

5. Mai, Arche, 15 Uhr: Treffen ehemaliger Bewohner und Mitarbeiter

6. Mai, St. Jakob

11 Uhr: Fest- und Familiengottesdienst

www.arche-kh.de

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Klasse statt Masse: Christus zielt immer auf den Einzelnen

21. April 2018 von redaktionguh  
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Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

2. Korinther 5, Vers 17

Nein, nicht alles ist neu geworden. Dieses Versprechen steht noch aus: »Siehe, ich mache alles neu!«, sagt erst der, der in der Offenbarung auf dem Thron sitzt (Offb. 21,5). Die Welt ist noch die alte, und wir merken es mit zunehmendem Erschrecken. Auch 2 000 Jahre Christentum haben daran nichts geändert: Was Christen Positives in dieser Zeit geleistet haben, wurde durch Unglaubwürdigkeit, Machtmissbrauch und Verbrechen wieder negiert. Die Kirche Jesu Christi hat einen skandalösen Anteil daran. Wen wundert es, wenn immer wieder alles beim Alten bleibt?

Pfarrer i. R. Giselher Quast, Magdeburg

Pfarrer i. R. Giselher Quast, Magdeburg

Neu werden kann nur der Einzelne: »Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur.« Mehr sagt der Wochenspruch gar nicht. Christus zielt immer auf den Einzelnen, auf das Herz, nicht auf die Masse. Mit zunehmender Zeit habe ich gelernt: Ich kann nicht für alle sprechen, nicht für die Kirche, nicht für die Deutschen oder für meine Generation. Ich kann nicht einmal immer gutheißen, was ›die Kirche‹, ›die Deutschen‹ ›die Christen‹ tun. Ich kann nur für mich selbst Verantwortung übernehmen, für mein eigenes Versagen und für mein Neuwerden, für mein Zeugnis, für meine Art Christ zu sein.

»In Christus sein« ist das Kriterium des Neuwerdens, das österliche, das lebendige Kriterium. In Christus sein heißt für mich, in seinen Worten sein, mit ihnen identisch sein: den Worten der Bergpredigt, die die Maßstäbe der Welt auf den Kopf stellen, die die Gebote radikalisieren und der kleinen Kraft eine ungeheure Wirkung zutrauen. In Christus sein heißt für mich, in seinen Taten sein: in seiner bedingungslosen Liebe zu den Ungeliebten, in seiner streitbaren Auseinandersetzung mit der Unglaubwürdigkeit, in seinem Urvertrauen auf Gottes Führung. In Christus sein heißt für mich, in seinem Leiden sein: in der Gewaltlosigkeit, mit der er sich ausliefert, in der Opferbereitschaft, die allein die Welt verändern kann.

Nur wenn ich in dem allen bin, werde ich neu werden und mit ihm auferstehen. Ach, wenn ich es doch nur wäre!

Giselher Quast, Domprediger em., Magdeburg

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Auf-Takt für neue Orgel

21. April 2018 von redaktionguh  
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Im Gedenken an Johann Walter, den »Kantor der Reformation« und »Vater der evangelischen Kirchenmusik«, soll die Margarethen-Kirche seines Geburtsortes Kahla eine neue Orgel erhalten. Der Beginn des ersten Bauabschnitts wird am 22. April mit einem Konzert und Informa­tionen zum Projekt gefeiert.

Der offizielle Start des Großprojektes, das ein finanzielles Volumen von insgesamt 750 000 Euro haben wird, erfolgte bereits im Herbst 2013. Damals getragen von der Hoffnung, das Vorhaben bis zum 500. Reformationsjubiläum realisieren zu können. Da dies nicht möglich war, müssen nun mehrere Bauabschnitte absolviert werden.

Kurz vor dem Jahreswechsel konnte die Kirchengemeinde Kahla (Kirchenkreis Eisenberg) den Auftrag zum Bau des ersten Teils der neuen Johann-Walter-Orgel an die Orgelbaufirma Späth (Freiburg i. Br.) vergeben. »Die kleine Orgel, die vorne im Kirchenschiff unserer Stadtkirche ihren Platz finden soll, wird in der Werkstatt in Freiburg gebaut, bevor sie nach Kahla transportiert und in der Kirche aufgestellt wird«, ist von Maren Hellwig vom Förderkreis zu erfahren. Bei der promovierten Biologin laufen die organisatorischen Fäden des Orgelneubaus zusammen. Die Einweihung der kleinen Orgel solle im Jahre 2020 erfolgen. Zuvor müsse noch die Elektrik der Kirche komplett erneuert werden.

Wie das zukünftige Instrument aussehen wird, zeigt der abgebildete Entwurf. Der Orgelprospekt lehnt sich in Klang und Aussehen an Vorbilder aus Johann Walters Zeit an und nimmt zugleich die gotische Formensprache der Kirche auf. Farblich passt er sich an die jetzige Farbgebung des Kircheninneren an. Das »Johann-Walter-Positiv« wird an der Nordwand aufgestellt und verfügt über zehn klingende Register, die in historischer und moderner Stimmung gespielt werden können.

Die Margarethenkirche mit ihren 440 Plätzen hat in der Region eine zentrale Rolle. Deshalb sei es von großer Wichtigkeit, über eine gute Orgel zu verfügen, die zu Gottesdiensten und Konzerten sowohl zum Lob Gottes als auch zur Freude der Besucher erklingt, betont Maren Hellwig weiter. Das bisherige Instrument sei mangelhaft und stark abgenutzt gewesen, was die Spielmöglichkeiten extrem eingeschränkt habe. Künstlerischen Ansprüchen wurde die Orgel nicht mehr gerecht. Reparaturen erschienen nicht mehr sinnvoll.

