Mit dem Pilgervirus infiziert

3. Juni 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

»Als Schneeflocke bin ich in Monstab losgelaufen und als Lawine in Rom angekommen.«
Mit diesem Bild beschreibt Arnhild Kump ihre Pilgerreise. Das war 2001 und machte Arnhild Ratsch (Foto), wie sie damals hieß, in Mitteldeutschland, der Schweiz, Italien und darüber hinaus zu einer bekannten Pilgerin. Die Zeit sei für ein Zeichen dieser Art offensichtlich reif gewesen. Das internationale Medieninteresse überraschte sie, half aber.

Im kleinen Tegkwitz (Altenburger Land) geboren, führte ihr Weg nach der Grundschulzeit zunächst an die Kinder- und Jugendsportschule nach Leipzig. »Ich war eigentlich Fünfkämpferin, trainierte aber dann zwei Jahre Speerwurf«, blickt die 64-Jährige zurück. Auch wenn diese Zeit durch Trainerwechsel 1970 abrupt endete, sei sie doch sehr prägend gewesen: durchhalten, Energien mobilisieren und mit Niederlagen genauso rechnen wie mit Siegen.

Sie erlernte danach den Beruf der Chemiefacharbeiterin, studierte Chemieanlagenbau, gründete eine Familie mit zwei Kindern und arbeitete im Chemiewerk Böhlen, dann im Kraftwerk Lippendorf. 1992 verlor sie ihre Anstellung, musste sich neu orientieren.

Arnhild Ratsch fand in einer befristeten Anstellung (ABM) eine interessante Aufgabe. Sie ordnete das wertvolle Archiv der Urpfarrei Monstab. Heimatgeschichte war ihr schon immer eine Herzensangelegenheit. »Ich bin morgens mit meiner Thermoskanne in den muffigen Pfarrkeller abgestiegen und nachmittags wieder aus dem Mittelalter in der Gegenwart aufgetaucht. Dabei habe ich mich mit dem Pilgervirus infiziert.«

In der Kirchenchronik las sie von zwei Söhnen eines katholischen Ortspfarrers, der diese 1513 nach Rom schickte, um sie vom Papst legitimieren zu lassen. Einer von beiden pilgerte ein zweites Mal nach Rom, um dort die Priesterweihe zu empfangen. Von einem anderen Monstaber, der um 1500 nach Santiago de Compostela pilgerte, existierte sogar noch dessen Geleitbrief.

Eine Idee nahm von ihr Besitz, zumal Arnhild Ratsch, damals Kirchenälteste und ehrenamtliche Bürgermeisterin von Tegkwitz, im Jahr 2001 für sich privat wie beruflich Freiräume sah. Aber nur aufbrechen, um unterwegs zu sein?

Foto: Thomas Schäfer

Foto: Thomas Schäfer

Mit der Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die vom Lutherischen Weltbund und dem Päpstlichen Rat im Herbst 1999 in Augsburg verabschiedet wurde, verband die evangelische Christin wie so viele Gläubige beider Konfessionen Hoffnungen für die Einheit der Christen. Dafür wollte Arnhild Ratsch werben.

Im damaligen Thüringer Landesbischof Roland Hoffmann und der Ökumenebeauftragten, Pastorin Beate Stöckigt, fand sie engagierte Unterstützer. »Am 29. Juli 2001 wurde ich als Ökumenische Botschafterin feierlich ausgesandt. Erst die 1 854 Kilometer Wegstrecke nach Rom machten aus mir Schritt für Schritt eine Pilgerin.«

Den Fuß anheben, kurz verharren und absetzen, bedeutet: Altes loslassen, innehalten, Neuland betreten, beschreibt Arnhild Kump die Pilgerphilosophie. Dabei verändere man sich, ohne es sofort zu bemerken. »Am heimatlichen Ortsschild wurde mir klar, dass ich nicht als die Gleiche zurückkehren werde. Der Aufbruch ist das Schwerste.« Was ihr half durchzuhalten, war die Begeisterung für die Ökumene und der Entschluss: »Ich will in Rom ankommen. Und wenn Gott das auch will, werde ich es schaffen.«

Wer so aufbricht, überschreitet Grenzen, persönliche und die im sozialen Gefüge. Wird wachsen oder resignieren. Unabdingbar für einen Pilger sei aber auch das Vertrauen in die eigene Kraft und die Offenheit für den Tag, für Menschen, Dinge und spirituelle Impulse, stellt sie fest.

