Lieb und teuer

30. September 2018 von redaktionguh  
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Endlich! Fünf Jahre nach der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz für Kinder ab einem Jahr, hat die Bundesregierung erkannt, dass Masse nicht Klasse schlägt. Nachdem in den vergangenen Jahren viele neue Krippen und Kindergärten entstanden sind, soll nun bei der Qualität nachgebessert werden.

Mit dem »Gute-Kita-Gesetz« stellt der Bund den Ländern in den kommenden vier Jahren 5,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Sie sollen das Geld in eine bessere Betreuung investieren: Mehr Personal einstellen, die Öffnungszeiten ausweiten oder die Gebühren senken, bis hin zur kostenlosen Kita. Letzteres ist ein fatales Zeichen. Was ist etwas wert, das nichts kostet? Kindergärten sind nicht wertlos. Sie sind wertvoll und im besten Fall voller Werte – als Orte der Bildung, der Integration oder des Glaubens.

Es ist vollkommen richtig, dass Menschen, die Hartz IV oder Wohngeld erhalten, keine Elternbeiträge zahlen müssen. Aber nicht immer entscheiden finanzielle Gründe über den Besuch eines Kindergartens: Schon jetzt zeigen Studien, dass weniger Kinder aus armen Familien oder solchen mit Migrationshintergrund in einen Kindergarten gehen. Wenn nun allen Eltern die Gebühren erlassen werden, ist das ein Wahlgeschenk, von dem nur Besserverdiener profitieren.

Das Geld, das einige Bundesländer in die Abschaffung der Gebühren investieren, steht den Erziehern zu. Der Betreuungsschlüssel muss vor allem im Osten verbessert werden. In Sachsen-Anhalt kümmert sich eine Erzieherin um 6,4 Kleinkinder, in Baden-Württemberg sind es drei. Wir brauchen mehr Erzieher, gut ausgebildete und gut bezahlte Erzieher. Erzieher, die in einem starken Kollegium tätig sind, das mit den Belastungen, die dieser Beruf mit sich bringt, umgehen kann. Das sollte uns lieb und teuer sein.

Katja Schmidtke

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Tischgebet in der Gaststätte?

30. September 2018 von redaktionguh  
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Öffentliches Glaubenszeugnis: Ein sicht- und hörbares Tischgebet vor dem Essen im Restaurant oder ein stilles Dankgebet? Ist es angebracht, der Bibel zu folgen und nur im stillen Kämmerlein zu beten (Matthäus 6, Vers 6)? Die Meinungen gehen da auseinander.

Harald Krille

Harald Krille

Pro

Harald Krille


Noch vor 20 Jahren habe ich mit Inbrunst Jesu Worte vom Gebet und dem stillen Kämmerlein aus der Bergpredigt als Argument gegen das Beten vor dem Essen in Gaststätten oder Kantinen zitiert. Inzwischen habe ich begriffen, dass Jesu Worte in eine völlig andere gesellschaftliche und religiöse Situation hineingesprochen sind. Wenn ich heute in der Gaststätte bete, dann doch nicht, um mich vor den Leuten zu produzieren, sondern um meinem Glauben Ausdruck zu geben. Wieso soll ich in der Öffentlichkeit nicht das tun, was ich zu Hause ganz selbstverständlich praktiziere? Es nicht zu tun, empfinde ich heute eher als die Heuchelei, gegen die Jesus sich wendet. Denn der Glaube gehört eben nicht, wie uns viele Menschen einreden wollen, allein in die Privatsphäre.

Wie ich bete, hängt dabei von den Umständen ab. Bin ich allein, halte ich kurz inne und spreche ein stilles Dank- bzw. Segensgebet. Händefalten und Köpfchensenken oder auch das Kreuzzeichen können den Moment begleiten, müssen es aber nicht. Sind wir mehrere Personen, dann bete ich auch laut. Freilich nicht in der Art, wie ich es – in einem anderen Land – erlebt habe, wo der Familienvater sich und seine Stimme am Tisch erhob und im ganzen Restaurant die Gespräche peinlich berührt verstummten. Aber so, wie wir uns am Tisch zu zweit oder zu viert unterhalten, können wir doch für einen Moment auch bewusst den unsichtbaren Partner unseres Lebens in das Gespräch einbeziehen. Das muss anderen gar nicht sonderlich auffallen. Und wenn doch – wo ist das Problem?

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Sabine Kuschel

Sabine Kuschel

Kontra

Sabine Kuschel


Die lutherische Rechtfertigungslehre, dass der Mensch allein durch den Glauben vor Gott gerecht wird, heißt für mich auf einen einfachen Nenner gebracht: Ich muss nichts, ganz und gar nichts tun, um vor Gott zu bestehen. Diese grundlegende reformatorische Erkenntnis, geboren durch seelische Qualen, hat es bis heute schwer, wirklich beherzigt zu werden. Sie steht immer in der Gefahr, hintergangen zu werden.

