Ein Bischof schrieb Geschichte

30. Juli 2018 von redaktionguh  
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Ausstellung: In Merseburg wird an Thietmar erinnert, den herausragenden Chronisten der Ottonen.

Gebeugt steht der schmächtige Mann an einem Pult. Die rechte Hand hält einen Federkiel. Thietmar von Merseburg (975–1018), Bischof und Historiker zugleich, blickt in die Ferne, sinniert wahrscheinlich gerade über Gott und die Welt. Im Kreuzhof des Merseburger Doms steht er als Brunnenskulptur und scheint doch lebendig wie die von ihm verfasste Chronik über das Zeitalter der Ottonen. Anlässlich des 1 000. Todestages von Thietmar in diesem Jahr widmen die Vereinigten Domstifter in Kooperation mit der Merseburger Willi-Sitte-Galerie dem wohl berühmtesten unter den Merseburger Bischöfen eine Sonderausstellung: »Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte«, heißt sie. An seiner Wirkungsstätte, dem Merseburger Dom und der Curia Nova, ist sie bis 4. November zu sehen.

Auf einer Fläche von 400 Quadratmetern bietet die Ausstellung einen Gang durch jedes der acht Bücher der Thietmarschen Chronik und geht dabei auf deren Wesensmerkmale ein: die Entstehung des christlichen Europa, die Kraft der Memoria und die Bedeutung der Tugenden. Der Besucher kann eintauchen in die Vorstellungswelt des mittelalterlichen Menschen, erlebt Kaiserkrönungen, prachtvolle Hoftage und kirchliche Feste. Geschickt webt Thietmar ganz alltägliche Szenen wie Hungersnöte oder Reisen auf dem Schiff ein, spricht über Sonnenfinsternisse und Träume. Sehr genau zeichnet der Chronist den Übergang der großen Reiche und Stämme zum Christentum auf: Slawen, Dänen, Polen, Böhmen und Ungarn. Dabei hebt er immer wieder die Leistung der Ottonenherrscher hervor.

Thietmars Welt: Markus Cottin, Kurator der Ausstellung, präsentiert stolz ein Buch aus der Chronik des Merseburger Bischofs. Foto: Petra Wozny

Thietmars Welt: Markus Cottin, Kurator der Ausstellung, präsentiert stolz ein Buch aus der Chronik des Merseburger Bischofs. Foto: Petra Wozny

»Die Chronik liest sich wie ein Who’s who einer bewegten Epoche. Wir sind heute froh über jedes Detail«, wertet Ausstellungskurator Markus Cottin die historisch wertvollen Schriften. Als Historiker habe der Bischof nicht nur eine Zeitchronik erstellen wollen. Vielmehr habe ihm die Geschichte des Bistums Merseburg am Herzen gelegen, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Es sei ihm auch um das Wohl seiner Seele gegangen, das er durch fromme Werke gesichert sehen wollte.

»Es ist unser Anliegen, Thietmars Chronik zum Sprechen zu bringen«, sagt Cottin, und Domherr Hans-Hubert Werner fügt hinzu: »Diese großartige Ausstellung ist für die Domstadt Merseburg ein ausgezeichneter Werbeträger.« »Wir sind dankbar, zu Auszügen aus Thietmars Schriften insgesamt 110 prachtvolle Leihgaben aus Museen und Sammlungen Europas zeigen zu dürfen. Sie schlagen einen Bogen über ein Jahrtausend Merseburger, deutscher und europäischer Geschichte«, betont der Kurator. Darunter sind unter anderem ein Weihwassereimer aus Elfenbein und auch eine Kopie des Basler Antependiums mit einer Länge von fast zwei Metern«, betont Ausstellungskurator Markus Cottin.

Über sich selbst hat Bischof Thietmar aufs Pergament gekritzelt: »Sieh dir doch einmal den vornehmen Herrn genau an, lieber Leser! Da erblickst du ein kleines Männlein, entstellt an der linken Wange und derselben Seite, weil hier ein Eitergeschwür aufgebrochen ist, das oftmals wieder anschwillt. Ein Bruch des Nasenbeins gibt mir seit der Kindheit ein lächerliches Aussehen. Doch deshalb würde ich mich nicht beklagen, wenn ich stattdessen über irgendwelche inneren Vorzüge verfügte. Aber ich bin ein elender Kerl, jähzornig, zu störrisch, um Gutes zu tun, neidisch, spottsüchtig, obwohl ich eigentlich selbst ausgelacht werden sollte. Keinen verschone ich, wie es doch Christenpflicht wäre. Ich bin ein Schlemmer und Heuchler, ein Geizhals und Verleumder.« Und überdies ein genialer Chronist, wird der Besucher der Ausstellung bemerken, wenn er am Selbstbildnis des Bischofs am Schreibpult im Kreuzhof des Doms vorbeigeht.

Petra Wozny

www.thietmar-merseburg.de

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Radeln und Rasten

30. Juli 2018 von redaktionguh  
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Radwegekirchen in Mitteldeutschland

Die mitteldeutschen Radwegekirchen erleben aktuell ihren Saisonhöhepunkt. Insgesamt laden auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) 59 und in der Landeskirche Anhalts 7 Radwegekirchen zur Einkehr ein. Die Gotteshäuser liegen unmittelbar an den zahlreichen Radwegen in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen und sind an entsprechenden Hinweisschildern als Radwegekirchen erkennbar. Geboten werden meistens ein Rastplatz oder Garten mit Tischen und Bänken sowie ein Zugang zu Toiletten und Trinkwasser.

