Immer am Ball

8. Juli 2018 von redaktionguh  
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Sport und Kirche: Anna Mittermayer möchte dies gern miteinander verbinden. Sie ist Pfarrerin in Sandersdorf (Kirchenkreis Wittenberg) und Sportbeauftragte in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Mit ihr sprach Sabine Kuschel.

Welche Rolle spielt denn im Pfarrhaus der Sportbeauftragten die Fußballweltmeisterschaft?
Mittermayer:
Die Weltmeisterschaft spielt nicht die Hauptrolle. Wir gucken die Spiele, manchmal nebenbei. Fußball spielt bei meinem Freund und mir keine große Rolle, weil wir diesen Hype ungern mitmachen wollen. Im Vergleich zu anderen Sportarten wird Fußball zu sehr gefördert. Das finden wir sehr schade. Wir sind mit Leib und Seele Basketballer.

Warum braucht die Kirche eine Sportpfarrerin?
Mittermayer:
Leider hat die Kirche nur eine Sportbeauftragte. Das ist der kleine Unterschied. Also ich bin Sportbeauftragte, nicht -pfarrerin. Die Sportbeauftragte wird gebraucht, damit Kirche in alle Bereiche ausstrahlen kann. Auch in den Sport. Und die Kirche kann vom Sport lernen. Zum Beispiel bei der Arbeit mit Ehrenamtlichen und beim Umgang mit Mitgliedern. Die Kirche braucht den Sport und der Sport braucht die Kirche. Es gibt Christen, die Sport machen und Sportler, die christlich sind. Sie haben andere Themen als die Sportler ohne Glauben.

Sportlich im Talar: Pfarrerin Anna Mittermayer in der Sandersdorfer Kirche St. Marien.  Fotos: Sabine Kuschel/ pixabay CC0 Creative Commons

Sportlich im Talar: Pfarrerin Anna Mittermayer in der Sandersdorfer Kirche St. Marien. Fotos: Sabine Kuschel/ pixabay CC0 Creative Commons

Der Mensch besteht aus Leib und Seele. Und es ist nötig, immer auch auf den Leib zu achten. Kirchliche Veranstaltungen finden meistens im Sitzen statt. Deutschland krankt am Rücken. Allein da müsste man schon Präventivmaßnahmen ergreifen. Spiritualität und Bewegung ist ein Thema, das noch sehr belächelt wird, das man aber durchaus ausbauen könnte.

Woran denken Sie konkret?
Mittermayer:
Es gibt schon vielfältige Angebote, die nur nicht vernetzt sind: Tanz und Spiritualität, Yoga. Es ist ratsam, den Geist hin und wieder frei werden zu lassen durch körperliche Übungen, durch Sport.

Blick-1-27-2018Mit Kindern und Jugendlichen erlebnispädagogisch zu arbeiten, ist heute viel mehr wert, als im Kreis zu sitzen und nachzudenken. Weil die Jugendlichen in der Schule schon genug nachdenken und sitzen müssen. Stichwort: Vertrauen. Wie und warum kann ein Mensch Gott vertrauen? Darüber sprechen wir nicht. Auf dem Konficamp in Wittenberg haben wir das geübt:
Einer legt sich auf eine Luftmatratze, die von den Konfis hochgehoben und eine gewisse Strecke getragen wurde. Wer auf der Matratze liegt, muss darauf vertrauen, dass niemand loslässt.

Mein Hauptanliegen ist zunächst, ein Programm zu entwickeln und festzuschreiben, warum man Kirche und Sport braucht. Das Konzept ist fast fertig. Dann will ich ein Netzwerk aufbauen von Menschen, die Lust haben, in dem Bereich weiter zu denken und zu arbeiten. Mein großer Traum ist eine Sportkirche.

Wie soll die aussehen?
Mittermayer:
In ihr sollen Elemente des Glaubens mit dem Sport verbunden werden. Also zum Beispiel steht der Taufstein in der Mitte und um ihn eine Art von Kneipp-Becken. Damit man auf dem Weg zum Taufstein diese Erfrischung, das Neuwerden durch die Taufe erleben kann. Oder ich stelle mir eine Art Baumboxsack vor, ein Boxer in Form eines Baumes. Wenn man wütend ist, braucht man eben eine Kanalisation der Wut, und da könnte man boxen. Und bei der Frage: Woher kommt die Hilfe? erfahren: Sie kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Weil man merkt, dass man mit beiden Beinen wieder fest auf dem Boden steht, geerdet ist.