Ich will damit nicht sagen, dass der Glauben keine Folgen hat für die Art, wie ich lebe und auf soziale und ethische Fragen reagiere. Aber die permanente Erwartung, Christen müssten sich persönlich, gesellschaftlich und politisch so oder so positionieren, ist nichts anderes als ein Streben nach der von Luther abgelehnten Werkgerechtigkeit. Deshalb sträubten sich mir auch ein wenig die Haare, als ein Pfarrer im Gottesdienst sagte, es sei vorbildlich und ein Ausdruck von Mut, wenn Christen in der Gaststätte öffentlich vor dem Essen beten.

Ich kann zwar gut verstehen und es ist ehrenwert, wenn sich Christen Gedanken machen, wie sie ihren Glauben in der Öffentlichkeit zeigen können. Denn er hat es schwer, wahrgenommen zu werden. Meinetwegen, indem sie im Restaurant ein Tischgebet sprechen. Meiner Art zu glauben entspricht das nicht. Mir bedeutet das Gebet sehr viel und ich halte regelmäßig Zwiesprache mit Gott. Innerlich und stumm manchmal auch inmitten von Menschen und im Trubel. Ein Gebet vor den Augen anderer jedoch stört meine Konzen­tration und lenkt mich ab. Deshalb bete ich lieber nach Matthäus 6, Vers 6, im stillen Kämmerlein.

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Einen schöneren Beruf kann es nicht geben: Liebesprediger

29. September 2018 von redaktionguh  
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Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

1. Johannes 4, Vers 21

Untrennbar gehören sie zusammen. Wie eine Münze, die zwei Seiten hat, ist die Liebe zu Gott auf der einen und die Liebe zum Bruder auf der anderen Seite. Die Liebenden sind wir, auf beiden Seiten. Von Gott wird gesagt: Gott ist die Liebe. Wir leben aus Gottes Liebe. Und wir erwidern diese Liebe, weil die Liebe das Gegenüber sucht. Wir lieben Gott, indem wir die Liebe weitergeben an Menschen neben uns.

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

Doch wer sind unsere Mitmenschen? Und vor allem, wo ist die Grenze der Liebe? Wir erleben harte Auseinandersetzungen in Kirche und Gesellschaft, wem die Liebe eigentlich gilt. Da sehen die einen die eigenen Volksgenossen. Oder sind die Geschwister die Gläubigen der drei Religionen, die sich auf Abraham zurückführen: das Judentum, das Christentum und der Islam? Andere sagen: Es sind die Glaubensgeschwister in der eigenen Gemeinde. So sieht es der Johannesbrief. Er lebt das Modell der kleinen Gruppe. Jesus jedoch geht mit seiner Liebe weiter, wenn er auffordert: »Liebt eure Feinde!« Kein Gebot fordert mich mehr heraus als dieses.

In unseren Gemeinden streiten wir, wie weit die Liebe gehen kann. Dahinter steht die Frage, wer ist mein Nächster, mein Bruder, meine Schwester? Schon Adams und Evas Sohn Kain muss sich diese Frage von Gott gefallen lassen: »Kain, wo ist dein Bruder Abel?« Kain hat Abel aus Neid getötet. Trotzig erwidert er: »Soll ich meines Bruders, meines Mitmenschen, Hüter sein?« Klar gestellt wird: Lieblosigkeit, Gewalt, brutale Sprache, Hasspredigt können sich nicht auf Gott berufen. Das Bibelwort sagt nicht pauschal: Die Liebe gilt allen. Sondern: Die Liebe gilt den Menschen, die hier sind. An sie bist du gewiesen, zu lieben.

Im Predigerseminar bilden wir angehende Predigerinnen und Prediger aus. Wunderbar daran ist: Sie werden ausgebildet zu Liebespredigern! Als künftige Pfarrerinnen und Pfarrer sollen sie den Menschen Liebe ins Herz legen, Liebe zu Gott und Liebe zu den Menschen. Einen schöneren Beruf kann es nicht geben.

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

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Hoffnungslos religiös

28. September 2018 von redaktionguh  
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Mut zur Religion: Die meisten Menschen in Ostdeutschland gehören heute keiner Religion an. Die Entwicklung von der selbstverständlichen Kirchenzugehörigkeit zur Religionslosigkeit beleuchtete eine Tagung.

Bedarf es heutzutage und hierzulande des Mutes zur Religion? Zunächst lässt sich diese Frage getrost mit Nein beantworten, denn in unserem Land ist die Religionsfreiheit vom Staat garantiert und geschützt. Auf den zweiten Blick indes ist nicht zu übersehen, dass es das Christentum hier in unseren Breiten äußerst schwer hat. Warum das so ist, darauf suchte ein Kongress in Dresden mit dem Thema »Gott? – Mut zur Religion in der modernen Gesellschaft« eine Antwort.