Morgens loslaufen ohne zu wissen, wie der Tag endet. Die Vorfreude auf die Geheimnisse der nächsten Stunden spüren und die Dankbarkeit am Abend genießen für die gesund bewältigte Wegstrecke, die herzlichen Begegnungen und die gastfreien Menschen, die ein Bett anbieten für die notwendige Erholung.

Unterwegs lässt sie keine Möglichkeit aus, an Gartenzäunen, in Gemeindehäusern und in Kirchen für die Ökumene zu werben und ihre Botschaft in die Herzen zu pflanzen. Gegen Ende macht sie eine neue Erfahrung: Ein echter Pilger wird traurig, wenn er sich dem Ziel nähert. Am 15. November kommt sie in der Tiberstadt an, sechs Tage später wird sie von Papst Johannes Paul II. empfangen und übergibt die Botschaften der evangelischen und katholischen Bischöfe Mitteldeutschlands, aller Kirchen der Schweiz und der Evangelischen Kirche von Italien. Ein unvergesslicher Moment.

Wie kehrt man nach diesen Monaten in die Lebensnormalität zurück? Arnhild Ratsch schrieb ein Buch: »Zu Fuß nach Rom«, das 2004 im Wartburg Verlag erschien (inzwischen vergriffen, Anm. d. Red.) und sie siedelte von Tegkwitz nach Zürich über, um dort vier Jahre im Pilgerzentrum zu arbeiten. Die Heirat mit einem Mann aus Wien machte sie zu Arnhild Kump.

Wieder lässt sie alles zurück und gründete auf der Basis ihres reichen Erfahrungsschatzes das Ökumenische Pilgerzentrum Wien, dessen 10-jähriges Bestehen am 11. November gefeiert wird. Pilgergottesdienste, -stammtische, -wanderungen und -reisen gehören zu den Angeboten. Häufig wird sie zu Vorträgen eingeladen.

»Pilgern ist für mich Gemeindeaufbau durch die Hintertür. Jeder, der kommt, ist auf der Suche und bringt etwas mit, das er loswerden will und etwas, das er für eine begrenzte Zeit in den Dienst der anderen stellen kann. Der Aspekt der freien Entscheidung bis zum Augenblick des Loslaufens ist dabei ganz wichtig.«

Selbstverständlich gehören für Arnhild Kump geistliche Impulse und Zeiten des Schweigens zu einer Pilgerwanderung, aber weder Startobolus noch Anmeldeformular. Mit der Unsicherheit der Teilnehmerzahl bei Tagesangeboten kann sie umgehen. Sie will glaubwürdig bleiben und organisiert deshalb alles ehrenamtlich: »Pilgern ist etwas sehr Spirituelles, das nicht kommerzialisiert werden darf.« Es habe auch nichts mit Wandern gemein. Das Etikett Pilgerweg werde ihr aktuell zu inflationär gebraucht und so manchem regionalen und touristischen Rundweg aufgeklebt, bedauert sie. Der innere Weg bleibe da auf der Strecke.

Ihren heimatlichen Wurzeln blieb die energiegeladene Thüringerin verbunden und teilt seit Jahren ihre Lebenszeit zwischen Tegkwitz und Wien. Im Altenburger Land kümmert sie sich um Verwandte, bewirtschaftet das Familiengrundstück, baut Obst und Gemüse an, organisiert Pilgerwanderungen und schreibt.

Bis zum Jubiläum »875 Jahre Tegkwitz« am 14. Juli wird ihre persönlich gehaltene Ortsgeschichte gedruckt sein. Viel Interessantes sei zu erzählen, kündigt Arnhild Kump an, deren Familie hier seit über 500 Jahren ansässig ist.

Uta Schäfer

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Bookmark and Share
Möchten Sie ein Exemplar der gedruckten Zeitung in den Händen halten? Gern senden wir Ihnen ein kostenloses Probeheft. Einfach und unverbindlich hier bestellen. (Link)

Für diesen Artikel ist der Bereich für Lesermeinungen geschlossen.