Für unlösbare Fälle

15. Juli 2018 von redaktionguh  
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Für viele Katholiken ist es selbstverständlich, ihre Anliegen der Fürsprache eines spezialisierten Heiligen anzuvertrauen. Der »Schlamperltoni« Antonius von Padua hilft oft aus, wenn die Karten kurz vorm Theaterbesuch unauffindbar sind. Der heilige Christopherus wurde zu Ferienbeginn von manch einem gebeten, die Reise zu beschirmen. Und dass die heilige Anna eine wirkmächtige Fürsprecherin ist, wenn ein Gewitter hereinbricht, na, das hat schon Martin Luther gewusst.

Auch meinem Mann riet ich einst, als er sich Sorgen um das Gelingen des Staatsexamens machte, ein solches Stoßgebet. Ich empfahl den Heiligen Judas Thaddäus. Nicht zu verwechseln mit dem »Verräter-Jünger« Judas Ischariot, soll gerade er in schweren, schier aussichtslosen Anliegen helfen. Das Examen gelang und auch mein eher rational veranlagter Mann musste zugeben: »Der Thaddäus, der kann was.«

Warum also hat Bundesinnenminister Horst Seehofer nicht auch diesen Weg gewählt, um sein Anliegen einer veränderten Asylpolitik auf den Weg zu bringen? Als Katholik hätte ihm diese Möglichkeit doch vor Augen stehen müssen. Stattdessen legte der Asylstreit mit der Pfarrerstochter Angela Merkel und das Theater um Rücktritt und doch nicht Rücktritt, um Europa- und Nationallösungen das Land fast drei Wochen innenpolitisch lahm.

Heraus kam ein fader Kompromiss der Schwesterparteien und schließlich auch mit dem Koalitionspartner SPD. Da wurden alte Ideen aufgewärmt, die schon einmal ad acta gelegt worden waren. Und ob das alles wirklich so umsetzbar ist, hängt immer noch vom Einverständnis der europäischen Partner ab. Ausgang weiterhin unklar. Das hätte der Heilige Judas Thaddäus nun wirklich weitaus besser gekonnt.

Diana Steinbauer

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Wenn Gäste länger bleiben

14. Juli 2018 von redaktionguh  
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So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Epheser 2, Vers 19

Gäste zu haben ist etwas Schönes, wie ich finde. Aber das sieht sicher jeder anders. Ich jedenfalls freue mich, wenn das Haus voll ist und ich den Leuten etwas anbieten kann. Aber ich freue mich dann auch, wenn der Trubel wieder vorbei ist, der Alltag einkehrt.

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg OT Preußlitz

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg OT Preußlitz

Gäste dürfen sich gerne wie zu Hause fühlen, denn sie sind ja bald wieder weg. Wenn sie dann aber länger bleiben wollen oder müssen, dann beginnt eine spannende Phase. Hier ist viel Gespräch nötig, um miteinander auszuhandeln, was geht und was nicht. Jeder bringt etwas von sich ein und jeder muss viellicht etwas aufgeben, damit das Zusammenleben gelingen kann.

Ich stelle mir gerade vor, wie schwierig dieses Aushandeln mit den Heiligen als Hausgenossen sein muss. Die wohnen ja schon so lange da und beanspruchen sicher besondere Rechte für sich. Und wie empfänglich sie für Argumentationen mit dem Weinberggleichnis ihres Herrn sind, kann ich nicht beurteilen. Klar ist aber: Wenn jemand neu dazukommt, dann stört er das eingespielte System. Er zwingt alle, ihre Rolle und ihren angestammten Platz zu verlassen oder wenigstens zu überdenken.

Der Konflikt ist quasi unvermeidlich und wir bemerken ihn auch in unserem Land. Im Großen mit den Eingewanderten, aber auch im Kleinen, wenn ein Kind in einer Familie geboren wird. Immer kommt jemand Neues hinzu und das bedeutet Veränderung. Das kann man gut finden, wenn man Lust am Neugestalten hat, und man kann es hassen, wenn man eine eher auf Beständigkeit angelegte Persönlichkeitsstruktur hat. Aber verhindern kann man es nicht. Es wird eine interessante Diskussion geben mit den Heiligen, die neue Mitbürger bekommen haben.

Den Unterschied in diesem Konflikt macht der Hausgenosse, der dabei ist: Gott. Er ist ein Gott, der Veränderung möglich macht, der begleitet, tröstet und liebt. Mit ihm ist Streiten in Liebe möglich. Darum sollten wir auch im Streit in unserem Land viel mehr auf ihn schauen und vertrauen.

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg OT Preußlitz

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Unvollkommen vollkommen

13. Juli 2018 von redaktionguh  
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Heilig: Martin Luther hat die Heiligen vom Himmel auf die Erde heruntergeholt. Wie für das Neue Testament sind auch für ihn alle Christen heilig.

Es gibt deshalb nicht mehr Christen erster – eben die Heiligen – und solche zweiter Klasse. Nicht mehr die vollendeten, sondern die lebenden Heiligen stehen für ihn im Zielpunkt des Interesses.

An die Stelle der Heiligenverehrung ist im Protestantismus die Nächstenliebe getreten – mit einschneidenden Folgen für Glauben und Leben. Denn das Heiligsein jedes Christen muss sich im Alltag bewähren. Evangelischsein heißt: Den Glauben ins Leben ziehen. Diese Aufgabe kann fortan auch nicht länger an eine religiöse Elite wie eben die Heiligen delegiert werden.