Religion auf der Bühne: Am 14. Oktober um 10 Uhr gibt es wieder einen Zwiebelmarkt-Gottesdienst auf dem Weimarer Herderplatz. Kirchengemeinde und Falk-Verein feiern den Schöpfer der Zwiebel, so wie auf dem Foto von 2016. Superintendent Henrich Herbst (Mitte) segnet die Besucher, dahinter »The Jakob Singers«. Foto: Archiv/John Böhme

Religion auf der Bühne: Am 14. Oktober um 10 Uhr gibt es wieder einen Zwiebelmarkt-Gottesdienst auf dem Weimarer Herderplatz. Kirchengemeinde und Falk-Verein feiern den Schöpfer der Zwiebel, so wie auf dem Foto von 2016. Superintendent Henrich Herbst (Mitte) segnet die Besucher, dahinter »The Jakob Singers«. Foto: Archiv/John Böhme

Lange Zeit sei die Kirche davon ausgegangen, dass der Mensch von Natur aus religiös gebunden sei. Michael Seewald, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, spricht vom hoffnungslos religiösen Menschen. Ihm wird ein natürliches Verlangen nach Gott, ein Hang zur Religion zugeschrieben. Diese Vorstellung, so Seewald, sei nicht mehr haltbar. Die Idee des Menschen, dem ein natürlicher Hang zur Religion eigen ist, werde der gesellschaftlichen Situation, etwa in Ostdeutschland, wo areligiös die Normalität sei, nicht gerecht. Seewald bezeichnet den hoffnungslos der Religion sich hingebenden Menschen als das Wunschprodukt einer geschichtsvergessenen Theologie und konstatiert: »Er ist eine vom Aussterben bedrohte Spezies.« Der katholische Theologe ist einer der jüngsten Professoren Deutschlands in einer geisteswissenschaftlichen Disziplin – Seewald wurde 2016 mit 29 Jahren Lehrstuhlinhaber.

Wenn der Mensch seinem Wesen nach nicht mehr als zwingend religiös gedacht werden könne, schlussfolgert er, gehe der kirchlichen Verkündigung ein im wörtlichen Sinn natürlicher Haltepunkt verloren. In dieser Lage befinde sich die Kirche. Eine durchaus dramatische Veränderung, um deren Anerkennung die Kirche nicht herumkomme. »In einer Welt, in der der Mensch von Natur aus als religiös galt, war Religion hoch relevant.« Daher schenkten die Menschen in großer Zahl dem Aufmerksamkeit, was kirchliche Institutionen zu vermitteln hatten. »Heute ist das nicht mehr der Fall«, so Seewald. Nach seinem Eindruck registriert die Kirche zwar diesen Verlust, hat ihn aber bisher kaum verarbeitet. Stattdessen werde versucht, sich gegen diesen Verlust mit allen Kräften zu stemmen.

Einen Rückblick auf frühere Gesellschaften, in denen Religion selbstverständlich ihren Platz hatte, unternimmt auch die Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig. »Das damalige Leben war nicht nur durch gesellschaftliche Strukturen stark vorgeprägt. Seit das Christentum unter Kaiser Konstantin als Religion akzeptiert war, schuf auch der christliche Glaube, der sich nach und nach in Europa und dann auch in anderen Teilen der Welt durchsetzte, eine Bindung, die den Einzelnen in einen größeren Zusammenhang einordnete.« Es könne zwar kaum festgestellt werden, inwieweit die Menschen früher tatsächlich gläubig waren oder sich äußerlich nur angepasst hatten, weil man sich als Christ zu bekennen hatte. Aber die Kirchenzugehörigkeit war identitätsstiftend, und wer den Glauben ernst nahm, hatte zusätzlich eine innere Leitlinie, der er folgen konnte.

Diese trifft heute auf viele Menschen nicht mehr zu. Die Säkularisierung hat die Bedeutung der Religion in Europa zurückgedrängt. Zehnpfennig würdigt die moderne liberale Demokratie, »das freiheitlichste System, das man sich denken kann«, mit einer unübersehbaren Fülle an Möglichkeiten. Zugleich aber stelle uns die Freiheit vor die Qual der Wahl. Die bunte Vielfalt bietet zwar Raum für freie Entfaltung der Persönlichkeit, aber es sei schwer, sich in der Vielfalt nicht zu verirren und selbstständig Orientierung zu gewinnen, wenn so wenig Verbindliches vorhanden ist. Ein Grund für die Politikwissenschaftlerin, darüber nachzudenken, ob es nicht die Religion sein könnte, die dem Menschen Orientierung gibt.

