Ein außergewöhnliches Geschenk – nehmen wir es an!

30. Juni 2018 von redaktionguh  
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Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.

Epheser 2, Vers 8 a

Wir lassen uns doch alle gern beschenken. Und wenn wir nicht beschenkt werden, so schenken wir anderen etwas. Dazu nutzen wir jede Gelegenheit: Geburtstag, Weihnachten, Ostern, Taufe oder das neue Auto. Und dabei haben wir den Anspruch, mindestens soviel zu schenken, wie wir vorher selbst empfangen haben. Möglichst originell und hochwertig sollte es sein, auf jeden Fall nichts Alltägliches – außer es gab einen bestimmten Wunsch.

Julia Braband, Theologiestudentin in Jena und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Julia Braband, Theologiestudentin in Jena und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Und so nimmt die Kreativität kein Ende. Es gibt nichts, was man nicht schenken kann. Sogar Sterne finden sich heute nicht selten auf den Gabentischen. In vielen Familien und Freundeskreisen gibt es Verabredungen, nichts mehr zu schenken, da man doch schon alles habe. Aber wie oft wird sich eigentlich daran gehalten? Und wenn es nicht gefällt, dann legen wir alles daran, die Haltung zu bewahren und bedanken uns höflich.

Es gibt aber auch Geschenke, mit denen wir nicht rechnen oder die wir uns niemals gewünscht hätten. Geschenke, die nicht gegenständlich sind und dadurch nur schwer annehmbar. Bei denen wir lernen müssen, sie zu schätzen und einen Sinn dahinter zu finden. Gott hat uns ein solch außergewöhnliches Geschenk gemacht. Er hat uns unseren Glauben geschenkt und so unser Leben verändert.

Aber nicht nur unser Glaube ist uns von ihm gegeben. Er hat uns auch das ewige Leben geschenkt. Durch seine Gnade sind wir selig geworden. Und diese Gnade ist in Jesus Christus wahrhaftig.

Durch sein Sterben und seine Auferstehung müssen wir uns nicht mehr beweisen und die größten und teuersten Geschenke kaufen. Wir sind durch ihn von allen Abhängigkeiten befreit.

Es spielt keine Rolle, wie viele Geschenke wir im Leben verschenkt oder erhalten haben. Nur dieses eine Geschenk von Gott sollten wir annehmen. Durch die uns geschenkte Gnade können wir Frieden finden und unsere Selbstgenügsamkeit ablegen.

Julia Braband, Theologiestudentin in Jena und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

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Ich werde nicht sterben

29. Juni 2018 von redaktionguh  
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Gerade habe ich meinen Kommentar fertig. Da lese ich folgende Sätze auf dem Sperrbildschirm des Smartphones: »Roland ist tot. Er starb am Freitag.« Die Nachricht macht mich betroffen. Alles scheinbar Wichtige rückt in den Hintergrund.

Ich habe Pfarrer Roland Herrig nicht persönlich gekannt. Aber mit seinen Texten, in denen er offen über den Bauchspeicheldrüsenkrebs und seinen Umgang damit schreibt, ist er mir sehr nahe gekommen. Seine Predigt »Gegen den Dämon der Angst und Verzweiflung« ist ein Vermächtnis und ein Glaubensbekenntnis: »Wir nennen das Evangelium ›gute Nachricht‹. Und dafür stehe ich, dafür habe ich als Pfarrer immer gestanden, dass am Ende nicht die schrecklich-schlimme Nachricht steht, sondern die gute Nachricht: Das Reich Gottes ist zu euch gekommen.«

Und weiter schreibt er: »Ich bitte euch heute: Stellt euch auf die Seite Christi! Stellt euch gegen die Dämonen, vor allem gegen die böse Sprachlosigkeit! Sprecht gute Worte, ehrliche Worte, wahre Worte miteinander! Sprecht zu Christus im Gebet! Und, ja, bitte betet auch für mich, für meine Frau, für meine Eltern und Kinder. Um mit Luther zu sprechen: Dass der böse Feind keine Macht an uns finde.« Beeindruckend, wie er mit der Krankheit, mit seinen Ängsten und der Hoffnung öffentlich umgegangen ist. Er konnte und wollte nicht schweigen: »Das bin nicht ich; das ist Gottes Werk an mir.«

Roland Herrig vertraute darauf, dorthin zu kommen, wo der Tod tot sein wird. »Ich werde nicht sterben, sondern leben«, war sein Trost und ist die Botschaft des Tages. Adieu.

Willi Wild

www.glaube-und-heimat.de/2017/ 11/27/gegen-den-damon-der-angst-und-verzweiflung

www.glaube-und-heimat.de/2018/ 03/30/mitten-im-tod-mitten-im-leben

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Kirche am Strand

29. Juni 2018 von redaktionguh  
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Die Küstenorte in Mecklenburg-Vorpommern sind im Sommer von Touristen bevölkert, viele bringen Gesprächsbedarf mit. Für die Pastoren vor Ort eine Herausforderung.

Mit Urlaubern hatte er als Pastor in Kühlungsborn schon immer zu tun, sagt Matthias Borchert. Klar, pro Jahr werden in diesem Küstenort 2,5 Millionen Gästeübernachtungen gezählt. Aber etwas ist seit dem Sommer vor zwei Jahren anders: »Ich kann mir jetzt ganz bewusst Zeit nehmen für Gespräche mit ihnen.«

Denn seit August 2016 hat Matthias Borchert neben einer halben Stelle als Gemeindepastor noch eine halbe als Seelsorger für Touristen. Einer von zwei Urlauberseelsorgern im Mecklenburgischen Kirchenkreis ist er damit – während es im Pommerschen Kirchenkreis solche Stellen bisher gar nicht gibt.

