Ein Bischof schrieb Geschichte

30. Juli 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Ausstellung: In Merseburg wird an Thietmar erinnert, den herausragenden Chronisten der Ottonen.

Gebeugt steht der schmächtige Mann an einem Pult. Die rechte Hand hält einen Federkiel. Thietmar von Merseburg (975–1018), Bischof und Historiker zugleich, blickt in die Ferne, sinniert wahrscheinlich gerade über Gott und die Welt. Im Kreuzhof des Merseburger Doms steht er als Brunnenskulptur und scheint doch lebendig wie die von ihm verfasste Chronik über das Zeitalter der Ottonen. Anlässlich des 1 000. Todestages von Thietmar in diesem Jahr widmen die Vereinigten Domstifter in Kooperation mit der Merseburger Willi-Sitte-Galerie dem wohl berühmtesten unter den Merseburger Bischöfen eine Sonderausstellung: »Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte«, heißt sie. An seiner Wirkungsstätte, dem Merseburger Dom und der Curia Nova, ist sie bis 4. November zu sehen.

Auf einer Fläche von 400 Quadratmetern bietet die Ausstellung einen Gang durch jedes der acht Bücher der Thietmarschen Chronik und geht dabei auf deren Wesensmerkmale ein: die Entstehung des christlichen Europa, die Kraft der Memoria und die Bedeutung der Tugenden. Der Besucher kann eintauchen in die Vorstellungswelt des mittelalterlichen Menschen, erlebt Kaiserkrönungen, prachtvolle Hoftage und kirchliche Feste. Geschickt webt Thietmar ganz alltägliche Szenen wie Hungersnöte oder Reisen auf dem Schiff ein, spricht über Sonnenfinsternisse und Träume. Sehr genau zeichnet der Chronist den Übergang der großen Reiche und Stämme zum Christentum auf: Slawen, Dänen, Polen, Böhmen und Ungarn. Dabei hebt er immer wieder die Leistung der Ottonenherrscher hervor.

Thietmars Welt: Markus Cottin, Kurator der Ausstellung, präsentiert stolz ein Buch aus der Chronik des Merseburger Bischofs. Foto: Petra Wozny

Thietmars Welt: Markus Cottin, Kurator der Ausstellung, präsentiert stolz ein Buch aus der Chronik des Merseburger Bischofs. Foto: Petra Wozny

»Die Chronik liest sich wie ein Who’s who einer bewegten Epoche. Wir sind heute froh über jedes Detail«, wertet Ausstellungskurator Markus Cottin die historisch wertvollen Schriften. Als Historiker habe der Bischof nicht nur eine Zeitchronik erstellen wollen. Vielmehr habe ihm die Geschichte des Bistums Merseburg am Herzen gelegen, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Es sei ihm auch um das Wohl seiner Seele gegangen, das er durch fromme Werke gesichert sehen wollte.

»Es ist unser Anliegen, Thietmars Chronik zum Sprechen zu bringen«, sagt Cottin, und Domherr Hans-Hubert Werner fügt hinzu: »Diese großartige Ausstellung ist für die Domstadt Merseburg ein ausgezeichneter Werbeträger.« »Wir sind dankbar, zu Auszügen aus Thietmars Schriften insgesamt 110 prachtvolle Leihgaben aus Museen und Sammlungen Europas zeigen zu dürfen. Sie schlagen einen Bogen über ein Jahrtausend Merseburger, deutscher und europäischer Geschichte«, betont der Kurator. Darunter sind unter anderem ein Weihwassereimer aus Elfenbein und auch eine Kopie des Basler Antependiums mit einer Länge von fast zwei Metern«, betont Ausstellungskurator Markus Cottin.

Über sich selbst hat Bischof Thietmar aufs Pergament gekritzelt: »Sieh dir doch einmal den vornehmen Herrn genau an, lieber Leser! Da erblickst du ein kleines Männlein, entstellt an der linken Wange und derselben Seite, weil hier ein Eitergeschwür aufgebrochen ist, das oftmals wieder anschwillt. Ein Bruch des Nasenbeins gibt mir seit der Kindheit ein lächerliches Aussehen. Doch deshalb würde ich mich nicht beklagen, wenn ich stattdessen über irgendwelche inneren Vorzüge verfügte. Aber ich bin ein elender Kerl, jähzornig, zu störrisch, um Gutes zu tun, neidisch, spottsüchtig, obwohl ich eigentlich selbst ausgelacht werden sollte. Keinen verschone ich, wie es doch Christenpflicht wäre. Ich bin ein Schlemmer und Heuchler, ein Geizhals und Verleumder.« Und überdies ein genialer Chronist, wird der Besucher der Ausstellung bemerken, wenn er am Selbstbildnis des Bischofs am Schreibpult im Kreuzhof des Doms vorbeigeht.

Petra Wozny

www.thietmar-merseburg.de

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