Das Orgelpositiv wird an der Nordwand aufgestellt und verfügt über zehn klingende Register, die in historischer und moderner Stimmung gespielt werden können.

Das Orgelpositiv wird an der Nordwand aufgestellt und verfügt über zehn klingende Register, die in historischer und moderner Stimmung gespielt werden können.

Den Initiatoren des Orgelprojekts sei schnell deutlich geworden, dass es zwar diverse Fördermöglichkeiten und Stiftungen für Restaurierungsarbeiten gebe, aber keine Unterstützung für Orgelneubauten. Zugleich habe man vor der Herausforderung gestanden, im Geburtsort Johann Walters ein hochwertiges Instrument in Auftrag zu geben, das umfassende Möglichkeiten zur Ausübung der Kirchenmusik bietet.

Johann Walter habe durch die Vertonung von Martin Luthers deutschen Liedtexten und die damit verbundene Förderung des Gemeindegesangs der Reformation musikalische Flügel verliehen, verweist Maren Hellwig auf historische Wurzeln. »Mit Luther setzte er sich ein für die Zusammengehörigkeit von Theologie und Musik und damit für den Erhalt der Kirchenmusik durch die Wirren der Reformationszeit. Durch seine Tätigkeit als Komponist, Dichter und Musiktheoretiker hat Walter die weitere Entwicklung der evangelischen Kirchenmusik entscheidend beeinflusst. Er legte Grundlagen, auf denen Komponisten wie Bach, Händel oder Mendelssohn aufbauten. Mit Recht kann gesagt werden: Ohne Johann Walter keine evangelische Kirchenmusik!«

Dieses Erbe zu bewahren und seine Bedeutung zu würdigen, sei für Kahla eine aus der Geschichte gewachsene, besondere Verpflichtung. Der musikalischen Innovationskraft, die uns in Walter begegnet, soll in seiner Heimatstadt mit der »Johann-Walter-Orgel« ein Denkmal gesetzt werden, sind die Initiatoren überzeugt.

Die ca. 200 000 Euro für den ersten Bauabschnitt sind mittlerweile zusammengekommen. Wenn dieser absolviert ist, soll auf der Westempore eine moderne, zweiflügelige Orgel mit 31 Registern errichtet werden, die das mittlere Fenster freilässt. Erst mit dieser Hauptorgel wird das geplante Instrument vollständig sein. Deshalb müssen noch viele Spendengelder gesammelt werden. Maren Hellwig wirbt deshalb für die Übernahme von Pfeifenpatenschaften. Wie man eine solche antreten kann, verrät die übersichtlich gestaltete Homepage! Hier findet sich auch das Spendenkonto.

Doch jetzt wird erst einmal der Baubeginn gefeiert, wobei Orgelbaumeister Tilmann Späth das Projekt präsentieren und Mitglieder des Förderkreises über die Rahmenbedingungen informieren werden. Die Schirmherrschaft des Großprojektes hat der Sänger und Entertainer Gunther Emmerlich übernommen, der einen Auszug aus seinem aktuellen Programm beisteuert. Der Jugendchor an St. Marien Greiz und die Junge Hofkapelle Greiz unter Leitung von Ralf Stiller bereichern die Veranstaltung mit weiteren Musikwerken.

Michael von Hintzenstern

22. April, 17 Uhr, Stadtkirche St. Margarethen Kahla

www.jwok.de

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Wie eine zweite Familie

21. April 2018 von redaktionguh  
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Porträt: Ingeburg Brunner hält seit über 50 Jahren dem Dom und dem 1. FC Magdeburg die Treue

Wenn Ingeburg Brunner ihre Schätze auf dem Tisch ausbreitet, leuchten die Augen. Doch es sind keineswegs Schmuckstücke oder edle Kleider, für die sie sich begeistert, sondern alte Eintrittskarten, Programme und Plakate des 1. FC Magdeburg. Die imposante Sammlung enthält zahlreiche Zeugnisse aus der großen Zeit des Clubs in den 1970er- Jahren, als Magdeburg im Europacup große Erfolge feierte, gegen den FC Bayern, Schalke 04 oder PSV Eindhoven und Racing Lens antrat, in der Oberliga zu den besten Mannschaften zählte und es Ingeburg Brunner mit ihrem fußballbegeisterten Mann und den Söhnen regelmäßig ins Stadion zog.

»Auf diesen Beutel ist sogar der FCM scharf«, erzählt sie mit einem Schmunzeln und deutet auf die schon leicht verblichene blau-weiße Tasche. Darin bewahrt sie einen Wimpel vom letzten Europacupspiel des 1. FCM gegen Girondins Bordeaux auf. Zuletzt hatte sie den Beutel mit im Magdeburger Stadion, als im Januar eine Filmaufnahme des echten Domgeläutes in der Arena seine Premiere erlebte.

Weil Domprediger Jörg-Uhle Wettler um die Fußballbegeisterung der 87-Jährigen wusste, hat er sie mitgenommen. »Das hat mir schon gefallen, nach langer Zeit mal wieder im Stadion zu sein«, sagt die zierliche Frau mit einem verschmitzten Lächeln. Am liebsten würde sie am nächsten Wochenende gleich wieder in die Arena ziehen.