»Dass wir als Kirche so aufgestellt sind, finde ich ganz wichtig«, sagt Borchert. Denn viele Menschen hätten im Urlaub die Ruhe und das Bedürfnis, über sich und ihr Leben nachzudenken. »Da gibt es wirklich Bedarf.«

Bei seinen angebotenen Radtouren merkt der Pastor das etwa. Oder auf Campingplätzen mit dem Team »Kirche unterwegs«. Oder auch bei den »Gute-Nacht-Geschichten«, zu denen Borchert im letzten Sommer zum »Kirchen-Strandkorb« am Strandzugang 4 einlud.

Traumsand: Der Sandmann am Strand von Kühlungsborn ist weiblich. Aryan-Sophy Rehländer und Johanna Winkler haben einen Geschichten-Koffer dabei. Mit bunten kirchlichen Angeboten für die ganze Familie stellen sich Kirchengemeinden auf die Urlauber an der Ostsee ein. Foto: Matthias Borchert

Traumsand: Der Sandmann am Strand von Kühlungsborn ist weiblich. Aryan-Sophy Rehländer und Johanna Winkler haben einen Geschichten-Koffer dabei. Mit bunten kirchlichen Angeboten für die ganze Familie stellen sich Kirchengemeinden auf die Urlauber an der Ostsee ein. Foto: Matthias Borchert

Bis zu 30 Kinder sitzen dann da, erzählt er. »Und oft komme ich am Rande mit den Eltern ins Gespräch.« Darunter mit Christen aus den alten Bundesländern, die zu Hause beunruhigt zusähen, wie die Bedeutung der Kirche schwinde. »Die wollen oft mit mir darüber reden: Wie erzählt man anderen von seinem Glauben?« Auch ganz individuelle Sorgen kämen zur Sprache. Nur eins findet Borchert schade: dass die eigene Gemeinde seine Urlauber-Angebote kaum nutzt. »Ich hoffe, das sich das bald mehr mischt.« In diesem Jahr lädt der Pfarrer immer mittwochs um 9 Uhr zu einer »Atempause am Bootshafen«.

In der Propstei Neustrelitz arbeitet Pastorin Melanie Ludwig ebenfalls als Urlauberseelsorgerin – vor allem mit Wanderern, die auf dem Pilgerweg zwischen Friedland und Mirow unterwegs sind. »Viele wollen organisatorische Tipps«, erzählt sie. »Manchmal wird daraus ein Seelsorgegespräch.« Hin und wieder fragten Gemeindegruppen, ob sie für einen Tag mitwandern und ihnen ein Thema mit auf den Weg geben könne – was sie gern tue.

Wie Borchert macht Melanie Ludwig die Erfahrung: »Im Urlaub fragen Menschen eher nach Seelsorge als zu Hause.« Nicht nur wegen der Ruhe, auch wegen der Anonymität. »Mir laufen diese Menschen im Alltag nicht mehr über den Weg, das ermöglicht eine größere Offenheit.«

In Heringsdorf auf Usedom kann das Gemeindepastorenpaar Beate Kempf-Beyrich und Tilman Beyrich von einer Extrastelle für Urlauberseelsorge nur träumen. Fünfmal so viele Menschen wie sonst bewegen sich im Sommer durch die Kaiserbäder, sagen sie. »Dann ist die Insel vollgestopft.« Gezielte Angebote für die Urlauber zu machen, sei aber nicht in dem Umfang möglich, wie es wünschenswert wäre.

»Ich hätte viele Ideen, was ich gern machen würde«, sagt Beate Kempf-Beyrich: Andachten, Bibelgespräche und Kinderangebote am Strand etwa. Aber die Gemeinde lädt schon zur traditionellen Sommerreihe mit 60 Konzerten in Heringsdorf, Bansin und Ahlbeck ein, organisiert und geistlich begleitet vom Pastorenpaar. Wein, Saft und Gespräche gibt es an jedem dieser Abende. »Das wird von den Urlaubern sehr gut angenommen«, sagt Beate Kempf-Beyrich. Ebenso wie der normale Sonntagsgottesdienst und die extra Taizé-Andachten, die bis zu 80 Besucher anlockten.

»Unsere Gemeinde schätzt die Urlauber auch, weil sie belebend wirken«, sagt sie. Doch für einen anderen Bereich fehle wirklich eine Extra-Stelle: »Es gibt sieben Kurkliniken auf der Insel, und ich fände es hyperwichtig, dass wir dort Seelsorge anbieten«, sagt sie. »Das fällt bisher hinten runter.«

Sybille Marx


www.kirche-kuehlungsborn.de/urlauberseelsorge


www.pilgerweg-mecklenburgische-seenplatte.de

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Zur Therapie in die Sakristei

26. Juni 2018 von redaktionguh  
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Blankenhain: Psychotherapie in der Sakristei? Musiktherapie auf der Orgelempore? Einigen Gemeindemitgliedern geht das zu weit. Die Internationale Bauausstellung (IBA) Thüringen findet das Projekt »Vivendium« von Mathias Buß und Wolfgang Kempf spannend.

Als Modellvorhaben des Ideenaufrufes »Stadtland: Kirche. Querdenker für Thüringen 2017« ist die »Gesundheits- und Tageslichtkirche« St. Severi in Blankenhain von der IBA Thüringen ausgewählt worden. Ein Leitthema der IBA ist der demografische Wandel, der auch vor den Kirchen nicht Halt macht. »Was wird aus unserem Gotteshaus, wenn in zwei, drei Generationen nur noch wenige Christen kommen?«, fragt sich Günter Widiger, seit Mitte der 80er-Jahre Pfarrer in der Porzellanstadt südlich von Weimar. Bevor er in Rente geht, will er die Chance nutzen, eine neue Ära zu begründen. »Heilige Orte können heilende Orte sein« – in dieser Überzeugung trafen die Überlegungen von Mathias Buß und Wolfgang Kempf auf einen aufgeschlossenen Pfarrer. Wichtig ist ihnen: Die Kirche bleibt eine Kirche. Sie wird nicht umgenutzt, sondern erweitert, nach neuen Seiten geöffnet.