Sabine Kuschel

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Kostenlos und frei von Nebenwirkungen

24. September 2018 von redaktionguh  
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Dem Humor und wie er die menschliche Widerstandskraft stärkt, widmet sich der Kongress Christlicher Krankenhäuser am 21. September in Schkeuditz. Zu den Rednern gehört Eva Ullmann, Gründerin des Deutschen Instituts für Humor in Leipzig. Katja Schmidtke sprach mit ihr.

Frau Ullmann, Sie haben sechs Semester Medizin studiert und sich dann mit dem Humorinstitut selbstständig gemacht. Haben Sie im Studium gemerkt, am Humor fehlt’s im deutschen Gesundheitssystem?
Ullmann:
Es war andersherum. Ich habe vorher Sozial- und Religionspädagogik studiert und suchte für meine Abschlussarbeit nach einem spannenden Thema. So bin ich über den Humor gestolpert und schaute mir verschiedene Therapeuten an; schon um 1900 hat Siegmund Freud eine Abhandlung über den Witz geschrieben.

Aus einem sozialpädagogischen Blickwinkel habe ich mich gefragt, welche Art von Humor Patienten und Klienten helfen würde. In der Medizin war das kaum ein Thema.

Warum nicht?
Ullmann:
Ärzte und Pflegekräfte denken zunächst, Humor sei Aufgabe der Klinikclowns und man müsse sich dafür verkleiden, schminken oder eine rote Nase aufsetzen. Aber Humor funktioniert auch ohne rote Nase.

Was braucht es stattdessen?
Ullmann:
Sensibilität in Gesprächen zwischen Tür und Angel, in der Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Der Patient kann zum Beispiel nach einer OP noch nicht gut greifen, ihm fällt ein Glas herunter, dann sagt die Pflegekraft: »Oh, Sie können ja gut loslassen. Das ist beeindruckend, ich muss jede Woche zum Yoga.« oder: »Gut, dass Sie es runterschmeißen, ich wollte ohnehin neue Gläser für die Klinik anschaffen.« Humor kann helfen, negative Situationen in positive zu verwandeln.

 Eva Ullmann. Foto: privat

Eva Ullmann. Foto: privat

Wichtig ist für mich, mit dem Klinikpersonal zu trainieren, dass es einen Unterschied zwischen aggressivem und liebevollem Humor gibt. Unser Beispiel mit dem Glas: Der Pfleger könnte auch sagen: »In Ihrem Alter kann man das Wasser nicht mehr so gut halten.« Haha. Auf einer Kabarettbühne ist das witzig, im Krankenhaus nicht. Jemanden zu beschämen, der ohnehin in einer beschämten Position ist, weil er krank und schwach ist, hat für medizinisches Personal eine größere Konsequenz als für einen Kabarettisten, zu dem ich gesund und freiwillig gehe.

Kann man Humor lernen?
Ullmann:
Wir machen gerade eine Studie und haben bereits 150 Teilnehmer vor und nach unseren Trainings befragt. Bislang konnten wir nachweisen: Ja, Humor kann man trainieren.

Tun sich Ärzte damit schwerer als Pflegepersonal?
Ullmann:
Humor ist kein Statussymbol, deshalb tun sich Ärzte damit oft schwerer, sie haben eher Angst vor Statusverlust. Sobald sie aber wissen, sie müssen keine rote Nase aufsetzen, sind sie sehr offen und neugierig. Neulich haben wir erstmals einen Flyer im sächsischen Ärzteblatt beigelegt und hatten danach sofort drei Seminare voll. Offensichtlich gibt es einen Bedarf.

Pflegekräfte haben meistens einen näheren Draht zu Patienten und oft auch zu ihrem eigenen Humor. Zum Beispiel: Auf der Geriatriestation gibt es eine Patientin, die sich auf den Boden legt und nicht aufstehen will. Drei Pflegekräfte probieren es, die vierte legt sich dazu und hält mit der Dame erstmal ein Schwätzchen.

Humor öffnet Türen und ermöglicht einen Perspektivwechsel. Viele Menschen bringen einen liebevollen Humor mit. Was wir dann tun, ist daraus eine wiederholbare Technik zu machen.

Ihr Vortrag auf dem Kongress Christlicher Krankenhäuser lautet: »Kann Humor Ihrem Burnout schaden?« Ist das Galgenhumor?
Ullmann:
Natürlich kommen eher Menschen zum Kongress, die noch Energie und Ressourcen haben, überhaupt solch einen Kongress zu besuchen. In Anbetracht des Pflegenotstands gibt es sicher Kliniken, die über einen längeren Zeitraum zu viel Programm mit zu wenig Personal stemmen müssen. Die haben gar keine Kapazitäten für Humor.