Pantomime unter dem Heiligenschein. Die Installation vor dem Brandenburger Tor war einer der Heiligenscheine, die vor 15 Jahren über den Besuchern des ersten Ökumenischen Kirchentages in Berlin, unter dem Motto »Ihr sollt ein Segen sein«, schwebten. Foto: epd-bild

Pantomime unter dem Heiligenschein. Die Installation vor dem Brandenburger Tor war einer der Heiligenscheine, die vor 15 Jahren über den Besuchern des ersten Ökumenischen Kirchentages in Berlin, unter dem Motto »Ihr sollt ein Segen sein«, schwebten. Foto: epd-bild

Dabei war sich Luther bewusst, dass jeder Heilige trotzdem bis an sein Lebensende versagt und an seinem Nächsten schuldig wird. Drastisch schrieb er im Kleinen Katechismus, dass der alte Adam täglich durch Reue und Umkehr ersäuft werden muss – denn das Biest kann schwimmen. Diese Einsicht in das menschliche Herz wäre zum Verzweifeln, wenn der Reformator nicht gleichzeitig erkannt hätte, dass Gott bereit ist, dem Menschen immer wieder zu vergeben und ihm einen Neuanfang zu schenken. Christen sind also nicht besser als andere Menschen – aber sie sind besser dran, weil sie im Antlitz Jesu Christi die Liebe Gottes erblickt haben.

Mit zunehmender Säkularisierung ist das Angebot des Evangeliums, dass Gott bereit ist, Menschen Schuld und Versagen zu vergeben, entweder für unzeitgemäß erklärt worden oder schlicht mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Nach Überzeugung des Philosophen Odo Marquard hat das den neuzeitlichen Menschen – und das gilt meiner Beobachtung nach längst für Nichtchristen und Christen gleichermaßen – in eine prekäre Lage gebracht.

Er muss mit seiner Schuld und Schuldverflochtenheit selber fertig werden und findet sich als Konsequenz in einer »Übertribunalisierung« seiner Lebenswirklichkeit vor. Weil er die Entlastung durch die göttliche Vergebung nicht mehr kennt, ist er selbstverantwortlich für alles, was im persönlichen und gesellschaftlichen Leben misslingt.

In der Konsequenz kommt es zu einer Tyrannei des gelingenden Lebens mit einer häufig zu beobachtenden Überanstrengung des Subjekts, geprägt von Leistungszwang von außen und dem Drang zur Selbstoptimierung von innen. Unsere Gesellschaft produziert das Gefühl, nie am Ende sein zu dürfen.

Angesichts dieser Situation lohnt es sich, den christlichen Glauben neu ins Spiel zu bringen. Er hat das Potenzial, Menschen zur Selbstvergewisserung durch Selbstbegrenzung und Selbstverendlichung zu verhelfen: »Du darfst am Ende sein! Du musst dir deine Lebensberechtigung nicht selbst verdienen. Gott sieht dich in Jesus Christus ohne Vorleistungen gnädig an.« Dass mir meine Lebensberechtigung von außen, als Geschenk, zugesprochen wird, ist nicht Ausdruck einer entmündigenden, kleinmachenden Erfahrung, sondern einer heilsam rettenden Erfahrung. Ich muss nicht mehr sein als ein vor Gott und Menschen heilsam begrenzter Mensch. In einem Brief hielt Martin Luther fest: »Wir sollen Mensch und nicht Gott sein. Das ist die Summa.«

Genau an dieser Stelle könnte die Wiedergewinnung einer evangelischen Heiligenverehrung hilfreich sein. Die lutherische Reformation hat diese ja nicht an sich abgelehnt. Sie wollte sie nur nach reformatorischen Grundsätzen umgestalten. Nach Artikel 21 des Bekenntnisses von Augsburg ist der Christ ein besonders zu ehrender Heiliger, wenn dessen Vorbild hilft, das eigene Vertrauen auf die Rechtfertigung allein aus Gnaden zu stärken und zur Nachfolge Jesu Christi im Beruf entsprechend der eigenen Begabung zu ermuntern.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig.

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Wo mein Glaube wurzelt

9. Juli 2018 von redaktionguh  
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Reportage: Die kleine Kirchengemeinde Prösen steht vor großen Herausforderungen, doch es tut sich etwas.

Wie schön es hier ist, denke ich manchmal, wenn ich zu Besuch in Prösen (Kirchenkreis Bad Liebenwerda), meinem Geburtsort, bin. Zwischen Wiesen und Feldern führen Radwege von Ort zu Ort. Ein Floßkanal durchfließt das Dorf, zu beiden Seiten des Ufers Birken und Sträucher. Als Kind konnte ich meiner Heimat nicht viel Schönes abgewinnen. Etwa im Alter von zehn bis zwölf Jahren beschloss ich: »Hier bleibe ich nicht.«

Meine Kirche: 1751 erbaut und jetzt schmuck renoviert, die Kirche in Prösen. Heiligabend ist sie bis auf den letzten Platz gefüllt. An den übrigen Sonntagen kommen leider nur wenige Menschen, zur monatlichen Andacht meist nur eine Teilnehmerin. Kleines Foto. Fotos. Sabine Kuschel