Guter Plan: Mathias Buß (l.) und Wolfgang Kempf möchten mit ihrem Projekt »Vivendium« den Kirchenraum öffnen und neu in das Stadtleben einbinden. – Foto: Katharina Hille

Guter Plan: Mathias Buß (l.) und Wolfgang Kempf möchten mit ihrem Projekt »Vivendium« den Kirchenraum öffnen und neu in das Stadtleben einbinden. – Foto: Katharina Hille

Mathias Buß, Absolvent der Weimarer Bauhaus-Uni, Architekt und Bildender Künstler, beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, was Architektur leisten kann, um Kirche wieder stärker als Lebens-Raum, als Ort und Teil der Persönlichkeitsentwicklung ins Bewusstsein zu bringen. »Kirchengebäude waren schon immer Orte der Einkehr und Besinnung. Sie dienten der Sorge um Seele und Geist und waren mitunter direkt Hospitälern angeschlossen«, argumentiert er. »Heute werden die psychisch, geistig-seelischen Bedürfnisse menschlicher Gesundheit aus medizinischer Sicht überwiegend von der Psychotherapie und Psychosomatik aufgefangen. Wir möchten mit unserem Projekt Theologie und Medizin neu zueinander in Beziehung setzen.«

Buß und Kempf nennen ihr Projekt »Vivendium« – eine Sprachschöpfung aus vivendum (Leben) und ars vivendi (Lebenskunst). Um die Kirche herum werden Therapieangebote geschaffen und so Gesundheit und Seelsorge, Medizin und Theologie miteinander verzahnt. Dazu braucht es mehrere Partner. Neben der Kirchgemeinde, der EKM und der Diakoniestiftung Weimar–Bad Lobenstein haben die Projektentwickler auch das nahegelegene HELIOS-Klinikum und die Kommune sowie private Investoren für ihre Ideen begeistert. Die derzeit leer stehende alte Kantorei soll zu einer Kureinrichtung und andere ehemalige Klinikgebäude für seniorengerechtes Wohnen umgebaut werden, ein Grünzug bis zum Schloß führen. Viel Zeit bleibt nicht – 2023 ist IBA-Präsentationsjahr.

Kritiker des Projektes fürchten um den Geist ihrer Kirche. Sie ist mit 30 bis 50 regelmäßigen Gottesdienstbesuchern noch relativ gut besucht. Wenn hier Therapeuten einziehen, was bleibt dann von der Kirche?

Buß und Kempf betonen: Kirche soll in erster Linie ein Gotteshaus sein, zu Gebet, Einkehr und Stille einladen. Damit Kirchenbesucher nicht gestört werden, erhalten die Therapieräume separate Zugänge. Die spätgotische Hallenkirche könnte sogar ihren alten Haupteingang an der Westseite zurück- und mit behutsamen baulichen Eingriffen eine »Winterkirche« dazubekommen. Und neue Besucher, denen die ganzheitliche Sorge um die Gesundheit von Körper und Seele einen neuen Lebens-Raum erschließt.

Katharina Hille

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Die Zukunft der Kirchengemeinde

25. Juni 2018 von redaktionguh  
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Gemeindeaufbau: Sparmaßnahmen, Stellenabbau und Mitgliederrückgang frustrieren Ingolf Scheibe-Winterberg. Verloren geben will der Schleizer Pfarrer seine Kirche nicht und hat ein Programm für den ländlichen Raum entwickelt.

Wenn ich ein Bild finden sollte für die derzeitige Lage unserer Kirche, dann sehe ich ein Schiff vor mir. 1838 überquerten zum ersten Mal zwei Dampfschiffe den Atlantik. Eines davon war die »Sirius«, ein hochseetauglicher Postdampfer. Auf der Überfahrt mangelte es wegen böigem Wind und Seegang bald an Brennstoff. Als das Schiff im New Yorker Hafen einlief, befand sich kaum noch Mobiliar an Bord. Man hatte damit die Kessel beheizt.

In dieser Episode findet mancher sein Grundgefühl ausgedrückt: Kirchliche Angebote werden eingeschränkt oder aufgegeben, es wird improvisiert, damit die Schaufeln sich weiter drehen. Ehrenamtliche kommen an Grenzen, Freude und Begeisterung sind einem Pflichtgefühl gewichen. Kirchenaustritte werden nachvollziehbar, wo das Angebot vor Ort sich auf einen Gottesdienst im Monat beschränkt: Die Idee von Zentralgottesdiensten funktioniert nicht. Sie scheinen ein Vorwand, weitere Gottesdienste abzuschaffen.

Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt: Deutschlands einzige schwimmende Kirche, die Flussschifferkirche aus Hamburg, ging beim Kirchentag auf dem Weg im vergangenen Jahr in Magdeburg vor Anker. Ein Kirchenschiff mit Schlepper, im Hintergrund ein Segelschiff auf Gegenkurs – ein treffendes Bild, meint Ingolf Scheibe-Winterberg. – Foto: epd-bild

Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt: Deutschlands einzige schwimmende Kirche, die Flussschifferkirche aus Hamburg, ging beim Kirchentag auf dem Weg im vergangenen Jahr in Magdeburg vor Anker. Ein Kirchenschiff mit Schlepper, im Hintergrund ein Segelschiff auf Gegenkurs – ein treffendes Bild, meint Ingolf Scheibe-Winterberg. – Foto: epd-bild

Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen geht es dabei ähnlich: Wie die Heizer schaffen sie tüchtig, damit das Licht nicht ausgeht und ein paar Seelen gerettet werden. Nicht die Arbeit, sondern der Schatten ihrer Vergeblichkeit macht sie kaputt. Ich denke nicht, dass das Kirchenschiff ein Leck namens Säkularisierung hat, das zum Untergang führt. Meine Kirche hat schon Vieles überstanden. Es geht mir darum, zu illustrieren, wie Gemeindeaufbau im ländlichen Raum (wieder) funktionieren kann.