Denkbar ist eine Ausstellung mit Bibelzitaten, über die Sportler nachdenken. Es gibt eine »Sportlerbibel«, wo Bibelstellen mit Aussagen von Sportlern verknüpft sind. Sowas stell ich mir vor.

Die Bibel sagt wenig über Sport.
Mittermayer:
Ja, leider. Es gibt etwa zwei Zitate von Paulus.

Blick-2-27-2018Warum wollten Sie Pfarrerin werden?
Mittermayer:
Das ist immer eine schwierige Frage. Nach dem Abitur wusste ich nicht, was ich machen sollte und dann dachte ich, der Glaube hatte mir als Jugendlicher viel bedeutet, aber ich habe als junger Mensch in der Kirche keinen Ort gefunden. In Mecklenburg hatten wir keine Junge Gemeinde. Die Gottesdienste waren für Jugendlichen auch nicht so ansprechend. Ich habe gedacht, du kannst meckern oder es ändern. Ich habe mich fürs Ändern entschieden und Theologie studiert.

Der Glaube wurde ihnen im Elternhaus vermittelt?
Mittermayer:
Ja, meine Großeltern, meine Mutter waren Christen. Wir sind zwar nicht jeden Sonntag in die Kirche gegangen. Aber ich bin mit dem Christentum, mit Gebeten großgeworden. Zum Beginn des Studiums merkte ich dann – als ich Menschen aus anderen Ecken Deutschlands traf – dass ich einen großen Wissensrückstand habe. Das ist aber auch eine große Chance. Ich war nicht vorgeprägt von irgendwelchen Bildern. Ich war noch ganz offen, was den Glauben betraf. Das war rückblickend schwierig, weil ich viel nachholen musste im Studium, aber für den eigenen Glauben und das eigene Pfarrerbild war es von Vorteil, nicht aus einer typischen Pfarrersfamilie zu kommen.

Was machen Sie als Pfarrerin am liebsten?
Mittermayer:
Konfiarbeit. Auch Beerdigungen mache ich gern. Weil, wenn ich die richtigen Worte finde, kann ich die Leute trösten. Deswegen find ich Beerdigungen eigentlich ganz schön.

Noch viel lieber würde ich mit den Vereinen im Umkreis zusammenarbeiten. Mit der Stadt, mit dem Basketballverein. Das Netzwerken außerhalb des kirchlichen Raums würde mir Spaß machen. Dafür muss ich aber noch mehr Zeit finden.

Blick-3-27-2018Sie wirken hier in einem säkularen Gebiet …
Mittermayer:
Total. Manchmal glaube ich, hier ist der entchristlichste Landstrich. Das müssen wir akzeptieren. Wir dürfen den Menschen keine Vorwürfe machen. Meine Generation hat keine Berührung mehr zur Kirche. Das heißt nicht, dass sie Religion ablehnt. Viele Menschen, denen ich begegne durch den Sport, fragen interessiert nach. Ich erlebe keine Gleichgültigkeit, sondern Offenheit. Ich denke, wenn man die richtigen Ideen hat, die richtigen Projekte plant, den Zeitgeist trifft, kann man Menschen gewinnen.

In Ihrem Sportverein sind Sie mit vielen Menschen zusammen, die nicht der Kirche angehören. Wie werden Sie dort als Pfarrerin wahrgenommen?
Mittermayer:
Zum Glück wurde ich am Anfang nie als Pfarrerin wahrgenommen. Das ist das Schöne. Man kommt in den Verein als Mensch, der Basketball mag. Was man beruflich macht, ist zweitrangig. Das finde ich angenehm.

Als ich gesagt habe, dass ich Pfarrerin bin, war die erste Reaktion: »Ach, das hätte ich nicht gedacht. Du bist so normal, oder so weltlich.« Ich glaube, es wird gut aufgenommen. Viele fragen nach: darfst du denn das? Daran merke ich, dass in den Köpfen der Menschen ein veraltetes Bild von Kirche existiert.

Was dürften Sie denn nach deren Ansicht als Pfarrerin nicht?
Mittermayer:
Bier trinken nach dem Sport. Oder sie fragen: Darfst du denn einen Freund vor der Ehe haben? Also Fragen, die sich unsere Generation nicht mehr so stellt. Meistens war der zweite Satz: Kann ich bei dir auch beichten? Zwar ist das oft mit einem Augenzwinkern gesagt, aber ich glaube, dass die Menschen, wenn sie wirklich ein Problem haben, wüssten: zu der können wir gehen. Sie versteht uns, sie ist jemand, der zuhören kann.

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