Am Mulderadweg zwischen Eilenburg und Bad Düben liegt in dem kleinen Ort Gruna (Kirchenkreis Torgau-Delitzsch) eine Radwegekirche. Foto: epd-bild

Am Mulderadweg zwischen Eilenburg und Bad Düben liegt in dem kleinen Ort Gruna (Kirchenkreis Torgau-Delitzsch) eine Radwegekirche. Foto: epd-bild

Thüringen zählt bei den Radfahrern zu Deutschlands beliebtesten Gegenden. Unter den 171 Regionen der Rad­reiseanalyse 2018 des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) habe es das Land mit Platz sieben in die Top 10 geschafft, teilte die Thüringer Tourismus Gesellschaft (TTG) mit. Der 403 Kilometer lange Saale-Radweg von Sparnberg bis Kaatschen sei laut ADFC besonders populär. Insgesamt verfüge Thüringen über 1 500 Kilometer an Radfernwegen.

Die Radwegekirchen in der EKM und der Evangelischen Landeskirche Anhalts stehen Besuchern von Ostern bis zum Reformationstag am 31. Oktober zum Ausruhen und Innehalten offen. Viele Gemeinden bieten zusätzlich Kirchenführungen und Seelsorgegespräche an. In einigen Radwegekirchen finden während des Sommers auch Konzerte und Festivals statt. Vom Elbe-Radweg aus lohnt sich auch ein Abstecher zur Landesgartenschau in Burg in Sachsen-Anhalt. In Anhalt bekam 2008 die Kirche in Steckby bei Zerbst am Elberadweg den Titel Radwegekirche. Weitere Beispiele sind die Kirche in Dessau-Großkühnau und Klieken (Elbe), St. Georg und Pankratius in Hecklingen (Bode) oder die Kirche im Ballenstedter Stadtteil Opperode im Harz.

Mit 76 Prozent fahren drei von vier Deutschen Rad, 51 Prozent davon nutzten es für Ausflüge und Reisen, ermittelte der ADFC in seiner Analyse. Besonders der Bereich der Tagesausflüge nehme weiter zu. Mehr als jeder Zweite radele ins Grüne, was rund 167 Millionen Tagesausflügen entspreche. Auch in den Ferien würden sich die Deutschen gerne aufs Rad schwingen. Statistisch kämen so 99 Millionen Ausflüge im Urlaub zusammen, errechnete der Fahrradclub.

In Mitteldeutschland stehen etwa 4 000 evangelische Kirchen und Kapellen. Das sind rund 18 Prozent aller evangelischen Kirchen Deutschlands. Eine Karte mit allen Radwegen und Radwegekirchen deutschlandweit sowie Informationen zu den Öffnungszeiten der Kirchen und ihrer Geschichte gibt es im Internet. Auch die Geodaten der Radtouren stehen zum Download bereit. Das Signet »Radwegekirche« wird von der Landeskirche nach Prüfung der Kriterien verliehen.

(epd/G+H)

www.radwegekirchen.de

Veranstaltungen an und in Radwegekirchen:

• Für einen Besuch der Landes­gartenschau Burg lohnt sich ein Abstecher vom Elbe-Radweg: Der Kirchen-Pavillon ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Er befindet sich in den Ihlegärten und ist auch ohne Eintrittskarte zugänglich. Neben anderen Programmpunkten gibt es tägliche Mittagsandachten (12 Uhr) und jeden Sonntag einen Gottesdienst (12 Uhr).

www.kirchen-landesgartenschau-burg.de

• Orla-Radweg-Festival: 8. bis 23. September in den Kirchen Krölpa (Eröffnungskonzert mit »Saitenverkehrt«, Cello und Klavier), Lausnitz (Orgelkonzert), Ranis (Kindertheater THEATERTA), Jüdewein (Konzert mit dem Pößnecker Posaunenchor), Oppurg (Saxophonkonzert mit der Gruppe »Taktlos«), Birkigt (Gospelkonzert mit »Voices of life«) und im Schützenhaus Pößneck (Chorsinfonisches Konzert mit der Pößnecker Kantorei). Weitere Informationen: Helmut Krauß, (01 57) 52 42 72 09
• St.-Concordia-Kirche Ruhla (Rennsteig-Radwanderweg): Sommerkonzert Gahabka & Grüger (18. August, 17 Uhr) mit Werken von Beethoven, Bernstein, Strauß u. a.

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Tränen in der ersten Reihe

30. Juli 2018 von redaktionguh  
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In der Kurstadt Bad Düben im Kirchenkreis Torgau-Delitzsch stehen in diesem Jahr zwei musikalische Jubiläen auf dem Programm: 40 Jahre Kurrende und 70 Jahre Posaunenchor. Über viele Jahrzehnte waren beide Ensembles eng verbunden mit Lothar Jakob, dem Gründer und 1. Chorleiter der Kurrende. Seit August 2016 leitet Kantorin Elisabeth Neumann beide Chöre. Mit ihr sprach Andreas Bechert.

Das halbe Jubiläumsjahr 2018 ist geschafft. Wie ist Ihr Eindruck und was sagen die Chöre zum bisher Erlebten?
Neumann:
Ich empfinde das, was wir in diesem Jahr bisher unserem Publikum geboten haben, als sehr schön – aber auch ganz schön anstrengend! Das ist normal. Besonders mit der Kurrende macht mir alles riesigen Spaß. Der Chor ist offen für Neues, vieles wurde ausprobiert. Jede Probe hat ein Ziel: Der nächsten Auftritt! Das ist gut, das spornt an, das gibt Kraft – allen!

Elisabeth Neumann leitet seit zwei Jahren die Kurrende und den Posaunenchor in der Kurstadt Bad Düben. Foto: Helge Eisenberg

Elisabeth Neumann leitet seit zwei Jahren die Kurrende und den Posaunenchor in der Kurstadt Bad Düben. Foto: Helge Eisenberg

Anfang Juni stand das Sommerkonzert im Museumsdorf auf dem Programm – das Jubiläumskonzert schlechthin. Lief alles gut?
Neumann:
Sehr gut sogar! Ein ausverkauftes Haus, und ich durfte erstmals den Chor – wenn auch nur kurz – als Zuhörerin erleben und genießen. Lothar Jakob hat nämlich den Taktstock noch einmal in die Hand genommen. Da saß ich in der ersten Reihe und konnte meinem Chor zuhören. Ich war den Tränen nah.