Man kann nicht alles zugleich tun
Wenn ein Wirtschaftsunternehmen in die Krise gerät – weil der Absatz stockt, die Kundschaft zur Konkurrenz geht oder einfach, weil die Zeiten sich geändert haben –, dann liegt der Fokus auf drei Aspekten: Kundenbindung, Personalentwicklung und Produktinnovation. Es ist das Gegenteil von dem, was wir in unserer Kirche seit Jahrzehnten betreiben: Statt Gemeinde vor Ort zu betreuen, bilden wir immer größere Kirchspiele, getrieben von wachsender Angst vor schrumpfenden Zahlen. Wir ziehen Personal zuerst dort ab, wo nur noch wenige Christen sind, statt es dorthin zu senden. Dieses Einsparen nennen wir dann »Strukturreform«. Reform geht anders. Und eine »Produktinnovation« ist weitreichender, als den Luthertext erneut zu revidieren, im Gesangbuch einmal ein Lied aus den 1980er-Jahren aufzunehmen oder eine Gottesdienstliturgie in gerechter Sprache einzuführen.

»Jedes Kaff ein Pfaff«
An erster Stelle sollte die Personalentwicklung stehen, denn mit ihr geht Bindung einher. Unsere Kirchengemeinden sollten mit Pfarrern oder verlässlichen, kirchengebundenen Ansprechpartnern und Akteuren vor Ort ausgestattet werden. Ich nenne dieses Programm zum Gemeindeaufbau im ländlichen Raum: »Jedes Kaff ein Pfaff«. Gemeint ist, dass in drei bis vier kleineren Ortschaften ein Ansprechpartner ist, der als »Quasi-Pfarrer« einen geistlichen Dienst tut. Das nämlich ist es, was eine Gemeinde vom Pfarrer erwartet, worauf sie auch ein Recht hat. Dazu gehören Seelsorge, Besuche, Unterricht, Gemeindenachmittage und Gottesdienste. Es sollte eine Person sein, die an der Wirkungsstätte lebt, Ort und Einwohner kennt, kommunikativ ist, in Vereinen mitarbeitet und von der Kirche angemessen bezahlt wird. Man kann dazu das Amt des Archediakons neu beleben oder ihn Vikar nennen. Ich benutze vorläufig die Bezeichnung Ortspfarrer. Entscheidend ist, dass er oder sie für die Menschen ganz intuitiv als unser Pfarrer, unsere Pastorin wahrgenommen wird.

Dem Pfarrer der Hauptgemeinde eines Kirchspiels bliebe die Verwaltung aller Filialen. Er hat Dienstaufsicht über den Ortspfarrer mit beratenden Aufgaben. Seinen pastoralen Dienst versieht er wie bisher in seinem Kirchspiel, allerdings in weniger Gemeinden und damit in einem überschaubaren Bereich. Diese Entlastung sollte Räume für Kreativität schaffen, für »Produktinnovationen«. Ich stelle mir darunter eine zeitgemäße und mutige Form der Verkündigung vor, vermittelt in ablesbarer, ausstrahlender Freude eines kirchlichen Mitarbeiters.

Es braucht Menschen, Geld und Zeit
Eine Möglichkeit, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, ist die Zurüstung von Menschen vor Ort durch kirchlichen Fernunterricht. Anwerbung aus Landeskirchen, mit Pfarrerüberschuss oder Theologiestudenten, die bislang nicht übernommen wurden. Darunter sind vermutlich einige, die zwar an akademischen Anforderungen scheitern, aber so das finden, weswegen sie sich für diesen Beruf entschieden haben.

Personalentwicklung kostet Geld. Aber wer aufbauen will, muss in die Zukunft investieren, mit der Hoffnung auf Ertrag. Einen solchen Versuch umzusetzen, braucht Zeit. Wie wäre es mit einem Modellversuch? Ziel sollte es sein, geistliches Leben zu stabilisieren, den Schwund an Kirchenmitgliedern zu stoppen und mit der Arbeit in überschaubaren Bereichen sowohl für den Ortspfarrer als auch für den »Filialleiter« einen Freiraum für »Kundenbindung« und »Produktinnovation« zu schaffen. Wenn sich der Versuch bewährt, könnte das Modell – je nach finanziellen Möglichkeiten von Kirchenkreisen und Landeskirche – innerhalb von zehn Jahren auf drei weitere Kirchenkreise pro Jahr ausgeweitet werden, sodass der Haushalt nur allmählich belastet würde. In diesem Zeitrahmen sollte auch die Akquise von »Ortspfarrern« realistisch sein.

Masten errichten und Segel setzen
Es ist ein guter Zeitpunkt und eine Chance: Wo sich Konsum, Post, Kneipe, Sparkasse und Feuerwehr aus den Dörfern zurückgezogen haben, werden kirchliche Angebote allein deshalb schon fruchtbaren Boden finden. Reste von volkskirchlichen Strukturen gibt es noch oder zumindest die Erinnerung daran. Auch Kirchengebäude und Orgeln sind in den meisten Dörfern in gutem Zustand.

Es mag sein, dass auch mehr Personal die allgemeine Entkirchlichung nicht aufhält. Aber sicher ist, dass kirchliches Leben ohne Ansprechperson vor Ort ganz zum Erliegen kommt. Unser Pfund ist die Person, die Beziehung aufbaut, Gemeinschaft und Begegnung ermöglicht, auch in Konflikten vermitteln kann, verlässlich da ist und Zeit hat – für die Seele der Menschen und des Ortes. Und wenn alles scheitert, haben wir uns einmal etwas getraut.

Ingolf Scheibe-Winterberg

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Fakten und gefühlte Wirklichkeit

24. Juni 2018 von redaktionguh  
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Ein Riss geht durch die Gesellschaft, deshalb müsse man miteinander sprechen. So wird allenthalben gefordert. In Gera redet man regelmäßig. Auch mit der AfD.

