Die eigene Nase

22. Juli 2018 von redaktionguh  
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Neulich im Gottesdienst. In der Predigt ging es um Verständnis, Zusammenleben und die Liebe Gottes, die in jedem von uns wirksam werden kann. Auch wenn wir den Anspruch eines gottgefälligen Lebens im Alltag sehr schwer erfüllen können, komme es zumindest auf einen Versuch an.

Der Pfarrer empfahl eine Übung. Wie wäre es, eine Woche lang die Perspektive zu wechseln, einmal nur vom Anderen her zu denken. Eine interessante Vorstellung. Während ich noch darüber nachdenke, welche Auswirkungen das auf die Konflikte dieser Welt und in meinem direkten Umfeld haben könnte, werde ich jäh aus meinen Gedanken gerissen.

Es wird laut. Eine Bankreihe vor mir dreht sich eine ältere Frau zu der hinter ihr sitzenden um: »Hören Sie endlich auf, ständig im Gesangbuch zu blättern. Das Geraschel geht mir auf die Nerven.« Die Angesprochene erwidert, im gleichen Tonfall: »Seien Sie nicht so empfindlich. Außerdem kann man das auch anders sagen.« Ich ziehe den Kopf ein, in Erwartung der Eskalation. Aber es bleibt still. Ungewollt liefern die beiden ein Predigtbeispiel.

Schriftsteller Mark Twain soll mal gesagt haben: »Ich habe keine Schwierigkeiten mit dem, was ich in der Bibel nicht verstehe. Probleme machen mir die Stellen, die ich sehr gut verstehe.« Und ich muss mich an die eigene Nase fassen. Wie oft bin ich mit mir selber beschäftigt, drehe mich um die eigene Achse. Das Liebesgebot scheint dann nur noch aus dem zweiten Teil zu bestehen: »… wie dich selbst«.

Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. Eine Woche ist für den Anfang vielleicht zu viel. Aber einen Tag lang den Blickwinkel meiner Frau, des Busfahrers, der Verkäuferin oder der Arbeitskollegen einzunehmen, sollte gehen. Ich bin gespannt.

Willi Wild

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

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