Meine Kirche: 1751 erbaut und jetzt schmuck renoviert, die Kirche in Prösen. Heiligabend ist sie bis auf den letzten Platz gefüllt. An den übrigen Sonntagen kommen leider nur wenige Menschen, zur monatlichen Andacht meist nur eine Teilnehmerin. Kleines Foto. Fotos. Sabine Kuschel

Nach der Wende zogen viele Menschen wegen fehlender Arbeit und mangelnder Perspektive weg. In den 1950er-Jahren zählte das Dorf mehr als 3 000 Einwohner. Heute sind es nur noch etwa 1 900. Deutlich sichtbar ist der Bevölkerungsschwund auf dem Friedhof. Präsentierte er sich einst als ein Meer von Blumen – eine Grabstelle so schön bepflanzt wie die andere – breitet sich mehr und mehr eine riesiges leeres Areal aus. Im hinteren Teil nimmt zwar die Zahl der Urnengräber zu und viele Prösener bevorzugen ein platzsparendes und pflegeleichtes Gemeinschaftsgrab. Dennoch täuschen diese nicht darüber hinweg, dass das Dorf schrumpft.

Dieser Prozess macht auch der Kirche zu schaffen. Bis 2002 gab es zwei Pfarrstellen, die nach und nach weiter reduziert wurden, erzählt Pfarrer Otto-Fabian Voigtländer. Seit 2012 hat er nur noch eine halbe Pfarrstelle. Zu 50 Prozent unterrichtet er Religion in der Schule in Prösen und Elsterwerda.

Früher gehörten die drei Gemeinden Prösen, Wainsdorf und Stolzenhain zum Pfarrbereich. Mittlerweile zählen neun Dörfer mit fünf Predigtstätten dazu: Prösen und Wainsdorf, Stolzenhain, Oschätzchen, Würdenhain, Prieschka, Reichenhain, Haida und Saathain. Die Zahl der Kirchenmitglieder ist in der Region seit 2012 von 992 auf 850 gesunken. »Etwa zwei Prozent wie überall in der Landeskirche«, erklärt der Pfarrer.

Nach der Wende galt die Region als abgehängt. Mittlerweile hat sich etwas geändert, die Menschen fehlen zwar noch, aber Arbeit gäbe es in der Region genug, so die Beobachtung des Pfarrers. »Die Behauptung, es gibt keine Ausbildungs- und Arbeitsplätze stimmt nicht«, sagt er. »Alle Handwerker, die ich kenne, suchen händeringend Auszubildende.« Viele junge Leute ziehen zum Studium weg. Und die Menschen, die um die Wende vor 25 Jahren weggegangen sind, fehlen heute, bedauert Voigtländer. »Die waren damals 18, 19 Jahre alt. Deren Kinder würden jetzt hier eine Ausbildung machen.«

Die Prösener religiös anzusprechen ist nicht leicht. »Was den Gottesdienstbesuch anbetrifft, kann ich das bestätigen«, sagt der Pfarrer. »Im Verhältnis zur Zahl der Mitglieder kommen in Prösen die wenigsten zum Gottesdienst, acht bis zehn. »Es ist frustrierend. Manchmal bin ich traurig.«

Elsterwerda-Grödel-Floßkanal: Prösen ist ein Ortsteil der Gemeinde Röderland im Landkreis Elster-Elbe im Süden von Brandenburg.

Elsterwerda-Grödel-Floßkanal: Prösen ist ein Ortsteil der Gemeinde Röderland im Landkreis Elster-Elbe im Süden von Brandenburg.

So traurig der Blick auf die Situation stimmen mag – allem Widerschein zum Trotz beginnt hier und dort doch ein Pflänzchen zu sprießen. Es gab Jahrgänge ohne einen einzigen Konfirmanden. 2017 ließen sich zehn Jugendliche konfirmieren, in diesem Jahr waren es zwölf. »Herr Voigtländer hat eine wunderbare Art mit jungen Menschen umzugehen, sie zu motivieren. Ich weiß das von meinem Enkel«, erzählt Monika Theile, Gemeindekirchenrätin in Stolzenhain. »Über die Jahre hat sich etwas entwickelt. Jetzt kommen die ersten Früchte«, so die erfreuliche Bilanz der Kirchvorsteherin.

Die Kirche steht mancherorts vor der enormen Herausforderung, in vielen teilweise weit verstreuten, kleiner werdenden Gemeinden das Leben aufrecht zu erhalten. Mit reduziertem Umfang an Pfarrstellen. So auch hier.

In jedem Ort für sich will Gemeindeleben gefördert, Tradition aufrechterhalten und zugleich Neues integriert werden.

In Prösen und den übrigen Dörfern geht das so: In jeder Kirche wird wenigstens einmal monatlich zum Gottesdienst eingeladen. Zusätzlich lädt der Pfarrer jeden Monat in jedem Ort zu einer Abendandacht ein. An diesem Angebot, so der Pfarrer, wolle er festhalten, selbst wenn – wie in Prösen – oft nur eine einzige Frau teilnimmt. Ein Frühstückstreffen findet auf regionaler Ebene statt. Für jeden Ort ist im Jahr zumindest ein Höhepunkt angesagt. In Stolzenhain ist das die Osternacht mit Osterfeuer. Prösen feiert im Juni ein Johannisfest und im November findet der Martinsumzug statt. In Würdenhain gibt es am 6. Dezember eine Nikolausmusik mit anschließendem Grillen. Eine beliebte regionale Veranstaltung ist das Wickeln von Adventskränzen im Dezember.