Das Lutherhaus in Gera: Die Luft ist schwül, der typischen Geruch eines kirchlichen Gemeindesaales steigt in die Nase. Mit rund 70 Personen ist der Raum gut gefüllt. An der Seite ein Kruzifix, vorn eine Bühne, deren roter Vorhang zugezogen ist. Davor an drei Tischen mit weißem Tischtuch auf Augenhöhe zum Publikum die Kontrahenten. Zur Linken: Stefan Möller, seines Zeichens Rechtsanwalt und Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag. Zur Rechten: Rainer Kreuter, Polizeibeamter, Gewerkschafter und Landtagsabgeordneter der Partei Die Linke. Dazwischen, als »Fakten-Checker«, der ehemalige Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, sowie Pfarrer Frank Hiddemann als Gastgeber und Moderator.

Es ist der mittlerweile dritte Gesprächsabend zu Politikfeldern der AfD, zu dem die Ökumenische Akademie Gera unter der Überschrift »Deutschland zuerst?« eingeladen hat. Der Abend widmet sich dem Thema »Ruhe und Ordnung! Innere Sicherheit oder äußere Freiheit?«. Besondere Brisanz erhält das Thema durch den aktuellen Mordfall an der 14-jährigen Susanna F. in Wiesbaden. Gerade kam die Nachricht, dass der tatverdächtige Iraker in seinem Heimatland von kurdischen Sicherheitskräften verhaftet wurde.

Den ersten Part hat der Kriminologe. Eloquent stellt der medienerprobte Pfeiffer die statistischen Fakten dar. In praktisch allen Bereichen der Kriminalität hat es von den 1990er-Jahren an einen Anstieg bis in die 2000er-Jahre hinein gegeben. Also in einer Zeit, in der es noch keine »Asylantenflut« in Deutschland gab. Seither verzeichnet die Kriminalstatistik eine deutliche Abnahme. Und selbst einer leichten Erhöhung im Jahr 2016, die man mit dem Zustrom fremder Menschen in Verbindung bringen kann, steht eine erneute deutliche Abnahme im Jahr 2017 gegenüber. So sank etwa Anzahl der polizeilich erfassten Sexualmorde von 39 im Jahr 1992 über 27 Fälle im Jahr 2002 und 19 im Jahr 2012 auf acht im Jahr 2017.

Doch Fakten sind das Eine. Das andere ist die mentale Wahrnehmung, die gefühlte Lage. Und die ist bestimmt von einigen grauenvollen Morden der letzten Monate, bei denen die Täter Ausländer, Asylbewerber waren. Selbiges gilt für andere Gewaltverbrechen. Pfeiffer nennt es die »deutlichere Sichtbarkeit von Flüchtlingsgewalt«, verbunden damit, dass gegenüber Ausländern auch bei geringeren Delikten die Anzeigebereitschaft höher liege.

Der Konflikt zwischen den realen Zahlen und der gefühlten Wirklichkeit zieht sich durch die ganze anschließende Diskussion im Podium wie später auch mit dem Publikum. Möller versteht es, das Empfinden der Menschen auf den Punkt zu bringen. Und immer wieder Zweifel an der Aussagekraft der Statistiken zu wecken.

Beispiel: Einbruchdiebstähle. Eine von ihm durchgeführte Umfrage unter Betrieben und Unternehmen im Umkreis von Erfurt habe ergeben, dass viele Betroffene inzwischen eine Anzeige für sinnlos hielten, weil die Aufklärungsquote äußerst gering sei. Viele Fälle würden somit überhaupt nicht in der Statistik auftauchen.

Pfeiffer wie Kreuter widersprechen. Verweisen darauf, dass die Statistiken der Versicherungsunternehmen die gleiche Tendenz aufzeigten. Und weil eine Anzeige Voraussetzung für eine Schadensregulierung ist, sei der Vorwurf unhaltbar.

Einig ist man sich links und rechts, dass mehr Polizisten und eine bessere Struktur sowie Ausrüstung der Polizei nötig sind. Während Pfeiffer in der Bildung einer der wichtigsten Säulen der Gewaltprävention sieht, ist Möller um markige Vorschläge nicht verlegen. So neben der ständig wiederholten Forderung, endlich die Grenzen zu schließen und zu kontrollieren, auch der Vorschlag, gewaltbereite Ausländer ohne Umstände in speziellen bewachten Lagern unterzubringen. Applaus ist ihm von einem Teil der Gäste sicher. Die Frage, wie solche Lager und Einweisungen ohne Gerichtsurteil mit rechtsstaatlichen Prinzipien vereinbar sind, bleibt freilich offen.

Die Diskussion wird stellenweise polemisch, von Hiddemann aber immer wieder energisch auf die Ebene der Argumente gebracht. Unmut macht sich unter etlichen Besuchern bemerkbar, als Pfeiffer auf die enorm wachsende Computerkriminalität verweist, auf Cyberangriffe auf Wirtschaft und Verwaltung, oder auf die wachsende Verbreitung unsäglicher Kinderpornografie im Netz. »Das ist nicht unser Thema«, ruft ein Mann im Publikum. Und Möller bestätigt: »Cyberkriminalität ist nicht das, was uns Angst macht.« Das seien vielmehr die spektakulären Tötungsdelikte der vergangenen Monate.

Ja, die Angst. Die ist es, die von Seiten der AfD aufgegriffen wird und die damit den Nerv vieler Menschen trifft. Das wird an diesem Abend deutlich. Aber auch, wie wichtig es ist, dieser Angst Tatsachen entgegenzustellen. Und wie wichtig es ist, nicht nur in Sonntagsreden das Gespräch über die politischen Gräben der Gesellschaft hinweg zu fordern, sondern es endlich zu führen. Der nächste Diskussionsabend in Gera steht fest: Am 24. August geht es um das Thema »Ehe natürlich! Zurück zur Familie oder Vielfalt der Lebensformen?«.

