Lust am Gestalten

12. August 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Zeit zum Innehalten und Reflektieren sollte sein, auch im hektischen Schulleben. Pia Kampelmann, Leiterin der Evangelischen Sekundarschule in Haldensleben, fand sie im Gespräch mit Renate Wähnelt.

Was hat Sie nach Haldensleben verschlagen?
Kampelmann:
Die Neugierde. 1991 wollte ich die neuen Bundesländer kennenlernen und übernachtete zufällig in Stendal. Dort las ich in der Zeitung, dass eine Jugendamtsleitung gesucht wurde, bewarb mich und wurde prompt genommen.

Ich finde es immer spannend, etwas Neues zu machen. Nach einem zweijährigen Intermezzo als Jugendamtsleiterin bei Hamburg übernahm ich gut zehn Jahre später ein Gymnasium in Brandenburg, aber die Fahrerei wurde auf die Dauer doch zu viel, sodass ich mich nach etwas Anderem umgesehen habe. Die Johannes-Schulstiftung hatte diese Stelle ausgeschrieben und wir wurden uns vor acht Jahren schnell einig.

Kurz vor den Ferien machte Ihre Schule Schlagzeilen, weil sie beste »Energiesparschule 2018« in Sachsen-Anhalt wurde und beim bundesweiten Online-Voting den 3. Platz belegte. Wie war es bei der Preisverleihung im Bundesumweltministerium?
Kampelmann:
Es war, insbesondere für unsere Schüler, schon sehr beeindruckend. Auch war schön zu sehen, wie so viele junge Leute aus 16 Bundesländern für ihr Engagement belohnt wurden.

Seit drei Schuljahren haben Sie eine Schule mit Passivhaus-Standard. Fördermittel machten den Umbau möglich. Da ist es leicht, Energiesparmeister zu werden.
Kampelmann:
Die beste Technik bringt nichts, wenn die Nutzer nicht richtig damit umgehen. Deshalb haben wir Workshops veranstaltet, Vorträge organisiert, auch die Eltern einbezogen. Mit der Landes-Energie-Agentur haben wir schon vor der Fertigstellung des Schulgebäudes Energiedetektive ausgebildet. Aber das wäre als singuläres Projekt zu wenig. So fließt das Thema überall in den Unterricht ein unter der großen Überschrift »Die Schöpfung bewahren«. Klingt doch auch viel schöner als »Energie sparen«. Es sind ganz viele kleine Bausteine im Alltag. Bisher haben wir 350 Tonnen Kohlendioxid weniger erzeugt als im gleichen Zeitraum vor der Sanierung und 90 Prozent der vorherigen Energie weniger verbraucht.

Da ziehen alle mit?
Kampelmann:
Das ist mit unseren Schülern wirklich gut möglich, da sie sich oft, besonders bei praktischen Dingen, viel interessierter zeigen als ihre Altersgenossen. Wir haben eine Schulgemeinschaft, in der es Freude macht zu arbeiten – manchmal sogar Spaß.

Natürlich gibt es auch schwierige Schüler und Situationen. Aber, und das ist etwas, was viele christliche Schulen auszeichnet: Wir sehen vor allem den Menschen, nicht was er an Leistung bringt. Das sage ich auch immer bei der Zeugnisausgabe: Die Noten sind nur ein ganz kleiner Teil von Euch.

Sie bieten u. a. Reha-Sport an. Ist die Schule inklusiv?
Kampelmann:
Was heißt inklusiv eigentlich? Ich glaube schon, dass wir hier noch vieles besser machen können, jedoch schon auf einem guten Weg sind. Aber manchmal denke ich, dass das Land die letzten Schritte eigentlich nur eingeleitet hat, um perspektivisch Geld zu sparen.

Wir haben ein Mädchen im Rollstuhl und weitere Kinder mit Einschränkungen, Adipositas ist in dieser bewegungsarmen Zeit auch nicht zu unterschätzen – nicht nur bei uns. In einem Trainingsraum üben wir mit diesen Kindern gezielt, parallel zum Sportunterricht, an dem sie nicht teilnehmen können: Laufband, Dehnübungen.

Es fehlt noch einiges an Geräten. Für die Anschaffung nutzen wir das Geld vom Landes-Energiesparmeister.

Die Schule entstand aus einer Elterninitiative. Wie wird sie angenommen?
Kampelmann:
Wir haben weit mehr Anfragen als Plätze. Aber wir wollen bewusst zweizügig bleiben mit höchstens 25 Kindern in einer Klasse. So ist das Gebäude angelegt. Die Schule ist überschaubar. Ich kenne noch jeden, auch wenn ich nicht alle Namen weiß.

Welche Kontakte haben Sie ins Umfeld und umgekehrt?
Kampelmann:
Da geht es uns so gut! Mit dem Kirchenkreis organisieren wir vieles gemeinsam: die Segensfeier für die 8. Klassen, den Bandworkshop mit der evangelischen Jugend, auch tagen die Synode und der Konvent manchmal bei uns, der Ortspfarrer ist Mitglied in der Arbeitsgruppe Tansania und fährt im kommenden Jahr mit den Schülern aus unserer Tansania-AG mit nach Afrika zu unserer Partnerschule Itamba High. Die Schule nutzt die Kirche für Gottesdienste, wir helfen einander; das ist eng verwoben und verzahnt.