Fußball ist nicht die einzige Leidenschaft der gebürtigen Magdeburgerin. Sie ist auch seit mehr als 50 Jahren mit dem Magdeburger Dom eng verbunden. Als die Familie 1962 von Buckau in den Schatten der Domtürme zog, wechselte sie auch die Gemeinde. Seither spielt die Kathedrale eine zentrale Rolle in ihrem Leben. Über die Jahre ist die Gemeinde »zu einer zweiten Familie geworden«, wie sie selbst sagt. Sie hat die verschiedenen Kreise besucht – war im Mütter- und im Frauenkreis aktiv. Nur in den Seniorenkreis wollte sie erst nicht. »Da habe ich mich noch zu jung gefühlt.« Bis ihr Mann sie schließlich doch überzeugen konnte mitzugehen. Außerdem hat sie 15 Jahre am Kartentisch im Dom ihren Dienst versehen, war im Herbst 1989 bei den Friedensgebeten dabei und hat bei der Sanierung der Turmstufen 2010/2011 auch eine Stufe gestiftet.

Schätze in der guten Stube: Stolz präsentiert Ingeburg Brunner ein Plakat des vielfachen DDR-Pokalsiegers 1. FC Magdeburg. Die 87-Jährige ist seit Jahrzehnten Fußball-Fan. Foto: Martin Hanusch

Schätze in der guten Stube: Stolz präsentiert Ingeburg Brunner ein Plakat des vielfachen DDR-Pokalsiegers 1. FC Magdeburg. Die 87-Jährige ist seit Jahrzehnten Fußball-Fan. Foto: Martin Hanusch

Dass der Glaube und die Kirche eine solche große Rolle in ihrem Leben spielen würden, ist der langjährigen Mitarbeiterin in der Kinderbibliothek keineswegs in die Wiege gelegt worden. »Ich komme gar nicht aus einem christlichen Elternhaus und bin auch nicht so erzogen worden.« Für ihren Vater, Maschinist im Buckauer Wasserwerk, sei es sogar ein Schock gewesen, als sie den Weg in die Kirche gefunden habe. Im Kirchenchor lernt sie auch ihren Mann kennen. Viel später wird ihr der Glaube zur großen Stütze. »Als mein Mann 2006 an Krebs erkrankt ist und es mir selbst schlecht ging, hat der Glaube mir Kraft gegeben, das alles durchzustehen«, erzählt sie.

Daneben ist für sie die Familie überaus wichtig. Stolz erzählt sie von ihren drei Söhnen, den sieben Enkeln und vier Urenkeln, die zum Teil ihre Leidenschaft für den 1. FCM teilen. Bei einer Enkelin, die es nach Norwegen verschlagen hat, werde sogar bei den Heimspielen des FCM die Fahne gehisst. Einen Wunsch hat sie in diesem Zusammenhang auch: »Ich möchte es noch erleben, dass der 1. FCM in die 2. Liga aufsteigt.«

Die Chancen stehen nicht schlecht, aktuell befindet sich der Club auf dem 2. Tabellenplatz. Auch die Verantwortlichen des Vereins haben bereits signalisiert, Ingeburg Brunner gerne wieder im Stadion zu begrüßen. Schließlich zählt sie zu den ältesten und treuesten Anhängern.

Martin Hanusch

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Wo finde ich Gott?

20. April 2018 von redaktionguh  
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Im Konfirmationsalter beginnt oft die Suche nach dem Lebenssinn. Wo suchen Jugendliche heutzutage? Im Internet. Ein Selbstversuch.

Kennen Sie wikiHow? Unter dem Motto »Hier lernst du alles« findet man auf dieser Internetseite Anleitungen zu fast allen Themen des Lebens. Von der Frage »Wie ziehe ich nach Australien um?« oder »Wie berechne ich das Kubikmaß einer Kiste?« bis zu »Wie wende ich eine Haarspülung richtig an?«. Aber auch auf die existenzielle Frage, wo Gott zu finden ist, kennt wikiHow Antworten.

Wer diese Seite besucht, wird gleich mit »du« angeredet, was deutlich machen soll, dass sich das Angebot an junge Menschen richtet. »Wenn du ein Verlangen verspürst, einen Kontakt mit Gott herzustellen oder deine Verbindung zu Gott zu verbessern, gibt dir dieser Artikel einige Tipps, welche ersten Schritte du machen kannst, um herauszufinden, wer er wirklich ist.« Gleich in der ersten von zwölf Empfehlungen wird darauf hingewiesen, dass man nicht unbedingt eine Kirche braucht, um Gott zu finden. Versuchen könne man es aber trotzdem zunächst dort: »Wenn du Glück hast, findest du eine geistliche Kirche, die glaubt, dass sich Gott frei ohne Grenzen bewegt, und mit Menschen, die liebenswürdig und entgegenkommend sind. Wenn du so einen Platz findest, wäre es eine gute Idee in Erfahrung zu bringen, woran diese Menschen glauben.« Es geht dann weiter mit dem Vorschlag, einen Gottesdienst zu besuchen, religiöse Literatur zu lesen, den Verstand zu gebrauchen, offen zu sein und wachsam, vor allem gegenüber Menschen, die behaupten, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein. »Die meisten Kirchen haben nur einen Teil der Wahrheit«, heißt es weiter.

Fragen stellen, mit anderen sprechen und das Gespräch mit Gott suchen, die Anleitung klingt fast, als wäre sie aus dem Lehrbuch für den Konfirmandenunterricht. Allein schon, dass man der Frage nach Gott bei wikiHow einen ausführlichen Artikel widmet, zeigt, dass die Sinnsuche und Wertorientierung vor allem unter Jugendlichen wieder an Bedeutung gewinnt. Es wird aber auch deutlich, dass diese Frage scheinbar eher in der Anonymität des Internets gestellt wird.