Harald Krille

www.oek-akademie-gera.de

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Geteilte Last ist halb so schwer

24. Juni 2018 von redaktionguh  
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Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

Galater 6, Vers 2

Erstmal eine Pause machen, einen Kaffee trinken und die Schultern, die mächtig schmerzen, entspannen. Und von meinem Rücken fange ich lieber erst gar nicht an zu reden. Gefühlt sind es Tonnen, die ich mit mir herumtrage und täglich werden es mehr. Der Rucksack platzt bald aus allen Nähten. Und der Reißverschluss lässt sich auch schon nicht mehr richtig schließen.

Julia Braband, Theologiestudentin in Jena und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Julia Braband, Theologiestudentin in Jena und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Während meiner wohlverdienten Pause ruft wieder ein Freund an. Er erzählt mir von einem traurigen Erlebnis und wie sehr ihn die Situation belastet. Und schon befindet sich wieder eine Tonne mehr auf meinem Rücken. Aber eigentlich habe ich doch selbst genug kleine und große Päckchen, die ich mit mir herumtragen muss. Warum soll ich auch noch die Sorgen, Nöte und Ängste der Anderen tragen? Außerdem fühlt es sich oft nicht so an, als ob die Anderen meinen Kummer und meine Mühsal mittragen würden.

Aber, wenn man Paulus Glauben schenken darf, dann erfüllen wir das Gesetz Christi, wenn wir uns gegenseitig die Lasten abnehmen und sie füreinander tragen. Dabei nehmen wir nicht nur die Last anderer auf unsere Schultern, sondern wir dürfen auch abgeben, unseren eigenen Ballast teilen. So lässt sich ganz praktisch das Gesetz Christi, das Doppelgebot der Liebe – den Nächsten lieben wie sich selbst – erfüllen. Wir tauschen einfach die Rucksäcke mit den vielen Kümmernissen, die sich im Laufe unseres Lebens ansammeln, oder wir verteilen das Gewicht eines schweren Rucksacks auf die vielen anderen.

Denn wenn wir die Lasten gemeinsam tragen, werden unsere Rückenschmerzen nicht stärker. Im Gegenteil: Wer anderen Menschen mit Liebe begegnet, Sorgen und Kummer auf sich nimmt und gleichzeitig auch eigene Belastungen abgeben kann, der wird nicht endgültig zerbrechen, sondern einen ganz neuen Weg im Lichte des Gesetzes Christi gehen. Und dann könnte der Satz des Paulus heißen: Einer trage des anderen Last, so lebt ihr echte Nächstenliebe!

Julia Braband

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Die Mischung macht es

24. Juni 2018 von redaktionguh  
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Vorgestellt: Eine kleine Gemeinde am Stadtrand von Zerbst schafft es, ihre Kirche baulich zu erhalten und mit Leben zu füllen.

Die Kirche ist top. Das Pfarrhaus ist frisch renoviert. Und was wir als kleine Gemeinde auf die Beine stellen, das ist schon aller Ehren wert.« Voller Stolz sind diese Worte von Matthias Gommlich, dem Vorsitzenden des Gemeindekirchenrates von St. Marien Ankuhn in Zerbst. Sie beschreiben, was das Leben ausmacht in der gerade 230 Glieder zählenden Kirchgemeinde mit ihrer in den »Wurzeln« mehr als 800 Jahre alten Kirche.

Ankuhn, die 805 Jahre alte, einst eigenständige und im Jahr 1850 nach Zerbst eingemeindete Vorstadt, hat sich ihre landwirtschaftliche Prägung erhalten. Und vom Gefühl her ein bisschen auch ihre Eigenständigkeit. »Es liegt an uns, hier was zu machen«, meint Matthias Gommlich, weil es ja die Gemeinde Ankuhn im Sinne einer Ortschaft mit Bürgermeister und Rat nicht gebe.

Treffpunkt: Wer die Ankuhner Kirche besuchen möchte, kann sich die Marienserenade mit der Zerbster Kantorei am 24. Juni, 17 Uhr, vormerken. – Foto: Helmut Rohm

Treffpunkt: Wer die Ankuhner Kirche besuchen möchte, kann sich die Marienserenade mit der Zerbster Kantorei am 24. Juni, 17 Uhr, vormerken. – Foto: Helmut Rohm

Und sie machen: der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates und sein alles in allem neun Mitglieder zählendes Gremium. Den Pfarrer Albrecht Lindemann einbezogen. 2017 wurden sie für sechs Jahre wieder gewählt. Neu ist die 28-jährige Andrea Thiem. »Wir sind eine gute Mischung«, sagen die »alten Hasen«. Matthias Gommlich ist seit zwölf Jahren im Amt. Sein Vorgänger Eberhard Ganzer gehört ebenfalls noch der Kirchengemeindeleitung an.

Gerade konnten sich die Ankuhner über 10 000 Euro von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz freuen. Damit ist – mit weiteren Fördermitteln und 7 500 Euro Eigenanteil – die Finanzierung komplett für Bauarbeiten, die im Herbst laufen sollen. Insgesamt 40 000 Euro fließen in die Putzsanierung der letzten vier Fächer der Ostfassade. »Dann haben wir die Kirche innen und außen einmal durchsaniert«, beschreibt Matthias Gommlich den guten Zustand des aus einem romanischen und einem gotischen Teil bestehenden Bauwerkes. Bei der Bombardierung von Zerbst am 16. April 1945 wurde auch diese Kirche schwer beschädigt und brannte aus. Die Kirchengemeinde sicherte die Ruine, der romanische Westteil wurde mit einem Ringanker stabilisiert. 1950 wurde ein Notdach auf den als Kirche dienenden Chorraum aufgesetzt.