Die meisten Eltern sind sehr zufrieden mit uns, auch wenn sich immer mal jemand beschwert, weil sein Kind eine Vier hat – wo er doch Schulgeld bezahlt. Eltern schätzen die christlichen Werte, auch wenn sie kirchenfern sind.Und die Zusammenarbeit mit den anderen Schulen und der Stadt genieße ich sehr.

Gelingt es, die Eltern einzubinden?
Kampelmann:
Vor ein paar Jahren sagte eine Mutter, dass ihr Kind ja nun Englisch lernt und sie das nicht kann. Seitdem gibt es einen Englischkurs für Eltern, inzwischen auch Spanisch mit einem jährlichen Ausflug nach England bzw. Spanien. Diese Kurse geben mir dann natürlich auch die Möglichkeit, ganz anders mit Eltern in Kontakt zu kommen und mich mit ihnen auszutauschen.

Manche Eltern haben Sorge, dass wir ihr Kind missionieren. Nein, wir bieten Brücken an. Ob die Menschen darüber gehen, müssen sie selbst entscheiden. Aus dieser Erfahrung heraus wollen wir im nächsten Jahr einen Religionskurs für Eltern anbieten. Über die Inhalte müssen wir noch diskutieren.

Auf der Homepage Ihrer Schule reiht sich Projekt an Projekt, Unterricht ist ja auch noch. Hat Ihr Tag und der der Schule mehr als 24 Stunden?
Kampelmann:
Es sind ja nicht immer Dinge und Projekte, die ich selbst mache; viele Ideen wie zum Beispiel die Ausbildung von Schülern zu Rettungsschwimmern oder der Etikette-und Benimmkurs sind Ideen aus dem Kollegium. Die Arbeit verteilt sich Gott sei Dank auf ganz viele Schultern und Gruppen, aber bestimmt finden mich meine Kollegen und Schüler manchmal ganz schön anstrengend, wenn ich wieder einmal eine neue Idee habe. Sie bremsen mich dann auch, und ich glaube, das ist auch gut so.

Am besten gelingen Vorhaben, wenn es innerhalb eines Handlungsrahmens die Freiheit gibt, selbstständig zu handeln. Und dabei Fehler machen zu dürfen – das ist ganz wichtig. Wenn was schief gelaufen ist, guckt man gemeinsam, wie man die Sache korrigiert. Das hat etwas mit Ehrlichkeit und Vertrauen zu tun. Ich bin dankbar, dass wir uns da innerhalb der Stiftung sehr frei bewegen können.

Bei aller Freiheit sind Sie auch für klare Ansagen. Darauf reagieren junge Leute meist störrisch.
Kampelmann:
Natürlich, auch das gehört zur Entwicklung der Persönlichkeit unbedingt dazu! Pädagogik bedeutet für mich auf jeden Fall stets, einerseits Grenzen zu setzen, andererseits den Kindern und Jugendlichen zu vertrauen und ihnen auch viel zuzutrauen. Auch deshalb können sie vieles selbst entscheiden.

Wir haben jede Woche unsere Schulversammlung mit ca. 300 Leuten. Lehrer, Klassensprecher, die Leitenden der Arbeitsgemeinschaften – das sind sowohl Lehrer als auch Schüler – und auch Gäste berichten dort, was Gutes und Schlechtes passiert ist. So wissen alle, was los ist und bestimmen mit.

Zum Beispiel?
Kampelmann:
Nach wiederholten Beschwerden über Schubsereien am Bäckerwagen schlug ich vor, eine Kamera zu installieren. Darüber haben dann die Klassen diskutiert und entschieden: Keine Kamera.

Diese Schulversammlung fordern die Kinder und Jugendlichen inzwischen auch ganz selbstverständlich ein. Und Ehemalige erzählten mir, dass ihnen das manchmal fehlt, vor allem das Segenslied zum Abschluss.

Was machen Sie nach Feierabend?
Kampelmann (schmunzelt):
Die Schule ist schon irgendwie gleichzeitig mein Hobby; aber es bleibt noch ein wenig Zeit für ein interessantes Fußballspiel, ein wenig Gartenarbeit und, viel zu selten, einen Besuch im Theater.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten – welche wären das?
Kampelmann:
Der Schulhof ist noch sehr langweilig. Ich hoffe, dass wir für die Gestaltung Fördermittel bekommen. Ich wünsche mir, dass das Miteinander so bleibt, dass Schüler und Lehrer und alle anderen Mitarbeitenden gern zur Schule kommen, dass Eltern weiter zur Beratung zu uns kommen, wenn sie Sorgen haben. Die Pubertät ist nicht immer einfach, das weiß ich aus eigener Erfahrung bei meinen Kindern.

Da dreht sich’s wieder um die Schule. Machen Sie denn Urlaub?
Kampelmann:
Wir fuhren dieses Jahr an die Nordsee. Die Kinder sind ja schon groß, kamen aber mit. Nach den zwei Wochen fühle ich mich 20 Jahre jünger als am Ende des Schuljahres.

Pia Kampelmann (58) stammt aus Dortmund und ist immer noch Anhängerin des BVB und des Ruhrgebiets. Seit 27 Jahren lebt die dreifache Mutter mit Partnerin in Stendal. Die Lehrerin für Deutsch und Englisch hat einen Abschluss in Erziehungswissenschaften sowie psychotherapeutische Kenntnisse. Vor ihrem Wechsel ins Jugendamt nach Stendal arbeitete sie als Erziehungsleiterin in einem Heim. Sie trägt ein kleines, silbernes Kreuz am Hals und ist katholisch.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

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