Landesgartenschau Sachsen-Anhalt in Burg: Nicht nur in der Natur, auch bei den Angeboten der Kirchen auf der Landesgartenschau kann man sich auf die Suche nach Gott begeben. Die Glasarche (Foto) steht als Symbol für die Bewahrung und Erhaltung von Gottes Schöpfung. Foto: Reiner Eckel

Landesgartenschau Sachsen-Anhalt in Burg: Nicht nur in der Natur, auch bei den Angeboten der Kirchen auf der Landesgartenschau kann man sich auf die Suche nach Gott begeben. Die Glasarche (Foto) steht als Symbol für die Bewahrung und Erhaltung von Gottes Schöpfung. Foto: Reiner Eckel

Was heißt das nun für die Kirche und Kirchengemeinden? Auf der Frühjahrssynode wurde eingehend über die Thesen von Professor Michael Domsgen zur Gemeindesituation beraten (siehe auch Seite 5). Dabei scheint vor allem die Antwort auf die Frage, »wie Evangelium so kommuniziert werden kann, dass es Menschen erreicht«, zentral. Die Akzeptanz von Kirche in der Öffentlichkeit ist relativ hoch. Allerdings wissen immer weniger Menschen etwas mit christlichen Inhalten anzufangen.

Die Offenheit für religiöses Denken wird hauptsächlich in der Kindheit und Jugend geweckt. Religiöse Erziehung spielt einer Studie der EKD zurfolge, die bereits 2004 veröffentlicht wurde, selbst unter kirchenaffinen Familien immer weniger eine Rolle. Da sind neue Impulse für die Gemeindearbeit gefragt, so wie sie bei der Frühjahrstagung im Kloster Drübeck formuliert wurden. Unter dem Motto »Evangelisch – Ein Kreuz für die Welt« erarbeiteten die Synodalen Anregungen und Empfehlungen für die Kirchengemeinden. Eine Gemeindesynode scheint dafür aber längst nicht ausreichend. In den Beratungen war deshalb die Rede von einem Aufbruchsignal und dem Anfang eines weitergehenden Prozesses. Für eine Bilanz der Gruppengespräche ist es noch zu früh. Die Beratungen nahmen so viel Zeit in Anspruch, dass ein Fazit und eine Zusammenfassung keinen Platz mehr fanden. Das Gemeindedezernat der EKM hat deshalb angekündigt, die Ergebnisse der sieben Arbeitsgruppen in den kommenden Wochen auswerten und aufbereiten zu wollen. Wir werden zu einem späteren Zeitpunkt darüber in der Kirchenzeitung berichten.

Der Internetkurs für Gottsucher bei wikiHow endet mit den Hinweisen, dass Gott einem näher sein kann als vermutet und dass man bereit sein sollte, das Bild, das man über das Wesen Gottes habe, zu verwerfen: »Deinen begrenzten Verstand zu verwenden, um Unendlichkeit zu begreifen, ist wie einen Fisch darum zu bitten, die Ozeane der Welt herunterzuschlucken.« Nichts anderes verstehen Christen darunter, wenn sie sich unter die Führung und den Segen Gottes stellen, der höher ist als Erfahrung, Verstand und Sinne.

Willi Wild

www.ekmd.de/kirche/landessynode

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Geöffnet an 365 Tagen im Jahr

16. April 2018 von redaktionguh  
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Jubiläum: Die Evangelische Stadtmission in Dessau ist seit 100 Jahren ein Anlaufpunkt für Bedürftige

Was in der Stadt fehlen würde, wenn es sie nicht gäbe? »Unsere Besucher hätten keinen festen Anlaufpunkt, wo sie ein günstiges Mittagessen bekämen und vor allem auch der Einsamkeit ausweichen könnten«, sagt Marlies Hartmann, die seit 1999 Vorsitzende der Evangelischen Stadtmission Dessau ist. 100 Jahre gibt es die Einrichtung schon. Am 6. April wurde das mit einem Gottesdienst und einer Festveranstaltung mit Mitgliedern und Besuchern der Evangelischen Stadtmission sowie mit zahlreichen Gästen, unter anderem aus der Landeskirche Anhalts, der Politik sowie der Stadtverwaltung gefeiert. Eine Suppenküche betreibt die Stadtmission seit 1995. Zusätzlich ist die Einrichtung im Jakobushaus in der Steneschen Straße in Dessau eine Begegnungsstätte. Mit anderen Besuchern und dem Personal der Stadtmission können sich die Gäste austauschen. Bei Bedarf wird auch Unterstützung beim Ausfüllen von Formularen und bei anderen Behördenangelegenheiten gegeben.

Miteinander: Nach dem Jubiläumsgottesdienst feierten die Besucher bei Kaffee und Kuchen weiter. Foto: Lutz Sebastian

Miteinander: Nach dem Jubiläumsgottesdienst feierten die Besucher bei Kaffee und Kuchen weiter. Foto: Lutz Sebastian

Geöffnet ist an 365 Tagen im Jahr. Täglich gibt es ein Mittagessen aus der Küche der Anhaltischen Diakonissenanstalt für 90 Cent pro Mahlzeit. Bis zu 30 Besucher nehmen die Angebote der Stadtmission regelmäßig in Anspruch. Das Profil der Einrichtung hat sich in den 100 Jahren ihres Bestehens mehrfach gewandelt. Angefangen hat es am 1. April 1918 mit der Betreuung junger Mädchen vom Lande, die vor allem zum Arbeiten in den Dessauer Munitionsfabriken in die damals aufstrebende Industriestadt kamen. »Da sie mit ihren 14, 15 Jahren meist unbedarft waren, lauerten in der großen Stadt viele Gefahren«, resümiert Marlies Hartmann. Das wollte Charlotte Weiland damals ändern. Mit großer Hartnäckigkeit warb sie beim Herzog und den Kirchenoberen um ihr Projekt, die Mädchen betreuen zu können. Mit Erfolg. Schwester Weiland wurde so zur ersten Dessauer Stadtmissionarin. Das Luiseninstitut, unweit der Johnanniskirche im Dessauer Zentrum gelegen, blieb bis 1945 der erste Sitz der Dessauer Evangelischen Stadtmission.