»Seit 1991 bauen wir intensiv«, sagt Eberhard Ganzer. Erstes Projekt war der Einbau einer Glas-Stahl-Wand, die den bis dahin offenen Kirchenraum abschließt. Es seien immer der Gemeindekirchenrat und zum Teil die Pfarrer gewesen, die die Dinge »in Gang gebracht«, sich engagiert hätten. So auch die heutigen Mitglieder des Gemeindekirchenrates. Sie freuen sich über ihr komplett renoviertes Pfarrhaus, in dem, seit es nicht mehr als Pfarrwohnsitz gebraucht wurde, eine zusätzliche Wohnung ausgebaut und vermietet sowie ein Gemeinderaum neu hergerichtet wurde.

2013 feierte der »Stadtteil« Ankuhn sein 800-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass wurde der Kircheninnenraum neu gemalert und die Elektroanlage in Ordnung gebracht. Jetzt »haben wir die Kirche vor dem weiteren Verfall bewahrt. So muss man ja mit Ruinen umgehen. Und es ist schön geworden«, betont Matthias Gommlich. »Die Kirche hat einen gewissen Charme«, ergänzt Bärbel Matzke.

Diesen haben viele Zerbster zum 800-jährigen Jubiläum überhaupt erst entdeckt. Inzwischen ist die Kirche auch sehr beliebt zum Heiraten. Dazu kommt ein vielseitiges Gemeinde­leben. Da sind das jährliche Gemeindefest, die Osternacht mit dem Osterfeuer, die Marienserenade, der zentrale Gottesdienst zu Himmelfahrt. Seit 2013 gibt es ein Sommerfest, das der Gemeindekirchenrat und junge Familien zusammen organisieren, und am vierten Advent einen kleinen Weihnachtsmarkt. Regelmäßig besuchen sich die Ankuhner und ihre Partnergemeinde in Donop in der Lippischen Landeskirche. Den Gemeinderaum nutzen sie im Winter für Vorträge und Diskussionen. Gottesdienst wird in St. Marien einmal im Monat gefeiert und natürlich zu den Festtagen.

Wenn Bärbel Matzke darauf verweist, dass das jährliche Krippenspiel inzwischen nicht mehr von Kindern, sondern von Erwachsenen aufgeführt wird, dann ist das ein Teil dessen, was sie auch sehen im Gemeindekirchenrat. »Der Anteil der Älteren steigt, vor allem derjenigen, die keine Kirchensteuer bezahlen. Und die Pfarrer werden immer weniger«, nennt Matthias Gommlich nur zwei Probleme, die sich auch auf das Gemeindeleben auswirken.

Die Ankuhner, so hat es den Eindruck, lassen sich davon bisher nicht verdrießen. Und übrigens: »Es sind auch schon wieder ein paar Kinder dabei beim Krippenspiel.«

Helmut Rohm

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Wo kämen wir hin?

23. Juni 2018 von redaktionguh  
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Sie kennen vielleicht das Lied: »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern«. In abgewandelter Form: »Mit der AfD gibt es keine Gespräche!« oder »Mit dieser Partei gibt es keine Zusammenarbeit.«

Das Problem daran ist, dass Gruppen, die in der Öffentlichkeit so gebranntmarkt werden, um so enger zusammenstehen. Ja, dass sie sich in der Opferrolle sogar wohlfühlen und diese inszenieren. Und man darf nicht vergessen, dass die so gescholtene Partei mit 92 Sitzen die drittstärkste Fraktion im Deutschen Bundestag bildet. Das heißt, sie genießt mit ihren Parolen und vermeintlich einfachen Antworten die Sympathie eines erheblichen Bevölkerungsanteils. Es stimmt: Ein Riss geht durch die Gesellschaft.

Von dem Schweizer Pfarrer und Theologe Kurt Marti stammt der Aphorismus: »Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.« In Gera geht man seit einigen Monaten los, um zu sehen, wo man hinkommt, wenn man mit der AfD redet. In sieben Dialogforen werden mit Vertretern dieser Partei, deren Kritikern und sachkompetenten Experten politische Themenfelder der AfD aufgegriffen. Vor einigen Tagen lief der dritte Abend.

Wo man in Gera am Ende hinkommt, ist offen. Fakt ist: Es ist schwer auszuhalten, wenn etwa ein AfD-Politiker davon schwätzt, kriminelle oder gewaltbereite Ausländer ohne juristisches Federlesen in geschlossene Lager einzuliefern. So etwas gab es schon einmal in Deutschland. Es ist schwer auszuhalten, wenn man sich Fakten etwa zur Kriminalitätsentwicklung verweigert und lieber Ängste bestärkt. Dennoch, eins ist sicher: An solchen kritisch-moderierten Dialogformen führt auf Dauer kein Weg vorbei.

Harald Krille

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»Verley uns frieden«

23. Juni 2018 von redaktionguh  
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Heinrich-Schütz-Musikfest: Die Organisatoren stellen im Jubiläumsjahr die Sehnsucht nach Frieden in den Mittelpunkt.

Vom 5. bis 14. Oktober 2018 laden die mitteldeutschen Länder zum deutschlandweit bedeutendsten Festival für Musik des 17. Jahrhunderts ein. Das Musikfest trägt den Namen von Heinrich Schütz und findet an historischen Lebensorten des Komponisten statt. Am 8. Oktober 1585 erblickte Heinrich Schütz (1585–1672) in Bad Köstritz, unweit von Gera, das Licht der Welt. Mit Beginn seiner intensiven Schaffenszeit begann im Jahre 1618 der Dreißigjährige Krieg (1618–1648), der Leben und Werk des Komponisten prägen sollte.

