»Mit Gottes Hilfe packen wir an«

7. Mai 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Blickpunkt: Die Stiftskirche in Frose gilt als interessanter Ort an der Straße der Romanik. Besucher schätzen die Originalität des Bauwerks. Für seinen Erhalt ist viel zu tun.

An das Mittelalter und die damit verbundene Bedeutung des Ortes Frose erinnert nur noch die Stiftskirche St. Cyriakus. Wer auf der B 6n zwischen Aschersleben und Hoym unterwegs ist, den grüßt sie aus der Ferne. Nachts leuchten die Türme dank moderner LED-Beleuchtung weithin. Dass von dort auf Wunsch der Anhalter Fürsten in Ballenstedt eine Strecke der Magdeburg-Halberstädter-Eisenbahn-Gesellschaft zur Station Ballenstedt-Schloss gebaut und am 7. Januar 1868 eröffnet wurde – ist längst nur noch Eisenbahn-Historie. Auch wenn der Ortsteil der Stadt Seeland keine Hotelbetten besitzt, ist er ein beliebtes Reiseziel.

Kirchenbau: Von 1991 bis 2004 gab es umfangreiche Sanierungsarbeiten an St. Cyriakus. Zurzeit müssen Schäden an der Westfassade beseitigt werden. Foto: Uwe Kraus

Kirchenbau: Von 1991 bis 2004 gab es umfangreiche Sanierungsarbeiten an St. Cyriakus. Zurzeit müssen Schäden an der Westfassade beseitigt werden. Foto: Uwe Kraus

Die Stiftskirche ist eine von sechs Stationen in fünf Orten auf der Südroute der Straße der Romanik im Salzlandkreis. Sie lebt durch ihr Erscheinungsbild, das die Experten als »sehr romanisch«, »nicht überbaut« und »einfach originär« klassifizieren. Ludwig der Deutsche gründete Mitte des 9. Jahrhunderts in Frose ein Stift, das er dem heiligen Cyriakus weihte und mit Kanonikern besetzte. 950 übertrug Otto I. dem Markgrafen Gero die Nutzungsrechte für das Kloster, welches zu einer der ältesten geistlichen Stiftungen zu rechnen ist.

Im Kanonissenstift lebten in der Regel etwa zwölf Töchter aus adligen und später auch aus reichen bürgerlichen Familien in einer klosterähnlichen Gemeinschaft. Elisabeth von Weida ermöglichte es 1515 Thomas Müntzer, nachdem 1511 die letzten zwei Stiftsdamen diesen Ort verlassen hatten, hier ein Knabenkonvikt einzurichten.

Dieses wurde durch die Braunschweiger Hanse finanziert und mit Söhnen aus diesen Familien bis 1517 besetzt. Müntzer selbst wurde als Propst eingesetzt und war somit Geistlicher des Cyriakusaltars.

Als 2017 zum zehnten Mal das Cyriakusfest in der Stiftskirche Frose gefeiert wurde, das helfen soll, die Kirche der Allgemeinheit wieder mehr zu öffnen und näher zu bringen, stand Müntzer im Fokus. Die Gemeinde rückte das Verhältnis des Präfekten im Kanonissenstift Frose zu Luther in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit. »Selbst zum Kirchentag in Bernburg bin ich im Müntzer-Kostüm aufgetreten und habe sowohl mit dem Minister- als auch dem Kirchenpräsidenten über dessen Rolle gesprochen, auch wenn er nur zwei Jahre hier agierte«, erinnert sich der Gemeindekirchenratsvorsitzende Rüdiger Kempe, der als Prädikant auch selbst am Pult steht. »Vielleicht entwickelt sich bei uns ja neben Allstedt ein weiterer Müntzer-Ort.« Der rührige Kempe, dessen Bruder Ortsbürgermeister ist, weiß aber auch, dass die Kirchen-Historie von Frose teilweise recht locker gehandhabt wurde. »Viele Geschichten klingen gut und viele Pfarrer haben sich ihr Denkmal gesetzt. Aber ich sage immer ehrlich, es gibt dieses oder jenes Fragezeichen.« Alles, was nach Müntzer kam, sei eher unspektakulär gewesen.

Logo-Romanik-18-2018»Die Spiritualität und das Geistliche sind natürlich weiterhin wesentlicher Bestandteil unserer Stiftskirche, angefangen von Gottesdiensten, der Christenlehre oder Gebetszeiten. Hier finden ›alle und Christen‹ einen Ort der Stille, des Gebets und der Fürbitte«, berichtet Kempe. Die schlichte Ausstattung der Stiftskirche mit Altar, Kanzel, Taufstein, Lesepult und Gestühl aus dem 19. Jahrhundert lädt zum Verweilen in der Begegnung mit dem lebendigen Gott aller Zeiten ein.

Heute wird die Kirche nicht nur als Ort der Spiritualität gesehen, gern kommen auch Besucher, um sich von der Originalität des Bauwerks zu überzeugen. Um die 3 500 Gäste sind es jährlich. Dienstags, donnerstags und samstags bietet die Gemeinde begleitete Führungen an. Die Stiftskirche ist ein Ort für Konzerte, das Hauptschiff mit seinen beiden Nebenschiffen bildet ein einzigartiges Klangbild, was seinesgleichen sucht. Die »Don-Kosaken« gastieren her ebenso wie das Vokalensemble »con gusto« aus Halle oder die Chöre aus der Region und die Froser Gospel-Gruppe.

Der kräftige Unternehmer Rüdiger Kempe ist seit 1994 »an Bord« und hat mit seinem Steinmetzbetrieb 15 Jahre an der Kirche mitsaniert. Er weist auf die Hochkanzel, die der in Gernrode ähnelt und an der er bei den Arbeiten Jesus gut in die Sonne gesetzt hat. Die freigelegte Nonnenloge zeuge von einzigartiger Baukunst der Romanik. »Da haben die Experten Putz aus dem 11. Jahrhundert entdeckt.« Unterdessen werde mit einem Beamer diese Wand angestrahlt. »Das zeigt digital: So könnte es mal nach der Sanierung aussehen.«

Für die Stiftskirche gibt es einen Master-Plan. So habe die Sanierung der stärker geschädigten Westfassade derzeit Priorität. 300 000 Euro seien dafür nötig. Für den Gemeindekirchenrat ist es wichtig, dass alle Förderungen genutzt werden. »Die Gemeinde mit rund 200 Gliedern hat schon eine starke Position. Mit Gottes Hilfe packen wir an, bevor es zu spät ist«, ist Rüdiger Kempe überzeugt. Und wir haben uns einen Sponsorenpool geschaffen, der ein Segen für Förderverein und Gemeinde ist. Es soll nicht abgehoben klingen, aber wir wollen ein Leuchtfeuer für die Region sein«.

Uwe Kraus

www.stiftskirchefrose.com

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