Die Wiege Thüringens

23. Juli 2018 von redaktionguh  
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Mit der Enteignung von Schloss Reinhardsbrunn (Kirchenkreis Waltershausen- Ohrdruf) ist eine Chefsache von Christine Lieberknecht aus ihrer Zeit als Ministerpräsidentin auf der Zielgeraden. Willi Wild sprach mit ihr über Politik und Gipfelkreuze.

Wie haben Sie die Nachricht von der Enteignung aufgenommen?
Lieberknecht:
Am 9. Juli um 11.30 Uhr erreichten mich am Urlaubsort drei Worte: »Da ist er.« Die Kurznachricht kam vomThüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, angehängt hatte er den 37-seitigen Enteignungsbeschluss. Umgehend habe ich ihm geantwortet, dass ich mich sehr freue und die Daumen drücke für die weiteren Schritte.

Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass es dazu gekommen ist. Warum ist Reinhardsbrunn so wichtig?
Lieberknecht:
Reinhardsbrunn ist die Wiege Thüringens. Der Vorgängerbau des Schlosses war das Benediktinerkloster, Hauskloster und Grablege der Thüringer Landgrafen. Reinhardsbrunn ist durch die Hinrichtung der Wiedertäufer auch ein unrühmlicher Ort der Reformation. Auch das sollte nicht vergessen werden. Im 19. Jahrhundert gab es mit dem Gothaer Herzoghaus eine Blütezeit. Königin Victoria von England, die auch als »Großmutter Europas« bezeichnet wird, ist hier wiederholt mit Prinz Albert im Park flaniert. Der denkmalpflegerische und geistesgeschichtliche Wert dieses Ortes ist unbestritten.

Sie haben auch eine persönliche Beziehung zu Schloss und Park. Welche Erinnerungen haben Sie?
Lieberknecht:
Ich kenne Reinhardsbrunn von Kindheit an. Ich komme aus einem Pfarrhaus und meine Eltern haben in Friedrichroda im kirchlichen Erholungsheim Reinhardsberg mit der ganzen Familie Urlaub gemacht. Da gehörte ein Besuch des Schlosses Reinhardsbrunn mit Gondelfahrt auf den Schlossteichen dazu.

Sie sind in Lorenzen in Südtirol im Urlaub. Was schätzen Sie an diesem Ort?
Lieberknecht:
Mein Mann und ich verbringen unseren Urlaub in einem ehemaligen Kloster. Von dort aus unternehmen wir Wanderungen. Wir schätzen diese einmalige Landschaft und die Gastfreundschaft. Brauchtum und Moderne ergänzen sich. Vor allem beeindruckt das Miteinander der Generationen. Ich bereite mich hier auch auf eine Wanderung im August vor. Da werden wir von Eisenach nach Detmold laufen, etwa 230 Kilometer.

Hier sind Sie weit weg von dem politischen Geschehen in der Heimat. Mit diesem Abstand betrachtet, wie bewerten Sie den Streit in der christlichen Union?
Lieberknecht:
Es ist eine erbitterte Auseinandersetzung über die Deutungshoheit und die künftige deutsche und europäische Asyl- und Zuwanderungspolitik. Gefragt ist meines Erachtens nicht nur der Masterplan eines Ministers, sondern ein Plan der Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern. Eine gemeinsame Asylpolitik sollte auf den Weg gebracht werden. Derzeit sind noch so viele Fragen offen auf nahezu allen politischen Feldern. Der Streit um einen Punkt nutzt da am Ende keinem etwas. Ich kann da die Forderung nach einem Einwanderungsgesetz nur dringend unterstützen.

Christine Lieberknecht vor den Drei Zinnen Foto: privat

Christine Lieberknecht vor den Drei Zinnen Foto: privat

Wir haben die größte Flüchtlingsbewegung seit dem 2. Weltkrieg und können nicht so tun, als ob das alles an Europa vorbeiginge. Wir müssen klar-
machen, welchen Beitrag wir zur Gesamtlösung leisten können.

Sie wählen Ihre Worte mit Bedacht. Wie erleben Sie im Zusammenhang mit der Flüchtlingsdebatte die Verrohung der Sprache?
Lieberknecht:
Jedes Schlagwort behindert Lösungen. Wir haben viel mit Symbolpolitik zu tun, anstatt die Probleme endlich zu lösen, das ist doch gravierend. Wir müssen gesprächsfähig sein, um mit den Menschen gemeinsam die Integration voranzubringen. Das geht nur miteinander. Der Mensch muss an erster Stelle stehen, das ist ganz klar. Und danach muss man auch sein Vokabular ausrichten.

Wird Ihre gemäßigte Stimme noch gehört?
Lieberknecht:
Ich stehe nicht mehr in der ersten Reihe. Aber wenn ich gefragt werde, sage ich meine Meinung. Ich arbeite mit in der Enquete-Kommission »Auseinandersetzung mit Rassismus, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung in Thüringen« und bin stellvertretende Bundesvorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU (EAK).

Schließen Sie nach der Landtagswahl im kommenden Jahr ein Bündnis Ihrer Partei mit der AfD aus?
Lieberknecht:
Ein Bündnis kann ich mir nicht vorstellen. Ich hatte 2014 vor der Wahl im September klar gesagt, dass es keine Gemeinsamkeit mit der AfD gibt. Damals haben mich Parteifreunde dafür kritisiert. Ich glaube aber, dass diese Kritiker durch das tatsächliche Erleben der AfD gründlich geheilt sind. Mit der AfD kann man keinen Staat machen.

Am 1. Juli haben Sie auf dem Schneekopf gemeinsam mit anderen ein Gipfelkreuz gesetzt. Welche Bedeutung hat das Kreuz im öffentlichen Raum?
Lieberknecht:
Das Kreuz ist von der Gemeinde Gehlberg, vom Ilmkreis mit Landrätin Petra Enders (Linke), vom Thüringer Gebirgs- und Wanderverein mit Unterstützung der Kirche aufgestellt worden. Eine Gemeinschaftsaktion von politischer und kirchlicher Öffentlichkeit mit den Wanderfreunden.

Das Kreuz im öffentlichen Raum ist auch ein Zeichen, dass damit ein Anspruch verbunden ist. Der Staat und seine Diener versehen ihren Dienst in der Verantwortung vor Gott und den Menschen. Um mit Martin Luther zu sprechen: Dieses Zeichen kann sein, aber es muss nicht. Entscheidend ist, was man im Herzen hat.

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