Wie wir leben wollen

23. September 2018 von redaktionguh  
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Vor mehr als einer Woche stirbt ein junger Mann in Köthen. Vorangegangen ist ein Streit, an dem auch Asylbewerber beteiligt sind. Die Todesursache wird forensisch geklärt. Doch der zutiefst bedauernswerte Tod dieses jungen Menschen wird schnell instrumentalisiert, um Grundsatzfragen zur Asylpolitik in Parolen auf die Köthener Straßen zu bringen.

Die Kirchengemeinden vor Ort reagieren umgehend mit Friedensgottesdiensten und Gebeten. Längst geht es dabei um mehr: Wie wollen wir in unserem Land zusammenleben? Die Situation von Flüchtlingen ist dabei nur ein Aspekt. Zu beobachten ist ein völliger Verlust von Respekt vor Institutionen – und eine noch größere Respektlosigkeit im Umgang mit anders Denkenden.

Im friedlich wiedervereinigten Deutschland kann es indes keine belastbare Gemeinschaft geben ohne einen respektvollen Umgang miteinander. Natürlich müssen ganz offen die Gründe für die Wut der Menschen auf der Straße ergründet werden. Möglicherweise ist aber die tiefgreifende Spaltung unserer Gesellschaft zu lange unterschätzt worden. Ein schlichtes »Weiter so« ist dabei ebenso untauglich wie Wut oder Hass es sind. Nicht zuletzt die Kirchen haben 1989 das Instrument des Runden Tisches als bleibenden Beitrag für den Ausgleich unterschiedlicher Interessen initiiert.

Es wird viele lokale und regionale Runde Tische brauchen, um der Spannung in unserer Gesellschaft auf die Spur zu kommen und einen Beitrag zur Lösung der Konflikte zu leisten. Jetzt ist die Zeit dafür. Die Erfahrungen der friedlichen Revolution lassen hoffen, es möge erneut gelingen.

Joachim Liebig

Der Autor ist Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts und Vorsitzender des Evangelischen Presseverbandes in Mitteldeutschland (EPVM).

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Der grüne Herr Keßner

23. September 2018 von redaktionguh  
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Porträt: Den Besuchsdienst im Weimarer Klinikum teilen sich zehn Frauen und ein Mann. Rudolf Keßner ist seit einem Jahr begeistert bei der Sache. Das ist aber nicht sein einziges Ehrenamt.

Wer sich mit Rudolf Keßner verabredet, sollte Zeit einplanen. Der 68-Jährige schaut auf ein bewegtes Leben zurück und kann viel und interessant erzählen. Vor einem Jahr hat er seinen grafischen Betrieb in jüngere Hände gelegt. Allerdings bedeutete das nicht, dass er nun seine Hände in den Schoß legt. Der gelernte Schriftsetzer hat sich neben seiner Arbeit eigentlich schon immer ehrenamtlich engagiert.

Vor der Wende war er in der kirchlichen Friedensarbeit aktiv. Für die Kirchentage in Thüringen produzierte er viele Stempel mit der Aufschrift »Frieden schaffen ohne Waffen«. Natürlich war er mit seiner Haltung dem Staat ein Dorn im Auge. Die große Stasi-Akte zeugt davon. Weil er zu den Bausoldaten ging, wurde er während des Studiums exmatrikuliert. Eigentlich wollte der junge Mann mit den vielen Ideen Entwicklungsingenieur werden. Ein bisschen trauert er noch heute den verhinderten Berufschancen nach.

Seinen Kinderglauben, erfahren im christlichen Elternhaus und später vertieft im christlichen Internat der Herrnhuter Brüdergemeine, hat sich Rudolf Keßner bis heute bewahrt. Er sei behütet und weltoffen aufgewachsen. Durch die von Herrnhut ausgehende internationale Missionsarbeit lernt er früh Menschen unterschiedlicher Nationalitäten kennen. Auf der anderen Seite empfand er das Internat, das damals Kinderheim hieß, als eine beschützende »Käseglocke«, unter der sich der impulsive und kritische Geist gut entwickeln konnte.

Keßner nimmt bis heute kein Blatt vor den Mund. 1968 schloss er sich als Austauschschüler in Prag dem Widerstand an. Mut und Zivilcourage hat er in der DDR und zur Wendezeit bewiesen. Das wird nicht zuletzt in der Anerkennung als Opfer des SED-Unrechtsregimes deutlich. Nach 1989 tritt er zunächst dem Neuen Forum bei.

Gruppenbild mit Herrn: Rudolf Keßner und die »Grünen Damen« des Sophien- und Hufelandklinikums Weimar (v. l. n. r.) Friederike Prieß, Cäcilia Huhn und Ilse Mäurer. Foto: Maik Schuck

Gruppenbild mit Herrn: Rudolf Keßner und die »Grünen Damen« des Sophien- und Hufelandklinikums Weimar (v. l. n. r.) Friederike Prieß, Cäcilia Huhn und Ilse Mäurer. Foto: Maik Schuck

Ein logischer Schritt für den Bürgerrechtler. Später wechselt er zu Bündnis 90/Die Grünen. Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, das sind auch seine Anliegen, in dieser Reihenfolge. Kessner ist mittlerweile der einzige Weimarer Stadtrat, der seit der Wende ununterbrochen dabei ist. Ein bezahltes politisches Amt war nie sein Ziel. Ehrenamtlich hat er damals die Arbeit für Körperbehinderte in der »Aktion Annerose« in Thüringen mit aufgebaut. Selbstverständlich hilft er in seiner Kirchengemeinde mit. Der Gottesdienstbesuch gehört dazu. Die Gemeinschaft ist ihm wichtig: »Mir würde etwas fehlen«, sagt Keßner.