Wie viele aktive Mitglieder zählt die Kurrende heute?
Neumann:
Da wir immer 70 Notensätze bestellen, müssen es 70 Mitglieder sein. Im Posaunenchor sind 14 Bläser versammelt. Die Kurrende probt jede Woche. Prinzipiell sind zwei Proben in der Woche angesetzt. Hinzu kommen die Registerproben, bei denen die einzelnen Stimmen ihren Part einüben. Selbst unsere jüngsten Chormitglieder halten dieses Pensum erstaunlich gut durch – immerhin sind sie meist erst in der 4. Klasse.

Als Musiklehrerin unterrichten Sie an der Evangelischen Grundschule am Kirchplatz. Profitiert die Kurrende davon?
Neumann:
Ich halte schon im Unterricht nach neuen Talenten Ausschau! Natürlich nicht vordergründig – da steht immer noch der Musikunterricht im Mittelpunkt.

Wo steht die Kurrende heute mit ihrem Repertoire?
Neumann:
Das ist breit gefächert: Choralvertonungen, Motetten und Kantaten. Werke alte und neuer Meister: natürlich Bach, viel Bach. Aber auch Händel, Bartholdy, Mozart oder Rutter und andere. Und alle Jahre wieder das beliebte Weihnachtsoratorium, Kantaten 1 bis 6, oder die Johannespassion und das Magnificat von Bach.

Also mehr alte Meister …
Neumann:
Das stimmt so nicht ganz. Es gibt hier und da Arrangements aus der Rock- und Pop-Szene und natürlich aus der beliebten Volksmusik.

Was spielt der Posaunenchor?
Neumann:
Da geht es mitunter sehr beschwingt zu. Neben den sakralen Stücken spielt man Jazz oder lateinamerikanische Rhythmen. Das kommt immer beim Publikum sehr gut an.

Das große Jubiläumskonzert »70 Jahre Posaunenchor« steht noch vor der Tür.
Neumann:
Am 11. November in der Stadtkirche. Dabei werden uns die Posaunenchöre aus den umliegenden Orten und dem Kirchenkreis unterstützen – das wird ein gewaltiges Bläserensemble!

Was sind ihre Wünsche für beide Chöre für die Zukunft?
Neumann:
Ich wünsche mir, dass beide Chöre offen bleiben für Neues und dass wir auch in Zukunft alle Freude haben, gemeinsam interessante Chorfahrten starten, mitreißende Konzertauftritte erleben und weiterhin hier so viele Unterstützer für unsere Arbeit finden.

www.kurrende-bad-dueben.de

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Angst

30. Juli 2018 von redaktionguh  
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Eugen Drewermann, Psychoanalytiker und ehemaliger römisch-katholischer Priester, untersucht Grimms Märchen tiefenpsychologisch. »Die Eule« ist für ihn ein Lehrstück über den Teufelskreis der Angst. Aber der Glaube kann alles verändern.

Herr Drewermann, meine dreijährige Tochter liebt Märchen, aber all die Hexen, gefräßigen Wölfe, verwunschenen Frösche bereiten mir Kopfzerbrechen und ihr schlaflose Nächte. Sind Grimms Märchen für Christen nicht zu viel Hokuspokus?
Drewermann:
Märchen spielen in unserer Seele und sie haben eine hohe Poesie. Sie schildern, was sich begibt auf der Suche nach Liebe. Märchen sind die einzige Gattung der Weltliteratur, die darauf beharrt, dass Menschen nur glücklich werden können durch die Liebe. Wer die Liebe wagt, schlägt mit den Flügeln der Seele gegen die Gefängnisstäbe der sogenannten Realität. Die Gesellschaft fürchtet die Liebe deshalb als etwas Anarchisches. Was sie auch sein kann.

Wenn Märchen von Gott reden, meinen sie in aller Regel etwas Seelisches, ein Bild von etwas, das in uns eine große Macht entfaltet. Daneben gibt es Märchen, die so von Gott reden, wie man es sich in der Bibel wünschen würde.

An welche denken Sie?
Drewermann:
Die Erzählung vom Schneider im Himmel etwa spricht davon, dass wir in den Himmel nur kommen, weil Petrus Mitleid hat. Und dann stellt es die Frage, ob wir lernen, des Mitleids würdig zu werden. Der Schneider wird, kaum dass er vom Throne Gottes sieht was auf Erden los ist, den Schemel nehmen und strafend herniederschleudern. Mit unserer Neigung zum Verurteilen und Strafen zeigen wir, dass wir des Himmels noch nicht würdig sind. Das Märchen erzählt damit etwas, das die Rechtfertigungs- und Gnadenlehre, Luther, die Reformation, Paulus, den Kern der Botschaft Jesu aufgreift und bestätigt.

Deshalb behaupte ich, für die Theologen sei es sehr wichtig, die Sprache der Kinder, der Träume, der Dichtung, der Märchen zu verstehen, jene Sprache, die man selbst einmal gelernt und geliebt hat. Sonst sollte man sich nicht einbilden, ausgerechnet die Sprache Gottes im Herzen der Menschen und in der Bibel zu verstehen.

Die Bibel ist natürlich kein Märchenbuch, aber sie enthält zahlreiche Märchenmotive und Mythen, die man entsprechend symbolisch auslegen muss.

Warum spielen in Grimms Märchen Grusel und Angst so eine große Rolle?
Drewermann:
Søren Kierkegaard meinte, Angst stelle vor eine Wahl, die einzig für unser Leben entscheidend sei, indem sie das Vorzeichen der Klammer unserer Existenz definiere: Leben wir aus Angst oder überwinden wir die Angst im Vertrauen?