In diesem Jahr, 400 Jahre danach, erinnert man sich nicht nur daran, sondern auch an das Ende des 1. Weltkrieges von 100 Jahren. Die fortwährende Geschichte von Kriegen und die Suche nach Frieden finden sich im 20. Jahr der Schützmusiktage unmittelbar im Programm wieder. »Verley uns frieden« aus der gleichnamigen Motette von Heinrich Schütz steht über 42 Veranstaltungen im Jubiläumsjahr. Die lutherische Schreibweise verrät es, der Wunsch nach Frieden ist ein uralter Menschheitstraum. Es sind die Friedenswünsche, der Ruf nach Frieden, die Forderung nach Frieden und die Friedenskonzepte, die immer wieder mahnen, dass der Krieg irgendwann aufhören muss. Daher ist es nicht ganz zufällig, dass die Bundesministerin der Verteidigung Dr. Ursula von der Leyen die Schirmherrschaft über das Festival übernommen hat, denn die Sicherung des Friedens gehört in einer Demokratie zum höchsten Gut.

Auftakt: Am 3. Oktober gastiert der Konzertchor des Geraer Goethe-Gymnasiums (Rutheneum) in der St. Salvatorkiche in Gera. Es erklingt Burkhard Großmanns »Angst der Hellen und Friede der Seelen«. – Foto: schütz-musikfest.de

Auftakt: Am 3. Oktober gastiert der Konzertchor des Geraer Goethe-Gymnasiums (Rutheneum) in der St. Salvatorkiche in Gera. Es erklingt Burkhard Großmanns »Angst der Hellen und Friede der Seelen«. – Foto: schütz-musikfest.de

»Es sind gerade die authentischen Orte in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, die das Musikfest ausmachen«, betont Dr. Christina Siegfried, Intendantin des Heinrich-Schütz-Musikfestes. »An insgesamt 26 Konzert­orten in sechs Städten werden über 400 Laien- und Berufskünstler mitwirken. Mit ganz großer Freude darf im 20. Jahr die Barockspezialistin Dorothee Mields als »artist in residence« erwartet werden. Die Sängerin hat die Berliner Lautten Compagney Berlin zu einem gemeinsamen Konzert eingeladen und wird Lebenslust und Seelenschmerz in Zeiten des Krieges mit der Musik des 17. Jahrhunderts und der 1920er- und 1930er-Jahre verbinden. Dieses Programm unter dem Namen »Wenn ick mal tot bin« wird das Festival an drei Aufführungsorten eröffnen. Einer davon ist die Kirche St. Leonhard in Bad Köstritz, wo dieses hochkarätige Konzert am 6. Oktober zu erleben ist. Das Programm zum Heinrich-Schütz-Musikfest umfasst Konzerte und Wandelkonzerte, musikalische Lesungen, Jazz, Folk und Papiertheater, eine Brauhaussession, Fami­lienprogramme sowie Führungen und Gottesdienste. Alte Bekannte, wie der Dresdner Kammerchor und das Johann Rosenmüller Ensemble, treffen auf international renommierte Künstler, wie die weltbekannte Geigerin Rachel Podger. Daneben werden der Liedermacher Hans-Eckkart Wenzel, die Folkmusiker Grenzgänger und The Playfords den Bogen von Aussagen des 17. Jahrhundert bis zu brandheißen Themen unserer Zeit spannen.

Nur durch eine breite Kooperation mit Partnern und Förderern sei es letztendlich möglich, das Festival durchzuführen, betont Dr. Christina Siegfried. Neben Bund und den drei mitteldeutschen Ländern unterstützt wiederholt die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen zusammen mit der Sparkasse Gera-Greiz das Musikfest. »Kultur ist für uns Teil der demokratischen Gesellschaft«, erklärt Dr. Michael Grisko von der Stiftung und betont, dass das Festival auch ein Bekenntnis und ein ästhetischer Umgang zur Geschichte repräsentiere, somit auch ein Stück Heimat darstelle.

Friederike Böcher, als Leiterin des Heinrich-Schütz-Hauses in Bad Köstritz, ist seit Jahren mit dem Musikfest eng verbunden und freut sich auf bedeutende Konzerte in Bad Köstritz und Gera. Noch vor der offiziellen Eröffnung, am 3. Oktober als sogenannter Auftakt, erklingt das Werk »Angst der Hellen und Friede der Seelen« in der Geraer Salvatorkirche. Es handelt sich hierbei um ein Auftragswerk von Burkhard Großmann. Als Dank für seine Lebensrettung beauftragte er Schütz und weitere Komponisten seiner Zeit mit der Vertonung des 116. Psalms. Der Konzertchor des Goethe-Gymnasiums/Rutheneum seit 1608 und die Capella Jenensis musizieren unter Leitung von Christian K. Frank.

Wohl kaum ein Ort in Gera ist so prädestiniert für die Aufführung der Musikalischen Exequien von Heinrich Schütz, wie die Geraer Trinitatiskirche. Sie gehört zum Wirkungskreis von Heinrich Posthumus Reuß, zu dessen Trauerfeier diese Totenmesse uraufgeführt wurde. Das Konzert am 7. Oktober wird von Cantus – und Capella Thuringia gestaltet.

Die Köstritzer Schwarzbierbrauerei, genauer gesagt der Dreiseitenhof, bildet eine etwas andere Konzertumgebung beim diesjährigen Musikfest. Am 12. Oktober spielt dort das Barock­ensemble The Playfords und erinnert während der Brauhaussession mit Friedensliedern, ausgelassenen Tänzen, Trinkliedern und schwermütigen Chorälen an das Leid und die Hoffnung der Menschen im Dreißigjährigen Krieg.

Eine musikalische Geschichte von Schelmen in kriegerischen Zeiten unter dem Titel »Simpel und Schweijk« wird am 13. Oktober im Köstritzer Palais erzählt. Am gleichen Tag werden in der Stadtkirche Musiker mit Gamben, Orgel und Schlagwerk unter dem Motto »in allem frieden« mit dem Vokalensemble Auditiv Vokal aus Dresden und dem Ensemble L’Art d’Echo dem Klang von Krieg und Frieden von damals bis heute nachspüren.

Wolfgang Hesse

www.schütz-musikfest.de

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