Miteinander zu sprechen ist wichtiger, als mit einer Stimme zu sprechen

7. Mai 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen: Geschäftsführerin Elisabeth Dieckmann über verschiedene Aspekte der Ökumene

Haltung ist ebenso wichtig wie Inhalt, geht es um die Ökumene in Deutschland. Elisabeth Dieckmann, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) über den Schwung nach dem Reformationsjahr, aktuelle Herausforderungen und einfache ökumenischen Praktiken.

Der Ökumene-Tag in Halle, auf dem Sie den Hauptvortrag hielten, stand unter dem Thema »Jetzt geht’s weiter«. Das klingt nach Aufbruch, oder?
Dieckmann:
Ja, es ist eine Aufbruchstimmung zu spüren. Das Reformationsjahr ist ja wirklich ökumenisch gefeiert worden und das Fundament, das uns alle trägt, ist gewachsen. Das kann nicht mehr kaputt gemacht werden, und mehr noch, es kann uns Auftrieb geben.

Elisabeth Dieckmann. Foto: epd-bild

Elisabeth Dieckmann. Foto: epd-bild

Ich spüre jedenfalls Elan und neue Zuversicht, um bei Herausforderungen in der Gesellschaft, aber auch im Dialog mit anderen Religionen mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen. Gleichzeitig schätzen wir unsere Pluralität wert. Es gibt natürlich weiterhin Unterschiede. Wir können und müssen nicht an jeder Stelle mit einer Stimme sprechen. Aber wir sind bereit, miteinander zu reden. Wie Reinhard Kardinal Marx sagte: 2017 ist ein Kairos, ein Geschenk der Gnade.

Bedeutet die pastorale Orientierungshilfe für das Abendmahl einen Rückschlag? Die Deutsche Bischofskonferenz hatte sie beschlossen, aber einige Bischöfe scherten danach aus und beschwerten sich beim Vatikan.
Dieckmann:
Das Kirchenrecht gewährt einen gewissen Entscheidungsspielraum: Soll ein katholischer Spender einem Protestanten die Kommunion reichen, muss eine schwerwiegende geistliche Notlage vorliegen.

1983 wurde kirchenrechtlich festgelegt, dass der Diözesanbischof oder die Bischofskonferenz entscheidet, wann eine solche Notlage eintritt. Die neue pastorale Orientierungshilfe hat das Ziel, dem Pfarrer vor Ort einen Entscheidungsspielraum zu überlassen, so dass er im Gespräch mit betroffenen Eheleuten eine gute Lösung finden kann.

Ich persönlich finde es sehr bedauerlich, dass sich sieben Bischöfe an den Vatikan gewandt haben. Neu ist das nicht, wir kennen das aus der Schwangerenkonfliktberatung. Nun müssen wir abwarten, wie Rom entscheidet. Ich möchte sehr hoffen, dass nicht eine Minderheit über den Weg nach Rom die Mehrheit überstimmt. Die Bischofskonferenz hat mit ihrer Handreichung eine ökumenische Öffnung bestätigt, die in vielen katholischen Gemeinden bereits Praxis ist.

Ist diese pastorale Orientierungshilfe eine glückliche Stunde der Ökumene oder Murks?
Dieckmann:
Unsere Haltung ist entscheidend! Nur mit Forderungen auf den Partner zuzugehen, bringt uns nicht voran. Sind wir ehrlich oder rückwärtsgewandt, verharrend auf unseren eigenen Vorurteilen? Ich finde, in der deutschen Ökumene geht es durchaus ehrlich zu. Aber ich kann nachvollziehen, dass es den konfessionsverschiedenen Ehepaaren zu langsam geht.

Ist die Basis weiter als es Kirchenleitung und Theologen sind?
Dieckmann:
Das kann man so pauschal nicht sagen. Es muss Spielräume geben, und es gibt sie. Kirche ist nicht dazu da, ein starres Korsett vorzugeben. Natürlich gibt es Menschen an der Basis, die nach vorne drängen, das ist gut und richtig so, denn die Kontakte vor Ort tragen die Ökumene. Aber für sichere, stabile, langfristige Beziehungen braucht es auch institutionelle, verbindliche Verabredungen. Sonst wäre Ökumene ganz abhängig von den Handelnden vor Ort.

Die ACK-Mitgliedskirchen haben die Charta Oecumenica unterzeichnet. Was sind die wesentlichen Inhalte?
Dieckmann: Dass wir eine Gemeinschaft bilden in Glauben, Sakramenten, Dienst und Zeugnis. Uns gelingt schon viel, etwa bei Caritas und Diakonie, beim Religionsunterricht. An ostdeutschen Schulen gibt es schon häufiger einen gemeinsamen Reli-Unterricht, weil hier die Zusammenarbeit zwischen den Christen durch die Minderheitensituation und durch die gemeinsame Erfahrung der kommunistischen Diktatur geprägt ist. Manchmal, wie etwa in Berlin, sind es ganz pragmatische Gründe. Es gibt in einigen Bundesländern auch schon einen orthodoxen Religionsunterricht.

Warum verstehen wir Ökumene so oft als katholisch-evangelischen Dialog?
Dieckmann:
Die ACK wirbt seit langem dafür, dieses katholisch-evangelische Übergewicht wahrzunehmen und zu sehen, dass auch Frei- und orthodoxe Kirchen zu Deutschland gehören. Als die Planungen zum Reformationsjubiläum begannen, hieß es noch Lutherdekade, dann Reformationsdekade, schließlich feierten wir ein Christusfest. Die täuferischen Bewegungen, die ja auch aus der Reformation kommen, kamen aber kaum vor. Es ist im breiten Bewusstsein wenig verankert, dass es in Deutschland noch andere Formen von Kirche gibt. Mit einem anderen Taufverständnis, einer anderen Liturgie, einem anderem Gottesdienst-Leben. Aber das sind auch Formen des Christentums, die wir kennen lernen sollten.

Die Charta Oecumenica ist voller guter Ideen, aber sind es nicht zu viele? Der Pfarrer schreibt Predigten, unterrichtet Konfis, besucht Kranke, führt die Gemeinde geistlich und geschäftlich – und dann auch noch Ökumene?
Dieckmann:
Ist das wirklich so, muss ich Ökumene als Zusatzaufgabe auffassen? Muss jede Kirchengemeinde alles machen? Oder kann ich nicht die Chance nutzen, Ökumene als Arbeitsteilung, als Entlastung zu begreifen? Faktisch gibt es einiges, das wir ökumenisch tun können, ohne dass es Arbeit ist: beten! Ob persönlich oder als Fürbitte im Gottesdienst.

Die Fragen stellte Katja Schmidtke.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

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