Auf diese Weise entdecken wir die Religion als Anker, als Halt. Nur dann können wir inmitten dieser Welt, zwischen Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit, Göttlichem und Menschlichem, Bewusstem und Unbewusstem, im Denken und Fühlen einigermaßen im Gleichgewicht leben.

Das biblische Bild dafür ist Matthäus 14, der Gang des Petrus übers Wasser: Sehen wir nur die Wellen, hören wir nur den Sturm, würden wir vor lauter Angst das Leben unter unseren Füßen wegbrechen spüren. Oder wir schauen auf die Gestalt, die vom anderen Ufer auf uns zukommt, dann trägt uns das Wasser.

Eugen Drewermann. Foto: epd-bild

Eugen Drewermann. Foto: epd-bild

Gefühlt sehen wir heute eher den Sturm: Es gibt mehr als 400 klinisch festgestellte Ängste. Sind sie Symptome einer tieferen Angst?
Drewermann:
Schon für ein Kind sind andere Menschen lebensgefährlich. Eine Grundangst besteht darin, die eigenen Eltern zu verlieren oder von ihnen nicht geliebt zu werden. Siegmund Freud hat dies mit einem eigenen Fachbegriff wiedergeben wollen: Objektverlustangst. Die 400 Symptomängste sind in aller Regel vergegenständlicht worden aus einer solchen Grundangst.

In 200 Millionen Jahren Säugetierevolution haben wir gelernt, eine Handvoll Situationen zu fürchten: Vor einem Beutegreifer, vor dem Verhungern, vor dem Ausgegrenztwerden aus der Gruppe, vor dem Schuldigsein. Das sind vier Szenarien, die auch der Tierwelt bekannt sind.

Wesentlich ist, dass wir Menschen nicht wie die Tiere situativ auf solche Augenblicke reagieren, sondern uns dank unseres Verstands vorstellen können, dass die jeweiligen Gefahrensituationen wiederkommen werden. Unser Verstand treibt uns, endgültige Antworten zu suchen. Dadurch besteht die Gefahr, dass wir in eine Angst hineingeraten, die sich verunendlicht.

Wenn z. B. Tiere miteinander kämpfen, wird der eine Sieger, der andere Verlierer, das war’s. Wir Menschen wissen: der Verlierer wird gefährlicher wiederkommen als er je war. Wir sind in der Evolution die einzigen Lebewesen, die gelernt haben, dass Töten Angst beruhigen kann. Es gibt dagegen nur einen Ausweg: wir antworten auf die verunendlichte Angst mit Gegenbildern der Vernunft, die ebenfalls ins Unendliche weisen. Dann sind wir bei der Religion.

Ich denke an Johannes 16: »In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.« Verspricht Religion Angstlosigkeit nur im Jenseits?
Drewermann:
Religion lehrt, mit dem Vertrauen, dass diese Welt nicht das Ende von allem ist, sondern eine Perspektive in einer anderen Welt eröffnet, ruhig durch die sonst schattenverwirrten Jahrzehnte unseres Lebens zu gehen. Im Vertrauen auf Gott können wir uns als gemeint und gewollt, als »Geschöpfe« entdecken; unser Dasein hört auf, im Haushalt der Natur ein bloßes Zukunftswesen ohne Bedeutung zu sein.

Es gehört in diesem Zusammenhang auch Johannes 14 mit hinein: »Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt ihn gibt.« Der Frieden, den die Welt verspricht, ist maximale Rüstungskapazität, das Anhäufen der tödlichsten Vernichtungswaffen. Das aber ist kein Friede. Das ist eine endlose Ausbeutung, ein wechselseitiges Schreckensszenario, ein Leben in ständiger Tötungsbereitschaft.

Können wir den Frieden lernen, den Gott verspricht?
Drewermann:
Absolut! Ich sage das mit dieser Zuversicht, weil ich in der Psychotherapie immer wieder erlebe, dass Menschen von Grundängsten hinüberfinden können zu einer Geborgenheit, die sie bei sich selber zuhause ankommen lässt.

Ich kann nicht versprechen, dass das in jedem Fall gelingt, vor allem nicht, dass es im Handumdrehen gelingt. Es ist ein langer Prozess, die eigene Schönheit zu entdecken, die eigene Wahrheit wiederzufinden, Selbstbewusstsein mit der eigenen Existenz zu verknüpfen. Doch im Grunde wartet alles auf die Entdeckung: Du lebst, weil es dich gibt. Gott möchte, dass du bist! Dass es dich gibt, ist das Kostbare.

In Ostdeutschland leben Christen in der Diaspora. Können wir hier das Vertrauen in Gott, in das Leben entfachen?
Drewermann:
Ich kann mit Menschen eigentlich nur sprechen im Bewusstsein der Unvollkommenheit, in der alles geschieht, und ich vertraue darauf, dass mein Gegenüber auch nach dem Gespräch umhüllt ist von einem, der ihn weiterführt. Wohin und wie, weiß ich nicht. Aber ich vertraue auf eine solche bergende Güte im Hintergrund des Lebens eines jeden.

Mit der tradierten Kirchenfrömmigkeit habe ich große Schwierigkeiten, im Protestantismus weniger als im Katholizismus. Aber ein Problem der christlichen Theologie liegt darin, dass man aus der Botschaft Jesu, die er in Bildern, Gleichnissen, Geschichten vortrug, feste Lehren gemacht hat, Dogmen, die man die Kinder aufzusagen lehrt. Das verstellt alles.

Wir sollten mehr auf Gott vertrauen als auf Institutionen, Verordnungen, Gesangbücher und Traditionen. Die alle sind hilfreich, ich will das nicht wegstreichen, aber sie müssen von Person zu Person als Lebensformen weitergegeben werden, nicht als Doktrin. Auch Riten sind überaus kostbar, wenn sie mit Sinn erfüllt sind, aber sie schrecken ab, wenn sie nichts weiter sind als Gebetsmühlen bei ihrer Umdrehung.

