Wie Phönix aus der Asche

21. Mai 2018 von redaktionguh  
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Walldorf an der Werra: Vor sechs Jahren zerstörten die Flammen die Kirche der Kirchenburg. Seitdem baut die Gemeinde sie neu auf.

Eines stellt Pfarrer Heinrich von Berlepsch gleich klar: »Über Geld und Termine reden wir nicht.« Statt dessen wolle man lieber »über Gott und über unseren Glauben reden«. Vielleicht steckt dahinter neben der löblichen Absicht, über Inhalte zu sprechen, auch die Erfahrung, dass Neid zuweilen als höchste Form der Anerkennung erfahrbar ist. Denn wer sich an die Bilder der rauchenden Trümmer der Kirchenburg in Walldorf an der Werra erinnert, die 2012 durch die Medien gingen, der ahnt, dass hier richtig viel Geld investiert wurde. Und noch immer wird: Denn abgeschlossen ist der Bau »unserer Kirche«, wie von Berlepsch betont, noch lange nicht.

»Unsere Kirche« ist für den Pfarrer nicht nur eine Floskel. Was heute und in Zukunft die Walldorfer Kirchenburg ausmacht, ist in einem langen Prozess zwischen Pfarrer, den Kirchenältesten, den Gemeindemitgliedern und den Bewohnern Walldorfs entstanden. Und natürlich in Gemeinschaft mit den Architekten, die sich auf diese Art eines »Bauens im Team« eingelassen haben.

Der Glaube, über den von Berlepsch gern reden möchte, wurde freilich auf eine harte Probe gestellt, als am 3. April 2012 die Flammen aus dem Kirchenschiff der gerade fünf Jahre zuvor vollständig sanierten Kirche schlugen. Von Berlepsch erinnert sich, wie er vor den Trümmern saß und die Frage stellte: »Warum hat Gott das zugelassen?« Seine zweite Frage war dann schon der erste Schritt in die Zukunft: »Was will Gott uns damit sagen?«

Für von Berlepsch war klar, dass die Kirche auf jeden Fall wieder aufgebaut werden muss. Auch wenn manche Formen im Blick auf Gemeindeaufbau im 21. Jahrhundert fragwürdig sind und neue Wege gesucht werden müssen: »Ohne Bindung an die Tradition gibt es auch keine Zukunft«, ist der Pfarrer überzeugt. Für ihn und die im wahrsten Sinn des Wortes weinend vor ihrer Kirche stehenden Gemeindemitglieder wurden ausgerechnet die Dohlen zum Sinnbild für Hoffnung und Neubeginn: Auch ihre Nester im Dachstuhl waren ein Raub der Flammen. Doch schon zwei Tage später fingen sie an, neues Geäst als Nistmaterial in die Trümmer zu tragen. »Seht«, sagte der Pfarrer seiner Gemeinde, »genauso wie die Dohlen machen wir es auch. Wir bauen wieder auf!« Und deshalb zeigt eines der neuen Buntglasfenster des Leipziger Künstlers Julian Plodek eine Dohle, die mit einem Zweig im Schnabel auf einem verkohlten Balken sitzt.

Kleinod über dem Werratal: Die Kirchenburg Walldorf bei Meiningen in Südthüringen erstand nach dem Brand im Jahr 2012 in ihrer ursprünglichen äußeren Form, aber in veränderter Innenausstattung. Fotos: Harald Krille

Kleinod über dem Werratal: Die Kirchenburg Walldorf bei Meiningen in Südthüringen erstand nach dem Brand im Jahr 2012 in ihrer ursprünglichen äußeren Form, aber in veränderter Innenausstattung. Fotos: Harald Krille

Überhaupt Tiere und Pflanzen: Sie haben seit jeher ihren Platz auf der Kirchenburg. Und so wurde auch beim Neuaufbau darauf geachtet, dass Dohlen ihre Nester bauen können, ein seit Jahren im Gemäuer lebender Bienenschwarm seinen Platz behalten hat, dass Nisthöhlen für Meisen und Kleiber, Fluglöcher für Fledermäuse und ein Nistplatz für Störche entstanden.

Vor allem aber soll die Kirche für Menschen offenstehen. Als Radwegekirche am Werra-Radweg, als Kinder- und Jugendkirchenburg für die junge Generation, die auf dem Areal Möglichkeiten für Zeltlager und sportliche Betätigung findet, für Gottesdienste und fröhliche Feste, für Begegnungen aller Art. »Das ist unser großes Thema: Begegnung. Wir wollen als Christen Menschen begegnen, auch denen, die mit Kirche vielleicht nichts am Hut haben«, so von Berlepsch. Denn Begegnung verwandelt Menschen – auch die, die schon zur Gemeinde gehören.

Eine Terminaussage lässt sich Pfarrer von Berlepsch dann doch noch abringen: Ab 1. Juli des kommenden Jahres sei er im Ruhestand. Und davor werde die Kirche offiziell wieder eingeweiht. Manches wird bis dahin vielleicht noch nicht komplett sein. Aber ein Altartisch und eine Christusfigur werden dann den Innenraum schmücken. Ein Bildhauer wird sie bis dahin gestalten. Entstehen sollen sie aus dem Holz der angekohlten Balken, die seit der Beräumung der Brandtrümmer auf der Kirchenburg lagern.