Der Glaube trage ihn auch durch schwere Stunden. Vor 40 Jahren mussten Rudolf Keßner und seine Frau Katharina am 23. Dezember das zweite Kind kurz nach der Geburt zu Grabe tragen. »Können Sie sich vorstellen, wie uns zu Mute war, als im Weihnachtsgottesdienst ›Ihr Kinderlein kommet‹ gesungen wurde?« Die handgedruckte Geburtsanzeige war bereits versandt. Damals hat der Schriftsetzer schweren Herzens eine Trauerkarte gestaltet. »Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt!« stand darauf. Nein, es habe seinem Glauben nicht geschadet, ganz im Gegenteil, ist sich Keßner sicher.

Auch wenn ihn die Trauer nach der langen Zeit immer mal wieder übermannt. Er habe aber so ein Urvertrauen und fühle sich behütet, wofür auch seine Kopfbedeckung stehe. Ohne Baskenmütze oder Rundkappe geht er nicht aus dem Haus. Das ist sein Markenzeichen. »Wenn ich nicht behütet bin, bekomme ich Kopfschmerzen.« Außerdem sei er, der Herr mit Hut, schließlich in Herrnhut aufgewachsen, schiebt Keßner verschmitzt hinterher.

Wie man den Lebensabschnitt bezeichnen soll, den Keßner vor einem Jahr begonnen hat, ist nicht ganz klar. Bei anderen heißt das Ruhestand. Er will, so scheint es, noch mal durchstarten. Beim Ambulanten Besuchs-, Hospiz- und Palliativberatungsdienst der Johanniter Unfallhilfe (JUH) hat er einen Kurs besucht und sich zum Sterbebegleiter ausbilden lassen. Und, er ist der einzige Herr bei den »Grünen Damen« im Weimarer Sophien- und Huflandklinikum. Besuchsdienst, das wollte er eigentlich schon immer machen. Früher fehlte dazu die Zeit.

Aber jetzt geht er Dienstagvormittag mit dem Bücherwagen durch die Gänge der Krankenstationen. Kontaktschwierigkeiten hat Keßner nicht: »Ich kann auf Menschen zugehen.« Den grünen Kittel seiner weiblichen Mitstreiterinnen trägt er aber nicht, und mit seiner schwarzen Jacke hielt man ihn auch schon mal für einen Pfarrer. Seitdem wählt er unauffällige Kleidung.

Der Besuchsdienst im Krankhaus gebe ihm sehr viel. Wer möchte, kann sich mit ihm nicht nur über Bücher, sondern über Gott und die Welt unterhalten. Die Patienten seien dankbar und nähmen zum großen Teil das Angebot der »Grünen Damen« gerne an. Leider fehle der jüngere Nachwuchs.

Er will auf jeden Fall weitermachen, schließlich sei der Familienspruch seit über 150 Jahren ja auch so eine Art Verpflichtung: »Mutig vorwärts, gläubig aufwärts, dankbar rückwärts.«

Willi Wild

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Nachdenken über Gott und die Welt

22. September 2018 von redaktionguh  
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Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Johannes 5, Vers 4

Die Welt hat keinen guten Ruf. Sie liegt im Argen, das bestätigt sich immer wieder: Sie wird vom Geld regiert. Man kann hinschauen, wo man will – wer zahlen kann, ist im Vorteil, kann Meinungen manipulieren, den Krieg gewinnen, Arme erpressen, Andersdenkende kaufen. Besitzgier und Machthunger lassen Anstand und Würde vergessen, die Korruption blüht allerorten. Denn: Dem Stärkeren gehört die Welt. Ich zuerst. Er nimmt sich, was er will, ohne auf die Bedürfnisse der anderen zu achten, die Natur zu schonen, den Frieden zu wahren, Gerechtigkeit walten zu lassen. Soll ich meines Bruders Hüter sein? Das Klagelied über den Zustand unserer Erde hat noch viele Strophen. Die Welt ist des Teufels Braut, bringt es ein Sprichwort auf den Punkt.

Christine Lässig

Christine Lässig

Diese Weltsicht ist etwas einseitig. Allerdings gilt auch in biblischen Zeiten die Welt als etwas, das man überwinden muss. Gottes Menschenliebe und seine Gebote markieren die Alternative. Sie sind der Gegenentwurf zu den Erfahrungen, dass das Böse oft die Oberhand gewinnt und jeder sich selbst der Nächste ist. Das ist nicht im Sinne Gottes. Das muss anders gehen – nicht erst am Ende aller Tage, sondern hier und heute.

Überall da, wo Nächstenliebe kein Fremdwort ist, Menschenwürde geachtet und der Schwache geschont wird, wo geschmähte Gutmenschen eben Gutes tun, bekommt die Welt ein anderes, ein freundliches Gesicht. Da ist sie nicht mehr des Teufels Braut, sondern ein Stück vom Reich Gottes. Kein Paradies, aber ein Ort, an dem es sich leben lässt.

Resignation wäre schlimm. Wir brauchen Zuspruch und Hoffnung, um uns selbst und was auf der Welt im Argen liegt, zu überwinden. Das macht sich als Einzelgänger nicht so gut wie im Verein mit anderen. Johannes schreibt nicht von ungefähr von unserem Glauben. Zusammen sind wir stärker, als Gemeinde können wir mehr Einfluss nehmen auf den Gang der Dinge. Wir können Mut machen, damit wir nicht aufgeben, die Welt im Kleinen und Großen ein bisschen besser machen zu wollen. Das wäre ganz im Sinne Gottes.