Wir erzählen Kindern Märchen, damit sie einschlafen und Erwachsenen, damit sie aufwachen. Was lässt uns beim Grimmschen Märchen »Die Eule« aufschrecken?
Drewermann:
Die Tatsache, dass es möglich ist, so in Angst eingeschlossen zu werden, dass wir nicht mehr imstande sind, die Realität zu sehen. Wir begreifen nicht mehr, dass, wenn wir Angst haben vor etwas, dieses andere vor uns genauso Angst hat.

Wir sehen nur unsere eigene Angst, und die nötigt uns zu Zerstörung. Wir brauchen in Angst immer mehr Tötungsmaschinen, immer mehr Helden, immer mehr Wahnsinn.

Angst ist eine ansteckende Krankheit, die sich potenziert?
Drewermann:
Im Märchen »Die Eule« beginnt es mit einem einfachen Knecht, der in die Scheune geht, dort eine Eule sieht und vor dem Tier, das er noch nie gesehen hat, so erschrocken ist, dass er seinen Herrn mit seiner Angst infiziert.

Der ist eigentlich ein vernünftiger Mann, aber durch sein Ansehen vergrößert er in der Dorfgemeinde die Wahrnehmung der Angst seines Knechts. Also werden alle Maßnahmen getroffen, gegen die Eule zu Felde zu ziehen. Niemand merkt, dass gerade die Eule nur aus Angst in der Scheune sitzt.

Wer ist heute eine Eule?
Drewermann:
Politisch ist heute in unseren Medien Putin zum Beispiel eine Eule. Wir müssen ihn eindämmen, wir müssen gegen Russland Handelsbarrieren errichten. Dabei gibt Russland rund 60 Milliarden Dollar für Rüstung aus, aber die NATO über 300 Milliarden, Amerika 700 Milliarden. Aber der Westen sagt, Russland ist gefährlich.

Und wir können deshalb gar nicht genug rüsten. Wir müssen Atombomben bauen, sie verbessern, sie genauer platzieren. Wir brauchen Drohnen. Wir können nicht genügend sichern, zuschlagen, töten. Nur der Tote bedroht uns nicht mehr. Nach dieser Rezeptur betreiben wir heute Politik. Nur darüber sind wir uns einig. Und wie wir 68 Millionen Flüchtlinge, die nicht wissen, wohin, mit militärischem Gerät daran hindern, übers Mittelmeer zu kommen.

Karl Marx hat einmal in einem Traktat über das Holzdiebstahlgesetz geschrieben: Wenn Verzweiflung zum Verbrechen wird, dann ist das Gesetz, das die Verzweiflung als Verbrechen definiert, beides selber: Verbrechen und Verzweiflung. Wir hängen Kreuze an die Wand, aber Menschen schieben wir ab, wissend, ins Elend zurück.

Können wir auf politischer und gesellschaftlicher Ebene den Teufelskreis der Angst durchbrechen?
Drewermann:
Wir müssen! Tausende ertrinken im Mittelmeer und Schiffe der Seenotrettung dürfen Häfen nicht ansteuern. Um nochmal Marx zu zitieren: Es ist leicht, heilig zu sein, wenn man nicht menschlich sein will.

Die Fragen stellte Katja Schmidtke


Eugen Drewermann wurde 1966 zum Priester geweiht. Wegen strittiger Ansichten in Fragen der Bibelauslegung und der Moraltheologie geriet er in Konflikt mit dem Lehramt der katholischen Kirche. Erzbischof Degenhardt entzog ihm 1991 die katholische Lehr- und 1992 die Predigtbefugnis. 2005 trat er aus der römisch-katholischen Kirche aus.

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Ein Aufbruch ist nötig

29. Juli 2018 von redaktionguh  
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Es ist keine sonderlich neue Nachricht: Die Kirchen in Mitteldeutschland verlieren weiter Mitglieder. Vor allem der Sterbeüberschuss und die im Verhältnis dazu geringeren Taufzahlen sorgen derzeit jedes Jahr dafür, dass die Zahl der evangelischen und der katholischen Christen zurückgeht. Doch noch immer sind die Zahlen ordentlich: 44 Millionen Menschen in Deutschland gehören einer der beiden großen Kirchen an.

Doch ein Schönreden der Situation ist an dieser Stelle völlig fehl am Platze. Denn in einigen Jahren werden die sogenannten geburtenstarken Jahrgänge das Ruhestandsalter erreicht haben. In spätestestens zwanzig Jahren wird auch in ihren Reihen die Sterbephase einsetzen. Und dann? Natürlich, ohne Gottes Hilfe und Beistand kann die Kirche nicht wachsen. Allerdings hat er den Menschen auch Verstand gegeben, damit sie am Bau seiner Kirche mitwirken können. Und deswegen müssen die Kirchen noch viel mehr als bisher mit ihren Angeboten an die Öffentlichkeit gehen. Sie müssen dazu einladen, sich mit dem christlichen Glauben auseinanderzusetzen, und zwar mit einer Perspektive, bei der am Ende zumindest die Möglichkeit eines Kircheneintritts steht.

Es reicht nicht aus, Gebäude zu sanieren oder neue Orgeln anzuschaffen, wenn in der wiederhergestellten Kirche dann dieselben Menschen sitzen, die schon vorher immer kamen. Nein, die Kirche gehört mit ihren Angeboten auf die Marktplätze und Straßen. Denn auch wenn Jesus Christus den Tod als erster überwunden hat: Dem Wegsterben der eigenen Mitglieder können die Kirchen nur begegnen, wenn sie selbst engagiert auf Außenstehende zugehen. Selbst wenn das manchen Haupt- und Ehrenamtlichen unserer Kirche ein gehöriges Stück Selbstüberwindung abverlangt.

