Was ist der Mensch?

27. Juli 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Der Mensch: Marionette des göttlichen Willens oder freier Herr über Gottes Schöpfung?

Es passierte einer Kollegin: In einem Nachruf schrieb sie, die Person sei an einer schweren Krankheit gestorben. Daraufhin fragte ein erzürnter Leser, wie sie so etwas schreiben könne. Als Christ wisse sie doch, dass der Tod allein Gottes Wille war. Schließlich fiele kein Haar von unserem Kopf, ohne dass dies in Gottes ewigem Ratschluss von Anbeginn der Welt so vorgesehen sei.

Auch wenn das Thema in der Theologie derzeit kaum eine Rolle spielt: In der Volksfrömmigkeit ist die Vorstellung von der Vorherbestimmung allen Geschehens durchaus verbreitet. Prädestination ist das Fachwort dafür. Und in der Tat gibt es Bibelstellen, die diesen Gedanken nahelegen. Etwa, wenn es im Epheserbrief, Kapitel 1, heißt, Gott habe die Gläubigen erwählt, »ehe der Welt Grund gelegt war« (Vers 4) und »dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein« (Vers 5). Der Kirchenvater Augustinus (354–430) war der Erste, der den Gedanken der Vorherbestimmung ausformulierte. Luther griff ihn auf und entwickelte ihn in der Auseinandersetzung mit dem Humanisten Erasmus von Rotterdam weiter: »Denn wenn wir glauben, es sei wahr, dass Gott alles vorherweiß und vorherordnet, dann kann auch nichts geschehen, wenn er es nicht selbst will,« heißt es in seinem Werk »Vom unfreien Willen«. Einen freien Willen gebe es deshalb weder für den Menschen noch für die Engel.

Wenn Gott vorherbestimmt, wer gerettet wird, bestimmt er dann nicht auch voraus, wer verloren geht? Natürlich, sagt der Genfer Reformator Johannes Calvin: »Unter Prädestination verstehen wir Gottes ewige Anordnung, vermöge deren er bei sich beschloss, was nach seinem Willen aus jedem einzelnen Menschen werden sollte. Denn die Menschen werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorher zugeordnet.« Als »Lehre von der doppelten Prädestination« ging dies in die Theologie ein.

Lebenslauf: Wenn alles vorherbestimmt ist, was ist dann mit unserem freien Willen? Ist es egal, welche Entscheidung wir im Leben für uns und andere treffen? Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Lebenslauf: Wenn alles vorherbestimmt ist, was ist dann mit unserem freien Willen? Ist es egal, welche Entscheidung wir im Leben für uns und andere treffen? Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Auch dafür kann man eine Reihe Bibelstellen anführen. Etwa Sprüche 16, Vers 4 in dem es heißt: »Der Herr macht alles zu seinem Zweck, auch den Frevler für den bösen Tag.« Oder etwa 2. Mose, Kapitel 10, wo Gott zu Mose sagt, er selbst habe dem Pharao und seinen Beratern das Herz »verhärtet«, so dass er das Volk Israel nicht in die Freiheit ziehen lassen werde.

Gott also der, der das Böse nicht nur zulässt, sondern es aktiv für und durch Menschen anstrebt? Pharao wie Hitler also Marionetten Gottes, ohne eigene Verantwortlichkeit für ihr Tun? Eine schreckliche Vorstellung, die Menschen schon immer zum Widerspruch herausforderte.

Und auch der Widerspruch kann sich auf Gottes Wort berufen. So schreibt Paulus im 1. Timotheusbrief, Gott wolle, »dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen«. Und wie könnte der Psalmist davon sprechen, dass der Mensch nur »wenig niedriger« gemacht sei als Gott selbst? (Psalm 8)

Die reformierten und lutherischen Kirchen formulierten deshalb 1973 in der Leuenberger Konkordie ein neues gemeinsames Verständnis der Prädestination: »Im Evangelium wird die bedingungslose Annahme des sündigen Menschen durch Gott verheißen. Wer darauf vertraut, darf des Heils gewiss sein und Gottes Erwählung preisen. Über die Erwählung kann deshalb nur im Blick auf die Berufung zum Heil in Christus gesprochen werden. Der Glaube macht zwar die Erfahrung, dass die Heilsbotschaft nicht von allen angenommen wird, er achtet jedoch das Geheimnis von Gottes Wirken. Er bezeugt zugleich den Ernst menschlicher Entscheidung wie die Realität des universalen Heilswillens Gottes. Das Christuszeugnis der Schrift verwehrt uns, einen ewigen Ratschluss Gottes zur definitiven Verwerfung gewisser Personen oder eines Volkes anzunehmen.«

Unseren »älteren Geschwistern«, den Juden, ist der Gedanke einer Prädestination übrigens völlig fremd. Dies verbietet sich für sie schon im Blick auf die Paradiesgeschichte: Adam und Eva aßen vom Baum der Erkenntnis – und Gott sagt: »Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist.«

Harald Krille

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Bookmark and Share
Möchten Sie ein Exemplar der gedruckten Zeitung in den Händen halten? Gern senden wir Ihnen ein kostenloses Probeheft. Einfach und unverbindlich hier bestellen. (Link)

Für diesen Artikel ist der Bereich für Lesermeinungen geschlossen.