Harald Krille

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Spenden für den Agnus-Altar erbeten

21. Mai 2018 von redaktionguh  
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Foto: Heiko Rebsch

Foto: Heiko Rebsch

Das Foto zeigt den Altarraum der Köthener Agnuskirche, wie er zurzeit nicht aussieht, aber wieder einmal – und schöner dann – aussehen wird. Der über 500 Jahre alte Flügelalter wurde Ende 2016 zur Restaurierung in eine Fachfirma transportiert. Inzwischen liegt die denkmalrechtliche Genehmigung für Bauarbeiten am Altarraum vor, der erst im 19. Jahrhundert sein heutiges Aussehen erhielt. Der Altar mit seinen sieben Skulpturen und sechs Gemälden ist älter als die 1699 fertiggestellte Kirche. Er war vermutlich aus Anlass der Kircheneinweihung ein Geschenk des Merseburger Fürstenhauses an die lutherische Köthener Fürstin Gisela Agnes von Rath. Um ihm seine alte Schönheit zurückzugeben und für die Arbeiten in der Kirche sind nach jüngsten Schätzungen rund 64 000 Euro erforderlich. Die Kirchengemeinde bittet deshalb weiter um Spenden.

Ob der Altar bis Weihnachten in die Kirche zurückkehren kann? Da ist sich Pfarrer Lothar Scholz nicht sicher; aber 2019 auf jeden Fall.

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Aue der Gnade Gottes

21. Mai 2018 von redaktionguh  
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Herrnhuter Brüdergemeine: Als Mustersiedlung gründeten Christen im 18. Jahrhundert den Ort Gnadau. Christliche Symbolik und ein vielfältiges kirchliches Leben prägen das Dorf bis heute. Ein Besuch.

Licht. Strahlend weiß leuchten die Wände, die Sitzbänke, die Gardinen. Hell und schlicht ist der Saal der Herrnhuter Brüdergemeine in Gnadau. Keine barocken Epitaphien, keine gotischen Gewölbe, keine kunstvollen Glasmalereien. Statt eines Altars ein Tisch. Selbst das Kreuz muss man suchen. Manch einer behauptet, nur ein Operationssaal sei klinischer.

Friedemann Hasting schmunzelt. »Schauen Sie mal nach oben«, sagt der Pfarrer. Tatsächlich, auf der Empore steht die Orgel, gekrönt von einem güldenen Kreuz. Kein Kruzifix, kein Bildnis, kein Kunstwerk soll hier ablenken. Der Raum ist nicht heilig, er heißt nicht Kirche, sondern Gemeinsaal. Das leitet sich von Brüdergemeine ab: Frauen und Männer wollten einfach (daher der Name »Gemeine«) und geschwisterlich (daher »Brüder«) miteinander leben.

In Gnadau, südlich von Magdeburg, sind viele theologische Annahmen der Brüdergemeine im wahrsten Wortsinne in Stein gemeißelt. Das Dorf ist quasi eine Mustersiedlung der Herrnhuter Christen. Die Glaubensgemeinschaft hat ihren Ursprung im Pietismus und der tschechischen Reformation und wurde von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf in Herrnhut/Oberlausitz entscheidend geprägt.

Schlichter Ort der Erbauung: Der Saal der Herrnhuter Brüdergemeine in Gnadau. Fotos: Katja Schmidtke

Schlichter Ort der Erbauung: Der Saal der Herrnhuter Brüdergemeine in Gnadau. Fotos: Katja Schmidtke

1767 hatte die Herrnhuter Brüdergemeine Gnadau planmäßig angelegt. Der Name des Dorfs, nicht weit entfernt von Elb- und Saaleauen, setzt sich aus Gnade und Aue zusammen und erinnert an Psalm 23. Gnadau sollte zu einer »Aue der Gnade Gottes« werden. Der zentrale Zinzendorfplatz ist quadratisch, mit vielen Wegen, Ein- und Ausgängen. Sie stehen für die fünf Wundmale Jesu, die zwölf Jünger, die zwölf Tore ins himmlische Jerusalem. Die Wegführungen sind so gestaltet, dass sich aus der Vogelperspektive das Christusmonogramm erkennen lässt. Früher gab es in der Mitte einen Brunnen: »Alle Bewohner hatten den gleichen Weg zum Wasser, den gleichen Weg zu Christus«, erklärt Pfarrer Hasting. Viele Lindenbäume säumen die Straßen. Mit ihren herzförmigen Blättern symbolisieren sie Herzensbindung eines jeden Gläubigen an Gott.

Bei der Herrnhuter Brüdergemeine steht ein bewusstes, persönliches Bekenntnis im Vordergrund, wenngleich Pfarrer Hasting natürlich auch »Karteichristen« kennt. Aber im Vergleich zu den Kollegen der evangelischen Landeskirche kann der Herrnhuter Prediger besser auf diese Menschen zugehen. Er betreut rund ein Drittel der Mitglieder.

Zur Brüdergemeine in Gnadau zählen 230 Christen, wovon etwa 80 in Gnadau selbst leben. Viele andere Mitglieder wohnen in der Region verstreut: Einmal im Vierteljahr predigt Friedemann Hasting daher auch in Dessau, Leipzig, Gardelegen und Wernigerode. Gnadau selbst hat rund 500 Einwohner.

Um die rund 140 landeskirchlichen Christen im Ort kümmert sich auch der Prediger der Brüdergemeine, alle sechs bis acht Wochen feiert Friedemann Hasting einen landeskirchlichen Gottesdienst. Eine Doppelmitgliedschaft in beiden Kirchen ist möglich.