Benjamin Lassiwe

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Anhalt bei der Burger Landesgartenschau

29. Juli 2018 von redaktionguh  
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Foto: Angela Stoye

Foto: Angela Stoye

Skulpturen von zwei der bekanntesten Menschen aus der Geschichte Anhalts stehen auf dem Gelände der Landesgartenschau (Laga) in Burg: Albrecht der Bär, der unter anderem das Fürstentum Anhalt gründete, und die Mitstifterin des Naumburger Domes, Uta von Ballenstedt. Vom 30. Juli bis 5. August präsentiert sich die Landeskirche Anhalts bei der Laga in Burg im Kirchen-Pavillon, täglich von 11 bis 17 Uhr.

Schwerpunkt sind die offenen Kirchen und die kirchlich-touristischen Möglichkeiten im über 800-jährigen Anhalt. Im Gottesdienst am 5. August, 12 Uhr, wird Oberkirchenrätin Ramona-Eva Möbius predigen. Die musikalische Ausgestaltung wird der Bläserkreis Anhalts unter Leitung von Landes­posaunenwart Steffen Bischoff übernehmen.

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Mach was draus! Das Leben leben zwischen Wiege und Bahre

28. Juli 2018 von redaktionguh  
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Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

Lukas 12, Vers 48

Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott Vater, Sohn und Heilger Geist …« – wir singen dieses altbekannte Lied, die Gemeinde blickt berührt nach vorne, wo Eltern ihr noch so kleines Kind im Arm halten, gerade ist es getauft worden. »Ich bin in Christus eingesenkt, ich bin mit seinem Geist beschenkt.«

Pfarrerin Sophie Kersten,Langula-Kammerforst

Pfarrerin Sophie Kersten,Langula-Kammerforst

Von diesem großen Versprechen Gottes an das Kind war die Rede, vom Segen, der auf ihm liegen wird. Von Gottes »ich bin bei dir alle Tage«. Eltern und Paten haben Fürbitten gesprochen, tiefste Bitten für das lange Leben ihres Kindes. Wünsche, Hoffnungen, Tränen der Freude stehen am Beginn. »Laß diesen Vorsatz nimmer wanken, Gott Vater, Sohn und Heilger Geist. Halt mich in deines Bundes Schranken, bis mich dein Wille sterben heißt. So leb ich dir, so sterb ich dir, so lob ich dich dort für und für.« Auch jetzt singen viele Menschen, sie sind schwarz gekleidet, ein Sarg steht im Altarraum.

Von einem langen Leben war die Rede, vom Segen, der den Verstorbenen durch die Zeiten getragen hat. Von Gottes Versprechen und von Gottes Ferne. Erinnerung, Rückblick, Tränen der Trauer und Hoffnung stehen am Ende. Geburt und Tod. Was ist dazwischen? Das, was wir gerade tun: leben. Unser Leben. Wimpernschläge, die es einteilen und vorantreiben. Wir schlafen, essen, arbeiten, ärgern, erholen und informieren uns. Meistens schön miteinander verbunden: Frühstück mit Radio und Zeitung, auf dem Schreibtisch das Handy für eine schnelle Nachricht zwischendurch. Dafür dann eine Dienstmail aus dem Urlaub. Ist das gelebtes Leben? Ist es das, wofür wir gebetet haben und auf das wir, wenn Gott uns ruft, beruhigt zurückblicken wollen, um gehen zu können?

Viel ist dir gegeben, viel ist dir anvertraut! Ein ganzer neuer Tag aus Gottes Hand, viele Wimpernschläge voller Hoffnung, Liebe, Sinnhaftigkeit und Mitmenschlichkeit. »Es sei in mir kein Tropfen Blut, der nicht, Herr, deinen Willen tut.« Danke, Herr, für dein Vertrauen! Hilf uns nun, Herr, es in die Tat umzusetzen. Hilf uns, nach deinem Wort zu leben.

Pfarrerin Sophie Kersten, Langula-Kammerforst

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Was ist der Mensch?

27. Juli 2018 von redaktionguh  
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Der Mensch: Marionette des göttlichen Willens oder freier Herr über Gottes Schöpfung?

Es passierte einer Kollegin: In einem Nachruf schrieb sie, die Person sei an einer schweren Krankheit gestorben. Daraufhin fragte ein erzürnter Leser, wie sie so etwas schreiben könne. Als Christ wisse sie doch, dass der Tod allein Gottes Wille war. Schließlich fiele kein Haar von unserem Kopf, ohne dass dies in Gottes ewigem Ratschluss von Anbeginn der Welt so vorgesehen sei.

Auch wenn das Thema in der Theologie derzeit kaum eine Rolle spielt: In der Volksfrömmigkeit ist die Vorstellung von der Vorherbestimmung allen Geschehens durchaus verbreitet. Prädestination ist das Fachwort dafür. Und in der Tat gibt es Bibelstellen, die diesen Gedanken nahelegen. Etwa, wenn es im Epheserbrief, Kapitel 1, heißt, Gott habe die Gläubigen erwählt, »ehe der Welt Grund gelegt war« (Vers 4) und »dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein« (Vers 5). Der Kirchenvater Augustinus (354–430) war der Erste, der den Gedanken der Vorherbestimmung ausformulierte. Luther griff ihn auf und entwickelte ihn in der Auseinandersetzung mit dem Humanisten Erasmus von Rotterdam weiter: »Denn wenn wir glauben, es sei wahr, dass Gott alles vorherweiß und vorherordnet, dann kann auch nichts geschehen, wenn er es nicht selbst will,« heißt es in seinem Werk »Vom unfreien Willen«. Einen freien Willen gebe es deshalb weder für den Menschen noch für die Engel.

