Das Leben ist wundervoll

6. August 2018 von redaktionguh  
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Sie gibt die Lutherin, ist verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit und Museumspädagogik im Lutherhaus und man trifft sie als Stadtführerin unter anderem in Weimar, Erfurt und Eisenach: Alexandra Husemeyer. Was sie geprägt hat und bewegt, darüber sprach sie mit Sabine Kuschel.

Frau Husemeyer, Sie arbeiten für die Stiftung Lutherhaus Eisenach und verschiedene andere Projekte, sind Stadtführerin, Künstlerin, Vorsitzende des Kunstvereins, vielseitig interessiert und engagiert. Besteht nicht die Gefahr, sich zu verlieren?
Husemeyer:
Die Gefahr besteht natürlich immer. Es ist manchmal schwer, die Balance zu finden. Ich gebe sehr gerne und merke relativ spät, dass ich selbst zu kurz komme. Dann muss ich die Notbremse ziehen und Stopp sagen, um drei Tage mal allein zu sein. Bei mir laufen immer mehrere Projekte gleichzeitig. Ich liebe das aber auch so. Ich arbeite gerne schnell und auf vielen Baustellen gleichzeitig.

Wie und wo kommen Sie wieder zur Ruhe?
Husemeyer:
Ich kann am besten entspannen, wenn ich reise. Im Sommer nehme ich mir immer drei Wochen Zeit und bin dann weg. Allerdings mache ich unterwegs jeden zweiten Tag eine Stunde Büro. Als Freiberufler muss ich E-Mails checken, Anfragen beantworten. Aber ich genieße das trotzdem. Alle wissen, ich bin im Urlaub, aber ich sitze im Café und schaue aufs Meer. Ich beschränke das Arbeiten auf eine Stunde. Dann bin ich wieder frei. Das ist sogar schön. Man denkt, was für ein Luxus, ich kann jetzt hier arbeiten am Meer.

Alexandra Husemeyer in ihrem Eisenacher Zuhause. Fotos: Sabine Kuschel

Alexandra Husemeyer in ihrem Eisenacher Zuhause. Fotos: Sabine Kuschel

Wohin werden Sie diesmal im Urlaub verreisen?
Husemeyer:
Ich bin ein Campertyp, liebe die Freiheit, unterwegs zu sein und schlafe im umgebauten Berlingo. Dadurch habe ich nur zwei Sitze, aber ich brauche die Fläche sowieso für Auftrittskostüme, Instrumente, Bücher usw. Ich reise gerne gemächlich, besuche eine Freundin in Freiburg, einen Freund in Zürich. Der Weg soll dann weiter durch Ligurien nach Genua führen. Ich entdecke gerne abseits der großen Straßen Kultur und Geschichten einer Region. Wo es schön ist, halte ich an. Wenn ich Lust habe oder wenn das Geld zur Neige geht, fahre ich wieder nach Hause.

Und wenn Sie zurück sind, welche Pläne und Ideen wollen Sie verwirklichen?
Husemeyer:
Im Lutherhaus steht die Vorbereitung auf die neue Sonderausstellung und das ACHAVA-Festwochenende September 2019 auf dem Plan. Privat habe ich viele Träume und wenig Zeit. Ich möchte so viel lernen: ein Instrument, Französisch, Paragliding. Ich möchte lernen, meine Zeit noch besser zu strukturieren. Im Kalender streiche ich einfach Tage durch. Am Telefon muss ich dann sagen, ich bin ausgebucht. Sonst gibt es nie ein freies Wochenende mit Familie und Freunden.

So viele Aufgaben – wofür brennen Sie?
Husemeyer:
Ohne Unterschied für alles. Für eine Sache zu brennen, das ist für mich die Form des Arbeitens. Wenn Menschen halbherzig irgendetwas hinschludern, regt mich dies persönlich auf.

Sie sind Paramentikerin. Wie sind Sie denn zu den anderen Jobs gekommen?
Husemeyer:
Nach dem Abitur in Hermannswerder habe ich Mitte der 1990er-Jahre Ausbildungen zur Handstickerin und Handweberin in Helmstedt gemacht und zwei Gesellenprüfungen abgelegt.

Die Paramentik-Ausbildung sowie der Kirchliche Fernunterricht liefen parallel. Als bester Azubi Niedersachsens habe ich meine Auszeichnung von Gerhard Schröder bekommen, der damals noch Ministerpräsident war. Damit war ein Stipendium von 10 000 DM verbunden, mit dem ich die Meisterschule als Handweberin finanzierte. Zehn Jahre habe ich als Paramentikerin freiberuflich gearbeitet und Aufträge für München, Berlin oder Bremen gewebt.

Nach und nach musste ich einsehen, dass ich davon nicht leben kann. Wenn ich der Kirchengemeinde einen Preis von 3 000 Euro für ein Parament nannte, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen. Das war dann trotzdem nur ein Stundenlohn von 5 bis 8 Euro. Ich habe jahrelang in keine Rentenversicherung eingezahlt, war teilweise nicht krankenversichert, weil ich es einfach nicht konnte.