»Nur ein Höhepunkt in jedem Ort«, betont der Pfarrer, »damit es für die Ehrenamtlichen nicht zu viel wird.«

Prösen ist der Ort, wo der Glaube an Gott und Jesus Christus in mein Herz gepflanzt wurde. Ich wünsche der jungen Generation, dass ihr dies auch geschieht. Es gibt Anzeichen, dass diese Hoffnung vielleicht nicht aus der Luft gegriffen ist. Wie Voigtländer sagt, nehmen in Prösen viele Kinder am Religionsunterricht teil. Kinder, deren Eltern nicht zur Kirche gehören. Indem sie ihren Nachwuchs zum Religionsunterricht schicken, eröffnen sie ihm die Chance, Gott näher zu kommen.

Die Mehrheit der Kinder, die beim Krippenspiel mitmachen, kommt ebenfalls aus nichtchristlichen Elternhäusern. Die Lust, biblische Geschichten aufzuführen, ist offensichtlich.
Ein Krippenspiel im Jahr, das reicht den jungen Leuten in Oschätzchen nicht. »Denen gefällt das so gut, dass sie noch ein Passionsspiel zusätzlich aufführen«, erzählt der Pfarrer. Seit nunmehr fünf Jahren wird karfreitags die Passionsgeschichte gegeben.

Wiederum leben allein im Pfarrbereich Prösen mehr als 70 Familien, die zwar der Kirche angehören, jedoch ihre Kinder nicht getauft haben, so Voigtländer. Potenzieller Nachwuchs, der vielleicht darauf wartet, angesprochen zu werden. Sie werden in nächster Zeit von der Kirchengemeinde einen Brief erhalten mit einer Einladung. Und eventuell sind sie dann bei dem nächsten Höhepunkt schon mit dabei. Der ist am 26. August in Würdenhain geplant. Dort wird zu einem großen Tauffest eingeladen.

Sabine Kuschel

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Gesprengte Hoffnung

9. Juli 2018 von redaktionguh  
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Die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg hat Magdeburg für immer verändert. Damit nicht genug. Nach 1945 wurden Bauwerke, die nicht in den Zeitgeist passten, einfach beseitigt.

Pfingsten 1951 muss für die Magdeburger Christen voller Hoffnung gewesen sein: Hoffnung darauf, dass wieder etwas gut würde in der Stadt, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges stark zerstört worden war. Ein altes Foto zeigt: Dicht gedrängt saßen die Magdeburger in der Heilig-Geist-Kirche und feierten den Gottesdienst zu deren Wiedereinweihung mit. Die mittelalterliche Kirche, Taufkirche des Barockkomponisten Georg Philipp Telemann, war ebenso zur Ruine geworden wie die anderen Kirchen im Zentrum. Doch mit Hilfe aus dem Ausland konnte sie als erste evangelische Kirche wieder aufgebaut, ab 1950 genutzt und im Jahr darauf eingeweiht werden. Der Dom zum Beispiel wurde erst 1955 mit der Amtseinführung von Bischof Johannes Jänicke eröffnet. Hoffnung auf wiedererstehende Kirchen also, die sich in den nächsten Jahren zerschlagen sollte.

Einsatz: Jugendliche beim Enttrümmern einer Kirchenruine (vermutlich die Katharinenkirche) beim ersten Sommerlager der Aktion Sühnezeichen in der DDR vom 15. bis 30. Juli 1962 in Magdeburg. Foto: epd-bild

Einsatz: Jugendliche beim Enttrümmern einer Kirchenruine (vermutlich die Katharinenkirche) beim ersten Sommerlager der Aktion Sühnezeichen in der DDR vom 15. bis 30. Juli 1962 in Magdeburg. Foto: epd-bild

Dass in der DDR fast 60 Kirchen dem sozialistischen Stadtumbau weichen mussten, war Thema eines Gesprächsabends der Landeszentrale für politische Bildung Ende Juni in Magdeburg. Nicht ohne Grund, denn in der Elbestadt wurden zehn kriegsbeschädigte Kirchen »Einfach weggesprengt«, so das Motto des Abends. Außer der Heilig-Geist-Kirche wurden bis 1964 gesprengt oder abgerissen: St. Ulrich und Levin, St. Katharinen, St. Jakobi, die Martinskirche, die Lutherkirche, die Deutsch-Reformierte und die Französisch-Reformierte Kirche sowie zwei säkularisierte Kirchen: das Zeughaus (ehemals St. Nikolai) und die Evangelische Schule (ehemals Franziskanerkloster).

