Christusfest mit Auftrag

25. Mai 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Was bleibt vom Reformationsjubiläum? An erster Stelle ein Satz der Bibel. Einer, der schon vor 2017 da war und der auch zukünftig bleiben und gelten wird: »Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.«

Was bleibt noch? Es bleibt eine revidierte Übersetzung der Lutherbibel. In unserer säkular geprägten Gesellschaft haben Menschen sie gekauft und so die Heilige Schrift zu sich nach Hause geholt. Sollte es Wichtigeres geben als das? Und weil wir gerade bei Büchern sind: Neue historische Bücher machten deutlich, dass wir es im Blick auf die Reformation mit einer vielfältigen reformatorischen Bewegung zu tun haben. Dass Martin Luthers Welt eine uns heute fremde Welt ist. Dass wir Erkenntnisse der Reformation deshalb für heute neu verstehen müssen. Und dass wir manches, was Martin Luther vertreten hat, heute klar zurückweisen müssen. Wie seinen Antijudaismus. Der historische Blick auf die Reformation hat heilsamen Abstand hergestellt, neues Verstehen und neue Fragen geweckt, das eigene Denken herausgefordert. Und das schadet ja nie.

Vor einem Jahr: Die Kirchentage auf dem Weg und die Abschlussveranstaltung auf den Elbwiesen bei Wittenberg. Der begehbare Bibelturm (Foto) am Bahnhof der Lutherstadt war weithin sichtbar. Wie so vieles andere ist er längst wieder abgebaut. Foto: epd-bild

Vor einem Jahr: Die Kirchentage auf dem Weg und die Abschlussveranstaltung auf den Elbwiesen bei Wittenberg. Der begehbare Bibelturm (Foto) am Bahnhof der Lutherstadt war weithin sichtbar. Wie so vieles andere ist er längst wieder abgebaut. Foto: epd-bild

Als ökumenisches Christusfest hat das Reformationsgedenken zu einem vertieften Verständnis der Konfessionen beigetragen. Es tat gut, in ökumenischer Verbundenheit Gottesdienste zu feiern. Es war wichtig, Verletzungen und Fragen auszusprechen, die das Miteinander belasten. Und es war wohltuend, gegenseitig Wertschätzung und Respekt zu erfahren. Manches, was dabei ausgesprochen und gefeiert wurde, hat öffentlich nachvollzogen, was im alltäglichen ökumenischen Miteinander schon länger gewachsen ist. Aus dem gemeinsamen Christusfest folgt der Auftrag, jetzt nicht genügsam stehenzubleiben, sondern weiter miteinander unterwegs und dabei über Trennendes wie Gemeinsames im Gespräch zu sein. Zwischen katholischer und evangelischer Kirche sind das vor allem Fragen des Kirchen- und des Amtsverständnisses und daraus resultierend des Abendmahles.

Zum Reformationsjubiläum kamen viele Touristen in unsere Region. Was die Reformation hier jeweils vor Ort historisch, gegenwärtig und zukünftig bedeutet, hat Interesse gefunden. Das hat die Kirchengemeinden gestärkt. Es hat Gemeindeglieder ermutigt. Hat Kontakte zu anderen Akteuren der Zivilgesellschaft gefestigt und neue finden lassen. Hat Gemeinschaft neu entdecken lassen – besonders eindrücklich in vielfältigen Formen der Mahlgemeinschaft und Gastfreundschaft. Hier werden wir zukünftig anknüpfen können. Dazu gehören auch die Gespräche und Begegnungen mit Menschen anderer religiöser Überzeugungen. Die Fortsetzung eines vertieften interreligiösen Austausches und die Diskussion über das Zusammenleben in einer pluralen und multireligiösen Gesellschaft gehören für mich ganz unbedingt zur Bilanz des Reformationsjubiläums. Wie Einheit in Vielfalt entsteht und gelebt wird, hat in der reformatorischen Bewegung durch die Jahrhunderte hindurch zu unterschiedlichen Antworten geführt. Das war ein Lernprozess, der auch zu der Einsicht führte, dass Menschen unterschiedlicher religiöser, kultureller und politischer Prägung nur in »versöhnter Verschiedenheit« friedlich miteinander leben können. Erfahrungen und Erkenntnisse aus diesem Lernprozess können wir einbringen in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs.

Die Kooperationen und Kontakte vor Ort haben auch Mitgliedschaftsfragen neu in den Blick gerückt. Wer gehört zu uns? Was ist mit denen, die dabei sind, aber nicht dazugehören? Die sich mit uns für andere engagieren, aber nicht Kirchenmitglieder sind? Und dennoch bei uns sind. An unserer Seite. Mit uns befreundet. Was bedeutet das für unser Verständnis von Taufe, Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer? Vielleicht geht es um weniger starre Grenzen. Und darum, öffentlicher zu werden. So, wie es die Reformation einmal gedacht hat: An alle weitersagen und für alle erfahrbar machen, was es heißt, aus der Gnade und Liebe dessen zu leben, von dem Christenmenschen bekennen: »Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.«

Kristina Kühnbaum-Schmidt

Die Autorin ist Regionalbischöfin für den Propstsprengel Meiningen-Suhl und war Reformations-Scout für die EKD-Synode.

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