Dem Glück näherkommen

13. April 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Allgemein

Der Weltglücksbericht versuchte kürzlich in Zahlen zu verpacken, wo die Menschen am glücklichsten sind und was dazu beiträgt. Deutschland belegte dabei Platz 15 – so die Wissenschaft.

Neben dem Bruttoinlandsprodukt wurden dem Index auch das Einkommen, der soziale Zusammenhalt, Gesundheit, die Freiheit der eigenen Entscheidungen und Korruption als Faktoren zugrunde gelegt. »In unserer Gesellschaft glauben viele, dass sich das Glück einstellt, sobald ihre Wünsche in Erfüllung gehen«, sagte der Philosoph, Publizist und Theologe Christoph Quarch kürzlich in einem Interview. Doch mache das nur kurzfristig zufrieden, aber nicht glücklich.

Menschliche Wünsche sind so umfangreich wie vielfältig. Es gibt viele Ziele, die auf dem Weg zum Lebensglück verwirklicht werden wollen. Die Kontrolle über die Planung und Verwirklichung des Lebens zu behalten, hat oberste Priorität – dafür wird alles getan und das möglichst effektiv.

Jenseits der erfassten Komponenten des Glücksindex ist das Glück in der Realität von viel mehr, und im schlimmsten Fall unkalkulierbaren, Faktoren abhängig. In Gesprächen und beim genauen Hinsehen scheint das, was wir als Glück bezeichnen, ein sehr instabiles Konstrukt zu sein. Zu viele Unsicherheiten tragen dazu bei: Banalitäten wie das Wetter ebenso wie unser Beruf, Hobbies, Urlaube und Erlebnisse, Beziehungen, die eigene Gesundheit und die unserer Mitmenschen.

»Der Anblick eines wahrhaft Glücklichen macht glücklich« Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832). Foto: Phase4Photography – stock.adobe.com

»Der Anblick eines wahrhaft Glücklichen macht glücklich« Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832). Foto: Phase4Photography – stock.adobe.com

Überhaupt scheint die Gesundheit ein Hauptindikator für unser vermeintliches Glück oder Unglück zu sein – trotz medizinisch nie da gewesener Möglichkeiten zur Heilung und erheblicher Verbesserung der Lebensumstände Erkrankter. Das gilt auch für Menschen mit der Erbgutstörung Trisomie 21. Trotzdem entscheiden sich neun von zehn Schwangeren bei einer möglichen Erkrankung ihres ungeborenen Kindes dafür, die Schwangerschaft aufgrund dieser Indikation zu beenden. Die Möglichkeiten zur Feststellung dieser oder anderer Krankheiten im Mutterleib nehmen immer größere Ausmaße an. Der Grund: Ein krankes Kind könne kein glückliches Leben führen. Oder das eigene Lebensglück erheblich beschränken. Diese Entwicklung nimmt die ökumenische Aktion »Woche für das Leben« in diesen Tagen besonders in den Blick.

Geprägt sind unsere Glückserwartungen zu großen Teilen von den Idealen der Konsumgesellschaft. »Je mehr man ihnen folgt, umso unmöglicher wird es, diesen zu genügen«, formuliert Christoph Quarch weiter. In diesem Sinne definieren wir uns als »rationaler Egoist, der mit seiner Vernunft und Technik die Welt nach seinen Interessen einrichtet.« Treten Umstände auf, die uns nicht dienlich oder kontrollierbar sind, die uns mit Krankheiten und Unvollkommenem konfrontieren, stellt sich das vermeintliche Unglück ein, das es zu beseitigen gilt.

Es scheint ein Hamsterrad zu sein, dem schwer zu entkommen ist. Denn landläufig herrscht die Annahme vor, dass Glück machbar sei. »Jeder ist seines Glückes Schmied.« Die Fähigkeit, in einer gegebenen Situation glücklich zu sein, hängt also, außer von äußeren Umständen, auch von eigenen Einstellungen und Bemühungen ab. Das setzt uns unter Druck.

In der Bibel ist vom Glück keine Rede. Auch wenn Martin Luther einige Worte im Alten Testament mit »Glück« übersetzt hat, heißt keines wirklich das, was wir mit »Glück« meinen. Und doch lautete die Jahreslosung vor vier Jahren sehr einfach und eindringlich: »Gott nahe zu sein, ist mein Glück.« Diese Variante des Psalm 73,28 entsprach der damaligen ökumenischen Einheitsübersetzung.

Gelingt es, dem stetigen Mühen um das Lebensglück für einen Moment zu entkommen und eine Außenperspektive einzunehmen, scheint in der Tat das einzig Sinnvolle zu sein, was wir aus eigener Kraft tun können, um glücklich zu werden: uns Gott zu nähern. Es befreit uns vom Streben nach immer neuen Zielen und Idealen. Wir können unsere Prioritäten anders setzen, entgegen dem Drang zur Selbstoptimierung. Gottes Gegenwart stellt die noch so widrigen Umstände unseres Lebens in ein anderes Licht und gibt ihnen eine neue Wertigkeit. In seiner Gegenwart können wir lernen alles anzunehmen, egal wie fehlerhaft, unübersichtlich, ungeplant – und dennoch unser Glück finden.

Mirjam Petermann

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Bookmark and Share
Möchten Sie ein Exemplar der gedruckten Zeitung in den Händen halten? Gern senden wir Ihnen ein kostenloses Probeheft. Einfach und unverbindlich hier bestellen. (Link)

Für diesen Artikel ist der Bereich für Lesermeinungen geschlossen.