Häufige Umzüge und wechselnde Aufgabengebiete

Als das Institut in der Bombennacht des 7. März 1945 vollständig zerstört wurde, brauchte es für die Bedürftigen eine neue Begegnungsstätte. Am Bahnhof wurde dafür eine Baracke gekauft. Oft zog die Stadtmission nach 1945 um. Aufgaben kamen, blieben und gingen. Eine Weile gehörte die Bahnhofsmission zum Aufgabengebiet.

Schwere Zeiten: Nach 1945 diente der Stadtmission im zerstörten Dessau eine Baracke als Domizil. Foto: Stadtarchiv Dessau-Roßlau

Schwere Zeiten: Nach 1945 diente der Stadtmission im zerstörten Dessau eine Baracke als Domizil. Foto: Stadtarchiv Dessau-Roßlau

Die Sinnesgeschädigten-Seelsorge wurde 1971 mit einem Neubau in der Georgenstraße etabliert, in Dessau-Kleinkühnau ein Haus für Mehrfachbehinderte eingerichtet und eine Missions-Buchhandlung betrieben.

Nach der Wende wurden viele Aufgabenbereiche an andere kirchliche Einrichtungen übertragen. 1995 erhielt die Evangelische Stadtmission mit der Suppenküche und dem Anlaufpunkt für sozial Schwache ihr aktuelles Profil. Seit 1999 ist das Jakobushaus in der Steneschen Straße die feste Adresse der Stadtmission. Drei Ein-Euro-Jobber und bis zu drei Minijobber unterstützen die Vorsitzende bei der Arbeit. 22 Mitglieder zählt die Stadtmission, die als Verein geführt wird. Ein harter Kern von sechs Leuten hilft ebenso nach Kräften, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Die Stadt Dessau-Roßlau steuert dafür pro Jahr 6 000 Euro bei. Der Rest wird aus Patenschaften und Spenden finanziert.

Wenn die 61-jährige Vorsitzende zum Jubiläum drei Wünsche frei hätte, dann wäre das zum einen den Bekanntheitsgrad der Einrichtung in der Stadt weiter zu erhöhen, sich um die Finanzierung weniger Sorgen machen zu müssen und in drei Jahren den Vorsitz an jemand Jüngeren abgeben zu können.

Danny Gitter

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An der Schnittstelle von Himmel und Erde

16. April 2018 von redaktionguh  
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Im Kloster Drübeck kommt vom 12. bis 14. April die Synode der EKM zu ihrer Frühjahrstagung zusammen. Porträt eines besonderen Ortes.

Die Sonne strahlt über dem Harz. Zwischen den grünenden Obstbäumen lugt der Turm der romanischen Klosterkirche St. Vitus hervor. Autos schießen vorüber, während eine Gruppe Wanderer am Ortseingang von Drübeck einen Reisesegen spricht.

Der Ilsenburger Ortsteil liegt am Weg. Doch an welchem? Farbige Tafeln verweisen auf den Klosterwanderweg, die Straße der Romanik, den HarzerKlosterSommer und auf das Netzwerk »Gartenträume – Historische Parks in Sachsen-Anhalt«. Seit einem Vierteljahrhundert zählt das Kloster zur Straße der Romanik, seit zehn Jahren pilgern Menschen vom niedersächsischen Wöltingerode über Ilsenburg und Drübeck bis ins Kloster Wendhusen in Thale.

Doch was sind schon Jahreszahlen? Das Evangelische Zentrum im Kloster Drübeck wirkt mit seinen 22 Jahren fast wie ein Jungspund, hat aber für viele die Sicht auf klösterliches Leben verändert. »Wir verfügen mit unserem Zentrum über ein großes Pfund. Da behütet die knapp 300-jährige Linde jene, die unter ihrem Laub Schutz suchen, es geht familiär zu, hier finden Gäste Ruhe und Besinnung, in unserer Anlage werden Paare getraut und Hochzeiten gefeiert«, beschreibt Geschäftsführer Karl-Heinz Purucker.

Bereits im 10. Jahrhundert beherbergte die Klosteranlage Benediktinerinnen. Frühmesse bei Tagesanbruch, dann zur Arbeit in Küche, Garten, Wald, auf die Felder – die Benediktsregel bestimmte den Tagesablauf der Ordensfrauen. In den Turbulenzen der Reformationszeit und des Bauernkrieges wurden die Nonnen vertrieben. Ende des 17. Jahrhunderts wurde das Kloster durch kurfürstliches Edikt dem Grafen zu Stolberg-Wernigerode übereignet. Nach umfangreicher Sanierung errichtete der Graf ein Damenstift. Das Diakonische Amt der Kirchenprovinz Sachsen übernahm auf Bitte der letzten Äbtissin Magdalena 1946 das Kloster und führte es als Erholungsheim fort.