Wenn Gott vorherbestimmt, wer gerettet wird, bestimmt er dann nicht auch voraus, wer verloren geht? Natürlich, sagt der Genfer Reformator Johannes Calvin: »Unter Prädestination verstehen wir Gottes ewige Anordnung, vermöge deren er bei sich beschloss, was nach seinem Willen aus jedem einzelnen Menschen werden sollte. Denn die Menschen werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorher zugeordnet.« Als »Lehre von der doppelten Prädestination« ging dies in die Theologie ein.

Lebenslauf: Wenn alles vorherbestimmt ist, was ist dann mit unserem freien Willen? Ist es egal, welche Entscheidung wir im Leben für uns und andere treffen? Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Lebenslauf: Wenn alles vorherbestimmt ist, was ist dann mit unserem freien Willen? Ist es egal, welche Entscheidung wir im Leben für uns und andere treffen? Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Auch dafür kann man eine Reihe Bibelstellen anführen. Etwa Sprüche 16, Vers 4 in dem es heißt: »Der Herr macht alles zu seinem Zweck, auch den Frevler für den bösen Tag.« Oder etwa 2. Mose, Kapitel 10, wo Gott zu Mose sagt, er selbst habe dem Pharao und seinen Beratern das Herz »verhärtet«, so dass er das Volk Israel nicht in die Freiheit ziehen lassen werde.

Gott also der, der das Böse nicht nur zulässt, sondern es aktiv für und durch Menschen anstrebt? Pharao wie Hitler also Marionetten Gottes, ohne eigene Verantwortlichkeit für ihr Tun? Eine schreckliche Vorstellung, die Menschen schon immer zum Widerspruch herausforderte.

Und auch der Widerspruch kann sich auf Gottes Wort berufen. So schreibt Paulus im 1. Timotheusbrief, Gott wolle, »dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen«. Und wie könnte der Psalmist davon sprechen, dass der Mensch nur »wenig niedriger« gemacht sei als Gott selbst? (Psalm 8)

Die reformierten und lutherischen Kirchen formulierten deshalb 1973 in der Leuenberger Konkordie ein neues gemeinsames Verständnis der Prädestination: »Im Evangelium wird die bedingungslose Annahme des sündigen Menschen durch Gott verheißen. Wer darauf vertraut, darf des Heils gewiss sein und Gottes Erwählung preisen. Über die Erwählung kann deshalb nur im Blick auf die Berufung zum Heil in Christus gesprochen werden. Der Glaube macht zwar die Erfahrung, dass die Heilsbotschaft nicht von allen angenommen wird, er achtet jedoch das Geheimnis von Gottes Wirken. Er bezeugt zugleich den Ernst menschlicher Entscheidung wie die Realität des universalen Heilswillens Gottes. Das Christuszeugnis der Schrift verwehrt uns, einen ewigen Ratschluss Gottes zur definitiven Verwerfung gewisser Personen oder eines Volkes anzunehmen.«

Unseren »älteren Geschwistern«, den Juden, ist der Gedanke einer Prädestination übrigens völlig fremd. Dies verbietet sich für sie schon im Blick auf die Paradiesgeschichte: Adam und Eva aßen vom Baum der Erkenntnis – und Gott sagt: »Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist.«

Harald Krille

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Die Wiege Thüringens

23. Juli 2018 von redaktionguh  
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Mit der Enteignung von Schloss Reinhardsbrunn (Kirchenkreis Waltershausen- Ohrdruf) ist eine Chefsache von Christine Lieberknecht aus ihrer Zeit als Ministerpräsidentin auf der Zielgeraden. Willi Wild sprach mit ihr über Politik und Gipfelkreuze.

Wie haben Sie die Nachricht von der Enteignung aufgenommen?
Lieberknecht:
Am 9. Juli um 11.30 Uhr erreichten mich am Urlaubsort drei Worte: »Da ist er.« Die Kurznachricht kam vomThüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, angehängt hatte er den 37-seitigen Enteignungsbeschluss. Umgehend habe ich ihm geantwortet, dass ich mich sehr freue und die Daumen drücke für die weiteren Schritte.

Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass es dazu gekommen ist. Warum ist Reinhardsbrunn so wichtig?
Lieberknecht:
Reinhardsbrunn ist die Wiege Thüringens. Der Vorgängerbau des Schlosses war das Benediktinerkloster, Hauskloster und Grablege der Thüringer Landgrafen. Reinhardsbrunn ist durch die Hinrichtung der Wiedertäufer auch ein unrühmlicher Ort der Reformation. Auch das sollte nicht vergessen werden. Im 19. Jahrhundert gab es mit dem Gothaer Herzoghaus eine Blütezeit. Königin Victoria von England, die auch als »Großmutter Europas« bezeichnet wird, ist hier wiederholt mit Prinz Albert im Park flaniert. Der denkmalpflegerische und geistesgeschichtliche Wert dieses Ortes ist unbestritten.

Sie haben auch eine persönliche Beziehung zu Schloss und Park. Welche Erinnerungen haben Sie?
Lieberknecht:
Ich kenne Reinhardsbrunn von Kindheit an. Ich komme aus einem Pfarrhaus und meine Eltern haben in Friedrichroda im kirchlichen Erholungsheim Reinhardsberg mit der ganzen Familie Urlaub gemacht. Da gehörte ein Besuch des Schlosses Reinhardsbrunn mit Gondelfahrt auf den Schlossteichen dazu.

Sie sind in Lorenzen in Südtirol im Urlaub. Was schätzen Sie an diesem Ort?
Lieberknecht:
Mein Mann und ich verbringen unseren Urlaub in einem ehemaligen Kloster. Von dort aus unternehmen wir Wanderungen. Wir schätzen diese einmalige Landschaft und die Gastfreundschaft. Brauchtum und Moderne ergänzen sich. Vor allem beeindruckt das Miteinander der Generationen. Ich bereite mich hier auch auf eine Wanderung im August vor. Da werden wir von Eisenach nach Detmold laufen, etwa 230 Kilometer.