Christine Lässig, Pfarrerin i. R., Weimar

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Köthen: Buntes Zeichen für den Frieden

21. September 2018 von redaktionguh  
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Foto: Ute Nicklisch

Foto: Ute Nicklisch

Blick auf den Köthener Marktplatz am Sonnabend: Mit einer Malaktion vor der Jakobskirche reagierten die Stadtverwaltung, die Landeskirche Anhalts, Vereine und Initiativen auf rechtsextreme Demonstrationen.

Vor den Kircheneingang malten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine brennende Kerze, umrahmt von einer Blume und einer Friedenstaube.

Die angrenzende Fußgängerzone gestalteten ausländische Studenten der Hochschule Anhalt. Sie wollten damit ihren Wunsch nach einem friedlichen Zusammenleben zum Ausdruck bringen. In der Jakobskirche gab es am Sonnabend und Sonntag wieder Friedensgebete, an der Fassade wurde ein Banner mit der Aufschrift »Frieden für alle« befestigt.

Seit dem Tod eines 22-jährigen Kötheners, der einen Streit mit mehreren Afghanen schlichten wollte, gab es in der Stadt immer wieder rechte Aufmärsche und Gegendemonstrationen.

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Was uns im Leben trägt

21. September 2018 von redaktionguh  
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Das Selbst stärken: Es gibt Menschen, bei denen wird aus einer Krise eine Depression, während andere wie Phoenix aus der Asche aufsteigen. Was stärkt die menschliche Seele?

Im Leben mehr zu sehen als das, was die Augen wahrnehmen, Sinn und Bedeutung zu erfahren, an Gott zu glauben, das hat Einfluss auf unsere Widerstandsfähigkeit.
Resilienz nennen Wissenschaftler die Aufrechterhaltung oder rasche Wiederherstellung der psychischen Gesundheit nach leidvollen Umständen. Wie Menschen Krisen bewältigen, hängt von komplexen neurobiologischen, psychologischen und sozialen Lernprozessen ab, ebenso wie von strukturellen Faktoren wie unserer Erziehung sowie von gesellschaftlichen Bedingungen, schildert die promovierte Psychologin Donya A. Gilan vom Deutschen Resilienzzentrum der Universitätsmedizin in Mainz. Der Glaube ist ein Resilienzfaktor unter vielen.

Das Leben so zu gestalten, dass es unsere Resilienz fördert, ist eine gesamtgesellschaftliche, ja sogar politische Aufgabe, so Dr. Gilan. Andererseits ist es höchst persönlich. »Resilienz ist trainierbar«, sagt die Psychologin. Das gilt für unser Verhalten, also ob wir Emotionen wie Zorn regulieren können, ebenso wie für unsere Grundhaltungen, also ob wir realistisch-optimistisch und überzeugt davon sind, Anforderungen aus eigener Kraft zu bewältigen. Beides muss immer wieder geübt werden. »Bei Resilienz geht es um einen lebenslangen Lernprozess«, sagt Dr. Gilan.

Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Dabei kann der Glaube sowohl eine Ressource zur Heilung sein als auch ihr entgegenstehen, sagt der Psychotherapeut Stefan Hilffert. Wer sich Glaubenslehren unterworfen sieht, die den eigenen Empfindungen widersprechen, kann Religion als einengend und gefangennehmend empfinden.

In seiner Praxis in Laucha bei Naumburg arbeitet er mit einem psychotherapeutischen Ansatz, im Privatleben ist Stefan Hilffert engagierter Christ. Er selbst empfindet die lutherische Botschaft als befreiend, dass nicht die Werke, sondern allein Gottes Gnade einen Menschen gerecht machen. »Ich fühle mich geborgen. Es ist gut zu wissen, nicht funktionieren zu müssen, sondern sein zu dürfen«, sagt er.

Der Schlüssel zur Heilung seelischer Wunden liegt in den Menschen selbst, sagt der Psychotherapeut. Den einen trägt Gott, der andere erfährt Trost in einer intakten Beziehung oder, ganz profan, im Sportverein. Hilfferts Aufgabe ist es, seinen Patienten zu helfen, diese Ressourcen zu entdecken, den Schlüssel zu finden und Türen zu öffnen. Heilung ist ein Prozess, aber er endet nicht damit, dass am Ende alles heil ist, sondern dass Wunden versorgt sind, dass Narben sich nicht entzünden, dass der Schmerz nachlässt.

Ob sich der Glaube positiv oder negativ auswirkt, hängt laut Donya Gilan vom Resilienzzentrum weniger mit der Stärke religiöser Überzeugungen zusammen, sondern mehr mit dem Einfluss des Glaubens auf Krisenstrategien. Wer in stressvollen Lebensphasen mit Gott hadert, kann Religion als belastend empfinden. Immerhin konnte die Wissenschaft in den vergangenen Jahren die Freudsche Annahme widerlegen, dass Religiosität an sich der seelischen Gesundheit schadet. In einer Reihe von Studien wurde gezeigt, dass Religiosität nicht vorrangig mit Passivität, Abwehr oder Verdrängung einhergeht. Vielmehr konnte bei Gläubigen ein aktives Bewältigungsverhalten und ein eher ausgeprägtes Selbstwertgefühl beobachtet werden. Durch den sinnstiftenden Charakter, ritualisierte Handlungen und die Verbundenheit mit anderen Gläubigen kann der Glaube positive Effekte auf die psychische Gesundheit haben, so Dr. Gilan.