»Die meisten Kirchen hätten gerettet werden können«, sagte Christian Halbrock, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Berlin. Doch das sei bei der sozialistischen Umgestaltung der Städte nach dem Vorbild der Sowjetunion – zum Beispiel mit Magistralen für Aufmärsche – nicht vorgesehen gewesen. »Die Kirchengebäude und das Wächteramt der Kirchen störten bei der Umerziehung zum ›neuen Menschen‹«, so Halbrock. Der Historiker sagte, dass im Fall, dass eine Stadt zur Bezirksstadt wurde, dies oft nichts Gutes für historische Bauten bedeutete. Und: »Verfall und Abriss von Dorfkirchen sind überhaupt noch nicht aufgearbeitet.«

Der Magdeburger Architekt Michael Sußmann verwies in seinem Vortrag »Vom Vergehen der Gotteshäuser in der Stadt Magdeburg« auf die Schwierigkeit, über eine Zeit zu urteilen, die man selber nicht miterlebt habe. Die Ergebnisse der beiden Architekturwettbewerbe, die noch in den 1940er Jahren für den Wiederaufbau Magdeburgs ausgeschrieben wurden, verzeichneten noch alle Kirchen. Erst ab 1950 und mit den »16 Grundsätzen des Städtebaus« habe sich das geändert. »In den Wiederaufbauplänen, die die Tageszeitung Volksstimme am 1. Mai 1953 veröffentlichte, fehlten die Kirchen.« Und ein im Zentrum geplantes, aber nie gebautes »Haus des Schwermaschinenbaus« sollte mit seinem 110 Meter hohen Turm den Dom überragen. Zwar war laut Beschluss der Evangelischen Kirche in Deutschland Magdeburg 1956 zur Stadt des kirchlichen Wiederaufbaus erklärt worden. Aber das habe nichts genützt. Ebenso wenig wie Verhandlungen der Kirchenvertreter mit der Stadt und Proteste, zuletzt 1964 durch Bischof Johannes Jänicke, gegen die Beseitigung der Ruine der Katharinenkirche, deren Erhalt nach dem Abriss der Heilig-Geist-Kirche 1959 zugesagt worden war.

Mit Kirchen gingen auch ihre Kunstschätze verloren. Einige gerettete Steinmetzarbeiten fanden Platz in und an der wieder aufgebauten Wallonerkirche. Sie lassen ahnen, was da verloren ging.

Angela Stoye

Zum Weiterlesen: Berichte der Magdeburger Kirchenleitung zu den Tagungen der Provinzialsynode 1946–1989, herausgegeben von Harald Schultze. Vandenhoeck & Ruprecht, 2005, Seite 133 und Seiten 206/207

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Immer am Ball

8. Juli 2018 von redaktionguh  
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Sport und Kirche: Anna Mittermayer möchte dies gern miteinander verbinden. Sie ist Pfarrerin in Sandersdorf (Kirchenkreis Wittenberg) und Sportbeauftragte in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Mit ihr sprach Sabine Kuschel.

Welche Rolle spielt denn im Pfarrhaus der Sportbeauftragten die Fußballweltmeisterschaft?
Mittermayer:
Die Weltmeisterschaft spielt nicht die Hauptrolle. Wir gucken die Spiele, manchmal nebenbei. Fußball spielt bei meinem Freund und mir keine große Rolle, weil wir diesen Hype ungern mitmachen wollen. Im Vergleich zu anderen Sportarten wird Fußball zu sehr gefördert. Das finden wir sehr schade. Wir sind mit Leib und Seele Basketballer.

Warum braucht die Kirche eine Sportpfarrerin?
Mittermayer:
Leider hat die Kirche nur eine Sportbeauftragte. Das ist der kleine Unterschied. Also ich bin Sportbeauftragte, nicht -pfarrerin. Die Sportbeauftragte wird gebraucht, damit Kirche in alle Bereiche ausstrahlen kann. Auch in den Sport. Und die Kirche kann vom Sport lernen. Zum Beispiel bei der Arbeit mit Ehrenamtlichen und beim Umgang mit Mitgliedern. Die Kirche braucht den Sport und der Sport braucht die Kirche. Es gibt Christen, die Sport machen und Sportler, die christlich sind. Sie haben andere Themen als die Sportler ohne Glauben.

Sportlich im Talar: Pfarrerin Anna Mittermayer in der Sandersdorfer Kirche St. Marien.  Fotos: Sabine Kuschel/ pixabay CC0 Creative Commons

Sportlich im Talar: Pfarrerin Anna Mittermayer in der Sandersdorfer Kirche St. Marien. Fotos: Sabine Kuschel/ pixabay CC0 Creative Commons

Der Mensch besteht aus Leib und Seele. Und es ist nötig, immer auch auf den Leib zu achten. Kirchliche Veranstaltungen finden meistens im Sitzen statt. Deutschland krankt am Rücken. Allein da müsste man schon Präventivmaßnahmen ergreifen. Spiritualität und Bewegung ist ein Thema, das noch sehr belächelt wird, das man aber durchaus ausbauen könnte.

Woran denken Sie konkret?
Mittermayer:
Es gibt schon vielfältige Angebote, die nur nicht vernetzt sind: Tanz und Spiritualität, Yoga. Es ist ratsam, den Geist hin und wieder frei werden zu lassen durch körperliche Übungen, durch Sport.

Blick-1-27-2018Mit Kindern und Jugendlichen erlebnispädagogisch zu arbeiten, ist heute viel mehr wert, als im Kreis zu sitzen und nachzudenken. Weil die Jugendlichen in der Schule schon genug nachdenken und sitzen müssen. Stichwort: Vertrauen. Wie und warum kann ein Mensch Gott vertrauen? Darüber sprechen wir nicht. Auf dem Konficamp in Wittenberg haben wir das geübt:
Einer legt sich auf eine Luftmatratze, die von den Konfis hochgehoben und eine gewisse Strecke getragen wurde. Wer auf der Matratze liegt, muss darauf vertrauen, dass niemand loslässt.