Ich hatte schon Anfragen, wo sich in Unternehmen die Struktur veränderte, wo das Unternehmen verkauft werden sollte und alle Mitarbeiter Angst hatten – und die Geschäftsführung wollte erstmal ein Gute-Laune-Training buchen. Das habe ich abgelehnt. Humor ist nicht die Lösung für alles. Humor ersetzt keine Betriebswirtschaft.

Aber Humor kann mich durch einen stressigen Klinikalltag tragen und meinem Burnout schaden?
Ullmann:
Das meine ich ernst, das ist kein Galgenhumor. Für mich ist Humor eine Kraftquelle. Natürlich fördert dieser stressige Beruf als Arzt oder Pfleger einen aggressiven, zynischen Humor. Aber das umzuwandeln kann man üben, und dann wird Humor zu einer Kraftquelle, die durch den Tag helfen kann.

Was passiert im Körper, wenn wir lachen?
Ullmann:
Lachen hat physiologische Effekte: Die Muskeln bewegen und entspannen sich, der Blutkreislauf kommt in Wallung, schmerzstillende Endorphine werden ausgeschüttet, das Immunsystem wird gestärkt. Der zweite Ansatz der Forschung geht davon aus, dass eine positive Einstellung zum Leben Stress abpuffert.

Humor und eine positive Einstellung sind zwei von vielen Resilienzfaktoren. Resilienz heißt nicht, dass ich immer fröhlich bin und lache. Es heißt auch nicht nur auf Lösungen zu gucken, sondern auch die Krisen und Abgründe zu sehen, sie anzuerkennen. Das ist nicht Selbstmitleid, sondern Achtsamkeit gegenüber sich selbst.

www.arztmithumor.de

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Wie wir leben wollen

23. September 2018 von redaktionguh  
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Vor mehr als einer Woche stirbt ein junger Mann in Köthen. Vorangegangen ist ein Streit, an dem auch Asylbewerber beteiligt sind. Die Todesursache wird forensisch geklärt. Doch der zutiefst bedauernswerte Tod dieses jungen Menschen wird schnell instrumentalisiert, um Grundsatzfragen zur Asylpolitik in Parolen auf die Köthener Straßen zu bringen.

Die Kirchengemeinden vor Ort reagieren umgehend mit Friedensgottesdiensten und Gebeten. Längst geht es dabei um mehr: Wie wollen wir in unserem Land zusammenleben? Die Situation von Flüchtlingen ist dabei nur ein Aspekt. Zu beobachten ist ein völliger Verlust von Respekt vor Institutionen – und eine noch größere Respektlosigkeit im Umgang mit anders Denkenden.

Im friedlich wiedervereinigten Deutschland kann es indes keine belastbare Gemeinschaft geben ohne einen respektvollen Umgang miteinander. Natürlich müssen ganz offen die Gründe für die Wut der Menschen auf der Straße ergründet werden. Möglicherweise ist aber die tiefgreifende Spaltung unserer Gesellschaft zu lange unterschätzt worden. Ein schlichtes »Weiter so« ist dabei ebenso untauglich wie Wut oder Hass es sind. Nicht zuletzt die Kirchen haben 1989 das Instrument des Runden Tisches als bleibenden Beitrag für den Ausgleich unterschiedlicher Interessen initiiert.

Es wird viele lokale und regionale Runde Tische brauchen, um der Spannung in unserer Gesellschaft auf die Spur zu kommen und einen Beitrag zur Lösung der Konflikte zu leisten. Jetzt ist die Zeit dafür. Die Erfahrungen der friedlichen Revolution lassen hoffen, es möge erneut gelingen.

Joachim Liebig

Der Autor ist Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts und Vorsitzender des Evangelischen Presseverbandes in Mitteldeutschland (EPVM).

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Der grüne Herr Keßner

23. September 2018 von redaktionguh  
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Porträt: Den Besuchsdienst im Weimarer Klinikum teilen sich zehn Frauen und ein Mann. Rudolf Keßner ist seit einem Jahr begeistert bei der Sache. Das ist aber nicht sein einziges Ehrenamt.

Wer sich mit Rudolf Keßner verabredet, sollte Zeit einplanen. Der 68-Jährige schaut auf ein bewegtes Leben zurück und kann viel und interessant erzählen. Vor einem Jahr hat er seinen grafischen Betrieb in jüngere Hände gelegt. Allerdings bedeutete das nicht, dass er nun seine Hände in den Schoß legt. Der gelernte Schriftsetzer hat sich neben seiner Arbeit eigentlich schon immer ehrenamtlich engagiert.

Vor der Wende war er in der kirchlichen Friedensarbeit aktiv. Für die Kirchentage in Thüringen produzierte er viele Stempel mit der Aufschrift »Frieden schaffen ohne Waffen«. Natürlich war er mit seiner Haltung dem Staat ein Dorn im Auge. Die große Stasi-Akte zeugt davon. Weil er zu den Bausoldaten ging, wurde er während des Studiums exmatrikuliert. Eigentlich wollte der junge Mann mit den vielen Ideen Entwicklungsingenieur werden. Ein bisschen trauert er noch heute den verhinderten Berufschancen nach.