In Gnadau ist rund jeder zweite Einwohner Mitglied einer Kirche: Es gibt neben Protestanten und Herrnhuter Christen auch Baptisten und Sieben-Tags-Adventisten. Die Brüdergemeine sieht sich als Scharnier zwischen großen und kleinen Kirchen, zwischen römisch-katholischer Weltkirche, evangelischen Landeskirchen und Freikirchen. »Uns ist wichtig, Ökumene nicht nur als katholisch-evangelische Dimension zu sehen«, so Pfarrer Hasting. Dieser Weitblick habe in jüngster Vergangenheit immer wieder Menschen für die Brüder-Unität begeistert. Die kleine Gemeinde wächst zwar nicht, aber sie schrumpft auch nicht.

Kirche ist kein Ort, sondern da, wo Gottes Licht scheint, sagt Pfarrer Hasting. Aus dieser Perspektive sehen die Gnadauer ihren Saal auch nicht als heiligen Raum, sondern als gute Stube. Er fügt sich am Zinzendorfplatz in die Reihe von Wohnhäusern ein. Nur die großen Fenster und der Dachreiter kennzeichnen ihn als Versammlungsort. »Wir räumen hier auch mal flink um, feiern fröhlich Feste, schenken ein Glas Wein aus«, erzählt der Pfarrer. Was erlaubt ist, entscheidet der Ältestenrat.

Trotz vieler Gemeinsamkeiten mit anderen Konfessionen – allem voran natürlich Christus als Zentrum des Glaubens – haben sich in der Brüdergemeine besondere liturgische Formen entwickelt. Was Protestanten als Gottesdienst kennen, ist hier eine Predigtversammlung. Auf die kann man sich gerne schon am Samstagabend mit einer Gebetsingstunde einstimmen. Die Liturgie ist immer anders: Es gibt Liturgien für Ostern und Weihnachten, orthodoxe Liturgien, welche zum Heiligen Geist oder zum Sohn. Das Abendmahl hat eine eigene Liturgie, ist eine in sich geschlossene Veranstaltung. Man teilt sich eine Doppeloblate mit seinem Nachbarn. Der Kelch wird durch die Reihen gegeben. Es wird viel gesungen.

Wenn der Saal die gute Stube der Gemeinde ist, so ist der Gottesacker ihr Schlafsaal. Auch hier herrscht Gleichheit. Keine üppigen Grabmale, nur in den Boden gelassene Steinplatten. Keiner kann sich einen besonders schönen Platz reservieren, die Anordnung der Gräber erfolgt chronologisch nach Sterbedatum. »Wenn Gott mich ruft, kann ich mir nicht aussuchen, wer mein Nachbar ist«, sagt Friedemann Hasting. Auf den Platten findet sich neben Namen, Geburts- und Sterbedatum auch ein Bibelwort. Der Gottesacker gleicht einer steinernen Bibel.

Gnadaus Anlage als Familienort ist heute noch zu spüren: In das einstige Brüderhaus ist die evangelische Grundschule gezogen, im Schwesternhaus hat eine Herberge eröffnet. Die Einrichtungen der Stiftung Herrnhuter Diakonie prägen den Ort und sind neben einem Verpackungswerk größter Arbeitgeber.

Katja Schmidtke


Gnadauer Gemeinschaftsverband

Die einzigartige Historie Gnadaus ist heute weitgehend unbekannt, sein Name jedoch im Zusammenhang mit Landeskirchlichen Gemeinschaften und Evangelischen Gemeinschaftsverbänden durchaus ein Begriff. Verwaist liegt er inzwischen da, jener Gasthof, in dem 1888 die Pfingstkonferenz der pietistischen Gemeinschaftsbewegungen tagte (Foto), aus dem besagter Gnadauer Verband hervorging. Die Konferenz gilt als erster Schritt auf dem Weg zu einer Einheit der deutschen Gemeinschaftsbewegung, deren Landesverbände bis dato isoliert arbeiteten. Trotz unterschiedlicher Prägung einte sie das Anliegen, die Arbeit von Laien in der evangelischen Kirche stärker zu entfalten. Es bestanden keine Absichten, sich von der Kirche zu separieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg teilte sich der Verband entsprechend der innerdeutschen Grenze und schloss sich 1991 wieder zum »Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverband« zusammen. Heute hat er seinen Sitz jedoch in Kassel. Vertreten sind darin eine große Bandbreite theologischer Auffassungen, je nach Stellung der einzelnen Gemeinschaften und ihrer Verbände in den verfassten Kirchen. Der Neupietismus und mit ihm die Gemeinschaftsbewegung setzt im Gegensatz zum klassischen Pietismus auf eine stärkere Ausrichtung auf Lehre und Verkündigung, die teilweise zu Lasten der karitativen und diakonischen Tätigkeiten gehen kann.

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Ein Lob auf gute Nachbarn

20. Mai 2018 von redaktionguh  
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In der Siedlung, in der meine Großeltern nach dem Krieg bauten, gibt es die Tradition der sechs engsten Nachbarn. Das sind die Nachbarn, die jederzeit füreinander da sind. Sie helfen mit Eiern oder Mehl aus. Sie laden einander zu Feiern ein. Sie stehen einander bei in Krankheit und Trauer.

Als wir Anfang der 1970er-Jahre in ein kleines ostwestfälisches Dorf zogen, war es für meine Mutter selbstverständlich, dieses Denken mitzunehmen und zu leben. So händigte sie der äußerst verblüfften Nachbarin einen Schlüssel zu unserer Wohnung aus, damit sie im Notfall auch nachts für ihren kranken Vater den Arzt anrufen könnte. Das hat sie ihr nie vergessen und so wurden aus Nachbarn Freunde.