Labyrinth unter Apfelblüten: Gäste können im Kloster Drübeck – im Hintergrund die Kirche St. Vitus – verschiedene Gärten erkunden und genießen. Fotos: Frank Drechsler

Labyrinth unter Apfelblüten: Gäste können im Kloster Drübeck – im Hintergrund die Kirche St. Vitus – verschiedene Gärten erkunden und genießen. Fotos: Frank Drechsler

Ein historischer Plan von 1737 aus dem Archiv der Evangelischen Kirche zeigt die von Mauern umschlossenen fünf Gärten der Stiftsdamen. Die Gartenhäuschen nutzten die Stiftsdamen als Ort der Entspannung und der Besinnung. Heute sitzen die Besucher darin und genießen die wahrlich himmlische Ruhe. Wer genau über die Beete schaut, erkennt am Gärtnerhaus die Kletterrose »Juliana zu Stolberg-Wernigerode«, die einen »FrauenOrt« markiert. Davon gibt es in Sachsen-Anhalt mehr als 30; sie erzählen Geschichte und Geschichten von Frauen. Zur Romantischen Nacht im Kloster erleben die Gäste jährlich ein Wandelfest: Mit Einbruch der Dämmerung verzaubert sich der Garten, rund 1 000 Windlichter erleuchten die Anlage mit der angrenzenden Streuobstwiese und holen aus dem Dunkel, was tagsüber unscheinbar und nebensächlich scheint.

Der Quedlinburger Pfarrer Christoph Carstens, Gründungsmitglied des Klostersommer-Vereins, sieht »an der Schnittstelle von Himmel und Erde« eine Dreieinigkeit. »Wir wollen uns als Kloster zeigen, Kultur entstehen lassen und zum Finden und Wiederfinden beitragen«, erklärt er. Hier treffen christliche Welt und Beherbergung zusammen: Pastoralkolleg, Pädagogisch-Theologisches Institut, Haus der Stille und Medienzentrum. Die Anlage scheint im dauernden Wandel, davon sprechen der Neubau des Eva-Heßler-Hauses, die Rekonstruktion der Gärten und der Gebetshäuschen, der Ausbau der Domänenscheune und die neue Rezeption, die Architektin Margrit Hottenrott unter dem Motto »Hinter Klostermauern die Dinge im neuem Licht sehen« geplant hat.

Für den Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig, Christoph Meyns, verströmt Drübeck spirituelle Dichte. In »Zeiten der geistigen Trockenheit«, in denen sich Menschen verlassen und verzweifelt fühlen, sei es ein Ort der Gotteserkenntnis. Es gelte für die Kirche und in den Klöstern Halt zu geben, Haltung zum Leben und Verhaltensregeln zu vermitteln. »Ohne Gottesdienste gleichen Klöster leeren Schneckenhäusern.« Drübeck sei so ein magischer Ort, »der mehr hat, als wir mit unseren Sinnen erfassen können.« Nicht ohne Grund zählt das Kloster zu den touristisch erschlossenen »Kraftorten im Landkreis Harz«.

Wichtig sei, dass sich die Menschen auf den Weg machten. Und verweilen. Die achte Engelsbank auf dem Klosterweg zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt steht dafür in Drübeck. Der Pastor für Führungskräfte der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Peer-Detlev Schladebusch, meinte bei einem Kloster-Seminar, »hier findet man die Ruheinsel, dieses uralte Verbinden von ›ora et labora‹, hier atme ich christliche Spiritualität.«

Wer in den geschmackvollen Zimmern nächtigt, fühlt sich deshalb bestens aufgehoben. Nicht nur, weil die Klosterküche lecker ist, geführt von einem Koch, der einen Teil seiner Kräuter selbst zieht und dem Kloster seit anderthalb Jahrzehnten die Treue hält. Nur am Morgen fühlt man sich zu früh aus den Träumen gerissen. Man setzt auf Tradition: Die Glocke ruft erstmals um sechs Uhr.

Uwe Kraus

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Bedauerlich

15. April 2018 von redaktionguh  
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Es könnte ein Meilenstein in der Ökumene sein: Als Deutschlands katholische Bischöfe in Ingolstadt den Entwurf einer Handreichung beschlossen haben, wonach auch protestantische Ehepartner unter streng geregelten Voraussetzungen und im pastoralen Einzelfall zur Eucharistie gehen könnten, haben sie den Wunsch vieler Menschen an der Gemeindebasis erfüllt.

Deswegen ist es leicht, das Schreiben der sieben Bischöfe nun als konservative Rolle rückwärts zu verurteilen. Aber das wäre zu einfach. Die Deutsche Bischofskonferenz muss das Kirchenrecht der katholischen Weltkirche im Blick haben. Deswegen ist es in Ordnung, wenn dieser Entwurf von Rom noch einmal überprüft wird – zumal die Bischöfe an dieser Stelle nicht auf tönernen Füßen stehen. Mit Reinhard Kardinal Marx und dem Magdeburger Bischof Gerhard Feige haben schließlich zwei Theologen an dem Entwurf gearbeitet, die nicht nur bekennende Ökumeniker sind, sondern auch ihr Kirchenrecht ziemlich genau kennen. Und die wissen, dass es der Linie von Franziskus entspricht, den seelsorgerlichen Einzelfall bei wichtigen Entscheidungen in den Blick zu nehmen.

Nein, was wirklich bedenklich ist, ist das Bild, den dieses Schreiben auf die inneren Zustände in der Bischofskonferenz wirft: Ganz offensichtlich gelingt es Kardinal Marx nicht, einen beträchtlichen Teil seiner Amtsbrüder bei wichtigen Entscheidungen mitzunehmen. Und das ist das, was auch aus evangelischer Sicht nachhaltig zu bedauern ist: Denn in Zeiten kleiner werdender Gemeinden kann sich keine Kirche neue Konflikte leisten. Wer in der Öffentlichkeit zerstritten wirkt, schadet immer auch dem Partner in der Ökumene – und war es nicht schon Jesus selbst, der die Jünger einstmals aufforderte, alle eins zu werden?

Benjamin Lassiwe

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In guter Hoffnung? In guter Hoffnung!

15. April 2018 von redaktionguh  
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Die ökumenische Initiative für den Lebensschutz steht in diesem Jahr unter dem Motto »Kinderwunsch. Wunschkind. Unser Kind!« und setzt sich kritisch mit der Pränataldiagnostik auseinander.