Der religiösen Bildung schreibt sie gerade in Zeiten zunehmend multireligiöser Gesellschaften eine Bedeutung zu: Im Sinne einer Schule der Toleranz kann Religion eine Quelle sein, um die psychische Entwicklung von Kindern zu fördern. Damit hat sich auch Sabine Müller-Langsdorf vom Zentrum Ökumene der hessischen Kirchen beschäftigt. Besonders Kinder erfahren ihre eigene Stärke durch stabile Beziehungen. »Glaube ist eine Ressource, um zu Kräften zu kommen«, sagt sie. Dies zu erkennen und zu fördern, darin bestärkt die Bibel: Die Kindersegnung, das Gleichnis vom verlorenen Schaf, aber auch die Schöpfungsgeschichte oder die Psalmen 23 und 139 erzählen davon, dass der Mensch nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hand.

Katja Schmidtke

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Neue Sichtweisen in alten Mauern

20. September 2018 von redaktionguh  
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Pilgerprojekt: Kunst in vier Dorfkirchen um Gera

Auf einer Terrasse über der Flussaue der Weißen Elster liegt die um 1200 errichtete Kirche St. Margareta im Geraer Ortsteil Tinz. Aus der Erbauungszeit ist heute noch das Turmuntergeschoß vorhanden. Es gehört zu den ältesten Bauwerken im Stadtgebiet. Bis 1540 wurden am 13. Juli, dem Margaretentag, Wallfahrten mit Jahrmarkt nach Tinz durchgeführt. Dies endete mit Einführung der Reformation und der Annahme des evangelischen Glaubens durch die reußischen Landesherren.

Nach der Wende ab 1990 vor dem Verfall bewahrt und mit großem Aufwand restauriert, erweist sich das Gotteshaus heute wieder als Wallfahrtsort.

Motiv aus dem Altartriptychon »Gnadenwege« von Sebastian Weise, das in Dorna zu sehen ist. Ohne den Menschen im direkten Abbild zu zeigen, verweisen die Tafeln des Künstlers auf sein Wirken und Verwirken. Foto: Veranstalter

Motiv aus dem Altartriptychon »Gnadenwege« von Sebastian Weise, das in Dorna zu sehen ist. Ohne den Menschen im direkten Abbild zu zeigen, verweisen die Tafeln des Künstlers auf sein Wirken und Verwirken. Foto: Veranstalter

»Nimbus – Pilgern in Gera – Kunst in Kirchen« ist der Titel eines Projektes, das zum zehnten Mal von dem Maler Erik Buchholz in Zusammenarbeit mit dem Kirchenkreis Gera organisiert wird. Für ihn bedeutet Nimbus »Ausschweifen und Einkehren«. Das lateinische Wort steht für Wolke und Heiligenschein.

»Einem Strahlenkranz gleich umgeben die Dorfkichen Gera, ihre über Generationen gewachsenen Räume laden zum Innehalten ein«, heißt es werbend im Flyer. Der Weg 2018 führt von Pohlitz über Aga und Dorna nach Tinz.

Aktuelle Kunst trifft auf Zeugnisse einer reichhaltigen Geschichte und tritt mit ihnen in einen Dialog.

Zwischen den Dörfern und ihren Kirchen sei eine anmutige Landschaft zu erwandern, wobei es »äußere und innere Entdeckungen beim Pilgern gibt«, schwärmt Buchholz, der auch Ortsteilbürgermeister von Gera-Frankenthal ist.

In Tinz sind Arbeiten der »Schwarzweißwerkstatt« zu sehen, die sich der analogen Fotografie verschrieben hat.

Sigrid Pommer, Ulrike Schmidtke, Ines Freundel, Ines Müller und Ulrike Hauschild haben sich unter der künstlerischen Leitung von Ulrich Fischer der Pflege des traditionellen fotografischen Handwerks verschrieben. Seit neun Jahren gelangen vorgefundene Strukturen, Formen und Stimmungen durch sinnfällige Benutzung des Werkzeugs – der Kamera – in andere Dimensionen. »Wir arbeiten über ein oder mehrere Jahre an einem Thema, welches unser Interesse weckt«, erläutert der Kursleiter und Foto-Designer die Herangehensweise.

Bildkünstlerische Reflexionen des Publizisten Sebastian Weise, die beim Begehen der Lutherwege in Thüringen und Sachsen entstanden sind, werden in Dorna gezeigt.

An den Wochenenden 22./23. September sowie 29./30. September sind in den genannten Kirchen jeweils von 11 bis 17 Uhr (Dorna 13 bis 17 Uhr) die Ausstellungen mit unterschiedlichen Positionen zu besichtigen.

Michael von Hintzenstern

www.facebook.com/Nimbus-Kunst-in-Kirchen-Pilgern-um-Gera

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Erste Berührung mit dem Glauben

20. September 2018 von redaktionguh  
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Evangelische Grundschule Hettstedt wirkt seit 15 Jahren in der Bergbaustadt

Für das neue Schuljahr hat die evangelische Grundschule in Hettstedt schon jetzt 29 Anmeldungen. Geht es so weiter, wird es auch im kommenden Jahr zwei erste Klassen geben. Derzeit lernen 94 Mädchen und Jungen in dem Schulgebäude aus DDR-Zeiten. Vor 15 Jahren startete die »Martin Luther«-Schule mit acht Kindern.