Meine Kinder- und Jugendjahre verbrachte ich »in guter Nachbarschaft«. Besonders im Sommer wurde unsere Terrasse zum Treffpunkt. Lag sie doch auf dem Weg zum Friedhof, wo bei heißem, trockenen Wetter regelmäßig gegossen wurde. Auf dem Rückweg kam es zu Austausch, Plaudereien und nicht selten zu spontanen Grillpartys.

Heute lebe ich in der Stadt in einem Mehrparteienhaus. Alle arbeiten ganztags, selten kommt es im Treppenhaus zu Plaudereien. Doch in Zeiten der Not erfuhr ich auch hier gute Nachbarschaft und Hilfe.

Wer seine Nachbarn besser kennenlernen will, hat am 25. Mai Gelegenheit dazu. Die nebenan.de- Stiftung hat erstmals einen »Tag der Nachbarn« ausgerufen.

Übrigens hat es der Nachbar auch ins Gesangbuch geschafft. Dort (Nr. 482) heißt es in einem meiner Lieblingsverse von Matthias Claudius:
»Verschon uns, Gott! mit Strafen, Und lass uns ruhig schlafen! Und unsern kranken Nachbarn auch!«.

Elke Stricker

Die Autorin ist Mitarbeiterin der Wochenzeitung »Unsere Kirche« in Bielefeld.

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Den Glauben zur Herzenssache machen

20. Mai 2018 von redaktionguh  
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Pietismus: Gefühlsbetonte Frömmigkeit prägte die Kirchenliedliteratur

Beim Blättern im Evangelischen Gesangbuch stoßen wir auf zahlreiche pietistische Lieder, die auch heute noch gern gesungen werden. Zu ihnen zählt Nummer 251, deren erste Strophe lautet: »Herz und Herz zusammen / sucht in Gottes Herzen Ruh. / Lasset eure Lebensflammen / lodern auf den Heiland zu. / Er das Haupt, wir seine Glieder, / er das Licht und wir der Schein, / er der Meister, wir die Brüder, / er ist unser, wir sind sein.« Was Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf da in Gedichtform gebracht hat, bringt das Anliegen des Pietismus auf den Punkt. Es ging darum, die als Erstarrung wahrgenommene Rationalisierung der Theologie aufzubrechen und Glauben wieder zur Herzenssache zu machen. Die direkte Annahme der biblischen Botschaft und ein lebendiger Umgang mit ihr standen im Vordergrund.

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (Porträt von Balthasar Denner)

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (Porträt von Balthasar Denner)

Der durch persönliche Bekehrung und gefühlsbetonte Frömmigkeit geprägte Pietismus entwickelte sich seit 1670 zur bestimmenden Strömung der Kirchenliedliteratur. An die prägende Rolle des Liedes in der Reformation anknüpfend, versuchte er der Singepraxis neue Impulse zu geben. Durch neue Liedschöpfungen brachte er eigene reformerische Anliegen zum Ausdruck und zeitigte bemerkenswerte Wirkungen in Dichtung und Musik. Produktivster Autor war zweifellos Graf Zinzendorf, der etwa 3000 Lieder dichtete. Auch Joachim Neander (»Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren«, EG 316) oder Gerhard Tersteegen (»Ich bete an die Macht der Liebe«) haben bis heute beliebte Kirchenlieder geschaffen.

Die wichtigste Liedersammlung war zweifellos das 1704 in Halle erschienene »Freylinghausensche Gesangbuch«, das ungefähr 1500 Lieder umfasste. Sein Herausgeber Johann Anastasius Freylinghausen war Theologe der pietistischen Halleschen Schule und Nachfolger von August Hermann Francke als Direktor der Franckeschen Stiftungen. Im Evangelischen Gesangbuch findet sich unter EG 356 das Lied »Es ist in keinem andern Heil, kein Name sonst gegeben«, zu dem er den Text der ersten Strophe geschrieben hat.

Mit seiner 2003 in der Evangelischen Verlagsanstalt veröffentlichten Edition »Lieder des Pietismus« hat Christian Bunners bisher nur in Spezialarchiven auffindbare Quellen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und damit zugleich verdeutlicht, dass der Pietismus des 17. und 18. Jahrhunderts auch eine Singebewegung gewesen ist. Das gilt auch für spätere Ausprägungen wie den Neu-Pietismus und die Gemeinschaftsbewegung, die Impulse der amerikanischen und englischen Heiligungsbewegung aufnahmen. So fanden sich 1892 in der ersten Auflage des deutschen Reichsliederbuches (3 Millionen!) 30 Prozent aus dem Englischen übersetzte Texte! Diese sogenannten »Heilslieder« verfügten meist über einen wiederkehrenden Refrain und wurden mit In­brunst auf den neu entstandenen Großevangelisationen gesungen.

Michael von Hintzenstern

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Still und kontinuierlich statt »auf Biegen und Brechen«

19. Mai 2018 von redaktionguh  
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Es soll nicht durch Heer oder Kraft sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.

Sacharja 4, Vers 6

Als »Mund Gottes« verspricht der Prophet Sacharja seinen verunsicherten jüdischen Zeitgenossen, die so gerne den Tempel wieder aufbauen wollen, nicht das Blaue vom Himmel. Er weiß: aus Gewalt oder Kraftprotzerei wird nichts Gutes geschehen. Schon diese erste Aussage des Wochenspruches sei uns heute gesagt!