Mein Hauptanliegen ist zunächst, ein Programm zu entwickeln und festzuschreiben, warum man Kirche und Sport braucht. Das Konzept ist fast fertig. Dann will ich ein Netzwerk aufbauen von Menschen, die Lust haben, in dem Bereich weiter zu denken und zu arbeiten. Mein großer Traum ist eine Sportkirche.

Wie soll die aussehen?
Mittermayer:
In ihr sollen Elemente des Glaubens mit dem Sport verbunden werden. Also zum Beispiel steht der Taufstein in der Mitte und um ihn eine Art von Kneipp-Becken. Damit man auf dem Weg zum Taufstein diese Erfrischung, das Neuwerden durch die Taufe erleben kann. Oder ich stelle mir eine Art Baumboxsack vor, ein Boxer in Form eines Baumes. Wenn man wütend ist, braucht man eben eine Kanalisation der Wut, und da könnte man boxen. Und bei der Frage: Woher kommt die Hilfe? erfahren: Sie kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Weil man merkt, dass man mit beiden Beinen wieder fest auf dem Boden steht, geerdet ist.

Denkbar ist eine Ausstellung mit Bibelzitaten, über die Sportler nachdenken. Es gibt eine »Sportlerbibel«, wo Bibelstellen mit Aussagen von Sportlern verknüpft sind. Sowas stell ich mir vor.

Die Bibel sagt wenig über Sport.
Mittermayer:
Ja, leider. Es gibt etwa zwei Zitate von Paulus.

Blick-2-27-2018Warum wollten Sie Pfarrerin werden?
Mittermayer:
Das ist immer eine schwierige Frage. Nach dem Abitur wusste ich nicht, was ich machen sollte und dann dachte ich, der Glaube hatte mir als Jugendlicher viel bedeutet, aber ich habe als junger Mensch in der Kirche keinen Ort gefunden. In Mecklenburg hatten wir keine Junge Gemeinde. Die Gottesdienste waren für Jugendlichen auch nicht so ansprechend. Ich habe gedacht, du kannst meckern oder es ändern. Ich habe mich fürs Ändern entschieden und Theologie studiert.

Der Glaube wurde ihnen im Elternhaus vermittelt?
Mittermayer:
Ja, meine Großeltern, meine Mutter waren Christen. Wir sind zwar nicht jeden Sonntag in die Kirche gegangen. Aber ich bin mit dem Christentum, mit Gebeten großgeworden. Zum Beginn des Studiums merkte ich dann – als ich Menschen aus anderen Ecken Deutschlands traf – dass ich einen großen Wissensrückstand habe. Das ist aber auch eine große Chance. Ich war nicht vorgeprägt von irgendwelchen Bildern. Ich war noch ganz offen, was den Glauben betraf. Das war rückblickend schwierig, weil ich viel nachholen musste im Studium, aber für den eigenen Glauben und das eigene Pfarrerbild war es von Vorteil, nicht aus einer typischen Pfarrersfamilie zu kommen.

Was machen Sie als Pfarrerin am liebsten?
Mittermayer:
Konfiarbeit. Auch Beerdigungen mache ich gern. Weil, wenn ich die richtigen Worte finde, kann ich die Leute trösten. Deswegen find ich Beerdigungen eigentlich ganz schön.

Noch viel lieber würde ich mit den Vereinen im Umkreis zusammenarbeiten. Mit der Stadt, mit dem Basketballverein. Das Netzwerken außerhalb des kirchlichen Raums würde mir Spaß machen. Dafür muss ich aber noch mehr Zeit finden.

Blick-3-27-2018Sie wirken hier in einem säkularen Gebiet …
Mittermayer:
Total. Manchmal glaube ich, hier ist der entchristlichste Landstrich. Das müssen wir akzeptieren. Wir dürfen den Menschen keine Vorwürfe machen. Meine Generation hat keine Berührung mehr zur Kirche. Das heißt nicht, dass sie Religion ablehnt. Viele Menschen, denen ich begegne durch den Sport, fragen interessiert nach. Ich erlebe keine Gleichgültigkeit, sondern Offenheit. Ich denke, wenn man die richtigen Ideen hat, die richtigen Projekte plant, den Zeitgeist trifft, kann man Menschen gewinnen.

In Ihrem Sportverein sind Sie mit vielen Menschen zusammen, die nicht der Kirche angehören. Wie werden Sie dort als Pfarrerin wahrgenommen?
Mittermayer:
Zum Glück wurde ich am Anfang nie als Pfarrerin wahrgenommen. Das ist das Schöne. Man kommt in den Verein als Mensch, der Basketball mag. Was man beruflich macht, ist zweitrangig. Das finde ich angenehm.

Als ich gesagt habe, dass ich Pfarrerin bin, war die erste Reaktion: »Ach, das hätte ich nicht gedacht. Du bist so normal, oder so weltlich.« Ich glaube, es wird gut aufgenommen. Viele fragen nach: darfst du denn das? Daran merke ich, dass in den Köpfen der Menschen ein veraltetes Bild von Kirche existiert.