Ich kehrte in meine Heimatstadt Eisenach zurück und wurde Stadtführerin, weil ich mich für Geschichte und Kunstgeschichte interessiere. Als die Stelle für Museumspädagogik im Lutherhaus ausgeschrieben war, habe ich mich beworben. Zudem habe ich mich fortgebildet, pädagogische Seminare sowie Rhetorikkurse belegt. Seit zehn Jahren arbeite ich nun schon halbtags im Lutherhaus. Eine ganz spannende Zeit mit Umbau, neuer Ausstellung, neuen pädagogischen Konzepten, die ich aktiv und kreativ begleiten durfte.

Paramentik ist eine sehr stille Tätigkeit, ganz anders als das, was Sie jetzt tun …
Husemeyer:
Man ändert sich im Leben. Die Paramentik hat nicht mehr richtig zu mir gepasst. Ich lebe jetzt das ganze Gegenteil, sehr extrovertiert als Künstlerin und Moderatorin.

Wie haben Sie zum Glauben gefunden?
Husemeyer:
In der Christenlehre. Meine Katechetin war Ilse Weißenborn, eine Katechetin alten Schlages. Unverheiratet und streng. Immer mit dunkelblauem Faltenrock und Lutherrose an der weißen Stehkragenbluse. Ich habe diese Frau geliebt. Weil sie genau das Gegenteil von dem verkörperte, was ich zuhause erlebte: Alkoholsucht und Ablehnung des Stiefvaters. Bei ihr war alles klar strukturiert und zuverlässig. Sie war sehr autoritär, aber hat mir zugehört wie kaum jemand.

Die Christenlehre gab Ihnen im Gegensatz zu ihrem Elternhaus Halt?
Husemeyer:
Ja, absolut. Ich habe die Bibel ganz durchgelesen. Die alttestamentarischen Geschichten, beispielsweise die Josefsgeschichte kann natürlich ein Kind verstehen, das sich ausgestoßen fühlt. Dazu haben wir Bilder mit West-Filzstiften gemalt – damals etwas ganz Besonderes.

Die Katechetin hat pädagogisch sehr gut gearbeitet. Noch heute habe ich ihre Sätze im Ohr. Als sie über die Taufe sprach, wollte ich auch getauft werden. Damals war ich neun Jahre alt. Meine Eltern lehnten dies ab. Meine Mutter war Kirchenmitglied, aber lebte das nicht mehr. Mein Stiefvater war Parteisekretär in der SED.

Ich habe lange gedrängelt. Irgendwann hat meine Mutter eingewilligt. Weil ich aber keine Paten hatte, hat sich die Katechetin darum gekümmert.

Obwohl Sie Ihre Kindheit als belastend beschreiben, sind Sie ein fröhlicher Mensch …
Husemeyer:
Da habe ich Glück. Ich empfinde die Gabe immer wieder nach vorne schauen zu können als Gottes Geschenk und bin dafür dankbar. Ich habe sehr viel Kraft, weiß aber, sie ist ein Geschenk.

Sie spielen Katharina von Bora. Wie stehen Sie zu Luthers Frau?
Husemeyer:
Voller Respekt. Mein Bild von ihr beruht auf historischen Quellen. Von ihr sind nur wenige Briefe erhalten, viele jedoch ihres berühmten Ehemannes. Sie muss sehr selbstbewusst und couragiert gewesen sein.

Als der Schmalkaldische Krieg ausbrach, sie verwitwet war und keinen Rechtsbeistand hatte, wandte sie sich an das ranghöchste Oberhaupt der evangelischen Fürsten in Europa und schrieb dem dänischen König. Sie war gebildet und konnte sicher mit Luther ebenbürtig disputieren. Bei den berühmten Tischgesprächen durfte sie als einzige Frau anwesend sein.

Von Christine Brückner gibt es einen Text über Katharina, den ich nicht mag. Denn diese Katharina rechnet hart mit Luther ab. Ein solches Bild lässt sich meiner Meinung nach nicht belegen. Katharina von Bora war eine starke und fröhliche Frau. Sie war ein Arbeitstier und hat teilweise nur vier Stunden geschlafen, um das Pensum zu schaffen. Nach den Briefen Luthers an sie zu urteilen, haben sich die beiden oft geneckt. Das muss neben allen alltäglichen Sorgen sehr fröhlich gewesen sein. So vermittle ich sie.

Was liegt Ihnen bei Ihrer Arbeit am Herzen?
Husemeyer:
Heute bin ich glücklich. Weil ich auch andere Zeiten erlebte, versuche ich mit meiner Arbeit etwas Fröhliches und Mutmachendes nach außen zu tragen.
Ich würde gern anderen Menschen helfen, ihren Platz, ihren Sinn im Leben zu finden. Ich möchte Menschen ermutigen, ihren eigenen Ideen zu folgen. Ich sehe meine Arbeit auch als Baustein der Versöhnung zwischen Religionen und Kulturen. Ich teile gern mit anderen, weil ich im Leben auch so viel geschenkt bekam.

Früher war ich unsicher und suchte immer den Sinn meines Daseins. Jetzt ist das Leben so wundervoll! Das ist schön.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

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