Hettstedt war und ist geprägt vom Bergbau. Die Schule im Neubaugebiet ist für viele der erste Berührungspunkt mit Kirche überhaupt. Dies als Chance zu erkennen, ist der Verdienst der Elterninitiative, die 2003 die Schule gründete, ebenso wie von Schulleiterin Kerstin Müller und ihrem Team. Mit Unterstützung des Kirchenkreises wurde die Schule zur »Gemeinde auf Zeit«. Anerkannt und gewürdigt wurde dieser Einsatz mit der Aufnahme der Schulgemeinde in die »Erprobungsräume« der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

Schulanfänger mit ihrer Lehrerin Anne Zacharias. Foto: Katja Schmidtke

Schulanfänger mit ihrer Lehrerin Anne Zacharias. Foto: Katja Schmidtke

Die Schulgemeinde feiert regelmäßig Gottesdienste und Andachten. Oft, aber nicht immer, ist Schulpfarrerin Dörte Paul dabei. Auch Lehrer und die Erzieher des Schulhorts »Noahs Vielfalt«, Eltern und Kinder bringen sich in das geistliche Leben ein. Tischgebete gehören zum Alltag. Im »Raum der Stille« ist das Vaterunser kunstvoll an die Wand gemalt. »All dies, das tägliche Leben hier, prägt unsere Schüler«, sagt Kerstin Müller. Auch jene Kinder, die aus konfessionslosen Elternhäusern kommen. In jedem Jahr gibt es Anfragen, Kinder, aber auch Eltern taufen zu lassen. Am Anfang hat Schulleiterin Müller für jedes Kind, das keinen Christen in der Familie hat, selbst das Patenamt übernommen. Mit der Zeit wurde das immer schwieriger, lacht die Lehrerin.

Von Schulpfarrerin Paul stammte die Idee, die Kirchengemeinden und die Schulgemeinde zusammenzubringen – und so werden heute auch junge Menschen, die gerade ihre Konfirmation gefeiert haben, dazu ermutigt, Paten für Grundschüler zu werden. Besonders aus den Heimatgemeinden der Schüler sollen sich Christen finden, damit die Kinder nach dem Wechsel auf die weiterführende Schule nicht aus der christlichen Gemeinschaft heraus-, sondern in sie hineinwachsen. Um den Kontakt zu stärken, sind Hettstedts Pfarrer Sebastian Bartsch sowie Superintendent Andreas Berger im Schulkuratorium, die Schulleiterin nimmt in Abständen an den Sitzungen des Gemeindekirchenrats teil, zum Martinstag gibt es einen gemeinsamen Umzug, und der erstmals gefeierte Familiengottesdienst stieß auf eine so gute Resonanz, dass er wiederholt werden soll. Die Kantorin leitet einen Schulchor und das Kinder- und Jugendpfarramt der EKM half, eine Vater-Kind-Freizeit zu organisieren.

Zusammenzuarbeiten ist Schulleiterin Müller wichtig: auch im Team, das mit sechs Lehrern und vier Erziehern, von denen zwei als pädagogische Mitarbeiter im Unterricht dabei sind, gut besetzt ist. Ein eigenes Lehrerzimmer gibt es nicht, Lehrer und Hortner teilen sich einen Pausen- und Arbeitsraum. Alle wirken gleichberechtigt mit. Ganzjährig gibt es Angebote in den Ferien, die auch die Lehrer mitgestalten.

Nun warten alle sehnsüchtig auf eines: Den Fördermittelbescheid für die umfassende Sanierung der Schule, die sich seit 2010 in Trägerschaft der Schulstiftung befindet.

Gefeiert wird der 15. Schulgeburtstag am 21. September im Kolping-Berufsbildungswerk in Hettstedt. Die Vorführungen der Kinder stehen unter dem Thema »Das Leben ist so bunt wie ein Regenbogen«.

Katja Schmidtke

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Visionen für den Petersberg

18. September 2018 von redaktionguh  
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Achava heißt Brüderlichkeit. Mit über 30 Konzerten, Workshops, Ausstellungen, Schülerprogrammen und einem Straßenfest bauen die Achava Festspiele Thüringen bereits zum vierten Mal vom 20. bis 30. September Brücken zwischen den Kulturen. Im Gespräch mit »Glaube + Heimat« erläutert Intendant Martin Kranz inhaltliche Schwerpunkte des Festivals.

Im Fokus der Achava Festspiele Thüringen steht der interkulturelle und interreligiöse Dialog. Die Besucherzahlen sind von 8 000 auf 16 000 angestiegen. Was erwartet die Besucher diesmal?
Kranz:
Zum einen geht es um 70 Jahre Staat Israel und die Situation im Nahen Osten und zum anderen soll diesmal die Geschichte Erfurts im 13. und 14. Jahrhundert beleuchtet werden. Unter dem Titel »Das Erfurter Blau« wird der Waidhandel im Mittelalter beschrieben. In diesem Zusammenhang beschäftigten sich Wissenschaftler in einem Forschungsauftrag mit der Frage, was der Waidhandel mit den Erfurter Juden zu tun hatte. Ein Ergebnis war, so viel kann ich schon verraten, dass die Waidhändler die Juden aus diesem ertragreichen Geschäft weitgehend herausgehalten haben.

Hatte das etwas mit Antisemitismus zu tun?
Kranz:
Ich würde es nicht als Antisemitismus bezeichnen. Man hat im Grunde die Felder abgesteckt. Man hatte sich zwar jüdisches Geld geliehen, aber in den Handel durften Juden nicht mit einsteigen. Der Rückblick ist lohnend, weil man in der Entwicklung erkennen kann, wie später Antisemitismus und die Pogrome folgten. Das kam nicht von ungefähr. Die jüdische Gemeinde war im 12. und 13. Jahrhundert in Erfurt sehr stark. Die Idee, die hinter Achava steckt, ist natürlich auch, Zusammenhänge aufzuzeigen und darüber zu reden, was das mit uns heute noch zu tun hat.