Was dürften Sie denn nach deren Ansicht als Pfarrerin nicht?
Mittermayer:
Bier trinken nach dem Sport. Oder sie fragen: Darfst du denn einen Freund vor der Ehe haben? Also Fragen, die sich unsere Generation nicht mehr so stellt. Meistens war der zweite Satz: Kann ich bei dir auch beichten? Zwar ist das oft mit einem Augenzwinkern gesagt, aber ich glaube, dass die Menschen, wenn sie wirklich ein Problem haben, wüssten: zu der können wir gehen. Sie versteht uns, sie ist jemand, der zuhören kann.

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Not und Spiele

8. Juli 2018 von redaktionguh  
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Zur Fußball-WM 1974 sangen die Spieler der DFB-Elf »Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt.« Soweit geht meine Liebe zum Ballsport nicht. Aber ich kann mich durchaus für das Spiel auf dem Rasen begeistern. Die mediale Erhöhung, die die Akteure unserer Nationalmannschaft und ihre Spiele erfahren, finde ich aber völlig unangemessen.

Nach der Niederlage in der Vorrunde gegen Mexiko begann die Tagesschau mit den Worten »Trauer und Entsetzen«. Dabei wurden nicht etwa die Menschen beklagt, die beim Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, ertrunken sind, auch nicht die Opfer des Syrienkriegs oder die Hunderttausende Kinder, die im Südsudan vom Hungertod bedroht sind.

Nein, es ging um die Stimmungslage deutscher Fußball-Fans. Geht’s noch? Die massiv ausgeweitete Sportberichterstattung sorgt für eine deutliche Schieflage bei der Nachrichtenauswahl und ihrer Bewertung.

Nach dem Vorrunden-Aus war von Fassungslosigkeit, Tiefpunkt und einer »nationalen Katastrophe« die Rede. Sportminister Horst Seehofer sprach von einer »schweren Stunde«. Dabei ging es nur um Fußball und nicht um die aktuelle Regierungskrise. Auch diesmal nahm die 0:2-Niederlage gegen Südkorea breiten Raum ein: Das erste Drittel der Nachrichtensendung, die vorgibt das Weltgeschehen in fünfzehn Minuten abzubilden. Erst danach ging es um die dramatische Lebensrettung auf dem Hilfsschiff »Lifeline«.

Nein, Fußball ist nicht mein Leben und der Fifa-Präsident regiert nicht die Welt. Meine Hoffnung reicht weit über ein Spiel, eine Fußball-WM hinaus. Der Herr des Himmels und der Erde will unser Trost sein in wirklicher Trauer und Entsetzen. Darüber will ich schreiben.

Willi Wild

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Ein Jahr mit dem Stern

8. Juli 2018 von redaktionguh  
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ACHAVA Festspiele: Kunsthalle Erfurt zeigt Fotografien von Elena Kaufmann

Seit 2012 lebt und arbeitet die in St. Petersburg aufgewachsene Fotografin Elena Kaufmann in Erfurt. Hier hat sie über einen längeren Zeitraum Menschen der jüdischen Gemeinde mit der Kamera begleitet, um sie zu porträtieren und Momente zwischen Heiligkeit und Alltäglichem einzufangen. Neben stimmungsvollen Situationsaufnahmen, deren menschliche Wärme und Nähe oftmals zeitlos wirkt, wandte sie sich den Menschen auch im Porträt zu und überzeugt hier mit ihrer feinsinnigen Beobachtungsgabe. Entstanden aus einer gemeinsamen Idee, fördern die ACHAVA Festspiele Thüringen eine Ausstellung, die ab 19. Juli in der Erfurter Kunsthalle gezeigt wird, sowie ein dazugehöriges Buch.
Kultur-vor-Ort-2-27-2018Fragt man, was den besonderen Wert dieser über Wochen und Monate kontinuierlich gewachsenen Serie ausmacht, dann finden sich Antworten in der Geschichte der Fotografie und in der Intention der Fotografin, stets das Konkret-Menschliche im Fokus ihrer Arbeit zu halten, den persönlichen Ausdruck, die individuelle Erscheinung. Es geht ihr nicht vordergründig um visuelle Reize und gelungene Kompositionen. Sie spielen als Mittel zur Erreichung ihres zentralen Anliegens natürlich auch eine Rolle.

Titelmotiv der Ausstellung: Tallit. Gebetsschal. Foto: Elena Kaufmann/Achava

Titelmotiv der Ausstellung: Tallit. Gebetsschal. Foto: Elena Kaufmann/Achava

Vor allem geht es aber darum, das Menschliche und damit Verbindende in all den Szenen zu zeigen, die jüdisches Leben heute in einer kleinen Gemeinde und einer Stadt wie Erfurt charakterisieren. Hier wird nicht einfach illustriert und auf die Allgemeinverständlichkeit des Gezeigten abgezielt, wie man es von einer üblichen fotografischen Reportage erwarten könnte. Nein, weit darüber hinaus gelingt Elena Kaufmann das Sichtbarmachen fragiler zwischenmenschlicher Geflechte, subjektiver Gesten und Befindlichkeiten. Im Zentrum steht immer wieder der menschlich berührende Moment, der dem einen oder anderen Augenzeugen vielleicht entgangen ist, nicht jedoch der feinen Wahrnehmung der Fotografin, die sich dabei als eine Künstlerin ihres Fachs erweist. Im Verlauf der Arbeiten wuchs der Wunsch, die Mitglieder der Gemeinde nicht nur fotografisch zu begleiten, sondern auch direkt zu porträtieren. Dabei vertraute Elena Kaufmann ihrer Intuition, dass vor allem Sprache und Sprechen während der Porträtsitzung zu einer Situation führt, in der Anspannungen und Projektionen gelöst werden, die Porträtierten ihre Posen verlieren und gleichsam »vergessen«, dass sie fotografiert werden.