Auf Biegen und Brechen lösen auch wir keines unserer aktuellen Probleme. Wenn überhaupt etwas anders und besser wird, so Sacharja, dann nur durch Gottes Geist. In den Pfingsttagen glauben wir als Bibelleser zu wissen, wie Gottes Geist in der Welt funktioniert. Wir sehen Flammen über den Häuptern der Apostel, meinen das Brausen und Sausen des Windes zu hören, erfahren von mutigen Menschen, die aus ihren Verstecken heraus auf die Straße drängen, um den Auferstandenen zu bekennen. Nach meiner Erfahrung wirkt Gottes Geist auf Dauer so freilich nicht.

Pfarrer Andreas Müller, Direktor Marienstift Arnstadt

Pfarrer Andreas Müller, Direktor Marienstift Arnstadt

Dass wir trotz aller Frustration auch im Jahr 2018 als Gemeinde der Heiligen beieinander sind, Kirche leben und ertragen und Gott bekennen, danken wir dem stillen, kontinuierlichen Wirken des Heiligen Geistes unter uns.

Gottes Geist wirkt in der alten Frau, die als einzige aus ihrer Straße alle paar Wochen in die Kirche geht, damit die Glocken im Dorf nicht umsonst geläutet haben. Er wirkt in der Krankenschwester, die sich im Stress der Arbeit die Liebe zum Beruf bewahrte. Er wirkt in jungen Leuten, die ernsthaft nach Gott suchen und nicht nur nach euphorisch guter Stimmung. Und Gottes Geist wirkt auch seit den Tagen der alttestamentlichen Propheten durch Frauen und Männer, die Gott »ins Amt« gesetzt hat, damit sie über sich und ihre eigene Begrenztheit hinaus wachsen, um Gott zu bekennen.

Pfingsten ist keine Verheißung auf irgendeine ferne oder nahe Zukunft, sondern Gegenwart. Nicht strahlend, nicht triumphierend, aber real. Gott überlässt die Welt nicht sich selber. Auch durch uns bleibt er in ihr am Wirken.

Pfarrer Andreas Müller, Direktor Marienstift Arnstadt

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Das stimmt mich hoffnungsvoll

19. Mai 2018 von redaktionguh  
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Jubilar: Roland Hoffmann war von 1992 bis 2001 Landesbischof in Thüringen. Der Altbischof feierte am Montag seinen 80. Geburtstag. Willi Wild hat den Jubilar in seinem Garten in Jena getroffen.

Wie verbringen Sie Ihren Ruhestand?
Hoffmann:
Das Schönste im Rentnerdasein ist der Vormittagsschlaf. Wenn da mal jemand klingelt, kann mich keiner einen »faulen Hund« schimpfen. Ich bin Rentner, ich darf vormittags schlafen. Ansonsten haben wir, meine Frau und ich, Arbeitsteilung. Im Garten ist meine Frau für das Anlegen und Pflanzen zuständig, da ich schlecht Gänseblümchen von Pfingstrosen unterscheiden kann. Ich gieße, schneide die Hecke oder zimmere das Hochbeet zusammen.

Daneben werden Sie regelmäßig
zu Gottesdiensten und Veranstaltungen eingeladen. Wie oft ist das der Fall?
Hoffmann:
Im vergangenen Jahr waren es über 50 Gottesdienste. Aber seit diesem Jahr trete ich deutlich kürzer. Mit 80 Jahren muss und kann ich nicht mehr alles annehmen, auch wenn es mir nach wie vor Freude macht.

»Wenn der weiße Flieder wieder blüht« ist der Geburtstag von Altbischof Hoffmann nicht mehr weit. Seit 55 Jahren sind Brigitte und Roland Hoffmann verheiratet. Foto: Willi Wild

»Wenn der weiße Flieder wieder blüht« ist der Geburtstag von Altbischof Hoffmann nicht mehr weit. Seit 55 Jahren sind Brigitte und Roland Hoffmann verheiratet. Foto: Willi Wild

Wie erleben Sie heute die Landeskirche, die ja nicht mehr die ist, der Sie damals als Bischof vorstanden?
Hoffmann:
Ich erlebe unsere Kirche vorwiegend in den Gemeinden und kann mich da bloß freuen. Kürzlich war ich im Thüringer Wald im Pfarramt Oberhain zu einem Abend für die Ehrenamtlichen. Der Pfarrer hat 13 Kirchen in seinem Kirchspiel. Ins Dorfgemeinschaftshaus kamen etwa 90 Frauen und Männer. Das hat mich sehr erstaunt. In Zeiten, in denen das Ein-Mann-System des Pfarrerseins zusammenbricht, kommen Jung und Alt, um ehrenamtlich in ihrer Gemeinde mitzuarbeiten. Das ist doch ein Aufbruch! Das stimmt mich hoffnungsvoll. Das hat mir gezeigt, dass auf der Gemeindeebene Kirche nicht am Ende ist.

Vor zehn Jahren gab es die Fusion der Thüringer Landeskirche mit der Kirchenprovinz Sachsen zur EKM. Wie sehen Sie heute den Zusammenschluss?
Hoffmann:
Meine Absicht war schon damals, die Kirchengebiete in Thüringen zu einigen und die Propsteien Nordhausen, Erfurt und Suhl in unsere Landeskirche einzubinden. Daraus ist dann die Fusion geworden.

Das Bußwort des Landeskirchenrates schlägt hohe Wellen. Wie sollte Ihrer Meinung nach die Aufarbeitung und Versöhnung im Bezug auf die DDR-Zeit aussehen?
Hoffmann:
Das Wenn und Aber zum Bußwort zeigt doch, dass der Weg zur Versöhnung zu schmal angelegt ist, wenn man ihn nur auf die Stasi bezieht. Man kann unsere Vergangenheit aber nicht nur darauf beschränken. Mein Vorschlag war damals, ein Trauerjahr in unserer Landeskirche einzulegen. Aber das wurde weitgehend abgelehnt. Man wollte nicht mehr rückwärts, sondern nur noch nach vorne schauen. Ich bereue es bis heute, dass ich mich damals nicht durchgesetzt habe.