Stichwort Chemnitz: Was ist derzeit los in unserer Gesellschaft?
Kranz:
Ich bin erst mal erschüttert. Wir müssen in einer breiten gesellschaftlichen Debatte gemeinsam überlegen: Wie gehen wir damit um? Auch dafür steht Achava, dass wir über religiöse Grenzen hinweg gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen diskutieren. Wir müssen dahin kommen, dass wir miteinander diskutieren und nicht gegeneinander kämpfen. Man sollte jetzt nicht Chemnitz und Sachsen stigmatisieren. Es geht vielmehr um eine Analyse, warum Pegida in Teilen Sachsens so stark ist.

Populismus, Antisemitismus und Menschenverachtung werden bei Achava in einem anderen Zusammenhang eine Rolle spielen. Was verbirgt sich hinter der Überschrift »Revolution der Seele«?
Kranz:
In Thüringen gab es in den 1920er-Jahren einen charismatischen »Guru« aus der Reihe der sogenannten Inflationsheiligen, den Kunsthandwerker Friedrich Muck-Lamberty, der die »Neue Schar« gegründet hat. Eine Bewegung, die frei sein wollte. Das drückte sich unter anderem in der Nacktheit, der Freikörperkultur, aus. Zurück zur Natur. Die Befreiung aus dem Wilhelminismus, den bürgerlichen Schranken. Er sammelte sehr schnell die Massen um sich. Die Kirchen öffneten ihm die Türen. Er predigte beispielsweise in der Weimarer Stadtkirche vor 1 000 Menschen. Auf den Erfurter Domplatz kamen 15 000 zu »Erweckungsfeiern«.

Redaktionsgespräch: Der Intendant der Festspiele, Martin Kranz, will über religiöse Grenzen hinweg auf gesellschaft- liche Ereignisse reagieren. Foto: Willi Wild

Redaktionsgespräch: Der Intendant der Festspiele, Martin Kranz, will über religiöse Grenzen hinweg auf gesellschaft- liche Ereignisse reagieren. Foto: Willi Wild

Die Volkslieder aus dem Liederbuch der Neuen Schar sind heute noch erhältlich. Muck-Lamberty war ein Volksverführer und zeit seines Lebens Antisemit. Es ging ihm um das Thema: Der neue Mensch. Wie formen wir uns neu? Die Nazis haben übrigens später diese Ansätze und einige Elemente aus der Neuen Schar übernommen. Bei einer Veranstaltung wird der Enkel anwesend sein, Schauspieler Thomas Thieme liest Texte. Der Regisseur und Dramaturg Michael Dissmeier hat an diesem Programm ein Jahr lang gearbeitet und recherchiert. Er hat bislang unveröffentlichtes Material zusammengetragen. Darin wird deutlich, was wir heute auch wieder erleben: Das Verantwortlichmachen von Minderheiten für Fehler und Fehlentwicklungen.

Die Festspiele stehen auch für neue Veranstaltungsformate. Welche werden diesmal angeboten?
Kranz:
Wir haben Angebote für Schüler entwickelt. Ein spontanes, musikalisches Frage- und Antwortspiel wird es in mehreren Thüringer Städten geben. Eine Gruppe Musiker spielt mit Schülern Gypsy Music, also Musik der Sinti und Roma. Die Schüler müssen ein Instrument spielen oder singen können. Wir musizieren aber nicht nach vorgegebenen Noten! Es geht um Improvisation.

Außerdem laden wir 300 Schüler in den Thüringer Landtag ein. Im Plenum sollen sie Demokratie erfahren. Am Ende wird gemeinsam im Innenhof des Landtags gefeiert und getanzt. Zudem werden wir, nach den positiven Erfahrungen des vergangenen Jahres, auf der Erfurter Krämerbrücke wieder ein Straßenfest feiern.

Die Peterskirche auf dem Erfurter Petersberg soll nun zur dauerhaften Hauptspielstätte werden. Welche Idee steckt dahinter?
Kranz:
Die Peterskirche, die einst zu einem Benediktinerkloster gehörte, thront über der Stadt. Die Idee ist, daraus einen interkulturellen Begegnungsort zu machen. Bezugspunkte dafür gibt es ausreichend. Der Eigentümer, die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, stellt in dieser Woche einen Plan zum Umbau des Gebäudes vor. Die Peterskirche soll wieder einen sakralen Charakter erhalten. Der Freistaat Thüringen hat dafür fünf Millionen Euro bereitgestellt. Denkbar ist, dass das Gelände um die Peterskirche herum zur Landesgartenschau 2021 eine inhaltliche Komponente zur Gebäudekonzeption erfährt. Ich finde, dass es an der Zeit ist, den Petersberg in diesem Zusammenhang mit der Stadt und den Menschen zu verbinden. Das wäre ein nachhaltiges Vorhaben, eng verbunden mit der Intention von Achava.

Die Fragen stellte Michael von Hintzenstern.