Wenn eine Frau bemerkt, dass sie schwanger ist, beginnt damit in aller Regel eine Zeit intensiver Gefühle. Auch wenn sich eine werdende Mutter auf ihr Kind freut, lassen Fragen, Sorgen und Befürchtungen nicht lange auf sich warten: Wie wird der Partner reagieren? Wird das Kind gesund sein? Kann ich in meiner derzeitigen Lebenssituation für ein Kind überhaupt richtig sorgen?

Mit dem Eintritt einer Schwangerschaft erweitert sich der Verantwortungsbereich werdender Eltern schlagartig. Plötzlich gibt es da noch jemanden, für den man verantwortlich ist, und zwar deutlich umfassender als in Beziehungen zwischen eigenständigen Menschen. Viele Paare erleben diese neue Verantwortung als verunsichernd und müssen erst lernen, mit ihr umzugehen.

Verantwortungsbewusste werdende Eltern fürchten nichts mehr, als für das Wohl ihres Kindes etwas zu versäumen. Insbesondere in schwangeren Frauen löst die völlige Abhängigkeit des entstehenden Kindes vom eigenen Leib und der eigenen Lebensführung häufig ambivalente Gefühle aus: Es ist beglückend, faszinierend, bedrängend, erstaunlich, irritierend und manchmal auch erschütternd, wenn eine bis dahin selbstbestimmt lebende Frau sich plötzlich leiblichen und seelischen Veränderungen überlassen muss, die sie nicht selbst in der Hand hat.

Vom 14. bis 21. April lädt die »Woche für das Leben« zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Methoden der Pränataldiagnostik ein. Foto: ©iStock.com/Denkuvaiev

Vom 14. bis 21. April lädt die »Woche für das Leben« zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Methoden der Pränataldiagnostik ein. Foto: ©iStock.com/Denkuvaiev

Mit einem gewissen Maß an Kontrollverlust ist jede Schwangerschaft verbunden. Dass das entstehende Kind sich während der Schwangerschaft im Verborgenen entwickelt, ist nicht nur eine leibliche Gegebenheit, sondern verweist auf das grundsätzlich Unvorhersehbare jedes menschlichen Lebens.

Mehr Vertrauen

Gesteigerte Verantwortung in Verbindung mit weniger Kontrolle – in dieser verunsichernden Gefühlslage ein Ja zu dem entstehenden Kind zu finden, ist die Aufgabe, die werdende Eltern zu meistern haben. Sie stellt Anforderungen an persönliche Fähigkeiten ganz eigener Art: die Fähigkeit, dem Leben zu vertrauen, an eine gute Zukunft zu glauben und dem Unvorhersehbaren mit Hoffnung zu begegnen. In der Bibel wird diese Fähigkeit als Glaube bezeichnet: »Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.« (Hebr 11, 1). Glaube und Hoffnung gehören zusammen.

Der Begriff der Hoffnung bezeichnet an sich schon eine positive Grundhaltung im Blick auf die Zukunft, wobei über die Wahrscheinlichkeit der Erfüllung noch nichts ausgesagt wird. Es gibt auch ganz irreale Hoffnungen. Wenn Menschen aber sagen, sie seien guter Hoffnung, dass dies oder jenes geschehe, dann verbirgt sich dahinter die Zuversicht, ja fast schon die Erwartung einer günstigen Entwicklung. Seit mehreren Jahrhunderten bezeichnet die Redewendung »guter Hoffnung sein« den Zustand einer Schwangerschaft. Damit wird Verschiedenes ausgesagt: dass die allermeisten Schwangerschaften positiv verlaufen, dass am Ende der Schwangerschaft etwas Gutes steht, nämlich die Geburt eines Kindes, und dass die gute Hoffnung die der Schwangerschaft angemessenste Haltung ist. Die gute Hoffnung als Grundhaltung in der Schwangerschaft muss sich aber immer wieder gegen Unsicherheit, diffuse Ängste und konkrete Befürchtungen durchsetzen.

Im Kontext von gesteigerter Verantwortung, grundsätzlicher Unvorhersehbarkeit und labilen Hoffnungen ist auch die Schwangerenvorsorge angesiedelt, der sich in Deutschland nahezu alle schwangeren Frauen unterziehen. Das hohe sittliche Verantwortungsbewusstsein werdender Eltern ist aus ethischer Sicht ein kostbares Gut.

Das Ziel der Schwangerenvorsorge ist es, die werdenden Eltern in ihrer guten Hoffnung zu unterstützen. Häufig tragen die regelmäßigen Untersuchungen auch dazu bei, Befürchtungen zu zerstreuen.

Viele Frauen erleben die engmaschige Kontrolle ihrer Schwangerschaft aber auch als belastend. Sie bekommen bei jedem neuen Kontrolltermin vor Augen geführt, was alles nicht stimmen könnte. Viele schwangere Frauen nehmen als Subtext der in Deutschland üblichen Schwangerenvorsorge wahr: Jede Schwangerschaft ist ein Risiko und es kann sehr viel passieren. Immer wieder sagen schwangere Frauen: »Ich getraue mich einfach nicht, mich auf das Kind zu freuen.« Ob die Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft die gute Hoffnung stärken oder untergraben, hängt wesentlich vom Vertrauensverhältnis zwischen dem medizinischen Fachpersonal (Arzt/Ärztin/Hebamme) und den werdenden Eltern ab. Kontrollen und Tests sind jedenfalls kein Ersatz für die in der Schwangerschaft notwendige Grundhaltung der guten Hoffnung. Diese lebt von Zuspruch und Vertrauen, sei es in den eigenen Körper, sei es in Gott.