Was sollte da betrauert werden?
Hoffmann:
Zum einen das, was wir in der alten Ära verloren haben, nicht nur 40 Jahre unseres Lebens und Arbeitens, sondern auch das, was wir gewollt haben. Aber auch anzuschauen, was wir nicht geschafft haben. Wir haben gearbeitet bis zum Umfallen und trotzdem sind unsere Gemeinden kleiner geworden. Oder aber die Frage zu stellen, was wir in der geistlichen Arbeit verpasst und falsch gemacht haben. Ich rede nicht von Schuldzuweisung, sondern davon, einfach zu analysieren, was wir jetzt vorfinden. Damit hätten wir die gesamte Breite des Erinnerns gehabt und nicht nur die Engführung, diese Schmalspur-Verarbeitung in Sachen Stasi. Wir kommen bis heute nicht vorwärts, weil uns die Vergangenheit zurückzieht, denke ich.

Sie haben einmal gesagt, dass unserer Landeskirche eine Erweckung gefehlt habe. Ist das ein Grund, warum es mit der Vergangenheitsbewältigung nicht so richtig vorwärtsgeht?
Hoffmann:
Wir hatten in Thüringen nie eine Erweckung. Der erste Schritt bei einer Erweckung ist immer die Buße, also die Änderung der inneren Haltung, eine Bekehrung. Wir haben es nie gelernt, Buße zu tun und Buße zu leben. Vielleicht ist das ein Manko in der Geschichte unserer Kirche, dass wir so eine Stelle der Umkehr nicht benennen können. Dafür braucht es eine geistliche Qualifikation, die man nicht aus Büchern hat.

Was wünschen Sie sich im Bezug auf die Landeskirche?
Hoffmann:
Ich wünsche mir, dass wir bei allem, was wir tun und tun müssen, fröhlicher sind, weniger klagen und hoffnungsvoller das tun, was jeden Tag nötig ist.

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Gottes Geist sprudelt

18. Mai 2018 von redaktionguh  
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Warum feiern wir Pfingsten? Eine zunächst einleuchtende Antwort ist: »Wir feiern den Geburtstag der Kirche.« Ich war zufrieden, wenn Konfirmanden wenigstens diese Antwort parat hatten und dann noch vermuteten, dass da etwas durch den Heiligen Geist passierte.

Pfingsten ist die Geburtsstunde der nachösterlichen Jesusbewegung. Das Stichwort »Geburtstag« ist eine Erklärungshilfe, auch wenn sie zu kurz greift. Denn nach dem Geburtstag folgt wieder der Alltag. Aber was folgt auf Pfingsten? Nach Pfingsten kommt die Trinitatiszeit. Zwar wirkt im Gedanken der Dreieinigkeit Gottes das Thema des Heiligen Geistes weiter. Aber wir beschäftigen uns in der Verkündigung nur am ersten und zweiten Pfingsttag damit.

Pfingsten als Gedenktag des Heiligen Geistes ist mir zu wenig. Ich wünschte, man könnte die Sonntage nach Pfingsten zählen. Viele Themen und Texte würden in einem anderen Licht erscheinen, wenn sie an einem Sonntag nach Pfingsten bedacht würden. Es ist gut für unsere Kirche, mehr nach dem Heiligen Geist zu fragen und um ihn zu bitten.

Die Bibel bezeugt von Anfang bis Ende, wie Gott durch seinen Geist wirkt. Er ist derselbe Geist im Alten wie im Neuen Testament. Der Heilige Geist sprengt menschliche Gottesbilder auch im Blick auf das Geschlecht. Das hebräische Wort Ruach bedeutet zunächst Wind und ist weiblich. Die »Geistkraft« übersetzt man das angemessen. Gottes Geist wird als Energie erfahren. Aber die Bibel unterstreicht den personalen Charakter des Geistes. Vor allem ist er der Geist Jesu Christi. Er lehrt Jesus Christus erkennen, anbeten und nachfolgen.

Ausgießen, auffangen, weitergeben: Der Kaskadenbrunnen im baden- württembergischen Kloster Maulbronn. Die ehemalige Zisterzienserabtei ist seit 1993 Weltkulturerbe der UNESCO. Foto: epd-bild

Ausgießen, auffangen, weitergeben: Der Kaskadenbrunnen im baden-württembergischen Kloster Maulbronn. Die ehemalige Zisterzienserabtei ist seit 1993 Weltkulturerbe der UNESCO. Foto: epd-bild

Die Pfingstgeschichte erklärt aber nicht, wer der Heilige Geist ist. Sie ist davon gepackt, wie er wirkt. Es geschah zum jüdischen Wochenfest, 50 Tage nach Ostern (Pfingsten heißt zunächst nicht mehr als »Fünfzig«). Da erfüllte Gottes Geistkraft Frauen und Männer, die einmütig beieinander waren. Begeisterung ergriff sie. Es war »wie Feuerflammen« oder »wie ein gewaltiger Sturm«. Diese äußeren Bilder einer intensiven Gottesnähe drückten aus, was sie innerlich erlebten. Gottes Geist rüttelte an ihnen. Ihr Denken und Fühlen wurde geöffnet für Gott.