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»Handeln wir nicht unter unserer Würde«

18. September 2018 von redaktionguh  
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Trauer und Sorge: Friedensgebete nach einem tragischen Tod in Köthen

Ein 22-jähriger Köthener ist tot, nach ersten Erkenntnissen gestorben an Herzversagen nach einem Streit mit zwei Afghanen, die nun in Untersuchungshaft sitzen (Stand bei Redaktionsschluss am Dienstag; siehe auch Seite 2). Viele Menschen in der Bach-Stadt sind bestürzt über diesen Tod; Kirchenvertreter und Politiker sprachen der Familie ihr Mitgefühl aus. »Unsere Gebete und Gedanken sind bei ihm und seinen Angehörigen«, sagte der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig.

Vor rund 500 Menschen würdigte Kirchenpräsident Joachim Liebig am Sonntagnachmittag bei einer Trauerandacht in der Jakobskirche auch das Vorgehen von Vertretern des öffentlichen Lebens in Köthen: »Die örtlichen Kirchengemeinden haben auf die schreckliche Nachricht vom Tod eines Mannes nach der Auseinandersetzung gestern in Köthen – gemeinsam mit Vertretern aller Stadtratsfraktionen – sehr schnell reagiert und mit dieser Andacht der Trauer der Stadtgesellschaft auf friedliche Art und Weise Raum gegeben. Dafür bin ich sehr dankbar.« Es werde nötig sein, dass die Köthenerinnen und Köthener in den kommenden Tagen und Wochen zusammenrücken und diese schwierige Situation gemeinsam meistern. »Noch wissen wir nicht genau, was sich bei dem tragischen Vorfall tatsächlich abgespielt hat«, so Liebig. »Wichtig ist aber, dass die Ereignisse von keiner Seite für andere Zwecke missbraucht werden. Ich vertraue auf die Aufklärungsarbeit der Polizei und der Gerichte. Zugleich zeigen uns solch traurige Anlässe, wie dringend notwendig es ist, für die tiefe Spaltung in unserer Gesellschaft eine gemeinsame Lösung zu finden.«

Nach dem Tod des jungen Kötheners, der ihn mit Trauer und Entsetzen erfülle, rief auch der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige zu Besonnenheit auf. »Einen solchen Vorfall aber zum Anlass zu nehmen, um Wut und Hass gegen Ausländer und Andersdenkende zu schüren oder sogar gewalttätig zu werden, ist genauso verwerflich«, so Feige laut Mitteilung des Bistums. Der Rechtsstaat müsse noch intensiver nach Wegen suchen, um Aggressionen zu verhindern oder wenigstens einzudämmen. Und er müsse nach Wegen suchen, die Integration zu fördern und gesellschaftliche Verwerfungen zu befrieden. »Das aber betrifft auch alle Bürger. Auf jeden Fall sind Besonnenheit und Differenzierung vonnöten. Leben und handeln wir nicht unter unserer Würde!«

Kreisoberpfarrer Lothar Scholz hat am Ort des Tatherganges Kontakt zu den Angehörigen des toten 22-Jährigen gesucht und wird ihn weiter aufrechterhalten.

Auch er hofft, wie seine Pfarrkollegen, dass weder Rechte noch Linke die Ängste und Befürchtungen der Köthener für ihre Zwecke ausnutzen. Die seelsorgerliche Begleitung der Familie ist seine Aufgabe in der nächsten Zeit, aber diese ist wie jede andere Seelsorge auch, so der Pfarrer, nichts, was in die Öffentlichkeit gehört. Horst Leischner, der Pfarrer von St. Jakob, lädt nach gemeinsamem Beschluss zusammen mit den anderen Pfarrern in der Stadt an jedem Abend um 17 Uhr zum ökumenischen Friedensgebet in die große Kirche am Markt ein. »Die Pfarrer werden täglich wechselnd die Andacht gestalten«, sagt er, und die Gebete sollen so lange fortgeführt werden, wie es erforderlich sei.

Den Auftakt machte am Montagabend vor zahlreichen Besuchern, unter ihnen auch der sachsen-anhaltische Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU), der Köthener Kreisjugendpfarrer Martin Olejnicki. »Wir beten für den Verstorbenen, für seine Angehörigen und für den Frieden in der Stadt«, sagte er in der Kirche.

Das schreckliche Geschehen in der Stadt wird auch ihn nicht so einfach loslassen. »In den Treffen der Jungen Gemeinde werden wir darüber reden«, so Olejnicki gegenüber der Kirchenzeitung. Er werde dabei auf die Fragen der Jugendlichen hören und auf das, was gegebenenfalls noch in ihnen mitschwingt. Ganz klar hat er ihnen nur eines gesagt: Sie sollten sich nicht zu voreiligen Aktionen hinreißen lassen.

(G+H/epd)

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»Alles, was in meinem Leben wichtig war«

17. September 2018 von redaktionguh  
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Taufe, Konfirmation und Trauung: In Goldschau im Kirchenkreis Naumburg-Zeitz sind die Menschen mit ihrem Gotteshaus verbunden. Fast jeder Dritte im Dorf ist Kirchenmitglied.

Goldschau – die 300-Seelen-Gemeinde ist der letzte Ort Sachsen-Anhalts vor der thüringischen Grenze. Viel ist nicht los, sagen die Leute. Einen Bäcker, einen Fleischer oder einen Tante-Emma-Laden gibt es schon lange nicht mehr. Buslinien in die Stadt sind selten geworden. Doch mitten im Ort steht die Kirche. Auf die sind die Goldschauer stolz. Als einer der ganz wenigen sakralen Bauten des Bundeslandes hat sie einen Turm aus Holz, was dem Dorf den Spitznamen »Bretter-Goldschwe« einbrachte.