Wieviel Wissen tut gut?

Die Grundhaltung der guten Hoffnung ist Angriffen von vielen Seiten ausgesetzt, denn bei einer Schwangerschaft reden außer dem Partner und dem Arzt noch viele andere mit: Eltern und Schwiegereltern, Freundinnen und Kolleginnen, Elternmagazine, Internetblogs und Werbeanzeigen. Aufgrund ihres Wunsches, alles richtig zu machen und nichts zu versäumen, informieren sich werdende Eltern heute eher zu viel als zu wenig. Überall begegnen sie Appellen an ihr Verantwortungsgefühl. Diese gehen weit über Vorsorgemaßnahmen hinaus und erwecken in den werdenden Eltern den Eindruck, dass auch die Durchführung pränataldiagnostischer Maßnahmen zu einer verantwortlichen Elternschaft gehöre.

Zahlreiche schwangere Frauen bzw. Paare nehmen die Pränataldiagnostik in Anspruch, weil sie sich ein Leben mit einem behinderten Kind nicht vorstellen können. Sie möchten sicher sein, dass ihr Kind bestimmte Behinderungen nicht haben wird, und würden sich im Falle eines positiven Befundes für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Für diese Paare gehört das Wissen um die genetische Ausstattung ihres Kindes zu einer »selbstbestimmten« Schwangerschaft. Man muss fragen, ob diese Auffassung mit unseren Grundwerten und unserer Rechtslage vereinbar ist. Auch wenn sie dies nicht ist, sieht die Realität oftmals dennoch so aus.

Da pränataldiagnostische Untersuchungen aber auch Elternpaaren angeboten werden, für die ihr Kind eigentlich gar nicht zur Disposition steht, werden diese vor Entscheidungen gestellt, die sie nie treffen wollten: »Soll ich mich nicht doch versichern, dass das Kind gesund ist? Und was ist, wenn ich es nicht tue? Bin ich dann verantwortlich, wenn das Kind eine Behinderung hat? Werden die Leute denken: ›Selbst schuld‹?«

Der Druck steigt

Der Druck auf werdende Eltern, auch selektive vorgeburtliche Untersuchungen vornehmen zu lassen, ist in den letzten Jahrzehnten permanent gestiegen. Seit einigen Jahren steht Paaren schon in der Frühphase der Schwangerschaft eine Möglichkeit zur Verfügung, Chromosomenveränderungen und bestimmte genetische Veränderungen beim Embryo/Fötus an fetalen Zellen im mütterlichen Blut nachzuweisen. Diese Tests sind bisher nicht Bestandteil der Schwangerenvorsorge, aber sie werden von den pharmazeutischen Herstellern vor allem im Internet weltweit beworben.

Die Schlüsselbegriffe im Marketing der Anbieter sind Wissen, Information, Aufklärung und Gewissheit. Konstruiert werden Narrative von verantwortungsvollen und beschützenden Müttern, die sich umfassend informieren und keine Wissenslücke riskieren. Von den Namen der Präparate bis zu den Kernbotschaften der Werbetexte (»Gewissheit erlangen. Ohne Risiko für das Kind.«) macht sich die Werbung den Wunsch werdender Eltern, insbesondere werdender Mütter, nach einer gesunden und glücklichen Familie zunutze.

Durchgängig präsentieren die Pharmafirmen ihre Tests als einfach, harmlos und risikolos. Konsequent verschwiegen wird, dass für so gut wie keine der diagnostizierten Krankheiten eine Möglichkeit der Therapie besteht und der Abbruch der Schwangerschaft derzeit in fast allen Fällen die einzige Möglichkeit ist, die Geburt von Kindern mit den diagnostizierten Behinderungen zu verhindern. Die Tendenz in der Entwicklung der Pränataldiagnostik ist eindeutig: immer frühere Tests, immer mehr diagnostizierbare genetische Abweichungen, immer flächendeckendere Angebote.

Frauen, die guter Hoffnung sind, sollten sich klarmachen, wofür sie verantwortlich sind und wofür nicht. Gute Hoffnung berechtigt nicht zu einer für das Kind schädlichen, also verantwortungslosen Lebensführung. Aber von »verantwortlicher Elternschaft« kann auch nicht gesprochen werden, wo es darum geht, die Geburt von Kindern mit Behinderungen zu verhindern.

Für die genetische Ausstattung ihrer Kinder sind Eltern nicht verantwortlich. Sie müssen sie vor der Geburt auch nicht kennen. Manchmal stärkt Wissen die gute Hoffnung, manchmal aber auch nicht. Es gibt ein Recht auf Nichtwissen, wo das Wissen die Beziehung zum entstehenden Kind gefährden kann.

Manchmal brauchen schwangere Frauen Klarheit, um selbstbestimmte Entscheidungen treffen zu können, manchmal brauchen sie aber vor allem Unterstützung. Können Entscheidungen, die aus der Angst heraus getroffen werden, nachher mit einem behinderten Kind allein dazustehen, als »selbstbestimmt« bezeichnet werden? Die Sache mit der Verantwortung, mit dem Wissen und mit der Selbstbestimmung ist in der Schwangerschaft vielschichtig.

Eine Leitfrage für schwangere Frauen könnte sein: Was stärkt mich in meiner guten Hoffnung? Am Ende kommt es in der Schwangerschaft auf das an, worauf es im Leben immer ankommt, auf Glaube, Liebe und Hoffnung (1. Korinther 13,13).

Christiane Kohler-Weiß

Die Autorin ist Kirchenrätin der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Stuttgart.

Weitere Infos: www.woche-fuer-das-leben.de

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