Seinen Kinderglauben, erfahren im christlichen Elternhaus und später vertieft im christlichen Internat der Herrnhuter Brüdergemeine, hat sich Rudolf Keßner bis heute bewahrt. Er sei behütet und weltoffen aufgewachsen. Durch die von Herrnhut ausgehende internationale Missionsarbeit lernt er früh Menschen unterschiedlicher Nationalitäten kennen. Auf der anderen Seite empfand er das Internat, das damals Kinderheim hieß, als eine beschützende »Käseglocke«, unter der sich der impulsive und kritische Geist gut entwickeln konnte.

Keßner nimmt bis heute kein Blatt vor den Mund. 1968 schloss er sich als Austauschschüler in Prag dem Widerstand an. Mut und Zivilcourage hat er in der DDR und zur Wendezeit bewiesen. Das wird nicht zuletzt in der Anerkennung als Opfer des SED-Unrechtsregimes deutlich. Nach 1989 tritt er zunächst dem Neuen Forum bei.

Gruppenbild mit Herrn: Rudolf Keßner und die »Grünen Damen« des Sophien- und Hufelandklinikums Weimar (v. l. n. r.) Friederike Prieß, Cäcilia Huhn und Ilse Mäurer. Foto: Maik Schuck

Gruppenbild mit Herrn: Rudolf Keßner und die »Grünen Damen« des Sophien- und Hufelandklinikums Weimar (v. l. n. r.) Friederike Prieß, Cäcilia Huhn und Ilse Mäurer. Foto: Maik Schuck

Ein logischer Schritt für den Bürgerrechtler. Später wechselt er zu Bündnis 90/Die Grünen. Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, das sind auch seine Anliegen, in dieser Reihenfolge. Kessner ist mittlerweile der einzige Weimarer Stadtrat, der seit der Wende ununterbrochen dabei ist. Ein bezahltes politisches Amt war nie sein Ziel. Ehrenamtlich hat er damals die Arbeit für Körperbehinderte in der »Aktion Annerose« in Thüringen mit aufgebaut. Selbstverständlich hilft er in seiner Kirchengemeinde mit. Der Gottesdienstbesuch gehört dazu. Die Gemeinschaft ist ihm wichtig: »Mir würde etwas fehlen«, sagt Keßner.

Der Glaube trage ihn auch durch schwere Stunden. Vor 40 Jahren mussten Rudolf Keßner und seine Frau Katharina am 23. Dezember das zweite Kind kurz nach der Geburt zu Grabe tragen. »Können Sie sich vorstellen, wie uns zu Mute war, als im Weihnachtsgottesdienst ›Ihr Kinderlein kommet‹ gesungen wurde?« Die handgedruckte Geburtsanzeige war bereits versandt. Damals hat der Schriftsetzer schweren Herzens eine Trauerkarte gestaltet. »Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt!« stand darauf. Nein, es habe seinem Glauben nicht geschadet, ganz im Gegenteil, ist sich Keßner sicher.

Auch wenn ihn die Trauer nach der langen Zeit immer mal wieder übermannt. Er habe aber so ein Urvertrauen und fühle sich behütet, wofür auch seine Kopfbedeckung stehe. Ohne Baskenmütze oder Rundkappe geht er nicht aus dem Haus. Das ist sein Markenzeichen. »Wenn ich nicht behütet bin, bekomme ich Kopfschmerzen.« Außerdem sei er, der Herr mit Hut, schließlich in Herrnhut aufgewachsen, schiebt Keßner verschmitzt hinterher.

Wie man den Lebensabschnitt bezeichnen soll, den Keßner vor einem Jahr begonnen hat, ist nicht ganz klar. Bei anderen heißt das Ruhestand. Er will, so scheint es, noch mal durchstarten. Beim Ambulanten Besuchs-, Hospiz- und Palliativberatungsdienst der Johanniter Unfallhilfe (JUH) hat er einen Kurs besucht und sich zum Sterbebegleiter ausbilden lassen. Und, er ist der einzige Herr bei den »Grünen Damen« im Weimarer Sophien- und Huflandklinikum. Besuchsdienst, das wollte er eigentlich schon immer machen. Früher fehlte dazu die Zeit.

Aber jetzt geht er Dienstagvormittag mit dem Bücherwagen durch die Gänge der Krankenstationen. Kontaktschwierigkeiten hat Keßner nicht: »Ich kann auf Menschen zugehen.« Den grünen Kittel seiner weiblichen Mitstreiterinnen trägt er aber nicht, und mit seiner schwarzen Jacke hielt man ihn auch schon mal für einen Pfarrer. Seitdem wählt er unauffällige Kleidung.