Das beobachtende Fotografieren mündet so in eine Emphase des Menschlichen und Verbindenden.

In der Erfurter Journalistin Antje-Maria Lochthofen fand Elena Kaufmann schließlich eine Autorin, die ihre fotografischen Eindrücke in Worte fassen konnte. Sie traf die Porträtierten entweder im Studio der Fotografin oder in deren Wohnungen, sprach stundenlang mit ihnen und formte aus ihren Gesprächsaufzeichnungen jene Texte, die nun im Buch und in der Ausstellung die Bildnisse begleiten – als Einladung und Schlüssel zum tieferen Verständnis der Persönlichkeiten.

Das Buch wird unter dem Titel »Ein Jahr mit dem Stern« zur Vernissage präsentiert (112 Seiten, Preis: 39 Euro).
(G+H)

20. Juli bis 30. September, Kunsthalle Erfurt, Fischmarkt 1. Vernissage: 19. Juli, 19 Uhr

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Lichtpunkte im Dunkeln: Nacht der offenen Kirchen in Köthen

8. Juli 2018 von redaktionguh  
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Vertraut und im Dunkeln geheimnisvoll: Zum siebenten Mal laden Köthener Christen zur Nacht der offenen Kirchen ein (hier eine Aufnahme der Agnuskirche aus dem vorigen Jahr). Alle Gotteshäuser sind am 7. Juli von 20 bis 23.45 Uhr geöffnet. Der gemeinsame Abschluss mit Gedanken und Segen zur Nacht sowie Glockengeläut ist um Mitternacht auf dem Marktplatz vorgesehen. Abwechselnd beginnt in den Kirchen zu jeder vollen Stunde ein Programm von zirka 45 Minuten: Barockmusik für Orgel und Trompete in St. Jakob (20 Uhr); Musik von Georg Friedrich Händel in St. Agnus (21 Uhr); »Dies domini« – Texte und Musik in der katholischen Kirche St. Maria (22 Uhr); Bilder, Musik und Mediation mit Helmut Hauskeller, Panflöte, in St. Jakob (23 Uhr). Davor oder danach ist Zeit für Begegnungen. Ein Getränkeangebot steht in den Kirchen bereit.

Foto: Heiko Rebsch

Foto: Heiko Rebsch

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Gott sei Dank nicht der Mathelehrer

7. Juli 2018 von redaktionguh  
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So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Jesaja, 43, Vers 1

Martin, bitte!« Ich zuckte sofort und heftig zusammen, wenn ich meinen Namen hörte. In der Schule war das nämlich so eine Sache, wenn man da mit Namen gerufen wurde – die besondere Steigerungsform war dann noch der volle Name inklusive Nachname – dann hieß das nichts Gutes. Schlimmer in Bezug auf meinen eigenen Angstpegel war es dann nur noch, wenn es der Mathelehrer war, der meinen Namen rief. Starr vor Schreck und häufig von Angstschweiß gezeichnet, brachte ich dann oft nur ein leises: »Ja?!« hervor. In diesen Augenblicken war man plötzlich aus der schützenden Menge der anderen Schüler herausgelöst. Man fühlte sich unsicher bis hilflos wie so ein Schaf, das von der Herde getrennt wurde.

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg OT Preußlitz

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg OT Preußlitz

So ganz anders ist es, wenn das bei Gott geschieht. Die Vorstellung, von ihm bei meinem Namen gerufen zu werden, ist eher beruhigend. Auch mit seinem Ruf werde ich zwar aus der Masse der Menschen herausgelöst und zu etwas Besonderem, aber ich empfinde das nicht beängstigend, sondern freue mich sogar darüber. Er nimmt mich wahr und er weiß nicht nur, dass es mich gibt, sondern er kennt mich sogar beim Namen.

Und auch wenn es so gar nicht in unsere freiheitlich geprägte Welt passen mag, ist mir das »Du bist mein!« sehr wichtig geworden. Denn Dinge, die einem gehören, liegen einem auch wirklich am Herzen. Man passt auf sie auf und sorgt sich um sie. Das ist der Grund, warum Furcht eigentlich nicht nötig, ja sogar überflüssig ist: Der Allerhöchste, der Schöpfer des Himmels und der Erde – mein Gott – hat ein besonderes Auge auf mich, weil er mich genau kennt.

Auch oder vielleicht gerade besonders in Momenten wie damals im Matheunterricht, in denen ich mich schutzlos und ausgeliefert fühlte, weiß ich, dass ich nicht alleine da stehe. Nicht vor der Tafel mit der komplizierten Ableitung und auch sonst nirgendwo in meinem Leben.

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg OT Preußlitz

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