Hier sind Sie weit weg von dem politischen Geschehen in der Heimat. Mit diesem Abstand betrachtet, wie bewerten Sie den Streit in der christlichen Union?
Lieberknecht:
Es ist eine erbitterte Auseinandersetzung über die Deutungshoheit und die künftige deutsche und europäische Asyl- und Zuwanderungspolitik. Gefragt ist meines Erachtens nicht nur der Masterplan eines Ministers, sondern ein Plan der Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern. Eine gemeinsame Asylpolitik sollte auf den Weg gebracht werden. Derzeit sind noch so viele Fragen offen auf nahezu allen politischen Feldern. Der Streit um einen Punkt nutzt da am Ende keinem etwas. Ich kann da die Forderung nach einem Einwanderungsgesetz nur dringend unterstützen.

Christine Lieberknecht vor den Drei Zinnen Foto: privat

Christine Lieberknecht vor den Drei Zinnen Foto: privat

Wir haben die größte Flüchtlingsbewegung seit dem 2. Weltkrieg und können nicht so tun, als ob das alles an Europa vorbeiginge. Wir müssen klar-
machen, welchen Beitrag wir zur Gesamtlösung leisten können.

Sie wählen Ihre Worte mit Bedacht. Wie erleben Sie im Zusammenhang mit der Flüchtlingsdebatte die Verrohung der Sprache?
Lieberknecht:
Jedes Schlagwort behindert Lösungen. Wir haben viel mit Symbolpolitik zu tun, anstatt die Probleme endlich zu lösen, das ist doch gravierend. Wir müssen gesprächsfähig sein, um mit den Menschen gemeinsam die Integration voranzubringen. Das geht nur miteinander. Der Mensch muss an erster Stelle stehen, das ist ganz klar. Und danach muss man auch sein Vokabular ausrichten.

Wird Ihre gemäßigte Stimme noch gehört?
Lieberknecht:
Ich stehe nicht mehr in der ersten Reihe. Aber wenn ich gefragt werde, sage ich meine Meinung. Ich arbeite mit in der Enquete-Kommission »Auseinandersetzung mit Rassismus, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung in Thüringen« und bin stellvertretende Bundesvorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU (EAK).

Schließen Sie nach der Landtagswahl im kommenden Jahr ein Bündnis Ihrer Partei mit der AfD aus?
Lieberknecht:
Ein Bündnis kann ich mir nicht vorstellen. Ich hatte 2014 vor der Wahl im September klar gesagt, dass es keine Gemeinsamkeit mit der AfD gibt. Damals haben mich Parteifreunde dafür kritisiert. Ich glaube aber, dass diese Kritiker durch das tatsächliche Erleben der AfD gründlich geheilt sind. Mit der AfD kann man keinen Staat machen.

Am 1. Juli haben Sie auf dem Schneekopf gemeinsam mit anderen ein Gipfelkreuz gesetzt. Welche Bedeutung hat das Kreuz im öffentlichen Raum?
Lieberknecht:
Das Kreuz ist von der Gemeinde Gehlberg, vom Ilmkreis mit Landrätin Petra Enders (Linke), vom Thüringer Gebirgs- und Wanderverein mit Unterstützung der Kirche aufgestellt worden. Eine Gemeinschaftsaktion von politischer und kirchlicher Öffentlichkeit mit den Wanderfreunden.

Das Kreuz im öffentlichen Raum ist auch ein Zeichen, dass damit ein Anspruch verbunden ist. Der Staat und seine Diener versehen ihren Dienst in der Verantwortung vor Gott und den Menschen. Um mit Martin Luther zu sprechen: Dieses Zeichen kann sein, aber es muss nicht. Entscheidend ist, was man im Herzen hat.

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Die eigene Nase

22. Juli 2018 von redaktionguh  
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Neulich im Gottesdienst. In der Predigt ging es um Verständnis, Zusammenleben und die Liebe Gottes, die in jedem von uns wirksam werden kann. Auch wenn wir den Anspruch eines gottgefälligen Lebens im Alltag sehr schwer erfüllen können, komme es zumindest auf einen Versuch an.

Der Pfarrer empfahl eine Übung. Wie wäre es, eine Woche lang die Perspektive zu wechseln, einmal nur vom Anderen her zu denken. Eine interessante Vorstellung. Während ich noch darüber nachdenke, welche Auswirkungen das auf die Konflikte dieser Welt und in meinem direkten Umfeld haben könnte, werde ich jäh aus meinen Gedanken gerissen.

Es wird laut. Eine Bankreihe vor mir dreht sich eine ältere Frau zu der hinter ihr sitzenden um: »Hören Sie endlich auf, ständig im Gesangbuch zu blättern. Das Geraschel geht mir auf die Nerven.« Die Angesprochene erwidert, im gleichen Tonfall: »Seien Sie nicht so empfindlich. Außerdem kann man das auch anders sagen.« Ich ziehe den Kopf ein, in Erwartung der Eskalation. Aber es bleibt still. Ungewollt liefern die beiden ein Predigtbeispiel.

Schriftsteller Mark Twain soll mal gesagt haben: »Ich habe keine Schwierigkeiten mit dem, was ich in der Bibel nicht verstehe. Probleme machen mir die Stellen, die ich sehr gut verstehe.« Und ich muss mich an die eigene Nase fassen. Wie oft bin ich mit mir selber beschäftigt, drehe mich um die eigene Achse. Das Liebesgebot scheint dann nur noch aus dem zweiten Teil zu bestehen: »… wie dich selbst«.

Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. Eine Woche ist für den Anfang vielleicht zu viel. Aber einen Tag lang den Blickwinkel meiner Frau, des Busfahrers, der Verkäuferin oder der Arbeitskollegen einzunehmen, sollte gehen. Ich bin gespannt.

Willi Wild

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