Karl-Heinz Zaumseil kann sich ein Leben ohne die kleine Kirche nicht vorstellen. Seine Großeltern waren 1923 vor den Altar getreten, um das Ehegelübde abzulegen. Seine Eltern hatten sich 1952 trauen lassen. Er selbst wurde 1956 hier getauft. 1970 entstand das Foto von seiner Konfirmation. 1993 heiratete er. Auch beide Kinder erhielten im Goldschauer Gotteshaus die Taufe. »So etwas verbindet. Hier hat sich ja alles abgespielt, was in meinem Leben wichtig war«, sagt er.

Brigitte Knauth kann das nachvollziehen. Von Kindesbeinen an ist sie mit dieser Kirche, in der sie getauft und konfirmiert wurde, verbunden. Heute trägt die 82-Jährige die Gemeindebriefe im Dorf aus. Das sind nicht wenige, denn jeder Dritte des Ortes ist Kirchenmitglied. Auch der 88-jährige Rudi Gröbe, dessen Haus einen Steinwurf vom Gotteshaus entfernt steht, hat seine Erinnerungen an die »Bretter-Kirche«. Vor 66 Jahren heiratete er hier seine Gerda. Die Frau starb im vergangenen Jahr. Seine Hochzeitsschuhe hat er immer noch.

Die 500 Jahre alte Kirche in Goldschau ist dank des Engagements vieler Dorfbewohner in einem guten Zustand. Ein Leben ohne die Kirche kann sich Karl-Heinz Zaumseil nicht vorstellen. 1970 wurde er in Goldschau konfirmiert, das Konfirmationsbild zeigt ihn vorm Portal. Fotos: Petra Wozny

Die 500 Jahre alte Kirche in Goldschau ist dank des Engagements vieler Dorfbewohner in einem guten Zustand. Ein Leben ohne die Kirche kann sich Karl-Heinz Zaumseil nicht vorstellen. 1970 wurde er in Goldschau konfirmiert, das Konfirmationsbild zeigt ihn vorm Portal. Fotos: Petra Wozny

Die spätgotische Saalkirche wurde laut einer Inschrift am Chor 1518, also vor 500 Jahren, auf den Mauern einer romanischen Kapelle errichtet. Etwa 130 Menschen haben in ihr Platz. Nicht nur der barocke Altar fällt ins Auge, sondern auch die Orgel, eine blaue Kassettenholzdecke, die Patronatsloge und eben der hölzerne Turm. Geld für Steine muss es damals nicht gegeben haben, vermuten die Dorfbewohner. Doch so dumm ist das mit den Balken nicht, wissen sie. Der Wind bläst durch die Ritzen, weshalb es im Goldschauer Gotteshaus nie muffig riecht.

Solch ein Schmuckstück, als das sich das Goldschauer Gotteshaus heute präsentiert, war es nicht immer. Den letzten Anstrich hatte es 1927 bekommen. Auch Reparaturen an der Orgel lagen Jahrzehnte zurück, erinnert sich Karl-Heinz Zaumseil. Unterm Strich: Es musste viel gemacht werden.

Dafür spannt sich seit Jahrzehnten Iris Winckelmann vor den Karren und schart im Kirchenkreis viele Gleichgesinnte wie Zaumseil und Knauth um sich. Die heute 60-Jährige wuchs in einer christlichen Familie auf. »Von meinem Kinderzimmer aus blickte ich auf die Kirche. Die Glocken zu läuten, war meine Pflicht.«

1982 zog sie nach Goldschau. Logisch, dass drei ihrer vier Kinder in der Kirche getauft sowie zwei auch konfirmiert wurden. »Die Kirche hatte es mir sofort angetan. Mich dafür einzusetzen, dass sie im Dorf bleibt, wurde für mich zu einer anspruchsvollen Arbeit«, erzählt die Kirchenälteste. Sie ist es, die nicht locker lässt im Klinkenputzen und nicht müde wird, Förderanträge zu stellen, passende Stiftungen zu suchen und immer wieder die Goldschauer zu motivieren.

Etwa 120 000 Euro seien in den letzten drei Jahrzehnten verbaut worden. So ist das Kirchenschiff neu eingedeckt und die Wetterfahne gesetzt worden. Die Patronatsloge wurde 2003 zum Gemeinderaum umgestaltet. Drei Jahre später bekam die Kirche einen frischen Außenputz. Ein weiteres Jahr darauf wurde die Glockenanlage repariert, 2009 die Innenwände gemalert und die Decke saniert. 2011 erfolgte die Restaurierung des Altars. Vor drei Jahren konnte die Orgel repariert werden.

Immer und immer wieder galt es Geld zusammenzubringen. »Da lässt du Zeit und auch Nerven«, gibt Iris Winckelmann zu. Doch egal, wen sie angesprochen habe, jeder habe mitgeholfen, ob beim Saubermachen oder mit einem Geldschein. Jedes Mal, wenn eine Etappe geschafft ist, freut das die engagierte Frau. »Wir spüren schon, dass die Taufen, Trauungen und auch Trauerfeiern in unserer Kirche zunehmen. Lesungen und Konzerte locken darüber hinaus die Leute an.«

Glücklich sei sie mit ihren Ehrenamtlern gewesen, als das Gotteshaus 2016 »Kirche des Monats« der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler wurde.

Gegenwärtig wird wieder Geld gesammelt. Die Tauf- und Abendmahlsgeräte müssen repariert werden. Das ist nach Aussage des rührigen Trios sündhaft teuer.

Und dann sind ja da noch die Fenster … Entmutigen lassen sich die Goldschauer nicht. »Da haben wir schon ganz andere Hürden genommen«, meint Iris Winckelmann.

Petra Wozny


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