In der Apostelgeschichte Kap. 2 durchläuft die Ausgießung des Geistes bildlich gesprochen drei Kaskadenstufen. In einem kunstvollen Brunnen sprudelt das Wasser aus einer Fontäne oben hervor, wird dann in einer Schale aufgefangen und läuft in ein Becken herab. So fließt Gottes Geist hinein in die Lebendigkeit der Anhänger Jesu. Zuerst ist der Geist göttliche Energie, die an ihnen geschieht. Er kommt überraschend und übersteigt alles Verstehen. Was hier geschildert wird, trägt die Züge einer Offenbarung Gottes.

Dann gibt derselbe Geist klare Worte. Das Wort fängt bildlich das Wasser der Fontäne auf. Sie predigen die weltverändernde Botschaft Jesu. Menschen aus aller Herren Länder verstehen sie in ihren Sprachen. Und Petrus deutet, was der Prophet Joel über den Geist angekündigt hatte.

Schließlich verleiht dieselbe Geistkraft über die Worte hinaus das klare missionarische Zeugnis der gelebten Gemeinschaft. Die Gruppe der Jüngerinnen und Jünger gewinnt Ausstrahlungskraft durch ihr gemeinsames Leben. Das ist die Schale, die das Wasser des Geistes auffängt. Sie leisten Umkehr und lassen sich taufen. Sie leben einmütig zusammen. Sie beten Gott im Tempel an. Sie halten Tischgemeinschaft in den Häusern. Sie brechen das Brot, wie Jesus es tat, und teilen alles miteinander. Ihr freudebetonter Lebensstil führt ihnen neue Anhänger zu.

Sie werden Jesu neuer Leib. Er ist das Haupt und erschafft sie durch den Geist als seine Glieder und schenkt ihnen vielfältige Gaben. So versteht es Paulus später. Menschwerdung 2.0 möchte ich das bezeichnen, was aus Pfingsten hervorging. Gott gibt sich aus Liebe weiter hinein in das Menschengeschick. Wie in Jesu Leben und Hingabe am Kreuz, so hat auch der Pfingstgeist ein deutliches Gefälle hinein in eine neue Gemeinschaft befreiter Menschen.

Nicht auf die pfingstliche Ekstase läuft alles hinaus, sondern auf das einfache Leben in der Gewissheit der Liebe Gottes.

Zeichen dafür ist das pfingstliche Brotbrechen, in dem sich die Mahlgemeinschaft Jesu fortsetzt.

Ich hoffe und glaube, dass Gottes Geistkraft unserer Kirche jeweils neu die Kraft gibt, erstarrte Formen aufzubrechen und frei, klar, lebendig und kreativ zu sein. Sie soll jederzeit mit dem Heiligen Geist rechnen, der auch außerhalb ihrer Strukturen Menschen erreicht. Er leitet sie zu den geringsten Schwestern und Brüdern Jesu.

Christoph Hackbeil

Der Autor ist Regionalbischof des Propstsprengels Stendal-Magdeburg.

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Tochter Zion und ihre christliche Filiale

14. Mai 2018 von redaktionguh  
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»Ich bin Feminist«, sagt der Jenaer Universitätsprofessor Manuel Vogel von sich und macht sich Gedanken über »Gott als Vater«

Die Kirche hat in einer Zeit, in der das Patriarchat längst (und mit Recht) in die Kritik geraten ist, ein Problem. Dieses Problem besteht darin, dass die Sprache und Gedankenwelt der Bibel auf weite Strecken genauso patriarchalisch ist wie das (oder besser: die) Zeitalter ihrer Entstehung. Die Kirche kann, so meine bündige Auffassung, dieses Problem nicht lösen, jedenfalls nicht konsequent, denn konsequent ist nur der Teufel; sie kann aber damit leben, und zwar gut damit leben. Nämlich dann, wenn sie ihre Sprache und (was nicht ganz dasselbe ist) ihre Sprachgewohnheiten ständig reflektiert und – wie man heute so schön sagt – immer wieder neu »aushandelt«.

Im Vergleich mit der Rede von Gott als »Vater« ist freilich die Diskussion, ob denn die Revision der Kirchenverfassung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland eine Gelegenheit wäre, die Mitgemeinten zur Abwechslung auch mal mitzunennen – was hätte eigentlich dagegen gesprochen?! –
ein Kinderspiel. Denn das Wort »Vater« (griechisch pater) steckt ausgerechnet im ungeliebten Begriff des »Patri-archats«, der »Vater-Herrschaft«. Also, was tun? Grob gesagt gibt es, um die Sache in Angriff zu nehmen, zwei Methoden, nämlich die »narrative«, vom lateinischen narratio, »Erzählung«, und die begriffliche. Während Begriffe »definiert« werden, werden Erzählungen, nun ja, einfach »erzählt«.

Ich wähle den zweiten Weg, denn die Bibel definiert nicht (das ist das Geschäft der Dogmatik und der Rechtswissenschaft), sondern sie erzählt. Also nicht: »Was ist ein Vater«, sondern »Was tut er«, nämlich Gott als himmlischer Vater in der großen Erzählung der jüdisch-christlichen Bibel, der wir unzählige kleine und kleinste Erzählungen verdanken.

Foto: Creative Commons CCo

Foto: Creative Commons CCo

Hinzu kommt das Nachzeichnen von Sprachbildern, denn diese Bilder sind oft selbst kleine Erzählungen, z. B. das Wort aus Jesaja 66,13: »Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.« Gott ist hier ein Vater mit mütterlichen Zügen. Vergleichbare Aussagen sind in der Bibel nicht häufig (und selbst in Jes. 66, wo es überwiegend kriegerisch zugeht, eine Ausnahme), aber es gibt sie. Psalm 131 ist in der (sehr zu empfehlenden) Basisbibel überschrieben mit »Gebet einer Pilgerin«, und zwar wegen Vers 2: »Wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter / wie das gestillte Kind an meiner Brust / so ist meine Seele zur Ruhe gekommen«. Wenn man so übersetzt, muss diesen Psalm eine Frau geschrieben haben.