Der Besuchsdienst im Krankhaus gebe ihm sehr viel. Wer möchte, kann sich mit ihm nicht nur über Bücher, sondern über Gott und die Welt unterhalten. Die Patienten seien dankbar und nähmen zum großen Teil das Angebot der »Grünen Damen« gerne an. Leider fehle der jüngere Nachwuchs.

Er will auf jeden Fall weitermachen, schließlich sei der Familienspruch seit über 150 Jahren ja auch so eine Art Verpflichtung: »Mutig vorwärts, gläubig aufwärts, dankbar rückwärts.«

Willi Wild

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Nachdenken über Gott und die Welt

22. September 2018 von redaktionguh  
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Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Johannes 5, Vers 4

Die Welt hat keinen guten Ruf. Sie liegt im Argen, das bestätigt sich immer wieder: Sie wird vom Geld regiert. Man kann hinschauen, wo man will – wer zahlen kann, ist im Vorteil, kann Meinungen manipulieren, den Krieg gewinnen, Arme erpressen, Andersdenkende kaufen. Besitzgier und Machthunger lassen Anstand und Würde vergessen, die Korruption blüht allerorten. Denn: Dem Stärkeren gehört die Welt. Ich zuerst. Er nimmt sich, was er will, ohne auf die Bedürfnisse der anderen zu achten, die Natur zu schonen, den Frieden zu wahren, Gerechtigkeit walten zu lassen. Soll ich meines Bruders Hüter sein? Das Klagelied über den Zustand unserer Erde hat noch viele Strophen. Die Welt ist des Teufels Braut, bringt es ein Sprichwort auf den Punkt.

Christine Lässig

Christine Lässig

Diese Weltsicht ist etwas einseitig. Allerdings gilt auch in biblischen Zeiten die Welt als etwas, das man überwinden muss. Gottes Menschenliebe und seine Gebote markieren die Alternative. Sie sind der Gegenentwurf zu den Erfahrungen, dass das Böse oft die Oberhand gewinnt und jeder sich selbst der Nächste ist. Das ist nicht im Sinne Gottes. Das muss anders gehen – nicht erst am Ende aller Tage, sondern hier und heute.

Überall da, wo Nächstenliebe kein Fremdwort ist, Menschenwürde geachtet und der Schwache geschont wird, wo geschmähte Gutmenschen eben Gutes tun, bekommt die Welt ein anderes, ein freundliches Gesicht. Da ist sie nicht mehr des Teufels Braut, sondern ein Stück vom Reich Gottes. Kein Paradies, aber ein Ort, an dem es sich leben lässt.

Resignation wäre schlimm. Wir brauchen Zuspruch und Hoffnung, um uns selbst und was auf der Welt im Argen liegt, zu überwinden. Das macht sich als Einzelgänger nicht so gut wie im Verein mit anderen. Johannes schreibt nicht von ungefähr von unserem Glauben. Zusammen sind wir stärker, als Gemeinde können wir mehr Einfluss nehmen auf den Gang der Dinge. Wir können Mut machen, damit wir nicht aufgeben, die Welt im Kleinen und Großen ein bisschen besser machen zu wollen. Das wäre ganz im Sinne Gottes.

Christine Lässig, Pfarrerin i. R., Weimar

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Köthen: Buntes Zeichen für den Frieden

21. September 2018 von redaktionguh  
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Foto: Ute Nicklisch

Foto: Ute Nicklisch

Blick auf den Köthener Marktplatz am Sonnabend: Mit einer Malaktion vor der Jakobskirche reagierten die Stadtverwaltung, die Landeskirche Anhalts, Vereine und Initiativen auf rechtsextreme Demonstrationen.

Vor den Kircheneingang malten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine brennende Kerze, umrahmt von einer Blume und einer Friedenstaube.

Die angrenzende Fußgängerzone gestalteten ausländische Studenten der Hochschule Anhalt. Sie wollten damit ihren Wunsch nach einem friedlichen Zusammenleben zum Ausdruck bringen. In der Jakobskirche gab es am Sonnabend und Sonntag wieder Friedensgebete, an der Fassade wurde ein Banner mit der Aufschrift »Frieden für alle« befestigt.

Seit dem Tod eines 22-jährigen Kötheners, der einen Streit mit mehreren Afghanen schlichten wollte, gab es in der Stadt immer wieder rechte Aufmärsche und Gegendemonstrationen.

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Was uns im Leben trägt

21. September 2018 von redaktionguh  
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Das Selbst stärken: Es gibt Menschen, bei denen wird aus einer Krise eine Depression, während andere wie Phoenix aus der Asche aufsteigen. Was stärkt die menschliche Seele?

Im Leben mehr zu sehen als das, was die Augen wahrnehmen, Sinn und Bedeutung zu erfahren, an Gott zu glauben, das hat Einfluss auf unsere Widerstandsfähigkeit.
Resilienz nennen Wissenschaftler die Aufrechterhaltung oder rasche Wiederherstellung der psychischen Gesundheit nach leidvollen Umständen. Wie Menschen Krisen bewältigen, hängt von komplexen neurobiologischen, psychologischen und sozialen Lernprozessen ab, ebenso wie von strukturellen Faktoren wie unserer Erziehung sowie von gesellschaftlichen Bedingungen, schildert die promovierte Psychologin Donya A. Gilan vom Deutschen Resilienzzentrum der Universitätsmedizin in Mainz. Der Glaube ist ein Resilienzfaktor unter vielen.

Das Leben so zu gestalten, dass es unsere Resilienz fördert, ist eine gesamtgesellschaftliche, ja sogar politische Aufgabe, so Dr. Gilan. Andererseits ist es höchst persönlich. »Resilienz ist trainierbar«, sagt die Psychologin. Das gilt für unser Verhalten, also ob wir Emotionen wie Zorn regulieren können, ebenso wie für unsere Grundhaltungen, also ob wir realistisch-optimistisch und überzeugt davon sind, Anforderungen aus eigener Kraft zu bewältigen. Beides muss immer wieder geübt werden. »Bei Resilienz geht es um einen lebenslangen Lernprozess«, sagt Dr. Gilan.

Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

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Dabei kann der Glaube sowohl eine Ressource zur Heilung sein als auch ihr entgegenstehen, sagt der Psychotherapeut Stefan Hilffert. Wer sich Glaubenslehren unterworfen sieht, die den eigenen Empfindungen widersprechen, kann Religion als einengend und gefangennehmend empfinden.

In seiner Praxis in Laucha bei Naumburg arbeitet er mit einem psychotherapeutischen Ansatz, im Privatleben ist Stefan Hilffert engagierter Christ. Er selbst empfindet die lutherische Botschaft als befreiend, dass nicht die Werke, sondern allein Gottes Gnade einen Menschen gerecht machen. »Ich fühle mich geborgen. Es ist gut zu wissen, nicht funktionieren zu müssen, sondern sein zu dürfen«, sagt er.

Der Schlüssel zur Heilung seelischer Wunden liegt in den Menschen selbst, sagt der Psychotherapeut. Den einen trägt Gott, der andere erfährt Trost in einer intakten Beziehung oder, ganz profan, im Sportverein. Hilfferts Aufgabe ist es, seinen Patienten zu helfen, diese Ressourcen zu entdecken, den Schlüssel zu finden und Türen zu öffnen. Heilung ist ein Prozess, aber er endet nicht damit, dass am Ende alles heil ist, sondern dass Wunden versorgt sind, dass Narben sich nicht entzünden, dass der Schmerz nachlässt.

Ob sich der Glaube positiv oder negativ auswirkt, hängt laut Donya Gilan vom Resilienzzentrum weniger mit der Stärke religiöser Überzeugungen zusammen, sondern mehr mit dem Einfluss des Glaubens auf Krisenstrategien. Wer in stressvollen Lebensphasen mit Gott hadert, kann Religion als belastend empfinden. Immerhin konnte die Wissenschaft in den vergangenen Jahren die Freudsche Annahme widerlegen, dass Religiosität an sich der seelischen Gesundheit schadet. In einer Reihe von Studien wurde gezeigt, dass Religiosität nicht vorrangig mit Passivität, Abwehr oder Verdrängung einhergeht. Vielmehr konnte bei Gläubigen ein aktives Bewältigungsverhalten und ein eher ausgeprägtes Selbstwertgefühl beobachtet werden. Durch den sinnstiftenden Charakter, ritualisierte Handlungen und die Verbundenheit mit anderen Gläubigen kann der Glaube positive Effekte auf die psychische Gesundheit haben, so Dr. Gilan.

Der religiösen Bildung schreibt sie gerade in Zeiten zunehmend multireligiöser Gesellschaften eine Bedeutung zu: Im Sinne einer Schule der Toleranz kann Religion eine Quelle sein, um die psychische Entwicklung von Kindern zu fördern. Damit hat sich auch Sabine Müller-Langsdorf vom Zentrum Ökumene der hessischen Kirchen beschäftigt. Besonders Kinder erfahren ihre eigene Stärke durch stabile Beziehungen. »Glaube ist eine Ressource, um zu Kräften zu kommen«, sagt sie. Dies zu erkennen und zu fördern, darin bestärkt die Bibel: Die Kindersegnung, das Gleichnis vom verlorenen Schaf, aber auch die Schöpfungsgeschichte oder die Psalmen 23 und 139 erzählen davon, dass der Mensch nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hand.

Katja Schmidtke

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