Ihre Empfehlung lautet: »So soll auch Israel auf den Herrn warten« (Vers 3). Das Kind bei seiner Mutter ist gleichnisfähig für das Verhältnis Israels zu Gott. Freilich: Gott kann als Mutter auch gefährlich werden »wie eine Bärin, der die Jungen genommen sind« (Hos 13,8). Aber am Ende steht doch das Bild eines zärtlichen Vaters, der alle Tränen von den Augen seiner Kinder abwischen wird (Offb. 21,3).

Überhaupt tut Gott als Vater lauter komische Dinge, die ein Vater, der in einer patriarchalischen Gesellschaft etwas auf sich hält, keinesfalls tun würde. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn läuft er dem heimkehrenden Ausreißer entgegen, was eine Selbsterniedrigung darstellt, denn der Höherrangige kommt dem Rangniederen keinesfalls buchstäblich entgegen. Wichtig ist auch: Die Rede von Gott als »Vater« ist Teil eines Bildgefüges, das die Geschlechterrollen gehörig durcheinander bringt, denn Israel ist dieses Vaters »Tochter«, die berühmte »Tochter Zion« mit ihrer christlichen Filiale, der Gemeinde als »Braut« Christi.

In dieses Sprachbild müssen sich wohl oder übel auch die Männer aus Israel und der Gemeinde einfügen. Vor allem aber: Dass Gott »Vater« ist, hat eine anti-patriarchalische Spitze, weil nämlich das Vatersein Gottes die irdische Vaterrolle nicht etwa aufwertet, sondern im Gegenteil ersetzt. An die Stelle der irdischen Väter tritt der himmlische. Das wird etwa in Markus 10,29 deutlich, wo die Jünger fragen, was sie dafür bekommen, dass sie »Haus, Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder und Äcker« verlassen haben. Sie bekommen, so die Antwort Jesu, alles vielfach wieder, nur nicht den Vater. Der wird nicht genannt, weil der himmlische Vater seine Rolle übernimmt. Das ist ein Reflex dessen, dass das Christentum von Anfang an eine Bekehrungsreligion war: Die sich der Gemeinde anschlossen, erlitten vielfach den Verlust der hergebrachten Sozialbeziehungen des antiken »Hauses« mit dem pater familias (»Vater der Familie«) an der Spitze. So gesehen ist die Gemeinde eine alleinerziehende Mutter von lauter Brüdern und Schwestern, die von ihren irdischen Vätern des Hauses verwiesen wurden.

Klarer kommt der hier angedeutete Konflikt zwischen irdischer und himmlischer Vaterrolle in 1. Johannes 5,18 zur Sprache: Die Kinder Gottes werden nicht »aus dem Willen eines Mannes«, sondern »aus Gott« geboren. Gott und der Wille des Mannes, die männliche und die göttliche Logik, bilden hier einen scharfen Gegensatz.

Gerade als Feminist komme ich deshalb mit Gott als »Vater« ganz gut klar, ohne der biblischen Sprache zu Leibe rücken zu müssen.

Manuel Vogel

Der Autor ist Professor für Neues Testament und Dekan der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

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Unsichtbar, dennoch da

13. Mai 2018 von redaktionguh  
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Als ich die Recherchen meiner Kollegen zu Glocken mit NS-Symbolen in Mitteldeutschland verfolgte, schnürte sich mir die Kehle zu. Unsere Kirche empfiehlt den betroffenen Gemeinden, an Glocken die Flex anzusetzen. Durch Abschleifen sollen die in Metall gegossenen Bezüge zum Nationalsozialismus verschwinden.

Das ist gut gemeint, aber alles andere als gut gemacht. Verschwindet mit dem Hakenkreuz oder mit den Inschriften auch der historische Bezug, das Gedankengut, unsere gegenwärtige Verantwortung? Im Gegenteil! Das Symbol ist abgeschliffen, aber durch die sichtbaren Folgen ist der Nazi-Bezug, vor allem aber unser Umgang damit präsenter als zuvor. Hitler ist weg und doch weiß jeder, der so eine Glocke sieht, dass er da war. Die Glocke wird immer die Glocke bleiben, die zur Zeit ihres Gusses das Empfinden und die Gesinnung einer Gemeinde ausgedrückt hat.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde es abscheulich, dass in Kirchen der EKM Glocken mit Hakenkreuzen hängen und läuten. Glocken läuten nicht fürs Vaterland, nicht für Adolf Hitler, nicht für nationale Erhebungen, nicht für den Nationalsozialismus. Glocken läuten zum Gebet, zu Gottes Ehre.

Aber was zwischen 1933 und 1945 geschehen ist, ist geschehen. Diese Glocken sind da. Sie sollten weder beschliffen noch zerstört werden. Sie sollten konserviert werden. Sie erinnern uns schmerzlich an unsere Geschichte, an die Verstrickungen der evangelischen Kirche mit der Diktatur. Aber sie gehören vom Glockenstuhl genommen, sie sollten in den Türmen aufbewahrt und kommentiert werden. Diese Glocken läuten dann zwar nicht mehr zu Gott, aber sie bringen unsere Verantwortung als Christenmenschen zum Klingen.

Katja Schmidtke

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